Ausgabe 
28.10.1910 Zweites Blatt
 
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Nr. 253

Zweites Blatt

160. Jahrgang

Freitag 28. Oktober 1910

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntag«.

Dieteftrntr FamlliendlStter" werden dem , tintiger* viermal wöchentlich beigelegt, das Kreilblatt für den Kreis -letzen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Leit­fragen" erscheinen monatlich zweunal»

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhefjen

Rotationsdruck und Verlag der vr üblichen UawersuälS - Buch- und Steindruckerei. , Sll Lange, ©leben.

Redaktion, Txvedition und Druckerei: Schul- stratze 7. Expedition und Verlag: ^^68* 6L Reduttwme-EIIL. Tel.-AdruAnzeigerGieben.

Vie zweite Lesung der Zustizgesetze im Aurschuh.

Berlin, 27. Okt.

Der Strafprozeßausschuß beriet am Donnerstag über den in der ersten Lesung neueingefügten § 106 a, wonach Beschlag­nahmen und Durchsuchungen in den Diensträumen einer gesetz- gebenden Versammlung nur mit Genehmigung des Vorsitzenden vorgenommen werden dürfen. Trotzdem ein konservativer Antrag die ^Bestimmung beseitigen wollte und ein R e g i e r u n g s- vertreter sie als sehr bedenklich für das Zu st and e- kornmen des ganzen Gesetzes bezeichnete, wurde der 8 106 a mit 16 Stimmen aufrecht erhalten.

Ab gelehnt wurde ein sozialdemokratischer An­trag, der sich gegen die Verhängung der Untersuchungshaft wandte in Fällen, in denen der Verdächtige durch Vernichtung der Spuren der Tat oder burd) Beeinflussung von Zeugen oder Mitschuldigen die Ermittelung der Wahrheit erschweren könnte.

Die §§ 116 und 116 a, gegen deren Fassung nach der ersten Lesung die verbündeten Regierungen Bedenken erhoben hatten, wurden .einem in der ersten Lesung gestellten Eventualantrag entsprechend .in der Form angenommen, daß der Richter, der zur Entscheidung berufen ist, über Einwendungen gegen den Haftbefehl in nickst öffentlicher Verhandlung nach An­hörung des Verhafteten zu entscheiden hat. Von Zeit und Ort der Verhandlung sind, soweit tunlich, die Prozcßbetciligten uni) der Verteidiger zu verständigen: ihres Erscheinens bedarf es nicht. Weist der Richter die Einwendungen zurück, so hat er den Verhafteten darauf hinzarweisen, daß ihm das Reckst der Beschwerde zusteht. Vernimmt den Verhafteten ein anderer Richter, so tyat er ihn zu befragen, ob er Einwendungen gegen den Haftbefehl erhebe, und wenn dies geschieht, darauf hinzuweisen, daß er verlangen kann, dem zur EntsckZeidung berufenen Richter zugeführt zu werden. Geschieht dies, dann kommen die vor­stehenden Bestimmungen in Anwendung. Der § 117 blieb un­verändert nach den Beschlüssen erster Lesung.

Die Weiterberatung findet Freitag statt.

Vision für zulässig erklärte. Ausgeschlossen wurde im § 1652 bei Ansprück^n kauf Leistungen der Krankenversicherung die Revision, wenn es fiid) handelt um die Höbe des Kranken-, Haus- oder Sterbegeldes, um llnterstützungssälle, in denen der Kranke nicht oder weniger als 8 Wochen arbeitsunfähig war, um Wochenhilse, Familienhilfe, Kosten des Verfahrens und Abfindung.

Weiterberatung: Freitag vormittag 9Vs Uhr.

