Ausgabe 
28.11.1910 Drittes Blatt
 
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Eeneral-Anzeiger für Gberhesjen

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Hebafttat, ft1 aßt t.

November TDIO

Gießener Anzeiger

mb. Deutscher Reichstag.

|7. 6i >«<, Oe* «alteb, le* H. R oeetnbet.

®m Tische bei Ounbeitatl: Dr. ü. B e t 6 m a n n Holl- io t ft, Dr. Delbrück, Ä t c i! e, Li » co. Wahnschaffe, Richter.

Da» Haus ist park besetzt, die Tribünen gefüllt Die Anfrage über ble kSuigSbcrgrr Stalferrcbt.

D i e Befrage bet Sozialdemokrat«» lautet:

Wal gebenh bet Herr 9lnd)l!anjlet pu tun in Ausführung bet im Siouember 1908 vom Fürsten Bulow al- txrantroorl- lfd)em Reichskanzler unb zugleich ün Namen de- Kaiser» dem Reichltaae abgegebenen Erklärungen, die durch­brochen würben |tnb durch bie in diesem Jahre in KöniaSberg t Pr. und in aiüxccn Orica vom Kaiser über seine staats­rechtliche Stellung abgegebenen Erklärungen?

Reichskanzler ». Cciljuia** Hollweg ertlärt sich bereit, die Anfrage sogletch z* beantworten.

Ldg. Lrdedsur (Voz.)S

Im November 19u8 ergab sich eine seltene Nebereinffimmung im Reichstag. Einmütig wurde bet ttefgehenden Entrüstung über jene Reden unb ihre Veröffentlichung AuSvruck aegeben. ohne Aus­nahme bei allen Parteien. Herr v. Heydebrand sagte ba- maU: .Die Erregung, die bie Ereignisse auch in den Kreisen meinet politischen Freunde hervorgcrusen Haden, ist groß und nachhaltig. Man würde dieser Erreguna nicht gerecht werden, wenn man sie lediglich auf bie letzten Verössentltchungcn und Erscheinungen zuiücksühien würde. Man mutz aonz offen aufr- sprechen. datz es sich hier um eine Summe Dun Sorgen, von Be­denken, und man kann wohl auch sagen, von Unmut handelt, der üch feil Jahren angesammelt hat. Unmut gerade in den Schichten, ote al- besonder» patriotisch und känigStreu angesehen werden!" Dal sagte Herr v. Heydebrand unter dem Beifall unb hört! hört l- Rufen seiner Freunde. Differenzen -wischen den Parteien be- standen damall nur darüber, wa- pur Beruhigung deS Volke-, zur Verhütung ähnlicher Vorgänge in der Zukunft zu geschehen habe. Auch auf bürgerlicher Seite verlangte man gesetzgeberische Maßnahmen, bl< eine derartige Betätigung deS persönlichen Ele­ments, eine derartige Schädigung der deutschen Politik verhindern konnten. Ein kleiner Teil deS Haufe» glaul'te sich mit Erklärun- gen bei Reichs kaii-ler! unb deS Kaisers für die Zukunft be­gnügen zu können. Diel« Erklärungen sind abgegeten worden. Wir Soziaidernotraten yaben gar nichts bagegen, datz Kaiser Wilhelm IL soviel redet wie er will, datz er über alle möglichen Gegenstände, von denen er etwal versteht oder etwa! zu verstehen glaubt, sich ouSspricht. Corn Dein agitatorischen Standpunkt könnten wtr nur wünschen,batzer möglich st diel redet. Denn keiner unsever Gegner wirkt so zur Aufklärung bet BulkeS und zur Pslügung del Boden!, in den der fozialoemckralische Same hinejngestreut wirb. Wir verlangen, datz das ganze Volk bie Möglichkeit erhält, sich geaen ttngrtff« dcS Kaiser! in aller Öffentlichkeit energisch zu wehren. Dieser RechtSzustand besteht noch nicht. Würde iernanb die Angriff« bei Kaisers mit gleicher Schärfe autzeryalb bei jöaufe» wiederholen, so würde man ihm bald einen MajestätSbeleidigunaSpro^etz an den Hals hängen. Das ist also ein Kamps mit ungleichen Waffen den wir für unfair halten. Wir Detlanoen, datz gesetzgeberische Schranken dagegen errichtet werden, datz der Kaiser sein« individuelle Auffassung über fein« staatsrechtlich« Stellung durch selbsthrrrliche Eingriffe tu di« Politik bei Landes betätigt Wir tun da! im allgemeinen Interesse bei deutschen Volkes, weil durch diese selbstherrlichen Eingriffe bat Ansehen, bi« Ehre unb bi« Sicherheit Deutschland» auf da- schwerste gefährdet werden unb auch bereits gefährdet worden sind. Nie- mand aitbeil all Fürst Bülow hat an dieser Stelle jene Be- fetigung bei Kaisers all «in Unglück bezeichnet. Unb der Kaiser hat damals Versprochen, auch in Privat- ge sprächen die nötige Zuruckhaltung beobachten. Wär« dem nicht, so erklärte Fürst Bülow, so konnte weder ich noch einer meiner Nachfolger bie Verantwortung tragen. Auch im .Reich»- Anzeiger* stand ausdrücklich, datz bet Kaiser den Vortrag de» Reichskanzler» darüber mit großem Ernst entgegennahm unb seine Erklärungen ausdrücklich billigte. Damals hat der Kaiser da» bindende Versprechen abgegeben, derartige Eingriffe in die Politik be» Reiche», )eb« derartige Betätigung eine»* selbstherrlichen Re- gimenl» nicht zu wiederholen unb sogar in Prioatgesplächcn über politische Dinge sich einer entsprechenden Zurückhaltung zu be. fleißigen. Damals glaubte die Mehrheit diese» Saufe» und be» Volkes, sich dabei beruhigen zu können. Anderthalb Jahr« ist auch nichts geschehen. Auf einmal würbe e» ander».

