Ausgabe 
24.12.1910 Zweites Blatt
 
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Zweiter Blatt

Nr. 302

160. Jahrgang

Erscheint tS-Nch mit Ausnahme des Sonntag».

DieGtetzener Famlllendlätler" werden dem viermal wöchentlich beigelegl, daS KrtUbkrtt fUi den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Diecandwirtjchaftllchen Seit- fragen" erscheinen monatlich jroeunaL

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhesfen

Zamrtag, 24. Dezember 1910

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UnwersitätS - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: 5L

Redaktion: ^-^112. Tel.-AdruAnzelgerGießen»

Englands Abhängigkeit bei der Versorgung mit Lebensmitteln von der nordamerikanischen Union.

SBet Begmn des Jahrhunderts hatte Englands Ad- 'yangigkert von der norbamerikanischeu Union in bezug auf die Versorgung mit Lebensmitteln bcn böchsten Grad er- rncht. Im Fahre 1900 bezog England rund 50 Mill. Dz, Merzen, davon 29 Mill. D§. aus der Union, 9 Mill, aus Segen tunen und nur 6 Mtll. aus seinen Kvlonien. Im

1909 tvaren Englands Weizenzusuhren auf nahezu 57 Mtll. Dz. gestiegen. Davon kamen aber nur 12 Mill aus der Union, 10 Mül. aus Argentinien, 9 Mill, aus Ruß­land und nahezu 23 Mill. Dz. aus seinen Kolonien Kanada, Australien und Ostindien.

Englands Abhängigkeit von der nordamerikanischen Union i|t nicht nur bei der Versorgung mit Weizen, sondern aud) ber der Deckung seines Fleischbedarfs geringer ge­worden. Englands Einfuhr an Vieh, Fleisch, Speck und Schinken beläuft sich seit 1900 auf durchschnittlich 10 Mill. Dz. jährlich. Daran war die Union 1900 mit 5,8 Mill. Dz, beteiligt, 1909 aber nur mit 2,9 Mill. Dz. An Stelle der Umon ist Argentinien der Hauptlieferant Englands für Rindfleisch geworden. Die britischen Kolonien sandten 2,6 Mtll. Dz., darunter 1,5 Mill. Dz. australisches Hamrnel- jleisch.

Gegenwärtig decken die britischen Kvlonien den Bedarf des Mutterlandes an Weizen mit 40, an Fleisch mit 25 Proz. und konkurrieren hauptsächlich mit der Union und mit Argentinien.

Von der Union bezieht England 22 Prvz. seines Weizen­bedarfs und 23 Proz. seines Fleischbedarfs. Noch erheblich größer ist der Wert der englischen Einfuhr aus der Union an Rohstoffen (Baumwolle, Petroleum usw.). Im Jahre 1909 empfing England von der Union für 2338 Mill. Mark Erzeugnisse und sandte dorthin für 435 Mill. Mk. Waren.

Mit Rücksicht auf den jährlichen Umschlag von mehr als 3 Milliarden Mark einschließlich des Schiffverkehrs muß England eine jede kriegerische Verwickelung mit der Union vermeiden, ja unter allen Umständen und um jeden Preis verhindern, schon weil es die Union als unentbehrliches Bezugsland für seinen Bedarf an Lebensmitteln und Roh­stoffen nicht entbehren kann.

Nicht zuletzt aus dieser wirtschaftlichen Abhängigkeü ist Englands nachgiebige Politik gegenüber der aussteigenden Union zu verstehen. In Washington hat man alle eng­lischen Liebenswürdigkeiten mit dem Bewußtsein des Stär­keren als etwas Selbstverständliches Eingenommen. Eng­lands Anregungen auf Abschluß eines Bündnisses oder we­nigstens einer Entente fanden in Washington keinen Un- klana. Nach der Ueberlieferuug soll die Union mit euro­päischen Mächten keine Bündnisse abschließen. Daran hält sie fest und wird in absehbarer Zeit schwerlich davon ab» gehen.

