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17.12.1910 Erstes Blatt
 
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160. ZahrMS

General-Anzeiger für Oberheffen

polittschen Teil: August Goetz; für .Feuille­ton^, ^Vermischtes^ und ^Gerichtsfaal": K. Neu- .Stadt uni)

91 breffe für Depeschen: Anzeiger Gießen. v , ...

?"" Rotdioasörutf enö Verlag der vrühl'schen Univ.-Such- und Steindruckerei R. taug«. Nedattion, Expedition und Druckerei: Schulstratze 7. W. :'uet^-e6; iür ben bis vormittags 9 Uhr. Expedition ffir va-ingeu: vahnhosftrahe 16a. - Telephon Nr. 50. Anzeigenteil: H. Beck.

Nr. 296

Der Sießener Anzeiger erfchernt täglich, außer SouniaqS. - Beilagen: rlCvmal wöchentlich GiehenerFamilienblötter juoeimolroöcbentLKieiS: hlatt fiirden NreirSießen lDiknstag und Freitag); irveininl monatl. land­wirtschaftliche Seitfraaen sternsprech-Anichlüffe: lür die Redaktion 112, Perlag 11. Expedition bl

Samstag, \t. Dezember 1910 ?Vez««4vretsr monatlich 75 Pi^ viertel» A jährlich Ntk. 2.20; durch ' v:*Ny Ab ho le- u. Zweigstellen M monatlich 65 Pf.; durch

die Post ivlk. 2.viertel» Bf P fährt. ausschl. Beslellg. Wk Zeilenpreis: lokal IdPfr

auswärts 20 Pfennig. Chefredakteur: A Goetz. Verantwortlich für den

Die heutige Nummer umfaßt 22 Selten.

politifd?e wochenscha«.

Gießen, 17. Dezember.

Es ist in diesen Wocken viel Unmut und Spott über dasGottesbnadentum" der Krone uusgeschüttet morden; man sagte, ihm sehle der feste Boden unter den Fußen, es have eine sickere Führung durch nicht aus der Welt zu ^afsende Realitäten neben sich, müsse dem logischen Gang der Ereignisse gehorchen. Wer dieselben Kritiker, die ja sachlich mchtz unrecht haben, betrachten die Person des Kanzlers nicht unter denselben Voraussetzungen. Ueber- menschliches oder einfach nur seinen Rückzug scheinen sie von ihm zu fordern, und da sie keinen Heiligenschein bei ihm finden, drücken sie ihm eine Dornenkrone aufs Huupt. Herr v. Bethmaim-Hollweg ist heute für viele nic^t nur ein blauschw-arzer Dlockkanzler, sondern ein grasser Ignorant, eine politische Vogelscheuche. Zeder Fortbildungsschüler weiß politisch mehr als er, und längst hat maus ja auch in vielen Zeitungen gelesen, was der Kanzler hätte tun müssen, um als eine staatsmännische Kapazität zu gelten: die Finanzreform kassieren, die Reichs- tagsmehrheit zum Teufel jagen. Er hats nicht getan und hat darum hundertmal dasselbe hören müssen. Als er heute vor 8 Tagen zum Reichshausl)alt seine große Rede hielt, was hat man von ihm erwartet? Er hat von neuem enttäuscht, hat die Hausknechtsarbeit wieder nicht besorgt. Dafür hat et mit seinem Schatzsekretär einen neuen Haus­halt vertreten, der die Steuerzettel nicht mehr höher be­lasten wird die Wertzuwachssteuer war ja vorgesehen, er will ferner für des Reiches Wehr uitb Macht sorgen und sich dagegen wehren, daß dem Reick)e durch grundsätz­liche Aenderung der Wirtschaftspolitik der Boden unter den Füßen entzogen werde. Er hat auch dem Reichstag noch zwei neue Staatssekretäre vorgestellt, Herrn v. Kider- len-Wächter, den man für sein erstmaliges kurzes Auf­treten allgemein gelobt hat, und Herrn v Lindequist, der trotz der großen Beliebtheit, die sein Vorgänger be- slTndets bei der Linken genoß, infolge einer in jeder Be­ziehung vorzüglichen Darstellung archh des Vertrauens der fortschrittlichen Redner sich erfreuen durfte. Freilich, die preußische Wahlreform, in der Herr v. Bethmann-Hollweg sich tatsächlich eine Schlappe zu gezogen hat, wurde auf der Reichstagstafel nicht aufäetragen. Welche Wunder sollten aber denn sonst noch geschehen?

