Ausgabe 
6.6.1911 Erstes Blatt
 
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Nr. 130 Erstes Blatt

161. Jahrgang

Dienstag, 6. Juni 1911

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Ter Etehenrr Anzeiger erschein! täglich, außer Sonntag?. Beilagen: viermal wöchentlich Oiehener.samilienblälter; zweimal wochentl.Nreir- blatlsiirdenNreirSiehen (Dienstag unb<yreitaq); zweimal inonoil. Land' wirtschaftliche Zeitfragen ^entsprech - Anschlüsse. für die Redaktion 112, Verlag u. Expedition öl Adresse sür Tepeschen: Anzeiger Gießen.

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Beza qdprei»: monatlich7öVs^ viertel- jährlich Alk. 2.20; durch Abhole- tu Zweigstellen monatlich 6o Pf.; durch diePost Mk.2.oiertel- jährl. auöschl. Bestellq. Zeilenpreis: lokal IbPs^ auSwärtS 20 Pfennig. Chefredakteur: A. Goetz. Verantwortlich für den politischen Teil: August Goetz; für .Feuille­ton*, »Vermischtes* und »DerichtSfaal": R. Neu­rath; für .Stadt und Land": C.Heß; für den Anzeigenteil: H. Beck.

Die Beteiligung von Zranzosen an maroNanischen Grausamkeiten.

O Paris, 3. Juni. Auf bie Anklagen des eng» lisch enParlamentsmitgliedesDill^on imUntcr- hausc gegen französische Offiziere, die cs ruhig angesehen hätten, bap, die Leute des Maghzen Frauen und K i n b e r aus T ö r f e r n nt i t s ch l e v p t e n unb als Sklaven verkauften, läßt sich derTcmps" ans Tanger telegraphieren:

ES handelt sich um einen Kamps, der vor dem Eintreffen der tzilsskolonnen ftattranb und über dessen Einzelheiten bereits am 23. Mai berichtet rourbe. Es wurde damals gesagt, daß die Truppen des Sckenfen die Dörfer verbrannten, Herden forttricben und befangene machten. Die Erl'edition war am 20. beschlossen worden, um die Rifbeivokmer und die lUab Tjuna zu züchtigen, bie mehrere Feindseligkeiten gegen ben Maghzen begangen hatten 3ic batten besonders mehrere Rekkas gemartert und getötet. Einem von diesen waren die 91 u g e n ansgestochen worden. Die Ervedition bestand aus Kontingenten, die von den Glaui und dem M'tvugni gestellt worden waren. Eine Abteilung regelmäßiger Truppen begleitete diese. Die Empörer warsen zuerst die Kou- tinfrente des Glaui und des M'tougui zurück, woraus die reget« mäßigen Truppen eingrisfen. Während des Kampfes zwischen diesen und ben Ausrührern zogen sich bie unregelmäßigen Konkin gente auf ben Vemfa zurück, wo sie sich selbst überlassen waren. Sie zündeten dort bie Dorier an und raubten bie Eingeborenen ans. Leider bestand die ganze Bevölkerung des Sem Li feines* ! wegs auS Empörern. Unter den Getöteten befand sich auch ein gewisser Ben Srfnt Erun, ein sricdlicher Bürger von Fez, der tion den dort ansässigen Europäern sehr geschätzt war und in dem Lemka einen Sommeraufenthait genommen batte. Dieser Tod bat einen sehr peinlichen Eindruck in Fez bervorgerufen. Er ift nur aus die Ausschreitungen der Leute des Glaui und des M'tougui zurückznsühren." TerTemvs" hebt natürlich hervor, baß in Dieter Depesche nicht davon die Rede ist, ob f r a n Sösische Instruktoren bei diesem Zuge sich be'anden. Darüber wird wohl noch viel hin und hergestritten werden, jedenfalls hat die Sprache Tillous in Paris sehr peinlich berührt.

DerTemps" unterzieht, so wird weiter gemeldet, die spanischen Bestrebungen in Marokko einer sehr scharsen Kritik und schreibt u. a :

Es unterliegt nunmehr keinem Zweifel, daß sich die Spanier bei ihren Unternehmungen in Marokko von einer sranzisenseind- lichen Eifersucht leiten lassen, ivelche mir bem in den Verträgen vorgesehenen Zuiammemvirken nichts gemein bat. Diese Verträge werden übrigens durch die Art und Weise, wie sie Spanien auslegt, eine zweischneidige Wasse unb die spanische Regierung würde, bevor sie bie Verletzung her Integrität Marokkos ztt weit treibt, gut horan tun, ben Artikel 123 der AlgeeiraSakte zu lesen, wonach im Falle eines Widerstreits zwischen, den Besiunmungen der früheren Vertrage und der Algeeirasakte die Bestimmungen der letzteren überwiegen.

