Ausgabe 
25.11.1910 Drittes Blatt
 
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Nr. 277

160. Jahrgang

Freitag, 25. November 1910]

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Redaktion, Expedition enb Druckerei: Schul«', ftrafe« f. ExpedtNon unb Verlag r 6L Rci>akttomL«ltL ieL-SlbuStnjetflerfflieBen,

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

mb. Deutscher Reichstag.

85. Sitzung, Donnerstag, den 24. November. Am Tische des Bundesrats: Dr. Delbrück, Frhr. v. Schorlemer.

Das HauS ist stark besetzt.

Präsident Graf Schwerin eröffnet die Sitzung um 1 Uhr 20 Minuten.

Die Wahl des zweiten Vizepräsidenten.

Die Wahl erfolgt durch Stimmzettel. Es werden 311 Stimmen abgegeben. 68 Zettel Nationalliberale und Frei­sinnige sind unbeschrieben. Von den 243 gültigen entfallen auf >L ch u l tz (Rp.) 186 (die Rechte, das Zentrum und die Polen), auf Singer 52 (Sozialdemokraten), 5 Stimmen sind zersplittert. Die eine auf Dr. Spahn-Warburg (Spabn jun.) entfallene Stimme entfesselt große Heiterkeit.

Die Mehrheit der Nationalliberalen hat für die Wahl von Schultz gestimmt. Die weißen Zettel wurden von der Fortschritt­lichen Volkspartei, den Polen und einer kleinen Minderheit der Natwnaliberalen abgegeben.

Abg. Schultz (Rp.) erklärt die Annahme der Wahl.

Als Mitglied der Reicksschuldenkommission wird Aba. Dr Faßbender (Ztr.) gewählt. 0

Die Interpellation über die Lebensmittelteuerung.

Die Aussprache wird fortgesetzt.

Abg. Dr. Wiemer (For'.sch. Vp):

Die Erklärungen der Regierungsvertreter werden keine Rude im Lande schaffen. Im Gegenteil, die Unzufrieden- tu n d die Verbitterung über die heutigen Ver- haltnisse wird immer großer werden. Denn es soll ja nichts geschehen, um der Not zu steuern. Wir haben seit Jahren billigere Preise für das Volk gefordert. Aber solchen Inter­pellationen stehen wir etwas skeptisch gegenüber, weil ja der Reichstag keine Beschlüsse und Abstimmungen daran knüvf-n kann. Vielleicht gibt auch dieser neue Fall Anlaß zu einer Aendernng der Geschäftsordnung des Reichstags. Die Verhält­nisse haben sich insofern geändert, als diesmal auch die Konservativen eine Interpellation eingebracht haben. Früher Gestritten sse jede Fleischnot. Iebt geben sie schon klein bei. Nun hat gestern der konservative Redner R u v p er- klart: Die Wahlen stehen vor der Tür, daher die Mache! Ich weiß nicht, ob er damit eine Erklärung für das Vorgehen der konservativen Partei geben wollte. (Heiterkeit links.) Auch sem geringschahiaer AusdruckRummel" ist durchaus unan- a^bracht ae^eni'ber der Vedrän^nss weiteü-r Volkskreise. Frei­lich, wenn den Herren etwas nicht in den Kram paßt, dann sind sie mit solchen Schlagworten leicht bei der Hand. (<^ebr richtia! links.) Damit wollen sie nur die Schwache und Unbaltbarkeit ihrer eigenen Position verdecken. Seit Jahrzehnten hgh^n wir eine allgemeine Verteuerung der Lebenshaltung. Sie ist eine bewußt gewollte Folge unserer herrschenden Wirtschgftsvolitik Als die Devutr,tion einer Fleischerinnuna den König von Lachsen in Pillnitz aufsuchte, erklärte er selbst: Ja, auch ich merke etwas von der Fl^ischnotl Gewiss, mag sie auch in einem so großen Haushalt füblbgr sein. Aber was soll denn der Ar- b-'ter mit seinem kargen Lobn, der kleine Beamte dazu fernen?

stimmen Nicht in das Lob ein, das gestern dem ießigen W'rtschaft-snstem gesungen worden ist, denn seine Mängel liegen offen tage.

