Ausgabe 
6.1.1911 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

M. Jahrgang

Zwettez Blatt

Nr. 5

Erscheint NgNch mtt Aufnahme bei Sonntags.

DieGießener ZamlliendlStter" werden dem t81mctfler* viermal wöchentlich beigelegt, das UrrlrdlaN für den Krds Sietzen" iwei.nal wöchentlich. Die ..Landwirtschaftlichen Lett- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Gießener Anzeiger

Eeneral-Anzeiger für Sberhefien

Zreitag, 6. Januar {9U

Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen UniversilälS - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul­straße 7. Expedltion und Verlag: e^5L Redaktion: ^^112. Tel.-2ldr.:AnzergerGießen.

145 Milliarden für den grieden.

Jahres 1908 in Millionen Francs gegen

deutschen Handel, der jetzt dort in noch regeren Wett

bewerb mit den anderen europäischen Ländern trat, eine besten Eindruck - Der LtäatLnwalt geht dann auf die

Stütze. In Anerkennung ferner Verdienste wurde er in EinzelMe ein und erörtert zunächst den Fall Heinemann/ den Freiherrnshand erhoben. | H. behänd sich in der Menge und beschimpfte die Beamten, aber

eine lehrreiche 1883 denen des über stehen:

Berlin, 5. Jan. DieRordd. Allg. Ztg." teilt mit daß die Angabe, die als Nachfolger des Botschafters Frhr. Mumm von Schwarzenstein den Gesandten v. Treutler bezeichnet, unzutreffend ist.

In Peking wirkte der erfolgreiche Diplomat bis zum Jahre 1906, m dem seine Berufung auf den wichtigen Botschasterposten von Tokio erfolgte. Hier hat nun Freiherr v. Mumm mit seltenem Geschick und Takt die deutschen Interessen vertreten. In der richtigen Vor­aussetzung, daß eine genaue Kenntnis des japanischen Volkscharakters die Grundlage für eine ersprießliche Aus­übung seines unleugbar schwierigen Mandats sein mußte, unternahm er große Reisen durch Japan, Korea, die Mandschurei, Formosa. Er lernte so das aufstrebende Volk des Mikado auch als Kolonisator in den neu ge­wonnenen Gebieten kennen.

Für die asiatische Politik und für unseren Handel im fernen Osten wird, so schreibt derLok.-Anz", sein Rück­tritt einen großen Verlust bedeuten, namentlich jetzt, wo Frhr. Mumm von Schwarzenstein bereits die recht schwie­rigen Vorverhandlungen über ben neuen japanisch-deutschen Handelsvertrag in bie Wege geleitet hatte. Als sein Nach­folger wird der bisherige Gesandte in Christiania, Wirkt. Gey. Rat v. Treutler, angesehen.

Eine außerordentlich eindrucksvolle Berechnung der Unsummen, die Europa während 25 Jahren für den Frieden geopfert hat, stellt Edmond THSry auf Grund der Bridgets der europäischen Staaten auf und gibt dabei ein genaues zahlenmäßiges Bild von den rastlos wachsen­den Ausgaben, die die Großmächte für ihre Kriegsrüstung cnifwenden, um den Frieden zu erhalten. Die Summen, die sich dabei ergeben, sind so gewaltig, daß die finanziellen Lasten eines Krieges fast zur Unansehnlichkeit zusammen­schrumpfen. Ter südafrikanische Krieg hat Großbritannien rund 51/2 Milliarden Francs gekostet, der rus,isch japanische Krieg den Bussen 6300 Millionen Frs. und den Japanern 5 Milliarden. Aber was bedeuten diese Zahlen, wenn man erfährt, daß Europa in der Zeit von 1883 b i s 1908 insgesamt 145 Milliarden für Heer und Marine ausgegeben hat. Wenn man die Budgets der europäischen Großmächte nebeneinander stellt, sieht man deutlich, in welchem Maße die Aufwendungen für die Landesverteidigung sich gesteigert haben. Thery gibt Tabelle, in der die Ausgaben des Jahres

