Nr. 174
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Anzeiger Gießen.
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Erstes Blatt 160. Jahrgang
Donnerstag 28. Juli 1910
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhessen
Rolattonrdruck unö Verlag -er Vrühl'schen Univ.-Vuch- und Steinöruderet R. Lange. Reöaftion, Expedition und Druckerei: Zchulftrahe 7.
Bezugspreis: monatlich75Pf., viertel- jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 60 Pf.; durch diePost Mk.2.— viertel- jährl. ausscht. Bestellg. Zeilenpreis: lokal IbPs., auswärts 20 Pfennig. Chefredakteur: A Goetz. Verantwortlich für den politischen Teil: August Goetz; für „Feuille- ton* und »Vermischtes* K. Neurath; für »Stadt u. Land" und „Gerichtssaal": C. Heß; für den Anzeigenteil: H. Beck.
Die heutige Nummer umfaßt 10 Selten.
Ein Aufstand auf Kuba.
Mie Meldungen crus Havanna besagen, ist auf Kuba wieder einmal, und zwar in der Nähe von Santiago, eine Insurrektion" ausgebrochen, deren Führer der seit einigen Tagen verschwunden gewesene „General Mi niet" ist Die Kubanische Regierung war auf diesen Putsch vorbereitet, da in der Bevölkerung schon seit einigen Tagen eine große Erregung herrschte und „General" Monocal, der bei den letzten Präsidentenwahlen unterlegen war, eine zahlreich besuchte Protestversammlung gegen die Präsidentenwahl und die Politik der Regierung abgehalten hatte.
So kann man annehmen^ daß die Kubanische Regierung den kommenden Ereignissen wohl gerüstet gegenüberzutreten in der Lage ist und vielleicht den Aufstand niederschläat, ehe er größere Ausdehnung annimmt. Damit wäre die Republik Kuba wieder einmal gerettet. Ein anderes aber wäre es, wenn der Aufstand ganz Kuba ergriffe, und das Volk sich den unzufriedenen Soldaten anschlösse. Denn damit wären die Bereinigten Staaten gezwungen, auf Kuba einzuschreiten, und mit der selbständigen Republik Kuba, die die Union erst vor kurzem proklamierte, würde es dann ein schnelles Ende nehmen. Die Kubaner sind ein noch halbzivilisiertes Volk, dem das gehörige Verständnis für die idealen Aufgaben des Staates fast völlig abgeht. Sie haben zwar, wie das spanische Muttervolk, ein starkes Selbstgefühl, das man aber keinesfalls mit Nationalstolz verwechseln darf, weil der Gedanke, daß sich der Einzelne dem Staatsaanzen unterzuordne.r hat, und der Staat nicht zur Befriedigung der Habsucht und des Ehrgeizes der Einzelnen dienen soll, unter den Kubanern noch keinerlei Boden gewonnen hat. Hid das ist auch erklärlich, denn, wenn auch die Kubaner fahrelang um ihre Selbständigkeit kämpften, die rücksichtslose und jahrhunderte dauernde Ausbeutungsherrschaft der Spanier brachte es mit sich, daß sie an diesem europäischen Staat für alles, was sich staatliche Verwaltung nennt, das schlechteste Beispiel fanden. Sobald nur, wie das bei der lateinischen Rasse Südamerikas üblich ist, -irgend eine Partei auf dem Wege des Revolutionssporls zur Regierung gelangt, hält sie es für ihre unabweisbare Pflicht, sich in den Besitz aller Aemter, die auf Kuba zum großen Teil Sinekuren bedeuten, zu setzen und dem kubanischen Volk das Fell recht gründlich über die Ohren zu ziehen Und wenn dieses dann mit seiner „gottgewollten" Regierung unzufrieden war, und, wie jetzt auf dem Wege des Militärputsches, einen neuen Präsidenten aus j den Schild erhob, macht es diese neue Regierung ebenso.