. Wir sind uns aber allerdings vollkommen darüber klar, daß eine plötzliche und allgemeine Aufhebung der Zolle einseitig von Deutschland nicht möglich nt. Man stellt uns Fortschrittler von der rechten Seite vielfach als Manchesterlente hin. die mit einem Schlaae die ganzen Zollgeseße beseitigen wollen. Wir wissen sebr wobl. daß alle Industrien, ave Gewerbe-weiae nun einmal ans die Zölle einaerichtet sind: ihre Eristenz ist darauf aufgebaut, die internationalen Beziehungen da­nach geregelt. Damm ist es völlig klar, wir alle sind einig darin daß nur in Frage kommen kann eine schrittweise und all­mähliche Herabsetzung der Zölle und nicht nur der landwirtschaftlichen, sondern auch der Industrie-ölle, und wir haben diele Auffalluna im Programm der fortschrittlichen Volkspartei mit. aller Deutlichkeit festneleat. Die Konservativen führen die Fleischte'ieruna auf den Kleinhandel zurück. Den Beweis dafür hat sich Herr Ruvv geschenkt. (Sehr wahr! links.) Mit den Metz­gern will er eS anscheinend nicht verderben. Tatsächlich hat eine in Breslau veranstaltete Probe gezeigt, dgß an den Fleischern nicht diel hängen bleiben kann. Von dem Urteil des Herrn Ruvv über die städtischen Vieh- und Schlachtbofgebühren weiche ich gar nicht so sehr ab, von meiner Fraktion war ja seinerzeit der Antrag auf Beseitigung der städtischen Oktrois ausgeganaen. ?lber fr sehr können die niedrigen Gebühren doch keine gro^e Roll^ svielen. Herr v. Schorlemer bat gestern eine Rede i m Sinne der Agrarier gehalten. Er beruft sich auf die Steige­rung des Angebots von Schweinefleisch. Aber die Schweinezucht ist doch kein stabiler Faktor, sie hängt ab von der Futterernte und mnn als Sicherheitskoeffizient für die Volksernahrung nicht in Rechnung gestellt werden.^ Die Fleischteuerung ist auf der ganzen Linie eingetreten, auch für die minderwertigen Sorten.

. Was die Regierung uns jetzt bietet, ist herzlich wenig. In ornziosen Presse war eine Aenderung der Auffassung an- gekuudigt, aber das hat sich gestern nickt bestätigt. Der Staats­sekretär hat seine Ausführungen in Wenn und Aber ge- rleidet und die Bevölkerung hat von allem nur das Nein. Vor ewigen Jahren erstattete derselbe Herr Delbrück als Ober­bürgermeister von Danzig ein Referat auf dem Städtetage, in oem der Oberbürgermeister Delbrück Forderungen stellte, die der Staatssekretär heute versagt. (Hört! hört! links.) Freilich, mese Behandlung ist ja nichts neues: auch Herr Miquel hat sich vom Bürgermeister einer. freien Stadt zum Protektor und r-lk ° n ß der Agrarier gewandelt. Das Vorgehen der süddeutschen Staaten, das dem preußischen Landwirtschafts- mmister gar nicht angenehm zu sein schien, ist nicht zu unter­schätzen und ist zu billigen. Aber der Hinweis auf das Erloschen- sein der Maul- und Klauenseuche in Frankreich müßte doch auch für eine Reibe anderer Länder gelten. Die Aufhebung der Tuberkulinprobe ist in Aussicht gestellt; ich bin etwas mißtrauisch in bezug auf den Ersatz. Wir wollen aber alles unterstützen, was die deutsche Viehzucht gegen Verseuchung schützt, soweit es wirksam ist. Wir wollen nur nicht, daß angeblicher Seuchcnschuv öum Vorwand genommen wird zum Zwecke der Preistreiberei und Verteuerung notwendiger Lebensmittel. Das Fleisch, veschaugesetz ist neben Zöllen und Einfuhrverbot das dritte Bollwerk, das die Agrarier aufgerichtet haben; das muß geändert werden. Vor allem aber billige Futtermittel! (Sehr richtig! links.) Diese ganze Wirtschasrspolitik geht einseitig im Interesse des körnerbauenden Großgrundbesitzes. DieKreuz- zeitung" chat einmal erklärt, daß die Junker als Taktiker ohne Konkurrenz seien, und gestern haben sie es bewiesen, durch die eigenartige Fassung der Interpellation, und dadurch, daß sie