ein Anlaß zur Erregung lag für den Angeklagten gar nicht Dor/ Bezeichnend ist auch, daß er einen Schlagring bei sich hatte. Eine, Mißhandlung des Angeklagten nach seiner Verhaftung auf benti Wege zur Wache ist nicht nachgewiesen, worden. Ich beantragt gegen ihn, der zweimal vorbestraft ist, .6 Monate Gefängnis. Ein weiterer Fall betrifft den Arbeiter Rothe, der ebenfalls bid Beamten beschimpft hat. Es kann ihm aber nicht Aufruhr uack>- gewiesen werben. Dagegen hat er sich der Beleidigung schuldig gemacht, wofür ich 3 Monate Gefängnis beantrage. Der Ange­klagte Schlosser Weiß hat, wie erwiesen ist, von seinem Balkow aus einen Blumentopf herabgeworfen, der den Schutzleuten gelten! sollte. Es handelt sich also um einen tätlichen Angriff gegen die Beamten, die sich in rechtmäßiger Ausübung ihres Amtes be- fanden. Ich beantrage gegen Weiß 9 Monate Gefängnis. Dio Angeklagten Schreiber Wandt und Schlosser Sch u l z haben eine Laterne zertrümmert, was sich als Sachbeschädigung, bczw. An- tiftung dazu charakterisiert. Gegen Wandt beantrage ich 8 Monatc- gegen Schulz, der aus guter Familie stammt und nur in schlechte Gchellschaft geraten ist, angesichts seiner Reue und seines offenen! Geständnisses 2 Monate Gefängnis. Weiter beantragt der -Staats­anwalt gegen den Monteur Albrecht wegen Beleidigung zwei Monate und gegen Zollchow wegen Aufruhrs und Beleidigung 9 Monate Gefängnis, gegen Weise wegen Auflauf und Be­leidigung 3 Monate, gegen Romanowski wegen Beleidigung 2 Monate, gegen Miersch wegen Beleidigung und Widerstandes! 4 Monate, gegen Kliche, der in der Königstraße die Beamten beschimpfte, 2 Monate Gefängnis und 2 Wock>en Haft, gegen) Eisenreich wegen Aufruhrs und Beleidigung (der Angeklagte gehört der Sekte der Mormonen an) 9 Monate Gefängnis, gegen! Senf wegen Beleidigung 3 Monate Gefängnis, gegen ben Kunst? maler Weidemann wegen Beleidigung und groben Unfugs! 14 Tage Gefängnis und 10 Mark Geldstrafe. Dieser Fall, bemerkt! der Staatsanwalt hierzu, ist von der Verteidigung benutzt worden, um der Staatsanwaltsch)ast den Vorwurf zu machen, als ob sie sich nur gewisse politisch oder gewerkschaftlich Organisierte heraus­gesucht hat. Dieser Vorwurf, der ein Vergehen gegen § 14H involviert, ist ja bereits von dieser Stelle aus energisch zurück- gewiesen worden.

Der letzte Fall betrifft den Gastwirt Vilz, der beschul­digt wird, sich an den Mißhandlungen des Wellschmidt beteiligt und Arbeitswillige durch Drohungen zum Streiken bewogen zu haben. Ter Angeklagte hat erwiesenermaßen den Zeugen Well- schmidt immer wieder in ben Kreis der Streikenden hineingestoßen, wo er mißhandelt wurde. Zeuge Wellschmidt ist durchaus glaub­würdig. Freilich hat die eigene Mutter gegen den Sohn ausge-, sagt aber ihre Aussage ist wertlos. Dem Angeklagten Pilz wird ferner teilweise ein gutes Zeugnis ai^gcftellt, wenn es sich aber um politische und gewerkschaftliche Kämpfe handelt, dann tritt bei ihm ein glühender Haß gegen seine Gegner zu Tage. Bei dem Strafmaß ist die Dreistigkeit und die Hinterlistigkeit seines Handelns zu berücksichtigen. Sein Lokal war gewmer- masen ein Herd für Gewalttätigkeiten, in das der Zeuge Well- schmidt wie ein Fuchs hineingelockt worden ist. Der Staatsanwalt beantragt gegen den Angeklagten Pilz eine Gesamtstrafe von einem Jahr sechs Monaten Gefängnis. Der Angeklagte K r a tz e r t sei wegen Mangels an Beweisen freizusprechen.

Nack der Pause plädiert als erster

der Verteidiger Rechtsanwalt Wolfgang Heine: Meine Herren Richter! Wenn man sich am Ende einer fast zweimonatigen Verhandlung noch einmal das ganze Material Diergegenroärtigt und Durchsicht, bann erstaunt man über die Fülle dessen, was in ihr vorgebracht worden ist. Es tritt ja naturgemäß mit der Zeit eine gewisse Ermüdung ein, aber über­blickt man alles, bann kommt einem vieles so frisch und neu

Der Aurgang öes Moabiter prozeffer.