Englands schwächste Stelle gegenüber der Union ist Kanada, ein Pfand im Besitze der Union für Englands Wohlverhalten. Wird Kanada einmal vom britischen Reiche losgelöst, bann erleidet dessen ganzes Gefüge eine ernst­liche Erschütterung. Die Angliederung Kanadas, dieses großen Weizenlandes der Zukunst, ist für viele Unionspoli- tffer nur noch eine Frage absehbarer Zeit. In den eng­lischen Befestigungen auf Jamaika erblicken die Unions- polittker eine Gefährdung ihrer Stellung am Panama- kanal. Kein anderer als der sonst so englandfreundliche Kapitän Mahan hat mit großer Bestimmtheit ausgesprochen, daß alle Besitzungen der europäischen Mächte auf dem amerikanisch eit Festlande und in dessen Umgebung der Union zufallen müssen. In diesem Sinne haben sich schon die hervorragendsten Unionspolüiker, darunter auch Roosevelt, vernehmen lassen.

Für die englische Polittk ist es die wichttgste und schwie­rigste Aufgabe, mit der Union in Frieden und Freundschaft

Bethlehem.

Leise durch der 2iude Zweige Schwebt des Abends blasser Schleier, Aus der Aeste fraiden Schallen Steigt eiu Stern zu stiller Feier.

Fern ist noch ein schrverer, harter Lallt, der ivie erschreckt verschlvmdet, Näber schwebt ein fainteS Flüstern, Tas zu meinem Herzen findet.

Still nun sei, du irres Stürmen, Du ^erzwelleln nun und Silagen, Mas das Schicksal auf miet) legte, Stark, ergeben will ichs tragen.

Presse, Hand, die Brüll, die wunde, Ibren Sen'zer sellznhallen.

Glätte, Stirne, deine ichlveren, Teme heißen Sinmmer^alteit.

Oben steht ein Stern, der leuchtet, Unten schivebt des Abends Frieden, Herz, auch dir ist noch ein Heilen, Noch ein irdischer Trost beschieden.

Stiller Sterii in ewiger Ferne,

Abendsegeii dir, 0 Erde * Flügel fühl ich mich umrauschen, Mich umrauschen hör' ich: Weide!

Wilhelm Holzamer.

(Aus dem Nachlaß.)

wie dar Ainü seine Weltanschauung beginnt.

Von BertholdOtto.

Aber das ist schon sehr früh gewesen, für mich wenigstens überraschend früh, daß die Helga norm Spiegel ihre Hand an­gesehen hat und dann ihre Hand im Spiegel angesehen hat Und dann ihre Hand hin und her gedreht hat unp dabei erst immer auf ihre Hand und dann auf die Hand im Spiegel gesehen hat und dann immer hin und her. Auch wenn ein anderer hinter mrs an den Spiegel kam, dann sah sie sich erst den im Spiegel an und dann sah sie sich n,rn. Aber das mit der Hand das machte sie immer wieder und nicht bloß an dem richtigen Spiegel, sondern vor jeder Glasfdieibe, wo sich etwas spiegelt. Wir haben eine doppelte Glastür, da geb: man durch nach der Glasveranda hinaus, da sieht man zwei Spiegel- oüder hintereinander, erst in dem einen Glas roch bann in dem

zu bleiben. England steht unter einem Druck, dem es sich nicht mehr entziehen kann, und wird noch manche «Ent­sagung zu erleben haben.

wie in Deutschland gespart wird.

