Ausgabe 
30.5.1910 Zweites Blatt
 
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Zweites Blatt

Nr. 123

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonatags.

160. Jahrgang

Montag 30. Mai 1910

Rotationsdruck und Verlag der Brühfschen UniversitätS - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

DieSiebener Familitnblätter" werden dem »Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das Hreisbloti für den Kreis Sietzen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit» fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e^6L Redaktion: ^^112. Tel.-AdruAnzeigerGießen.

hessischer Richtertag.

Frankfurt a. M., 29. Mai.

Der Hessische Richtervercin, der älteste Landcsrichtervcrcin Deutschlands, hielt am SamStag hier seine elfte ordentliche Hauptversammlung ab, die gut besucht war. Der Vor sitzende, Oberstaatscurwalt von 5) e s s e r t, gab ein Schreiben des Justizministeriums bekannt, wonach der Justizminister und seine Räte durch dringende Dienstgcschäfte verhindert sind, der Tilgung beizuwohncn. Das Andenken des kürzlich verstorbenem Landesgerichtspräsidentcn 5)erzbergcr wurde in üblicher Weise geehrt. Der Geschäftsbericht des Vorsitzenden ergab, daß die hessischen Richter dem Verein fast ohne. Ausnahme angehören^ Im Hinblick auf die Aussprache, die sich an eine aus der vorigen Hauptversammlung gefaßte Entschließung geknüpft lzatte, wurde hcrvorgehobcn, daß ein daran beteiligter Landtagsabgcordnetev den ersten Teil der Entschließung, in der ausdrücklich das Recht des Landtags zur Kritik anerkannt ist, nicht gelesen zu haben. scheine. Es wurde mrtgcteilt, daß der Vorstand des Vereins zur Rücksprache über die von den Rickftcrn hinsichtlich der Bcsoldungsrcform vor getragenen Wünsche bis jetzt von dem Ministerium nicht empfangen wurde. Man hielt eine regere Beteiligung der Richter am öffent­lichen und auch am politischen Leben für nötig. Eine solche würde am besten innerhalb der politischen Vereine geübt. Bei öffentlicheni Auftreten sei Vorsicht geboten und alles zu vermeiden, was zur Erschütterung des Vertrauens führen könne. ES wurde dargelegt, welchen Verlauf die Verhandlungen über das passive Wahlrecht der Amtsrichter genommen haben und daß man hoffe, der Beschluß der Zweiten Kammer wurde Gesetz werden. Auch diesmal wurde betont, daß für J)ic Fortbildung der Richter mehr geschehen müsse. Die jüngsten csparsamkeitsmaßnohmen des Justizministeriums, wie Nichtbesetzung etatmäßiger Stellen sogar am Obcrlandesgericht und die Verwendung unbesoldeter Asjefsorcn kamen zur Sprache. Die Ansicht der Versammlung wurde in folgender, einstimmig an­genommener Entschließung ausgesprochen:

Der Hessische Richtervercin erkennt an, daß bei der jetzigen Finanzlage Sparsamkeit in der Staatsverivaltung geboten ist. Die Hessische Justizverwaltung hat von jeher hinsichtlich der persönlichen Ausgaben diese Sparsamkeit geübt. Die Heran­ziehung der Assessoren zur unentgeltlichen Aushilseleistung sogar

Vie ReichLverfichenmgrordnumz.

Berlin., 28. Mai.

Der Reichsversicherungsaus schuß \Kyrle heute die Aussprache über die Frage der Bcrsickierungsämter fort. Es liegen hrerzu mehrere Abändcrungsanträgc vor. Der Ausschuß hat sich dahin verständigt, daß die Namen von Mitgliedern und auch selbst die Fraktionen, von denen Anträge gestellt werden, nicht in der Presse genannt werden sollen. Ein Antragsbeller führt aus, Bte verbündeten Regierungen wollen es den Eirselstaaten über­lassen, roie sie sich einzurichten gedenken. Er beantragt, dem § 34 folgende Fassung zu geben:Die Geschäfte der unteren Aufsichts­behörde in Angelegenheiten der Reichsversicherung sind Gemeinde- Mm-rbcn oder Staatsbehörden zu übertragen. 'Las Nähere be­stimmt die Landesgesetzgebung. Wo dieses Gesetz bie Hinzuziehung von Beisitzern vvrfchreibt, sind dieselben je zur Hälfte aus Arbeit­gebern und aus Arbeitnehmern zn entnehmen/' Auf diese Weise glaubt der Antragsteller enorme Kosten zu sparen, die der sozial­politischen Wirksamkeit der Bersicherungsträger zugute kommen würden.

