Nr. 254
Drittes Blatt
Samstag 2V. Oktober 1910
160. Jahrgang
Gießener Anzeiger
Erscheint lLglich mit Ausnahme de» Sonntag».
General-Anzeiger für Gberhefsen
Die ^Siebener ZamtUenblStter" werden dem .Anzeiger* ötermal wöchentlich beigelegt, da» „Kretiblatt für de» Krtb Lietzen" zweimal wöchentlich. Dre .Landwirtschaftlichen Lett- fragen" erscheinen monatlich zwermal.
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universität» - Buch- und Sleindruckeret. R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- ftraße 7. Expedition und Verlag: eo&L Redaktion.^^112. Tel.-AdruAnzeigerGießen.
Zur Wirtschaftslage Italiens.
In Italien scheinen nun die mageren Finanzjahre unerwartet schnell auf die fetten folgen zu sollen. Die beiden Erdbeben, deren zweites Messina zerstörte, die geradezu abenteuerlichen Lebensmittelpreise infolge der durch Uebcr- schwemmungen und Unwetter vernichteten Ernte, dazu die Cholera, die den Hasen von Neapel wie die aufstrebenden apulischen Plätze verödet, die die Zufuhr von Gemüse und Schlachtvieh nach dem als Großstadt so unglücklich in der öden Campagne gelegenen Rom und weiter nordwärts unterbrochen hat und die Fremden fernhält, die jährlich nach verschiedenen Schätzungen 300 bis 500 Mill. Lire ins Land bringen — durch Den stagnierenden Verkehr soll die tägliche Mindereinnahme an Zöllen 1/2 Mill, betragen —, das sind nationale Unglücksfälle, deren Folgen das Land überwinden wird. Auch die Verdoppelung der Fahrkarten- steuer, deren Ertrag für Messina bestimmt ist, wrrd bei dem für die Handelswelt günstigen Zonentarif nicht so arg fühlbar. Aber, aber! Da gibt es Ausnahmegesetze mit Steuererlaß für die zurückgebliebenen Südprovinzen, wo der Analphabetismus portugiesische Prozentsätze erreicht, Mittelitalien droht mit parlamentarischen Opposition, wenn ihm nicht Gleiches gewährt wird, neben Neapel und Bari, wo die durch die Cholera evident gewordenen hygienischen Mißstände weitere Millionen erfordern, obwohl wenigstens für Neapel schon viel ausgegeben, teilweise auch geschehen ist, meldet sich Rom. Andere Städte werden folgen. Trotzdem sanitäre Anordnungen ein Ueberhandnehmen der fürchterlichen Epidemie gehindert haben, sieht die Regierung ein, daß hygienische Fürsorge großen Stils nötig ist, und bereitet „hygienische Auflagen" vor.
Zu den am verschiedensten beurteilten Phänomen gehört die Auswanderung. Offiziell gilt sie, wie besonders ein Buch von Nitti. zu begründen sucht, als das größte Glück. Die Zahl der Auswanderer war 1909: 860 000, sie kehren großenteils zurück und bringen nicht bloß Geld, man schätzt es auf 200 bis 300 Millionen jährlich, sondern angeblich auch Unternehmungsgeist und moderne Landwirtschaftssysteme mit, wirten durch das Streben nach eigenem kleinen Grundbesitz auf die Besitzverteilung demokratisierend, auf den Güterverkehr mobilisierend, indem die Latifundien zerschlagen werden, der Ertrag ihrer einzelnen Parzellen aber steigt. Ganz andere Anschauungen gewinnt man aus dem sorgsamer gearbeiteten Buche, das der Sohn des Altmeisters italienischer Geschichtsforschung, des Senators Pasquale Villari, über den gleichen Gegenstand veröffentlicht yar, und zwar eher als Nttti. Er, als genauer Kenner der Auswanderung nach Argentinien ein Fachmann ersten Ranges, hat eigentlich alle jene offiziellen Träume im Woraus widerlegt. Die Summen, die die Auswanderer milfüyren oder sich nachsenden lassen, über die es keine Statistik gibt, sind nach Villari wohl ebenso hoch wie die zurückfließenden; die heim kehr enden Auswanderer schleppen böse Seuchen ein, vor allem die bisher in Italien verhältnismäßig ungefährliche Lungenschwindsucht. Die Boden- ! preise steigen durch unvernünftige Nachfrage der Rückwanderer in ungesundem Verhältnis, deren Getobegriffe sind den heimischen nicht mehr entsprechend, an setbständrges Wirtschaften sind sre nicht gewöhnt, so ist die Folge, daß sie ihr Gut nicht halten können und nach 2 bis 3 Jahren zu einem Drittel des Kaufpreises an den Vorbesitzer los- schlaaen und wieder nach Amerika gehen.
