Ausgabe 
6.9.1911 Zweites Blatt
 
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Entwicklung der politischen Sage während bet letzten Woche: habe der Monarch feine Absicht aufgegeben.

Dasselbe Blatt sagt an einer anderen Stelle, einer bei jdestinsormierten Männer Englands, der kürzlich aue Deutschland zurüMekehrt sei, habe erzählt, daß der Kaisei trotz des Ernstes der politischen Lage sicl gegenwärtig viel mehr mit einer Operette be> sschäftige, die er kolmponiere. Die Operette behandle ein Thema aus der, Geschichte des Königs August des Zweiten von Polen.

Ob die9iorbix Allg. Ztg." dieses Gerücht zurückweisen Wird? Es wäre sehr zu wünschen.

«Eint Zrauenabordnung beim Sultan.

Eine Abordnung von Frauen wurde zum erstem mal in der Gk^-tMte des türkischen Reichs unlängst durch den Sultan empianyen. Der Sultan versprach, alles, was in seinen Kräften stehe,'zu tun, um dgs Los der türkischen Frauen zu verbessern. Trotzdem die an der Abordnung teilnehmenden Damen volhtändig europäisch geflcibct waren, trugen sie den noch schwere Schleier, so daß ihre Gesichter unsichtbar blieben. Die Gemahlin Tewfik Paschas, des Führers der Jung turten und die Schwester Ahmet Rizas, des Präsidenten des türkischen Abgeordnetenhauses, befanden sich an der Spitze der Abordnung. 'Sobald die Frauen zum Sultan zugelassen worden roareft, warfen sie sich ihm zu Füßen und führten Klage darüber, daß die Führerinnen der Frauen­bewegung verfolgt würden. Ferner baten sic den Sultan um Aufh^ung des Gesetzes, das die Bildung von Frauenklubs verbietet. No^h Erledigung der Au dienz beim Sultan sprachen die Frauen beim Großwesier vor, der sie ledoch anfangs nicht empfangen wollte, indem er zu ver­stehen gab, daß er beschäftigt sei. Die Abordnung erbot sich daraufhin, zu warhten. Schließlich wurden sie von dem Groß­wesier, Hakki Pascha, zugelassen. Hakki Paschas Frau ist eine Wienerin und er selbst huldigt fortschrittlichen Ideen. Frauen baten ihn, nicht auf sein Amt zu verzichten und sich für ihre Sache einzusetzen. Hakki Pascha erwiderte, daß er sich zu nichts verpflichten könne.

Zur «Eröffnung der Landerbeil- und Pflegeanstalt bei Gieheu.

Am gestrigen Tage hat die neue, vierte Landesanstalt für Geistes- und Gemütskranke ihre ersten Patienten aus­genommen. Und zwar tourben zunächst gegen 20 Pfleg­linge der psychiatrischen Minik überführt. Damit ist der Provinz Oberhessen endlich eine eigene Anstalt zuteil ge­worden und jo mancher Familie die Gelegenheit gegeben, ein krankes Mitglied in der Nähe behalten zu können, toatytenb zuvor Wegstrecken von 100 und mehr Kilometern zurückgelegt werden mußten, wenn man einmal persön­liche Fühlung mit ihm nehmen wollte. Zwar bestand seit 1896 die Möglichkeit, an Geistesstörung Erkrankende zunächst in der Nähe zu behalten, indem man mit ihnen die psych­iatrische Klinik aufsuchte. Aber bei längerer Dauer einer Erkrankung ging der Weg so manches Patienten von hier nach Goddelau oder Heppenheim, seit 1908 sogar nach dem fernen Alzey, zum Schmerz so mancher Familie, denn der ständige Zustrom frisch Erkrankter ver­langte gebieterisch die Abgabe von Kranken an jene An­stalten. Das wird nun anders werden, die Evakuation der Minik toirb in erster Linie in die neue Anstalt erfolgen.