Der Kaiser hat in Königsberg auf bem Fest der Provinz Ost­preußen eine feierliche Rede gehalten. Er erging sich zunächst wie eS bei ihm Brauch ist, in einer Verherrlichung von'Mitgliedern seiner eigenen Familie. Aus diesen Familien. 1 u 11 u will ich nicht rtngehen, ob er mit den

historisch erwiesenen Tatsachen und dem guten Ge­

schmack in Einklang steht. Der Kaiser sagte: Kaiser Wilhelm 1. hat sich die Krone von Preußen auS eigenem Recht auf» Haupt gesetzt; und noch einmal bestimmt hervorgehoben, daß sie bon Gotte» (Knaben ihm verliehen sei unb nicht vom Par- lament, Volksversammlungen unb Vrlksbeschlüssen, unb baß er sich als au » erwählteS Instrument des Himmels betrachtet. (Ein Sozialdemokrat ruft: 'ächerlichk) Ohne Rück­sichten auf TageSan sichten und Meinungen gehe er leinen Weg. Diese Sätze sind die offenkundige Verkündigung unb Betätigung deS GotteSgnadentumS unb be» persön­lichen Regiment». (Sehr richtigl links.) Nur

die konservative Presse ljut bas nicht anerkannt; bei

ihr scheint heutigentags ber männliche Geist, her damals die Rebe des Herrn von Hcydebranb beseelte, boQftänbig verschwunden zu sein. Der Kaiser unb sein Schild- knappe, bie Deutsche Tageszeitung, hat unrecht, bah da» Recht des Königs ausschließlich auf seinem persönlichen Verhältnis zu seinem Gott beruht. Da» königliche Recht ist heute gebunden an Der- fassungSmaßige Bestimmungen. (Sehr richtig! link») Auch schon die Enterbung der preußischen Krone beruhte auf der Verleihung durch den dainaligen römischen 5kaiser deutscher Nation, erzielt durch alle Mittel höfischer Intrige. Aber auch selbst wenn das eigene Recht der Hohenzollern bestanden'te, so hat die Sache oufgehört 1848. Dann weiter die Auffassung des Kaisers über bie Frauen! Etwas mehr sollte ber Kaiser von ber wirtschaftspolitisäen Ent- Wicklung des Vaterlandes doch kennen Die Frauen werden heute Millionen hereingeriffen in das Erwerbs- und Wirtschaftsleben oer ganzen Nation, müssen in stetem TageSkampf, in schwerer Arbeit für sich unb ihre Kinder ihr Brot erwerben, unter viel ungünstigeren Verhältnissen als die Männer. Deshalb müssen sie sich im öffentlichen Leben unb in wirtschaftlichen Organisationen betätigen. DaS braucht die Frau nicht zu hindern im Hause eine gute Mutter, gute Hausfrau unb Erzieherin ihrer Kinder zu

sein. Wir können daS besser beurteilen als Sie unb all der Kaiser, der durch die H ö f l i n g ! b r i l l e vom Leben des Volkes Überhaupt nicht» sieht. Welchen Eindruck mutz e» auf die Millionen bon Frauen machen, wenn der Kaiser ihnen sagt, «» komme heute nicht darauf an. s t ch auf Kosten der anderen au »zu leben, wahrend auf ihre Kosten infolge der Teuerung die Zivilliste um 8H Millionen erhöht ist

