Ausgabe 
3.11.1910 Erstes Blatt
 
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größte Vermögen Berlins im Jahre 1908 gehörte dein Geheimen Kommerzienrat Ernst von Mendelssohn-Bartholdy und betrug 43 Millionen Mark. Es stand aber erst an der siebzehnten Stelle. Tie 16 reichsten Personen wohnen also nicht in Berlin. Selbst die kleine Stadt Kassel besitzt in der Person des Ge­heimen Kommerzienrats Karl Henschel, der im Jahre 1908 ein Vermögen von 46 Millionen Mark versteuerte, einen Steuer­zahler, der alle Berliner Vermögen überragt.

* Eine diplomatische S elt enheit. Der portugie­sische Gesandte in Paris, Graf de Souza-Noza, der unmittel­bar nach der Verkündigung der Rupublik in Lissabon tele­graphisch seine Abdankung einreichte, hat bis heute, so liest man im Gaulois, keine Antwort erhalten. Damit ist eine diplomatische Seltenheit entstanden: für die französische Regierung ist der Graf nach wie vor amtlicher Vertreter Portugals, aber da der Graf das Telegramm von der Verkündigung der Republik der französischen Regierung nicht selbst Mitteilen wollte, beauftragte er seinen ersten Sekretär mit dieser Aufgabe und übergab ihm zugleich die Ge- sclhifte. Tie französische Regierung betrachtet damit den Grafen alsabwesend", erkennt aber hen von "ihm ernannten Bevoll­mächtigten als Vertreter Portugals in aller Form an. . Der erste Sektetär der portugiesischen Gesandtschaft in Paris Bartolomeu Ferreira befand sich während der. revolutionären .Ereignisse zufällig in Lissabon. Man erwartete ihn in Paris zurück, um ihm die Geschäfte der Gesandtschaft zu übergeben, aber der Legations­rat mutzte in Lissabon bleiben: er arbeitet dort gegenwärtig als Abteilungsvorsteher und Direktor im Ministerium des Aeußeren. Daber hat er, wie viele andere Beamte, keinen Eid auf die Republik abgelegt. Die republikanische Regierung hat sich naturgemäß genötigt gesehen, eine größere Anzahl von Beamten in ihren Stellungen zu belassen, damit die Staatsmaschine nicht ins Stocken kommt. Um nun diesen Beamten, die auf das Königtum ver­eidigt sind, die Fortführung ihrer Geschäfte zu ermöglick)en, hat man eine neue Eidesformel ersonnen, die die royalistischen Ueber- zeugungen der betreffenden Herren nicht verletzt. Sie werden ver­eidigt unter der Formel:Ich verpflichte mich auf Ehre, die Pflichten meines Amtes getreu zu erfüllen." So können sic einstweilen ihre Geschäfte weiter verwalten, ohne der portugie­sischen Regierung einen Treueid zu lei.ren.

* Die Ratten als Kraftquelle. In kurzem wird die Welt ein Jubiläum begehen, das mit keinen Festreden und Ban­ketten, mit keinen Ehren«chriften und Denkmalsenthüllungen ge­feiert werden wird: das hundertjährige Jubiläum des Tages, an dem der Industrie eine neue Kraftquelle zum ersten Ültol er­schlossen wurde, die Kraft der Ratten. Genau vor einem Jahrhundert erhielt der englische Ingenieur Hatton von einem französischen Kriegsgefangenen ein merkwürdiges Spielzeug: es war ein zylinderförmiger Käfig, in dem eine Ratte gefangen saß. Durch eine sinnreiche Konstruktion wurde bewirkt, daß bei jeder Regung der Ratte ein kleines Rad sich drehte. Der englische In­genieur kam auf den Einfall, diese Konstruktion zu vervollkommnen und dann die Ratten zur Herstellung von Zwirn zu verwenden. Seine Mühe wurde auch belohnt, uni) durch die ersten Erfolge ermutigt, setzte er zwei Jahre lang eifrig seine Experimente fort. Er bediente sich dabei zweier Ratten, die fast unausgesetzt die Räder in Bewegung erhielten. In fünf Wochen tonnte er auf diese Weise 3350 Fäden Herstellen, jeder Faden von 625 Millimeter Länge. Die Versuche schienen gelungen und Hatton wollte feine

nkerkwürdige Erfindung nun in größerem Maßstabe prakttsD auS- nutzen. Er hatte berechnet, daß jede Ratte ihn jährlich 7,20 Mk. kosten würde; die Billigkeit der Arbeitskräfte war zum mindesten verblüffend. Ter Ingenieur erstand auch 15 000 Ratten, und in einer Zeit, wo die Msnutz der Tampfkraft und der Elektri­zität noch nicht praktisch erprobt war, hätten die Ratten als indu- Itrielle Hilfskräfte auf eine große Zukunft rechnen dürfen. Leider starb Hatton, ehe er seine Vorbereitungen beenden konnte, und wie derPetit Marseillais" berichtet, fand sich niemand, der die verwegene Idee ausgenommen und der Wirklichkeit entgegen geführt hätte.