Trodtzem macht Der Abgeordnete Naumann an der Person des Kanzlers tiefsinnige Betrachtungen und wundert sich, was der an, diesem Platze soll: Genialität oder leichtes, prakttsches Talent, beides habe er doch nicht. Von ihm erwarten, so schreibt er in einem Hamburger Blatte wei­ter, die MenschenAnweisungen in schweren Dingen",wäh­rend er noch das Grauen und Staunen über die Dinge selbst nicht überwunden hat". Arm sei er an Entwürfen und schöpferischen Gedanken usw.

Zweifellos eine gut stilisierte, nicht geistlose Charak- teriftit Aber sie ist doch willkürlich gemacht und jetzt nicht mehr zeitgemäß. Der Kanzler wußte, was Herr Naumann von ihm etwa wünschen könnte, und er hat es abgelebt, durch Anlehnung an eine beftimmte Parteikombinatron einem Wahlagitationsschiff die

Segeln zu schwellen. Nach unserer? Erachten mit Recht. Mag man bei den Neuwahlen gegen die Konservativen zu Felde ziehen, sie die Ablehnung der Erbschaftssteuer büßen lassen, die im Reichsinter esse besser zustande gekommen wäre. Dabei braucht man aber dem leitenden Manne an der Spitze des Reiches nicht schweres Unrecht zu tun. Ist es etwa ein Kinderspiel, die dem Reiche notwendigen 500 Millionen Steuern anderweitig zu beschaffen, ist es eine l eichte Bürde der Verantwortung, statt treulich auf gesetzlicher Grundlage neue finanzielle Klippen zu umschiffen, das Reichsschiff als Wrack liegen zu lassen, umtobt vorn Hader der Parteien? An Ehr­lichkeit, Aufrichttgkeit und Mut gebricht es dem obersten Reichsbeamten, den man die schwerste aller Erbschafts­steuern bezahlen läßt, wahrlich nicht. Er hat dem bemcv- gogischen Geist unserer Tage trotzig die Stirn geboten, hat furchtlos auf die traurigen Folgerungen hingewiesen, die aus den unseeligen Moabiter Vorl'ommni.sen und ihren Folgeerscheinungen zil ziehen sind, und er hat mit ebenso ehrlich überzeugtem Sinne entschlossen auch die Mittel an­gedeutet, mit denen der zunehmenden skrupellosen Wühlerei unter ben Massen entgegenzutreten sei. Könnte angesichts der Neuwahlen dem Umsturz nicht auch das Streikg?speust im rheinisch-westfälischen Arbeitsgebiete wieder ein will­kommenes neues Mttel zum Zwecke werden? Es ist ein bitterer und schwerer Gedanke, die bestehenden Strafmog- lichleiten zu bereichern,'um damit gleichzeitig einer trüben Zeit der Klassenverhetzimgen den Stempel aufzudrücken. Doppelt schwer ist solch ein Entschluß, wenn bürgerliche Schichten unter dem Zwang der Zeit stehende Regierungs­schritte zu ihren Parteiinteresfen ummünzen. . Mag man in manche staatsmännische Fähigkeiten des jetzigen Reichs­kanzlers vorläufig noch Zweifel setzen der freikonser- vattve Führer Frhr. v. Zedlitz wünschte imTag" Herrn v. Bethmann-Hollwegetwas von der praktischen Psycho­logie der Presse", die den Fürsten Bülow ausgezeichnet habe die Rechtlichkeit, der hohe Mut und die Beharr­lichkeit, mit denen der Kanzler allen Widerwärtigkeiten trotzt, sollten «genügen, ihn vor Verspottung und Verun­glimpfung zu schützen.