nicht einen Großgrundbesitzer des OstenS, einen adligen Junker, sondern einen süddeutschen Bauer? Er wird mit seiner Rede aber nicht darüber hinwcgtäuschen, daß der kleine und mittelere Landwirt, dec Viehzucht treibt, nicht Wohl daran tut, in der Gefolgschaft des Großgrundbesitzes zu gehen, um ihm die Kasta­nien aus dem Feuer zu holen. (Lebhafter Beifall links. Lachen rechts.) Wollen Sie die Viehzucht stärken, wie wir es wollen, dann sorgen Sic dafür, daß der kleine und mittlere Besitz ver­stärkt wird. (Lebhafter Beifall links.) Sorgen Sie für innere Kolonisation. (Beifall links. Abg .Kreth (kons.): sehr richtig!) nun, Herr v. Wanaenheim als Vorsitzender des Bundes der Landwirte hat es im Frühjahr als gefährliches Experiment be­zeichnet. Gewiß hat der Landwirt vielfach keinen Sonntag, aber es gibt auck Landwirte unter den Großgrundbesitzern, den adligen Herren, die keinen richtigen Werktag haben, weil sie alle Tage Sonntag haben. (Beifall links, Unruhe rechts.) Gewiß hat auch der Großgrundbesitz seine Meriten. Aber wir werden nicht eher vorwärts kommen, die Iunkerpolitik in Bauern- Politik geändert wird (Lebhafter Beifall links.)

Abg. Tr. Paasche (Natl.):

Genau vor drei Jahren wurde dieselbe Interpellation hier behandelt, nachdem schon im Jahre 1906 die Frage erörtert wor­den war. Es wurde annähernd dasselbe gesagt wie gestern und heute. Tenn ein Wandel in den Anschauungen der Parleien ist nicht eingetreten. Auch meine Freunde haben ihren bisherigen Ltandpunkt in keiner Weise verlassen. Es ist ja nicht zu bestreiten, ) die Preise für die notwendigen Lebensmittel in letzter Zeil ungewöhnlich hoch geworden sind. Tas wirkt drückend auf die Kon- fumcnten. Man kann die bestehende Not nun mit recht dunklen Farben schildern Aber man muß im Interesse des Ansehens der deutschen Nation dagegen Widerspruch erheben, wenn die Sache so dargestellt wird, als ob unsere Wirisckxrftspolitik zu einer Ver­elendung und Unterernährung des Volkes führe, die zu den schwer­sten Besorgnissen Anlaß gibt. Dem ist doch nicht so. Es steht doch fest, daß das deutsche Volk sich trotz der steigenden Preise in einer gesunden Fortentwicklung befindet. (Zustimmung) Wie ist es Denn in England, dem klassischen Lande des Freihandels? Tort werden dieselben Klagen über die Verteuerung der Lebenshaltung laut! Tas Steigen der Preise ist eben keine vorübergehende Er­scheinung. Da spricht der ganze Welthandel mit, die Konjunktur de§ Geldmarktes. Ten Vorwurf, als ob die deutsche Landwirtschaft unseren Fleischbedarf nickt decken kann, muß ich zurückweisen. Ter Redner erbringt statistische Belege dafür. Unsere Viehproduktion schreitet stetig fort. Ihre Träger sind gerade die Kleinbauern, die unserer so scharf angefeindeten Wirtschaftspolitik dafür dan­ken müssen , daß ihre mühsame Arbeit überhaupt rentabel ist. (Sehr gut! rechts, Widerspruch bei den Freis, und Soz) Die deutsche Landwirtschaft hat intensiv daran gearbeitet, der Fleisch­not zu steuern und neue Viehstände einzurichten. (Sehr richtig! rechts.) Aber die Arbeiter sind schwierig geworden. Kein Mäd­chen will mehr in den Schweinestall. Ihr S'nn steht nach Berlin! Meine Frau bekommt vielleicht noch eine Magd inS Herrschafts- Haus, aber mein Inspektor muß schon von Torf zu Torf wandern, um Dienstboten zu erhalten. Die Verhältnisse haben uns recht gegeben. Unsere Wirtschaftspolitik hat sich bewährt, besonders die billigen Futtermitteltarife, die wir im schweren Kampfe gegen den Bund der Landwirte durchgesetzt haben. (Hört! Hört! bei der Natlib.) Wäre man damals diesenRettern des Vaterlandes" gefolgt, so stünde es jetzt schlecht um die Land- wirtschaft und die Viehproduktion, die außerordentlich viel teurer sein würde. Dann könnten wir gar nicht daran denken, unsere Grenzen zu schließen. Gerade die billige Futtergerste bat die Viehzucht gefördert. Und wie hat man nicht über die Eosirw"-^e gespottet! Mit ihrer Hilfe ist es aber erst gelungen soviel gutes deutsches Fleisch zu verschaffen, daß wir auf das ausländische ver­richten können. Wir müssen unseren inländischen Markt stärken Vielleicht kann man die Futtermitteltarife noch weiter ermäßigen.

