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27.10.1910 Erstes Blatt
 
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Nr. S52

Deritfotntr Anzeiger rrld)ftni täglich, außer banntagS. - Betlagen: plermal roöcbenthcf) ßietzenerKamliienblätter; nvrnnal wöchentl.Xretri dlaltsürdenttreirSiehen (Dienstag und Freilaq); .weunal monatl. Laud- jplrtlchastlicheSettfragev ^enilpted) - Anschlüsse: jür die gtebafhon 112, tierlag u. Expedition 51 Sldresse für Depeschen

Anzeiger Gießen.

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til.

Erstes Blatt

ISO. Jahrgang

Donnerstag 27.Oktober 1910

tf-nv vezugsyret-.

monatlich 7L Pf., viertel­jährlich Mk. 2.20 durch Abhole- il Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch die Post Alk. 2.viertel- jährl. ausschl. Beslellg.

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Chefredakteur: A Goetz.

Verantwortlich für den

< politischen Teil: August

1* AO Goetz; für »Feuille-

llPIlrll ton- und .Vermischtes"

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NotationrdruS und Verlag der vrühl'schen Univ.-Vuch» und Steindruckerei B. Lange. Bedaktion. Lxpedltlon und Druckerei: Schulstratze 7. A^'genteü-^H.^B^

Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten.

Der handel Persiens.

Im Laufe des vorigen Jahrhunderts hat Rußland ereits große Teile des nördlichen und nordwestlick>en Zersiens erobert. Dadurch sowie später durch den Bau von Eisenbahnen bis nahe an die jetzige persische Grenze hin mb durch Schaffung einer starken Handelsflotte auf dem kaspischen Meere hat es seine Handelsbeziehungen zu Zersien bedeutend vermehrt. Auch der Aufschwung der Zetroleumindustrie von Baku hat zu dieser Ber> Zehrung beige tragen. Im AußerhanDel Persiens nimmt aber Rußland eine dominierende Stelle ein; es liefert 8 Proz. der Wareneinfuhr nach Persien und nimmt 70 Proz. er persischen Warenausfuhr auf.

Sehr bedeutend ist der Außenhandel Persiens noch ächt; im Jahre 1908/09 hat die Einfuhr nach Persien 49 Mill. Mark, die Ausfuhr aus Persien 130i/2 Mill. Mark etragen. Unter diesen Umständen kann man im Zweifel 'drüber sein, ob der militärische Sclstitz, den Rußland in kordpersien ausübt, und den England, im Einvernehmen nit Rußland, im Süden Persiens ausüben möchte, l'diglich en Handelsinteressen dienen soll Ene rasche Ent- ncklung des persischen Handels, namcmtlich des Imports, st auch schon deshalb nicht zu erwarten, weil der Perser as für den .Handel erforderliche Maß von Bertrauens- mrdigkeit nicht besitzt. Die zweite Stelle im Handel' lit Persien nimmt England ein, das im Jahre 1908/09, ür 40,2 Mill. Mark Waren nach Persien eingeführt und für i Mill. Mark Waren von dort bezogen hat. Dazu kommt i och eine Einfuhr Persiens aus Brrtisch-Jndien im Werte on 19,3 Mill. Mark und eine persische Ausfuhr nach ttitisch-Jndien von 6,6 Mill. Mark Wert, so daß England nd Indien zusammen mit 40 Proz. an der Einfuhr nach jersien und mit 10 Proz. an der persischen Ausfuhr be- eiligt sind. An dritter Stelle steht die Türkei, ie allerdings nur für 4,7 Mill. Mark nach Persien ge- efert, aber für 14,9 Mill. Mark von dort bezogen hat.