Wie durch kleine Erbärmlichkeiten ein Ministersttirz herbeigeführt.werden kann) ist in Oesterreich bewiesen wor­den. Das' Ministerium des Frhrn. ü. Bienerth ist zurück­getreten, weil der Polenklub den Ausbau der galizischen Wasserstraßen von ihm vergeblich wünschte. Die Polen, die das Kabinett zu seiner parlamentarischen Mehrheit zählte, sind bisher über ein erträgliches Maß hinaus ver­hätschelt worden. Der Wellenschlag wurde ja bekanntlich sogar in Preußen fühlbar, wo infolge des österreichischen Wunsches die Anwendung des Enteignungsgesetzes unter­blieb. Nach wiederholtem Ansturm, wie er ö ter in offenen parlamentarischen Anfragen und Forderungen sich geltend machte, war da§ Kabinett Bienerth, das seit den zwei Jahren seines Bestehens immer in Schwierigkeiten schwamm, mürbe geworden. Aber die galizische Wasserstraßen frage stellte an die österreichischen Finanzen allzu hohe Anforde­rungen, und Herr v. Bienerth hielt dieser Erpressung gegen­über nicht mehr Stand, d. h. er reichte feine Entlassung ein. Seine Lage war zuletzt traurig genug. In den Beginn seiner Laufbahn als leitender Minister sielen die tschechi­schen Skandale in Prag, wo das Standrecht verkündet wer­

den mußte. Dann wand sich das Kabinett durch unerhörte Obstrukttonsszenen im Reichsrat, und der tschechische lieber* mut hatte dreimal die Auslösung des Abgeordnetenhauses im Gefolge. Die Reform der Geschäftsordnung des Paria-* mentes, die schließlich versucht wurde, versagte. Im böhmi- scheu Landtag dauerte der Bölkerzwiespalt bte auf diesen Tag. Immerhin, dort hatte man sich vor einigen Monaten auf einen iVerständigungsausschuß geeinigt, und es schien eine Zeitlang, als werde unter dem Kabinett sRenerty die innere österreichische Politik um einen Hochbedeutfamen Schritt gefördert werden. Es schien aber nur so, denn die Tschechen hatten es anders beschlossen. An den Deut­schen hatte das Kabinett Bienerth noch einen Rückhalt; da »gaben die Polen ihm den letzten Stoß. Der öster­reichische Parlamentarismus ist eine trostlose Sache. Die Bewilligung selbstverständlicher Staatsnotwendigketten hängt von der Zustimmung zu allerhand nationalen Forde­rungen ab. Vielleicht wird Herr v. Bienerth am Ruder bleiben, wenn neue polnische und tschechische Parteigrößen sein Kabinett zieren. Ob früher oder später die deutsche Frage nicht zu einer endgültigen Lösung drän gen wird, die unter ben Nationalitätenhader einen festen Strick) macht?

Das verWungsgesetz für Llsah-rothringen.

Berlin, 16. Dez. Der Bundesrat hat in seiner heu­tigen Sitzung den Entwürfen des Gesetzes über die Verfassung El saß-Lot bringens und des Gesetzes über die Wahlen zur Zloeiten Kammer für Elsaß-Lothringen seine Zustimmung: erteilt. , ,

lieber den Inhalt beider Gesetzentwürfe, die dem Reichstage alsbald zugehen werden, kann folgendes mitgeteilt werden:

Der Grundgedanke des Entwurfes ist, dem Reichslande einc< größere Selbständigkeit zu verleihen, ohne indessen seine historische Stellung im Reiche selbst zu ändern. Der Entwurf will daher an den staatsreä)tlichen Beziehungen des Kaisers zum Reichs­lande nichts ändern. Die Statthalterschaft, mit teils landes­herrlichen, teils ministeriellen Befugnissen bleibt unverändert.

