Ausgabe 
30.6.1910 Drittes Blatt
 
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Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten.

stieg finden. Tic Besteigung ist infolge einer Wette zustande ge­kommen, nach deren Wortlaut die Bergsteiger bei etwaigem Miß- 10 000 Pfund Sterling zu zahlen hatten.

Der Streit um den Sintflutbericht. Die Alters tumsforscher aller Völker haben sich bestrebt, in der Umgebung de^ alten Babylon nach den Urkunden vergangener Jahrtausende zu suchen und die aufgefundenen Zeugen jener längst entschwundenen Zeit aufzuklären und zu deuten. Sogar die Amerikaner haben besondere Expeditionen zu diesem Zweck dorthin entsandt, unter denen die von Professor Hilprecht das größte Aufsehen erregt hat. Dieser Forscher hat eine Tafel entdeckt, in deren Aufschrift er die älteste Fassung des Sintflutberichtes erblickt hat. Andere Sach­verständige sind dieser Behauptung entgegengetreten, und. der Streit ist noch immer nicht zur Ruhe gekommen, obgleich er schon einq ganze Reihe von Jahren angedauert hat. Bei der letzten Sitzung- der Amerikanisch-Orientalischen Gesellschaft stand die Tafel von Hilprecht wieder im Mittelpunkt der Erörterungen. Nicht weniger als drei Fachleute, unter ihnen Professor Paul Haupt, erklärten- ihre Ansicht dahin, daß Professor Hilprccht zu viel Einbildung^-, traft in der Auslegung der Tafelinschrift, die nur in Brucks stücken erkennbar ist, aufgewandt hat. Die 2Irt, in der Hilprccht die Lücken der Inschrift auszufüllen versucht hat, wurde als unhaltbar bezeichnet. Damit ist auch der Anspruch von Pro- fessor Hilprecht hinfällig, daß jene berühmt gewordene Tafel aus einer Zeit zwischen 2137 und 2005 vor Christi Geburt stamme, vielmehr glauben die anderen Orientalisten, daß sie in einer viel späteren Epoche entstanden sei.

Bühnenwitz. Bei einer hauptstädtischen Operetten- ?!eueinstudierung, die sich durch die Nuancen des Komikers endlos in die Länge zog und deren Ende daher nicht vorauszuschen war, ließ, so berichtet die Deutsche Theater-Zeitschrift, ein boshafter .Kollege den Theaterarzt holen und bat ihn mit aufgehobenen Händen, in die Garderobe des Komikers zu gehen, der von einer schmerzlichen Krankheit befallen sei.Was fehlt denn Ihrem Herrn Kollegen?" fragte der Doktor.Der Mann leidet an Szenenzerrung und wir leiden mit ifmtf/' Eine halbe Stunde später war endlich Feierabend.

Zum Code Robert Roch§.

Frau Geheimrat Koch bat zahlreiche Beileidstelegramme er­halten, darunter solche des Kaisers und des preußischen Kultus­ministers. Tas Telegramm des K a i s e r s hat folgendeir Wortlaut: Neues Palais bei Potsdam. An Frau Geheimrat Koch, Exzellenz, Sanatorium Frey-Tengler, Baden-Baden. Beim Hinfcheiden Ihres von mir so hochverehrten Herrn Gemahls spreche ich Euerer Erzcllenz mein herzlichstes Beileid aus. Ich beklage auss Tiefste den Verlust des größten deutschen Arztes unserer Zeit und blicke mit dem deutschen Volke dankbar auf sein fegens- reiches Lebenswerk. Wilhelm I. E."

Wien, 28. Mai. Die Gesellschaft der Aerzte von Wien hißte sofort nach dem Eintreffen der Todesnachricht von Pros. Dr. Robert Koch aus ihrem Gesellschaftshause die Trauersahne. Tie Gesellschast, die Kaiserliche Akademie der Wissenschaften und andere Wiener medizinische Vereinigungen deren Ehrenmitglied Koch war, veranstalteten Trauerseierii.