Der längste Papyrus der Welt. Die ägyptische Sammlung des britischen Museums ist jetzt durch einen kost­baren Lchatz bereichert worden: einen Papyrus, der als der längste der Welt gilt und wertvolle Aufschlüsse über die alt­ägyptische Kultur und über die religiösen Vorstellungen des Pharaonenvolkes liefert. Der Papyrus ist eine prachtvolle Koche des Buches der Toten aus Theben und ist begleitet von einer reichen Sammlung von GotteSanrusungen und Lobeshymnen

Var Gesetz über die Zchiffahrkabgaben.

Das Schisfahrtsabgabengesep ist dem Reichstage be­reits jetzt zugegangen. Die Regierung wünscht, daß sich die Abgeordneten damit bis zum Wiederzusammentritt des Reichstags bekannt machen, so daß die erste Lesung des Entwurfes noch vor Weihnachten stattfinden kann Der Inhalt des Entwurfes ist seit dem Sommer bekannt, es seien nochmals kurz bie Hauptpunkte wiedergegeben:

In allen Häfen und auf allen natürlüfan Wasserstraßen dürfen Abgaben nur für solche Werke, Einrichtungen oder sonstige Anstaltei: erhoben werden, die zur Erleichterung des 23er- kchrs bestimmt sind. Die Kosten für Anlagen, die auch anderen Zwecken als Hern Verkehr dienen, dürfen-nur zu einem verhältnis- mäßigen Anteil durch .Schiffahrtsabgaben gedeckt werden. Für Ausbringung von Mitteln für die Verbesserung und Unterhaltung Don natürlichen Wasserstraßen werden in beit Stromgebieten des Rheins, ber Weser und der Elbe Befahrungsabgaben erhoben. Zu diesem Zwecke bilden die an den Strömen gelegenen Staaten Strombauverbände. Das Gesetz bestimmt nälier die Flußstrecken, die iu jedem Straublruperbandc gehören, und die Staaten, bte ihn bilden. Die Mittel, die durch Schisfahrts- abgaben einkommen, sind zu verwenden für Herstellung größerer Fahrwafsertiesen, für Unterhaltung älterer Anstalten und zur Deckung der Verwalttmys- und Erhebungskosten. Ferner sind vorgesehen die Kanalisierung des Main (Aschaffenburg< Ossmbach), des Neckar (HeUbronnMannheim), der Saale (Krey­pau-Halle), durch Beschluß einer Zweidrittelmehrheit können die Verbände auch die Mittel für andere Zwecke aufwenden. Die Zusammensetzung der Verwaltunggausschüsse wird genauer durch das Gesetz bestimmt, den Vorsitz führt in allen Aussckstissen Preußen. Die Aussckstisse verwalten die Angelegenheiten bet Verbände.

Neben Den Ausschüssen bestehen Strombeiräte, die sich aus den Kreisen der Interessenten zusäumtensetzen: die Regie­rungen bestimmen die Körperschaften, die Vertreter entsenden dürfen. Diese Beiräte haben an den Arbeiten ber Ausschüsse teils mit beschließender, teils mit beratenber Stimme teilzu­nehmen. Uebersichten über Bauten und Jahresrechnungen sind den Strombeiräten jährlich vorzulegen. Die Befahrung s- a b g a b e n werben in Tarifen geregelt. Die Abgaben fließen in gemeinsame Stromkassen, die den Verbandsstaaten ihre Auswen- bimgen erstatten. Der Sckstffer ist der Abgabenpflichtige, für ihn hasten Sckstffsetgner und Absender und Empfänger der Güter. Für die Abgabenbinterziehung sind Strafen festgesetzt. Den Zeitpunkt des Inkrafttretens des Gesetzes bestimmt eine Kaiser» liche Verordnung.

(Ein heiliger Hain.