Welche tiefgehende Empörung mutzte sie da ergreifen. Diese Empörung wird weiter arbeiten, und ich hoffe, daß Wilhelm II. es noch erleben wird, datz die Frauen sich ihr Recht erobern auch gegen seinen Willen.

Trotz de» feierlichen Versprechen» hat der Kaiser e» für ange­bracht gehalten, sich wieder selbstherrlich zu betätigen. Auf den Rüstungen beruht der Frieden, erklärte der Kaiser. Da» ist falsch! W i r wirken für den Frieden. Aber auch bis weil in bürgerliche Kreise hinein arbeitet man mit Eiker dafür. Dabei muß man auch de» großen russischen Dichter» und Denker- To l st o i sich erinnern, der vor einigen Tagen im Bann« der Kirche begraben wurde. Der Mann hat den Krieg al- Soldat kennen gelernt. Er kennt ihn nicht bloh von Paraden auf dem Tempelhofer Feld unb von Kaisermanövernl ES hat keinen grützeren Feino txfl Kriege- gegeben al- ihn.

Mil allem Eifer, mit all feiner großen Fähigkeit hat er ben Völkermord bekämpft und in diesem ampfe sein LcbenSwerk ge- sehen. E- ist eine Ehrenpflicht bei dieser Gelegenheit Tolstois zu gedenken. Sein« Tätigkeit wirkt mehr zugunsten deS Frieden- al» da», wa» alle Monarchen Europa- tun können. Der Kaiser durchkreuzt ja aber geradezu die Politik seiner Regierung, die auf eine Beiständiguna qerichtel ist Wie kann der ftaifer fein Verhalten mit seinem feierlichen Versprechen vereinbaren? Er hat ei bewußt durchbrochen Da» Hal auch der frühere mittoncUtbtrole flbg. Kulemann In feinen Memoiren anerkannt. Ich hoffe, daß der Redner der Nationalliberaten ihn heut« nicht desavouieren wird. Wir können den Kaiser nicht hierher zitieren, aber wir können fragen, wa» bei Reichskanzler dazu sagt.