4 Berlin, 5. Jan.

Sofort nach Eröffnung der heutigen Sitzung nimmt der Erste Staatsanwalt Steinbrecht das Wort, um in seinem Plädoyer fortzufahren. Er wendet sich zunächst zu dem Fall des Angeklagten Krämer, der der öf entlichen Belei­digung und des Widerstandes gegen die Staatsgewalt beschuldigt wird. Polizeileutnant Folte hat zugegeben, daß der Wider- tanb des Krämer kein erheblicher war, so daß ich vier Monate Gefängnis beantrage. Wir kommen nun zu der ersten Frau, bie unter Anklage steht, Frau Dominik. Sie hat in ganz wilder Weise aufgehetzt und mit einem Schuh nach einer Laterne geworfen. Wenn sie ein Mann wäre, wäre sie sehr schwer zu bestrafen, denn ihre Tat grenzt an Aufruhr. Aber mit Rück- icht darauf, daß sie leicht erregbar und noch nicht bestraft ist, beantrage ich die milde Strafe von zwei Monaten Gefängnis. Der Angeklagte Breyer hat an die Menge die Aufforderung ge­richtet: Haut die Bluthunde! Tas hat her Zeuge Busse be­kundet, der freilich nachher vollkommen versagt, wie viele andere Zivilzeugen. Ich nehme an, daß der allgemeine Druck, der aus dem Zeugen lastete, ihn beeinflußt hat. AberSchri t bliewt", die Protokolle bleiben bestehen. Mit Rücksicht, daß er unbestraft und Familienvater ist, beantrage ich gegen ihn zwei Monate Ge­fängnis. Der Angeklagte Hagen ist zu ällig in die Krawalle bineingeraten. Er hat aber keinen Respekt vor der Obrigkeit, das zeigt die Art seiner Vorstrafen. Er wollte seine eigenen Wege gehen und mißachtete die Weisungen der Schutzleute. Mit Rücksicht darauf, daß er von den Unruhen nichts wußte, anderir- alls aber siebenmal vorbestraft ist, halte ich eine Strafe von ecks Monaten Gefängnis für angemessen. Der Angeklagte Tret- 1 n to e-1 i ist schwerer vorbestraft als alle Angeklagten zusammen, über 40 Mal. Er ist außerdem durch Alkoholmißbrauch moralisch minderwertig. Tvotzdem war er sich seines Tuns bewußt. Eine Gefängnisstrafe von vier Monaten scheint gewiß milde. Der Angeklagte Bock ist auch schon sechs Mal vorbestraft, darunter mit sieben Monaten Gefängnis wegen Messerstecherei. Er hat sich.an der Ecke Beußelstraße aufgestellt und sich dort sehr provo­zierend benommen, obwohl ihm die Schutzleute gut zuredeten. Der schwerverletzte Schutzmann Koppe hat ihn ausgefordert, weiter­zugehen. Als Antwort rannte er ihm ein Messer in ben Unter­leib. Ein zweiter Beamter erhielt einen ähnlick>en Stich. Erst als ber erste Stich erfolgt war, ist Bock mit vollem Rechte niebergeschlagen worben. Er ist zu bestrafen wegen gefährlicher Körperverletzung unb groben Unfugs, und zwar beantrage ich mit Rücksicht barauf, daß ein pflichttreuer Beamter schwer verletzt wurde, unb beim Messerstechen nicht unter einem Jahre erkannt wirb, andererseits bei Bock keine Reue vorhanden ist, zwei Jahre sechs Monate Gefängnis unb zwei Wochen Haft. Milder liegt wieder ber Fall der Frau Giese. Sie wollte sich durch eine Schutzmannskette durchdrängen, war eigensinnig unb trotzig unb fing bann an zu schimpfen, als sie ihren Willen nicht burchsetzen konnte. Ich beantrage gegen sie zwei Wochen Gefängnis. Der Angeklagte Treibe ist ein fleißiger Mann der viel gelesen hat, vielleicht zu viel, benn bie Lektüre hat ihn aufgeregt unb b erbittert. Statt sich nach ber Arbeit ruhig im Tiergarten zu ergehen, ließ er sich verleiten, sich unter bie Menge zu mischen unb die Beamten zu beleidigen. Er hat aber nicht nur geschimpft, sondern auch wiederholt laut gepfiffen. Er hat dadurch gezeigt, daß er ein äußerst reni enter Mensch ist. Von Reue zeigt er keine Spur. Man möchte sagen: ber junge Mensch ist nicht mehr zu bessern. Vielleicht tut aber eine hohe Strafe Wunder. Ich beantrage gegen ihn ein Jahr drei Mo­nate Gefängnis. Bei Frau und Fräulein Sattler kann es nach der Voruntersuchung keinem Zweifel unterliegen, daß beide Bluthunde" in die Menge riefen. Die meisten Zeugen sind auch hier freilich wieder zusammengebrochen. Ich beantrage gegen Frau Sattler zwei Monate Gefängnis, gegen Fräulein Sattler mangels Beweises Freisprechung. Ferner beantrage ich bei allen Angeklagten die Anrechnung ber Untersuchungshaft.