Sie hat, genau genommen, eine sehr lange Vorge­schichte. Schon in den 30er Jahren des vorigen Jahr­hunderts, als das alte Landeshospital Hofheim sich unzu­länglich erwiesen hatte und die Notwendigkeit besserer staat­licher Fürsorge sich immer intensiver geltend machte, wurde in Oberhessen der Wunsch nach einer Anstalt in diesem isoliert gelegenen Landesteil laut. Welche Mühen muß es damals gemacht haben, Kranke nach Hofheim hinunter zu schassen, als es noch keine Eisenbahnen gab! Tatkräftig sekundierte diesen Bestrebungen die medizinische Fakultät der Ludovieiana unter Führung v. Ritg ens, des da­maligen Vertreters des gynäkologischen Faches, eines Mannes von vielseitigem Interesse, der vorausblickend die Notwendigkeit psychiatrischer Schulung aller Aerzte er­kannte und eine in Gießen zu errichtende Anstalt dem Unterrichtszweck nutzbar machen zu können hoffte.

Ml ein er mühte sich vergebens. Zunächst suchte man durch Erweiterung des alten Landesyojpitals die wachsen­den Ansprüche zu befriedigen. Dann kam es nach vielem Hin und Her zur Errichtung der Heppenheimer An­stalt, die 1865 unter Ludwig, dessen Verdienste um das hessische Jrrenwesen auch an dieser Stelle wieder her­vorgehoben werden sollen, ihre Wirksamkeit begann. Ur­sprünglich für ca. 250 Mauke bestimmt, erfuhr sie in den 70er Jahren manche Erweiterung, so daß sie schließlich mit über 400 belegt werden konnte, allerdings nur unter äußerster Ausnutzung der Räume. Gleichzeitig wuchs auch Hofheim immer mehr an Umfang und Pfleglingszahl, so daß die Notwendigkeit der Beschaffung weiterer Plätze für Geisteskranke schon zu Beginn der 80er Jahre deutlich sich herausstellte.

Damals waten es Ludwig und unser verstorbener Riegel, welche den Gedanken der Errichtung einer Ober­hessischen Anstatt wieder aufnahmen, diesmal sofort im Sinne der Erbauung zweier Anstalten: einer psychiatri­schen Minik, als deren Ergänzung eine Evakuationsanstalt gewünscht wurde. Aber nur ein Teil dieses 1886 aufge­stellten Programms kam zunächst zur Ausführung, Gießen erhielt 1896 seine Minik, damit zahlreichen deutschen Uni­versitäten vorangehend. Die Ausführung der zweiten Hälfte des Programms aber mußte verschoben werden, wie sehr auch während der folgenden Jahre der zum Leiter der Minik berufene Professor Sommer auf seine Ergänzung drängen mochte. Statt dessen suchte die Regierung den an die Jrrenfürsorge herantretenden stets wachsenden Anforderungen zunächst durch den Aus­bau Hof Heims gerecht zu werden. Die Belegung dieser Anstatt nahm aber nach 1895 so rapide zu, daß man im Beginn des neuen Jahrhunderts nicht mehr an der Stot- wendigkeit der Erbauung einer aber zweier neuer Anstal­ten zweifeln konnte. So kam es zu ben Beschlüssen der Kammern, welche bie Mittel zum Bau ber Anstalten bei Alzey unb bei Gießen zur Verfügung stellten. Damit war der Provinz Oberhessen endlich die eigene Anstatt ge­sichert und den Angehörigen so vieler bedauernswerter Patienten die Möglichkeit geboten, diese in ihrer Nähe zu behalten, anstatt sie über den Main gebracht zu sehen in Anstalten, deren Besuch so erheblichen Aufwand an 3eit und Geld erfordert.

War's nötig (wird mancher fragen, der da hört, baß der Ausbau des hessischen Jrrenwesens seit 1900 gegen 5 Millionen Mavk gekostet hat), daß gleich zwei neue Anstalten erbaut wurden? Das ist leider mit Ja zu be­antworten. Wie rapide die Anforderungen an das Irren- Wesen gestiegen sind, mögen nur einige Zahlen beleuchten Man zählte am 1. Januar 1900 in Heppenheim unb Hos- heim insgesamt 1404 Kranke. Fünf Jahre später waren es schon 1726. Am 1. Januar 1910 würben 1981 Pfleg­

linge in ben nach Eröffnung Alzeys nunmehr erheblich iusnahmefähiger gewordenen Anstalten gefunden. Und jetzt waren es nach einer weiteren Frist von einem Jahre und Monaten am 1. August 1911 gar 2100. Dabei ist noch ;u bedenken, daß inzwischen die Siechenanstalten ;u Eber stabt und Gießen ihren Betrieb aufnahmen, ;n denen Hunderte von Kranken Unterkunft fanden, die onft einer Lcmdesirrenanstalt hätten zugeführt werden müssen!