Eine vorübergehende Oeffnung der Gr-nzen, Einfuhr von gefrorenem Fleisch sind unzweckmäßig. Damit kann man nur vor­übergehenden Crsckeinunaen bekommen. Bester ist es, für die Zukunkt einen reicher beschickten Markt durch Förderung der Vieh­produktion zu schaffen. Die paar französischen Kühe werden un§ nickt glücklich macken. Mag man die Quarantäne verringern und weitere dänische Kühe hereinlasten, aber die holländische Grenze darf nicht geöffnet werden. Auch von einer Roggenteuerung ist nicht die Rede. Würden die Roggenpreise noch mehr fallen, so wäre das ein Unglück für die Landwirtschaft. Wir halten an un­serer bewährten Wirtschaftspolitik fest. (Lebhafter Beifall.)

Abg. Frhr. v. Gamp (Rp.):

Gegen die Angriffe Emmels gegen die Industrie lege ich Ver­wahrung ein (Zuruf Emmels.) Lassen Sie mich doch reden, Sie haben ja auf Ihrem Parteitag genug gesprochen! (Heiterkeit.) Kein Stand hat sich so gehoben, wie der Arbeiterstand. Auch die tfnbne der landwirtschaftlichen Arbeiter sind durchaus angemessen. (Widerspruch links) Sie haben ja keine Ahnung! (Oho-Rufe.) Sie beherrschen ja die Materie nickt, Herr Emmel! (Lachen links.) Die Erklärungen der Regierung haben wir mit Dank entgegen­genommen. Einseitig agrarische Interessen sind von uns nie vertreten worden. Wir haben auch immer die Inter­essen der arbeitenden Klassen berücksichtigt.

Soweit es irgend die Gesetzgebung gestattet, muß natürlich entgegengekommen und von allen Mitteln Gebrauch gemacht werden, soweit eine Gefährdung der Viehzucht nicht zu besorgen ist. (Der Redner wendet sich mit diesen Worten an den Regie­rungstisch. Staatssekretär Delbrück und Minister von Schorlemer nicken zustimmend.) Das ist ja auck wohl die Ansicht der Regie­rung; ich nehme davon Akt. Wir haben gar nichts gegen eine Re­vision des FleischbeschaugesetzeS nach manchen Richtungen; warum hat man z. B. damals den Begriff der Hausschlachtungen so eng gefaßt? Natürlich ist Herr Emmel und auch Herr Wiemer auf feinen alten freisinnigen Traditionen für die Aufhebung der Futtermittelzölle; und leider hat sich da auch Herr Paasche, der doch wirtschaftspolitisch eigentlich uns, seinen früheren Bundesgenossen, näher steht, als seinen neuen Bundesbrüdern ihnen angeschlossen. Ich bin in dieser Frage anderer Ansicht. Das einzige Mittel, das ich zur Linderung der momentanen Fleischteuerung empfehlen möchte, wäre die Einführung von Notstandstarifen für kurze Zeit. Sonst wird sich wohl kaum etwas machen lassen. Wir haben allen Grund, mit unserer Wirtschaftspolitik zufrieden zu sein, die sich durchaus bewährt hat. (Beif. rechts.) Wenn sich durch eine maßlose Verhetzung die ländliche Bevölkerung den Par­teien der Linken zuneigen sollte, was ich nicht glaube, dann würde das nicht lange dauern. Denn der deutsche Bauer ist viel zu klug, um nicht bald zu erkennen, auf welcher Seite seine wahren Freunde zu finden sind. (Lebh. Beif. rechts.)

