Handlungsfreiheit zu lassen, ihm ihren Willen aufgezwun- gen hat.
Dieses Wiedererwachen der revolutionären Kundgebun- tzen veranlaßt einzelne radikale Regierungs- v r g a n e zu sehr deutlichen Bemerkungen über den Ursprung und den Zweck der ganzen Agitation, hinter der sie die g c 1 ch i ck t e Hand der Reaktion vermuten zu dürfen ja zu müssen glauben. Die „Lantecne", die im Gegensätze zu verschiedenen anderen Organen derselben Partei die vom Staatsrate vorgeschlagene Lösung höchst annehmbar findet, ist bezüglich des reaktionären Ursprungs der Winzerbewegung sehr deutlich uud erklärt:
„Wenn zufälligerweise die wirtschaftlichen Zwischenfälle, die sich in der Champagne zugetragen, zum Nachteile der Interessen der republilanifchen Partei jener Gegend ausgebcutct werden könnten, so wäre das der reaktionären Presse sehr angenehm: und sie gibt sich denn auch gegenwärtig alle erdenkliche Mühe, sie tut das ohne Vorbehalte und die lokale Reaktion, die sie inspiriert, zeigt nicht mehr die scheinbare Zurückhaltung, hinter der sie ihre wahren Gefühle versteckte. Heute stellt sich die Frage klipp und klar: Entweder wirb die Aube endlich begreifen, das; sie sich nicht länger in einen ihren eigenen Interessen zwviderlaufcnden Antagonismus verbeißen darf oder der Beweis wird durch die andauernde Haltung der Wühler in jenem Lande erbracht sein, daß wir uns im Beginn der Angelegenheiten der Champagne nicht getäuscht, als unser ursprünglicher Verdacht den politischen Charakter gewisser revolutionärer Machenschaften der Rcaltioir enthüllte, die die Aube einzig und allein zum Nutzen uud Frommen ihrer geheimen Abfichten in Aufregung versetzte.
Par i s, 7. Juni. Der Präsident unterzeichnete ein dem Beschluß des Staatsrats gemäß abgcfaßtes Dekret über die Abgrenzung der Champagne. Tic Regierung beabsichtigt eine Gesetzesvorlage einzubringen, durch welche den Besitzern von Weinbergen oder Weinbausynditaten, welche sich durch die neuen Abgrenzungen in ihren erworbenen Besitzrechten geschädigt fühlen, E n t s ch ä d i g u n g s t l a g e n vor den Gerichtshöfen gestattet sein sollen.
Paris, 7. Juni. Nach kurzer lebhafter Debatte lehnte die Kammer die sofortige Besprechung der Interpellation über die Mgrenzung der Champagne ab und verschob sie hinter die Beratung der Arbeiteraltdrsversicherung.
B a r - s u r - A u b e , 7. Juni. In dem Weinbaugebiet haben mehrere Gemeinden von neuem auf den Rathäusern die rote Fahne aufgepflanzt. Verschiedene Inschriften erscheinen wieder auf den öffentlichen Gebäuden. In allen Dörfern herrscht lebhafte Erregung.
KoUtische Sagesschau.
Das kaiserliche Handschreiben an Bischof Keppler.
Bischof Keppler von Rottenburg dementiert selbst die auch von uns kurz erwähnte Nachpicht, daß der Kaiser ihn um sein Buch „Mehr Freude" gebeten und ein Dankschreiben gesandt habe. Die „Information", die die Nachricht als sicher verbürgt verbreitet hat, wird nun angeben müssen, wer sie so falsch informiert hat. Ob nun gar nichts Wahres dran ist? Auch die „Lothringer Volks- stimme", Bischof Benzlers Blatt, schrieb: „Der Kaiser hat vom Hochwürdigsten Verfasser, Bischof Keppler von Rottenburg, selbst ein Exemplar von „Mehr Freude" sich kommen lassen. In.einem besonderen Handschreiben hat dann der Kaiser Bischof Keppler gedankt und ihm mitgeteilt, daß er das Büchlein seinem Hofprediger übergeben habe mit dem Befehl, über dasselbe zu predigen."
*
Bergarbeiterlöhne.
