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26.2.1910 Zweites Blatt
 
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Samstag 26. Februar 1810

160. Jahrgang

Zweites Blatt

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

Fabrik König unb Bauer. 1823 ging- dem Kontinent gebauten Schnellpresse

Rotationsdruck und Verlag der Br üblichen Unwerstläts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange. Gießen.

DieGießener Zamilienblätter" werden dem Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das Lreisblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul­straße 7. Expedition und Verlag: e^5L Redaktion: e-E 112. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen.

Broschüre keinerlei Mitteilungen in die Presse gebe, und daß, auch keine Aushängebogen zur Versendung gelangen werden.

Das V älter schlacht-Denkmal bei Leipzig. Von den zwölf Riesengestalten aus Granit, geharnischte Ritter darstellend, die rund um die Kuppel des Leipziger Völkerschlacht- Denkmals ausgestellt werden, ist, wie der Tag schreibt, die eine an ihrem Hersttilungsorte, in dem kleinen, durch seine ausgedehnten Granitbrüche bekannten Orte Beucha bei Leipzig, in den letzten Tagen vorläufig ausgestellt worden. Der gewaltige Ritter, dessen bette Hände an dem Griffe des aus ein Löwenhaupt gestützten, langen Schlachtschtvertes ruhen, hat eine Höhe von zwölf Meter, mit Grundmauer vierzehn Meter. Die ist aus v-ierundftinszig einzelnen Teilen zusammengesetzt, wozu secksundackstzig Kubikmeter Granit erforderlich waren. Ihr Gewicht beträgt rund 4000 Ztr. Zurzeit sind sieben Bildhauer und dreiunddreißig Steinmetzen mit der Herstellung der zwölf Statuen befehl fügt, die sämtlich noch vor Ende dieses Jahres an ihrem Standorte zur Aufstellung Kommen sollen.

(Der M iterfinder der Schnellpresse. Ain 27. Februar 1860 starb in Oberzell bei Würzburg Andreas Friede ich Bauer. Er hatte sich in seiner Jugend der Mechanik gewidmet und war im Alter pon 18 Jahren nach London ge­gangen. Hier lernte er einen Landsmann, den teuticfen Buch­drucker Friedrich König kennen, der sich damals mit der Aus­führung seiner Idee, einer Maschinenprcsse beschäftigte. Freund­schaftlich und geschäftlich schloß er sich ihm an und beiden gelang es, im Jahre 1810 die Erfindung soweit zu vervollkommnen, daß sie praktisch verwertet werden konnte. Am 29. Oktober 1814 wurden zum erstenmal die Times auf einer Doppelmaselstne ge­treu dt, und ein besonderer Artikel des Weltblattes machte auf diese

Tatsache und die Bedeutung .der neuen Erfindung aufmerksam. Die beiten Teutsck-cn entwickelten nun ihre Erfindung mehr u. mehr. Da sie sich aber mit ihren englischen Geschäftsfreunden entätveiten, gingen sie nach Deutschland zurück, kauften vom König von Bayern das Kloster Oberzell und gründeten hier die berühmt gewordene Fabrik König unb Bauer. 1823 gingen aus ihr die ersten auf tem Kontinent gebauten Schnellpressen, darunter eine für die Als König 1833 ge>

Gießener Anzeiger

Eeneral-Anzeiger für Cderhefsen

Spenersche Zeitung 'in Berlin, hervor.

starben wak, setzte Bauer das Geschäft allein fort und es gelang ihm, eine vierfache Schnellpresse zu konstruieren, die eine Leistungs­fähigkeit bis zu 6000 Drucken pro Stunde hatte. Er war es, ter zuerst die sogenannte Kreisbewegung für den Betrieb des Funda­ments ter Schnellpresse benutzte. Sehr zu Hilfe.kam ihm bei seinen Arbeiten, daß er ein tüchtiger Mathematiker war inib in seiner Jugend nicht bloß praktisch die Mechanik erlernt, sondern auch Mathematik studiert hatte.

Ein Gedicht Karls des Großen? lieber die be­deutende Entdeckung eines Gedichtes Karls des Großen erhalten wir folgenden Trahtbericht: In einer Unterredung mit römischen Gelehrten teilte Kardinal R a m p o l l a mit, er habe eine bisher völlig unbekannte Elegie Kaiser Karls des Großen aus seines Sohnes Tod entdeckt: jeder Zweifel an der Echtheit des Gedichtes fei hinfällig.