Von diesen unablässig wankenden und unsicheren Verhältnissen werden natürlich die besitzenden Klassen am härtesten getroffen. Die 1906 von der Union zur Unterdrückung der lubanischen Unruhen abgesandten Truppen fanden ein förmliches System von Erpressungen vor. So mußten sich, um nur ein Beispiel anzuführen, insbesondere die Besitzer der Zuckerplanragen, um sich vor Brandschatzung zu sichern, dazu verstehen, der Regierung ein nicht nur unverzinsliches, sondern sogar unzurückzahlbares Darlehen zu geben. Daß die Ordnung immer wieder hergestellt wurde, ist allein den amerikanischen Truppen zu danken, welche die ganze Insel in Streiskolonnen durchquerten und den von der kubanischen Regierung Verfolgten und Unterdrückten, also den Angehörigen der Minoritätspartei, ihren Schutz angedeihen ließen. Wie kritisch aber die Verhältnisse nach wie vor auf Kuba blieben, geht zur Genüge daraus hervor, daß im Jahre 1906, nur eine ; Woche nach der Zurückziehung der amerikanischen Truppen, sofort wieder ein Aufstand ausbrach, der allerdings sehr bald unterdrückt wurde. Die Vereinigten Staaten haben
trotzdem die Selbständigkeit der Republik Kuba feierlichst proklamiert und garantiert. Ob aber diese jetzt, wenn der Aufstand aus Kuba größere Ausdehnung annimmt, von Bestand sein wird, ist eine große Frage. Denn daraus hat die Union niemals ein Hehl gemacht, daß man sich, wenn nochmals auf Kuba Wirren ausbrächen, die seinen Handel mit 'Amerika schädigten, nicht mit einer zeitweiligen Okkupation der Insel und mit der Wiederher- stellung des inneren Friedens begnügen würde. Was man in Washington will, tritt allerdings bisher nicht deutlich hervor. Jedenfalls will man keine Einverleibung Kubas in .die Union, weil eine solche nicht nur an dem Widerstände der Kubaner selbst, sondern auch an dem des Kongresses scheitern würde, der die Mischlingsbevölkerung der Vereinigten Staaten nicht weiter vermehren helfen will Und sich nur mit Mühe und Not zu einer .Herabsetzung des kubanischen Zolltarifs im Jahre 1901 bereit finden ließ.
Was je^t, wo auf Kuba wieder Unruhen ausgebrochen sind, zur Erörterung steht, ist allein die Frage eines am er i- kanischen Protektorats über Kuba, mit einer Stationierung von etwa 5—6000 Mann amerikanischer Truppen. Eine solche Lösung des Kuba-Problems wäre der besitzenden Bevölkerungstlasse der Insel aus den oben genannten Gründen jedenfalls genehm, sie würde auch bei den Mächten auf keinerlei Widerstand stoßen, nur scheint sie für die Vereinigten Staaten, die in Fragen der Armee sehr zugeknöpft sind, zu kostspielig zu sein, um die Billigung des Kongresses zu finden. Man wird wahrscheinlich, um die Kosten zu umgehen, wenn sich jetzt ein Protektorat der Union Über Kuba notwendig macht, versuchen,.das kubanische Militär zu reorganisieren und es durch "Unterstellung unter amerikanische Offiziere zu einem gefügigen Werkzeug der Union zu machen.
Ob das gelingt, will uns zweifelhaft erscheinen. Schon die Tatsache, daß unter dem nur 4500 Mann zählenoen „kubanischen Heer" ein Aufstand gegen die jetzige Regierung überhaupt möglich war, zeigt unseres Erachtens, daß sich schon unter dieser „Wachtparade" zahlreiche unzuverlässige Elemente befinden. Ist doch das kubanische Heer nicht einmal in der Lage, vor den Toren einer Stadt wie Santiago Ruhe und Ordnung zu halten, um wie viel weniger im Innern des Landes. So werden die Vereinigten Staaten nicht darum herumkommen, Kuba auf längere Zeit hinaus militärisch zu besetzen, wenn sie dort ihre politischen und wirtschaftlichen Interessen wahrnehmen wollen. Mit der Erklärung eines Protektorats der Union über Kuba unter sonstiger Aufrechterhaltung der kubanischen Selbständigleit ist es nicht getan. Man wird sich vielmehr in Washington dazu.entschließen müssen, nicht nur die Insel längere Jahre hindurch militärisch besetzt zu halten, sondern auch die Zivilverwaltung Kubas zu amerikanisieren. Die Frage ist nur, ob sich die Kubaner das gefallen lassen, ob sie nicht — und sie sind im Guerilla-Krieg geübt genug — den Vereinigten Staaten von Nordamerika eine harte Nuß zu knacken geben.