Die Warenausfuhr Deutschlands nach Per- ie n hatte im Jahre 1907 nach der deutschen Handels- atistik einen Wert von 3,5 Millionen Mark, dem eine ipfuhr von 5,5 Mill. Mark Wert gegenübersteht. Seit- em scheint der deutsche Handel mit Perlen zurückgegangen u fein; über seinen Umfang geben aber weder die persische och die deutsche Handelsstatistik genaue Auskunft. Ter eutfch-perfische Handelsvertrag von 1873 chert den deutschen Kaufleuten in Persien die Vorteile der reistbegünstigten. Nation; trotzdem unterliegen aber deutsche Zaren in Persien einem höheren Eingangszoll als die aus er Türkei nach Persien eingeführten Handelswaren. Dies eruht darauf, daß die Türkei von altersher eine durch die erschiedenen Mächte anerkannte Sonderstellung gegenüber lersien einnimmt. Trotz der Meistbegünstigungsklausel kann igentlich von eineroffenen Tür", soweit die russisch- ersische Grenze in Frage kommt, nicht die Rede fein. Der efanite Handel, der über das Kaspische Meer seinen Weg ach Persien findet, muß vielmehr schlankweg als russisches Monopol bezeichnet werden, mag er nun auf der südkaukasi- chen Bahri von 'Saturn über Tiflis nach Baku, öder aus er nordkaukasischen Bahn von Noworossisk über Wladi- awslas nach Petrowsk, oder auf der Wolga über Astrachan der endlich auf der transkaspischen Bahn über Krasnawodsk ach den persischen Häfen Astera, Rescht, Meschhed-i-Ser

und Bender-Gez gehen. Ein europäischer Durchfuhrhandel über diese russischen Linien ist fast so gut wie ausgeschlossen

Teheran, 25. Okt. Tie Zollstatisttk der letzten fünf Monate seit März dieses Jahres weist in Import und Export eine Z u- nahme von 25 Prozent im Verhältnis mit dem gleichen Zeitraum des Vorjahres auf. Tie Nettozunahme im Handel der südlichen Provinzen beziffert sich aus 86 Prozent._______________

Das Kaiferpaar in örüftel.

Brüssel, 26. Okt. Heute nacl)mittag 1/24 Uhr er­schien der Kaiser, die Kaiserin, die Prinzessin Viktoria Luise, der König und die Königin im R a t h a u s e, wo sie von den Vertretern der Stadt empfangen wurden. Im Hofe des Rathauses war die Bürgergarde aufgestellt; die Musik spielte die deutsche Hymne. Im großen Saale hatten sich versammelt: alle Minister, das diplomatische Korps, die Kammer und Senatsvräsidenten, die deutsche Gesandtschaft und das Konsulat, alle mit Damen. Bürgermeister Max führte die Majestäten unter Vorantritt der Stadtoffizianten über die mit Blumen geschmückte Treppe in den Festsaal.

Der Bürgermeister begrüßte hierauf das Kaiser­paar namens der Bürgerschaft, das diesem allen Bürgern gemeinsamen Hotel de Ville die Ehre seines Besuches er­wiesen habe. Der Hang an der Vergangenheit sei eine deutsche Tugend, die Belgien schätze, doch dieser Kultus der Tradition habe in Deutschland die Fortschritte nicht aufgehalten. Mit aufrichtiger Bewunderung sehen wir Deutschland, trotzdem es nichts von seinem Idealismus aufgibt, Beweise seiner Schaffenskraft geben und fortwäh­rend seine wissenschaftlichen und erzieherischen Werke aus- dehnen, dabei vergißt es nie, seine sozialen Institutionen auszubauen. Der Bürgermeister begrüßte sodann die Kaiserin und die Prinzessin Viktoria.

