Nr. 105 Erster Blatt M Jahrgang Zreitag, 5. Mai 19fl
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»LE General-Anzeiger für Oberhessen MM
Annahme von »Nje.gen Hofafionsbrnd unb Verlag der vriihl'schen Univ.-Vuch- und Zteindruckerei R. Lange. Redaltion, Lrpedition und Druckerei: §chnlstrahe 7. silr den
il*5 vormitta^^?»"uh^ Bübingen: Fernsprecher Nr. 50 Seschasttftelle vahnbosstrahe 16a. Anzeigenteil: H. Deck
Die heutige Nummer umfaßt 12 Seiten-
Muley hafids Rettung.
Mulen Haftd kann jetzt tnicber freier aufatmen Major Bremond hat sein beschick an da? bc-5 Sultans gefettet, und die Lilfskolonne ans der Srhaujal) will für die Verpro- viannerung sorgen. Aber trotz des mitgeteilten vorläufigen Programm? der französischen Negierung weiß n i manD, wie sich die Tinge in ßufunft gestalten lverdeu. Tie „Köln. Ztg" läßt halbamtlich verlauten, die Berliner und die osterreichisch-ungarische Negientng seien wegen der marokka- niscken ft-ragc in Verbindung getreten. Auch in England scheint ni ... Frankreichs Absichten nicht mit ungeteiltem Vcr trauen 31t verfolgen Sir Edward Wret) hatte am gestrigen Tonnerstag verschiedentlich auf Anfragen sich zu äußern, und er stellte sest, daß ein Notenwechsel nicht ftatt- gefiinden habe
Paris, I. Mai. Tie Negierung erhielt Nachricht von bn" Ankunft Bremonds in Fez und gab Befehl, die bei (iajab(anca gebildete Hilfskolonne fchleunigst nach D a r Derart am ft u ft c der die Umgebung von Fez beherrschenden Höhcnzüge zu dirigieren Tiefer Befehl gestattet der vilfskotonne, sich mit den französischen Instrukteuren und den scherisischen Streitkräften 11t Verbindung zu setzen und die Verproviantierung der Stadt zu ermöglichen. Wie Nachrichten aus ftez vov- 29. April besagen, ist die Stadt e i ir g e s ch l 0 s s e n und sind die L e b c n s m i 11 c l knapp Tie Stämme unter- toa<fcn sich nicht Andererseits meldet 0‘cncral Toutcc, er sei ohne Zwischenfall in Tabdu angekommen. Er komme ihm vorher zugegangenen Befehlen nach, nach denen der Mnkunasluß nicht überschritten werden soll.
Tanger, 4. Mai. Ter französische Konsul in ftez sagt in seiner Meldung über den Einzug der Kolonne Brömond am 26 April, alle Instrukteure seien wohlauf. Ter Kampf mar ein erbitterter. D i e Stämme unterwarfen s i ch nicht. Tie Blockade dauere fort. Es herrsche Mangel anLebensMitteln und die Not- lvendigkeit neuer Zufuhr bleibe eine dringende. Ter englische stonful Mc c e D mclbete dem englischen Gesandten in seinem Schreiben vom 2ö. April, bie Lage sei bedenklich. Ter deutsche Konsul laut dem Heere Brernonds entgegen, um Die französischen Instrukteure zu begrüßen.
Ans ftez wird vom 28. Avril gemeldet
Tie Truppen Brvinonds waren nach viertägigen
unaufhörlichen Kämpfen bis vor ihrem Eintreffen in ^-ez überall siegreich Sie erlitten feinen Verlust an Kriegsmaterial Ter Verlust an Menschenleben beträgt seit dem Beginn des Zuges 3u, die teils gefallen sind, teils ver- mißt werden. Im Rücken der Truppen find Die Stämme noch nicht unterworfen. Tie Straße nach Tanger ist von den Ulcb Tjamma abgefchnitten Zugleich mit bem Ein- treffen der Truppen Br^monds in ftez machten El Glaui und Mtugi einen erfolgreichen Vo r fto ft nach £ ft c n und Sübcn gegen die Ulcb eL Habs und verfolgten sie bis Bernussi. Ter Maghzen öcrtügt nunmehr über 1000 reguläre und 3000 irreguläre Truppen. Es ist wahrscheinlich, daß die Truppen einen Ausfall über Baselma machen und wenn möglich bis Metin es vor st 0 ft e 11 werden.