Zum neuen Goethe f u n d. Professor G. Bill eter (Zürich, der als Finder von GoethesUr-Wilhelm Meister" von auswärts mit Anfragen um nähere Auskunft bestürmt wird, 'ößt erklären, daß er außer der in spätestens 14 Tagen erscheinenden

Der wechsel int hessischen Manzministerium.

x Darmstadt, 25. Februar.

Die Haushaltsberatungen der Finanzausschüsse beider Ständelammern sind am Freitag abend in Darmstadt zu Ende geführt worden und haben ein Ergebnis gezeitigt, das in gleicher Weise die Mitglieder beider gesetzgebender Kör­perschaften, wie die hessischen Steuerzahler befriedigen wird. Auch wir können mit Genugtuung konstatieren, daß unsere wiederholt ausgesprochene Erwartung erfüllt und cs dem redlichen Zusammenwirken der beiden Ausschüsse gelungen ist, das Gleichgewicht im neuen Staatsvoranschlag auf einer Basis zu erreichen, die wenigstens nicht eine allzuschwere weitere Belastung der breiten Schichten der Bevölkerung aufzuweisen haben wird. Allerdings ist dieser Abschluß der Ausschußberatungen nicht ohne ein Opfer erzielt worden : Finanzminister Dr. G nauth hat infolge der Weigerung der Parlamente, auf seine Amortisationsvorschläge einzu gehen, sich zur Nnreichung seines Entlassungsgesuches ver- oniaßt gesehen. Das Großherzogtum steht vor einem neuen Zeitabschnitt, denn von welch schwerwiegender Bedeutung es ist, welche Persönlichkeit btc hessischen Finanzen vei waltet, geht daraus hervor, daß nach einem Privattele- aramm aus Darmstadt der in seinem Berwaltungsfach sehr bewährte Minister des Innern, Dr. Braun, an G n a u t h s Stelle treten soll. So ist es uns ein Trost, daß kein völlig unbeschriebenes Blatt an die Lösung der Zukunftsaufgaben gestellt wird. Freilich wird man auch lebhaft bedauern, daß der mit seinem Ressort innig verwachsene bisherige Minister des Innern sich von feinen Obliegenheiten trennen soll. Ob Herr Braun ein festes Programm zur Gesundung der Finanzen in der Tasche trägt, wissen wir leider nicht. Hoffen wir, daß er wirklich mit Lust und ernster Tatkraft ans Werk gehen möge; das Leit­motiv muß ihm ja bekannt sein.

Als am 8. Dez. v. I. der neue Staatshaushalt mit einem Defizit von nahezu 5 Millionen eingebracht und zu dessen Deckung eine 30prozenZge Erhöhung der Einkommensteuer verlangt wurde, war man sich in der Kammer, wie in der Bevölkerung darüber einig, daß eine derartig starke Inan­spruchnahme der Steuerzahler nur im alleräußersten Not­fall erfolgen dürse und alle Mittel und Wege erwogen! werden müßten, diese exorbitante Steuererhöhung, die viele mittlere Existenzen geradezu an den Ruin bringen könnte, auf ein erträgliches Maß zurückzuführen. Tem Finanz­ausschuß der zweiten Kammer hat es aber leider trotz aller Bemühungen unb Vorstellungen an die Regierung nicht gelingen wollen, dieses Ziel zu erreick)en und erst, als die gesamte hessische Presse mit wenigen radikalen Ausnahmen Irem Verlangen nach Ermäßigung der hohen Steueranforde­rung Ausdruck gab und auch der zur Mitwirkung auf- gerufene Ausschuß des andern Hauses mit feinen bekannten Vorschlägen hervorgetreten war, brach sich mehr und mehr die Erkenntnis Bahn, daß Bei allseitigem guten Willen auch mit einem niedrigeren Prozentsatz für das Jahr 1910 aus­zukommen fein werde und deshalb alte Kräfte daran gesetzt werden müßten, auf der mittleren Linie zu einer Verständi­gung zu gelangen.

