Nr. 175
Zweites Blatt
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Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
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General-Anzeiger für Gberhejfen
160. Jahrgang
Die „Oiehener ^amiliendlStter" werden dem „Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das „Krtisbldtt fik den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Freitag SS. Juli 1910
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schea UnioerfitätS - Buch- und Steindruckeret.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schulstraße 7. Expedition und Verlag: e^g^öL 8tcbaftion:e^ll2. Tel.-Adru AnzetgerGießen.
tungen aufgestellt. Nunmehr ist ein wirtschaftlicher Beirat für die Kolomalverwaltung eingerichtet worden, und sicherem Vernehmen nach beabsichtigt auch das Auswär- tige Amt einen derartigen Beirat zu schaffen.
Die Klage der Dentisten.
Der Kongreß Deutscher Dentisten hat am Mittwoch in Köln folgende Entschließung gefaßt:
„Der heute in Köln am Rhein tagende, von Vertretern von" 36 Landes- und Provinzial-Vereinen beschickte Kongreß Deutscher Dentisten verwahrt sich energisch gegen die fortwährenden von zahnärztlicher Seite in Wort und Schrift unternommenen, ebenso ungerechtfertigten wie maßlosen.Herabsetzungen und Verdächtigungen des Dentistenstandes. Die Dentisten sind von den gesetzgebenden Körperschaften als ein durchaus notwendiger Stand anerkannt und die beabsichtigte Reorganisation auf dem Gebiete der Zahnbehandlung verletzt weder berechtigte zahnärztliche Interessen, noch dient sie anderen Zwecken als denen des Volkswohles. Die zahnärztliche Kampsesweise zeigt, daß diese kleine Interessengruppe unter verfahrenen Schlagworten vom „Volks- Wohl", „Beschränkung der persönlichen Freiheit" usw. versucht, ihre eigenen Interessen zu fördern und ein Monopol für 3000 Zahnärzte gegen d i e über 6000 zäh lenden Dentisten gewaltsam durchzudrücken. Die Dentisten appellieren an dasGerechtigkeitsgefühl der gesetzgebenden Körperschaften, derTages- presse, der Krankenkasse und des zahnleidenüen Publikums und' weisen mit Entrüstung die zahnärztlichen Verdächtigungen als unhaltbar und unbeweisbar zurück."
Beiräte für die Reichsämter.
In den „Mitteilungen vom Hansabunde" lesen wir:
Bekanntlich haben die Zentrale und zahlreiche Zweigvereine des Hansa-Bundes die Forderung zur Errichtung von wirtschaftlichen Beiräten bei den Reichsverwal-
vei Bismanf zu Gast.
Die fesselnde Wiedergabe einer Tischunterhaltung mit Bismarck, aus der man ein intimes Bild von dem Wesen des Kanzlers in Verkehr und Gespräch erhält, steht diesmal im Mittelpunkt der „Erinnerungen aus meinem Leben", die die Deutsche Rundschau aus dem Nachlaß Julius von Eckardts veröffentlicht. Außer den Familienmitgliedern, dem Grafen und der Gräfin Rantzau, waren nur noch die Geheimräte von Rotenburg und Görlach sowie Vrof. Schweninger anwesend. Kaum hatte Eckardt die bereits versammelten Mitglieder der Gesellschaft in dem großen Salon ?ks Reichskanzlerpalais begrüßt, „da wurden im Nebenzimmer ichwere Schritte hörbar: man hätte meinen können, der Komtur des Don Juan-Finale sei im Heranschreiten begriffen." Gleich darauf, trat der Reichskanzler ein, der frischer und kräftiger denn je aussah, in heiterer Stimmung zu sein schien und uns mit der r-eebenswürdigkeit empfing, an welcher er es in seinem Hause niemals fehlen ließ. „Wir wollen es machen wie im Reichstage," T-«£.er Begrüßung an, ,cher älteste der Herren soll meine
Achter zu Tische führen. Wann sind Sie geboren?" wandte er nch an mich. Ich nannte meinen Geburtstag und erhielt die Auf- lorderung, von meinem „privilegio odioso" Gebrauch zu machen.