London, 4. Mai. E -n hiesigen Blatt mirb über Tanger aus ftez vom 28. April gcmclbet, daß dort alles ruhig ist. Tie Stämme kehrten in ihre Bezirke zurück, ft ü r bie Europäer liegt keine N 0 twe n d i g f c i t vor, ftez 311 verlassen Tie Straften sind frei Aus Mekines wird gemeldet, die Sefru entsandten Tepu tationen, die dem Sultan ihre Unterwerfung anbieten und ihn um Verzeihung bitten sollen. Tie Berber räumen Mekines. Tie englischen und amerikanischen Missionäre befinden fick) wohl.
Nach Briefen aus Mc t i 11 c a find einzelne Teile der Stabt geplünbert und die Juden getötet worden Völlige Ruhe wird erst ein treten, wenn Der von einigen Stämmen zum Sultan vorgeschlagene '))i uleyelZi n zum Minister des Acußern ernannt ist. Muley cl Zin, Der sich mehrere Jahre in Manchester aufhielt, ist englischer Konsularagent. — Wie aus Glfnitra vom 3. Mai gemeldet wird, find zwei Ohinncrsabtcilungcn auf dem linken Ufer des Sebu stromaufwärts 14 Kilometer weit ins Land vor gedrungen. Sie trafen auf ein kleines Dorf der Beni Haffen, das unbewohnt war. Tie erschreckte Bevölkerung verlieft die Gegend und man töeiß nicht, wie sie sich der Abteilung Brutards gegenüber verhalten wird.
Tie „Köln. Ztg." meldet aus Berlin: Ein mehreren hiesigen Morgenblättern telegraphisch übermittelter Artikel der „Wiener Allgcm. Ztg." über künftige Möglichleiten bei der Behandlung der Marokko frage und Die deutsche Stellung dazu rührt sicher weder von einer Berliner noch von einer Wiener amtlichen Stelle her. Was in Berlin zur Marokkofrage zu sagen war, ist halbamtlich in der „Nvrdd. Allgem. Zig." gesagt worden-, es liegt gar leine Veranlassung vor, darüber hinauszugehen. Was die 0 st e r r e i ch i s ch - u u g a r i s ch e Regierung betrifft, s 0 ist sie über die Ansicht der Berlrner amtlichen Stellen durchaus unterrichtet. An beiden Stellen hat man feine Neigung, sich schon im voraus über hypothetische Möglichkeiten der Entwicklung der Tinge in Marokko und ihre Wirkung auf die politische Lage zu verbreiten.
Die versicherungsgesctze in England.
London, 4. Mai. L l 0 h d George, der nach längerer, durch Krankheit verursachten Abwesenheit im Unterhause erschienen war, um den nationalen Versicherungsent- wuvf vorzukegeu, führte aus: Ter Gesetzentwurf gliedert sich in die Versicherung gegen Krankheit und in bie Versicherung gegen Arbeitslosigkeit. Tie Krankheits- Versicherung gliedert sich in eine obligatorische und eine freiwillige. Tie erste besteht in den obligatorischen Abzügen vom Wock-enlohn, oder von bem weniger als 160 Pfd. Sterling betragenden Iahresverdienst. Hierzu treten bie Beiträge des Arbeitgebers und bas Staates. Ausgenommen vom Gesetze sind die Lehrer und die Angehörigen von Heer und ft 1 0 11 c, für die besondere Vorsorge gciroficn sei. T-ckr Lohnabzug wird bei Männern vier Pence, bei ftraucn Drei Pence wöchentlich betragen. T i e Arbeitgeber sollen wöchentlich drei Pence für jeden Ange st eilten, der Staat zwei 1Pence beitragen. D ie Gesamtzahl der vom Gesetzentwurf betroffenen Männer, Frauen Iunb Jugendlichen beträgt 14700000.