Die amtliche Nachweisung der in den preußischen Hauptbergbaubezirk en im 1. Vierteljahr 1911 verdienten Bergarbeiterlöhne ist soeben int „Reichsanzeiger" erschienen. Folgende Aufstellung zeigt, wie sich der Sckücht- lohn der Gesamtbelegschaft und der Schichtlohn der unterirdisch beschäftigten eigentlichen Bergarbeiter (Hauerlohn) in den drei größten Kohlenrevieren Preußens, im Obcr- bergamtsbezirk Dortmund, im Oberschlcsischen Revier und im Saarbezirk, in letzter Zeit entwickelt hat. Der reine Schichtlohn — nach Abzug aller Arbeitskosten und der Beiträge für die soziale Versicherung — betrug
Gesamt-
L.Oberbergomtsbezirk Dortmund belegschast ,pQUC1' «Dir. Mk.
Jahresmittel 1909
4,49
5,33
1. Vierteljahr 1910
4,48
5,29
2. „ 1910
4,51
5,33
3. „ 1910
4,57
5,40
4. „ 1910
4,61
5,45
1. , 1911
4,64
5,49
b. Oberschlesien
Jahresmittel 1909
1910
1910
1910
1910
1911
1910
1910
1910
1910
1911
3,48 3,45 3,42 3,45
3,45 3,45
3,96 3,94 3,95 3,97 4,01
c. Saar bezirk Jahresmittel 19u9
3,97 3,90 3,90 'S,95 3,91 3,91
4,51 4,46
4,47 4,49 4,57
1. Vierteljahr
2.
3.
4.
1.
1. Vierteljahr
2.
3.
4-
1.
4,03 4,60
Im Oberbergamtsbe-irk Dortmund ist demnach vom . 1. Quartal 1910 bis zum 1. Quartal 1911 der Schichtverdienst der Gesamtbelegschaft um 16 Pfg. und der Schichtlohn der Hauer um 20 Pfg. gestiegen. Im Saarbezirk ist in demselben Zeitraum eine Erhöhung des Schichtlohns um 9 bezw. 14 Pfg. eingetreten, während sich im Oberschlesischen Bezirk die Löhne nicht wesentlich verändert haben. Die Zahl der von einem Arbeiter verfahrenen Schichten betrug im 1. Vierteljahr 1911 im Oberbergamtsbezirk Dortmund 78 (im Vorquartal 77), in Qberschlesien 71 (70) und im Saarbezirk 73 (73).
22. Evangelisch-sozialer Kongreß.
** Danzig, 7. Juni.
Unter sehr zahlreicher Beteiligung wurde gestern abend die diesjährige Tagung des Evangelisch-soziale,; Kongresses mit einer Begrüßungsfeier im historischen Bau des .Artushofes eröffnet. Im ganzen waren etwa 250 Personen erschienen. Am Vorstands- tiiche sah man außer Exz. Pros. Dr. H a r n a ck den Reichstags- aogeordneten Dr. Naumann, die Professoren Haus Delbrück, Rade, Lie. Dr. Dibelrus, Oberbürgermeister Scholtz, den Vorsitzenden des westpreußischen Provinziallandtags Grafen K e y s e rl i n g t, Negierungsprüfident Für st e r u. a.
Die Eröffnungssitzung begann heute vormittag im Festsaal des „Danziger Hofes". Nach einem gemeinsamen Liede und einem Gebet bestieg der Vorsitzende des Evangelisch-sozialen Kongresses, Exz. Professor Dr. Adolf Harnack, das Rednerpult, um die geistigen und sozialen Strömungen d e r G e g e n w a r r zu behandeln. Harnack kam auf die Reichs- v e r f i ch e r u n g s o r d n u n g zu sprechen, über welche viele enttäuscht und unmutig seien, weil sie fänden, daß ein ungerechtfertigtes Mißtrauen gegen das Volk und fiskalischer Kleinsinn vielen wichtigen Bestimmungen ihren Stempel ausgedrückt haben. Er führt weiter aus. ich vermag diese Kritik nicht zu widerlegen und doch der unzufriedenen Stimmung nicht Recht zu geben, lieber zwei Punkte komme ich schlechterdlngs nicht hinweg:
die Altersgrenze und die Behandlung des W ö ch n e r i n u c it= schutzes. So schwer die nachträgliche Verbesserung sein wird, die Forderungen werden wiederlehren, und sie werden schließlich erfüllt werden. In England ist eine Forderung bereits erfüllt. Tie einfache und großzügige Linienführung der dortigen Ver- sicherungsgefetzgebung erfüllt uns mit Bewunderung, aber,' mit noch größerer die Art, wie sie aufgenommen worden ist. Wir Deutschen mögen eine tiefere Kultur besitzen, aber die englische Nation ist geschlossener und politisch erfahrener als wie unsere. Eine Hauptaufgabe unseres Kongresses muß es bleiben, den Kastengeist in unserer Nation zu bekämpfen. Der Redner schloß mit einem Hoch auf den Kaiser.
