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26.5.1910 Erstes Blatt
 
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Nr. 120

Ter Siejjener Lnzei-er erscheint täglich, außer Sonntags. - Beilagen: viermal wöchentlich 6iefoentr$amilienblell<?, zweimal wöchentl.AreiL- blalt für üentlreir Sietzen (Dienstag und Freitag); zweimal monatl. Land wirlfchaftliche Seit,ragen Fernsprech - Anschlüffe: für die Redaktion 112, Verlag u. Expedition »1 Adreffe sür Depeschen

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Erstes Blatt

160. Jahrgang

Donnerstag 26. Mai 1910

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger sür Oberhessen ,

Rotationsönid und Verlag der Vrühl'schen Univ.-Vuch- und Zteindruckerei 8. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Zchulftrahe 7.

Bezugspreis: monatlich75Ps., viertel­jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch diePost Mk.2. Viertel­jahr!. auLschl. Bestellst. Zeilenpreis: lokallbPs^ auswärts 20 Pfennig. Chefredakteur: A. Goetz. Verantwortlich für den politischen Teil: August Goey; für .Feuille­ton' und.Vermischtes' K. Neurath; für.Stadt u.Land* undGericksts- fnal": E. Heß; für den Anzeigenteil: H. Beck.

Die heutige Nummer umfafot 12 Seiten.

Aus dem Wahlkampf in Zriedberg-vüdingen.

In Friedberg-Büdingen stehen sich zwei bürgerliche Kandidaten gegeniiber, die anscheinend beide im allgemeinen sympathische Männer sind: Herr v. Helmolt, der Bündler, und Herr Prof. v. Calker, der liberale Kandidat. Ter Kamps scheint erfreulicherweise sachlich geführt zu werden, auf jeder Seile erkennt man die Vorzüge des gegnerischen Kan­didaten an. .Heute erhalten wir aus Büdingen einen längeren Bericht, der die Lage wiederum in interessanter Weise beleuchtet, mit dessen Urteilen wir uns aber nicht in allen Punkten identifizieren wollen.

Du dingen, 25. Mai. So eine Reichstagswahl haben wir denn bod) noch nicht erlebt. Kaum drei Wochen trennen uns noch vom kritischen Tag, unb doch d ic denkbar größte Lauheit und .Gleichgültigkeit in allen Schichten bei Bevölkerung. Und habet kann man in auswärtigen Blättern lesen, in ganz Deutschland seien die Blicke auf unfern Wahlkreis gerichtet, in dem zum ersten Male seit Zertrümmerung des Blocks der Kampf zwischen Nationalliberalen und Bund der Landwirte aitsgefochten wird. Man sage nicht, die Wahl gelte ia bu^mal nur Ar 1 Jahr; das ist nur scheinbar richtig, denn eine gewisse Vorentscheidung für die nächsten allgemeinen, Wahlen wird sie auf alte Fälle bedeuten; ja, man kann die Ansicht vertreten, das Mandat werde diesmal nicht für 1 Jahr, sondern für 6 Jahre vergeben Für Büdingen selbst mag die Lauheit hauptsächuch darin ihren Grund haben, hast die Bürgerschaft zum allergrößten Teil freisinnig ist -- es gibt in dem Städtchen kaum 20 Nationalliberale , und wenn die Freisinnigen auch offen für van Galier ein treten, so kann man doch nicht von ihnen erwarten, haft sie (urr Unterstützung der Partei, die sie seither bis aufs Messer beiämvst, eine große Begeisterung an den Tag legen würden.