Madrid, 5. Juni. Der Minister deS Aeußcrn wies in einer Unterredung mit dem Vertreter desHeraldo" bie Vorwürfe eine* Pariser Blattes gegen Spanien zurück Die Behauptung, bic spanische Regierung habe bezüglich ber Entscheidungen des Pariser Kabinetts Schwierigkeiten erhoben ober sei eingeschritten, um bas Vorgehen Frank­reichs anders zu gestalten, könne die öffentliche Meinung nur irreführcn. Man könne eine solche Behauptung nie­mals beweisen. Die spanische Regierung sei der Meinung, daß die französische Intervention in Fez unb bic daraus sich ergebende Lage mit den Rechten und Interessen Spa­niens vereinbar sei. Die Verhandlungen zwischen den beiden Kabinetten hätten gerade diese Hoffnung, die Crttppi und ibn beseele, zur Grundlage.

Madrid, -1. Juni.I m v c r c i a V meldet, daß der Regi Tazai mit 2000 Leuten Suk»el°Ärb und Elk'ar bedrohe. Ai, die Bevölkerung, unter welcher sich 29 Spanier und sonstige Europäer befinden, seien Waf'en verteilt worden.Zmparcial" fordert bie spanische Regierung auf, eine unverzüaliche Aktion zu unternehmen.

Madrid, 4 Juni. Der Minister des Aeußern er» klärt, daß infolge der Unruhen in der Umgebung Von Elksar und Larrasch die Kriegsschiffe Almirante Lobo und Eataluna nach Lar rasch entsandt worden seien. Der Ministerpräsident teilt mit, daß die Schiffe etwa zwei­hundert Infanteristen und Marinesoldaten an Bord haben und zurzeit bereits in Larrasch angelangt sein müssen, wo bie Truppen nur bann an Land gehen werden, wenn der spanische Konsul*dies für notwendig erachtet. Die Regie­rung rechnet darauf, daß die Anwesenheit der Kriegsschiffe eine weitere Ausbreitung der Unruhen verhindern wird.

Die Jubiläumsfeier in Rom.

Rom, 4. Juni. Zur Teilnahme an dem heutigen V er fas s u ng s f e st und der Enthüllung des D e n f= mals Viktor Emanuels II. ist aus ganz Italien eine gewaltige Anzahl von Personen in Rom zusammen- geftrömt. An ber Enthüllungsfeier auf dem Kapitol nah­men teil außer der königlichen Familie, die Königinmutter und ber Königin Maria Pia von Portugal die Ritter des Annunziatenordens, das diplomatische Korps, Vertreter des Parlaments, die Minister, die hohen Zivil-, Militär- und Staatsbeamten, Vertreter aller Armeekorps unb ber Marine mit ihren Fahnen, die Veteranen, sämtliche Bürgermeister, die Vertreter der Provinzen uitb eine Anzahl Gäste. Der König gab durch Berühren eines elektrischen Knopfes das Zeichen zur Enthüllung des Reiterdenkmals Viktor Ema­nuels unter unbeschreiblichem Jubel, dem Donner der Ka- nonen und den Klängen der Rationalhymne.

Hierauf hielt Ministerpräsident Giolitti die Fest­rede, in der er ausführte, bae. Nanonaldenkmal fasse in bem Bildnis des Vaters des Paterlanbes die Erinnerung an bie Kämpfe und Opfer, an bie Leiben unb Heldentaten zusammen, bic die Erhebung Italiens vorbereiteten und vollendeten. Giolitti erinnerte an die Daten der Erhebung Italiens, bie in dem Denkmal verewigt seien, unb hob her­vor: Bei Gelegenheit bes fünfzigjährigen Jubiläums kann Italien mit Befriebigung auf den in allen Zweigen des bürgerlichen Fortschritts unb ber Achtung ber Welt zurück­