Nach verschiedenen Begrüßungsansprachen folgte der 1. Vortrag über das Thema: „W i c lassen sichdie sittlichen Ideale des Evangeliums in unser gegenwärtiges Leben überführen?" Pros. Artur Titiu s-Göttingen führte dazu ans: „Nicht um die Ideale kann es sich handeln, die sich in der Verkündigung des Urchristentums gefunben hab^n, sondern um Ideale, die die unfern sind und uns voranleuchten und die schon der ersten Christenheit den Weg wiesen und in der Reformation zum Verständnis weiter Kreise und zu ausgedehnter Wirkung gelangt sind. Alles kommt darauf an, daß wir zu jenem ursprünglichen Leben erwachen. Eingespannt in eine gewaltige Entwicklung, bereit Verlauf wir nicht unterdrücken können, haben wir unsere Pflicht zu tun. Wir müssen binarbeiten auf eine soziale Rechtsbilbung, die unseren Gerechtigkeitsbegrisfen entspricht, auf Pflege des Handelns des Christen auf neuerfchlossenen Lebens- gebieten, die der bestehenden Unsicherheit ein Ende macht und die Gewissen schärst, wir müssen bas int Schwinben begriffene Vertrauen ber Gesellschaft untereinander und zum Ganzen unter Einsetzung unserer persönlichen Kraft stärken und neu beleben, ber Voltsbildungs- und Volkserziehungsfrage unsere Aufmerksam- Rit schenken, vornehmlich aber unsere Kirche ermächtigen, baß sie unter Zurückstellung n n sr u ch t b a r c r D o g m e n st r e i t igle i t e ,t ihre Kräfte mobil macht in ber Richtung auf Weckung ethischer Energie.
Es folgte eine angeregte Aussprache. Nachmittags um 3 Uhr begann bic zweite Hauptversa m m lung , in der Wirkt. Geh. Rat Ministerialdirektor Dr. Thiel über „Land- slucht" sprach.____________________________________
Deutsches Resch.
Zur Marburger Landtagsersatzwahl wird uns berichtet, daß der Bund der Landwirte in einer am Dienstag in Marburg abgehaltenen Vertrauensmänner-Ver- sammlung mit 23 gegen 7 Stimmen beschloß, an der Kandidatur des Gutsbesitzers Lauer-Fronhausen festzuhalten. Forstmeister Wolff-Wetter, der als konservativer Kandidat genannt wurde, ist zu gunsten des Professor Bredt- Marburg, der auch von den Nationalliberalen unterstützt wird, zurückgetreten. Von den linksstehenden Parteien ist wieder Prof. S ch ü ck i n g-Marburg ausgestellt worden.
Aus Anlaß der Jubelfeier des 30jährigen Bestehens des Vereins für Deutschtum im Ausland überbrachte Prof. Mentz-Jena in der Hauptversammlung, die am Mittwoch in Koblenz stattfand, dem Vorsitzenden des Vereins, Staatsminister z. D. v. .Hantig, die Ernennung zum Ehrendoktor der philosophischen Fakultät der Universität Jena.
Ausland.
In Paris ist ber frühere Ministerpräsident>, Senator Rouvier gestorben. Rouvier war am Santstag, als er vom Landaufenthalt nach seinem Wohnort Neuilly für «seine zürückkehrte, von einem Unwohlsein befallen worden, das sich verschlimmerte. Der Tod ist am Mittwoch nachmittag 2 Uhr eingetreten.
fjeer und Flotte.
Karlsruhe, Juni. Der „Karlsruher Zeitung" zufolge ist Prinz Max von Baden, Generalmajor und Kommandeur der 28. Kavallerie-Brigade, aus dem aktiven Militärdienst ausgeschieden, da er zu ber Ueberjeugung gelangte, daß er die ihm als Präsident der Ersten Kammer erwachsenden Aufgaben und die militärischen nicht gleichzeitig in der Weise zu losen imstande sei, wie er das bei ber Bedeutung jeder einzelnen für seine Pflicht erachte.
Deutsche Aolouieu.