Der Fürst plauderte zunächst von dem unaufhaltsamen Wachstum der Stadt Berlin und erzählte dann von der alten Zeit, luo einfache Verhältnisse herrschten, wo es schon für verschwen- densch galt, wenn man ein Beafsteak für ,/rcht jutc" im Eafe ■Kohal zu verzehren und innerhalb der Altstadt mit einer Droschke ?u fahren den Mut hatte. Er ging dann von dieser Bescheidenheit v? ?ltcn berlinischen Gewohnheiten zu der Beschränktheit der Menschen und der Verhältnisse über, die sich bis heute auf dem Nachen Lande erhalten habe, und teilte dabei eine Geschichte mit, rue ihm im vorigen Jahre bei einem größeren Spaziergange im ^achsenwalde passiert sei. Er hatte sich babei auf seinem Besitz- rum vollständig verirrt, so daß er ermüdet und verdurstet in fine einsam gelegene Hütte getreten war, nm ein Glas Milch zu er6lttcSn dem einzigen größeren Gelaß fand er eine alte Frau ic , cU?l,er ki"es Holzknechtes —, die ihr in der Wiege liegendes ^nkelilnd fchaukelte Bevor sie aufstand, um die Milch im Stall Zu holen, fragte sie erst den unerwarteten Gast, ob der Herr auch Io lange das „Gör" schaukeln wolle. Der Fürst setzte also die -mege in Bewegung, bis die Alte mit der gewünschten Labe wiedertehrte. Während Bismarck trank, fragte die Geberin ihn, oo er vielleicht der Herr Oberförster sei. „Nein," erwiderte
der Fürst, „ich bin der Herr selber, der Bismarck". „Von dein weiß ich nichts," erhielt er zur Antwort, „aber unseren Herrn Oberförster hätte ich gern einmal gesehen."
Nach diesem Beweise „für die engen Grenzen seiner Popularität" stellte der Fürst eine strenge Kritik des Mittagessens an, das inzwischen bis zur dritten Speise vorgeschritten war. „Sie sehen, wie Schweninger mich behandelt," klagte er. „Eine weiße Suppe, weißer Fisch, weißer Kalbsbraten und dazu weißer Wein —, denn von den Rebhühnern, die noch folgen werden, soll ich nichts bekommen. Schweninger, ein Glas Rotwein werden Sie mir dock) gestatten? Morgen ist mein Geburtstag." „Ich möchte raten, davon lieber Abstand zu nehmen," gab der gestrenge Arzt zur Antwort. Der Fürst zuckte die Achsel. „Es ist wenigstens gut," fuhr er fort, „daß wir nicht noch Taubenbraten essen müssen. Sie, als ehemaliger Russe, hätten diesen Vogel am Ende gar nicht angerührt. Unbegreiflicherweise wird die nichts weniger als tugendhafte, vielmehr ehebrecherische und gefräßige Taube in Rußland heilig gehalten. Aber Sie haben ja auch in .Hamburg gelebt und teilen wahrscheinlich die Meinung, daß man nur dort das Kochen verstehe. Sagen Sie aufrichtig, haben Sie jemals so schlecht tote heute gegessen?"