Zu Anfang des Jahres 1909 hat in sämtlichen öffentlichen und nichtöffentlichen Sparkassen Deutschlands mit Ausnahme der Sparkassen im Herzogtum Braunschweig das Gesamtaut- haben der Einleger 14 553 Mill. Mk. betragen gegen 13 921 Mill. Mark anfangs 1908. Auf den Kopf der Bevölkerung kommen hiernach durchschnittlich 231 Mk. Einleger-Guthaben gegen 224 Mark im Jahr au fror. Im Laufe des Jahres 1908 wurden neu eingelegt 56,40 Mk. pro Kopf: der Zinsenzuschlag hat pro Kopf 6,54 Mk. betragen. Dem stehen Rückzahlungen an die Ein­leger gegenüber im Bettage von 53,35 Mk. pro Kopf. Legt man als Maßstab das Einleger-Guthaben zugrunde, so wird am meisten gespart im Fürstentum Reuß jüngere Linie, wo durchschnittlich 713 Mk. EinlegerÄuthaben auf den Kopf der Bevölkerung kommen. Es folgen Schaumburg-Lippe mit 711 Mk., Lippe mit 680 Mk., Waldeck mit 525 Mk., Bremen mit 489 Mk., die Provinz Westfalen mit 421, die Provinz Schleswig- Holstein mit 405 Mk., die Provinz Hannover mit 396 ML, Reuß ältere Linie mit 346 Mk., Badert mit 339 Mk., Sachsen-Eoburg- Gotha mit 332 Mk., Sachsen-Meiningen mit 318 Mk., dos Königreich Sachsen mit 317 Mk., Sachsen-Altenburg mit 310 Mark, Hamburg mit 299 Mk., die Provinz Sachsen mit 280 Mark, die Rheinprovinz mit 266 Mk., die Provinz Pommern mit 261 Mk., ö elfen mit 247 Mk.

Für ganz Preußen stellt sich das Einleger Guthaben pro Kopf auf 245 Mk. lieber dem Reichsdurchschnitt stehen außerdem noch Lübeck mit 238 Mk. und die Provinz Brandenburg (ohne Berlin) mit 235 Mk. Am wenigsten wird gespart in Ostpreußen, wo nur 78 Mk. auf den Kopf der Bevölkerung kommen. Gleich hinterher folgt Bayern mit 79 Mk.: dabei unterscheidet sich Rheinbayern mit 85 Mk. nur sehr wenig von den übrigen Bayern, wo der Turchschnittssatz 77 Mk. beträgt Für Elsaß-Lothringen stellt sich der Durchschnitt pro Kopf auf 89 Mk., für Oldenburg auf 91 Mk., für die Provinz Posen auf 98 Mk., für Mecklenburg auf 111 Mk., für die Provinz West­preußen auf 112 Mk., für Berlin auf 153 Mk., für Schlesien auf 158 Mk., für Württemberg auf 179 Mk., für die beiden Schwarz- burgischen Fürstentümer auf 190 Mk., für Hessen-Nassau auf 207 Mk., für Sachsen-Weimar auf 220 Mk., für Anhalt auf 224 Mk.

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Au» Ktaöt und Land.

Gießen, 24. Dezember 1910.

* Aerzte und Sanitätsverein. Die ärztliche Vertragskommission hat das Verhältnis zum Sanitätsverein zum 1. April k. I. gekündigt. Der Verein wollte, um seinen Mitgliedern nicht erhöhte Beiträge abfordern zu müssen, aus früheren Ersparnissen das Aerztehonorar 1912 um 1 Mk. für Jahr und Familie und von 1913 an um 2 Mk. jährlich aufbessern. Die Aerzte verlangen nun, daß diese Zulagen schon von 1911 an gewährt werden Und weiter, daß jedes Mitglied des Vereins, dessen Einkommen sich auf über 2000 Mk. für das Jahr erhöht, aus dem Verein aus­geschlossen werden soll. Wenn diese Forderung autgeheißen wird, wäre das Fortbestehen des Sanitätsvereins sehr in Frage gestellt. Der Verein würde Mitglieder verlieren, die ihm Jahrzehnte lang angehören und neue Mitglieder unter dieser Bedingung schwerlich bekommen.

** Die Viehpreise, die unsere Metzger anlegen müssen, sind heruntergegangen, wenn auch der normale Preisstand noch nicht erreicht ist. Es werden gehandelt in Qualitäten, wie sie unsere Metzger taufen: Ochsen 84 bis 86 Mk., Rinder 78 bis 82 Mk., Kühe 64 bis 68 Mk., Kälber 70 bis 74 Mk. und Schweine 67 bis 70 Mk. Hoffentlich folgen auch die Fleischpreise bald den sinkenden Wieh- preisen.