< ßeter Rosegger. Tic Nachrichten über das Be­finden Peter Roseggers lauten befriedigend. Die behandelnden Aerzte hegen sichere Hoffnung aus eine wenn auch langsame Zunahme der Kräfte. Peter Rosegger denkt noch nicht an das Alter. Wir lesen in der letzten Nummer seinesHeimgarten,, wie jung er sich noch fühlt an Leib und Herz: ,,Aber Groß­vater, deine Haare sind ja ein Wintertag !" rief mein vierjähriger Enkel, als er mich nach längerer Seit wieder einmal sah. , Als ob der Kleine im sonnigen Süden schon weiße Wmtertage gesehen hätte! Zn seinem zweiten Lebensjahre hatte er fteilcch einen nordischen Winter erlebt und der ist ihm eingefallen beim Aui- tauehen der weißen Haare. Ich hatte es übrigens selbst nicht ge­wußt. Mein Spiegel ist nicht ganz aufrichtig. Lber besser, ich schaue zu oft hinein. Ta merkt man die Veränderung nicht, denn die Gewohnheit hält mit ihrer Allmählichkeit gleichen schritt. Alle drei Jahre einmal sollte man in den SpiSgel schauen, uni das Altern recht inne zu werden. Tie ftctc Kränklichkeit tauidn auch über die Anzeichen des Alterns hinweg. Ich habe mich vor 25 Jähren zur Zeit meiner schwersten Leiden älter gesuhlt als etwa jetzt. Nur das Aussehen meiner Jugendgenossen, wenn

Der Kronprinz als Vertreter des Kaisers.

Der Kaiser, der am rechten Handgelenk eine kleine Operation hat durchmachen müssen, kann einige Tage keine Unterschriften vollziehen. Kleine Ursache, große Wirkung; das Wolfs'sche Bureau teilt die darauf bezüglichen Erlaße mit großer Wichtigkeit mit.

Der Kaiser leidet an einem Furunkel in der Gegend des rechten Handgelenkes. Die lebhafte Entzündung machte eine Oeffnung erforderlich, welche am Samstag, dem 28. Mai, von Geheimrat Professor Bier ausgeführt wurde. Der Verlauf ist bisher normal.

Der imReichsanzeiger" veröffentlichte Erlaß hat folgenden Wortlaut:

Da Ich auf ärztlichen Rat Mir für einige Tage Schonung Meiner Hand auferlegen muß, will Ich Eure Kaiserliche und Königliche Hoheit und Liebden für die Dauer Meiner Behinderung beauftragen, an Meiner statt diejenigen Schriftstücke unterfchriftlich zu vollziehen, welche Ich Euerer Kaiserlichen und Königlichen Hoheit und Liebden zu diesem Zwecke zugeheu lassen werde. Neues Palais, den 27. Mai 1910. Wilhelm I. R. v. Bethmann-Äollweg, Frhr. v. Rheinbaben, Dr. Delbrück, Tr. Beseler, v. Breitenbach, v. Arnim, v. Moltke, Sydow, v. Trott zu Solz.

Die Nachwahl in Zriedberg-Vüdingen.

B. Friedberg, 30. Mai. Der deutsche Handwerker­bund hat in seiner gestrigen Versammlung beschlossen, nur eiuem Kandidaten seine Stimme zu geben, der das Programm des Bundes anerkenne. Prof, van Calkcr hat das Pro­gramm nicht unterschrieben, dagegen hat Rechtsanwalt von Helmolt seine Unterschrift vollzogen, obwohl das Programm bestimmt, daß er für die Erbschaftssteuer cintreten muß.

Unter der Ueberschrift .Bauer, paß auf!" veröffentlicht der Abgeordnete Köhler-LangSdorf in derReuen Tageszeitung" einen spaltenlangcn Aufruf zugunsten des Kandidaten von Helmolt.

; In einer Zuschrift aus Büdingen wurde kürzlich bc- hauptet, daß es in Büdingen fast nur Freisinnige gäbe nnb laum 20Nationalliberale. Ta der Einsender ein angesehener: Einwohner Büdingens war, von dem wir glaubten annehmen zu können, daß er die Verhältnisse Büdingens genau kenne, haben wir die Behauptung nicht nachgeprüft. Heute werden wir von anderer Seite darauf aufmerksam gemacht, MR die Feststellung falsch war. Bei der Wahl am 2o. Januar 1907 wurden in Büdingen abgegeben für Oriola -3b, jur ben Sozialdemokraten 272, für den Freisinnigen lob Stimmen.

deutsche Marine, so wollen Ew. kaiserliche Hoheft jetzt das deutsche Heerwesen kennen fernen. Unsere Behörden werden bestrebt fein, Ew. kaiserlichen Hoheit Einblick in alles zu geben, was auf diesem Gebiete für Sie von Interesse sein kann, und ich bin überzeugt, daß unsere Hecreseinrichtungen eine Fülle von Anregungen bieten werden, die auch für das große, in erfreulicher Entwickelung befindliche chinesische Heer nutzbar gemacht werden können. Heber» zeugt, daß auch Ew. kaiserlichen Hoheit Besuch dazu beitragen! wird, die guten und freundschaftlichen Beziehungen zwischen dem chinesischen und dem deutschen fRe**') -immer mehr zu fördern und zu festigen, heiße ich namens Se. Majestät des Kaisers und Königs Ew. kaiserliche Hoheit und Ihre Begleiter kürzlich willkommen und hoffe, daß Sic von dem Aufenthalt in unserer Mitte nur die angenehmsten Eindrücke empfangen mögen.