Seine Antwort kleidete Eckardt in eine Anekdote, die von dem „alten Sbargreabed", einem begeisterten Hamburger Lokal- vatrioten und besonderen Feinschmecker, erzählt itnrrbe. Als dieser einmal gefragt wurde, wie es ihm bei seinem letzten Aufenthalt in Berlin gefallen habe, antwortete er: „Ich war dieses Mal zu Delbrück geladen und habe dort ein wirklich exquisites Diner eingenommen. Seit dem denke ich milder über das Reich". Der Fürst schüttelte sich vor Lachen. „Ja," sagte er, „die Ueppigkeit hat in Berlin Fortschritte gemacht. Delbrück und Camphausen gelten für sehr feine Gourmeth. Nur Ihre Kollegen," wandte er sich an Schweninger, „die vornehmen Aerzte geben noch ko- btöfere Mahlzeiten. Natürlich — wenn die Leute sich den Magen verderben, haben die Herren Doktoren den Vorteil davon" Das Gespräch blieb eine Weile beim Essen und Trinken und bei der Wichtigkeit, die manche Leute darauf legen. „Besonders die Diplo- malen," sagte der Fürst. „Im Sommer 1852 mürbe ich von Frankfurt nach Wien geschickt, um den Gesaiidten Arnim zu vertreten, der auf Urlaub gehen wollte. Tags nach der Vor- stellung bei Buol ließ dieser uns zum Essen einladen. Arnim wollte ablehnen, ich aber hielt es für Pflicht, anzunehmen, und redete ihm in diesem Sinne zu. Schließlich, erklärte Arnim,
er wolle seinen, dem Boulschen „chef de cuisine" befreundeten Koch fragen, ob es der Mühe verlohne, der Eiickabung Folge zu leisten. „Monsieur le Comte", gab dieser Herr zur Antwort ’A 0 Ea le grand diner de 1850". Auf die Kunde, daß dieses historlich gewordene Menü festgestellt worden, beschloß Arnim, auch seinesteils anzunehmen."
An Hamburg bewahrte Bismarck keine angenehme Erinnerung. „Meine letzte kurze Anwesenheit daselbst mar allzu fatal ausgefallen. Von einem Besuch in Holstein zurückgekehrt, [uar ich lpät abends aus dem Dammtorbahnhof eingetroffen, um den Zug abzuwarten, der mich zum Berliner Bahnhof und von da wnler fuhren sollte. Ermüdet und ahnungslos saß ich da, als plötzlick) ein Mann meiner gewahr wird, mich erkennt, auf den
ft r 1 n 9 t und mit lauter Stimme ausruft: „Mitbürger! Hier sitzt der Mann, der Deutsch- land einig gemacht hat. Bringen wir ihm ein dreimaliges donnerndes Hoch!" Und so riefen die von allen Seiten auf mich beranbrängenben Leute ihr Hoch, bis der Zug endlich anlangte. Man muß eben auf seine P ri Vater istenz verzichten, wenn man ein öffentlicher Mensch geworden ist."
Nach Tisch, als der Fürst sich feine Pfeife angezündet hatte und im Salon an einem großen Tisch Kaffee gereicht wurde, entstand eine Unterhaltung über französische Literatur, ^-'/elne Lieblingslektüre", erzählte Bismarck, „waren in früherer Zett Berangers Lieder. Noch jetzt gedenke ich mit einer gewissen Sehnsucht der schönen Stunden, zu denen ich mich an warmen Sommer tagen unter einem großen Baum in Schön- bansen mcberließ, um mich an Börauger zu ergötzen". Als Eckardt bemerkte, daß dieser französische Lyriker heute seine frühere Popularität eingebüßt habe, weil die Republikaner ihm die Verherrlichung Napoleons I. nicht verzeihen könnten, antwortete Bismarck, daß die meisteii Leute töricht genug seien, über den jedesmaligen Modeschriftstellern die wahren Größen der Literatur zu vernachlässigen. Rottenburg erwähnte bann als seinen Lieblingsschriftsteller Diderot. „Diderot", sagte der Fürst mit einer abwehrenden Bewegung, „Diderot war Materialist und dre Materialisten halte ich mir vom Leibe." Merkwürdig mar nur, daß Bismarck sich bet einer späteren Wendung des Gespräche zu der — m den Zeiten seines Werbens allerdings vorherrschend gewesenen — Meinung bekannte, daß der zweite Teil des Faust" unverständlich und darum ungenießbar fei; den ersten Teil konuw er bekanntlich auswendig.
Vie Hegerrepublit Liberia — amerikanisches Schutzgebiet?