Die weitgehende Selbstbestimmung, welche die Vorlage dem. Reichslande verleiht, äußert sich in der Bestimmung, daß Landes-'' gesetze für Elsaß-Lothringen künftig nur vom Kaiser mit Zustim­mung des aus zwei Kammern bestehenden Landtages erlassen werden und in der Vorschrift, daß für zu erlassende Gesetze bie Uebereinstimmung des Kaisers und beider Kammern erforder­lich ist; sowohl Reichstag wie Bundesrat scheiden als Faktoren der Landesgesetzgebung aus. Das Reichsland erhält eine Ver­fassung, wie sie die größeren Bundesstaaten ausnahmslos besitzen.

Bei der Bildung der

Ersten Kammer

wird au ben zur Zeit bestehenden Staatsrat angeknüpft, cwßerdeor- berechtigten Gedanken einer berufsständischen Vertretung in ge­wissem Umfange Rechnung getragen. Der Ersten Kammer soll eine Anzahl höherer staatlicher und kirchlicher Beamter Kraft ihres Amtes und eine Anzahl beruss ständiger Vertreter ange­boren, die aus indirekten Wahlen hervorgehen. Außere dem soll der Kaiser befugt sein, auf Vorschlag des Bundesrat, die gleiche Zahl von Migtliedern zu berufen, welche die beiden ersten Gruppen umfassen. Der Ersten Kammer werden als Mitglieder angehören: Die Bischöfe von Straßburg und Metz, die Prä­sidien des Oberkonsistoriums der Kirche augsburgischer Konfes­sion und des Syiwdalvorstandes der reformierten Kirche, ein. Vertreter der israelitischen Konsistorien, sowie ferner ein Vertreten hier vier großen Städte, Straßburg, Metz, Kolrnar und Mülhausen, den die Gemeinderäte dieser Städte aus ihrer Vtttte wählen, der Präsident des Oberlandesgerichts in Straßburg und ein ordent- Iid)er Professor der Universität zu Straßburg, vier Vertreter

pariser Weihnachtsvorbereitungen.

W. Paris, im Dezember.,

In den von Deutschen besuchten Brasserien erscheinen Wand- plakate:Hier wird Weihnachten und Silvester gefeiert". An ben Kais und auf vielen Plätzen sehen wir die Tannetibäumc auf­tauchen, bie entweder von deutschen Familienvätern gefairft wer­den oder von sranzösischen Revancheaposteln. Die einen sind dabei bet treuherzigen Ansicht, der lieben Sitte der Heimat gemäß zu handeln, die anderen der heroischen Ueberzeugrmg, den Kult der Rache zu üben, denn der Weihnachtsbaum ist eine elfäß-lothringische Eigentümlichkeit, und wenn die Franzosen diese Eigentüm­lichkeit annehmen, glauben sie, die deutschetr Provinzendiebte jenseits des Rl>eins schlabrührend zu ärgern. In den Stadt- tiierteln, die von angelsächsischen Pensionen unsicher gemacht wer­den, empfehlen sich die Verkäufer von Misteln, Stechpalmen unb Plumpudding. Der Entente cordiale zuliebe feiern auch manche französische Familien Christmas auf altenglische Art. Das Schlimme beim französisckZen Weihnachten ist eben, daß es nichts Lerrbewegendes, sondern nur Magenvcrderbendes hat. Auch hier beschenkt man die Kleinen, aber das geschieht durchaus nicht aus­schließlich gerade am Weihnachtstage selbst, sondern verteilt sich aus die ganze Zeit des Zuckerbäckerfriedens, der von Noel (Weih­nachten) bis zum Drei-Königstag dauert. Die Familien gingen früher m bie Mitternachüsmesse, als es noch für fein galt, kirchlich 5u sein. Heute, wo man als guter Republikaner Noel am liebsten in ein farblosesFest der Familie" um taufen möchte, gebt man sofort lum Reveillonschmaus, bei dem sich nach Mitternacht Fromme imb Gottlose vereinigen. Da ißt man Truthahn (unb Schwarzwurst und trinkt Punsch und ElMnrpagner bis zum Morgen, Es ist unter diesen Umständen begreiflich, daß Franzosen mit über das Materielle hinausgehenden Neigungen bie gemütvolleren Sitten der Nachbarvölker nachahmen. Indes bleibt es beim Reveillon, und die Restaurateure erfudten ihre Kunden, Plätze tz-um nächtlichen Gelage möglichst frühzeitig zu belegen, da sonst leicht fein Tisch mehr frei sein könnte. Zu den Weihnachtsvorberei^ tungen gehören auch bie Bekanntmachungen der Eisenbahnen, daß für die Noel- und Neujahrszeit bie Rückfahrtkarten eine aus­gedehntere Geltungsfrist haben. Die Haupt reisenden sind die Deutschen: auf dem Nord- und Ostbahnhof treten sie in ganzen Karawanen an. Weihnachten ohne Tannenbaum unb Lichterglanz und demStille Nacht, Heilige Nackü" lieber Kinder stimmen, ohne Glockenläuten und ohne trautes Geplauder mit ben Teuren daheim: bas ist eine Strafe für den Deutschen, und wer nur irgend iann, schnürt sein Bündel, kauft echte Pariser Geschenke und ver­traut sich kühn der gefahrvollen französischen Bahn an. Die kleinen Landsmänninnen aus den Pariser Pensionen rücken mit strahlen­den Gesichtchen an und in ben Nachtkurierzügen kommt man vor lauter Schwatzen nicht zum Schlafen. Die Zurückbleibenden suchen such, so gut es geht, hi trösten. Gie setzen sich zu Hause hin, nehmen eine unvermutete Kassenrevision vor und stellen fest, roie» ihnen nach Abrechnung aller notwendigenEtrenneS" noch