Won anderer Seite des Ausschusses wird die Einführung von Versicherungsämtern ebenfalls nicht für nötig gehalten. Ge­heimrat Spiel Hagen, der Vater der Reichsversicherungsämter, führt aus, daß die .Tätigkeit der unteren Instanzen nicht all­gemein ideal sei. Welche Behörde in dem einen oder in dem änderen Falle zuständig fei, sei nicht immer teW- zu entscheiden. Hier solle eine Zentrale als Unterbau für das große Versicherungs­wert geschaffen werden. Gewisse Arbeiten werden den Ver- sick-erungsträgern abgenommen. Die Selbstverwaltung soll nicht beschnitten werden. Das Reichsversicherungsamt ist überlastet, die Rechtseinheit ist gefährdet.2ic Entlastung Qmm nur auf dem vorgeschlagenen Wege erfolgen. Die lokale JLnftanz liegt durch­aus im Interesse des Arbeiters. Der Vorwurf weiterer Bureau- kratisierrmg müsse entschieden zurückgewiesen werden. Die eigene Bezeichnung als Versicherungsämter bezw. Oberversicherungsämter fei notwendig, um den einheitlichen Aufbau klar vor Augen zu stellen. 'Tie Abänderungsanträge bedeuteten eine Verbesserung des Bereinheitlichungsgedankens.

Staatssekretär Delbrück gibt einen lMorischen Ueberblick über die Entwicklung unserer Versicherungsgesetzgebung. Finanziell sind nicht immer günstige Ergebnisse zu verzeichnen gewesen. Die Erfahrungen des einen Versicherungszweiges tonnten nicht nutzbar gemacht werden für die anderen Zweige. 'Diesem Uebelstande soll die vorgeschlagene. Organisation abhelfen^ 'Die Kosten werden nicht so groß sein wird, wie vielfach angenommen wird. Der Name verbürgt die kurze Adresse der zuständigen Stelle im Interesse von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Ter Staatssekretär hebt noch einmal alle Vorzüge der vorgeschlagewün einheitlichen Orga­nisation hervor. Sie sei keineswegs ein Verlegenheitsprodukt, sondern wohl erwägen.

Ein anderes Mitglied betont in seinen dchsfühmngen in erster Linie den Arbefterstandpunkt und wünscht träne Reichsrnstitutionen unter Ausschaltung des Staates und der Gemeinden. Der Redner empfiehlt den gemeinsamen Unterbau.

Von anderer Seite wird betont, es wLkrde kein Unglück sein, Ivenn das Reichsversicherungsamt lediglich 'Revisionsinstanz bleibt. Der Redner versucht nachzuweisen, daß der Anschlag der Re­gierung weit überschritten werden wird. 12 bis 13 Millionen seien sicher erforderlich. Wenn man aber mit den Bersicherungs- ämtern spare, verlören sie viel von ihrer Bedeutung für den Versicherten. Die Svndcrversicherungsämter seien zu verwerfen. Es liege gar Tein Grund vor, die Betriebskrankenlassen des Reichs ünd der Einzelstaaten anders zu behandeln als die übrigen. Darunter leide auch der Gedanke der allgemeinen Auskunfts­stellen. Ucbrigens brauchten wir diese behördliche Auskunstsstelle gar nicht. Es liege eine große Gefahr darin. Die Regierung sollte nicht immer neue Funktionen übernähmen, sondern sich zu entlasten suchen.

Den Ausführungen der letzten Rckaner trat Ministerial­direktor Caspar, unterstützt von mehreren Ausschußmitgliedern, in den meisten Punkten entgegen. Ein klares Bild über die Stellung des Ausschusses zu der Frage der Organisation läßt

Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Sberheffen

Von Darmstadt zum Vergleich herangezogeo werden.