— Au s Aula ß der Tagung der Deutschen Kolo n i a l g e s e l l s ch a f t fand am Mittwoch abend im Residenzschloß zu Stuttgart Galatafel statt. Es nahmen daran teil der Präsident der Gesellschaft, Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg und Gemahlin, bic Königsfamilie, die Staatsminister, die obersten Hofchargen und die Mitglieder bed Ausschusses ber Kolonialgesellschaft. Während des Mahles hieß ber König das Herzogspaar und die Kolonialgesellschaft herzlich willkommen und brachte auf das HerzogSpaar und die Gesellschaft ein Hoch aus. Der Herzogregent banttc für den Empfang und für das den Bestrebungen ber Gesellschaft entgegeugebiachte Interesse unb schloß mit einem Hoch auf das KonigSpaar.__________
Kongreß für Rechts- und tvirtschaftrphilofophie.
R. B. Darmstadt, 7. Juni.
Zu dem Internationalen Kongreß für R ech t s - u n d Wirtschaftsphilosophie sind über 100 Teilnehmer aus allen Gegenden des Reiches und viele bekannte Wissenschaftler aus dem Auslände gekommen. Nachdem der geschästsleitende Vorsitzende, Dr. jur. Fritz B e r o l z h e i m e r - Berlin, die Tagung eröffnet, hieß Staatsminister Dr. EZv a l d die Versaiumlung im Namen des Großherzogs und der Staatsregierung willkommen. Namens der Stadt Darmstadt hieß Oberbürgermeister Dr. G l affin g die Festversammlung ebenfalls willkommen unb ber Ehrenvorsitzende, Geh. Justizrat Prof. Dr. Kohler-Berlin, dankte dem Großherzog als Protektor, sowie der Regierung und der Stadt.
lieber das Thema: „Reform des Rechtsunterrichts und der N i ch t e r v o r b i l d u n g" sprach Pros. v. Dr. I itta- Amsterdam, der zunächst die niederländischen Verhältnisse beleuchtete und aus seinen dortigen Erfahrungen Material für die geplante deutsche Reform vortrug.
Als zweiter Redner erörterte Pros. Dr. A. v. K i r ch e n h e i m> Heidelberg eine Reihe von Leitsätzen, deren wesentlichste lauten: Die Regelung des juristischen Vorbildungs- und Prüfungswesens durch Reichsgesetz ist wünschenswert. Eine Reform unserer juristischen Fakultäten ist notwendig. Zur Habilitation ist nur zu- zulafsen, wer die erste juristische Staatsprüfung bestanden, hat. Das Studium soll 7—8 Semester dauern und durch eine Zwischenprüfung in eine Unter- und Oberstufe geteilt werben. Die Refe- rendarprüfung soll in Gestalt von schriftlichen Klausurarbeiten unb mündlich unb öffentlich erfolgen. Der eine Abschnitt ber Prüfung soll sich auf Staats- unb Verwaltnugsrecht, Nationalökonomie, Rechts- unb WirtschaftSphilosophie ufiu., der andere auf Privat-, Straf- und Prozeßrecht beziehen. Die BeschäftiguUgL- zeit des Referendars soll 42 Monate dauern, davon 9—10 Monate bei Verwaltungsbehörden. Zur Forderung ber Rechtspflege unb zur Gewinnung hervorragender Beamten wäre eine beutsche Ncchts- afabemie erforderlich.
Den dritten Vortrag über dasselbe Thema hielt Prof. Dr. Wolfgang M i 11 e r m a i e r - Gießen. Er betonte, daß die Reform des Rechtsunterrichts an das Bestehende und Gewordene anknüpfen müsse. Grundsätzlich werde dies genügen. Die verschiedenen Methoden haben sich int letzten Jahrzehnt schon ungemein zum Besseren entwickelt Es müsse namentlich an der Bedeutung der Theorie sestgehalten werden: sie müsse am Anfang stehen, da praktische Ausbildung ohne theoretische Kenntnisse nicht fruchtbar sein könne. Ziel des theoretischen Unterrichts müsse das Verständnis des Rechtes nach allen Seiten hin sein, es dürfe aber im Anfang nur das Grundsätzliche gelehrt werden. Neben dem theoretischen und praktischen Unterricht sollte die allgemeine
14.
Nus KtadL uud Lund»
Gießen, 8. Juni 1911.
Das Großherzogspaar in Gießen.