Mit dem letzten Sonntag hat nun auch hier wenigsten» äußerlich hi; Agitation eingesetzt; von dem Abg. Fuhrmann unter­stützt, bat sich Professor oan Galier den Wählern vorgestellt. Pinc stattliche, sympathische Erscheinung, wie das auch Graf Driola gemefen: eine vornehme Art zu sprechen, sachlich und maßvoll, ohn? (Gehässigkeit und Efsekthascherei. Herr v. Hcl- molt hat längere.Zeit am hiesigen Kreisamt gearbeitet. Er ist in Stadl und Land wohldelannt und allgemein beliebt. An der Aussprache beteiligten sich hauptsächlich der bündlerische Guts- pachtrr Voll and, der seinen Standpunkt mit unleugbarem (beschick vertrat und auch auf die Gegner merklich Eindruck machte. Es bandelte sich dabei weniger um prinzipielle Fragen die stehen ia fest und sind geiaigfam bekannt als vielmehr um die Vorgänge bei Aufstellung der Kandidaten. Ter Abg. Fuhrmann bezeichnete es als eine beispiellose Anmaßung, daß der Bund die Forderung gestellt habe. Dir. Becker dürfe sich im Falle der Wahl nicht der nationalliberalen Partei anschließen. Nun, fo anmaßend können mir daS bei objektivster Betrachtung der Dinge nicht finden. Graf Oriola war zuletzt, darüber kann niemand im Zweifel fein, weit mehr als Bündler ober wenigstens als Agra­rier denn als Nattonalliberaler gewählt. Ist eS da so anmaßend, wenn der Bund seine Bedingungen stellte?

Eine Erscheinung trat in der Büdinger Versammlung sehr auffällig zu Tage: das vollkommene Fehlen des bäuerlichen (*(cmv nr?. Während sonst bei einer derartigen Gelegenheit die Bauern scharenweise aus den Ortschaften herbeiströmten und vor den Gasthäusern ganze Wagenburgen aufgefahren waren, sind diesmal feine sechs bäuerliche Wähler vorhanden gewesen. Aus diesen Kreisen unsrer Gegend hat van Ealker augenscheinlich auf wenig Stimmen'zu rechnen.

Was nun bet vermutliche Ausfall der Wahl am 14. Juni betrifft, so ist eine Vorhersage nicht leicht. Die Sozialdemo­kraten hoffen, wie das auch ihr Abg. Raab am letzten Sonntag auSipraä;, im ersten Wahlgang zu siegen. Wenn man bedenkt, daß unser Wahlkreis sich bis an die Tore 'Frankfurts erstreckt, daß eine hefe Verstimmung hier über Steuerdruck, dort über schlechte Gehalter in weiten Kreisen der Bauern und Beamten

Die Studentcnunruhen in Parts.

Aus Paris wird uns unterm 24. d. M. geschrieben: Die Unruhen bei den Prüfungen der Pariser medi­zinischen Fakultät nahmen am Dienstag einen noch viel bedroh­licheren Charakter an als tags zuvor. Der Dekan, Professov Landon;!,, hatte zur Sicherung der Ordnung um Polizeischutz gebeten, wodurch die Aufregung noch mehr gesteigert wurde. Als sie mu dem Werfen von unappetitlichen Gegenständen begannen, stürzt^ der neben dem Dekan sitzende Polizeiofsi-ier mit Beamten und Stadtgardisten auf die Ruhestörer, um sie aus dem Saale zu treiben. Wie es scheint, gingen die Beamten gleich sehr scharf vor, so daß eine wüste Balgerei entstand. Der bald daraus er- fdiicncnc Polizeipräsekt 86 p ine suchte zwar beschwichtigend ein­zugreifen, konnte aber die Erregung nicht bemeiflern. Die Sitzung mußte unterbrochen werden und zehn der Ruhestörer wurden auf die Wache geführt. Sieben wurden bald darauf wieder entlassen, um sich später vor den Gerichten zu verantworten, drei hingegen, darunter Dr. Lafontaine, einer der Führer der Bewegung, wur­den wegen Gewalttätigkeiten gegen Beamte in Hast behalten. Die Kundgebungen gegen die Polizisten dauerten im Quartier Latin bis |pät in die Nacht und lassen noch weitere heftige Auf­tritte voraussehen. In einer Versammlung wurde beschlossen, dieserPolizei-Herausforderung" eine energische Antwort zu geben und den Professor Landouzy wegen seines Wortbruches, er harte nämlich im vorigen Jahre bei ähnlichen Vorfällen er­klärt, auf keinen Fall mehr Polizei in die Fakultät zu beordern in Verxus zu erklären. Der Ministerpräsident Br fand empfing noch am Abend eine Abordnung der Studenten, die die Frei­lassung der Verhafteten forderte und Ahndung der Roheiten der Polizei verlangte. Briand erklärte, er werde das Gesuch zwar sehr wohlwollend prüfen, könne aber nicht dulden, daß den Pro­fessoren, die Staatsbeamte seien, ein Widerstand in der ange­nommenen Form entgegengesetzt würde. Er werde zu seinem Leidwesen gezwungen sein, energische Maßregeln gegen etwaige Wiederholungen zu ergreifen. Ob diese scharfe Warnung etwas fruchten werde, ist bei der großen Aufregung der Studenten bey Medizin und der jungen Aerzte vorerst noch ,'cbr fraglich. Die Zahl der Unzufriedenen hat sich bedeutend verstärkt, da viele der bisher ruhigen sich ihnen ans Entrüstung über das Vorgehen der Polizei angeschlossen hat.