Der Herr Finanzminister, der wohl eine berechtigte Miß­stimmung darüber empfinden mochte, daß seine fachlich als durchaus gerechtfertigt anerkannten Amortisationsvor- schläge von der ersten Kammer rundweg abgclehnt wurden, ließ sich dann wohl nicht zum wenigsten durch die unklare Haltung des Finanzausschusses der zweiten Kammer und die irreführenden Ermutigungen einzelner Blätter dazu bestimmen, jedes Entgegenkommen von der Hand zu weisen und damit in einen, schroffen Gegensatz zur ersten Kammer zu treten. Hätte der Minister an der zweiten Kammer eine volle Rückendeckung gesunden, so hätte der kühne Vor­stoß vielleicht von Erfolg gekrönt werden können. Aber der Ausschuß der letzteren hatte zwar die Berechtigung der verstärkten Schuldentilgungsforderung, nicht jedoch auch die zurzeit absolute iliotwendigkeit dieser Schuldentilgung

anerkannt und da die Forderung einer nur zehnprozentigen Steuererhöhung zweifellos mehr Sympathien für sich hat, als die für 20 oder 25 Prozent, auf der der Ausschuß zweiter Kammer stehen geblieben war, so konnte kaum noch an der Annahme sestgehalten werden, daß die Volksvertreter dem Versuch einer Ordnung der Finanzen bei nur 10 Prozent Mehrforderung ernstlichen Widerstand leisten würden. Es wäre vielleicht auch noch ein anderer Weg zur Verständigung gesunden worden, wenn die beiden anderen Minister ihren arg befehdeten Kollegen darauf hingewiesen hätten, daß angesichts der ganzen Situation an eine Zustimmung der Volksvertretung zu der hohen Steuermehrforderung nicht zu denken sei und er allein die (.Konsequenzen auf sich nehmen müsse. Und nachdem in den gemeinsamen Ausschußberatungen nicht nur der Nxferent Frhr. v. Hehl, sondern auch der Korreferent, der als berufener Finanz- mann bekannte Bankdirektor Parcus, eine klare Rechtferti­gung der auf Ermäßigung der Steuer^wderung hinzielenden Vorschläge gegeben hatte, die auf a.ie Anwesenden einen tiefere Eindruck ausübte, wäre es ebenfalls int allgemeinen Interesse geboten gewesen, das von demagogischer Seite künstlich konstruierte Duell Gnauth-o. Hehl auf feine sachliche Unterlage zurückzuführen und auf eine Klärung der be­dauerlichen Gegensätze hinzuweisen, anstatt sie durch Ent­stellung und Verdrehung der Tatsachen zu verschärfen.

Es muß durchaus bestritten werden, als trage der nun ausgeschiedene Minister allein die Verantwortung an der gegenwärtigen Finanzmisere in Hessen. Er hatte schon, als er im Herbst 1900 das Präsidium im Ministerium übernahm, eine ziemlich schwierige Lage von seinen Vor­gängern Weber und Küchler vorgesunden und er ist jeden­falls mit großem Eifer und Pslichtbewußtsein bestrebt ge­wesen, die sinanzielle Situation nach Möglichkeit zu ver­bessern; schon die Schaffung des Ausgleichs ^onds zur Parie- Tung der schwankenden Erträgnisse aus der preußisch- hessischen Eifenbahngemeinschaft ist ein sprechender Beweis dafür.

Dr. Gnauth als Oberbürgermeister von Siefen.

Der Name des nunmehr abgehenden Finamministers Dr. Gnauth ist, wie unsere Leser wissen, auf das engste mit dem der Stadt Gießen verknüpft, in der er nahezu zwei Jahrzehnte in verantwortungsvoller Stellung wirkte. Herr Gnauth kam 1882 als Provinzialingenieur hierher und wurde 1886 von der Stadt als Sachverständiger herangezogen, als es sich darum handelte, das Gaswerk des Fabrikanten Heß in städtischen Besitz überzuführen. Er entledigte sich dieser schwierigen Ausgabe aus beste Weise und es lenkten sich infolgedessen sofort alle Blicke auf ihn, jals in demselben $if)re \ein oimer uni besoldeter Beigeordneter gewählt werden sollte. Er wurde einstimmig als solcher gewählt und hatte in diesem Amt reiche Gelegenheit, die Bedürsnisse der (Stabt kennen zu lernen. Als dann am 11. Mai 1889 Bürgermeister Bramm starb, war er der ge­gebene Nachfolger. Auch seine Wahl als Bürgermeister erfolgte einstimmig.- Pon seiner am 8. Juni 1889 erfolgten Amts­einführung an stand er 11 Jahre lang an der Spitze dec Stadt­verwaltung. Durch seine technische Vorbildung und seine ziel- bewußte, vor keiner Aufgabe zurückfchreckende Persönlichkeit wurde er zum rechten Mann an der rechten Stelle, um das in seinen städtischen Einrichtungen noch recht landstadtmäßige Gießen zu einer modernen (Stadt auszubauen. Es ist eigentlich keine städtische Einrichtung von größerer Bedeutung vorhanden, die nicht seiner Initiative oder wenigstens tatkräftigen Mitarbeit ihr Entstehen verdankt, ausgenommen die elektrische Bahn, die nach seiner Amtstätigkeit ins Leben gerufen wurde.