Hiernach empfing die Kaiserin den Prinzen tm Ta- merlan-Zimmer und ließ sich auch sämtliche chinesische Herren vorstellen. Die Kaiserin besichtigte dann die int Muschelsaal aufgestellten, von dem Prinzen mitgebrachten Geschenke, Vasen und Seidenstoffe, worauf den Gästen im Muschelsaal Erfrischungen gereicht wurden. Der Prinz fuhr nach dem Empfang im Neuen Palais zur Abstattung von Visiten nach Potsdam.

mer ab und teilte mit, die Schutzmächte sicherten die Lösung der kretischen Frage durch eine Autonomie zu, dte dte. Sauveränitätsrechte der Türkei wahre. Auf den Hinweis, der König der .Hellenen arbeitete auf eine Annexion hm, er­klärte der Großwesir, wenn Griechenland offiziell für titeti eintrete, werde die Türkei scharf Vorgehen, -mt Senat fand die Erklärungen des Großwcsirs für genügend.

Wie die Blätter melden, begann in den Häsen des Schwarzen Meeres ein antig riech tsch er Bop- k o 11. Tie Pforte sagte der griechischen Gesandtschaft Ab­hilfe zu.

Der Widerspruch der finnischen Landtags.

Der finnische Landtag sucht sich der russischen Unter­drückung durch neue Eingaben zu erwehren. So berechtigt sie sein mögen: sie werden absolutnichts nützen, Petersburg, 29. Mai. lieber den Inhalt der Bitt- schrift des finnischenLandtags wegen Verletzung der finnischen Grundgesetze melden die Blätter folgendes: Der Landtag weist darau-f hin, daß bei der Einmischung des russischen Ministerrats in die Angelegen­heiten Finnlands in juristischer und praktischer Beziehung' eine Reihe von Fehlern zu Tage getreten seien, da die Beschlüsse von Personen gefaßt worden seien, die von den finnischen Angelegenheiten keine Kenntnis hätten. Während der letzten 25 Jahre habe der Landtag unter Mitwirkung der Regierung große Summen angesammelt, die zu Kul­turzwecken dienen sollten und die nun ohne Be- frage ndesLandta gsein fach dem Reich sschatz- amt über wies en würden. Eine neue Gesetzesvor­lage könne nicht durchgeführt werden, selbst wenn die gesetz­gebenden Institutionen Rußlands sie annehmen und der Miiser sie sanktionieren sollte. Das finnische Volt würde Gesetze, die unter Verletzung seiner Grundgesetze durchgeführt würden, nicht anerkennen. Finnland habe nie Anspruch auf eine eigene äußere Politik erhoben und auch nie Maß­regeln zur Reichsverteidigung Hindernisse bereitet. Zum Schluß spricht die Bittschrift den Wunsch aus, der Kaiser möge die Grundgesetze Finnlands in Kraft lassen und alles wieder aufheben, wa-s! eine Verletzung derselben in sich schlösse.

Helsingfors,28. Mai. Der Landtag hat die kaiserlichen Vorschläge betreffend eine besondere Mili -

Neues Palais, 29. Mai. Prinz Tsai Tao und die Mitglieder des ch i n e s is ch e n m ili t är i s ch en S tu - dienausschusses begaben sich vormittags von Berlin hierher, mit ihnen der Staatssekretär des Auswärtigen Amts Freiherr v. Schoen, der chinesische Gesandte und die zu den chinesischen Herren kommandierten Offiziere. Von der Sta- tton Wildpark fuhr der Prinz nach 11 Uhr zum Palais. Der Kaiser ließ sich im letzten Moment bet dem Empfang durch den Kronprinzen vertreten, da der Verband an der rechten Hand das Anlegen der Pa­rade-Uniform verhinderte. Der "Kronprinz erschien in der Uniform des 1. Garderegiments zu Fuß.