_ 3um Befinden des Schauspielers Joief ^ainz. Die aus Breslau gemeldet wird, ist auf eine 9In= trage der Direktion des Breslauer Schauspielhauses bei Josef üains, ob er sein Breslauer Gastspiel im Juli erledigen

Platz gegriffen hat, so muß mit dieser Möglichkeit ernstlich ge­rechnet werden. Die Gruppierung der bürgerlichen Parteien hat sich seit der letzten Wahl seltsam verschoben. Damals standen die vereinigten Nationalliberalen und Agrarier den verbündeten Zcntrumsmännern und Teutschsozialen einerseits, dem Freisinn andrerseits gegenüber, freute kämpfen Nationalliberale und Frei­sinnige vereint gegen Agrarier, Zentrum und Teutschsoziale. Daß elftere mehr Stimmen aufbringen als letztere, ist in hohem Grade umvahrschinlich. In einer Stichwahl von frelinolt-Busold aber würden die Aussichten der Sozialdemokratte nur zu günstig sein.

*

In einem Bad-Nauheimer Blatt erörtert der Geschäfts­leiter des dortigen nationalliberalen Vereins, Rechtsanwalt Seriba, die Frage, ob Kurgäste und Saisonpersonal wahlberechtigt seien. Er schreibt:

In meiner Eigenschaft als Geschäftsleiter des nationalliberalen Vereins, zu Bad-Nauheim sind diverse Anftagen bei mir ein* gelangt, ob Kurgäste und Saisonpersonal wahlberechtigt seien.

Zwecks Vermeidung umständlichen Schreibwerks teile ich im Folgenden nach Prüfung der Rechtsfragen das Ergebnis der Prüfung mit:

Wahlgesetz für den Reichstag vom 31. Mai 1869.

§ 1.

Wähler für den Reichstag des norddeutschen Bundes ist jeder Norddeutsche, welcher das 25. Lebensjahr zurückgelegt hat, in dem Bundesstaate, wo er seinen Wohnsitz hat.

frierzu bemerkt L a b a n d, Reicksstaatsrecht B. I S. 287 Amn. 4:

Ein Wohnsitz im Sinne des Zivilrechts wird nicht er­fordert; es genügt ein Verweilen an einem Orte unter Ver­hältnissen, roeldje ihrer Dauer nach auf einen Aufenthalt von längerer Dauer Hinweisen, insbesondere als Dienstboten, frand- und Fabrikarbeiter, Gewerbegehilfen, Studierende, wie die Zivil­prozeßordnung § 20 sich ansbrückt."

Dabei verweist Laband auf Kom. Bes. des Reichstages 1879. Drucks. Nr. 166 S. 1347; Sehdel Annalen 1880 S. 362, Anm. 4.

Schdel führt zu dem fraglichen Punkte a. a. O. Folgendes aus:

Der Wohnsitz im Sinne des Wahlgesetzes ist als Gegensatz zum nur vorübergehenden Aufenthalte zu fassen. Ter dauernde Aufenthalt dagegen, d. h. der Aufenthalt unter solchen Ver­hältnissen, welche ihrer Natur nach auf ein längeres Verweilen am Orte Hinweisen, wie dies bei Dienstboten, Arbeitern, Stu­dierenden usw. der Fall ist (Zivilprozeßordnung § 20), wird als Wohnsitz in dem hier fraglichen Sinn auch bann zu er­achten fern, wenn ein Wohnsitz nach bürgerlichem Rechte nicht vorliegt."