Seiner Mitwirkung beim liebergang des Gaswerkes in städti­schen Besitz haben wir schon gedacht. Während seiner Tätigkeit als Beigeordneter entstand unter seiner eifrigen Mitarbeit noch 1886 das erste Wasserwerk die jetzige Niederdruckver­sorgung und im folgender Jahre die erste Schlachthaus­anlage. Diese mußte sck>on in den nächsten Jahren mehrfach ver­größert und erweitert werden, und alle diese Erweiterungsbauten konnten dank feines praktischen Blickes in zweckentsprechender Weise und ohne erhebliche Kosten dnrchgeführt werden. Das erste Wasser­werk war »schon von Anfang an nicht -aus der rechten Höhe, und es ist eines der größten Verdienste des Oberbürgermeisters Gnauth diesen Titel erhielt er 1890, daß er auf dem

wichtigen Gebiet der Wagerversorgung sur grüubliche übhilfe sorgte. Im Oktober 1893 wurde mit den Arbeiten beim Wasser­werk Queckborn begonnen, unb am 1. Remter 1894 rourte das segensreiche Werk mit zunächst einem Brunnen m Betrieb genommen^ des Herrn Gnauth als Beigeordneter

stammt auch die erste von ihm ausgegangene Anregung einer vollständigen K a n a l i s a t i o n der Stadt. Dieses wichtige Werk beschäftigte ihn während lernet ganzen Burgctinelsterzeit. 1899 wurde Regierungsbaumeister S ch in i ck (der ledige Geh. Oberbaurat) mit der Ausführung der Kanalisation beauftragt. Aber erst nach Gnauths Weggang konnte 1902 mit der Aus­führung begonnen werden, die mehrere Jahre in Anspruch nahm. 1906 wurde die Kläranlage in Betrieb genommen. In die Amtszeit Gnauths fällt ferner die mehrfache Erweitnung des Friedhofs am Nahrungsberg und dann der Entfchlutz, am Rodberg einen neuen Friedhof anzulegen, der allerdings auch erst unter feinem Amtsnachfolger, dem lebigen Oberburger- melfter, 1904 in Benutzung genommen werden konnte. VS ist übrigens unseres Wissens der erste ^riebhot in Deutschlands der allen Üonsessioncn gleichmäßig offen steht Auch das EleHs trizitätswerk verdankt Gnauths initiative sein Entstehen. Als es sich bei dem Umbau des Güterbahnhofs darum banbelte, ob bie Bahn selbst ein Elektrizitätswerk bauen lollte, erkaMcks Herr Gnauth mit weitem Blick, daß dies der richtige Zeitpunkt sei, unter Sicherung dieses Großabnehmers der Stabt auch bicfea modernste Belenchtungsmittcl zu sichern. Auch das Geftrizftä^- werk wurde auf Grund feiner Arbeiten nach Gnauths Weggang begonnen und vollendet. __

Von größeren Hochbauten, btc wahrend der Burgermei^rMtz Gnauths zur Ausführung gelangten, feien btc S t a b t E n.afo,en* schule (1890) und das «oHSbati (1896) erroabnUts./^