Wenn also nun die neue Anstatt zu Gießen ihre Ab­eilungen den' .Kranken öffnet, so ist das durchaus an ber Jeit unb in Äälbe werden ihre Bauten sich -ebenfalls mit Pfleglingen aus Oberhessen füllen, daran ist angesichts der bei uns in Hessen wie sonst allerorten an die Fürsorge jinantretenben. gewaltigen Anfordeninaen gar nicht zu zweifeln. Unb so rechnet der Voranschlag für bas Jahr 1912/13 benn a >ch schon mit einer Durchschnlltsbelegung >on 300 Kranken, wobei allerbings in Betracht zu ziehen ist, baß hierin zahlreiche Patienten einbegriffen sind, die ins den anderen Anstalten nun in die oberhchsische Heimat zurückkehren weiden.

Wie so gan<, anders mag so manchem von ihnen ber neue Aufenthalt Vorkommen, wenn er ihn mit bem feit» /erigen vergleich^. , Ehedem konnte man sich keine Irren- Anstalt denken ohne Gitter unb Mauern von unübersteig­barer Höhe. Um ber wenigen willen, bie einmal mit Flucht­bestrebungen sich tragen mochten, glaubte man bie An­stalten ausbruchs icher bauen zu müssen und prägte ihnen in verhängnisvol er Weise den Stempel des Gesängnis- irtigen auf, dem wir auch in Ho fheim und Heppen­heim noch begegnen. Dann brach sich unter ben Irren­ärzten bie ErkenniniS Bahn, daß auch in freiheitlicherem Gewände Anstalten ihrer Aufgabe gerecht werden könnten. Die Fortschritte ber Technik, die Munifizenz des Staates oder der Provinzen unb Kreise (je nachdem bie Fürsorge in ben einzelnen Gebietsteilen bes Reiches geordnet ist) wirkten im gleichen Sinne mit unb halfen ben deutschen Anstalt« bau gründlich reformieren. Noch tonnte man sich zunächst nicht ganz von älteren Einflüssen emanzipieren, und selbst da, wo man schon im Pavillonstil baute, hielt man noch an ber streng symmetrischen Anorbnuug ber Einzelgebäude fest. Verwaltungsgebäube, Küche unb Heizanlage kamen in bie Mittelachse, zu ihren Seiten fanden die Krankenpavillons Platz mit der gleichen Platzzahl und Raumanordnung so für Männer wie für die Frauen. So finden wir es noch im 1908 eröffneten Alzey, so stellt sich auch die hiesige psychiatrische.Klinik dem Auge bar.

Aber schon perhorresziert man mehr unb mehr biefe Symmetrie, die sofort ben Eindruck des Anstaltsmäßigen macht, unb gibt den Vorzug einer asymmetrischen Lagerung der Pavillons. Man bestrebt sich weiter, diese in ihrem Aeußeren möglichst dem in ber Gegend beliebten Baustil anzunähern, so wie es weiland unser Generalpostmeister Stephan mit ber Architektur ber Postgebäude hielt, ihnen daburch etwas Anheimelndes zu verleihen. Das sind die Gesichtspunkte, von denen die Pläne auch der neuen Gießener Anstalt beeinflußt wurden. Der Symmetrie machte man allerdings im ersten Entwurf auch jetzt noch Konzessionen. Aber glücklicherweise widersetzte sich ihm das starke Niveau- difserenzen. aufweisende waldige Terrain. Unb )o ist jene reizvolle Anordnung der Krankenbauten zustande gekom­men, welche eher oen Eindruck einer Villenkolonie, wie einer Krankenanstalt bei einem bie Bebeutung ber Anlage nicht kennenden Passanten Hervorrufen wirb. Daß bie ge­schmackvolle, die Charakteristika bes oberhessischen Stils hervorkehrende' Bauart wesentlich zu diesem Eindruck bei­trägt, wird jeder anerkennen müssen. Wenn erst der Wall)- park von Wegen durchzogen fein wird unb die Garten­anlagen der einzelnen Pavillons etwas herangewachsen fein werden, bann wirb biefer Einbruck einer Villenkolonie noch weit beutlicher hervortreten. Sicher ist bie Anlage ber neuen Gießener Anstalt eine ganz einzigartige.

