Ausgabe 
30.9.1910 Zweites Blatt
 
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Nr. 22S Zweites Blatt 160. Jahrgang

Freitag SO, September 1910

Erscheint-lich mit Ausnahme de» Sanniag«.

Die ^Eichener Fa«t!ie«dl8tter" werden dem e tintiger* viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für de» Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Lett- fragte* erscheinen monatlich zweimal.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhesien

Rotationsdruck und Verlag der «rühkffch« Universität» - Buch- und tztemdruckerei. R. Lange, Dießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: bchrrl- strahe 7. Expedition und Verlag: e^-sA bU 8Ubattiotue«il2. Tel.-Adr^ AnzeigerGieß«.

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Lin neuer deutscher Zolltarif.

Die,-Deutsche Volkswirtsch. Korresp." schreibt: Unser fetziger Zolltarif ist ün Dezember 1902 Gesetz geworden, aber erst am 1. März 1906 in Kraft getreten. In die Zeit zwischen seiner Annahme durch die gesetzgebenden Körper­schaften und seinem Inkrafttreten fällt der Abschluß der neuen Handelsverträge mit Rußland, Oesterreich-Ungarn, Italien, der Schweiz Belgien usw. Erst zusammen mit xn Verträgen wurde der-neue Tarif in Wirksamkeit gesetzt. Diese Verträge können frühestens im Jahre 1916 gekündrgt Derben mit der Wirkung, daß sie Ende 1917 ablaufen. Mög­lich wäre es, daß von diesem frühesten Kündigungstermin kein Gebrauch gemacht wird und daß dann die Verträge )vA länger als bis Ende 1917 laufen werden. Bei den früheren Handelsverträgen war das bekanntlich auch der M; sie hätten durch Kündigung schon im Jahre 1902 außer Wirksamkeit gesetzt werden können, blieben aber bis Ende Febr. 1906 bestehen. In Regierungskreisen scheint man aber Damit zu rechnen, daß die jetzigen Verträge das Jahr 1917 richt lange überleben werden, und gewisse Umstände scheinen Dieser Anficht Recht zu geben. Jedenfalls bereitet sich die Deutsche Regierung rechtzeitig vor, um zu den Verhand­lungen über neue Verträge, die dann sMestens im Jahre L916 beginnen müßten, gerüstet zu fehl. Im Zusammen­hang hiermit wurde vor kurzem gemeldet, zu diesem Zwecke neroc ein neuer Zolltarif vorbereitet, dessen Schick- al also von dem aus den nächsten Wahlen hervorgehenden Reichstag abhängen werde.

Mese Meldung ist jedenfalls! verfrüht. Wir möchten sie öber auch insofern für unrichtig halten, als die Regierung vohl schwerlich daran denkt, für die kommenden Handels- lettragsver Handlungen einen ganz neuen Zolltarif aufzu- teil en und dem Reichstag vorzulegen. Die Vertragsver- U Handlungen können auch auf Grund des bestehenden Zoll- arifs geführt werden, nachdem dieser etwa in einzelnen- stositionen, soweit sich dies als notwendig erweisen sollte, rbgcändert worden ist. In diesem Falle würde es sich rur um eine Novelle zum Zolltarif handeln, und nur über riese hätte alsdann der kommende Reichstag Beschluß zu assen. Im allgemeinen würde dann der jetzige Zolltarif gestehen bleiben, und zwar,der Generaltarif, während aller- xings der Vertragstarif durch die neuen Handelsverträge reu geschaffen werden müßte. Die gesetzliche Festlegung tnseres künftigen Vertragstarifs erfolgt durch die Annahme )er neuen Handelsverträge von feiten des Reichstags. Die iSerträge kann aber der Reichstag nur entweder unver­ändert annehmen oder ganz ablehnen. Aenderungen an hnen kann er nicht'vornehmen, und die Gestaltung unseres , Luftigen Vertragstarifs ist sontttttm einzelnen seinem Ein- luß entzogen. Werden die neuen Verträge vom Reichstag mgenommen, so erlangen die darin von den vertrag- chliehenden Teilen vereinbarten Zollsätze Gesetzeskraft. J ^ehnt daaegen der Reichstag die neuen Verträge ab, so rt reten, sobald die alten Verträge durch die Kündigung ihre II Gültig Feit verloren haben, die Sätze unseres General-.

ar iss statt der bisherigen Vertragszölle in Kraft.