Prinz Tsai Tao hielt eine Ansprache. Das Kon­zept dieser für den Empfang durch den Kaiser gedachten Rede lautet auf deutsch:

Der Kaiser von China entbietet Ew. Majestät durch mich enrerbictigften Gruß. Ew. Majestät genießen in der ganzen Welt den Ruhm eines hervorragenden Strategen, dem die Ausbildung: und die Kriegsbereitschaft seines Heeres vor allem am Herzen liegt. Ich habe stets zu Ew. Majestät mit Bewunderung empor­geblickt und schätze mich glücklich, jetzt vor Ew. Majestät treten zu dürfen und so huldvoll empfangen zu werden. Es trifft sich .sehr günstig, daß die große Frühjahrsparade bevorsteht, an der es mir vergönnt fein wird, teilzunehmen, so daß ich Gelegenheit haben werde, die erfte Armec dcr Welt mit meinen eigenen Augen zu sehen. Da.ich selbst dem Heere angehöre, so wird mir dies ganz besondere Freude bereiten. Ich bin der festen lieber- zeugung, daß Ew. Majestät die Macht, welche die stärkste Armee verleiht, lediglich zur Aufrechterhaltung des Weltfriedens benutzen werde. Tic freundlichen Beziehungen unserer beiden Länder haben sich in den letzten Jahren immer inniger gestaltet. Ich hoffe, daß die Offiziere Ew. Majestät mir in allen militärischen Fragen mit ihrem Rat zur Seite stehen und mich so in den Stand setzen werde, meine Million zu erfüllen und nach meiner Rückkehr in die Heimat an der Reorganisation des chinesischen Heeres mit­zuarbeiten. Ew. Majestät wollen geruhen, diese meine Worte gnatzigst cntgegcnzunehmcn.

Der Kronprinz antwortete nut folgenden Worten:

Ew. kaiserlichen Hoheit spreche ich im Auftrag und im Namen Sr. Majestät des Kaisers und Königs aufrichtigen Dank aus für die soeben Allerböchstdemselben gewidmeten Worte und für die Grüße, die Sc. Majestät der Kaiser von China durch Sie bat übermitteln lassen. Mit lebhafter Genugtuung erfüllt es Sc. Majestät, daß Se. kaiserliche Majestät abermals einen Prinzen seines Kaiserhauses an der Spitze einer großen Anzahl hoher Staatswürdenträger und Offiziere nach Deutschland entsandt hat, um deutsche Einrichtungen zu studieren. Wie tm Anfänge die,es Jahres Ew. kaiserliche Hoheit Bruder, Prinz Tsai H,uen bic

ich manchmal einem begegne, sagt mir schmunzelnd: Schau, >o sichst auch du aus! Ansonsten jlft mir nicht anders zumute, als in meinen Jugendtagen. Die Welt ist gerade noch so schön, wenn nicht noch schöner, ich bin gerade noch so kindisch und die Zukunft liegt gerade so reizend unbestimmt und geheimnisvoll vor mir, als ob die fröhliche Erdenwanderung erst anginge. Und auf einmal kommt ein so kleines Knäbleinwcsen, dessen Bor­ursache einst ich gewesen, und sagt: Dein Haar ist ein Wintertag! Wie oft hat man in früheren Zeiten g/efagt: Wenn es sein mutz, ich bin bereit! Und nun auf der Höhe dieser Jahre nimmt man jede höfliche Erinnerung für eine Störung. Ter $unge hat bei seinem Wintertag ja wohl nur an das Rodeln gedacht."

Sv ante Arrhenius als Austauschprofcssor. Professor Sonnte Arrhenius-Stockholm wird im Frühjahr 1911 als Austauschprofessor an der Universität Paris eine Reihe vor Vorlesungen über physikalische Chemie halten. Tie Einrichtung des Professorenaustausches, wie sie auf Veranlassung des deutschen Kaisers schon seit mehreren Jahren zwischen den Vereinigten Staa­ten und dem Teutschen Reiche besteht, wurde vor Jahresfrist aum in Frankreich an der Pariser Universität angeitrebt. 5ur bieien Zweck hatte Albert Kahn einen Jahresbeitrag von 30 000 Franks gestiftet.