** Anerkennung. Der Tierschutzverein ließ gestern durch den Schlachthofsdirektor Mobbe zur Aner­kennung humaner Behandlung des Schlachtviehes nach- _Mk. überreichen: Fritz mtbem Glas. Das war nun wieder eine große Freude. Denn viele Wochen lang bleibt Helga immer bei denselben Hebungen. Unb fajon ehe sie ein halbes Jahr alt war, zeigte sie jganz deutlich, welche Hebung sie anstellen wollte. Sic benahm sich ganz so wie ein Reiter auf dem Pferd: sie drehte den Körper, Arme und Beine so geschickt, daß man immer ganz genau fühlte, wo sie hin wollte, wenn man nämlich acht darauf gab. Unb ich.benke mir, das werden wohl alle kleinen Känder so machen, bloß daß nicht immer acht darauf gegeben wird.

Ich habe nun sehr genau acht darauf gegeben, denn ich wollte ja gerade sehr viel von meiner Helga lernen. Also eine Zeit lang mußte ich jeden Morgen mit ihr an die Doppeltür von der Glasveranda, und da wurde bann die Geschichte mit ber Hand probiert. Die wurde bin und hergedreht und an­gesehen, dann wurden die Spiegelbilder angesehen, bann aber wußte bie eine Verandatür aufgemacht werden, und dann gabs Spiegelbilder nach beiden Seiten, unb die mußten auch an­gesehen werden. Ein ganz besonderer Witz war es aber, wenn dann iemand dazu kam und sich hinter die eine Glasscheibe stellte, so daß die Helga hinter der Glasscheibe noch etwas anderes sah als ihr eigenes Bild. Dann griff sie sofort hin und griff natürlich die Glasscheibe. Unb wenn bann ber Andere, das war meistens die Irmgard, ganz dicht an die Glasscheibe heran kam und wohl gar die Nase darauf drückte und wenn dann die Helga nach der Nase faßte und doch nichts von Fleisch fühlte sondern; nur Glas, das gab einen ganz besonderen Spaß. Aber nicht bloß an dieser Glastür, sondern an allen Doppelfenstern mußte so etwas ausprobiert werden.

Aber mit bem An fühlen da gab es noch etwas sehr Wunder- bares. Eins muß ich ba noch vorher erzählen. Schon in bev allerersten Zeit, wo sie mit den Häubchen zugreifen konnte, da habe ich jie immer an den Abreißkalender getragen, und da wußte sie das Blatt abreißen und das wird noch bis auf den heutigen Tag ebenso gemacht. Da sehen wir uns dann immer erst die Uhr au. Wenn ich danntick tack" sagte, oder tiod,1 genauer mit der Zunge nachzumachen suchte, wies die Uhr macht, dann sah sie erst die Uhr an und dann mich an unb bann lächelte sie, arab als wenn sie sagen wollte:Ja, es ist wirklich ungefähr so". Nun, das hatte ich end) ja schon das vorige Mal erzählt, daß sie das auch bei anderen Gelegenheiten so macht, wenn ich etwa die Hühner oder den Hahn oder irgend einen Hund nachmache: wenn die Nachahmung zu unähnlich nnrrbe, dann kümmerte sie sich garnickst banim, aber wenns einigermaßen gelungen war, bann sah sie mich an unb läch-tte Unb so ließ sie bei ber Uhr auch das Ticktack gelten und das Abreiben erkannte sie auch wohl an dem lautenRatsch" Also wenn ich morgens mit ihr in die Stube bmeuiging, daun, sagte

Schau ermann (bei Metzgermeister Klein), Peter Sommer (Schreiner), Louis Fremd (Meister) und Adolf Schwader (Möhl).