Um der Schwind! u cd 1 zu begegnen, schlägt die Regierung vor, den Lokalbehörden und Spitälern, bei Errichtung von Sanatorien im ganzen Lande Beihilfe zu leisten. Ter Staat wirb hierfür ein Kapital von 1 1 ')X i 11 i 0 n c n vorsehen. Tie Krankenuntcrstützung soll für" die ersten drei Monate zehn Schilling wöchentlich und für die nächsten Drei Monate fünf Schilling wöchentlich betragen. Dauernd Arbeitsunfähige sollen fünf Schilling wöchentlich erhalten Ter Entwurf soll hauptsächlich mit Hilfe der Arbeitern nterstützungsvereine durchgefnhrt werden, doch können Beiträge auch durch die Post entrichtet werden
Llond George führte weiter aus: Ter Gesetzentwurf werde erst am 1. Mai 1912 in Kraft treten. Tie Belastung des Staates für 1912/13 werde sich auf 1 742 000 Pfund Sterling belaufen, für 1913/14 auf 3350 000, für 1915/16 auf 4 568 000. Was die Versicherung g e g c n D i e Ar« beitslosigkeit betreffe, so werde sie 0 b 1 i ma 10 r i s ch, vorläufig aber auf Das Maschinen- und Ban Gewerbe beschränkt' sein. Tie Arbeitgeber und Arbeitnehmer sollen je 21Pence für die Woche entrichten, während der Staat 1/4 der Kosten trage. Tie Arbeitsloseirunterstiitzung werde bei den Maschinenvauarbeitern 7 Schilling wöchentlich betragen. Im ftalle von Ausständen und Aussperrungen würden aber keine Zahlungen geleistet. Dorn Gesetzentwurf werden 2 400 000 Arbeiter betroffen, deren Gesamtbeitrag 1100 000 betrage. Die Arbeitgeber würden 900 000, der Staat 750 000 beitragen Tie gesamte, im ersten Jahre für beide Arten der Versicherung zu erhebende Summe beziffere sich auf 24 500 000, wovon der ^taat 2 500 000 beitrage. Im vierten Jahre mürben die Beiträge des Staates schon auf 5 500 000 gestiegen sein.
Lloyd George sprach 2'_> Stunden mit ziemlich lauter Stimme, obwohl seine lange Abwesenheit von dieser Session einem .Halsleiden zuzuschreiben war Während feiner Rede machte Lloyd George häufig Hinweise auf das deutsche Bersicherunasfystem und erwähnte anerkennend, daß die deutschen Behörden in entgegenkommender Weise ihm Material zur Verfügung gestellt hätten.
Austen Chamberlain begrüßte den Gesetzentwurf und brachte die allgemeine Zustimmung zum Ausdruck. M c. T onuald (Arbeiterpartei) sprach sich ebenfalls günstig über den Gesetzentwurf aus.
Tas Unterhaus hat die Verficherungsoorlagc in erster Lesung einstimmig angenommen.
Die Ursachen der Erhebung in Kanton.
£ London, 4. Mai. Ein Leitartikel des „Daily Graphic" über die Wirren in China führt aus, traft die Bewegung ein Aufflackern der alten Fehde zwischen den liberalen Chinesen Kantons und den reaktionären M and sch us Pekings bedeute. In der Ungeduld über die langsame Entwicklung der konstitutionellen Bewegung hätten die Reformer in Kanton willig jede Gelegenheit ergriffen, Die Mandarinen, die einem zu plötzlichen Wechsel der alten Crbnung sich widersetzten, bei der Bevölkerung in ein ungünstiges Licht zu stellen. Sdjon zuAnfang März wurde von Kanton berichtet, daß die (Eingeborenen- Presse nicht allein flammende Aufrufe an den chinesischen Patriotismus brachte und zum Widerstande gegen die russischen Forderungen aufreizte, sondern auch zum Sturze
Die Blume der Barmherzigkeit.
Von Frau Frieda Bücking-Alsfeld.
Es war einmal ein ftrühlingsmorgcn angebrochen, voller Licht und Funkeln und frohem Vogelgezwitscher. Ta entbot die Blumenkönigin ihre Blumenkinder zu sich aus die große Wiese, allroo ne sich Tag für Tag mit Haschen und Necken, mit Reihenspiel und Liedersang zu erlustigen pslegten. Von allen Seiten kamen sie herbei, gehorsam dem Gebote. Rosenrote und himmelblaue, weifte und silberne, purpurne und goldne Röckchen flogen, und eifrig drängten sie zum Thron der Königin, die sonst mit heitrem Läckfcln den Spielen zuschaute. Heute aber war ihr Angesicht gar ernst, und also sprach sie zu den Blumen- kindern: Lange genug habt ihr euch leichten Sinnes mit tändelnden Spielen ergötzt. Es ist Zeit geworden, daß ich euch zur Arbeit und zu strengem Tun entsende. Kommet herbei und vernehmet mein Gebot. Ta ließen die Blumen die Kopie hängen, und es ward ihnen bange. Wisset, sprach die Königin, drunten aus der Erde bei den Menschen herrschet vielerlei Not. Es werden ihrer mehr und mehr auf der engen Sd)ollc, sie mühen sich um Brot und Arbeit, und wenig Freude ist ihnen zugemessen. So sollt ihr denn hingehen, leichte heitre Blumenkinder, und den armen Menschen Freude und Hilfe bringen, eine jede von euch nach ihren Kräften und nadj ihrem Sinn. Ich will euch meinen Beistand leihen, so ihr ihn anruft. Gehet hin, eine Jede ihren Weg. Und wenn die Zeit um ist, die ich euch gesetzt habe, Dann kommt wieder vor mein AngcsickU, daß ihr Rechenschaft ablegt von Eurem Tun. Tann werde ich erfahren, welcher von euch vor allen andern der Preis zulomme. Und Die Königin breitete segnend Die Hände aus über die Häupter ihrer Blumenkinder, Die traurig und angstvoll zur Erde hinab entwichen.