In Kalabrien fehlen etwa 60 Prozent der Landarbeiter, die zur Bestellung des früher unter dem Pflug gewesenen Landes nötig wären, im ganzen Süden ist es nicht viel besser. Italiener stellen, wie die Schweizer Ingenieure sagen, überall die Leute zu solchen Arbeiten, Die jeder Einheimische von sich weist — der Grund sind die horrenden Preise aller Verbrauchsartikel infolge des Steuerdrucks,
Mit dem Motorboot im ewigen Lise.
Die ersten ausführlichen Berichte über den Verlauf und die wissenschaftlichen Beobachtungen der französischen Süd- polarexpedition,die Charcotvor zwei Jahren mit Unterstützung der Pariser Akademie der Wissenschaften art» trat, werden jetzt von dem Geologen der Expedition, dem Direktor an der Pariser Universität Ernest Gourdon in Harpers Magazine veröffentlicht. Nur ein glücklicher Zufall hat es gesügt, daß die Forscher im ewigen Eise nicht ihr Grab gefunden haben und unversehrt in die Heimat zurückkehren konnten. In dem kleinen Port Charcot, in dem der französische Süopolsahrer bei seiner früheren Expedition einen geschützten Winterplatz gefunden hatte, war für das neue, größere Expeditionsschiff, die „Ponrqiwi Pas?" nicht genügend Raum. Am 2. Januar 1909 mußte man, von Eisbergen bedroht, diese Zuflucht aufgeben und in einer Bucht der Petermann-Jnsel, die man Port Ciroon- cision taufte, Schutz suchen. Von hier aus unternahmen Charcot, Godfroy und Gourdon im Motorboot eine Ertundi- gungsfahrt nach Süden, um die Beschaffenheit des Eises zu untersuchen.
„Zu jener Zeit hatten wir stets Tageslicht und die Fahrt erschien uns als eine Art Ausflug; darum nahmen wir auch keine Lagergeräte mit, und nur sehr wenig Nahrungsmittel. Das sollte sich bitter rächen. Wir landeten am Kap Tuxen, und da wir von hier aus einen langen, schmalen Kanal inmitten der EiLwüste gewahrten, konnten wir der Versuchung nicht widerstehen und fuhren ein. Einige Stunden später, an der Spitze der Berthelot-Jnsel, stießen wir auf eine solide Eisschranke, zugleich hatte sich hinter uns der Kanal bedrohlich verkleinert. Wir kehrten um, liefen mit aller fttaft des Motors; der Ausgang war versperrt. Nun begann eine hastige Jagd längs Der Küste, aber nirgends ein Ausweg, wir waren im Eis e gefangen, wie Mäuse in einer Falle. Nach kurzer, ernster Beratung griffen wir zum Spaten und zur Axt und versuchten, uns so einen Ausweg zu erzwingen. Es war eine furchtoare Arbeit, Zoll um Zoll mußten wir uns mit Hilfe des Stahles den Weg bereiten, aber immer, wenn wir endlich ein Stück sreigelegt hatten, schob sich das Eis unter dem Drucke wieder zusammen, an unseren Seiten türmten sich verderbliche Eisberge auf, drückten gegen das kleine Boot, und es bleibt ein -Wunder, daß wir nicht.sofort zugrunde gingen."