* Aus dem Strafprozehausschutz.

2 i:: Berlin, 29. Sepk

j Der Strasprozeßausschvß befaßte sich am Donnerstag sehr ängchend mit der Frage der Zuziehung von Schöffen U ji ber Berufungsinstanz gegen Urteile der Schöffengerichte und hi 3 eg en Urteile der Strafkammern. Die Mehrheit des Aus- di chusses toill von der Forderung der Zuziehung von Schöffen in >>tx. Berufungsinstanz nicht lassen, während die Regierung * unter Umständen hieran die Vorlage scheitern zu lassen

Drohte. Der preußische Justizminister Sefeier trat mit 2 großem Nachdruck für bett Regierungsstandpunkt ein, wogegen L Redner der Volkspattei, der Sozialdemokratie und der Mehrheit

Theobald Ascher in italienischer Darstellung.

Zum Tode Theobald Fischers ergreift ein nicht ge­nannter Geoaraph imGiomale d'Jtalm" das Wort, um seinen italienischen Landsleuten die Bedeutung des Gelehrten für Italien llar zu machen.

,Lu unserer Schande müssen wir eingeftehen," heißt e$ hort, bag dieser Marburger Professor die wissenschaftlich be­deutendste und literarisch beste Geographie Italiens ge­schrieben hat. Wir haben ihn am Werke gesehen, als er sic- nrit unserm Lande beschäftigte. Nachdem er die geographisch be­merkenswette sten Gegenden persönlich studiert hatte, nahm er eine eingehende Prüfung und Sictzung alles dessen vor, was italienische Gelehtte bisher auf dem einschlägigen Gebiete geleistet $ hatten, wobei er feststellte, daß in bezug auf Analyse durch das Jstitnto Geografteo Milttare, das Jftttuto Geologico, dem Corpo d Reale delle Miniere, die wissenschaftlichen Akademien und Ge­sellschaften alles aufs trefflichste und vollständigste getriftet worden k war. Es kam nunmehr darauf an, eine allgemeine Zusammen- T faffimg, eine Synthese des gesammelten Matettals zu schaffen.

Das besorgte berat Theobald Fischer in großattiger Weise. Erst h datm entdeckten wir, daß das Unternehmen verhÄMismäßig nicht allzu schwierig war, und wie bedauerlich es fei, daß es nicht ein Italiener vollbracht habe. Aber leider haben die den Italienern so gesunden Bäder notwendiger akkurater Analyse nach dem früher d gewohnten seichten Dilettantismus dazu geführt, jede geniale synthetische Inspiration zu ersticken. Seit einiger Zeit gelingt es uns nicht mehr, in der Geschichte oder auf dem Gebiete irgend einer Wissenschaft eines jener allgemeinen Werke zu schaffen, welche anderswo den Stolz der wissenschaftlichen Literatur ausmachen. So ist es gekommen, daß wir, um eine vollständige geographische Beschreibung Italiens zu haben, Zuflucht zu dem deutschen Ge- lchtten nehmen müssen, dessen Hin scheiden wir soeben betrauern, und den Professoren Navarese, Rodizza und Pasanift auch Vieser ist inzwischen verstorben zu danken haben dafür, daß sie uns das Fischersche Werk in gutem italienischen Gewände ge- liefett haben.

Es mag sonderbar scheinen so schließt der Artikel, daß wir den Tod des deutschen Geographen zum Anlaß gewählt haben, um auf einen Mangel der höheren italienisä-en Geistes­kultur hinzuweisen. Aber der Fall dieses weisen Sammlers und Synthetikers einer von tausend der Unsttgen geleisteten Klerw- atbeit ist so typisch, daß wir ihn gern als Mahnung benuven möchten, die analytische Forschung als Selbstzweck ein wenig ernzuschenken zugunsten der synthetischen Arbeit, die allein der wahren Entwicklung des geistigen Lebens in Italien zu nutzen vermag." .*7- *