Hieraus antwortete Kaiser-Wilhelm mit einer französischen Ansprache. Die deutsche Uebersetzung lautet folgendermaßen:

Herr Bürgermeister! Wir, die Kaiserin und ich, danken Ihnen für die liebenswürdigen Worte, mit denen Sie uns willkommen geheißen haben. Wir danken ebenso dieser prächtigen Hauptstadt für den gastlichen Empfang, den sie uns in diesem berühmten Gebäude, diesem Kleinod der Architektur und Schatzkammer historischer Erinne­rungen, so freundlich geboten hat. Ich freue mich, die Stadt Brüssel, den Mittelpunkt eines durch den ernsten und arbeitsamen Sinn seiner Bevölkerung ausgezeichneten Landes begrüßen zu können, und als Bewunderer der glänzenden Erfolge, welche die belgische Nation zu jeder Zeit auf dem Gebiete des Handels und der Industrie er­zielt hat, beglückwünsche ich sie von ganzem Herzen zu dem Triumph, den sie soeben in dem Erfolg der Weltaus­stellung davongetragen hat. Haben Sie die Güte, Herr Bürgermeister, Ihren Mitbürgern mit den Gefühlen un­serer tiefen Dankbarkeit unsere wärmsten Wünsche für die Wohlfahrt und eine glückliche Zukunft Ihrer schönen Stadt zu übermitteln.

Hieran schloß sich ein Konzert in einem Nebensaal, aus­geführt von Brüsseler Künstlern. Auf dem Programm waren Stücke von Gluck und Händel unb Lieder von Schu­mann und Richard Strauß.

Nach Besichtigung der Prunkräume des Stadthauses be­traten die Majestäten den Balkon nach der Grand Place hinaus. Hier hatten etwa 300 Brüsseler Vereine mit ihren Bannern Aufstellung genommen. Die alten, wundervollen Gildhäuser ringsum waren bis zum Dachfirst dicht mit

Metz.

strr Erinnerung an die Kapitulation am 27 Oktober 1870.

Seit dem 27. Oktober 1870 ist Metz wieder deutsch. Gerade 000 Jahre früher, im Jahre 870, war es deutsch gewor- ' en , als sich nämlich die beiden Enkel Karls des Großen: Ludwig er Deutsche (seit 843 Beherrscher von Ostfranken) und Karl -er Kahle (Beherrscher von Westfranken) nach dem Tode Lothars II., >es Herrschers von Miltelfranken und Italien, durch den Vertrag u Viersen (oder Meerssen) in das Erbe des Verstorbenen teilten mb der germanische Teil Mittelfrankens: Elsaß und Lotharingien «der Lothringen, an Ostfranken fiel. Ungefähr 700 Jahre blieb s dann deutsch, bis es dasselbe Schicksal erlitt, wie etwa 130 Zahre später Straßburg: am 10. April 1552 wurde es durch den ranzösifchen Connetable von Montmorency besetzt, im Auftrage des königs Heinrich II. von Frankreich, der die Religionskämpse seines Katers, Königs Franz I., mit dem deutschen Kaiser Karl V. ortsetzen wollte. Ta aber der Krieg noch nicht erklärt war, so vor die Besitznahme von Metz (ebenso wie von Toul und Verdun ur selben Zeil) widerrechtlich Karl V. protestierte daher auch; ebod) war der Protest ebenso erfolglos wie der Versuch, die Festung nit Gewalt zurückzugewinnen: Tie Belagerung vom 19. Oktober 1552 bis 1. Januar 1553 unter dem Herzog Alba fdjeiterte an dem Widerstande der von dem Herzog Franz von Guise geleiteten. Verteidigung. Im westfälischen Frieden, 1648, wurden die Bis- llwer Metz, Toul und Verdun endgültig Frankreich zugesprochen.

Laufe der nächsten Jalnhunderte ist die Festtmg nod> öfters nlagert, aber niemals erobert worden, da sie allmählich zu einer )er stärksten Plätze Europas hergerichtet war. Ter Schwerpunkt >er Befestigung lag 1870 und liegt heute noch mehr in dem Ringe wn Außenforts, die sich stellenweise bis zu 5 Kilometern vor die ngentliche Festung vorschieben und daher eine Einschließung des Llatzes, wenn nicht unmöglich machen, so doch jedenfalls nur unter Aufwendung bedeutender Truppenmassen durchfuhren lassen; ander- eits gewährt der Raum zwischen dem Ring der Forts und dev Stabt selbst den eigenen Truppen Unterkunft und Sck>utz unb ge­stattet ihnen ein wirksames, gemeinsck-aftliches Operieren gegen den nnen oder anher en Punkt der etwaigen Einschließungslmie.