* Götter, Helden und Nachtlichter. Unter dieser Spitzmarke lesen wir in der Täglichen Rundschau: Die Sozial­demokratie leistet im Heroenkult Bemerkenswertes, so Bemerkens­wertes, daßsmarte" Geschäftsleute auf diese Tatsache Geschäfte von hervorragender Geschmacklosigkeit, aber auch guter Erträglich­keit aufbauen können. Heute muß derVorwärts" selber gegen die Ausartung dieser Schwäche ins Groteske Anklage erheben. Er schreibt:Als eine Geschmacksverirrung gröbster Art muß es bezeichnet werden, wenn jetzt eine hiesige Firma Glasbüsten von Marx und Lasalle in den Handel bringt, die als Halter für Nacht­lichter benutzt werden sollen. Ans Wunsch werden dem Marx und Lasalle auch noch Musikwerke einmontiert. Dabei wird den Kaus- liebhabern geschmeichelt, daß sie sich durch den Besitz solcher Ab­surditäten als besondersgute" Parteigenossen auszeichnen würden. Prospekte solcherNachtlichter" werden nicht nur in Wohnungen, sondern auch bei den Parteiveranstaltungen verbreitet." Daß es Geschäftsleute gibt, denen feine Geschmacksverirrung zu roh ist, um sein Geschäft damit zu machen, wenn sich eine Kundschaft dafür findet, weiß man. Es war immer so und wird immer so fein. Wenn derVorwärts" sich dagegen ereifert, so wendet er sich an die falsche Adresse. Er müßte feinen Zorn gegen die Genossen wenden, deren genössisches Heldenverehrungsbedürfnis solche Ge- schmackslosigkeiten ermöglicht und herausfordert. Aber er wird sich, so meint dieKöln. Ztg.", ja hüten. .Das hieße ja wider Gott Demos sündigen.

* I m Eifer. Zeuge (bei Erhebung der Zeugengebühr, entrüstet):Was, für den Eid nur zwei Mark?"

* In der Sprechstunde. Arzt:Laßt doch das viele Trinken sein, Huber! Schon vor hundert Jahren erkannten die Gelehrten die schädlichen Wirkungen des Alkohols!" Huber: So? Und warum soll ich denn gerade anfangen mit der Besse­rung?"

Amtlicher wetteroencht.

Deffentliehe Wetterdienststelle Gießen.

Verlauf der Witterung feit gestern früh: Tas nordische Tief hat sich wenig verlagert. Es bekommt wieder Zuzug von tieiem Truck, der vorläufig über dem Atlantischen Ozean lagert. Infolgedessen verstärkt es sich wieder und tue Wetterlage ändert sich nicht. Es sind neuerdings Regetifälle bet westlichen Winden zu erwarten.

Wetteraussichten in Hessen am Freitag dem 4. Novbr. 1910: Westliche Winde, Regenfälle, in der Ebeiie etwas milder, im Ge­birge Schnee.

Letzte Nachrichten.

Mannheim, 3. Nov. Die Bekämpfung deS G r o ß f eu e r s bei der Maschinenfabrik von Heinrich Lanz dauerte bis heute f r ü h 4 U h r. Es verbrannten die Zentri- fugenabteilungen, ein langgestrecktes zweistöckiges Gebäude, sowie die Abteilung A, ein fünfstöckiges massives Backstein» gebäude von 25 Meter Höhe und über 100 Meter Länge. In dem Gebäude befanden sich fertige landwirtschaftliche Ma­schinen, sowie Futter- und Rüb en-Schneide- und Dresch­maschinen. Der Schaben läßt sich bis jetzt noch nicht genau feststellen, dürfte jedoch sehr beträchtlich fein. Das Feuer entstand in der Garderobe des ersten Stockes der Mtei- lung A. Die Entstehungsursache ist unbekannt. Um 11 Uhr stürzte das Gebäude der Abteilung A mit fürchterlichem Getöse in sich zusammen. Die Forderfront des Gebäudes fiel auf die Straße. Personen wurden nicht verletzt.

Berlin, 3. Nov. Friedrich Spielhagen ist durch den Tod seiner Tochter Toni, die den Haus­halt des Vaters geführt hat, in tiefe Trauer versetzt wor­den. Toni Spielhagen, die unverheiratet geblieben war, ist noch nicht 40 Jahre alt geworden. Sie war früher Lehrerin an der Margaretenschule in Berlin und sowohl bei ihren Schülerinnen wie bei ihren Kollegen sehr beliebt.

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