Es geziemt sich noch, an dieser Stelle des Arztes zu gedenken, welcher ber Bauleitung beim Entwurf bes Grund- plans> zur Seite staub und dafür Sorge trug, daß dieser neuesten hessischen Anstalt in ihrer Anlage ber Stempel mobernster psychiatrischer Auffassung ausgeprägt würbe. Auf der Höhe des Lebens stehend, schaffensfreudig und gewillt, sein Bestes der hessischen Landespsychiatrie zu geben, ver­fiel vor 2i/g Jahren Dr. Heinrich Kratz, der designierte Direttor ber Gießener Anstalt, traurigem Siechtum, von bem ihn vor Jahresfrist erst ber Tob erlöste. Er hat im Verein mit ber durch Geheimrat Klingelböffer unb Bau­inspektor Schon repräsentierten Bauleitung ber Anstalt bie äußere Form gegeben. Bei bem inneren Ausbau trat biefer bann zunächst der jetzt bie Direktion führende Medi­zin al rat Dr. Oswald, sodann während des letzten Bau­jahres bis zum Tage der Ernennung des Genannten zum Di­rektor ber Verfasser bieses Aufsatzes beratend zur Seite.

So möge denn bie neue Anstalt mitwirken, die Für­sorge Hessens für Geisteskranke und Geistesschwache auf eine zeitgemäße Hohe zu heben unb sie auf biefer Höhe zu erhallen. Wir finb hinter anbcren Bundesstaaten wahr­lich nicht zurückgeblieben, sondern haben gleich ihnen willig große Opfer gebracht, um dem Heilbaren bie Genesungs- glich kell, dem Unheilbaren humane Pflege und ber Ge­samtheit den Schutz vor ben durch ihre Krankheit Gefähr­lichen zu verschaffen, auf ben sie füglich in unserer Zell Anspruch erheben darf.

Prof. Dr. Dannemann.

wandern und Reisen.

n. Jugendwanderung durch den Vogelsberg. Während der Herbstferien veranstaltet der Frankfurter Zweig­verein vom Vogelsberger Höhen-Club eine sechstägige Jugend­wanderung durch ben Vogelsberg. Leitung und Führung hat Lehrer Ferdinand Ritter, der Schriftführer des dortigen V. H.-C. übernommen und es stehen bei günstiger Witterung zahlreiche Anmeldungen zu erwarten.

Sport.

Am vergangenen Sonntag spielte die 1. Mannschaft des Gießener Sportvereins von 1900 gegen die I. Mann- scvait des FußballvereiusJahrck-Siegen, des vorjährigen 1 elftere des 8. Beftrkes, in Siegen. Obwohl die Mannschaft mit ver­hältnismäßig viel Ersatz antrat (5 Spieler), blieb das Spiel mit i : 1 Tore unentschieden. Rach regelmäßigem Training und in endgültiger Auistellung dürste die Mannschaft mit guter Hoffnung auf Erfolg in die dieses Jahr zum ersten Male stattfindenden Kreis­spiele eintreten.

Gerichtssaal.

. m. Friedberg, 5. Sept. Heute fand vor bem hiesigen Schöffengericht u. a. die Verhandlung gegen ben seitherigen Bürgermeister Schubt von Dorheim wegen Tieb stahls von Geheimpräparaten zur Konservierung von Marmeladen, Gelees ufto. statt. Dar Angeklagte - begab sich am 3. bezw. 12. Jull nack Heldenbergen bei Windecken, um mit bem dortigen Kaufmann Becktold, der die Herstellung von Frucht-Kvnseröen

im kleinen betreibt Geschäfte zwecks Sttbettrrtcnifs nach Dan* bürg, Bremen usw. abzuschließen. Er ließ Wb von dem Fabv> kanten sämtliche Einrichtungen zeigev enb fmg dabei, was e für Mittel zur Erhaltung der Kommen verwende. Er er­hielt aber keine genügende 2luskuuft-dWO ein Geheimnis fe. Auch über die Preisfrage wurde U'iden verhandelt im>