R. Rom, im Oktober.

Unter den Schatzhütern ber italienischen Vergangenheit ist Giacomo Boni einer ber leidenschustlichsten uno zugleich ae- schmackvollsten. Seine Pläne zur Erhaltung der von dem so- penannten Fortschritt immer mehr bedrängten antiken unb mittel­alterlichen Denkmäler in Rom und anderen Städten halten sich ebenso frei von gelehrter Pedanterie wie von Aengstlichkeit vor bureaukratisck^en Mächten. Das hat der höchst verdienstvolle Aus­gräber von Forum und Palatin erst in der jüngsten Zeit bewiesen, als er energisch aber leider vergeblich den Versuch machte, in letzter Stunde wenigstens einen Teil des Palazzetto V e n e z i a zu retten, der dem nunmehr schon berüchtigten Nalional- denkmal, das wie ein Alp über dem Korso liegt, zum Opfer fällt. In einem bet neuesten Romane von Anatole France (Sur la Pierre blanche") ist Giaeomo Boni bargestellt, wie er. unter den Trümmern des Forums sitzend, die alte Welt, die so ganz seine eigene ist, in Gedanken wieder aufbaut. Bonis neuester Vorschlag, seit langem einer seiner Lieblingspläne, gebt dahin, die Flora des alten Italien wieder aufblüyen zu lassen. Die Bäume, Sträucher und Pflanzen, die die Augen Cäsars und .Augustus schauten, sollen auch die spätesten Nachkommen grüßen.

.In seinem eigenen Reich hat ber Gelehrte diesen Gedanken bereits verwirklicht. Wen rührt nicht auf dem Palatin neben den halbzerschmetterten kaiserlichen Hallen der ernste Anblick der hochauftagenden Zypressen und Pinien, wer wird nicht durch das Leuchten unzähliger Rosen und Glyzinien bewegt, die des Forums weiße Marmortrümmer überfluten unb über wuchern- Aber auch aus den Resten Pompejis und anderer versunkener Städte hat Boni die Flora des antiken Italien studiert. Die Wandgemälde in Pompeji, auf dem Palatin und in den Grabgewölben ber via Latina, die die Heiterkeit des altrömischen Landlebens, der antiken Villa schildern, weisen derartige Darstellungen in Hülle und Fülle auf: das größte Material aber wird in den Liedern der klassischen Schriftsteller gesunden, bei Hora», Tibull und Properz und vor allem bei Virgil, die als echte Weltstadtmenschen für nichts mehr schwärmten als für die Naturgenüfse und für die Einfachheit des ländlichen Seben. So fand Giacomo Boni allein in den Georgica und Bucolica des Virgil nicht weniger als 126 Pftanzenarten erwähnt. Diese ganze Pflanzenwelt soll nun in einem ,'Lucus sacer", einem heiligen Hain wieder aufblühen und von da aus sich durch Italien verbreiten. Kein Ort dazu konnte ge­eigneter erscheinen als die Stätte, die das kleine Landgut trug,

Die Reid}sverfld}erungsorönung.

:: Berlin, 27. Okt.

Im ReichsversicherungsauSsckuß hat die F o r t s ch r i t t l i ch e Volkspartei folgende Entschließung eingebracht:

Der Reichskanzler ist zu ersuchen, darauf hinzuwirken, daß auf allen Universitäten Lehrstühle für sozialeMe- dizin errichtet werden, um die Studierenden der Medizin mit chen Bestimmungen der Reichsversicherungsordnung und der Arbeiterschutzgesetzgebung und jmit den bei der Durchführung dieser Gesetze Iden Aerzten erwachsenden Aufgaben vertraut zu macyen."

In der fortgesetzten Beratung über das Verfahren vor b ent Oberversicherungsamt wurde im § 1640 auf An­trag des Zentrums eine Bestimmung eingefügt, wonach die gutachtliche Anhörung eines bestimmten Arztes, die von dem Verfick^erten gewünscht wird, auf Kosten des Antragstellers zu erfolgen hat, wenn das Oberversicherungsamt dem Antrag über­haupt stattgibt >inb diese Bedingung stellt. Die Kosten müssen auf Wunsch des Oberversicherungsamts vorher erlegt werden.