Tie Zeit war erfüllet. Wiederum war cm Frühlingstag angebrochen, voller rLcht und Funkeln und frohem Vogelge- gezwitscher. Auf Der Wiese harrte die Königin der Rückkehr der Blumen. Von allen Seiten kamen sie herbei. Keine fehlte 4tes lange entbehrten Anblicks freute sich die Königin. Eine nach der andern winkte sie an ihren Thron, damit sie ihre Schicksale und Talen berichtete. Zuerst nahte die purpurfarbene Rose. Tie erzählte von den Triumphen ihrer Schönheit, von dem Ent zücken, das ihr berauschender Tust erweckt, von den Seligkeiten, Die lie — von Der Hand Der Liebe geschenkt — bereitet: wie sie jubelnde Lieder in Den Herzen entzündet, zu herrlichen Bildern begeistert, und so Den Menschen Glück und süße Freude gebracht habe: so, daß sie sie die Königin Der Blumen genannt hätten. Als sie geendet, trat sie stolz erhobenen Hauptes zunächst zur Seite des Thrones. Lächelnd blickte Die Königin vor sich hin und winkte das kleine Veilchen heran, das zaghaft nahte. Vergieb, 0 Königin, sprach es. Ich habe gar wenig getan. Hättest Du mir nicht Die Wunderkraft des süßesten Suites gesandt, ich möchte ichlccht vor Tir bestehen. Mit seiner .Hilfe vermochte ich unzählige
Menschen zu erguicken. Ter Aermste und Geringste hat mich an] den Hecken gevslückt, um ihn beglückt äu atmen, der Kranke mid)| in den blassen Händen gehalten, an die fieberheiften Lippen gedrückt, der Kinder Freund, der still Liebenden Vertraute bin ich gewesen, lind auch mich hat ein unsterblicher Sänger besungen, ein gottbegnadeter Liedermund hat wundersam süß bas Lied vom Veilchen in tausend froh erschauernde Menschenherzen erklingen lassen. Wie das das Veilchen gesagt hatte, erschrack es vor seiner eigenen Kühnheit, aber die Königin strich ihm sanft über das gesenkte Köpfchen, ehe es in der Schar der Genossinnen verschwand. — Im golDnen Röckchen kam die lustige Primel gesprungen. Ich bin es, Königin, die den Mensä^cn das Nahen des Frühlings gekünoel hat. Aus dumpfen Stuben lockte ich sie mit meinem Leuchten und Flimmern hin zu Wiesen und Wäldern. Und weil ich ihre Seelen neue Freuden erschlossen habe, Darum nennen sie mich Himmelsschlüssel. Tas gefiel der Königin ,'ejr. — In bunten Scharen Drängten nun die Blumen zum -throne und erzählten eifrig ihre Erlebnisse. Der Finger-iut rühmte, wie er Den Saft 1 einer Blätter hergegebcn, zur Heilung der kranken Herzen. Kamille, Pfefferminz und Lindenblüte stritten mit eifernden Worten, wer von ihnen den schmerzgeplagten Fieber- [ranfen am meisten Linderung gebracht habe; der rcucrfatbenc Mohn hatte seine wunderkrästigen schlasbringenden Körner aus- g en reut, Salbei und Arnika blutende, schwärende Wunden geheilt. Der Flachs seine schimmernden Fasern gcipcnDet, um Leib und Lagerstätten der Menschen kühl und reinlich zu decken.