Eine förmliche Belagerung der Festung war daher in dem F'ldzugsplan des deutschen Generalstabs nicht vorgesehen, eine fache hat auch in WirNichkeit iticht stattgefundeu. Nicht einmal Q-i eine Einschließung hatte man gedacht, da eine solche immerhin en ganzes Heer für andere Zwecke uuavkömmlich gemacht hätte; tiehnebi wollte man nur ein Beobachtungskorps vor dem Platze ;<urücllaffen. Als sich jedoch nach den für die Teutfchen siegreick)cn xänuüen vom 14., 16. und 18. August die noch immer sehr staar- lchen Neste der französischen Rheinarmee unter Bazaine in ben

Schutz der Festung zurückzogen, sah sich bie deutsche Oberleitung veranlaßt, den ursprünglichen Plan zu änbem unb doch wenigstens zu einer Einschließung zu schreiten, um die Rheinarmee an einem weiteren Eingreifen auf dem Kriegsschauplätze zu hindern und womöglich zugleich mit der Festung zur Ucbergabe zu zwingen Am 19. August, vormittags 11 Uhr, erließ daher das deutsckie Hauptquartier in 'Rezonville einen dementsprechenden Befehl an die Oberkommandos der 1. und 2. Armee, in welck>em es u. a. heißt.

In Anbetracht, daß die auf Metz zurückgeworfene französische Armee den Versuch wagen könnte, sich in westlicher Richtung durchzu schlag en, wird es angemessen sein, seck)s Armeekorps cm linken Moselufer stehen zu lassen, rodelte sich diesem Vorgehen auf dem gestern eroberten Höhenrücken widersetzen können. Am rechten Ufer verbleiben ein Armeekorps und die Reservedivision, welch« einem überlegenen feindlichen Angriffe, wenn nötig, auszuweichen haben. Se. Majestät der König bestimmen für diese Einschließung außer der 1. Armee und der 3. Reserlpodikoision das 2., 3., 9. und 10. Korps. Se Majestät der König wollen Se. Königlick-et Hoheit den Prinzen Friedrich Karl mit dem Kommando übet sämt­liche zur Einschließung der ftanzösischen Hauptarmee bestimmte Truppen betrauern."

Im Anschlüsse daran entwarf der neue Oberkommandierende schon am Abend desselben Tages in seinem Hauptquartier zu Toncourt die nälieren Distrositimten für die Zernierung und mackLe sie am 20. August, morgens 8 Uhr, bei Vemeville den versam­melten höheren Kommandeuren der Truppenteile bekannt, die nun ihrerseits alsbald für die Ausführung durch die einzelnen Korps Sorge trugen. Nach diesem Plane wurde für das rechte Mosclufer also nur eine scharfe Absperrung her Verbindungen der Festung mit auswärts und die Verteidigung einzelner besonders wichtiger Punkte ins Auge gefaßt, während auf dem linken Ufer ein Vor­brechen des Feindes unter allen Umständen verhirrdert unb zu bem Zwecke von voml-erein eine sortlaufenbe befestigte Linie hergestellt werden sollte. An der Einschließung beteiligten sich allmählich: 1., 7. und 8. Armeekorps (die 1. Armee, bisher unter General von Steinmetz), 2., 3., 9. und 10. Armeekorps lvon der 2. Armee, bisher unter Prinz Friedrich Karl), sowie! das 13. Armeekorps (17. Jnf.-Div. und 2. Landwehr-Div.) und die Division Kummet (3. Nesetve^Division); ferner die 1. und 3. Kavallerie-Tivision, 5 Kompagnien Hess. Festungs-Artillerie- Abteilung Nr. 11, 2 Feldpionierkompagnien des Gardekorps, 3 Kompagnien Kgl. Sächs. Pionierbataillons Nt. 12 unb big 3. Festungspionierkompagnie des 2. Armeekorps, zusammen etwa 230 000 Ma im.