bleiben wird, um Weihnachten zu feiern. Die Etrennes sind eigentlich die Neujahrsgesch-enke, aber sie werden, schon von der ersten Dezemberwock-e an eingesordert. Die sonst so säumige Post enhüidelt einen erstaunlichen Eifer. Die Herren, die am Abend zuvor rn einer Versammlung gegen die Schmach dieses Trinkgeld­einsammelns für republikanische Beamte gedonnert haben, kommen, uns einen Wandkalender .schenken unb ein paar Silberlinge ab- nehmen. 'Die Reinen .Telegrammausträger erscheinen immer als Dios kuren. So groß ist das Mißttauen schon in bet heutigen Jugend, und die Gefahr ist ja auch groß bei der Nahe der Pafteterrbäckereien.

$f!uf den Boulevards beginnt der große Weihnachtsmarkt. Da erhebt sich von der Madeleine bis zur Bastille eine ganze Buden­stadt, und die so strengen Straßenordnungen, um die man sich sonst schon möglichst wenig Flimmert, werden für die Zeit der Weih­nachtsvorbereitungen auch mit amtlicher Feierlichkeit außer Kraft gesetzt. Es ist schwer zu sagen, was es in diesen Buden zu kaufen gibt, und noch schwerer ist es zu sagen, was da ni cht zu kaufen ist. Die Camelots Faunen ihr Anreißer-Genie zur vollen Geltung bringen, aber wir glauben, daß noch mehr Soustücke den stillen, verhärmten Frauen daneben mit ihrer armseligen Ware zufließen. Am interessantesten ist die sonst so vernachlässigte südliche Seite der Boulevards, denn sie ist ben Reinen Geschäftsleuten ein- geräumt, die selbst neue Spielwaren erfunden und sie ausschließlich mit Hilfe ihrer Familienangehörigen hergestellt haben. Alljährlich im Herbst findet im Ausstellungssalon ein Wettbewerb für dies Spielzeug statt, bei dem auf Anregung des Polizeipräfekten Lepine Preise verteilt werden. Diesmal scheinen abermals Flngmaschinen am beliebtesten zu fein, nur finden wir Militär-Fahrzeuge be­vorzugt, und auch die famose Osttundfahtt an die deutsche Grenze nnrb dargestellt. Eine Neuheit ist der Halleysche Komet in allen erdenklichen Abarten, der uns den Weltuntergang bringen sollte, und der jetzt den Bebes als Kegelspiel oder zu sonstigem Unfug dient. Sic tranfit gloria mundi. Die Reinen Damen werden sich für die Püppchen interessieren, bie in neumodischen Fesselröcken alsenttavees" ein überaus drolliges Wettrennen veranstalten. Wie immer, sind auch allerlei Karikaturen wieder sehr beliebt. Daneben feiert das alte Lebensrad neue Triumpse und das Zu- fammenlegspiel unserer Jugend wird unter der englischen Firma Puzzle wieder modern. Die großen Kaufläden überbieten /sich at immer anspruchsvoller werdenden Spielwaren-Ausstellungen. Die Leidenschaft für dasKolossale", die eine häßliche Eigentüm­lichkeit der Deutschen, nach französischer Meürung wenigstens, fein soll, feiert in Paris wahre Orgien. Man weiß gar nicht, wo die Gören mit den Niesenpuppenstuben, Eisenbahnen, F-estungen, Theatern und Flngmaschinen von ein paar Metern Spanmocite hin sollen. Und wir fragen uns, wie derBonhomme Noel", der d)ch alle diese Sachen bringen soll, sie ohne große Güterzüge fortschaffen und wie er sie nach altgeheiligter Ueberlieferung am Kamin und gar in den Schrchw der Meinen unterbrmgcu wird-