Bisher hat er sich auSgeschwiegen. Es wäre höchst bedauerlich, wenn wir eltoa dieselbe Antwort erhielten, die bereits ein anonymer Mitarbeiter der .Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" gegeben hat, der bie Frage vom rein foroialistifchen Gesichtspunkt aus behandelt. Er sagt, daS wäre ein schlechter König, der ficfa bie Ansichten de! Tages xur Richtschnur feiner Handlungen nehmen würde Wir fuw anderer Meinung. Die Mcinungen bei Volke» müssen für den König aiaßgevend sein. Weim er versucht, gegen die Volks- Meinung zu regieren, dann wirb feine Stellung unhaltbar, bann lomuti es eniiixbet zu feiner perfönlichen Beseitigung ober zur Beseitigung des monarchischen System» Über­haupt. Es ist eine Illusion, wenn ber ftaifer glaubt, daß er sich au» eigener ftraft, gewissermaßen in Zwiesprache mit feinem Herr­gott, seine Meinung bilden kann. Auch Fürst Bütow hat hervor- gehoben, datz der Kaiser von einer Höflings la marilla deeinflutzt wirb. Wir verlangen, datz em für allemal dafür gesorgt wird, datz derartige Ding« nicht mehr vortommen. Der ftaifer hat sogar bie Hilfe ber katholischen Geistlichkeit angerufen. Im Kloster Beuron hat er erklärt, Thron unb Altar gehören zusammen. Er hat also ble Hilfe ber Benediktiner, be» Papste», der katholischen Kirche für sich gefordert unb für sein selbstherrliche» Regiment. Ich weitz nicht, ob die katholische Kirche und ihre Bundesgenossen vom Zentrum bereit sein werden, diesem gefährlichen Appell Folge zu leisten. Jedenfalls wirb e» wohl daS Zentrum nach alter Taktik hier beeineiben. irgendwie eine klare erkennbare Stellung einzuiiehmen. Aber sollte unter bem Segen der Deirediktincr unb Kapuziner er bi es en Weg weiter gehen, fo wäre es ein für ihn unb sein Hau» oerberdticher Weg. DaS ist ber Weg, der bi« Stuart» in England und bi« Bour­bonen in Frankreich in» Verderben gestürzt. Da» ist der Weg, den in diesen Tagen der junge König Manuelvon Por­tugal gegangen ist. der auch mit solchen Anschauungen Wil- Helm» 11. erblich belastet war (Heiterkeit bei ben So-.) unb bei Nacht unb Nebel en» feinem Lande bat gehen müssen. Lin« der- artig« selbstherrliche Politik, wie ft« Wilhelm II. angefünbigl hat, ift unmöglich in ber heutigen Zeit, muß noavenblg zu Konflikten führen Freilich, ist boch der Kaiser sogar hier an» dem Hause zum Llaat»str«ich aufgefordert worden, von Herrn v. Oldenburg! Jetzt wieder hat «* bei bet Rekrutendereibignng in Pot»dam di« junge« Soldaten $um Kadaver­gehorsam gegen ben König sm;gefordert: .Ei neu Konflikt zwischen Pflicht And Gewissen gibt H bet einem rechtschaffenen Soldaten nicht.' Der Sinn dieser Worte kann nur der fein, den der Kaiser einmal in bie Erklärung gefleibct hat. batz der Soldat auf Geheitz deS König» selbst auf Vater und Mutter in schießen habe. Ta! ist au» dem Oldenburgfchen in» jwhenzollerusche übersetzt. Demgegenüber kann e» die»mal nicht damit genug fein, datz hier etwa irgendeine Erklärung abgegeben wirb ober gar, was wir wirklich nidxt mehr hoffen, batz der verantwortliche Reichskanz­ler di« Redewendungen eines Norddeutschen Allgemeinen Subal­ternbeamten (Heiterkeit) über bie statlSrechtliche Stellung be» ftaifer» hier einfach wreberholt. (Sehr gut! link» ) Wir müssen oeclangen, batz nun enblich etwa» getan wirb, daß ba» felbfttjctr- liche Regiment nicht zur Durchführung kommt, vor allem bie Be- seiligung der bureaukratischen Verwaltungseinrichtungen und wirk- liche Selbstverwaltung. Der Landrat und alle seine Handlanger müssen verschwinden. Die Minister dürfen nur auSführenbe Organe be» Volkswillen» jein. Kein Reichskanzler barf ernannt fein, ber nicht durch den Volkswillen getragen, der nicht au» der Mehrheit der Parteien genommen wird. Selbstregierung de» Volke» durch da» Mittel de» Parla­ment» und Einführung de» Referendum». Der Männerstolz vor Königsthronen ist auch bei Herrn von Heydebrand selbst verschwunden. Die Angst vor der Sozialdemokratie hat ihn zum Handlanger de» persönlichen Regiment» gemacht. Al» er dieser Tage in Herford sprach, rief der Versammlungsvorsitzende ft la sing: Wir wollen bem Kaiser, sobald und so oft er ruft, folgen. Da» ist die Heydebrandsche Sammlungspolitik ins Klasingsche über­tragen. (Heiterkeit.) Wenn Sie sammeln wollen, Herr {Reichs- kanzler, zum Kampf gegen bie Sozialdemokratie, bann nehmen Sie Heinm von Heydebrand mit und stellen Sie Kaiser Wilhelm II. an die Spitze. Der Kaiser denkt vielleicht an jene Winternacht, wo er in einer ganz unangemeldeten Volksver­sammlung (Heiterkeit) vo mAltan seine» Schlosie» die Rede hielt, datz die Sozialdemokraten niebergeritten würden. Die Konservativen sehen sich nach Helfershelfern um, ich ho^e, datz die Freisinnigen nicht darunter sein werden. (Dr. Pachnicke winkt mit der Hand ab). Ich glaube Ihnen gern, mein lieber Dr. Pachnicke dast Ihnen das unangenehm ist, Sie möchten am liebsten mit Herrn b. Heydebrandt unter der Führung Wilhelms II. eine große Kavallerieattacke reiten. Aber es gibt Symptome, die mich hassen lassen, daß Sie, Herr Pachnicke, mit Ihrer Ansicht allein bleiben. Es bleibt ja den Freisinnigen auch nichts anderes übrig wenn sie die Ideale ihres Parteiprogramms verwirklichen wollen. Wir Sozialdemokraten, auch nur von bei radikalen Seita, werden Sie mit Freuden als