Darauf nimmt Staatsanwalt Stelzner bas Wort. Er geht nochmals auf ben allgemeinen Teil ber Anklage ein unb schildert ausführlich die Notwendigkeit ber scharfen Mittel ber Polizei vom 27. September. Um diese Zeit trat zum erstenmal auf die Zeitungsnachrichten hin der Janhagel in die Erscheinung. Zeuge Steinberg hat bekundet, daß um diese Zeit werktätig« Arbeiter an den Unruhen beteiligt waren. Es wurde das Ar­beiterlied gelungen und ein Hoch auf die Sozialdemokratie aus­gebracht. Den Gipfelpunkt der Ausschreitungen bilden die Un­ruhen in der Rostocker Straße, wo auf Kommando die Laternen ausgedreht wurden und daraus planmäßig ein Angriff auf die Beamten erfolgte. Schließlich wurde ein Phvtographenkasten in Brand gesetzt und die Menge tanzte um ihn mit dem Gesänge: Das ist Jagows wilde verwegene Jagd" herum. Die Beamten hielten sich mit Recht davon fern, weil sie glaubten, sie sollten, in einen Hinterlwlt gelockt werden. Tie Arbeitswilligen ftanbert unter einem unglaublichen Terrorismus. Diese Arbeitswilligen waren harmlose Leute, die nur von ihrem Reckst, ihre Arbeits- hraft zu verkaufen, Gebrauch machten. Trotzdem schlugen die Streikenden sofort auf sie los. Sie standen unter einem der­artigen Truck, daß bie Staatsanwaltschaft es sich überlegt hat, ob nicht gegen die Streikenden ein Verfahren»wegen Freiheits­beraubung einznleiten wäre. Tie Verteidigung hat ben Versuch gemacht, die Arbeitswilligen als Gesinbel hinzuftellen. Das ist aber mißglückt. Die Arbeitswilligen haben hier vor Gericht ben