angeblich für einen Zentner m i n b -J* Artiger Marmelade 15 Mark gefordert. Dieser PrMW^Ud'dem Angeklagten gt billig, da ihm von der KonkurreM ^'jMark gefordert wordex feien. Als sich der Kaufmann avf fn Augcnblicky entfernt, um seinen Besucher, hinter dem e^M^Hukünstigen Konkurrente» fermutetc, loszuwerden, nahm jer.jSngcnagte ans einem Be­hältermit zwei Fingern" eint 'jWfe des Geheimpräprrat- um es zu kosten". Nach feiner AMabc ist ihm davon üb-i geworden. Der Kaufmann beWWMMaß ihm von dem Geheftr- Präparat gestohlen worden meldete es dem bortigci

Gendarmeriewachtmeister, der s»ch 'Hck-den Bahnhof begab. Erst auf die Drohung, eine körpeMchk tlntersuchung vorzunehmer, gab der Angeklagte das in Papier eingewickelte Pulver heraus und legitimierte sich durch einen Waffenpaß als Bürgermeista Schudt von Dorheim. In der heutigen Verhandlung erflänr der Angeklagte, daß er das Pulver nur in der Absicht mit­genommen habe, es chemisch untersuchen zu lassen und sich nickt der Gefahr auszusetzen, daß er bei einem etwaigen Verkauf von Konserven als Wiederverkäufer bestraft werden könne. Tas Ge­richt nahm den Diebstahl als erwiesen an unb verurteilte ben Angeklagten wegen des geringfügigen Gegenstandes zu einem Tag Gefängnis.

Arbeiterbewegung.

Dresden, 6. Sept. Die Verhandlungen in ber Metallindustrie werden am Freitag trieber beginnen Gestern hielten die Vertrauensleute der Arbeiter eine Beratung ab. Den Ausständischen und Ausgesperrten der Gelbm^allindu- ftrie sollen die Beschlüsse am Donnerstag vorgelegt werden. Mao wird sic jedenfalls ablehnen. Im Dresdener Bezirk besucht jetzt ein Unternehmerausschuß die Betriebe, um festzustellen, ob wenige: als 60 Prozent der Arbeiter ausgesperrl sind. Wo das nufc der Fall ist, soll das nötige veranlaßt werden.

Vermischtes.

* M ehtete große Brände ereigneten sich aefkrr. In Berlin geriet abends 8 Uhr ein Teil der Schutzplän: und hölzernen Gerüste für die Ausbesserung des westlichen Teils der Halle des Bahnhofs Friedrichstraße in Brand. Die Feuerwehr löschte den Brand in einer halber Stunde. In Bill rder a. i>. Bille geriet bei Erneue rungsarbeiten aus Unvorsichtigkeit der Kirchturm ir Brand. Die Mrche, das Pastorat, das Organistenhaus unb eine Scheune wurden vernichtet. Nach einer Meldung aus Potsdam brennen zwischen Nowawes und Ml^lnü stift an der Nuthe etwa 10 Morgen Moor und Moorwiesen Bisher ist es nicht gelungen, des Feuers Herr zu werden In Vlissingen brach in der Jakobs kirche ! Feuer aus, das die Mrche mit dem Turm vollständig zerstörte. Auch vier Häuser sind dem Feuer zum Opfer j gefallen. Der Waldbrand an ber Sim men sluh dehn: j sich imme; mehr aus. Das Feuer hat auch bereits dichten Waldungen des benachbarten Kienbergs ergriffen Unaufhörlich donnern Steinlawinen nieder. Durch diese ist die Staatsstraße ins Simmental vollstän­dig gesperrt. Auch einige Weiler sind bedroht, des­gleichen die 200 Mann Feuerwehr, welche in dem unweg­samen, felsigen Gelände herumklettern. Um das Feuer einzudämmen, wollen die Genietruppen mittels Schieß- baumwolle ganze Waldstreifen wegsprengen. In Neu- York geriet ein Wagen ber Untergrundbahn in 'Bran b. Der Tunnel füllte sich mit Rauch und es entstand 1 eine furchtbare Aufregung unter den Passagen der haltenden Züge. Die Polizei trieb Hunderte ton : kreischenden Frauen aus den dicht gefüllten Stationen. Tie Feuerwehr löschte in einer halben Stunde den Brand. Niemand wurde verletzt.