gelegten Weg zurnckschanen unb es kann mit sicherem Ver­trauen in bie Zukunft blicken. Tie politischen Einrich­tungen, gegrünbet auf die Grundsätze der meitcftcit Frei­heit, ermöglichen icbcji Fortschritt unb beste wirtschaftliche Bedingungen, die das Leben der Bolksklassen auf eine höhere Stufe heben, sichern ben sozialen Frieben. Das italienische Volk will, baß man unter Hintansetzung geringfügiger Fragen bic großen Interessen bes Vaterlandes im Auge habe, um es immer glücklicher unb größer, angesehener unb geliebter bei den zivilisierten Völkern zu machen. In bieten Gsjühlen iubelt es bem König begeistert zu, da es in ihm und bem Hause Savoyen bas Sinnbild der Einig- feit des Vaterlandes, ben Hüter seiner Unabhängigkeit unb Freiheit unb ben zuverlässigen Führer zu seinen hohen Bestimmungen erkennt.

Der K onig nahm sodann bic Revue über bic Fahnen und bic Vertreter bes Heeres und ber Flotte, bic Bürger­meister unb bic Vertreter der Provinzen ab. Das Denk­mal, bas von Saeconi unter Mitwirkung ber größten Künstler Italiens geschaffen wurde, bietet einen herrlichen Anblick dar. Der Platz von Venedig, der vor dem Denk mal gelegen ist, bietet einen wunderbaren Anblick Die Häuser, Balkone unb Terrassen waren mit einer bcgciftcrien Menge angefüllt Die Rückkehr ber königlichen Familie und der Fahnenzüge der Armee und ber Marine, der Bürgermeister unb Der Veteranen riefen lang anhaltenbe stürmische Kundgebungen ber Begeisterung hervor.

Deutscher Reich.

Der Kaiser verlieh dem Generalbirektor Baltin zu feinem 25jährigen Jubiläum mit einem in herzlichen Worten gehaltenen Handschreiben die Brillanten zum Kro­nenorden erster Klasse.

In Gotha begannen am Sonntag die Verhandlungen des dritten Parteitages der Demokratischen V e r e i n i g u n g. Zunächst wurde nach der Frkf. Ztg. eine Entschließung des Inhalts gefaßt, baß bic Delegierten au Aufträge und Instruktionen ihrer Manbatgeber nicht ge bunden sind. Rach dem Geschäftsbericht beträgt bic Zahl ber Mitglieber brr Vereinigung 10 779; feit bem letzten Parteitag sind 4277 hinzugetreten und 1412 ausgetreten; unter ben letzteren waren 1'.25, die wegen Nichtbezahlens des Vereinsbeitrages gestrichen werben mußten.

Aus Oldenburg wird gemeldet: Tic vom Land-, t Ü i.* lcmgw'Frigen - Ilgen svstgestellte R ovclle

zum oldcnb'ur gischen EGnkomm en- unb Ver­mögenssteuergesetz wird von der Regierung nicht sanktioniert werden, weil die Regierung, wie sie betannt gibt, mit ben einzelnen, vom Landtag vorgenommenen Äenderungcn nicht einverstanden ist.

Der B u n d d e u t s ch c r B o d e n r e s o r m e r eröffnete am Montag in Dresden seine auf mehrere Tage be­rechnete 21. Hauptversammlung. Geleitet wurden bic Ver- hanblungew von dem Bundesvorsitzenben Damaschke. Der Bund wurde von Geheimrat Graube namens bes sächsi scheu Ministeriums des Innern unb von Bürgermeister Moy für bic Stadt Dresben begrüßt. Prof. Siegert, ber Direktor der stäb tisch en Kinderklinik in Köln hielt einen Vortrag über das Thema:Säuglingsfürsorge unb Woh­nungsfrage".

Ausland.

Wie aus Rom gemeldet wird, legte Handelsminißer Ri11i der italienischen Kammer einen Plan zur Durchführung der Lebensversicherung durch ein nationales In­stitut vor. Das Bersicherungsvroiekt setzt fest, daß mit dem Inkrafttreten des Gesetzes Lebensversicherungen unter dem Mo­nopol eines nationalen Instituts durchgeführt werden sollen, das mit dem Sitz in Rom begründet werden soll.

Der Verwaltungsrat der S n e j f a n a l - G e s el l s ch a s t be­schloß, der für den 12. d. Mts. einzuberuienden Aktionärvcrsamm- lung eine weitere Ermäßigung des Tarifs um 50 Zcn- times per Tonne vorzuschlagen, welche vom 1. Januar 1912 an in Krast treten soll. Hierdurch wird ber Taris aus 6,75 Franks per Tonne ermäßigt werden.