Es muß schließlich noch hervorgehoben werden, daß rur dw Feststellung ber Wohnungsgeldzuschüsse der «LebcnshaltungS- Aufwand", der in dem Antrag des.Herrn Abg. Köhler ebenfalls hervorgehoben wird, in keiner Weise in Betracht kommt.

Nach den oben mitgeteüten Derbältnissen wird es für die Großherzogliche Regierung nicht möglich sein, im Sinne des aus Seite 5 des fraglichen Antrags formulierten Ersuchens Anträge zu stellen oder dem Bevollmächtigten in Berlin Anweisung zn erteilen.

Nach den letzten der Gros-Herzoglichen Regiermig ^ge­gangenen Mitteilungen ist in der Kommission des Reichstags eine Heraufsetzung der Stadt Darmstadt in eine höhere Ortsklasse abgelehnt worden. Nach denselben Mitteilungen ist in den Kommissionsverhandlungen die Einreihung Gießens in eine höhere Ortsklasse nicht zu erwarten. Nach biefcin ^tand der Sache würde es sich eventuell empfehlen, eine Geltendmachung oder Befürwortung der in dem Antrag verfolgten Jltteressen in den weiteren Verhandlungen des Reichstags durch Abgeordnete desselben gnzustreben, sofern nach dem oben mitgctciUcn Material ein Erfolg hiervon erwartet wird."

Der Ausschußberichterstatter, Abg. Ucbcl, teilt die vor stehende Zuschrift im Wortlaut mit und bemerkt dazu: Nach dem mittlerweile in Kraft getretenen Reichsbcsoldungsgesetz vom 15. Juli 1909 ist sowohl Darmstadt, wie Gießen, den Ergebnissen der angestellten amtlickum Ermittelungen über die Mietpreise entsprechend, d e r S c r v i s k l a s s e 0 z u g e t e i l t. Die Reichsbeamten in Gießen sind somit denjenigen in Darm­stadt gleichgestellt. Im übrigen dürfte durch die Mfttcilnng des Antrages an die Großherzogliche Regierung und deren oben ad- gedruckter Rückäußerung dem Anträge entsprochen sein. Der Ausschuß beantragt daher einstimmig: den Antrag Köhler für erledigt zu erklären.

sich heute noch nicht gewinnen, da die einzelnen Redner nur für ihre Person sprack>en. Die Aussprache wird Montag nachmittag fortgeführt. ______________________________________________________

Vie Zuteilung der Stabt Stehen zur Seroisklahe C.

Gelegentlich der vorjährigen Beratung des Reichsbesoldungs­gesetzes hatte bekanntlich der Abg. Köhler bei der Zweiten Kammer ben Antrag eingebracht, die Regierung zu ersuchen,

1. Die Verhältnisse der Stadt Gießen inbezug auf Woh- nungs- und Lebenshaltungs-Aufwand der in ihr domizil .rten Reichs- und Staatsbeamten einer genauen Prüfung zu unter­ziehen und hiernach das alles mit denselben Verhältmssen in der Stadt Darmstadt zu vergleichen;

2. durch ihre Bevollmächtigten zum Bundesrat sowohl in dieser Körperschaft, wie im Reichstage und in Einwirkung auf die Königlich Preußische Regierung (den Preußischen Eisen- bahn-Ministerl eine Besserstellung de rStadt Gießen, wie sie im Beschluß des Preußischen Abgeordnetenhauses ge­plant erscheint, zu bewirken.

In der bem Antrag beigegebenen Begrünbnng suchte der Antragsteller durch den Hinweis auf die hohen Wohnungsmiet- nnd Lebensmittelpreise in Gießen und ferner durch den Hinweis auf die Einreihung der Residenzstadt Darmstadt in die Servis- klasse B den Nachweis zu erbringen, daß die Zuteilung der Stadt Gießen in die Servisklasse C eine ungerechtfertigte Zurücksetzung der Beamten in Gießen bedeute. Der vierte Ausschuß, der sich mit der Beratung dieses Antrages zu beschäftigen hatte, erhielt dazu von der Regierung folgende Erklärung:

Nach der Auskunft, welche der Regierung über das für die Einreihung der Stadt Gießen in die Ortsklasse C zum Entwurf des Reichsbesoldungsgesetzes maßgebend gewesene Material erteilt worden ist, waren am 1. Januar 1907 Offi­ziere und Beamte des Reichs, sowie Beamte Preußens, welche feine Dienstwohnung inne hatten, vorhanden:

in den Wohnungsgeldzuschußtarifklassen

II III IV V VI zusammen 1 25 17 ; 227 394 664.