So wußte eine Jede der Ausgesandten zu berichten, wie sie etwas getan hatte nach ihren Kräften und nach ihrem Sinn. Und die gute Königin sah zufrieden umher im Kreise ihrer Blume.t- rinber unb bedachte, wem sie wohl den Preis erteilen solle. Ta ftanb einsam noch bas Maßliebchen. Tas hatte noch kein Won gesagt. Ein Wink ber Königin liefe es also beginnen: Mein Weg war schwer, hohe Gebieterin. Ick hatte weder Schönheit noch Tust, keine heilträftigen Blätter, keinen lindernden Saft zu spenden; meine Fasern sind trocken, und Die Sternenbahnen niemes weißen Röckchens wurden mir gar halb von ben Menschen zu nichtigem Spiel entrissen. Hätte mir meine süße Königin nicht immer micbcr neue wachsen lassen, ich träte jetzt wie ein zerlumpter Bettler vor ihren Thron. Traurig ftanb ich so eines Tages am Tore einer großen Stabt. Schon gebuchte ich in meinem Sinn zurückzukehren und flehend mich dir zu Füßen zu werfen. Ta erklang mit einemmal vom Turme em liebliches Glockenspiel, und vor mir ftanb eine hohe Frau; sie trug eine .‘trone auf dem Scheitel, ein Kindlein war in ihren Arm g, schmiegt, unb ihr wallender Mantel umschloß schützend ein blasses lunges Weib. Tie Hohe neigte sich zu mir und sprach: Arme kleine Bltiine, was betrübt dein Herz? Komm mit mir, du sollst mich begleiten auf meinen Wegen und meine Helferin sein. In die Stabte unb in Die Tön er wollen wir gehen, in Schlösser und in Hütten zu Den Armen und zu den Reichen. Groß und Klein, Hoch und ! Gering wollen wir die Hände entgegen strecken und bitten, daß
sie uns helfen am Werke der Barmherzigkeit. Und die Frau nahm meine Hand in die ihre, und ich war gettoft. So zog ich, von ihr geführt, durch Die Lande. An einem grünen Strom entlang, ber Burgen unb Rebenberge in seinen Waisern spiegelt, wo hohe Tome tagen unb feierlich bie Glocken zur Vesper läuten. Turch freu übliche Städtchen mit weiften Hä ufern, die sich traulich an bie Bergkette lehnen, wo milde Stifte wehen, und bad Tal von rosenfarbenen Blüten sttablt. Zu Quellen, bic entspringen, wundersamer Heilkraft voll, in heißen mächtigen Strahlen ber Erde. Meine Hände sttecklc ich aus in kleinen Städten, ba ragen alte Mauern in enge Gassenwiniel, um ben Marktplatz stehen hohe (Giebelhäuser, Brunnen rauschten, unter ber Rathaushalle tummeln sich die Kinber. Auf hohem Turme hat ber Storch sein Nest gebaut, und in stillen Gottesäckern auf der Höhe liegen bie Toten gebettet. An Schloten unb surrenden Werkstätten vorbei führte mich die Gütige auf steilen Wegen zum Gebirge hinan, über grüne Matten, bie von würzigen Kräutern buften,jvo rotscheckige Kühe weiden unb unter königlichen Bäumen meine Schwester, bie Arnika, golben leuchtet. Auch dort auf Wiesen unb Felbern, in Hütten und Höfen, hieß sie mich an Die Herzen berer pochen, bie sich mühen im Schweifte ihres Angesichts, unb nie blieb meine Hanb leer, unb Keiner wies mich von seiner Schwelle. Alle Herzen im Laube taten sich auf, freundliche Blicke grüßten mich, unb wo ich ging, Gaben der Liebe erntenb, Segen spendenb, ba hieß ich die Blume der Barmherzigkeit.
So hatte das Maßliebchen gesprochen. Tie Blumen alle im Kreise umher schauten ehrfürchtig bic kleine Schwester an im weiften Kleidchen, aus Deren Herzen golbnc Strahlen sprangen. Im Auge Der Königin glänzte eine Träne. Tas war ber höchste Preis. Unb für alle Zeiten trägt nun bas Maßliebchen ben Namen der Blume der Barmherzigkeit.
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— Kurze Na chrichtcn aus Kunst unb Wissenschaft. Geheimrat Drosesor Dr. phil., iur. et meb. Wilhelm Schuppe irt Greitswalb, einer der bekanntesten deutschen Philosophen ber Gegenwart, vollendet heute das 75. Lebensjahr. — Am gleichen Tage begeht ber Kirchenbistoriker, Universitäts^ Professor und Mitglied ber bayerischen Ataoemie Der Wissenschaften, Dr. thcol. et phll. Johann ftriebrief) in München 1 einen 75. Geburtstag. — Im Kreml zu Moskau sinb vor kurzem unrerirdischc Gänge entdeckt worden, in denen man die Bibliothek Iwans des Schreckliche n vorfand. Die aus Urkunoen in hebräischer, griechischer und lateinischer Sprache besteht. Bisher wurde allgemein geglaubt, bie wertvolle Handschriftensammlung wäre im Jahre 1551 bei einem Brande im Kreml verloren gegangen. — Im Auftrage oc: Wisers hat Pro visor Johannes Götz (Berlin- eine Büste de- jüngst i^rnorbcnen Geh. Baurates Jacobi, des Dieberherstellers ber Saalburg, geschaffen. Die Aufstellung des Werkes erfolgt m der nächsten Woche auf Der Saalburg.