Zur Begründung gibt Seydel a. a. O. in extenso die einschlägigen Reichstagsverhandlungen, b. h. speziell die Aus­führungen des Abg. Tr. Nie per, mit folgenden Worten wieder:

Es ist zweifellos, daß die überhaupt wahlberechtigten Deutschen zur Teilnahme an einer Reichstagswahl an dem Orte berechtigt sind, an welchem sie sich mit der Absicht nieder­gelassen haben, diesen Ort zum dauernden Mittelpunkt ihrer rechtlichen Verhältnisse unb Geschäfte zu machen. Daß der Unterstützungswohnsitz nicht dabei in Frage kommt, ist ebenso zweifellos. Es ist aber enblich ebensowenig zu bezweifeln, daß der lediglich vorübergehende Aufenthalt zur Wahl am Orte des Aufenthalts nicht berechtigen kann. Nun kommen jetzt häufig Verhältnisse vor, wv Personen an entern Orte nicht bleibenden Wohnsitz nehmen wollen, während doch die Verhält­nisse, unter denen sie sich am betreffenden Orte aufhalten, ihrer Natur nach auf einen Aufenthalt von längerer Dauer Hinweisen. Insbesondere sind Dienstboten, fraitd- unb Fabrik­arbeiter und Gewerbegehilfen zu neunen. Würden alle Per­sonen, welche unter solchen Verhältnissen zur Zeit der Wahl außerhalb ihres Wohnsitzes sich aufhalten, von der Wahl aus­geschlossen, so würbe bamit eine nicht unerhebliche Zahl an sich berechtigter Wähler in ihrem Wahlrecht beschränkt. Die Praxis scheint nun bisher bie gewesen zu sein, daß in die Wählerlisten der einzelnen Gemeinden alle wahlberechtigte Deut­schen ausgenommen sind, welche am betreffenden Orte unter Verhältnissen sich aufgehalten haben, bie auf längere Tauer Hinweisen. Darauf deutet die fast in allen Wählerlisten vor-

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könne, die Antwort cingetroffen, baß Kainz mit Bestimmt­heit darauf rechnet, sein Gastspiel pünktlich beginnen zu können. Ob er sein Versprechen wird batten können, erscheint nach dem, was demFränk. Kur." aus Wien mitgeteilt wird, doch fraglich.Es ist zweifellos," so wird dem 'genannten Blatt geschrieben,daß der freilungsprozeß nach der ungewöhnlich schweren Operation zurzeit ein normaler ist unb zu der Hoff­nung berechtigt, daß der Künstler in absehbarer Zett bas Sana­torium wirb verlassen können. Ob aber bamit das Leiden des Künst­lers, das durchaus nicht so harmlos ist, wie bisher behauptet wurde, zu dauernder Heilung gelangt sein wird, ist nicht so sicher. Tie Sorge der Aerzte ist nicht gering, baß über'kurz ober lang ein Rückfall eintreten könne, wie man sie bei berartigen schweren Tarmleiben zumeist beobachtet hat. Mit anberen Worten, es läßt sich der dringende Verdacht nicht von der Hand weisen, daß derTarmpolhp", der durch die Operation entfernt worden ist, eine krebsartige Wucherung war. Jedenfalls ist an eine Wieder­aufnahme der künstlerischen Tätigkeit Kainz' in absehbarer Zeit nicht zu denken."

Der Streit um 90t on na 9$anna. In dem Rechts­streit, den der Dichter Maurice Maeterlinck gegen den ungarischen Schriftsteller A b r a n h i angestrengt hatte, weil dieser aus dem DramaMonna Sanna" ein Opernlibretto ver­fertigt hatte, wurden A b r a n u i, sowie bie Direktoren ber Ofenpester Oper, Maber unb Meszaros, bie die Over aus­geführt hatten, wegen Verletzung des lfterarischcn Eigentums vom Obergericht in Ofenpest zu je 100 Kronen Geld­strafe verurteilt; ferner wurde bie Vernichtung des gerichtlich eingezogenen Librettos ausgesprochen.