Einem Antrag ber National! ib era l en entspre-ck-end, wurde der Berufung aufschiebende Wirkung gegeben, wenn es sich um Wiederaufnahme des Heilverfahrens, Kapitalabfindung unb Ersatzansprüche handelt. Im § 1646 wurde auf Antrag des Zentrums bestimmt, Paß die ärztlichen Gutachten in keinem, auch nicht einmal vorübergehenden Vertragsverhältnis zu den Berufsgenossenschaften stehen dürfen. Im übrigen wurden die Bestimmungen des Entwurfes unverändert angenommen: auf Antrag der Konservativen wurde auch hier die Zulafsigkeit eines Vorbe scheides statuiert.

Dann wurde .noch bte Beratung des Abschnittes über das ©erfahren vor dem Reichsversicherungsamt (Lan- desversicherungsamt) begonnen. Der § 1651 erhielt auf Antrag der Konservativen die Fassung, daß gegen die Urteile der Spruch­kammern in Sachen der Unfallversicherung Rekurs, im übrigen Revision zulässig sei, wahrend der Entwicrf durchwegs Re-

Auf Befragen gibt der Zeuge noch zu, daß seine Fachzeitung auf Grlmd von -Ermächtigungen der Herren Wertheim, Tietz unb Jan- borf an Einkäufen zwecks Erlangung von Inseraten gesandt roerbc^ Der folgende Zeuge ist ber Bankier Sieckmeier^ Herne i. !W. Sein Name hat in dem Wuck>erprozeß Arnbt unb Genossen und verschiedenen anderen Affären der letzten Zeit eine gewisse Rolle jgespielt, da er Kuxe einer OelgrubeHvsfnungsstern^ bei Peine vertreibt, über deren Wert man sich noch nicht recht einig ist. , Eine Kuxe ist an den Redakteur Dietrich von der Wahrheit' gekommen, und dieser ist damit, wie der Vorsitzende bemerkt, in .Berlin förmlich hausieren gegangen, weil er sie nicht loswerden konnte. Dietrich hat sich deshalb an den Zeugen um Rückgabe bet Kuxe gewendet und zwar soll er ihm, wie der Reugc bekundet, dabei gesagt haben, er werde sich dadurch seines Wohl­wollens versichern und das wäre doch sehr wertvoll. Im vorigen Jahre erschienen Nun in derWahrheit" Angriffe gegen benj Zeugen, der pls Wuck>erer hingestellt und von dem erzählt wurde, daß die von ihm vertriebenen Kure wertlos seien. Vors.r Haben Sie ftch nun veranlaßt gesehen, dieser halb gegen die Wahrheit" vorzugehen. Zeuge: Ja, ich war bei Recl)tsanwalt Rosenstock. Der lehnte aber eine Klageerhebung ab, mit dem Bemerken: Wenn Sie keine Presse hinter sich haben, bann kommen Sie mit den Leuten nicht aus.

Der Vorsihende bemerkt dem ZeLgen, daß feine Kuxen­geschäfte dem.Geruht nicht ganz unbekannt seien. Zeuge: Was soll man machen. Solange die Kuxe nicht findig sind, muß man sie eben an die Liebhaber unterzubringen suchen. Dorf.: Es kommt nun darauf an, ob Sie von der Bonität der Papiere über­zeugt waren oder nicht. Beuge: Die Staatsanwaltschaft hat das gegen mich eingeleitete Verfahren inzwiscl-en, eingestellt. Angekl. Bruhn: Wenn .Sie als Wucherer von urrs bezeichnet worden sind, verklagen Sie uns doch. Beuge: Auf der Straße farm man sich mit Ihnen auseinandersetzen, hier im Gerichtssaal nicht. (Heiterkeit.) Bruhn (laut): Klagen Sie doch, bann werden wir ja weiter sehen. Zeuge: Wenn Sie mich auch noch anbrüllen, würde es wir dock) niemals einfallen, Sie zu verklagen. (Heiter­keit.) Wenn ganz Berlin sagt, ber Sieckmeier i st gut. so ist das, was Sie von mir denken, gleichgültig. (Heiterkeit^) Vors.: Was ganz Berlin sagt, ist uns aber nicht gleichgültig. (Erneute Heiterkeit.) Z e u a e: Ich möchte noch unter meinem Eide darauf Hinweisen, daß ich 55 Jahre alt und unbestraft bim Rechtsanwalt B r e d e r e k: Ja, Sie haben Glück gehabt. (Heiter­keit.) Alle gegen Sie anhängig gemachten Verfahren mußttm schließlich eingestellt werden. (Erneute Heiterkeit.)