Der Mac-Kinley-Berg erstiegen! Ter höchste Gipfel von Nordamerika, der Mount Mac Kinleys den Tr. Cook bereits im September 1906 erstiegen haben will, ist nun tn der Tat von einer größeren Expedition ü b e r wunden, worden. Sie bestand aus den Herren Tan. Patterson, W. R. Taylor und Charles Mc. Goniglc, dazu dem Führer Thom. Lloyd. Tic Schwierigkeiten der Besteiguirg stellten sich als geringer heraus, als vorher angenommen worden war: immer­hin nahm sie einen ganzen Monat seit der Ankunft am Fuß des Berges an Anspruch. An vier Stellen des Berges wurden Lager für längeren Aufenthalt aufgeschlagen. Ter letzte Aufstieg lonrbe von einer Höhe von 16 000 Fuß, das sind 5000 Meter unter­nommen. Ter Mount Mac Kinley endigt m zwei gleichhohen Spitzen, von denen die eine abgerundet und mit edmee bedeckt, die andere em spitzer kahler Fels ist. Auf diesem Felsen wurden in einem Steinhaufen die Beweise der Ersteigung niedergelegt/ Die Expedition, die Dr. Cooks Berichte mitgenommen hat, konnte nach Petermanns Mitteilungen keine Spuren von dessen Auf-

Die Erregung in der Türkei.

Die Erbitterung in der Türkei wegen Kreta steigt von Tag zu Tag hoher. Im Parlament wird eine sehr triegs- lusttge Sprache geführt. Der Großwesir legte sich in seinen Antworten zwar eine Mäßigung auf, aber er gab das feste Versprechen, Kreta für die Türkei nicht verloren gehen zu lassen:

Konstantinopel, 28. Mai. Die Kammer ver­handelte über die Kre t a f r a g c. Nach Verlesung einer Einaabe von 16 mohammedanischen Abgeordneten in der kretischen Kammer, in welcher diese hervorheben,,daß ihr Leben gefährdet fei und daß das mohammedanische Ele­ment unter den gegenwärtigen Umständen nicht mehr auf der Insel bleiben tonne, sowie nach Verlesung von Depeschen wurde ein Antrag verlesen, der von mehr als 200 Abgeord­neten gezeichnet ist und in dem die Regierung aufgefordert wird, Erklärungen zu geben, was sie zur Verteidigung der Souveränitätsrechte der Türkei getan habe.

Der arabische Deputierte Scheik Essad sagte sogar, die Beduinen von Medina hätten geschwo­ren, Kreta zurückzugewinnen oder zu st er ben. Wenn das Kabinett innerhalb einer Woche die Kretafrage nicht löse, würden die Mohammedaner der ganzen Welt, sogar diejenigen Afghanistans, vom Sudan und Algerien, vom Kabinett die heilige Pro p he t e n f ah n e zurück­verlangen und sich selbst Recht verschaffen. Der Kretenser Mechmed Ali sagte, das Kabinett, welches in die Be­trauung eines Griechen aus dem Königreich mit der Ver­waltung der Insel Kreta einwilligen würde, würde ge­lyncht werden. Ein Kriegsvorwand gegen Griechenland könne leicht gefuiiden werden.

Der Großwesir Hakki Pascha erklärte, die Mächte hätten die Unmöglichkeit anerkannt, Kreta Griechenland zu geben; sie seien bemüht, eine Lösung für die Kretafrage zu finden. Tie Mächte hätten ihre frühere Haltung zugunsten der Türkei geändert. Die Türkei werde Kreta nur durch einen Krieg bezwungen abgeben; die Regierung müsse aber Meise vorgehen. DieTürk ei könnenichtnach Kreta ziehen, solange sich dort Mächte befänden, welche die Souveränitätsrechte der Türkei wahrten. Mit Griechenland hat die Türkei nichts zu tun und Kreta werde der Türkei nicht verloren gehen; dafür werde das Kabinett alle Opfer bringen in dem Bewußtsein, daß die ganze Nation hinter ihm sei. Darauf wurde zur Tagesordnung übergegangen.

Auf eine Anfrage des Kreters N u r i d o r, der im Senat die Besetzung der Suda-Bai durch die türkische Flotte und ein scharfes Vorgehen gegen Griechenland verlangte, gab der Großwesir ähnliche Erklärungen wie in der Kam-

Nr. 123 Erstes Blatt 160. Jahrgang Montag 30. Mai 1910

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für die Redaktton 112. IMF politischen Teil: August

W General-Anzeiger für Oberhe sen MM Annabme von Anzeigen V » , , faal"- E Heb' für den

für die TageÄimnmer Kotatiottstettd und Verlag der Vriihl'schen Univ.-Vuch- und Ztemdruckerei H. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Zchulffrahe 7. Anzeigenteil: 'H. Beck, bis vormittags y uyr.