Der gerade in diesem demotratiscyen Staate auf Dem „Keinen Mann" lastet, und der volkswirtschaftlichen Rückständigkeit. Mögen auch im Süden die Amerikafahrer größere Vertrautheit mit der Maschine zurückbringen, der Maschinenbetrieb in der Landwirtschaft stößt vorläufig in diesen Provinzen auf unüberwindlichen Widerstand. Großgrundwirtschaft gibt es in Italien, besonders im Süden, überhaupt nicht; 95 Prozent Der Landwirtschaft treibenden Bevölkerung sind unselbständig, die Latifundienbesitzer, der in der spanischen Zeit allmächtig gewordene Adel, sind unfähig, national- ökonomisch zu denken und verachten jede wirtschaftliche Tätigkeit als nicht standesgemäß. DaS Volk der kleinen Pachtbauern ist in seinem Elend resigniert und argwöhnt in jeder Neuerung nur neue Ausbeutung. Durch das unglaublich vernachlässigte Schulwesen ist Unbildung und Aberglaube der Hemmschuh jeder Besserung.
Reichsgerichtsbrief.
(Nachdruck verboten.) js. Leipzig, Oktober 1910.
Anspruch des Prinzipals auf Herausgabe des Gewinnes ans Sondergeschäften seines Gehilfen.
Zur Auslegung der §§ 60 und 61 des Handelsgesetzbuches erregt ein Rechtsstreit des Warenhauses I. & E o. m Berlin nut einem früheren Angestellten das Interesse der gesamten Geschäftswelt. Der § 60 d. H. G. B. beftmnnl, das der Handlungsgehilfe ohne Einwilligung des Prinzipals weder ein Hanoelsgeiverbe betreiben, noch in dem Handelszweige des Prinzipals <ür eigene oder fremde Rechnung Geschäfte machen darf; per § 61 d. H. G. B. gibt dem Prinzipal für den Uebettcetungsfall des § 60 das Recht, zu verlangen, das der Handlungsgehilfe Die für eigene Rechnung gemachten Geschähe als für Rechnung des Prinzipals eingegangen gelten lasse und Die aus Den Geschäften für fremde Rechnung bezogene Vergütung herausgebe.
Für Den vorliegenden Streiuall ist als feststehend anzusehen, daß der beklagte Kaufmann W. feit dem 6. Juli 1908 dem Waren- hause I. & Co., wo er als Einkäufer und Heiter der Konfektionsabteilung angestellt war, fernblieb. Er hatte mir einem anderen Kaufmann von Dem Direktor eines anderen Staui- h aus es einen Laden gemietet, um von Oktober 1j08 ab daselbst das Tamenkoufektioitsgeschätt des anderen Kaufhauses zu übernehmen. Vorher reifte er nach Pans, um sich über die neue Mode zu informieren. Als Der Mietvertrag zur Ausübung kommen sollte, stellte eS sich heraus, daß em weiterer Laden für das Pelzgeschäft vermietet worden war, und daß der Beklagte und fein Genosse auf legliches Geschäft in Pelzwaren verzichten sollten. Infolgedessen schwand der Kredit Der beiden Kaufleute und daraufhin erklärte das Kaufhaus, den Vertrag nicht aufrecht erhallen zu können. Es zahlte jedoch beiden eine Abfindungssumme von 18 000 Alk. Nunmehr meldete sich der Beklagte wieder bei I. & Co. Diese Firma erklärte, daß sie jetzt berechtigt fei, von dem E i n t r i t t s r e ch t des Prinzipals in Die Geschäfte Des Handlungsgehilfen Gebrauch zu machen und klagte deshalb gemäß § 61 des Handelsgesetzbuches auf Auszahlung der auf den Teil des W. ent'allenden 9000 Mk. der Abfindungssumme abzüglich der auspeheuDen Lohnzahlung für das Vierteljahr von Juli bis September.
LauDgericht und K a m m e r g e r i ch t zu Berlin verurteilten den Beklagten zur Auszahlung der 90 ,0 Alk. an die Klägerin. Tas Kammergericht beruft sich auf die ü§ 60 und 61 des Handelsgesetzbuches und erklärt, wenn Die Klägerin auch in DaS Geschäft der beiden Kaufleute, Die eine offene Handelsgesellschaft gebildet hätten, nicht emtreten könne, so stehe ihr doch gegen den Beklagten aus dem "Anteil, Den er übertragen erhalten habe, ein Recht zu.