Die türkische Kammer stimmte dem Vertrag zu, wonach der Bau und ^Betrieb der Zweiglinie AdabasarBolu der Ana- teliscken BaHngesellschast übertragen und ihr die Ermächtigung zur Anlage eines zweiten Geleises für den Lokalverkehr zwischen Haidar Pascha und Pendik erteilt wird. Da iedoch der Vertrag den Senat noch nicht passierte, sondern erst dem Senatsausschutz überwiesen worden ist, ist seine Erledigung somit auf die nächste Session verschoben.

Der £ berstaatsanwalt von Monastir wurde von einem Unbekannten erschösse n. In Monastir herrscht große Aufregung.

Dom Eoeihetag in Weimar.

Im Mittelpunkt ber Jal;resversammtUng ber Gocthe- Gcfcllschaft stand ber glänzende Festvortrag, den Geheimrat Profesfor Dr. Erich Marcks Dom Hamburger Kolonial- Jnstitut dem ThemaGoethe und Bismarck" in geistvoller Gegenüberstellung widmete.

Der berühmte Bismarckbiograph, der das Heidelberger historische Katheder verlassen hat, um in der Nähe Fried­rich sm hs an seinem Lebcnswcrlc zu arbeiten, ging von brieflichen Aeußerungen des LO-jährtgen Bismarck und des 80jährigen Goethe aus. Ucbcreinander geurteilt haben sie manches Mal. Bismarck bat nicht den ganzen Goethe ge­liebt unb an denweiblichen" Seiten des Dichters allerlei ausgesetzt; abermit 7 oder 8 Bänden von den 40 wollte er wohl eine Zeitlang auf einer wüsten Insel leben". Goethe sieht Staat und Regierung von oben her und wahrt der herrschenden Persönlichkeit ihr ganzes Recht. Das wurzelt alles in den Verhältnissen, in denen er groß geworden war unb selber mit regiert hatte. Beibes aber, ständische Grund­lage und persönliche Souveränität, hat auch Bismarck lebens­lang festgehalten: ein Gegner der Bureaukratie, der Demo­

kratie unb bes Dilettantismus wie Goethe: nur, baß bei Bismarck diese Souveränität wesentlich elementare Herrscher- krast bedeutete, während sie bei Goethe mit bem theoreti­schen unb künstlerischen PersönlichkeitSideal dos 18. Jahr- hunderts durchdrungen war.

Einen Schritt weiter, auch ihre allgemeine Welt­ansicht ist ganz so verwandt und ganz so verschieden Bis­marck war ein shakespearischcr Mensch und liebte Schiller: aber in der Gegenständlichkeit und Plastik seines Denkens und seiner Ausdrucksweise gehört er zu Goethe. Es ist in beiden viel künstlerische Wesensgleichheit. Hub Geschichte und Ratur haben sie beide studiert und durchdrungen. Freilich in abweichendem Sinne: Bismarck lernte aus der staatlichen Geschichte mit nm fassendem Interesse für seinen staatlichen Beruf, Goethe wollte von derWeltgeschichte" in diesem Sinn nicht viel wissen unb betrachtete sie mit Skepsis.

Ganz ebenso ihr tägliches Dafciit unb ihre Persönlich- keitsgestaltung. Goethe gehört am engsten zu Friedrich dem Großen, Bismarck am engsten zu Martin Luther, der Lanb- edelmann zu dem Bauernenkcl.

Unfer derberes, politisch wirtschaftliches Zeitalter ist anders, als das dichterisch philosophische gewesen war; aber es ist von jenem innerlich mit erzogen unb befruchtet wor­den, und dieser Einfluß, dieses Bedürfnis nach Ergänzung unserer Hanen Einseitigkeit durch ben Reichtum ber Bil­dung, bic in Goethe gipfelt, wird heute stärker, schmerz­licher, aber auch lebendiger empfunden als Jahrzehnte hin­durch Beide müssen als Bildner ihres Volkes, als' 58er- förperungen der besten, größten Ausgestaltungen des deut­schen Wesens der letzten Jahrhunderte zusammenwirken in Gegenwart und Zukunft: wir können keinen von ihnen entbehren, und beide zusammen erst machen sie das Deutsche aus. Unb als große Menschen verkörpern sie beide, gleich mächtig, die unerschöpflichen Kräfte des Men- fchentums, des Persönlichkeitslebens, aus deren Anschau­ung auch unserem Dasein erst Freudigkeit und Lebendig­keit zuströmt.