. Ä-.4 Aoki Xzi H tt /lief hir

vor, baß man bebauert, im Plädoyer nicht noch einmal die gesamten Aussagen Revue passieren lassen zu formen. Man kann das nicht, sonst würde das Plädoyer noch einmal wer Wochen dauern. Tie beiden Herren Staatsanwälte haben frei­lich von dem, was bie Beweisaufnahme ergeben hat, anscheinend eine anbere Ansicht. Ter Erste Herr Staatsanwalt sagte, alle Zeugen nach dem L Dezember seien überflüssig gewestn. Ich begreife, daß die Herren von der Anklage nicht erbaut sind von den Zeugen, die auf unsere Veranlassung vernommen wor­den sind. Und darum erklärte auch der Herr 'Staatsanroalt Stelzner, die Verteidigung sei schuld, daß die Sache so lange gedauert habe. Nun, die Verteidigung übernimmt mit gutem Gewissen bie Verantwortung bafür, daß hier so viele Zeugen: gehört wurden. Tie Art und Weise, wie die Anklage, seitens! ber Anklagebehörde beljunbelt würbe, hat ber Verteidigung erst die juristische Basis gesckwfsen, auf Grund deren sie die Beweis­aufnahme im roeitefteu Umfange durchführen konnte. Wenn die untergeordneten Fälle, wie es die Verteidigung beantragt hatte, jeder für sich getrennt . behandelt worden wären, dann wäre es nicyt möglich gewesen, ein Gesamtbild ber Sache in bie)em: Umfange zu schaffen. Es scheint mir allerbings die Beweisauf­nahme noch nicht umfangreich genug gewesen zu sein, um auch die Herren von der Staatsanwaltschaft zu überzeugen. Wir hätten noch gern ein paar hundert Zeugen mehr laben können, wir haben uns aber Beschränkung auferlegt. Immerhin kann ich aber wohl sagen: Will ber Herr Rat ein Tänzchen wagen, so soll er es nur sagen, ich kann ihm noch huuderU von Zeugen bringen, bie ähnliche Vorgänge befunbeu werdest, wie wir hier viele gehabt haben. Man hat der Strafprozeß­ordnung die Schuld gegeben, daß so viele Zeugen geladen roerben mußten. Wenn man sich hier auch auf bie Loyalität beS Herrn Vorsitzenben verlassen tonnte, so ist es doch besser, daß die Strafprozeßordnung uns das Recht gab', diese vielen Zeugen hier zu laden. Ohne die Zeugen, die von uns geloben wurden, würbe ein ganz schiefes Gesamtbilb entstehen. Der Herr Staats­anwalt hat Angriffe gegen die Belastungszeugen gerichtet, welche hier nickst Stich gehalten hätten. Diese Zeugen sind ledoch dadurch vielleicht umso glaubwürdiger. Aussagen im Vorver­fahren ohne Staatsanwaltschaft und ohne Verteidigung haben überhaupt keinen Wert, die Aussage in foro ist das Wesentliche.. Sind denn die Zeugen, die sich auf ber Straße befunden haben, alle der Teilnahme an den Unruhen verdächtig? Dann müßte das auch bei den von ber Staatsanwaltschaft präsentierten Zeugen ber Fall sein. Auch unter ihnen befinben sich Leute, bie aus allen Teilen Berlins hingefähren sind, um sich von der Sach­lage zu überzeugen, aus Neugierde, oder, wie ich sagen möchte, weil sie interessiert froren, denn der Bürger hat ein Interesse daran, über diese Dinge etwas zu erfahren. Sollen ferner die Zeugen, bie nicht alles gesehen haben, vom Blaukoller befallen fein? Die positiven Aussagen der Zeugen werden dadurch nicht aus der Welt geschafft, daß sie etwas nicht gesehen haben. Wenn von Terrorismus gegenüber den Zeugen die Rede gewesen ist, so muß ich auf den Zeugen Förster a. D. Prevor Hinweisen, dem von konservativen Leuten Vorwürfe gemacht wurden, über tute Art, rotie er seine Aussage machte und der erklärte, er fürchte gesellschaftlich geächtet zu werden. Unb der Zeuge Frost hat erklärt, daß burch das Vorgehen der Polizei die Grundlage )Li'neS rfligiÖfen Glaubens erschüttert wurde, und der Sohn eines anderen Zeugen hat angesichts der schrecklichen Szenen in Moabit gefragt: Vater, ist das die Obrigkeit, die von Gott verordnet ist? Ter Zeuge Dr. Kochmann tjat positive Bekundungen über Tatsachen gemacht, bie kein Regen abwäscht. Alle diese Aussagen kann man nicht mit wohlfeilen Klassifikationen

Deutschland England Öeüerreich-Ungarn Frankreich Jinlien Rlißland Uebrtge Lander__

zus. Million. Frcs.:

Die Ausgaben für Kriegszwecke in Europa sind also innerhalb von 25 Jahren von 4111 Millionen Frs. auf 7536 Millionen gestiegen, also durchschnittlich im Jahre Um annähernd 137 Millionen Frs. Das bedeutet eine Zunahme von 830/0, die sich wie folgt auf die einzelnen Staaten verteilen: Deutschland l£Oo/o England 112, Ruß­land 69, Frankreich 39, Oesterreich-Ungarn 66, und Jta.ien 47o/o. Und ähnliche Verhältnisse ergeben sich bei der Be­trachtung der übrigen kleineren Staaten. Schweden z. B. hat seine Heeres- und Marine-Ausgaben um 80 Millionen Frs. vermehrt, Spanieü um 49 Millionen, die Türkei um 46 Millionen, Portugal um 37, die Schweiz um 29, Holland Um 25, Rumänien um 25, Belgien um 13 Millionen Frs., Usw. Aber diese Riesensummen von insgesamt 145 M l.iar- den Frs. umschließt keineswegs alle die Lasten, die die europäischen Staaten sich für ihre Landesverteidigung auf- biirdetcn. Die Kosten des spanisch-amerikanischen, des süd­afrikanischen und des russisch-japanischen Krieges sind in dieser Berechnung nicht einbegriffen, ebensowenig wie die Kosten strategischer Eisenbahnen und die Verzinsung der erheblichen Anleihen, die fast alle Stauten in großem,Um­fange eingehen mußten, um die Mehrkosten der Rüstung zu decken. Auch die sozialen und nationalökonomischen Ver­luste, die sich daraus ergeben, daß in Eropa rund 195 000 Offiziere, 3 800 000 Unteroffiziere und Soldaten und 700 000 Pferde oder Maulesel dem wirtschaftlichen Leben entzogen sind, sind nicht in Rechnung gesetzt, ebensowenig wie die schädlichen Einwirkungen der erheblichen Steuer- erhöl/ungen, die insloge dieser Entwicklung notwendig wur­den. Eine statistische Zusammenstcllilng d r St at schuld n der Großmächte ergänzt das Bild. Die Schuldenlast Europas ist von 107 Milliarden Frs. im Jahre 1883 auf 151 Milliar­den im Jahre 1908 angewachsen, .also um 410/0. Die Zu­nahme der Staatsschuldenlast verteilt sich auf d e einz.'lnen Länder wie folgt: Frankreich 2412 Millionen, Italien 3472 Millionen, Oesterreich-Ungarn 4005 Millionen, Ruß­land 11 101 Millionen, Deutschland 14 557 Millionen Frs. Diese Statistik zeigt, daß Frankreich die Lasten seiner Rüstung noch am leichtesten ertragen kann, hat es doch von allen europäischen Größmächten die wenigsten Schul­den aufzunehmen brauchen, nicht ganz ein Fünftel d.ssen, was das Deutsche Reich an verzinsbaren Staatsschuld­scheinen ausgeben mußte.

Zum Rücktritt öes votschaftcrr Mumm von Lchwarzenftein.

Wie gestern bereits amtlich gemeldet wurde, wird der deutsche Botschaster in Tokio, Frhr. 9Jhtmm von Schwar­zenstein demnächst wegen eines Augenleidens zurücktreten; nur sür die Zeit, in der der deutsche Kronprinz in Japan weilt, will er noch mit seinen Erfahrungen dienen.

Frhr. Mumm von Schwarzenstein Hut vielerlei Erfolge in seinem amtlichen Wirken zu verzeichnen, und in her deutschen Presse wird ihm ziemlich allgemein das Zeugnis eines tüchtigen Diplomaten ausgestellt.

Alsons Freiherr Mumm von Schwarzenstein ist am 19. März 1859 in Frankfurt a. M. als Sprößling einer alten Patriziersamilie geboren. Er studierte Staats- und Rechtswissenschasten in Göttingen, Heidelberg, Leipzig, Berlin. 1885 trat er in den diplomatischen Dienst. Er war Attachee bei den Botschaften in London und Paris, päter Legationsstkretär in Washington, wo er sich in )en vier Jahren ,eines Aufenthaltes besonders handels­politische Kenntnisse erwarb. Vorübergeyend war er auch ui Bukarest und am Vatikan tätig. Von 1894 bis 1898 war er irn Auswärtigen Amt als Vortragender Rat be- sckstistigt und bearbeitete als solcher die orientalischen Angelegenheiten. Herr von Mumm wurde dann Ge­sandter in Luxemburg. Im Jahre 1900 wurde er noch während der chinesischen Wirren zum Gesandten in Pe­king sür den ermordeten Freiherrn von Kettler ernannt. Hier leitete er mit geschickter hrnnd die Friedcnsverhand- 111119en, die am 7. September 1901 beendet waren. Die näcMten Jahre seiner Tätigkeit in China waren der Wie- deryerstellung der Beziehungen zwischen Deutschland und dem Reich der Mitte gewidmet. Auch war er für den

1883

1908

Heer

Marine

Summa

Heer Marine

Summa

458

46

504

1068

436

1504

432

270

7"2

676

811

1487

295

23

318

4'i9

60

529

584

205

789

780

320

ll<)0

253

58

311

299

158

457

772

122

894

1280

231

1511

483

110

593

7G5

183

818

3-77

834

4111

5337

2209

75 6