Newyork, 27. Juli. In amtlichen Telegrammen aus Havanna wird mitgeteilt, das; die Regierung über die Insurrektion des Generals Mi niet nur die Tatsache erfahren hat, daß 'dieser mit einem Dutzend Leute aus unbekannter Ursache gemeutert und ins Innere geflüchtet ist. Die Meuterer werden von der Landpolizei und der Miliz verfolgt. Die Regierung erklärt zwar, daß der Vorfall ohne Bedeutung sei, es wird aber von der Öffentlichkeit darauf hingewiesen, daß der Präsident den Besuch seines Sommersitzes aufgeschoben hat. Man glaubt, daß die Regierung die Landung von Waffen befürchtet. Die Gerüchte über Unruhen in der Provinz Pinar del Rio finden bisher keine Bestätigung.
Line Unterredung mit Uiderlen-wachter.
Trotzdem eine Unterredung eines Redakteurs der Wiener „Neuen Freien Presse" mit dem Staatssekretär v. K'iderlen- Wächter bei dessen Durchreise nach Marienbad etwas sommerlich sensatronell aufgebauscht ist, geben wir einige Stellen daraus wieder, weil sie vielleicht für die Persönlichkeit unseres neuen Staatssekretärs bezeichnend sind. Die „Neue Fr. Pr." schreibt:
Auf die Frage, wann die Begegnung mit Aehrenthal stattfinden werde, erwiderte der Staatssekretär: „Ich werde morgen noch im Laufe des Vormittags mit Aeyrenthal eine Unterredung haben. Wir kennen uns seit nahezu dreißig Jahren und waren vier Jahre zusammen in Petersburg. Jetzt habe ich den Grafen allerdings schon längere Zeit nicht gesehen. Ich gedenke, bis Donnerstag in Marienbad zu bleiben, wo sich auch meine Schwester zur Kur aufhält. Donnerstag ab-end trete ich die Weiterreise nach Berlin an, und noch im Lause dieser Woche werde ich die Geschäfte dort übernehmen. Wann ich nach Bukarest fahre, um dort mein Abberufungsschreiben zu überreichen? Voraussichtlich im September; bann werde ich möglicherweise einige Tage in Wien bleiben."
„Beabsichtigen Exzellenz bei dieser Gelegenheit auch eine Audienz beim Kaiser Franz Josef zu nehmen?" — „Das wird sich erst später entscheiden."
„Es ist davon gesprochen worden, daß Exzellenz noch im Laufe dieses Jahres eine Zusammenkunft mit Iswolsky haben werden?"
„Ich werde mit dem russischen Minister nicht zusammen- kommen. Es ist kein Anlaß dazu vorhanden, denn Freiherr v. Schoen hat schon eine Begegnung mit ihm gehabt. Auch mir Marchese San Giuliano werde ich nicht zusammentreffen, da der Reichskanzler mit ihm gesprochen hat. Es werden also feine weiteren Entrevuen in diesem Jahre stattfinden."
Auf die Frage, wie der Staatssekretär die Lage auf dem Balkan und insbesondere die letzten Vorfälle in Mazedonien beurteile, die zu divlomatischen Schritten des bulgarischen Gesandten in Konstantinopel führten, erwiderte Kiderlen: „Ich war in den letzten Tagen in Bukarest anderweitig beschäftigt und konnte die politischen Ereignisse nicht eingehender verfolgen. Ich glaube, daß diese Vorgänge zu lokalen Erscheinungen gehören, die ohne ernste Folgen wieder zu verschwinden pflegen. Ich bin Übrigens, wie gesagt, im Augenblick nicht weiter über d-ie politische Lage orientiert, da ich erst in einigen Tagen die Geschäfte übernehmen werde."
Auf seiner Weiterreise ist der Staatssekretär am1 Mittwoch früh 7 Uhr in Marienbad eingetroffen. Der Staatssekretär wohnt ccks Gast der Stadt Marienbad in her Villa „Luginsland^. Die Villa ist im Besitz der Stadt Marienbad, ein Vermächtnis des verstorbenen Dr. Hcklb- mayer. Sie ist in altdeutschem Stil erbaut, mitten im Park gelegen auf dem Wege zum „Bellevue" und hat auch vor einigen Jahren — allerdings nur eine Nacht — Kaiser Franz Josef beherbergt, als er zum Besuche des verstorbenem Königs Eduard hierhergekommen war. Als der Erblasser die Villa der Stadt vermachte, knüpfte er an dieses Vermächtnis die Bedingung, daß die Stadt sie nur an fürstliche Persönlichkeiten vermieten dürfe. Diese Bedingung hat die Stadt nicht zu erfüllen vermocht, denn die fürstlichen Mieter wollten sich nicht einstellen. Jetzt nimmt der deutsche Staatssekretär hier sein Absteigequartier. Um 10 Uhr begab sich der Staatssekretär zum Grasen Aehrenthal und verblieb zum Frühstück bei ihm.