70 Tage lang (vom 19. August bis 27. Oktober) lagen diese Truppen vor Metz, im Kampfe gegen die Geschütze der Festung, und gegen die Angriffe her Eingeschlossenen, daneben aber in gleich gefahrvollem Kampie mit Entbehrungen aller Art und mit

Menschen besetzt. Die Majestäten wurden bei ihrem Er­scheinen stürmisch begrüßt. Eine Kapelle spielte denGe­sang an Aegip'. Erneute Hoch- und Hurrarufe, Hände­klatschen und Tücherfchwenken, das sich bei der Abfahrt der Majestäten wiederholte. Abends ist ein Diner bei der Gräfin von Flandern. Bürgermeister Max erhielt den Kronenorden zweiter Klasse mit dem Stern.

Die Schöffen der Stadt Brüssel erhielten den Kronen­orden zweiter Klasse.

Der Kaiser, die Kaiserin, die Prinzessin Viktoria Luise, der König und die Königin von Belgien besuchten heute vormittag die Ausstellung für alte belgische Kunst im Einquantenaire. Um 12y2 Uhr fand im Schlosse intimes Früystück mit Marschalltafel statt.

Vie Krifl$ im französischen Ministerium.

Paris, 26. Okt. B r i a n b empfing heute naäymittag bat Arbeitsminister Viviani und ben Staatssekretär im Finanz­ministerium Renault, bie beide erklären, nicht zurücktreten zu wollen. Biviani erklärte außerdem, daß er bis zum gegenwärtigen. Augenblicke keine Einwendung gegen die Politik^ der Regierung zu machen habe. MöglicheNveise werden die Sozialisten Ver­tagung der Erörterungen verlangen, bis die Regierung sich über die der Kammer zu unterbreitenden Vorlagen schlüssig geworden ist. Einen solchen Antrag würde Briand wie verlautet kate­gorisch zurückweisen. Bisher hat also nur der Ackerbauminister fein Amt niedergelegt.

rin- Hessen.

4- Bingen, 26. Okt. Am 29. d. M. wird hier eine große Zentrumsversammlung abgehalten, in der Reichs-ünd Landtagsabgeordneter U ehe l und der Gmeral- sekretär der Hess. Zentrumspartei reden wird. Insbesondere soll über die wirtschaftlichen Fragen, per Fleischteuerung und der Winzernot gesprochen werden.

Dcuticbcs Ueicb.

Das Kronprinzenpaar sagte sich am Mittwoch abend beim Reichskanzler und Frau v. Bethmann-Hollweg zum Tiner an. Hierzu waren Einladungen ergangen u. a. an den großbritannischen Botschafter Sir William Goschen, Staatsminister v. Dallwitz und Staatsfekretär v. Kider- len-Wächter.

Die Blätter melden aus'Berlin: Der Gesetzentwurf über die S ch i f f a h r t s a b g a b e n ist dem Reichstage zuge- gangen.

Aus Anlaß der 25jährigen Zugehörigkeit des präsidie­renden Bürgermeisters Dr. Eschenburg AU dem l übe li­sch e n Senat übersandte der Kaiser aus Brüssel ein Tele­gramm, in welchem er der Verdienste des Jubilars ge­denkt und ihm und der Freien und Hansestadt Lübeck kaiser­lichen Gruß und Glückwunsch entbietet. Der Senat von Lübeck zeichnete den Präsidenten durch Verleihung der goldenen Verdienstmedaille aus, die Handelskammer durch eine goldene Ehrendenkmünze, die Gemeinnützige ßjiesell- schaft durch eine goldene Medaille.