Mietangaben lagen von 368 Offizieren und Beamten aus Gießen vor. Ter auf Grund dieses Materials im Reiche amt­lich errechnete Einheit^immerpreis belief sich für Gießen auf 125 Mk., der Einheitszunmerpreis in Preußen auf 111 Mk. Hier­durch wurde Gießen in die Ortsklasse C eingereiht, welcher alle Orte mit einem durchschnittlichen Einheitszimmerpreis von 121 bis 160 Mark zugewiesen sind. Insoweit in dem Antrag des Abg. Köhler auf die Höhe der in Gießen auszuwendendeni Mieten hingewiesen wird, ist hervorzuheben, daß die in Aus­sicht genommenen Wohnungsgeldzuschüsse etwa 3A der Miete nach Abzug ber ortsüblichen Nebenkosten zu decken beftinrmt sind, in <3ic§en mithin bei durchschnittlichen Mieten für die Unterbeamten von 425 Mark sowie für die mittleren Beamten von 755 Mark ausreichend wären. Die Mietentschä- bigimg der Volksschullehrer, auf die Bezug genommen wird, beträgt allerdings für Gießen 600 Mark, hierbei ist aber zu berücksichtigen, daß nach Art. 8 des Gesetzes über die Gehalte der Volksschullehrer (in der Fassung der Bekanntmachung vom 30. Oktober 1905) denselben freie Wohnung zusteht oder statt dessen der volle Betrag des Mietpreises für eine angemessene Wohnung zu zahlen ist.

Was den in dem Antrag des Herrn Abg. Köhler hervor- gehobenen Vergleich der Städte Darmstadt und Gießen betrifft, so sind in der Beantwortung der Anfrage der Herren Abgg. Dr. Osann und Dr. Glässing vom 15. Mai l. I., betreffend die Einrerhung der Stadt Darmstadt in die Wohnungsgeldklasse C, die Verhältnisse der letzteren Stadt näher besprochen, und es wird bas Material, welches für diese Einreihung maßgebend war, dort ausführlich mitgeteilt. Nach dem Ergebnis jener Ermittelungen war für ine Stadt Darmstadt der durchschnittliche Einheitszimmerpreis auf 158 Mark festgestellt worden, und es ist hieraus ersichtlich, daß in den Ausführungen der in dem Antrag des Herrn Abg. Köhler mitgeteilten Zuschrift von Reichs­beamten und Beamten des Hessisch-Preußischen Eisenbahngemein- schaftsdicnstes zu Gießen mit Unrecht die Verhältnisse

auch einige kleine Schwankungen jedenfalls durch eine Umbesetzung hervorgerufen nicht ganz zu vermeiden waren, namentlich bei dem Einsatz zu dem Duett der beiden Lebemänner im ersten Aufzuge. Die Leitung der Auffüh­rung besorgte Rich. Helsing mit glücklicher Sxntb. v.

*

Konjert zum Besten des Saalbaufonös.

Um das Interesse für den Saalbau neu zu beleben, veranstaltete gestern der Kronbauersche Quartettverein in Ver­bindung mit dem Schuler scheu Mämterchor aus Frankfurt a. M. ein Konzert in der hiesigen Turnhalle.

Da beide Vereine (zusammen ungefähr 150 Sänger) unter ber Leitung Professors Trautmann stehen, so war man schon im voraus sicher, einen musikalischen Genuß zu haben.

Daß die Erwartungen nicht nur erfüllt, so-irdem weit über­troffen wurden, war wohl jedem Zuhörer klar, als BruchsVom Rhein" die Turnhalle durchbrauste. Von ergreifender Wirkung war PalestrinasO hone Jesu", in dem das zarteste pianissimo und größte Forte inunberbar zur Geltung kam. Auch die hieraus folgenden, sehr geschickt verfaßten zwei Lieder int Madrigalstil: Frohsinn" undHeimkchr"von I. Spengel, erfuhren eine vor­zügliche Wiedergabe.