Herr v. Kiderlen-Wächter trifft am Freitag in Berlin ein und übernimmt feine Amtsgeschäfte. Herr v. Schoen reift an demselben Tage nach Berchtesgaden. Der Gesandte beim päpstlichen Stuhl v. Mühlberg ist in Berlin ein* getroffen.
Wien, 27. Juli. Das „Fr e m den blatt" schreibt: Der Staatssekretär v. Kiderlen-Waechter ist heute zu einem Besuch beim Grafen v. Aehrenthal in Marienbad eingetroffatj Diesem Zusammentreffen dieser beiden Staatsmänner wird man nicht bloß die Bedeutung einer Höflichkeitsvisite und die eines freundschaftlichen Gedankenaustausches zwischen Diplomaten beilegen, die einander seit vielen Jahren kennen, und die an eine
Vas Sojen in Berlin.
Wir haben kürzlich die Ansichten Roosevelts über den angeblich erzieherischen Wert des Boxens wiedergegeben und der Meinung Ausdruck gegeben, daß diese „Kunst* in unserem Kulturprogramm nicht zu stehen brauche. Der Berliner „Lok.» Anz." macht nun einige Feststellungen, denen auch wir mit Interesse folgen können, wobei wir allerdings zu einem anderen Ergebnis gelangen, als der Mitarbeiter des Blattes, der sich die Berliner Boxerschule angesehen hat und u. a. also schreibt:
Nun ist es aber Tatsache — und viele dürsten erstaunt sein, es zu hören — daß in Berlin nicht nur mehrere sogenannte Boxerschulen bestehen, sondern daß es in der Reichshaupt- stad t eine ganze Menge Menschen gibt, die durchaus gute Boxer sind. Und da ist es für die Entscheidung der Frage, ob das Boxen eine Brutalität oder ein gesunder, wohltuender Sport ist, von Interesse, sich einmal solch einen Boxklub naher anzusehen. Wie sehen die Leute aus, die den Drang in, sich Wen, boxen zu lernen?
In Berlin W. ist eine solche Boxerschule. Ein Engländer deutscher Herkunst leitet sie. Joe Edwards ist der „Leichtgewicht- Champion von 1900". Also ein regelrecht professioneller Faustkämpfer: schlank, kultiviert, mit den Manieren eines Mannes der besten Stände; anscheinend 22 Jahre alt, tatsächlich 33. Ein Mann, den man für alles mögliche in der Welt halten würde; junger Bankbeamter, Rentierssohn, — alles mögliche. Nur nicht für einen professionellen Boxer — nach unseren landläufigen Begriffen.
Aber sehen wir uns seine Schüler an.
Abends zwischen acht und zehn. In der Parterrewohnung eines Hauses in Berlin W. ein großer Saal. Bilder von Faustkämpfern an den Wänden, eine Reihe Keiner Ankleide- garderoben, in der Ecke abgegrenzt eine Dusche. Und diese Conditio sine qua non des Boxingsaales: mehrere „P u n c h i n g - b a g s".
Die Schüler sitzen oder stehen umher: einige „arbeiten ’ bereits an dm ,,Bags"; alle harren der Eröffnung der Stunde. Im ganzen haben sich heute, da es Sommer ist, nur acht Schuler eingestellt. Eine außerordentlich interessante Gesell-
haupt gilt der Satz für das Boxen: Die beste Abwehr ist der — Gegen hieb! Nun weiter: „Time!"
Und weiter geht's. Klatschend sausen die Hiebe auf Geficht und Körper. Aber diese Hiebe scheinen zu wirken wie erfrischende Massage; die Augen glänzen, blicken gespannt in die des Gegners. Sämtliche Muskeln im Körper spielen. Geschmeidige Bewegungen, künstlerische Stellungen entwickln sich. Da — einer hat den Boden berührt. Aber in der nächstens Sekunde ist er wieder auf den Beinen. Er lacht, die Zähne blitzen. H-eidi! los auf den andern. Und wieder prasseln die Hiebe.
Und in den Fingern, den Muskeln des Zuschauers zuckt es. Mit hinein! Auch boxen! — Wo ein Sport um Geldes' willen ausgeübt wird, muß eine gewisse Brutalität sich ein- schleiiben. Auch unser großer Sport, das Pferderennen, tarnt/ brutal sein. Und die sogenannten „Fliegerrennen"? Und die Ringkämpfe? Wer aber diesen Männern — gebildeten; Männern — die an dem Abend da draußen in Berlin W. boxten, gesagt hätte, sie müßten aufhören, denn was sie da täten, sei brutal, der wäre — na, zum mindesten ausgelacht worden.