* Geheimnisvolle s Ende einer Familie. ! Ein noch unaufgeklärter Vorgang trug sich in dem Altenburg benachbarten Orte Lehndorf zu. Der Bahnarbeller Starcke wurde, wie demTag" gemeldet wird, auf dem Bahn- - körper der LeipzigHöfer Strecke vom .Zuge überfahren s tot aufgefunden. In seiner Behausung'fand man fei re Frau unb Tochter mit lebensgefährlichen Verbrennunger bewußtlos vor. Man befürchtet, daß Mutter und Dichte nicht mit dem Leben davonkommen.

* Die Errichtung einer Reichsanstatt' Luftschiffahrt in Köln begegnet großen Schwüng leiten wegen der hohen Summen, die notwendig sind, ur. die erforderlichen Untersuchungen in großem Maßstabe ü unmittelbarer Anwendung auf bie Praxis Vorzunehmer. Leichter burchführbar finb die wissenschaftlichen Einzelunte- suchungen an den Laboirawrien der technischen .Hochschllür und des Jnstillits. für angewandte Mechanik der (Döttingc ^Universität, mit denen berells begonnen wurde. Die tech­nische Hochschule in Aachen behaixdelt zurzeit als Sptzia- aufgabe, Modelle von Flugapparaten, Ballon- und Äf- ischif sich raub en aus die günstigste Form lsin zu prüfen. diesem Zweck ist ein Luftstromkanal in vier Quadratmetir Querschnitt errichtet, in dem durch einen lOOpfabigtt Ventilator ein Luftstrom von 25 Sekundenmeter erzeuck wird.

* Die Jagd de r armen Leute. Zum Aufgan« der Jagd ist in Paris eine merkwürdige Ankündigung be­kannt gemacht worden. «Sie stammt von einem Herrn Duchesne in Maule, einem Qeinen Dörfchen in der)e von Versailles. Sie lautet nach demFigaro" etwa ft-' gendermaßen:Herr Duchesne gibt sich bie Ehre, dm Herren Jagern mllzuteilen, daß auf all seinen Besitzung^ lln Gebiete der Gemeinbe Maule bie Jagb gesperrt it 1 Jagen bürfen mir: 1. Arbeiter alle Leute, bie bei einer Arbeitgeber angestellt sinb. 2. Familienväter, bie wh nigstens 5 lebenbe Kinder haben." Durch diesen menfebet- freundlichen Erlaß ist das Dörfchen Maule, das man b* ber kaum dem Namen nach kannte, in Paris zu einer 2ltt Tagesberühmthell geworden, unb bie Pariser nennen je? Maule bie Jagbgründe ber armen Leute.

* Die verkaufte Ehefrau. Dieser Tage foü den Petersburger Behorben ein seltsamer Fall zur Kennt­nis, ber zeigt, auf welcher niebrigen Stufe die unterfttn Schichten bes russischen Volkes in moralischer Hinsicht stehen Man stellte fest, baß ein Ehemann seine Frau oerkanst hatte. Tas würbe an sich noch nicht so viel bebeutet: das Ueberraschenbe war, daß ber Verkauf wie ein vok ftänbig gesetzlicher Akt vom Bürgermeister rechtskräftig g» wacht würbe. Ein Einwohner von Kagul hatte bringe Gelb nötig, unb da er seiner Ehefrau auch überbrüfftfl war, so bot er sie einem Freunbe für 48 Ruoel, afjo nnb 100 Mk., zum Kaufe an. Der Vertrag wurde geschlossni und das Gelb bezahlt. Ter Mann bachte nun baren, sich eine anbete Frau zu nehmen, vielleicht mit ber Absickt, auch biefe zu verkaufen. Äber seine erste Frau, "die btto ben neuen Herrn nicht mehr mochte, suchte eine Eheschei­dung herbeizuführen. So würbe die ganze Geschichte d-n Behörden betamit, die staunend eine offizielle Bescheim- ffung vom Gemeinderat vor sich sahen, aus. der hervor-