In Hegars schwierigem Chor:Die beiden Särge" entfaltete der Chor seine ganze Kraft und bewies, daß er den größten An­forderungen gewachsen ist. Bon den drei Volksliedern, welche ohne alle Finessen mit tiefer Innigkeit vorgetragen wurden, mußte auf stürmisches Verlangen dasWiegenlied" von Silcher wiederholt werden.

Als Solisten waren Frl. Heghesi (Violoncello) aus Köln und Herr Adolf Müller aus Frankfurt a. M. gewonnen.

Frl. Hegyesi spielte: Adagio und Allegro in A-dur von L. Bo- cherini, dannStändchen" v. L. He^hen, Addagio cantabile von Nordini und Gavotte von Popper. Dtc Dame verfügt über saubere Technik und schönen, klaren Ton, besonders in der höheren Lage, auch die schwierigen Flageolettöne gelangen ihr sehr gut. Bei fernerem fleißigen Studium dürfte sie bald zu den besten Celli­stimmen zählen.

Herr Adolf Müller fang zuerst:Der Trimnps des Lebens" von Hugo Kann, eine eigenartige Komposition im Balladenstil, dannSalomo", Ballade von Hans Hermann, sowieGanz leise" von Hans Sommer undStelldichein" von Schumacher. Sänttlicke Lieder gelangen Herrn Müller vorzüglich und seine gereifte Sangeskunst noch besonders loben, hieße Eulen nach Athen tragen. Herzlicher Beifall zwangen Herrn Müller zu einer Zugabe.

Das Programm schloß in würdiger Weise mit GriegsLänd­erkennung". Auch hier waren der Chor und Herr Müller (Bary- ton-Solo) auf der Höhe.

Die Begleitung am Klavier und Pedal-Harmonium wurde von Herrn Pros, Trautmann in gewogter vorzüglicher Weise aus- geführt, X.

Die Schatzgräber des Meeres. Unermeß­liche Schätze sind int Laufe der Jahrhunderte mit sinkenden Schiffen in den Schoß des Meeres getaucht. Man kann ruhig von dein größeren Teil absehen, der auf ewig in unerreichbaren Tiefen liegt, so bleiben doch noch viele Millionen übrig, die nachweislich an gewissen Stellen in unbedeutenden Meerestiefen liegen, von den mittelalterlichen Silberflotten der Spanier bis zu den versunkenen und versenkten Hilssschifsen Englands in den napoleonischen Kriegen. Zu ihrer Hebung sind seit Jahr­hunderten immer wieder Versuche gemacht, Tauchapparate und Unterseeboote erfunden, Gesellschaften gegründet, und nicht immer ohne Erfolg. Eine neue Methode hat jetzt der bekannte englische Ingenieur Simon Lake vorgeschlagen, um alte vergrabene Schätze aus mäßiger Tiefe, z. B. die versunkenen Schiffe am Eingang der Zuydersee, zu heben. Er hat dazu einen schwimmenden Prahm mit großen Dainpfpumpen zum Sand- und Schlamm­baggern bauen lassen. Aus bem Jnnenraume des Prahms geht ein Stahlrohr von fünf Fuß Weite und 30 Meter Länge in geneigter Richtung nach unten, bis es an den Boden stößt. Es kann weiter ausgestteckt und mehr ober weniger geneigt werden. Unten enthält es eine Arbeitskammer, durch deren Glasfenster elektrische Sckwinwerfer die Umgebung ablcuchtcn. Ist ber Ort des ver­sunkenen Wracks gefunden, so werden die Schläuche des Baggers angelegt und die Pumpen gerührt, die ihre gewaltige Saugwirdtng entfalten und 40 000 Tonnen Schlamm in 24 Stunden ver­schlingen können. In wenigen Tagen kann so eine beträchtliche Schicht abgebaggert werden. Ist das gesuchte Schiffe oder was davon noch vorhanden sein mag, bloßgelegt, so beginnt die Arbeit der Taucher. Tie Arbeitsiammer wird fest in den Sand gebohrt, bann geöffnet und mit Preßluft erfüllt, so daß sich die Schatz­gräber im Schutz der Druckluft und der stählernen Wände tief in den Sand und Schlamm hineinarbeiten können. Glückt es an einer Stelle nicht, so richtet man das Tauchrohr aus einen anderen Punkt und gräbt so den Meeresboden um, wie jene Schatzsucher ihren Weinberg. Schwere geftindene Gegenstände wer­den gehoben, Wrackteile gelüstet usw. Auch große mechanische Werkzeuge außerhalb ber Ärbeitskammer treten in Tätigkeit. LaE hat dergleichen schon bei seinen früheren unterseeischen Booten mit Erfolg angewandt. Werden sie nun gehoben iverben, die Millionen im Meeresschoß'? Eines Tages sicherlich wird man einen Teil ber einst versunkenen Schätze heben, und sollten Quo drattneilen des Meeresgrundes danach abgesucht werden. Ein? andere und vielleicht wichtigere Aufgabe der unterseeischen Schatz­gräber wird aber die sein, jene Schätze zu heben, die das Meer nicht empfangen bat, sondern fort und fort erzeugt und vermehrt: die Perlen, die Korallen, die Austern! J^wn dürfte in Zukunft die Tättgkett all dieser Erffndungen vorwiegend gewidmet sein.