** Stadttheater. Dem Eharakter des Tages ent­sprechend ist für Sonntag, 25. Dezember, abends 8 Uf)rAf ein ernstes Stück BjörnsonsHeber dieKraft" angesetzt worden.« Das bekannte ergreifende Schauspiel ist unter Leitung des Oberregisseurs Bakos neu einftubiert worben. Der zweite Feiertag bringt nachmittags den beliebten SchwankDer bunkle $ u n f t" unb abenbs bie über­mütige PosseDas Opferlamm". Auf vielfachen Wunsch hrirb zu letzterem Stück noch zugegeben Ludwig Thomas neuer BauernschwankErster Klasse", ber so­wohl burch bie brollige Hanblung wie durch das eigenartige vorzüglich bargestellte Interieur eines rollenben Eisenbahn­wagens stets stürmische Heiterkeit erzielt. Dienstag den 27. Dezember (bem sog. 3. Feiertag) wirb nachmittags bas reizenbe MärchenDie M ä u s ekö n ig in" ober Wie ber Walb in bie Stabt kam" unb abenbs die zugkräfttge OperetteDie Försterch ristel" gegeben, beide Aufführungen unter Mitwirkung der hiesigen Regi­mentskapelle. Sämtliche Weihnachtsvorstellungen, mit Aus­nahme der des ersten Feiertages, finden bei kleinen Preisen statt.

** Die Wahl zum Vorstand der israeliti­schen Religionsgemeinde (Muttergemeinde) hatte eine ausnahmsweise rege Beteiligung aufzuweisen. Von den eingeschriebenen 145 Wählern haben 121 ihr Wahlrecht ausgeübt. Wiedergewählt wurde mit 110 Stimmen Geh. Kommerzienrat Heühelheim. Neugewählt wurde Weinhänd- ler Kann mit 80 Stimmen, sein Gegenkandidat, Louis Rosen­thal erhielt 41 Stimmen.

** Die Kracheburg in der Neustadt sollte um­gebaut werden. Als man die unteren Gefache der alten Baracke entfernt hatte, zeigte sich, daß das Balkenwerk morsch und zerbrochen ist und für die Arbeiter die Tätig­keit an dem Bau äußerst gefährlich werden kann. Infolge davon wurden die Arbeiten durch ein Polizeiverbot ein­gestellt. So ruht nun bis auf weiteres die Sache. Das BerlehrShiuderuis in ber Neu stabt ist aber burd) ben Bau­zaun und die weit in die Straße hineingestellten Stützen noch hinderlicher für den Verkehr geworben.

**Die Weihnachtsbitte für bieHerbergezur Heimat hat eine sehr freundliche Aufnahme ge­funden. Es sind außer an Kleidungsstücken und Naturalien (darunter 25 Pfund Fleisch durch H. W.) bar 140,50 Mk. (darunter an größeren Gaben 100 Mk. von N. N. durch die Post und 20 Mk. von Sch. R. H.) eingegangen. Es wurden davon Sttümpfe und warme Kleidungsstücke angeschafft. Der Rest soll für festliche Bewirtung mit Speise und Trank und für Weiterbeförderung solcher, die ds besonders be­dürftig sind, verwandt werden. Von sonstigen Spenden an Geld wurde abgesehen, da das erfahritngsgemäß sich fast ausnahmslos inTrinkgeld" im vollen Sinne oes Wortes verwandelt. Den edlen Gebern, die so geholfen haben, denBrüdern von der Landstraße", wie der selige Bodelschwingh sie genannt hat, denen so schwer zu helfen ist, weil sie sich vielfach der richtigen Hilfe entziehen, wenig­stens eine Weihnachtsfreude zu bereiten, herzlichen Dank!

Kreis Friedberg.