' i Ausschußsrtzung des Deutschen Museums. a 5 Feftsaale der Münchener Akademie der Wissen- ö schäften fand am Donnerstag vormittag unter dem Vorsitze des H

der Zentrumspattei das ßaienelement in der Berufungsinstanz als unentbehrlich bezeichneten, sofern auf das Vertrauen der Bevölkerung in die Sttaftechtspflege Wett gelegt wird. Ein toetterer Streitpunkt war die Frage, ob die Berufungsinstanz gegen Strafkammerutteile beim Landgericht ober beim Oberlandes- gericht eingerichtet werden soll. Schließlich wurde mit großer Mehrheit beschlossen, die Straffammer als erste Instanz mit zwei Richtern und drei Schöffen zu besetzen. Die Straffenave asl Berufungsgeruhte sollen nicht bei den Oberlandesgerichten sondern bei den Strafkammern eingerichtet werden. Mit 16 gegen 12 Stimmen wurde endlich die Zuziehung von Laien bei den Strafsenaten, und zwar mit drei Richtern und zwei Schöffen, beschlossen. Dann wurde die Weiterberatung auf Frei­tag vormittag vertagt. ________ ____________________

Die Relchsverstcherungsordnung.

:: Berlin, 29. Sept.

Der Reichsversicherungsausschuß setzte am Donnerstag die Beratung über die Landwirtschaftliche Unfallver­sicherung fort. Der Kreis der Versicherten wurde durch Ab- änberung des § 918 insofern erweitert, als zu den versicherten Arbeitern auch die Gehilfen, Gesellen unb Lehrlinge zu rechnen sind. Die §§ 919 bis 926 wurden im wesentlchen unverändert angenommen. Im § 927 wurde auf Antrag der Sozial- demokraten bestimmt, daß bei der Berechnung der Unfall­rente für bereits teilweise Erwerbsunfähige mindestens der tat­sächlich verdiente Entgelt zugrunde zu legen ist. Im § 930 wurde ebenfalls auf Antrag der Sozialdemokraten bestunmt, daß das Oberversicherungsamt den durchschnittlick)en Jahresarbeits- Verdienst nicht nur für Manner und Frauen getrennt festzusetzen hat, sondern auch ,,für Versicherte über und unter 16 Jahren, für solche von 16 bis 21 Jahren und für die, die über 21 Jahre alt sind". Vor Abgabe des Gutachtens hat das Versicherungsamt die hauptsächlich in der Landwirtschaft beschäf­tigten BersicheruTrgspflichtigen anzuhören. (Die gesperrten Worte sind auf Anttag der Konservativen neu eingefügt Die §§ 930 bis 962, die den Gegenstand der Versicherung, die Träger der Versicherung und die Mitgliedschaft unb Stinrm- berochtigung in der Berufsgenossenschaft regeln, wurden mit einigen unwesentlichen Abänderungen nach der Regierungsvorlage angenommen. Die Beratung über den § 964, der bestimmt, was die Satzung der Berufsgenossenschaften zu enthalten hat, mürbe einstweilen ausgesetzt, bie übrigen §§ 963,965 und 966 des Kapitels Satzung" urrv er ändert angenommen. Der Ausschuß vertagte sich hierauf bis Dienstag irachmittag 3 Uhr.

Heer ttnfc Flotte.

Abschaffung der Kürassiere. Eine große Ueberraschung wird, so lesen; .wir in derPostt", bie Militär- Vorlage weiten Kreisen des deutschen Volkes bereiten. Wie wir nämlich von zuverlässiger Seite hören, wird sie auch die Abschaffung der Kürassiere bringen. Es ist ja längst bekannt, daß die Kürassiere für die heutigen Zwecke der Retterei höchst ungeeignet sind. Der heutige Kavallerist muß leicht und klein (ein, damit er auf flinken Pferden den Fettrd erfunden kann und unter Umständen mit Gewandt­heit auch Lu FuH fechten tarnt. Hierzu aber sind die Riesengestalten ber Kürassiere mit ihren langen Stiefeln auf ihren schweren Artilleriepferden.unbrauchbar. Es wird also nur der Krieastüchtigkett des Heeres genützt, wenn sie vollständig abgeschafft werden. Allerdings hat man ein Zugeständnis gemacht. Das Gardedukorps-Regttnent, die Leibgarde der Kaisetün und noch ein Leib-Kürassier-Regttrvent werden beib eh alten.