Die Großh. Hofhaltung wird in der Zeit vom 9. bis d. Mts. nach Schloß Gießen verlegt werden. Die
I Oii ju entzerr | ® Hofreiten e k getriebenen ! Allein gxhac aufgebm "Siu an die Mg-ntumsi 1 Mtzen jüü I 'Winden. (?i> I S 2 M sic I yhmiic unb u I Ae des Bach I ms1 Vct«’ I "“B- <'0t ber < I einem
Rückkehr der Großh. Herrschaften nach Jagdschloß Wolfsgarten wird am 14. d. Mts. nachm. erfolgen.
Wie uns soeben mitgeteilt wird, werden der Großherzog und die Großherzogin morgen Freitag, !>. d. Mts., im Auto von Darmstadt kommend, zwischen 4 und 5 Uhr in Gießen cintrefsen. — Die Bürgerjmeisterei ersucht die Einwohnerschaft, aus Anlaß der Anwesenheit des Grpß- herzogspaars in Gießen die Häuser zu beflaggen.
Am Verkaufs tag verkehren außer dem bereits mitgeteilten Zug nach Büdingen folgende Sonderzüge: 1. Friedberg— Gießen: Ab Friedberg 3 Uhr 30'M in. nachm., an Gießen 4 Uhr 32 Mm. nachm. Der Zug hält auf den Stationen Bad-Nauheim, Butzbach, Lang-Göns und Großen-Linden. — 2, Gießen-Alsfeld: Ab Gießen 10 Uhr 55 DUn. abends, an Alsfeld 12 Uhr 34 Min. nachts. Dec Zug Hütt auf allen Stationen. Bei Einlegung des Sonderzuges Friedberg- Gießen wurde auch auf die in Bad-Nauheim weilenden Kurgäste Rücksicht genommen.
*
** Pfarr Personalien. Der Großherzog hat den evang. Pfarrer Kirchenrat Ehristian G r o s ch zu Kastel auf sein Nachsuchen unter Anerkennung seiner langiührigen treu geleisteten Dienste und unter Erteilung des Charakters als Geh. Kirchenrat in den Ruhestand versetzt und den von Sämtlichen Riedesel Freiherren zu Eisenbach auf die evang. Pfarrstelle zu Nieder-Moos, D. Lauterbach, präsentierten Pfarrverwalter Gg. Friedr. Naumann daselbst bestätigt.
** Erledigte O b e r l e h r er st e ll e n. Vom 1. Oktober an: Je eine Oberlehrerstelle: 1. an dem Realgymnasium zu Darmstadt; erforderlich: Lehrbefähigung im Deutschen für alle Klassen; 2. an der neuen Oberrealschule zu Darin stadt für einen Theologen; 3. an derselben Schule für einen Neuphilologen: 4. an der Oberrealschule zu Worms; erforderlich: Lehrbefähigung in Chemie und Erdkunde. An der neuen Oberrealschile zu Darmstadt eine Reallehrerstelle. Meldungen sind spätestens am 21. Juni bei der Ministerialabteilung für Schulangelegenheiten ein- zureicheu.
** Die c r st e Schlußprüfung der Kandr- datcn der evang. Theologie hat n. d. Darmst. Ztg. im Landessynodalgebäude zu Darmstadt ihren Anfang genommen. Es beteiligen sich daran 12 Examinanden, von denen 4 aus Starkenburg, 4 aus Oberhessen^ 3 aus Rheinhessen und 1 aus Thüringen sind. .
** Eisenbahnpersonalien. Zum 1. Juli ist Bahnhofsvorsteher Hage u von hier nach Vilbel versetzt. An seine Stelle tritt Bahnhofsvorsteher Fiedler von Bebrg, der früher längere Zeit in Nidda war. Er ist weiteren Kreisen bekannt geworden durch seine Kandidatur für die fortschrittliche Volkspartei für die Reichsragswahl im Wahlkreis Hersfeld-Hünfeld-Rothenburg.