5 o r i d) int g § r e t f e. DemGlobus' zufolge hat im April ds. Is. von Seattle aus der Norweger Johann Loren eine Fahrt zur Erforschung von Wrangellanb, der nördlich der Tschuktschen-Halbinsel liegenden großen Insel, unter­nommen. Als Entdecker von Wrangellanb gilt der Wallänger- fapilän Thomas-Long, der 1867 mit der BarkeNile" den jenes Polarland vom Festlande trennenden Sund durchfuhr. Es ist aber wohl ohne Zweiiel schon 1763 von dem Russen Andreiew gesehen worden. Wrangellanb wurde anfangs eine weite Erstreckung nach Norden zugeschrieben und Petermann verband es gar quer über den Pol mit Grönland. Daß es eine Insel fei, wnrde erst 1881 durch Kapitän Berry festgestellt, der den zur Awsuchung der Jeannette" - Expedition ausgesandten amerikanischen kampier Rodgers' kühne. Er umstihr bie Insel unb roanberte auf ihr bu­nt bie inneren Bergzüge hinein. Ader bie Natur ber Insel ist bis heute so gut wie unbekannt, unb fo bau' man sich von Störens Unternehmen interessante Ausschlüsse versprechen.

lommenbe Ausnahme von Dienstboten, Gewerbegehilfen usw. hin. Nach Ansicht der Kommission stehl diese Praxis nickt im Wider spräche mit dem Sinne des Gesetzes, roeldtcs, indem cs gar keine Dauer des Wohnsitzes fordert, die tunlidjfie Erleichterung ber Ausübung des Wahlrechts hat gewähren wollen."

Der Staatsrechtslehrer der Universität Gießen, Herr Pro, Dr. van Calker, der Bruder unseres Reick)stagskanbibaten, neigt zu ber Labondichen Ansicht

Die angeblichen Aeuherungen der Keifers erfunden!

Die vomMcrtin" in die Welt gesetzten Mitteilungen über angeblich vom deutschen Kaiser geäußerte Wünsche über das Zustandekommen eines europäischen Friedens­bundes sind glatt erfunden. DieNordd. Allg. Ztg." schreibt:

Die ausländische Presse beschäftigt sich mit einem Bericht des Matin", nach dem der Kaiser tn einer Unterredung mit dem Vertreter ber französischen Regierung Herrn Pichon in London von der Gründung einer europäischen Konföderation gesprochen haben soll. Richtig ist, das; Se. Majestät Herrn Pichon gegenüber seine Zuversicht in der Aufrechterhaltung des europäischen Friedens unb den festen Willen, alles, was an ihm liege, dazu beizutragen, ausgesprochen hat. Der Gedanke, einen europäiscken Staatenbund zu bilden, ist nicht Gegenstand des Gesprächs gewesen und liegt Seiner Majestät fern."

Diese amtliche Erklärung ist im deutschen Interesse leb­haft zu begrüßen! Es wird dadurch wieder einmal klar ge­zeigt, in welch leichtfertiger und unverantwortlicher Weise die Absichten und Pläne der deutschen führenden Männer verdreht zu werden pflegen. Die Berichtigung ist aber auch eine Ohrfeige sür Herrn P i ch o n selbst, auf den doch das dumme Geschwätz zweifellos zurückzusührcn war unb ber nichts dazu getan hat, die Verdrehungen und Hit Wahrheiten zurückzuweifen, obgleich sie seit mehreren Tagen in Paris, London und Berlin zum Gegenstand großer Be» trachtungen erhoben worden sind. Herr Pichon wird hoffent­lich nicht zum zweiten Mal eine unverdiente Bevorzugung im Verkehr unseres Kaisers erfahren! Sonderbar berührt es nur, daß das amtliche Wolfs'sche Bureau das erwähnte Gerücht so lange ernst nehmen konnte, ohne von der leiten­den Stelle an der Wiedergabe müßigen iPreßgeredes ver­hindert zu werden.