Wie demgegenüber eine Berliner Korrespondenz erfah­ren haben will, ist von einer Absicht der Heeresverwaltung, die Kürassiere abzuschaffen, nichts bekannt. Man werde dem­nach mit der wetteren Beibehaltung der Waffengattung, an die sich alte Traditionen knüpfen, rechnen können. Der der Neuzeit nicht mehr entsprechende Küraß wird bekannt­lich mir zur Parade getragen. Soeben wird übrigens ge­meldet, daß Prinz Oskar von Preußen auf ern Jahr zur Dienstleistung beim Pasewalker Kürassierregiment kom­mandiert wurde.

2. Deutscher Mendgerichtstag.

4 München, 29. Sept.

Unter überaus zahlreicher Beteiligung von Richtern, ©taaffik anwälten, Lehrern, Polizeibearnten, Geisttichen beider Konfessionent Missionaren und den in der Jugendfürsorge tätigen Frauen trat heute vormittag hier die Deutsche Zentrale für Jugendfürsorge mit dem Sitz in Berlin zur Abhaltung des 2. Deutschen Jugend­gerichtstages zusammen, der in dreitägigen Verhandlungen einen zusammensassenden Uederblick über den gegenwärtigen Stand, die! Organisatton und den weiteren Ausbau des JugendgerichtswefeoS geben soll.

Nach den üblichen Begrüßungen berichteten an erster Stelle Amtsgerichtsrat Dr. Köhne (Berlin), Oberlandesgerichtsrat Dc. Warbanek (Wien), Professor Dr. Hafter (Zürich) und AmtsgerichtS- rat Dr. Fnedeberg (Weißensee) über den Stand der JügendgerichtK- bewegung in Deutschland, Oesterreich, der Schweiz und Englarcktl Daran schloß sich ein Vortrag des Anttsgerichtspräsidenten De. Becker (Dresden) über Organisation und Zuständigkeit der Jugendgerichte. Ta es sich im wesentlichen darmvl handele, dem richterlichen Spruche Inhalt und Wirffamkett int Sinne vormundschaftlicher Beaufsichtigung des Lebensganges deS Minderjährigen zu geben, so seiderVormundschaftsrichteV unzweifelhaft der gegebene Leiter der Jugendgerichte. Der vom Entwurf eingenommene Standpunkt, daß die Anflagebehörde bitf Notwendigkeit der Einstellung des Sttafversahrens zugunsten vvn- Erziehüngsmaßregeln prüfen und verfügen soll, erscheinen hier> nach als die gegebene Lösung. Man sollte nur mit dem Reuhs- tagsausschuß bestimmen, baß außer der Staatsanwaltschaft auch das Gericht ein selbständiges dahingehendes Verfügungsrecht bereits vor der Hauptverhandlung haben soll. Ferner sollte die Einstellung von Jugend ft rafkammern, wie dies eine Reihe von Bundesstaaten bereits jetzt getan haben, mit hierfür besonders! auszuwählenden Schöffen angeftrebt werden. Im Zusammenhangs hiermit möchte man aber dafür eintreten, daß die Zulässigkeit bec Ueberweisung von Sttaffammersachen an das Jugendgericht üt weiterem Umfange möglich werde, als es die Novelle vvrfieht.

Der zweite Berichterstatter zum Thema:Organisation und Zuftärrdigkett der Jugerchgerichte", Professor Dr. Kitzingett (München), schloß sich im wesentlichen den Ausführungen Dr. Beckers an unb unterbreitete der Versammlung eine Anzahl Leit­sätze, in denen u. a. gewünscht wird, daß die Landesiustizverwah- tung bei einzelnen Amtsgerichten und Landgerichten besonders Abteilungen als Jugendgerichte bezw. Jugendstraffammern hüben! kann, ja muß, wenn an einem Amtsgericht mehr als ein Schöffen­gericht besteht. Diese Gerichte bezw. Kammern sollen auch für strafbare Handlungen Verwandter ober Pfleger gegen Jugend­liche zuständig fein, auf Antrag der Staatsanwaltschaft durch Beschluß des Vorsitzenden auch für andere gegen Jugendliche verübte strafbare Handlungen unb für die strafbaren Handlungen von Personen, die zurzeit der ihnen zur Last gelegten Tat das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet hatten.