Die Blätter melden aus Köln: Da die Berhandümgen einer Firma in Cleve mit den ausständigen Taba5- arbeitern zu einer Einigung nicht geführt haben, be­schloß der Arbeitgeberverband, in 14 Tagen sämtliche Tabak- arbeiter am Niederrdein auszusperren, wenn in dieser Zeit die Arbeit nicht wieder aufgenommen worden ist.

Die Weinerte im linksrheinischen Bayern ist so schlecht ausgefallen, daß eine in der Pfalz abgehal-

Krankl-eiten, bie namentlich in Gestalt von Typhus unb Ruhr 00m ersten bis zum letzten Tage m ben Reihen der deutschen Krieger wüteten. Sck>uld an dem mißlichen Gesundheitszustandi waren die Nähe der Schlackst selber mit ihrer verpesteten Atmo­sphäre, das sckstechte Trinkwasser, die mangelhaften Unterkunfts- cäume und nicht zum mindesten die beständig äußerst ungünstigen Witterungsverhältnisfe. Tie Feinde hatten aber auch unter den­selben Uiürilden zu leiden, zu denen bald noch der Mangel an Lebensmitteln trat, der denn auch die U eher gäbe der Festung schließlich herbeiführte. Mit Angriffen belästigten die Franzosen oie Deutschen anfangs fast gar nicht, so daß diesen Zett gegeben war, ihre immerhin sehr sckstvach besetzte Einschließungslmie Mnstlich zu verstärken. Man hatte in der Festung nämlich zunächst fein Augenmerk auf aobere Tinge zu richten: erst mußte die voll- ftänbige Befestigung des Platzes durck-geftihrt werden, der, wie so manches anbere im ftanzösischen Militärwesen, beim Ausbruch des Krieges durckiaus nicht in kriegsfertigem Zustande war: so­dann aber mußten die durch die vorh-ergeaangenen Kämpfe seelisch unb körperlich arg heruntergekommenen Truppen wieder in Ord­nung und zu Zuckst gebracht werden. Erst am 31. August kamt es zwecks Vereinigung mit Mac Mahon zu einem ersten (und einzigen tatkräftigen!) Durchbruchsversuch der Franzosen, der zit der Schlackst von Noisseville führte, zwei Tage dauerte und mit bem Siege der Belagerer endete. Zwar wurden auch später 5um! Entsatz von Diedenlwfen oder zum Uebertritt auf neutrales (Gebier iroch einige Turchbruchsverfuche unternommen, aber sie blieben eben nur Versuche unb stellten gegen Ende der Belagerung fast nur noch Truppenbewegungen dar, die der Oberbefehlshaber für nötig erachtete, um Ordimng unb Disziplin bei ben Mannfckwften aufrecht zu erhalten.

Dem deutschen Hauptquartier blieben die Verhältnisse bet den Belagerten nicht verborgen. Es lehnte daher alle Beinühuirgeu Bazaines, einen el)renvollen Abzug für die Armee, ober, roemi dies nicht erreichbar, eine Ucbergabe der Armee ohne gleichzeitige Auslieferung der Festung zu erlangen, sowie ferner seinen anderen Vorschlag: zur Erhaltung des letzten kaiferlick-eii Heeres unh zum Zwecke polttisck>er Unternehmungen einen Waffenstillstand avzuschließen und eine Verproviantierung der Festung znzulafsen energisch ab und verwies den Marschall lebiglidj aus militärische Unterhandlungen mit dem Prinzen Friedrich .Marl. So sah sich daher der ftanzösische Oberbefehlshaber schließlich gezwungen die Republik anzuerkenncu und bald barauf, als leine Rettung mehr von außen zar erwarten war, während in der Feswng Hunger und Insubordination zur Entscheidung drängten, bie ganze Rheinarm ec gleichzeitig mit der Festung den Deutschen bedingungsl^ auszu liefern. Der Kaprtnlationsvertrag, der auf denselben Grundlagen fußte wie der von Sedan, wurde am Abend des 27. Oktober v nsck< vt ben beiden Chefs der Generalstäbe (deutscherseits Csencral v tztichle.

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