Ein bißchen Begeisterung muß bei einem solchen Bericht ja sein, und der Berichterstatter wird ja nicht hmausgeboxt, sondern vielleicht gar freundlich und mitteilsam ausgenommen worden sein. Die gebildete Boxergesellschafj einschließlich des Bäckergesellen wollte etwas lesen. Uns deucht aber, das sachliche kurze Stimmungsbild über den Kampf, die freundliche Ermahnung, daß man nicht mit der Nasenspitze parieren dürfe, die schöne Wendung von der erfrischenden Massage werden das Verlangen: „Mit hinein, auch bo^en!* nicht zu einem allgemeinen machen. Man bewahre unS rechtzeitig davor, daß diese amerikanische Kunstpflanze auch noch in unsere Spezialitätentheater überführt wird!
schäft, wie man sie in einer ähnlichen Mischung wo anderst kaum in einem Raume beisammen finden dürfte. Ein Mediziner, 35 Jahre alt; ein griechischer Rechtsstudent von 25 Jahren: ein dreißigjähriger Leutnant der Garde- Artillerie; ein Bäckergeselle; ein Groß kauf mann der Seidenbranche; ein „kleinerer" Warenhausbesitzer: ein achtzehnjähriger Jüngling der Hochschule und Dr. M. D., ein bekannter Kunstkenner. Der Bäckergeselle vertraut den anderen an, daß er Boxen lernt, weil er „während des Streiks mächtigeScuge gekriegt hälte". Merkwürdig, wie leicht der Mensch mit den Kleidern auch gleich das ganze Äeußerliche abstreift. Alle diese Männer im weißen Drillich mit nackten Armen und Beinen scheinen auch den Klassenunterschied, der sie sonst voneinander trennen würde, abgestreift zu haben. Ernstlich, eifrig sind sie bei der Arbeit, einander helfend, unterstützend. Vorläufig allerdings bekämpfen sie noch den schon erwähnten „Punchingbag". Das ist ein Ball, der einem luftgefüllten Fußball nicht unähnlich sieht und der in Manneshöhe von einer Deckenwand oder einem Ringe herabhangt. Auf diesen Ball nun „punched" oder schlägt sowohl der Lernende wie auch der Boxer selbst ein. Der Ball fliegt gegen die Deckenwand und prallt von Dort natürlich so schnell und gewaltig zurück, daß der Schüler schleunigst sich „ducken" oder zur Seite springen muß, um nicht ins Gelsicht getrosten zu werden, oder aber den Ball sehr schnell und mit voller Wucht wieder treffen muß. Wenn ein guter Boxer einen solchen Ball bearbeitet, dann hört es sich an wie niederprasselnder Regen. Hier üben die Schüler erst mal die verschiedenen Hiebe: den „graben Hieb", den „Seitenschwung" und den fürchterlichen „Haken", ein Hieb, der durch die Muskeln des Rückens ausgeführt wird, während die Armmuskeln — der Arm bildet dabei einen rechten Winkel — steif und gespannt bleiben.
Endlich aber geht's zum Kampf. Zwei Schüler stehen sich gegenüber, riesige, dickgepolsterte Fausthandschuhe aus den Händen. „Time!" ruft der Lehrer. Die Hiebe prasseln. „Stop !" Kaum angefongen, müssen die beiden schon aufhören. „Mein Herr, wenn Sie die Hiebe mit der Nasenspitze parieren, dann setzt es noch Blut. Und Sie, mein Herr, merken Sie sich das: Man soll nie versuchen, das Gesicht eines ManneS zu treffen, der größer ist. Dann immer nur den Körper. Ist der Gegner aber schwerer, dann nicht angreifen, sondern aufmerksam abwarten, bis er sich eine Blöße gibt. Heber»
— Orientierung in der Lustschi fsa h'rt. Man bittet uns Um Aufnahme der folgenden Notiz: Jedes Verkehrsmittel braucht seine Wegweiser. Die Schiffahrt wäre heute, wenn sie nicht zu den schwersten Katastrophen führen soll, ohne See- zeichm, ohne Baken, ohne Leuchttürme nickü mehr möglich. Der Fußgänger, derRadfahrer, das Automobil brauchen Wegzeichen. Auch die Luftschiffahrt hat sie nötig. Ein Luftfahrzeug, baS nirfü