Nun sind schon lvicder andere ähnliche Gerüchte crirp getaucht, die gleichfalls großes Aussehen erregen müssen: angebliche Abmachungen zwischen Deutsch land und Frankreich über wirtschaftliche oder marokkanische Fragen. Es wäre gut, wenn auch hier red)t halb ernä amtliche Aufklärung erfolgen würde.

O Paris, 24. Mai. Die Meldung eines deutsch- französischen UebereinfotnntenS wird von den tvirklich maß­gebenden Zeitungen vorläufig noch völlig mit Schweigen übergangen. Nur durch Korrespondenzen aus dem Auslande, besonders aus England, wird in einigen Tageszeitungen und Agentur-Berichten angedeutet, daß es sich nur, wie bereits' erklärt wurde, um wirtschaftliche Fragen ohne jeden politischen Hintergrund handeln könne. Die Möglichkeit wäre wohl gc-' boten, baß zwischen dem Deutschen Kaiser und dem Minister bes Aeußeren, Herrn Pichon, eine Regelung gewisser Zoll- Ungelegenheiten auf beiden Seiten ins Auge gefaßt worben sei; in Deutschland würde man die Nörgeleien wegen Cham­pagnerweine und anderer französischer Produkte unterlassen, worauf Frankreich zu Zugeständnissen in ähnlichen Punkten bereit wäre. Wahrscheinlicher sei aber die Annahme, daß hauptsächlich wegen der Marokko-Anleihe und den ztt ihr gehörigen Regelungen der Bergwerks - Gerechtsame eine Verständigung angebahnt worden sei. Deutschland habe sich dein französischen Standpunkte im allgemeinen angeschlossen, dafür aber für die Brüder Mannesmannetwas sehr günstiges* herausgeschlagen. All daS ist aber noch sehr un­bestimmt und vor allen Dingen etwas skeptisch gehalten. Direkte Einwände und Polemiken erhebt man gegen die leitenden Gedanken nicht, aber man warnt davor, den eoent. Folgen solcher Verständigungen eine weitgehende allgemeine Bedeutung für die Beziehungen der beiden Länder zu einander beizumesien.

*

Tanger, 25. Akai. Infolge dos gemeinschaftlichen Vor­gehens der Konsuln und ber europäischen Mächte in Fez bat Mulap frafib zehn marokkanische Funktionäre be­stimmt als Tellnehmer an bem Ausschuß zur Feststellung ber Schulden bes Machseu. Den Vorsitz in ber mit ben nötigen Voll­machten versehenen Kommission wirb Mohameb Gebbas entnehmen.

Der Sultan sandte an den Doyen des diplomatischen Korps ein Schreiben aus eigenem Antriebe, in welcher er erklärte, er habe beschlossen, die Leibes strafe in seinem Reiche ab­zuschaffen. Er sei zu dem Entschlüsse gelangt infolge der Weigerung von England, Missionen unter El Mokri zu empfangen, well Muley frafib fortfahre. Gefangene zu foltern unb um entern etwaigen Protest ber Mächte wegen bet barbarischen Behanblüng zuvorzukommen, welche er ben Frauen von El Sen Aissa angö- beißen lasse.

Line drohende Kriegsgefahr im OftenT-

Zwischen Konstantinopel unb den Krctomächten sind seit der kretischen Nationalversammlung Auseinander- setzungen im Gange, bie zu nichts führten unb deren Lang­wierigkeit bie Jungtürken anscheinend jetzt aus der Fassung bringt.

Salonik, 25. Mai. Dem Komitee für Einheit und Fortschritt nahestehende Blätter erklären, angesichts der hinziehenden Politik der Schutzmächte stehe die ottomanische Station vor der Pflicht, der Welt zu be­weisen, baß sie ihre Echre zu schützen wisse. Die militärischen Vorbereitungen Griechenlands ließen ein wei­teres Zandern zwecklos erscheinen, es gebe keinen anderen Ausweg, als den Marsch gegen Griechenland an zutreten.

London, 25. Mai. Das Reutersche Bureau erfährt Obgleich die Kretafrage jetzt Gegenstand einer Ber-