unsere Bundesgenossen begrüßen, wenn Sie gegen den rechtsstehenden Feind nmrschieren wollen. (Lebhafte Bewegung und Hört! hürtl-Rufe.) Wir werden mit Freuden an Ihrer Seite kämpfen. Mit den Nationalltbe^alen wohl nicht, denn di« ^Nationalliberale Korrespondenz" hat ja mit Entsetzen den Ge­danken an eine parlamentarische Herrschaft gurückgcwiesen. Da ist alle Hoffnung verloren. Die Herren haben ja schau in Staffel vergebens versucht, zu Beschlüffen zu kommen. (Heiter­keit k) Da kann man auch jetzt nicht verlangen, daß sie energisch werden. Das deutsche Bürgertum steht vor einer S ch i ck s a I 6 f r a a e. Vielleicht kommt diese Fraae überhaupt zum letzten Mal. Jetzt muß sich zeigen, ob im Deutschen Bürger­tum noch soviel Selbstgefühl ist, wie z. B. in England. Wenn DaS wirklich-so ist, dann begrüßen wir diese Mitkämpfer mit Freuden. Wenn Sie wirklich eine liberale Partei sind, eine Vollspartei. dann ist der einzige Weg, den Sie emschlagen können, an unserer Seite, damit Sie [üb au» der trüben Lage retten, in die Sie durch die Blockpolitik gekommen sind. Kämpfen Sie nicht mit unS. bann werden Sie zu Handlungen ber Konservativen wie die Nationalliberalen. Dann reißt der tote Block die fortschritt­liche Volks^rtei mit sich in» Verderben. Ich hoffe, daß e» ander« kommen wird, wir werden es Ihnen erleichtern mit un» zusammen au kämpfen. (Hörik Hört!) Wir könnten auch unfern Kamps allein fuhren, die Folge würde fein, datz auS allen bürgerlichen Parteien bie Männer die von dem GotteSgnadenkönigtum und der Junker­herrschaft nicht» wissen wollen, zu un» herüberkommen. Durch den gemeinsamen Kampf mit Ihnen, werden aber unsere Ziele nicht verwischt Wir halten an unseren republikanischen For­derungen fest. (Hört! Höri!). Wie in anderen Ländern so mutz auch in Deutschland der RepublikaniSmuS vervollständigt wer­den. Der Getstdrr Zeit mutz siegen, den der Kaiser ver­derblich nennt. Da» hindert aber nicht, datz wir Bestrebungen auf parlamentarische Herrschaft, wie wir sie in England $aben, unter­stützen. Wollen Sie mit unS kämpfen dann werden wir gemeinsam siegen. .Und wenn die Welt voll Teufel wär, wir werden «S docherzwingen.' (Beifall bei ben Soz.)

Reichskanzler v. Dethmann Hollweg r

Bevor ich zur Beantwortung ber Interpellation selbst übergeh«, wende üh mich mit einigen Worte. zu ben Ausführungen be» Vorredner». Die Darlegungen, die uns der Abg. Ledebour soeben bt dem -weiten Teil« feiner Red« gegeben Hal, erweisen, wie recht der .Vanvärt»' hatte, al» er öot einigen Tagen an kündigt«, der Zweck der heutigen Interpellation fei die Aufroüong ber 8er- faffongSkrag«. Die Ausführungen be» Abg. Ledebour -eigen durchaus klar, daß ertunb seine Partei bet dieser Aktion nicht von einer Sorge um da» Gemeinwohl geleitet werden, im Gegenteil von einer leidenschaftlichen Gegnerschaft gegen unsere Verfassung erfüllt sind. (Lebhafte Zustimmung recht!, Lärm unb Lachen bei be« Soz.) Der Abg. Ledebour hat sich soeben mit klaren Worten für sein« Partei -um RepublikaniSmuS bekannt. (Zurufe der Soz.: Ist denn das etwa» Neues?) Nein, meine Herren, eS Ist nicht neu. Sie haben von jeher diese» Prinzip verfolgt, da! haben wir gewutzt, aber e! hat kaum eine Zeit ge­geben, wo Sie mit diesem Endziele so klar vor di« OeffentlichkeU getreten sind, mit heute. (Lachen und Widerspruch der Soz.) Uni e! ist gut, datz Sie ba» tun, batz ba» ganze Land weitz, zu welchem Ziel« Si« hinsteuern. (Sehr richtigl recht».) Wenn sich ber Abg. Ledebour zur Aufgabe gestellt hat, da» zu erreichen, so mutz ich Ihn zu feinem Erfolg beglückwünschen. (Sehr wahr! recht».) Ob er im übrigen bei der Begründung der Interpellation dasselbe Glück gehabt hat, barüber wirb ber Reichstag nachher zu entscheiden haben.