-l- B u tz b a ch , 23. Dez. Sitzung des Gern einder atS. Der Voranschlag der Stadt Butzbach für 1911, der mit einer Gesamteinnahme und Gesamtausgabe im Betrage von 217 350 Mark abschließt, wurde für richtig befunden. Die außerordciit- lichen Ausgaben betragen 22 700 Mk. und zwar find vorgesehen: 15 679,26 Mk. Kapitaltilgung, 1100 Mk. für Pflasterung eines Banketts am grünen Weg, 1950 Mk. für den Ausbau eines Teils der Römersttaße, 3600 Mk. für die Kanal- uxb Wasserleitunas-, anlage in ber Römersttaße, 200 Mk. für bie Verbindung ber Wasserleitung in der Ludwigsttaße mit der in der Kleberger Straße. Gegen die städtische Rechnung für 1909, die mit einer Gesamteinnahme von 323 182,12 Mk. unb mit einer Gesamt- ich schon, ehe ich bie Tür aufmachteTick tack, ratsch!" unhi dann strebte sie gleich nad) der Uhr und dem Abreißkalender hin^

Nun stand aber lange Zeit unmittelbar neben dem Abreiß­kalender auf einem größeren hölzernen Gestell ein GipskoA die Nachbildung eines pergamenischen Kopfes, von dem Bild­hauer Kokolsky in Farben ausgeführt. Er sieht also nicht so grell weiß aus wie die andern Gipsköpfe, sondern viel lebendiger^ Und in ber Zeit, wo bie Helga allen Menschen ins Gesrcbt faßte solch eine Zeit haben alle kleinen Kinber ba faßte sie auch einmal nach bem pergamenischen Kopf, und ba zog fiel zuerst bie Hanb ganz schnell zurück unb sah mich felyr verwundern an. Da war sie offenbar verwunbert barüber, daß dies Gesicht nicht weich unb warm war wie alle an bereu Gesichter, sondern hart und kalt. Die nächsten Male hat sie dann den pergamcnifdtml Kopf auch immer ziemlich zaghaft angefaßt, garnicht so, wie sie, einen lebendigen Menschen anfaßte: und sie war aud> keineswegs immer in der Laune, den Kopf anzufassen. Vom Kalender zuv Glastür ging es alle Tage, aber beim pergamenischen Kopf wurdü nur ab und zu Station gemacht.

Solch ein Rundgang im Zimmer ist bann mehrere Monate beibehalten worden, aber er wurde immer wieder ein bißchen anders, einiges wurde ausgelassen, anderes kam dazu. Dett Rundgang machte sie nämlich immer, wenn ich sie auf dem hatte, unb ich richtete mich ganz genau nach dem, was fie selber angab. Eine Zeit lang war ein sehr beliebtes Spiel daS Verstecken hinter der Gardine. 'Sann nahm sie die Gardine und hielt sie sich vvrs Gesicht. Ich hatte bann, wie's immeo bte Mütter mit ben kleinen Kindern machen, so in einem Ton, wie wenn man.ganz ängstlich fudrt, gerufen:Wo ist das! Würmchen, wo ist bas Würmchen?" unb wenn sie bann bis Gardine auf einmal vom Gesicht wegriß, bann rief ich, als wenn ich lebhaft erfreut wäre:Da ist bas Würmdien!" Tas wurde immer eine ganze Menge von Malen hinter einander gemacht, und jedesmal lächelte sie erfreut dabei. Aber dann kam anß einmal eine Abwechselung hinein. Unb bas muß halber gekommen fern, baß sie immer wieber versucht hatte, durch die Gla^sclicibe hindurch em Gesicht zu fühlen. Sie probierte nämlich nun aud), durch die Gardine hindurch mein Gesicht anzufassen, und da freute sie sich sehr, baß bas viel besser ging als bei ldep Glasscheibe. L^a mußte bas bann eine Zeit laug jeben Tag bei mehreren Gardinen auLprobiert werden.

Ein alter Weihnachtsbrauch aus dem Kreis! Biedenkopf. Im sogenanntenOberaericht" des Treiben- ba»*er GJrunbeö, hauptsächlich in ben Dörfern Steinperf Ober- unb Niedereiienhausen, hat sich bis in bie Gegenwart hinein ein früher allgemeui verbreiteter Brauch in ber Weihnachtszeit erhalten

der Umzug >er im letzten Schuljahr stehenden meitiHdtai