Auch auf anderen Gebieten entfaltete Dberburg^meiftfir Gnauth eine fruchtbringende Tätigkeit. Genannt seren bt« ©nm- düng des Stadterweiterungsfonds, die Durchführung der MM straßc mit gleichzeitiger Schaffung des Bauplatzes für W hanniskirche, der Ankauf der ^chulerschen Besitzung (vuf be^ jetzt bas Stabttheater steht), die Einführung des ElSevfelder Systems bei der Armenpflege u. a. m. Nur ein Werk ift tgw eigentlich während seiner Amtszeit Mißlungen, nämlich big Schaf­fung eines Viehmarktplatzes in der Nahe des BahMhofh Das Projekt hierfür war von der Stabtterorbnetcntieriamfnlung; mit einer Stimme Mehrheit genehmigt, als auf Betreiben ott Interessenten eine nochmalige Abstimmung vorgenommen wurde, bei dec es bann fiel. 1 , ., _ .

Mitten aus einer reichen und gesegneten Tätigkeit heraus wurde Oberbürgermeister Gnauth am 8 August 1900 qn bte Spitze des hessischen Finanzwesens berufen. Aber die Spuren seiner Tätigkeit in unserer Stadt begegnen uns heute »och am Schritt und Tritt, trotzdem jetzt schon ein Jahrzehnt darüber hingegangen ist. Wenn heute Gießen unter den größeren hessi­schen Städten hinsichtlich seiner kommunalen Einrichtungen nickst an letzter Stelle steht und sich verhältnismäßig günstiger finan­zieller Verhältnisse erfreuen kann, sv ist es nicht zuletzt GnauttzS Verdienst. Die Stadt ehrte ihn bei seinem Scheiden von hl«, durch die Ernennung zum Ehrenbürger und die Verehrung uns Wertschätzung, die er in der Stadt genoß, kam bei dem grotzest Abschiebsfest am 11. Oktober 1900 zu herzlichem Ausbruck. Auch iu seiner größeren sorgen- unb arbeftsvollen Tätigkeit ÄS hessi­scher Finanzminister begleitete er bie fernere Entwickelung unseres Stabt mit freundlichem Interesse unb es ist anzunehMen, bah dies auch in Zukunft so bleiben wird. _

Nach einer Meldung unseres Darmstadter RedaktwnZvMk«B hat der Großherzog gestern abend Staatsminister Dr. Ewald unb ben Minister bes Innern, Dr. Braun, empfange» und dasEntlasfungsgesuchdes Finanzministers Gnauth ge­nehmigt. Zum Nachfolger ist Minister Dr. Braun auzersehen. besten Ernennung zum Finanzmini stcr heute schon erfoüep dürfte.

Minister Braun ist am 5. Oktober 1857 in Äoipon ÄS Sohn eines aus Lberhessen ftammenben Kaufmanns geboren. Er besuchte bas Gymnasium zu Darmstabt unb studierte zu Heidel« berg unb Gießen Rechtswissenschaft. Im Frühjahr 1882 be» stand er sein Staatsexamen mit der Noterecht gut", arbeitete dann praktisch auf dem Bureau des Rechtsanwalts Di^ G ut- fleisch in Gießen. 1883 wurde Braun Amtsanwalt von Alzep unb kurze Zeit daraus Kreisamtmann in Lauter hach und später in Mainz. 1898 wurde er zum MekHrchö bes .Kreises Lauterbach berufen. Noch ber Ernennung Rothes zum Staatsminisler rourte Kreisrat Braun in bas sDcutifteriinrt als Ministerialrat berufen, um 1900 an bie Spitze her neu- gebildeten Abteilung für Landwirtschaft, Handel unb MchverW berufen zu werden. In dieser Stellung bewährte sich Hexr Bramtz ÄS tüchtiger Kenner ber sozialen und wirtschaftlichen BerNft- niste des Landes unb als schlagfertiger Redner, so baß er schock vor seiner am 5. Febr. 1906 erfolgenben Ernennung zum Prä­sidenten des Ministeriums bes Innern ber eigentliche ,,Sprech- minlster" ter hessischen Regierung war. 1907 erfolgte fein« definitive Ernennung zum Minister. Außer seiner amtlichen TAig^- feit ist Braun mehrfach hervorgetreten, u. a langjähriger Bor- sitzender teS Odenwaldklllbs, sowie 1893 als nationalliberalpst Reickstagskandidat für MainzOppenheini. Sein Umfassendes Wissen und sein roarniherziges soziales Verständnis, wie auch, feint oft erwiesenes Verständnis für eine Fortenwicklung unb Aus­dehnung der kommunalen Selbstverwaltung werden in seinem neuem Amt aufs beste zum Wohle bes Laubes zur Geltung komme» können.