*

Friedrich der Große und Gellert. Wenn Dich« ter und Fürsten sich unterhalten, dieBeide auf der MenschhÄ Höhen stehen", so ist das stets als ein bemerkenswertes Ereignis angesehen worden. Die Unterredung zwischen Friedrich demk Großen und Gellett, die vor 150 Jahren stattfaird, am 18. Do zeuch er 1760, war nicht so bedeuttrngsvoll wie das Zusammen-- treffen Napoleons mit Goethe im Jahre 1808, aber immerhin interessant. Die Unterredung des großen Friedrich mit Gellert fand ivährend des siebenjährigen Krieges statt. Der König befand sich im ^nt er quartier in Leidig und ließ dort nacheinander Gottsched, Winller und Gellett zu sich kommen. Gellett mußte ihm einige seiner Fabeln vorlesen. Der König scmd besonders die Erzählungvon dem Maler zu Mhen" vottrefslich und gestand, daß er der deutschen Sprache nicht so viel Geschmeidigkeit zugetraut habe. Auf die Frage, warum weniger gute Bücher in deutscher als lateinischer Sprache geschrieben mürben, antwortete Gellett freimütig:Vielleicht fehlt uns ein August und Ludwig XIV." Sachsen hat ja schon zwei AuMste gehabt," erwiderte der König. ,^Ja, Sire," antwortete Gellett,unb wir haben auch schon einen guten Anfang in der schönen Literatur gemacht. AlL die Griechen aushötten, fingen die Römer an. Hätten wir nur ruhigere Zetten!"So!" sagte der König,gefallen Ihm diese Zetten nicht?"Wollte Gott, Sire, Sie gäben den Deutschen den Ftteden!"Steht denn das bei mir? Drei wider Einen!" erwidette der König, war aber doch keineswegs über den Freimut Gellerts ungehalten, denn er nannte ihn nach dieser Unterredungle plus reifonnable de tous les savantS allemanbS". *

Papier! Gerhart Hauptmann veröffentlicht im Theater­jahrbuch des Verbandes deutscher Bühnenfchriftsteller, das in ben nächsten. Tagen durch den Eoncordia-Verlag in Berlin unter bem TitelDie Rampe" zur Ausgabe gelangt, eine kleine Satire, bie hier wtebergegeben sei:

Papiernes Zeitalter.

Der Paprerne spricht:

Ich bin Papier, bu bist Papier. Papier ist zivischen dir und mir, Papier der Hnnmel über dir, Die Erde unter dir Papier. Willst du zu mir und td) zu dir: Hoch ist die Mauer von Papier! Doch endlich bift du bann bei mir, Drückst dein Papier an mein Papier: So ruhen Herz an Herzen wir! Tenn auch die Liebe ist Papier. Und unser Haß ist and) Papier, Und zweimal zwei ist nicht mehr vier: Ich schwöre bir, eS ist Papier.