Abg. Fürst Nadziwill (Pole):

Die polnische Bevölkerung hat unter der Fleischteuerung schwer zu leiden. Mir sind deshalb gewiß dafür, daß alles ge- schieht, was eine Ermäßigung der Fleischpreise herbeiführen kann.

Allein es dürfen deshalb doch nicht etwa Maßregeln aufgehoben 2?:"',^' «"le zur Verhütung einer Verseuchung der inländischen Viehstande erlassen sind.

Abg. Trimborn (Zentr.):

Kollege Herold hat erklärt, daß das Zentrum an der bis- herrgen Schutzzollpolitik festhält. Als Vertreter der zweitgrößten preußischen Stadt (Zuruf) nein, wir in Köln sind Breslau ^ber habe ich noch ausdrücklich zu erklären, daß auch die städtischen Vertreter des Zentrums an dieser Schutzzollpolitik, die ich als gemäßigte Schutzzollpolitik bezeichnen möchte, unbedingt sesthalten.

Noch nie hat das deutsche Volk einen ähnlichen Aufschwung erlebt wie feit der Aera der Schutzzollpolitik. Eins sollte doch auch für die Sozialdemokraten der Beachtung wert sein nämlich die Rücksicht auf die Landarbeiter und das ländliche Proletariat. Sie reden immer vom städtischen Proletariat: es gibt doch auch em ausgedehntes ländliches Proletariat. (Unruhe und Zurufe der Soz.) In denSozialistischen Monatsheften" behan­delt ein französischer Sozialist die Agrarprobleme des französischen Sozialismus, und er stellt die Frage, wo denn der Interessen­gegensatz zwischen dem gesamten Fortkommen des ländlichen und des industriellen Proletariats ist? (Lachen der Soz.) Ja, wa­rum stellen Sie sich nicht einmal eine so vernünftige Frage? (Große Heiterkeit.) Ach, Sie können noch viel von den franzö- stscken Genossen lernen. (Unruhe der Soz., lebhafte Heiterkeit.) Sehen Sie, das sind Erwägungen, die müssen Sie auch einmal an- stellen, und zwar hier von der Tribüne aus, wenn Sie die Tinge objektiv beleuchten wollen. Sie werden, mir dankbar fein, daß ich die Sache etwas nackgeholt habe. (Heiterkeit.) Und das kann man noch weiter ausdehnen auf die Interesse ns olidari- tat der gesamten ländlichen und industriellen Bevölkerung Neue Gedanken sind das ja nicht. Calwer und Sckippel haben schon Aehnliches ausgesprochen, und auch in Volks­versammlungen kommen die Dinge schon zum Ausdruck. Ich habe hier einen Bericht derKölnischen Volkszeitung" übet eine Münchener Versammlung des HansabundeS vom 21. November. Ich weiß allerdings nicht, ob der Bericht richtig rst, aber dieKölnische Volkszeitung" ist ein vorsichtiges und so­lides Blatt. (Große Heiterkeit.) In dieser Versammlung hat hernack der Münchener Sozialdemokrat Tr. Schulz gesagt: Auch ohne Zölle steigen die Fleischpreise. (Hört! Hort!) TaZ könnte auch Herr von Gamp gesagt haben. (Große Heiterkeit). Weiter, ohne die Schutzzölle könnte die deutsche Landwirtschaft gegenüber der Konkurrenz des extensiven Betriebes Amerikas nicht bestehen. | (Hört! Hört!) Tie Aufhebung der Zölle würde den Untergang des flachen Landes, das Ende des Deutschen Reiches bedeuten. (Hört! hört!) Er hat eS allerdings gesagt auf einer Versammlung des HansabundeS. ES wird aber die Zeit kommen, wo es auch auf Ihren Parteitagen gesagt Wird. Tie Erkenntnis wird auch in Ihren Reihen weitergehen. Tr. Schulz sagte weiter:Im Ein­klang mit sämtlichen wesentlichen Vertretern meiner Partei" was sagen Sie nun dazu? (Große Heiterkeit)abgesehen von den parlamentarischen Vertretern" (Schallende Heiterkeit.) ich verstehe jetzt, warum Sie so ängstlich waren, als ick den Namen Sckulz nanntedie sich von parlamentarischen Rücksichten in dieser Hinsicht leiten lassen." (Hört! Hört!) Was nun mit die­sem Parteigenossen geschehen wird, müssen wir abwarten.