Eine Nachricht von höchster Bedeutung kommt aus London:
In ber englischen Presse gehen Gerüchte um, daß die peinigten Staaten Nordamerikas die Negerrepublik Liberia nach Verständigung mit Berlin, Paris und London annektiert haben und dadurch in die Reihe der afrikanischen Kolonialmächte cingetreten seien. Die Negerrepublik an der Pfefserküste Oberauineas verdankt ihren Ursprung der am 31. Dezember 1816 in Washington gegründeten amerikanischen Kolonisationsgesellschaft für freie Neger. Viele Negerfamilien, die von ihren Herrschaften damals freigelassen worden sind, siedelten sich hier an und am 8. Juli 1847 erklärte der Senat der Vereinigten Staaten die bisherige Kolonie für einen selbständigen Freistaat, dem 1857 auch die 1834 am Kap Palmas gegründete Negerrepublik Maryland bcitrat. Nach der Verfassung werden Präsident Vizepräsident (beide mindestens 35 Jahre alt) und das aus 13 Mitgliedern bestehende Abgeordnetenhaus auf 2, die acht Mitglieder des Senats auf 4 Jahre gewählt. Jede Grafschaft sendet 2 Mitglieder in den Senat, und der Zuwachs von je 10 000 Seelen ermächtigt zu einem Repräsentanten mehr. Die Republik erstreckt sich gegenwärtig ctroa 380 .Kilometer weit vom Mannafluß (nordwestlich vom Kap Mount) bis zum Rio-S-an-^Pedro jenseits Kap Palmas und umfaßt 24 780 Quadratkilometer; auch beansprucht sie im Nordwesten die ihr von England streitig gemachte Gallinasküste zwischen dem Manne und den Sherboro- Inseln. Nach dem Innern ist die Grenze nicht festgestellt.
Als Kolonie wäre Liberia jedenfalls ein großer Gewinn Auch für uns Deutsche nicht ßu verachten. Bisher war-Liberia allerdings dem freien Handel bis auf einige wenige Häfen völlig verschlossen. Die Handelshäfen Robertsport, Monrovia, Egma und Buhana fowie Harper und Greenville, die bisher sehr wenig benutzt wurden, treten jetzt mehr in den Vordergrund des öffentlichen Interesses, besonders seitdem Liberia an das Kabel angegliedert ist. Jetz ist es die beste Zeit, für den deutschen Handel und die deutsche Industrie, Liberia als Absatzgebiet zu gewinnen. Das handelstüchtige Amerika hat durch die Gerüchte, die von der Annexion auftauchen, bewiesen, daß es die richtige Stunde zu benutzen versteht. Denn selbst wenn die Gerüchte nicht wahr sein sollten,, so geht doch sicherlich irgend etwas vor, da dort, wo Rauch' ist, auch Feuer zu fein pflegt. Ein Vertrag, der die Unabhängigkeit Liberias garantiert, ist bisher noch nicht abgeschlossen worden. Trotzdem aber darf man annehmen, daß die Unabhängigkeit Liberias, die im Jahre 1740 erklärt worden ist, durch die anderen interessierten Mächte, wie England und Frankreich, bewahrt werden wird. Liberia hat nicht nur eine große Ausfuhr an Elfenbein, Kaffee, Zucker, Palmöl und Ingwer, sondern auch einen recht beträchtlichen Bedarf für die Erzeugnisse Europas. Besonders m Frage kommen Maschinen aller Art, für die der Neger - frcistaat ein großes Interesse hat. Der Handel befindet sich schon jetzt zu einem großen Teil in den Händen der Engländer und der Amerikaner, die in dem Wettstreit mit Franzosen und Deutschen sich bemühen, auch weiterhin ihre führende Stellung zu behaupten. Auch die schwarzen Bewohner der Negerrepublik haben sich sämtliche Kenntnisse des Handels und Verkehrs angeeignet und wissen sie zu benutzen. Mihrend sie den Weißen volle Handelsfreiheit gewährten, sind alle anderen Neger von dem Handel im öreiftaat ausgeschlossen. Im Jahre 1909 wurde eine gesetzliche Bestimmung darüber in dem „Gesetz über die Eröffnung des Landes" erlassen, durch die die rechtliche Stellung der Neger zum Ausdruck kommt. Der betreffende Paragraph 31 des Erösfnungsgesetzes lautet: Neger, die nicht in Liberia geboren sind, dürfen nrcht zum Handelsbetriebe zu- getassen werden. Hauptsächlich richtet sich diese Bestimmung gegen die Leute von der Sierra-Leone, welche sonst in .Scharen nach dem fruchtbaren Freistaat auswaudern würden. Es kommt für den Handel noch der günstige Umstand hin^u, daß das Land noch fast vollständig unerschlossen ist und durch eine regelrechte Organisation
vom Gietzener Iugendsest.