Die Verhandlungen werden morgen fortgesetzt.

Att» Stadt «nd Land.

Gießen, 30. Sept. 1910.

vom neuen StellenvermittlungSgesetz.

Für Hessen sind bie Bestimmungen über den DollULA bes Gesetzes veröffentlicht worben. Danach beschließt über die Erteilung oder Verweigerung der Erlaubnis Kum Bo trieb des Gewettbes eines Stellenvermtttlers der Kreis-» ausschuß. Die Festsetzung der Gebühren der gewerbsTnäßi- gen Stellenvermtttler, mit Ausnahme der Gebühren der Stellerwermittler für Bühnen an gehörige, für die besonder« Vorschriften bestehen, erfolgt durch das Kreisamt, in dessen Bezirk der^Gewerbebettieb seinen Sitz hat. Diezustündigp Polizeibehörde^' ist die Bürgermeisterei oder die an berenf Stelle besonders eingerichtete staatliche PolizeiverwaLttmg. Für die Untersagung eines vor dem 1. Okt. 1900 begonnen nen Gewerbebetriebs und für die Entziehung einer nachf § 2 des Stellenvermittlergesetzes erteilten Erlaubtris ist bett Provinhialausfchuß zuständig. Das hierbei zu beobachtend« Verfahren richtet sich nach den betreffenden Vorschriften der Vollzugsverordnung zur Gewerbeordnung. Die Fort-t

Prinzen Ludwig von Bayern eine Ausschußsitzung des DeutschenMuseums statt, an der außer fast allen bayerische Miraftern der Staatsnrmistcr Graf Posaoowsky, Graf Zep­pelin, Major Groß unb viele andere teilnahmen. Tas Mu­seum, zu dem Kaistt Wilhelm II. gelegentlich feiner letzten An­wesenheit in München den Grundstein gelegt hat unb das von allen Kreisen des Handels, der Industrie und des Gewerbes, be­sonders auch seitens der Stadt München selbst lebhaft gefördert wird, soll eine Sammlung von Meisterwerken der Naturwissenschaft unb Technik werden. Ter Mu­seumsbau tpirb sich auf der Münchener Kohleninsel erheben und eine der größten Museumsanlagen der Welt werden. Nachdem der Vorsitzende der Akademie der Wissenschaft, v. Heigel, die Versammlung' namens der Akademie unb Minister v. Bretteich namens der Staatsregierung begrüßt hatte, erstattete Baurat unb Reichsrat Oscar v. Miller Bericht über die Finanzen unb den. Neubau des Museums. Oberbürgermeister v. Borscht gab bekannt, baß die Gemeindeverttetung einstimmig beschlossen habe, dem Deutschen Museum in einem Neubau für alle Zetten Wärme und elektrisches Licht unentgelttich zu liefern, was einem jähr­lichen Aufwand von 160 000 Mark entspricht. R-eichsrat Maf­fei-München gab namens der vereinigten Firmen des deutschen Lokomotivbaus bekannt, daß diese für den Ehrensaal des Mu­seums ein Borsigdenkmal stiften wollen. Sodann berichteten Ge­heimrat Dr. pa n Dyck-München unb Graf Zeppelin über verschiedene Verwaltungsangelegenheiten. Zum VorsitzÖiden des VorstandsDOtes wurde Dr. Hermann Blohm- Hamburg, zum Schriftführer des Vorsta^>srates Geheimrat B u n te-Karlsruhe neugewählt. Dr. Blohm gab eine kurze Schilderung von den Leistungen unb der Lage des deutschen Schiffbaues. Geheimer Marine-Olberbaurat Heßfelb übergab im Namen des Kaisers ein großes Schnittmodell des LinienschiffesRheinland", das der Kaiser im Museum bei dessen Grundsteinlegung zu gesagt hatte. Das im Versammlungssaal auf gestellte Schnittmodell, besten einzelne Teile elektrisch betrieben werden können, sand ungeteilte Bewunderung, die auch in herzlichen Tankeswotten des Prinzen Ludwig von Bayern und des Reichsrates von Mckler zum Aus­druck kam. Mit dem Museum wird auch eine Bibliothek ver­bunden sein, in der in erster Reihe wichtiges Urfunbenmatcrial über die deutsche Industrie, Technik unb Naturwissenschaft zu- fairanengetragen werben soll. Zurzeit befinbet sich die Samm­lung des Museums noch in einem Interims bau, während das Erdgeschoß des Neubaues inzwischen im Rohbau fertiggestellt wor- bert ist. An den Kaiser wurde ein Tanktelegramm gefanbt.