Auf He Interpellation selbst hab« ich folgende» -u erklären: Die Interpellation geht von der Annahme au», 6etnt Majestät ber Kaiser habe im November 1908 dem Reichstag durch den Reichs» kanzler Fürsten Bülow Erklärungen gegeben, mit denen er sich durch Aeutzerungen üi Reden dieses Jahre» bx Widerspruch gefetzt hab«. Diese Annahme ist salfch. Im Anschlutz an die Debatten, die hier im Reichstage geführt worden sind, ist zu jener Zeit, wi« Herr Ledebour ja auch selbst mttgctdU hat, durch den .ReichSanzeiger" mllgeteUt worden, datz Sein« Majestät der ftaifer bem Reichskanzler Fürsten Bülow unter Billigung feiner Aus­führungen im Reichstage unb unter Bekunbung feine» andauernden Vertrauen» feinen Willen dahin kundgegeben habe, datz er nunmehr durch bie bon ihm al» ungerecht empfundenen Uebertreibangen der öffentlichen Kritik veranlatzt. feine vornehmste kaiserliche Ausgabe darin erblicke. He Stetigkeit bei Politik be! Reiche» unter Wahrung der verfassungSmäßigen Verantwortlichkeiten zu sichern. Mit dieser Erklärung im .ReichSanzeiger' ist Der Öffentlichkeit gegen­über eine Mitteilung erfolgt, wie ber Kaiser feine staatsrechtlich« Stellung unb bk Pflichten seine» Herrscheramte» auffatzt. Mit diesen Auffassungen hat sich Seine Majestät bet Kaiser nicht in Widerspruch gesetzt, und er hat e» insonderheit nicht getan da! stelle ich deS weiteren fest durch Aeutzerungen, die er seither getan hat. (Sehr richtig! rechts.) Trotz der sehr eingehenden Darlegungen ist un» der Abg. Ledebour den Gegenbeweis schuldig geblieben. Es ist mir völlig unerfindlich, wie man aus ber Beuroner Ansprache, aus der Ansprache an die Rekruten, aus den Aeutzerungen, die der Kaiser zu Königsberg über den Beruf der Frauen, über die FriedenSbürgschaft, die ein starke» Heer liefert e» ist mir unerfindlich, wie man au» diesen Aeutzerungen folgern will» datz der Kaiser die Grenzen feines Herrscheramte» überschritten oder die Stetigkeit der Politik unb bi« Autorität der Krone gesährdet hätte. (Sehr richtigl)

Die Königsberger Rede die der König von Preutzen vor Angehörigen einer preutzischen Provinz gehalten hat enthält auch nicht, wie man chr nachgesagt hat, eine Bekundung absolu­tistischer, mit unserem VcrfassungSrecht unvereinbarer An­schauungen, wohl allerding» eint

parke Betonung besteigen monarchische« Prinzips,

auf bem ba» preutzische StaatSrecht beruht, (Sehr wahr! rechts), verbunben mit bem AuSbruck tiefer religiöser Ueberzeugung, bie in breiten Schichten beS Volkes verstauben (sehr richtig!) unb auch geteilt wirb. (Lauter wiederholter Beifall rechts unb im Zentrum.) Die Könige von Preußen sind in einer jahrhunderte­langen Entwicklung mit ihrem Volke verwachsen. Diese Ent- Wicklung hat sich nicht fo vollzogen, daß e» das Volk gewesenei, haß sich ein Königtum gesetzt hätte, sondern in einer fast beispiel­losen historischen Arbeit großer Herrscher aus dem Hause Hohen- zcllern, die in der Tüchtigkeit unb Zähigkeit der Bevölkerung eine lebenbige Stütze ftuib, ist ein preußisches Staats w< s e^t