Gießen, 29. Juli.
Das gestrige Jugendfest hat den Beweis erbracht, daß diese schöne Einrichtung unserer Stadt noch nichts von ihrer Anziehungskraft und Volkstümlichkeit eingebüßt hat. Zwar nicht ganz, aber doch mindestens halb Gießen suchte am Nachmittag den Festplatz im Philosophenwald auf, der sich bei der wachsenden Größe der Stadt fast zu klein für die Aufnahme der Festbesucher erwies. Die Straßen der Stadt boten um die Mittagsstunde ein eigenartiges Bild. Tie festlich geschmückte Jugend eilte mit frohen Gesichtern nach ihren Sammelplätzen in den einzelnen Schulhöfen, von wo sie gegen 2 Uhr in geordneten Zügen den bei der Bürger^ meifterei liegenden Straßen zustrebten. Von hier aus erfolgte der gemeinsame Ausmarsch zum Fest, der wie immer einen Hauptanziehungspunkt der ganzen Veranstaltung bildete. Rund 4000 Schülerinnen und Schüler aller Lehranstalten nahmen daran teil. Klassenweise zogen sie dahin, die Mädchen mit Efeukränzchen im Haar und die Knaben mit Fähnchen an den Mützen. Schul- und Klassenfahnen, sowie die mitgeführten mit bunten Bändern gezierten Gaben- ständer erhöhten noch den festlichen Eindruck des Zuges, dem selbstverständlich die nötige Musikbegleitung nicht fehlte. Neben den Lehrerinnen und Lehrern sorgten freiwillige Ordner, die wie immer die hiesigen Turnvereine stellten^ für die ungestörte Abwickelung des Anmarsches und auch zahlreiche besorgte Mütter und Väter ließen es sich nicht nehmen, ihre Lieblinge selbst zu geleiten. Die Hitze drückte nicht LU sehr, denn das Wetter war wie geschaffen zu dem Feste. Es war ja auf Wunsch der Bürgermeisterei dom Gießener Wettermacher für das Fest besonders gemacht worden. So störte denn keine Zyklone, kein Tief und kein böiger Wind das fröhliche Treiben im Walde, das alsbald nach dem Eintreffen des Zuges einsetzte. Zunächst sammelte sich die Jugend um die Tribüne und nach dem gemeinsamen Gesang des Liedes „Tretet in die Runde" hielt Hauptlehrer K n a u ß folgende
Ansprache:
Hochgeehrte Festversammlung, liebe Kinder!
„Jugendsest" so hat es schon feit Wochen geklungen bei Alt und Jung; denn unsere Kinder haben sich schon längst aus dieses so sehr beliebte Jugendsest gefreut. Aber auch die A e l t e r e n und Alten, die es wissen, wie innig bas Jugend- Mt. mit unserer lieben Stabt Gießen verwachsen ist, werben im Gettw wieder jung, wenn sie die muntere Kinberschar heute spielen, turnen und tummeln sehen unb jauchzen und frohlocken Horen.
Allen, — benen ein jugenbfreunbliches Herz — einerlei obs unterm leinenen Kittel ober der seidenen Bluse — int Busen schlägt, sind heute hierhergekommen, um in ihrer Begeisterung
und Erschließungstätigkeit eine großartige Erwerbsquelle werden muß. Die Vereinigten Staaten von Amerika haben wohl dies mit richtigem Blick erkannt und in dem Freistaat ein gegebenes Absatzgebiet in Afrika gesehen.