Der folgende Zeuge Gastwirt RittershauS vom Alten Ballhaus in der Joachimstraße in Berlin wird vom R.-A Schwindt gefragt: Sie sind langjähriger Inserent derWahr­heit". Warum tnferieren Sie? Zeuge: Das Alte Ballhauik war sehr zurückgegangen. R.-A. Schwindt: Unb da glaubten Sie, daß ein Inserat in berWahrheit" Sie vorwärts bringen könnte? Zeuge: Ja, ich habe in allen Berliner Zeitungen unb so and) rn berWahrheit" inseriert R.-A. Schwindt: Es wurde also kein Druck auf S-ie ausgeübt? Zeuge: Nein. Vors.: Es ist ja bekannt, daß die Konkurrenz auf dem Gebiet der Ballhäuser neuerdings eine recht große ge­worden ist, das Alte BaUhaus war ja mal berühmt. Es tonnte sich nach meiner Erinnerung nur noch etwa mit dem Orpheum messen. (Heiterkeit.) Jetzt kribbelt es ja besonders in der Gegend der Friedrichstraße von diesen Dingern. Sie haben sich wohl verzehnfacht. Zu meiner Zeit gab es nur ein paau (Erneute Heiterkeit.) Angekl. Bruhn: Haben Sie es je für möglich gehalten, Herr Zeuge, daß ich etwa durch Inserate käuh. lich sei? Zeuge: Nein.

Hierauf wird unter allgemeiner Spannung der Waren­hauskönig Tietzals Zeuge auf gerufen. Er ist ein kleiner älterer Herr, dem man nicht ohne weiteres seine führende Stelluns ansieht. Vors.: Sie kennen den Artikel: Der Harem im Warew» hause Tietz. Was haben Sie auf Grund dieses Artikels getan? Unb welche Empfindung hatten Sie davon? Zeuge: Daß ich gekitzelt werden sollte dem Blatte Inserate zu geben. Vors.: Das Empfinden hatten Sie? Wußten Sie denn nicht, daß Bruhn nach feiner Behauptung die Warenhäuser für schädlich hält und deshalb bekämpft? Zeuge: Ja, bas schon. Vors.: Haben Sie auf den Artikel reagiert? Zeuge: Mit Inseraten nicht. Ick) habe auf Schadenersatz geklagt und zwar in Höhe vott 50 000 Mark. Es ist dann zu einem Vergleich gekommen. Vors.: Waren Agenten bei Ihnen? Zeuae: Wie mir ev- mnerlich ist, von der Staatsbürger-Zeitung bestimmt. Vors.: Waren auch Jnseratenagenten derWahrheit" bei Ihnen? Beuge: Es ist schon etwas lange her. So viel ich weiß, waren aber auch Agenten bei mir, die mich darauf hinwiesen, Iandorff inseriere in derWahrheü". Man könnte damit Angrijse vev- meiden. Vors.: Wissen Sie, ob Agenten derWahrheit" wird« an Amen-Ra, den großen Gott von Theben. Die Rolle wurde für die Prinzessin Nesi - ta - neb-asher, die Tochter der Königin Nefi - khensu, geschrieben, die etwa um die Zeit 1040 bis 1000 vor Christi auf der Höhe ihrer Macht stand. Em Teil des interessanten Dokumentes ist bereits mtzfisert; aus den übersetzten Stellen geht hervor, daß die christliche Vorstellung von Vater und Sohn im Rahmcn der Dreieinigkeit in der ägypfischen Äufiassung des Verhältnisses zwischen Amen-Ra unb Osiris ihre Analogie hat. Der PapyruS verrat weiter, daß viele der io genanntenneuen" religiösen Sekten unb relig dien Theorien, die beute eifrig umstritten w.rden, mit geringen Abweichungen aucy s cy o n den alten Aegyptem bekannt waren, deren Prielterschaft vor drei Jahrtausenden solcheReli- gionsvor stell un gen sorgsam prüfte, anerfannte ober ab- leimte. Der Text der Rolle gibt auch ein fesselndes Bild xxm ber Entwicklung der Gottesidee bei den alten Aegyptern und laßt erkennen, wie allmählich neue Gottheiten geschaffen wurden, die von ber Menschheit an gerufen werden konnten, da die ursprüngliche Vorstellung die höchste Gottheit weü über die Sorgen und Leiden ber Mensckcheit erhob, so hoch, daß sie für Bitten und Gebete unerreichbar blieb. Der Papyrus, der aus­gezeichnet erhalten ist, unb dessen Tinte trotz des drritausend- lahrrgen Alters noch klar unb schwarz leuchtet, ist nicht weniger als 122 Fuß lang und 20y2 Zoll breit. Die Museums- behörden werden so bald als möglich eine Uebcrsetzung beS ganzen Papyrus herausgeben.