** Von der Eisendahn. Ten förmlich zum Zugführer geprüften und auf Grund ihrer Anwartschaft überwiegend im Zugführerdienst beschäftigten Schaffnern ist nach einem Ministerialerlaß von jetzt an die Amtsbezeichnung „Oberschasfne r" veigelegt worden. Ebenso sollen die in gleicher Weise beschäftigten geprüften Packmetjter rm dienstlichen Verkehr jetzt „O b e r p a ck m e i st e r" herßeu. Dre in einfachen Verhältnissen anstelle eines Zugführers beschäftigten sogenannten „Aufsichtsschaffner" werden von dieser Neuerung nicht berührt. ,
•• Kunst verein. In dec Gemäldeausstellung rotrb gegenwärtig wieder ein größerer Wechsel der Gemälde vorgenommen. Obgleich in der jetzigen Zeit durch die Sommerausstellungen in großen Städten mcht so viel gute Bilder zur Verfügung stehen, wird die neue Ausstellung manches hervorragende Werk aufzuweisen haben. Die Ausitellung, die schon
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Bildung spstrumtischer betrieben werden, eventuell sogar mit Zwang, und daneben sollte auch auf die Charakterbildung eingewirkt werden. Die größte Schwierigkeit liege im Anjanger- nnterricht und daher sei eine mehr schulmäßige Einrichtung mit einem Zwischenexamen notwendig. In Gießen habe sich der Besuch ber Praktika als sehr nützlich erwiesen, denn er vermittle dem jungen Juristen in zweckentsprechender Weise die Keimtnisse der Theorie und der praktischen Anwendung deS Rechts. Ter Unterricht sollte mehr an die Praxis anknüpfen, ohne kommentar- mäßig zu werden, und dabei müsse die Kenntnis des LebenS in allen seinen Phasen tunlichst gefördert werden.
In der nun folgenden Aussprache sprachen Prof. Leonhard i - Breslau, Geh.-Rat Haber-Leipzig, Pros. Dr. E. Grüber -München, Pros, van C a l k e r - Gießen, der dafür eintrat, daß das Studium für den Anfänger interessanter gestaltet unb die Referendare selbständiger gemacht werden, vielleicht durch Ucbertoeifung an kleinere Amtsgerichte: für die älteren Juristen sei ein Ausbau der Fortbildungskurse nach dem Beispiel der staatswissenschastlichen Vereinigung erwünscht. Geheimrat B e st - Darmstadt sprach sich für ein Zwischenexamen auS, um eventl. nicht für die Rechtswissenschaft befähigte Elemente auszuscheiden.
lieber das Weitmar kenshstem sprach Rechtsanwalt Dr. Wassermann- Hamburg, der dafür eintrat, daß die beiden bestehenden Spsteme, das deutsche und das französische, die beide ihre Vorzüge und Nachteile hatten, zu einem einheitlichen Weltmarkensystem umgeschaffen werden. Dann verlas Dr. W i r t h - Frantfurt die von Pros. Dr. O st e r r i e t h - Berlin aufgestellten Leitsätze, worin dieser zu bem Ergebnis kommt, daß der Weg zu einem Weltmarkensystem nur durch eine Eingliederung des Markenwesens in die allgemeine Gesetzgebung über den unlauteren Wettbewerb möglich sei. Das würde auch im Interesse der einzelnen Staaten liegen, die heute noch formalistische Markensysteme besitzen, wie Deutschland unb Oesterreich. Nach einem Vortrag von Justizrat Katz-Berlin nahm bic Versammlung folgende Entschließung an:
„Der Kongreß spricht den Wunsch aus, daß in Erweiterung des internationalen Union-Vertrages eine einheitliche Gestaltung der Warenbezeichnungen innerhalb der einzelnen Vertragsstaaten angeregt werde. Der Kongreß erachtet in Vorbereitung dieses Zieles für erforderlich, daß durch wissenschaftliche Vorarbeit die Vorschriften der deutschen Gesetzgebung und der Gesetze anderer Länder zusammengestellt werden, welche übereinstimmen, die, toelche sich soweit annähern, daß eine Uebereinstimmung unschwer erreicht werden kann, und die, welche grundsätzliche Unterschiede aufweisen. Die Arbeit soll sich auch auf die Ergebnisse der Rechtsprechung der einzelnen Länder erstrecken."
Arn Abend waren sämtliche Kongreßteilnehmer zu^ einem Herrenabend beim Großherzog eingeladen. Mehr als 100 der Teilnehmer versammelten sich im Parterresaal des linken Schloßslügels, wo an kleinen Tischen in zwangloser Weise das Abendessen serviert wurde. Der Großherzog naljm mit dem Vorsitzenden der Vereiingung, Geh. Justizrat Pros. Dr. Kohler- . Platz, mit dem er sich angeregt unterhielt: auch zahlreiche andere,) Mitglieder zog der Großherzog zeitweilig ins Gespräch. Nach j ber Einnahme bes Mahles begab sich bie Festgesellschaft, aut, die mit zahlreichen Lampions erleuchtete Schloßterrasse, woselbst bei Bier vom Faß die Unterhaltung fortgesetzt wurde, bis sich der Gastgeber nach 11 Uhr von seinen Gästen verabschiedete. I;
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