Beigeordneter Nonimerzienrat Georgi f.

Gießen, 6. Juni.

Arn Abend des Pfingstsamstags hat die Stadt Gießen einen ihrer besten unb verdientesten Bürger durch den Tob verloren. Beigeordneter Kommerzienrat Ludwig Georgi ist nicht mehr. Ein arbeitsreiches Leben, das zu einem großen Teil der Stadt Gießen und anderen ösfentlichen Körper­schaften gewidmet war, ist mit Herrn Georgis Tode zu Ende gegangen, aber die Spuren feines Wirkens werden sich noch auf lange Jahre hinaus geltend machen.

Ludwig Georgi war ein Sohn Rheinhessens. Er war am 5. Dezember 1810 als Sohn des Pfarrers unb Dekans Hermann Georgi in Rieder Ingelheim geboren. Schon in jungen Jahren kam er nach Gießen, bas feine eigentliche Heimat werden sollte, an der er mit ganzem Herzen hing. Er widmete sich dem Kaufmannsstande und verbrachte von 1855 bis 1858 seine Lehrzeit bei Gedr. Windecker in Gießen. Die nächsten Jahre brachte der Junge Kaufmann in ver­schiedenen Stellungen zu und er hatte in dieser Zeit auch eine ausgedehnte Reisetätigkeit zu verzeichnen. Im Mai 1865 machte er sich selbständig, indem er mit Herrn Karl Klmgspor die Zigarrenfabrik Georgi unb Klingspor grün­dete. 22 Jahre hinburch führten beide die immer mehr sich vergrößernde Firma gemeinsam, bis sie am 1. Juli 1883 sich infolge freundschaftlicher Vereinbarung" trennten. Herr Georgi gründete an diesem Tage die Firma Ludwig Georgi, die er bis 1. Januar 1900 als Alleininhaber durch seine rastlose Sck)afscnskraft und eisernen Fleiß zu hbhem Ansehen gebracht hat. Auch als sein Sohn Karl als Teil­haber in bic Firma eintrat, gönnte sich ber Senior ber Gießener Tabafinbuftrie feine Ruhe Bis zum letzten Atem- zug hat Herr Georgi alle geschäftlichen Vorkommnisse mit dem größten Interesse verfolgt. Von 1873 bis 1883 war er auch Mitglied der Großh. Handelskammer unb von 1903 bis 1910 Handelsrichter. Zunehmende Kränklichkeit nötigte Herrn Georgi, in diesem Jahre, auf das Handelsrichter­amt zu verzichten.

Anfangs der Achtziger Jahre gründete er mit F. E. B. Koch unb Anton Ricker den freiftnuigen Verein für ben 1. hessischen Reichstagswahlkreis Gießen-Grünberg-Ridda, und hauptsächlich auch seiner politischen Agitationstatig- keit war es zuzuschreiben, daß der Wahlkreis zweimal im Sinne seiner liberalen Anschauungen ourch Dr. Gutfletsch im Reichstag vertreten war. In' späteren fahren wirkte .Herr G. eifrig im Sinne der Einigung der beiden hiesigen liberalen Parteien, die in der Wahl Heyligenstaedts ihren äußeren Ausdruck fand.

1881 wurde er von der Gießener Bürgerschaft in die Stadtverordnetenversammlung erwählt, welches Ehrenamt ihm dreimal, zuletzt im Herbst 1910, erneuert wurde. In ber städtischen Verwaltung wird sein Rat und seine uner­müdliche Arbeitskraft sehr vermißt werden, wie auch in den anderen öffentlichen Körperschaften, denen er zum Teil längere Zeit angehört hat. Auch war er Ersatzmitglied des Provinzialausschusses für Lberhessen und Mitglied des Kuratoriums ber höheren und erweiterten Mädchenschule.

Die verdienstvolle öffentliche Wirksamkeit des jetzt Heim­gegangenen fand ihre Anerkennung durch die Verleihung des TitelsKommerzienrat" (am 25. November 1898- und des Rittertrcuzes 1. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen, sowie ber Krone zu biesem Crben.

Höher als diese Auszeichnungen aber hat Herr Georgi die allgemeine Achtung und Verehrung geschätzt, die er sich selbst durch seine selbstlose Arbeit im Dienste des All­gemeinwohles erworben hat. Sein Andenken wird in Gießen sortleben als das eines feiner besten Bürger.