Nun zum eigentlichen Thema, und zwar vom Standpunkt der Städte und ganz besonders der rheinisck- westfäliscken Industrie.

Der Fleischverbrauch ist durch den WirtShauSbetrieb erheblich gestiegen. Dort wird meist nur Fleisch gegessen, denn das bischen Gemüse ist gar nicht zu rechnen. Die Steigerung der Fleisckpreise läßt sich nicht mehr durch die allgemeine Preissteigerung erklären/ Aber zu Angriffen gegen die Agrarier und die Landwirtschaft bietet die jetzige Kalamität keinen Anlaß. Es ist notwendig, daß das einmal von dem Vertreter einer großen Stadt ausgesprochen wird/ (Sehr gut! rechts.) Aber auch die Vorwürfe gegen die Viehhändler sind unberechtigt. Bei uns verlangt man stürmisch die Oeff - nung der holländischen Grenze. Die Berufung auf mißliche sanitäre Verhältnisse erkenne ick Holland gegenüber durch-, aus nicht an. Auch eine Erleichterung der dänischen Einfuhr tftj wünschenswert. Was haben Sie gegen b a S hollän- difcke Vieh? ES ist der Stolz der Holländer! Maler, Dichter und Künstler hat es schon begeistert. (Heiterkeit.) Ich glaube eS einfach nicht, daß dieses saubere herrliche Land noch hinter Ruß­land kommen soll. Frankreich muß auch für daS Rhein­land ge öffnet werden. Könnte man nicht internationales Konventionen über die veterinärpolizeilichen und sanitären Maß-' nahmen herbei führen? Für die Volksgesundheit muß alles ge» schehen, was nötig Ut. Wir müssen dem Volk gute Nahrung zu normalen Preisen Massen, bei denen die Landwirtschaft bestehen kann und die auch die Arbeiterbevölkerung bezahlen kann. (Lebh. Beifall.)

Preußischer LandwirtfchaftZmimster Frhr. v. Schorlemer-Liefert

Herr Trimborn hat sehr poetisch und malerisch das hollän­dische Rindvieh geschildert. In diesem flachen Lande, wo die Einförmigkeit der Gegend nur durch Kanäle und Wege unter­brochen wird, ist für den niederländischen Künstler baS Vieh bas am meisten hervorragendste Objekt, das sich am besten zum Malen eignet. (Heiterkeit.) Aber unser Vieh am Niederrhein, in Hannover, Schleswig-Holstein und Westpreußen kann sich mit dein holländischen in jeder Weise messen. (Sehr richtig! rechts.)! Ich kann zurzeit eine Oeffnung der hollän- dischen Grenze nicht in Aussicht stellen. Ich halte! mit dem Staatssekretär des Innern an her Auffassung fest, daß Holland noch nicht als seuchenfrei zu betrachten ist, da immer noch in einzelnen Fällen die Maul- und Klauenseuche vorkommt/ Aus biejem Grunde ist eine Einfuhr lebenden Viehs aus Holland nicht möglich. Zur Beruhigung der Gemüter mag noch dienen/ daß selbst bei einer Oeffnung der Grenze Holland gar nickt in der Lage wäre, soviel Vieh zu liefern, daß dadurch eine erhebliche Herabsetzung der Fleischpreise erfolgen würde. In Holland kommt auf 1000 Einwohner für das Jahr nur eine Vieh- unb Fleischproduktion von 294 Doppelzentnern, während dagegen Deutschland eine Produktion von 482 Doppelzentnern hat und innerhalb Deutschlands die Provinzen Schleswig-Holstein und Hannover je 952 Doppelzentner aufweisen. Diese Zahlen lassen deutli cherkennen, daß auch eine ziemlich starke Einfuhr auS Holland nicht imstande wäre, unseren Fleisch- unb Viehmarki in irgenbwie beträchtlicher Weise zu beeinflussen. Ich gebe zu, daß an bem Tage, an dem man die Grenzen nach Holland öffnen würde, der Markt in Köln einen erheblichen Ueberfluß aufweisen und die Fleischpreise heruntergehen würden. Aber vielleicht würde man bann Jn Köln bieselbe Erfahrung machen wie in Mannheim, wo die Händler das Fleisch aufkauften unb die Preise wieder in die Höhe gingen. Die Einfuhr aus Holland hat übrigens in den letzten Jahren ganz erheblich zugenommen. Wir haben 1900