Gegen das Urteil Des Kammergerichts hatte Der Beklagte mit Erfolg Revision beim Reichsgericht eingelegt. Tte Revision rügte zunächst, Daß von Den lb 000 Mk. auch noch 5000 Alk. an einen Tritten, Unterbeteiligten haben gezahlt werden müssen; sodann ergab sich die Abfindungssumme aus einem Vergleich. Ein Vergleich sei aber kein Geschäft im Sinne von § 60 H.G.B., er gehöre nicht zum Betriebe eines Handelsgeschäfts. Uebrigens habe Der Mietvertrag und Das G fchäfl erst zum Oktober beginnen sollen, sie seien jedoch in Wirklichkeit nicht zu- st a n d e gekommen. Zuletzt greife auch die Verjährungseinrede durch; denn wenn vom Fortbleiben des Beklagten an gerechnet werde, so fei die Klage, Die im November erhoben wurde, verspätet. Ter III. Zivilfenat des höchsten Gerichtshofs' erfannte zu-
Stunde um Stunde verstrich; nun waren schon dreißig Stunden dahingegangen, die Nahrungsmittel waren erschöpft, der Hunger peinigte die Forscher, und eine unwiderstehliche Schlafsucht quälte die Gefangenen. „Das letzte Stück Biskuit war verteilt; jeder von uns dachte an den Pinguin, der uns beim Beginn der Fahrt begegnet war und den wir geschont hatten. Jetzt bedauerten wir diese Regung des Mitleids. Eng aneinander gepreßt streckten wir uns auf dem Boden des Bootes aus, aber die Kälte weckte uns bald wieder, und eine Stunde später waren wir bereits wieder mit Pickel und Axt an unserer hoffnungslosen Arbeit. Plötzlich bemerkten wir eine Bewegung des Eises und der Fluten. Kam endlich die Befreiung? Aber die Massen schlossen sich immer enger zusammen, wir wurden gezwungen, uns hastig zurückzuziehen, flüchteten uns auf eine kleine Insel und suchten hier, zwischen Felsen und Schnee, eine Stätte, wo wir uns etwas ausruhen tonnten. Doch an Ruhe war nicht zu denken. Wieder griffen wir zum Handwerkszeug und schlugen verzweifelt auy die mächtigen Schollen ein. Um dem Mißgeschick die Krone aufzusetzen, rannte nun bei einem Vorstoß das Boot auf einen Felsen auf, neigte sich zur Seite, und sieben Stunden waren wir in dieser hilflosen, aufregenden Lage, bis endlich die Flut kam und unser Fahrzeug wieder flott machte. Alle weiteren Versuche, die Eisschranke zu durchbrechen, blieben fruchtlos. Zuguterletzt brach auch noch der Motor, und während Godfroy mit feinen erstarrten Fingern den Schaden zu ergründen suchte, trieb uns die Strömung der Küste entgegen. Hier konnten wir das Boot fest machen. Es begann zu schneien, wiederum verstrich Stunde um Stunde, ein neuer Tag brach an, und rastlos fielen die weißen Flocken weiter. Schließlich wollten wir einen Versuch machen, uns bis zum Kap Taxen fortzuarbeiten; in diesem Augenblick war es uns, als hörten wir fern, in weiter Ferne, den Klang einer Sirene. Atemlos lauschten wir. War es Täuschung gewesen? In banger Svannung verstrich eine Viertelstunde. Ta hörten wir es wieder, diesmal war leine Täuschung möglich: Rettung nahte! Wir schrien und riefen, noch eine lange, endlos lange Weile verstrich, dann hörten wir eine Antwort und wußten, daß man uns vernommen hatte. Bald darauf waren wir bereits an Bord unseres Schiffes."
gunslen Des Beklagten; er hob Da# Urteil des Kammer- gerichts auf u n 0 wies die Klägerin ab. Die Kosten de? gesamten Rechtsstreits wurden der Klägerin auferlegt.
Dcrimjcbtes.