Als Brauns Nachfolger als Minftter bes Innern' wirb der Provinzialbirektor ber Provinz Rheinhessen, Geheimerat von Hombergk zu Vach genannt. Herr von Hombergk würbe vor zwei Jahren in biefes Amt berufen unb war vorher Kreisrat in Offenbach. Er gilt als persona grata beim Großherzog.

E. H

Die Verständigung der beiden hesfischen Ausschuffe. J

R. B. Därmstabt, 25. Febr. Die Finanzausf^üsse beiher Stänbekammern haben heute in zwei weiteren Sitzungen am Vor- unb Nachmittag ihre Hamshaltsbe-r ratungen zu Enbe geführt. Als Vertreter ber Regierung wohnten bie Herren Staatsminister Dr. E w a l b, Minister des Innern Dr. Braun, Geh. Staatsrat Krug v.' N i b b a, bie vier Räte bes Finanzministeriums, Geb. Räte Dr. Becker, Best, Frhr. v. Wegeleben, Wilbranb unb Min. Räte Lorbacher und) Süftert ben Verhanblungen unter Vorsitz bes Grafen Erbach- Fürstenau bei. Zu Beginn ber Sitzung teilte ber Staats­minister mit, baß Herr Finanzminister Gnauth bem Gcoß- herzog fern Enttafsungsgesuch eing er eicht habe.» Im Lause der gemeinsamen Beratung des Staatsvoranschlags wurden bie wick tigere» Kapitel ber Ausgaben eingehend besprochen und sowohl von Mitgliedern ber ersten, wie ber zweiten Kampier noch viel fache Anregungen zu Streichungen unb Erspar' nissen gegeben, auch mehrfach Wünsche zu V e te i n - f achung en in ber Staatsverwaltung Dorg&ragen.

: Besonters eingehend wurde der Forsthaushalt unb bie tem Mi­nisterium Z>es Innern unterstellten Lläpitel erörtert. Aus bem Allgemeinen Fonbs für öffentliche und gemeinnützige Zwecke sollen

. noch mehrere Entnahmen an Stelle gestrichener Ausgabeposten erfolgen. Die gemeinsamen Beratungen waren gegen 6 Uhr be-

entet, und man hörte nur eine Stimme ber Befrie- bigung über bie glücklich gelungene Lerstänbi,-

Gietzeirer Ktadttheater.

Klein-Dorrit.

Nach D-ickenS von Franz v. S.chönth an.

Zu feinem Ehrenerbenb hatte sich Hermann Bakof, )er verbiente öberregij'eur unserer Bühne, ben Schönthan- chen Schwank von Klein-Dorrit erw-ählt, an bem der alte mächtige Boz wahrhaftig teijien Anteil -hat. Die Rolle res William Dorrit aber bot Hermann Bakof eine günstige Gelegenheit, feine glänzende Befähigung zur Darstellung feinkomischer Eharallerc aufs neue zu erhärten. Und Bakof holte denn auch nicht nur alles aus seiner Rolle heraus, sondern gab ihr noch so viel Eigenes, daß aus berRollo" ein leibhaftiger Mensch wurde. Neben ihm trat Klein- Dorrit, von Güsti Ney ausgezeichnet dargestellt, am meisten in den Vordergrund, und beiben ist denn auch der hübsche Verlauf des Abends in erster Linie zu danken. Auch die anderen Darsteller waren voll unb ganz auf ihrem Posten, unb das Zufammenspiel war unter BakofS Leitung tadellos durchgearbeitet. Zu erwähnen sind namentlich Karl Marx als Elennant, Fränzi Koch (Lady Ines), Rudolf Goll (©portier), Karl Volck (John), Hermann Norden (Bur- nisch), Edgar Pauly (Tinker) unb vor allen noch Kurt G ü h n e als Prinz.

Hermann Bakof, der bei feinem Erscheinen lebhaft begrüßt würbe, würbe durch außerordentlich starken Beifall ausgezeichnet, und auch mit einer Anzahl anderer Auszeichnungen bedacht. Zum Schluß wurde ihm eine laute Huldigung zuteil. * N.