1 Limburg als Kunststätte. Text von Lev Stern­berg. Zeichnunge,: von Hans Aulmann, 4° 56 S. mit 14 Voll­bildern in. Sepiadruck und zirka 40 Originalfeberzeichnungen Mark 3.. Verlag bet Hof- und Univ.-Druckerei Otto Kindt, Gttße«. Zugleich Heft 4 derKunst unserer Heimat", Jahraang 1910. Tas soeben erschienene Heft enthält zum erstenmal ein

einhettliches Kunst- unb Kulturbild der alten Bischossstadü Limburg unb dessen überraschende Bedeutung als Kunsts statte. Ter Verfasser bietet eine kunstwissenschaftliche Abhandlung^ bie belebt wird durch geschichtliche uns kulturgeschichtliche Eiw? unb Ausblicke. So gibt er nicht etwa einen Führer, sondern td läßt die Stadt unb leine Kunstschätze auf historischem Boden vottl dem Leser aus ihrer Zett heraus entstehen. Auf die Illustration des Heftes ist besonderer Wert gelegt. Es bringt zahlreiche Ftt>ev- zeichnungen, Skizzen aus der malerischen Stabt, seinem herrlichm Tom unb dessen seltenen, vielfach unbekannten Schätzen. Dazu kommen Ausnahmen nach der Natur, bie in vortrefflichem Sepiadruck FÜHftterifcb wieder gegeben sind. Die Vereinigung zur FörderunA der Künste in Hessen hat sich durch die Herausgabe dieses vor­nehmen Heinen Kunstwerkes sicherlich Verdienste erworben.

Deutsch-fran-ösische Schülerreisen. Me tn Berlin erscheinende ftan^ösisch-e ZeitungJotutnal nragne" und die tn Parts erscheinende deutschePariser! Zeitung^' -verden pon jetzt ab in jedem Jahr ein PreiK- ausschreiben ver anstatt en. DasJournal d'AllemaMre^

stellt für die deutsche Schuljugend ein Thema für Auffätzs in ftanKösischer Sprache. Die 50 besten Arbetten werdeie mit einer zehntägigen kosterrbosen Reise nach Paris aus­gezeichnet. DiePariser Zeitung" veranstaltet ein gleiches Preisausschreiben für die französische Schuljugend. Die beiden Blätter haben vorläusig Dafür einen Fonds von 12000 Mk. ausgesetzt. Die Reisen werden durch die AUA* schüfst für internationalen Schüleraustausch ausgefühtt.

Kokain gegen Hunger unb Durst. Die Frage- ob 'der Hunger wirfllch seinen Sitz im Magen unb der Durst den seinen in der Kehle habe, ist feit langem der Gegenstand wissenschaftlicher Kontroversen. Einen neuen Beitrag dazu liefert der ttalrenische Arzt Valenti, der in denArchivi ttaliani dl bio- logia" über interessante Experimente berichtet. Es gelang ihm, das Hungergefühl durch Unempsindlichmachung des Schlundes zu unter­drücken. Diese wurde erreicht, indem man in die oberen Teile der Speiseröhre Kokain einspritze. Eül Hund, der auf biefe Art behandelt wurde, wies fünf Tage lang jede Nahrung, flüssige wie feste, zurück. Der Experirirelttator schloß aus dieser Tatsache, daß das Hunger- unb Durstgefühl lokalisiert ist. Diese Beobachtung stimmt völlig überein mit der uralten Tradition, der zufolge sich Hunger unb Durst durch das Kauen von Blattern des Koka^ strauches, die die oberen Partien der Speiseröhre unernvfindlüÜ machen, stttlen lassen.

Kurze Nachrichten aus Kunst u. Wissenschaft, Der Professor der Nervenheilkunde, Fulgence Raymonde ist im 66. Lebensjahre auf seinem Landsitze bei Portiers gen stör b en.