Das Uhlandhaus in Tübingen wird mit dem schonen, fich am Bergeshang hmaufziehenden Garten, von dem man eine entzückende Aussicht auf das Kartal und bte Schwäbisch« A'b bis zum Hohenzollern bat, in seiner bisherigen Gestalt er> batten bleiben, nachdem die Alten Herren der Burschenschaft Ger- manta das Anwesen um einen hohen, weit über 100 00 Mark betragenben Preis erworben haben. In seierlick>er Versammlung übergab der Vtzeprasident ber württembergischen Abgeordnete^ tammer bas Haus den aktiven Germanen, beren Gesellsck)aftsl>iuS neben bem UblanbbouS steht. Die Bim'chenschaft Germanm. eine der ältesten Korperatwnen des Schivabenlandes unb einst mit bem Dichter in mehrfachen Beziehungen verknüpft, wirb daS ganze Anwesen m feinem wesentlichen äußern Bestaube erhalten s 7 be5 ^ume des ftattlick-en Hauses wird dem Anbenk« des Richters gewidmet bleiben unb eine dementspreckiende

die übrigen Räume werden den Zwecken dec aktiven Burphenschast dienen, doch sollen Haus und Garten br5 T'^ers dem Publikum zur Besichtigung zugänglich sein M

DieWahrheit" vor Gericht.

IV.

4 Berlin, 27. Ott.

Die heutige Sitzung beginnt mit einer 'fast halbstündigen Ver­spätung, in dem angesicksts des immer größer werdenden Zeugen- aufrnarsches völlig unzulänglichen kleinen Strafkammersaal. Die Beweisaufnahme wird mit der Vernehmung des Zeitungsverleaers Traube, Herausgeber herDeutsckien Konfektion" fortgeiebt. Bors.: Sie fallen einen Herrn Biermann kennen, der früher Abteilunyschef bei Wertheim war. Zeuge: Jawohl, ich lernte ihn bei rinem Freunde kennen. Vors.: Biermann soll sich bann später mit Material über Wertheim an Sie gewendet haben. Zeuge: Biermann wandte sich eines Tages telephonisch an mich: später persönlich und sagte, ich hätte Beziehungen zu A. Wert- heini unb könne daher Wertheim einen Dienst erweisen. Bruhn verkehrte damals btel in dem Biermannsck-en Lokal Monaco in der Ierusalemersttaße. Wie mir Biermann mitteilte, habe Bruhn geäußert, daß xin neuer Artikel gegen Wertheim in Vorbereitung sei. Ich Zehnte die Vermittlung ab; ber Artikel erschien bann etwa 14 Tage später und beschäftigte sich mit angeblichen Zoll- befraubationen. Jnbezug auf Wertheim möchte ich noch bemerken, baß ick) die Vermittelungsvorschläge bes Herrn Biermann ab» lehnte, weil .ich bei der oomelymen Gesinnung ber Firma Wert­heim ganz genau wußte, sie würde niemals in derWahrheit" inserieren. Biermann sagte dann, Wertheim brauche ja nicht selbst inserieren, es werde sich schon eine Form finden lassen.