* E in vereitelter Plan. Der frühere ZirkuSdirekrov David Niederhofer, dessen legale Versuck-e, eine Wiederaufnahme des Verfahrens gegen ihn wegen Raubmordes herbei?,u- führen, wie berichtet, erfolglos geblieben sind, hat Dann neuerdings versucht, auf illegale Weise zu seinem Ziel zu gelangen. In der Krankenabteiluna deS Zuchthauses Ebrach, wo Niederhofer seine lebenslängliche Zuchthausstrafe verbüßt, wußte er cintn Mitgefangenen, der demnächst entlaßen werden sollte, zu bereden, einen von ihm, Niederhofer, geschriebenen, an einen seiner Bekannten gerichteten Zettel mitzunehmcn, worin der ganze Plan zur Herbci- ftrhrung des Wiederaufnahmeverfahrens dar gelegt wurde. Hiernachi sollte der gute Freund Nieder Hofers in einem an Die Staatsanwaltschaft München gerichteten Schreiben sich bezichtigen, den Hendschel ermordet und ausgeraubt zu haben, und Dtiiu,.rn, daß Niederhofer unschuldig sei. Wie er, der Briefschreiber, die Tat ausgeführt habe, war in diesem Zeitel ausführlich beschrieben. Den zur Tat benützten Revolver (der bekanntlich nicht mehr beigeschafft werden konnte) habe er, so lautet die briefliche Anweisung weiter, an einem bestimmten Platze vergraben. An diesem Platze nun sollte nach weiterer Anweisung der gute Freund einen Revolver, in dem noch mehrere Schüsse geladen vorhanden sein sollten, vergrabenu. milder Mitteilung an die Staatsanwaltschaft noch einige Zeit warten, bis der Revolver v e r r o st e t sein würde, um den Glauben an Die Wahrheit der Selbstanzeige zu erhöhen.
* Der verhängnisvolle Tausendmarkschein. Ein peinlicher Vorfall beschäftigt die städtischen Behörden in Charlottenburg. Vom Oberbürgermeister Schustehrus ist vom Charlottenburger Stadtverordnetenbureau ein schreiben eingetroffen, in dem mitgeteilt wird, daß der Stadtbauinspeltor Kuckuck von dem Vertteter einer Berliner Firma durch eingeschriebenen Bries einen Tausendmarkschein erhalten hat. Dem Scheine war ein Bries beigelegt, der folgenden Wortlaut hatte: „Ich bitte Sie, mir durch die Anlage Gelegenheit zu geben, mich für Ihr mir bisher erwiesenes Wohlwollen erkenntlich zu zeigen. Deuten Sie, werter Herr Vauinspeltor, bitte mein Verhalten nicht anders, als den Ausdruck meiner Dankbarkeit, zu der ich mich Ihnen gegenüber verpflichtet fühle. Es würde mich hoch freuen, wenn mir Ihr sehr geschätztes Wohlwollen auch weiterhin erhalten bleiben würde." Die in Betracht kommende Firma hatte in den letzten Jahren große Nohrverlegungsarbeiten für die Charlottenburger Kanalisationswerke ausgeführt. Ter Magistrat hat nun in seiner letzten Sitzung den Beschluß gefaßt, der Firma in Zukunft keinerlei Arbeiten und Lieferungen für die Stadtgemeinde mehr zu übertragen. Ferner hat der Magisttat beschlossen, den Aries der Staatsanwaltschaft zur Strafverfolgung zu übergeben.