Kurze Nachrichten aus Kunst u. Wissenschaft. Julius Wolff ist in seinem Charlottenburger Heim schwer erkrankt. Das Befinden des fast 76 jährigen Dichters, der vor einigen Monaten seine goldene Hochzeft feierte, gibt zu einiger Beforarris Anlaß.

II.

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Gretzener Sta-ttheater.

Der Opcrnbav.

Operette von V. Leon und H. v. Waldberg, Musik ton Richard Heuberger.

Richcrrd Heuberger ist trotz seines Alters er wird in wenigen Tagen 60 Jahre alt noch lauge nicht so bekannt und gesck)ätzt, wie es dem feinen und eigenartigen Ton­dichter zukäme. Seine lustige OperetteDer Opern- b a l l", die nach einem älteren Sck)!oank bearbeitet ist, hat noch nichts von ihrer lebensfrischttn Art verloren und die eingestreuten Lieder mit ihrer rcnztollen Melodik haben auch gestern das Publikum wieder ^u starkem Beifall hin­gerissen. Das Lied vomFußband", das Alma Walle mit neckischer Munterkeit sehr nett vor trug, mußte teilweise wiederholt werden, und auch die übrigen, wieUeberall, überall auf der Welt" (ich zitieve nach dem Gedächtnis, da kein Textbuch zu haben war), das Liedchen vom See­mann, der Liebesbrief, die Liebesunterweisung u. a. wurden mir Begeisterung ausgenommen. Zur Erheiterung trug vor allem das samose Mincnspiel des tatendurstigen Pantoffel­helden bei, der von Richard Helsing mit drolliger Komik und ausgelassener Laune dargestellr wurde. Als seine mo­ralische, angejahrte Frau entwöckelte Tillh Stark die nötige Zimperlichkeit. Joses Fern spielte den abenteuer­lustigen ProvinAftädter mit .Humor und Schneid und Marta Werten wußte das arme, Meine Frauchen sehr anmutend nnederzugeben. A)r Lied Uebecall, überall aus der Welt ist es schön, sand, wie schon erwähnt, eine sehr herzliche Ausnahme. Eine prächtige Karikatur schuf Erich Schön- selber als Obertellner Philippe, der den sehr mageren zweiten Aufzug glücklich belebcke. In ihrer kecken Rolle als Kammermädchen zeigte sich Grete Brill, die vom vorigen Jahre her noch in guter Erinnerung steht, von ihrer günstigisten Seite. Ihre stimnck^ichen Mittel wiesen sowohl an Reinheit als auch Kraft des Tones eine erfreuliche Entwicklung auf. Von den übrigen sind noch Herta Schroth und Karl Tralow als .Ehepaar Dumeniel zu nennen.

Der zweite Aufzug brackfte eine Tanzeinlage der Ge­schwister Cortini unter Leitung des Balettmeisters F. Cortini. Sie tanzten zuerst einen russischen, dann einen Zigeunerianz, die ebensoviel Beifall fanden, wie die im folgenden Zwischenakt ausgcLührten spanischen Tänze und der Cakewalk'.

Tie fDtufit wurde von §/erm. ©einetd sowohl bei der Operette als auch bei Begleitatug der TänJe gut geleitet wenn