Staatsanwalt Leisering: Ist Ihnen bekannt, daß die Wahrheit" sck>weigt, ^toenn Inserate aufgegeben werden? Zeuge: Das zu entscheiden, ist Gefühlssache. Wenheim war ursprünglich der Meinung, daß ich auf unlautere Weise, also etwa durch Mit­wirkung eines Angestellten zu dem Material gekommen war. Tatsächlich war Biermann damals aber nicht mehr Angestellter. Die Broschüre .ist bann auch unter Mitwirkung eines Chefs der Firma Wertheim erschienen. Der Angeklagte Bruhr bemerkt dem­gegenüber, daß der Zeuge, obwohl er ein Freund Wertheims war, die intimsten Gesck)ästsgeheimnisse der Firma veröfsenllicht habe und ruft bem Zeugen in höchster Erregung zu: Ihr Gebahren hat Herrn Wertheimwehr gesck>adet, als meine paar Veröffentlichungen, auf dem der Dichter ber ländlichen Idyllen feine ersten Natur­eindrücke empfing. An den Ufern des Mincio bei Mantua wird ber dem Virgil geweihte Hain angelegt werden. Die Ver- gilianischeAkademiezuMantuaim Verein mit anderen Gesellschaften und dem Ministerium haben Bonis Plan ausgenommen und sind im Begriff, ihn auszuführen. Inmitten des von Virgil befangenen Buscl-werks unb um­blüht von seinen geliebten Pslamzeii wird sich ein dem Dichter geweihtes Tempelchen erheben, das geschmückt sein wird durch eine Nachbildung des in Nordafrika gefundenen) Mosaiks mit dem Antlitz Virglls. ferner durch eine Kopie ber in der Villa Livia ausgegrabenen A u g u st u s st a t u e; außer­dem wird an den Mauern des Tempels eine geographische Karte des römischen Weltreiches zur Zeit Virgils und Augustus und der Stammbaum ber Familie der Julier bärgest llt sein

Giacomo Boni selbst hat, als er noch um Anhänger für seine Idee warb, mit Nack)druck auf das Beispiel des Auslandes hin- gewiesen, befonberd auf England, wo derNational Trust" die von der Spekulation bedrohten historischen Stätten rettet, wie es jüngst erst mit einem großen Gebiet im Lakedistrikt geschah: um 35 000 Pfand Sterling wurde ein von Pracht strotz enden Villen bedrohtes Seeufer einfach aufgekauft.

Dabei ist Bonis Idee nickst nur rein ästhetisch zu nehmen; sie begegnet sich bewußt mit einem der aktuellsten unb wickstigstcn Probleme bes mobernen Italien: mit der W i e de re r o b e r u n g verloren gegangener Naturschätze. Italien ist heut­zutage, das weiß jeber, ein beinah- waldloses Land: es gibt nut noch sehr wenig so große Waldgebiete wie etwa die Pineta bei Ravenna ober einige Gegenden in den Abruzzen Seit der Römerzeit ist ber Waldbestand von Jahrhundert zu Jahrhundert zurückgegangen. Was das bedeutet, zeigt das Beispiel Kala­briens, das zu einem ärmlichen, unglücklichen und hilflosen Lande wurde, seit ihm die Mißwirtschaft b_-r Bourbonen unb ihrer unmittelbaren Nachfolger feine tiefen Wälder und damit feine Gewässer unb bie Gunst bes Klimas geraubt hat