* Der moderne Hut vor dem Richter. Die übermütige Modegöttin, die trotz ihrer bisiveilen wunderlichen Launen Konflikte mit der hohen Justiz fast immer glücklich zu vermeiden gemußt hat, gab am Rrvlttag in einem Londoner Ge, richtssaal den Anlaß zu einem kleinen Zwischenfall. Vor den Schwanken des Gerichts erschien als Zeuge eine junge Londoner Dame, ihr jugendliches Haupt war so gut wie völlig verborgen unter der mächtig ausladenden Krempe eines wunderschönen, höchst modernen neuen Hutes. Der würdige Richter blickte mißbilligend auf diese bizarre Blüte modischer Phanrasie und wandte sich dann zu der Zeugin. „Schlagen Sie Ihren Hut zurück." Äe iunge "Dame bog die Krempe ein wenig auswärts, und man sah in oer Tat ein kleines Stück Nase. Aber der Richter war nicht zuftieden und legte Verwahrung ein: „Ich kann Ihre Augen nicht sehen, und in einem solchen Prozeß sind die Augen_ Die Fenster Der Seele." Die Krempe wird wieder um ein kleines Stück höher gebogen. „Genügt das?" „Nein," entscheidet der Richter „es genügt nicht. Ihr Gesicht liegt in einem dunklen Schatten verhüllt und ich sehe keine Augen." „Ich kann den Hut nicht weiter zurücksetzen," protesttert Die junge Schöne. „Sie sind eine höchst halsstarrige junge Dame." „Dann werde ich Den Hut ab* nehmen." „Nein, das werden Sie nicht, denn ich null keine Dame barhaupt vor Gericht sehen." Die Zengin zieht bereits die Hutnadeln heraus, aber schließlich läßt sie sich überreden: mit vieler Mühe gelingt es endlich, das Hutungeheuer so weit zu zähmen, daß man unter dem mächtigen Rad etwas zu sehen bekommt, was möglicherweise die Augen der jungen Modedame gewesen sein können.
— Die Germanisierung Rumäniens. In Frankreich verfolgt man mit Sorge die Fortschritte, die den Deutschen während der letzten Jahrzehnte auf politischem
Rumänien gcmh ebenso wie in . feit kurzer Zeit, sondern bereits seit Jahrhunderten den merkwürdigen Mischdicttekt des Jiddischen, der sich aus etwa einem bis zwei Drittel deutschen Worten, int übrigen hauptsächlich aus Hebräisch, aber auch aus der Landessprache zusammenfetzt. Von einer Germani
sierung der Sprache iann in der letzten Zett keine Rede fein. Einen Hoffnungsstrahl sieht Raymond Perraud darin, daß unter den oberen Klassen in Rumänien viel Französisch gesprochen und französische Literatur gelesen !vird. In Dessen ist die einzige literarische Gruppe, die seit einem halben Jahrhundert einigen Einfluß in Rumänien ent wickelt hat, die der Junimisten gewesen, die Deutschland sehr freundlich gegenuberstanden. Die Junimisten traten 1865 ins Leben. Sie bestanden größtenteils aus jungen Leuten, die ihre Bildung an deutschen llniversitäten ‘er worben hatten. Auch die politische Verbindung des Landce- mit Deutschland verstärkt noch den wirtschafttichen Einfluß, den öie Deutschen in Rumänien ausüben. Tatsächlich soll fast der ganze auswärtige Handel Rumäniens in-den Händen von Deutschen liegen, während die Eingeborenen nur eine untergeordnete Rolle im auswärtigen Handel spielen Gan> so schlimm (vom ftanzösischen Standpunkte au£), wie Mr Raymond Perraud die Sache darstellt, wird sie ja wohl nicht fern Daß aber der deutsche politische und wirtschaft lrche Einfluß in Rumänien sich in den letzten Jahrzeynien lebhaft entwickelt hat, ijt keine Frage. Die Anstrengungen ote von deutscher ^ette dort gemacht worden sind, hLen sich' ledenfalls gelohnt. '
wie auf wirtschaftlichem Gebiet in Rumänien geglückt sind. In einer der führenden französischen Zeitschriften, den „Questions diplomatiques et coloniales" bespricht Mr. Ray mond Perraud diese Germanifterung Rumäniens. Ueber- all spielten die Deutschen in Rumänien eine hervorragende Rolle. Selbst in der Landwirtschaft, die seit Menschengedenken die Grundlage der Tätigleit des rumänischen Volles darstellt, haben die Deutschen sich eingenistet und haben auch dort viel erreicht. In der Moldau werden zwei Drittel der größeren Grundstücke von Fremden bewirtschaftet, von denen ein großer Teil Juden sind, die deutsch sprechen. Vielleicht ist Mr. Perraud hier allerdings eine starte Verwechslung zugestoßen: denn ein großer Teil der jüdischen Bevölterung in Rumänien Rußland spricht nicht nur f