Von der Ausbeutung der wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichleiten war bei den trägen Negern bisher nur in sehr beschränktem Umfange die Rede. Was Wunder also, wenn die Republik Liberia seit dem Jahre 1871 eine Staatsschuld von 227 600 Pfd. Sterling in England kontrahierte, und nicht einmal imstande war, die Zinsen dafür aufzubringen? So befand sich Liberia nicht nur fortgesetzt in Geldnot, nein, die Abhängigkeit von seinem englischen Gläubiger brachte es auch mit sich, daß „englisch" in Liberia Trumpf war, obwohl dort auch französische, deutsche und amerikanische Handelshäuser tvichtige 'Interessen haben.
Um den finanziellen Bedrängnissen und dem Druck Englands zu entgehen, machten sich schon im Jahre 1900 in Liberia Bestrebungen geltend, die auf seine Ang lieber ung an die Vereinigten Staaten hinzielten, doch sanden diese Stimmen damals in Washington kein Gehör. Erst im Jahre 1908 trat die Union der Frage eines Protektorats über Liberia näher, indem sie einen Ausschuß nach Liberia schickte, welcher sich über die einschlägigen Verhältnisse an Ort und Stelle informieren sollte. Dennoch scheint man damals in Liberia noch nicht völlig entschlossen gewesen zu sein, die von der Union für das Protektorat auf- gestellten Bedingungen ohne jede Korrektur zu atzeptieren. Wurde doch im Juli 1908 eine Gesandtschaft n ach Berlin geschickt, um nicht nur die Handelsbeziehungen Liberias zu Deutschland günstiger zu gestalten, sondern auch dahin Fühlung zu nehmen, ob nicht Deutschland,im Einvernehmen mitder Union, die liberischen Finanzen sanieren und über Liberia eine Art Protektoratausüben wollte
Ueber den Erfolg dieser Mission ist keine bestimmte Meldung zur Kenntnis gelangt. Wahrscheinlich hat man in Berlin, in Rücksicht auf England, das liberische Angebot abgelehnt und den Amerikanern damit das Feld allein überlassen. Denn schon am 25. Marz 1910 empfahl Präsident Taft, der hierin den Fußtapfen Roosevelts folgt, in einer Sonderbotschaft dem Kongreß, auf Grund der Vorschläge des nach Liberia abgesandten Regierungsausschusses, nicht nur in den Grenzstreitigkeiten, die Liberia gerade damals wieder, wie schon so oft, mit feinen Nachbarn hatte, vermittelnd einwgreifen, sondern ihm auch gleichzeitig eine Anleihe zur Beftttediguna feiner Gläubiger zu gewähren. Als Garantie und Aequivalent dafür sollten die Vereinigten Staaten in Liberia die Kontrolle über die Zölle und sonstigen Finanzen ausüben, bei der Aufstellung eines Polizeikorps mitwirken und sich eine Kohlen st ation an der liberischen Küste einräumen lassen. In dieser Form scheint das Protektorat der Union über Liberia nun jetzt feste Gestalt angenommen zu haben.
Die „Köln. $tg" gibt in einer offiziösen Meldung aus Berlin die Ansicht der dortigen amtlichen Kreise wieder:
Wie schon mitgetcilt, streben die Vereinigten Staaten weder eine Einverleibung noch ein Protektorat Liberias an. Tatsächlich 'teht die Sache so, baß Norbamerika sich für den liberischen Freistaat, ber seiner Zeit unter amerikanischer Unterstützung gegründet mürbe, interessiert und dem nur sehr muhsani sich entwickelnden Staatswesen durch eine Anleihe aufhelfen will. Da man aber durch diese nicht nur die finanzielle Lage Liberias erhalten, sondern auch die Vorbedingungen für eine zukünftige nützliche Verwertung schaffen will, so wirb, wenn bic Anleihe zustande kommt, jedenfalls eine Finanzkontrolle eingeführt werben, bei ber den Vereinigten Staaten als dem gelbgebenden Staate unb auch mit Rücksicht auf seine alten Beziehungen zu Liberia eine Vorzug- stellung eingeräumt werben Dürfte. Daß baburch auch ein politischer Einfluß auf Liberia begründet wirb, steht außer Zweifel, boch besteht in den Vereinigten Staaten nicht bic Absicht, bic Unabhängigkeit des Landes anzutasten.


