Ausgabe 
23.4.1910 Erstes Blatt
 
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des Ministeriums des Innern um. An 3 f u n f t ersucht, welche Organe zur Verfügung gestellt nmrden, falls der Präsident des Abgeordnetenhauses die Behörden um Unterstützung Kur Durchführung einer Ausschließung oder Ausweisung aurufen würde. Tie Auskunft lautete dahin, daß das Verbleiben eines Ausgeschlossenen oder Aus­gewiesenen rechtswidrig sein würde, die örtlichen Or­gane der Polizeiverwaltung durch Vermittelung des Ministeriums des Innern zur Beseitigung der Rechts­widrigkeit herangezogen werden könnten. Darauf wurde die in der ersten Lesung entworfene neue Fassung des § 64 der Geschäftsordnung mit 10 gegen 4 Stimmen vorbehaltlich einer redaktionellen Verbesserung durch den Unterausschuß angenommen.

Eine Novelle zum preutzr,chen Wohnungs­geldzuschuß-Gesetz ist am Freitag dem preußischen Äbgeordnetenhause zugegangen. Bekanntlich war im Vor­jahre die Regelung nur eine provisorische. Die Novelle schlägt vor, vom 1. Juli ab die Reichstarife für Preußen -in Anwendung zu bringen. Es werden 510 Orte herauf- und 100 Orte herabzusetzen sein. Beamte, für welche die Einführung der neuen Ortsklasseneinteilung eine Verringe­rung ihrer Bezüge bedeuten würde, bleiben bis zu einer Versetzung im Bezüge ihrer bisherigen Bezüge.

Die Konservative Korrespondenz" schreibt: Es erscheine fraglich, ob das Bestreben des Herrenhausaus- fchusses, die Schwierigkeiten der preußischen Wahlgesetzreform auszugleichen, von Erfolg sein werde. TieNeue Polit. Kvrr." sagt, die Regierung werde ohne die Mittelparteien die Vorlage nicht annehmen. Es sei jedoch nicht unwahrscheinlich, daß wenigstens ein Teil der Freikonservativen und vielleicht sogar einige Nationallibe- rale für die Vorlage stimmten.

Der Budgetausschuß derbadischenZweitenKam- mer lehnte einstimmig die Forderung von 150000 Mk. für Umwandlung von Eisenbahnwagen 3. Klasse !in solche 4. Klasse ab.

Aus Schwerin (Mecklenburg) wird gemeldet: Die Großherzogin ist kurz nach 2 Uhr von einemPrin z en entbunden worden.

Lus P o se n wird amtlich gemeldet: Bei der Reichs- tagsersatzstichwahl im Wahlkreis e Stadt Pos en wur­den im ganzen 34 309 gültige Stimmen abgegeben; hiervon entfielen auf Nowicki (Pole) 20059 Stimmen und auf Oberbürgermeister Wilms (nationallib.) 14 250 Stimmen. Nowicki ist somit gewählt.

Ausland.

Der Wiener Gemcinderat wählte den ersten Vize- Mrgermeister Neumayer mit 129 von 146. Stimmen zum Bürgermeister.

I Das russische Unterrichtsministerium brachte im i Ministerrat eine Gesetzesvorlage über die P r i v a t s ch u l e n ein, in welchem u. a. angcordnet wird, daß in den Privatschulcn alle Fächer, mit Ausnahme der Religion und Muttersprache, in r u s s i- scher Sprache vorgetragen werden müssen. In nichtrussischer Sprache dürfen in den Mittel- und Volksschulen alle Fächer, ausgenommen Russisch, Geschichte und Geographie gelehrt werden, falls die Schule nur für Kinder eröffnet werde, welche ein und , dieselbe nichtrussische Sprache reden. Nichtchristen und Sektierer , Dürfen Schulen nur für ihre eigenen Religionsgenossen eröffnen.

Vie Reichrtagrersatzwah! in Friedberg-Büdingen.

Durch das unerwartete Ableben des Grafen Oriola ist .der 2. oberhessische Reichstagswahltreis plötzlich vor die Motwendigkeit einer Ersatzwahl gestellt worden, aber, trotz­dem der Wahlkreis parteipolitisch außerordentlich zerklüftet /ist, mit rechter Freude zieht keine der beteiligten Parteien j die Sozialdemokratie vielleicht ausgenommen in den I Wahlkampf. Tas liegt zum Teil an dem tragischen Ableben Ides Grafen Oriola, der als Mensch allgemein hochgeschätzt war, hauptsächlich aber daran, daß die Wahl aller Voraus- 1 sicht nach nur für etwa lya Jahre zu erfolgen hat.

' " Trotzdem hat die Ersatzwahl große politische Bedeutung, ida sie gewissermaßen als Vorspiel der nächstjährigen all- ; gemeinen Reichstagswahlen anzusehen ist und sich aus ihr 'namentlich für die künftige Parteigruppierung in Hessen mancherlei Schlüsse werden ziehen lassen.

Bei der Kürze der seit dem Ableben des Grafen Oriola verflossenen Zeit hat allerdings noch keine Partei irgend -welche Beschlüsse gefaßt und namentlich sind noch keine 'Kandidaten aufgestellt worden. Was bis jetzt darüber in verschiedenen Zeitungen erschienen ist, beruht lediglich auf Annahmen, die allerdings teilweise durch die tatsächlichen Verhältnisse eine gewisse Stütze finden.

Was zunächst den Bund der Landwirte anlangt, so werden bis jetzt zwei Leute als für eine .Kandidatur in Betracht kommend genannt. Der eine davon ist der .Friedberger RechtsanwÄt v. Helmolt, Wahlkreisvorsitzen­der des Bundes der Landwirte. Als weiterer Kandidat des Bundes kommt Dr. Becker-Sprendlingen in Betracht, der ftühere Abgeordnete für Offenbach-Dieburg. Man hofft in manchen Kreisen des Bundes, daß auch die National- liberalen und das Zentrum seiner Kandidatur zustimmen würden und dadurch vielleicht schon im ersten Wahlgang der Sieg errungen werden könnte. Die Entscheidung über die Kandidatur des Landwirtebundes wird übrigens viel­leicht um nicht zu sagen wahrscheinlich schon morgen fallen.

Zn der nationalliberalen Partei sind bis jetzt zwei ver­schiedene Strömungen vorhanden und es ist noch ungewiß, welche die Oberhand erlangen wird. Die eine Richtung will mit dem Bund der Landwirte Hand in Hand gehen.und wäre der Aufstellung von Dr. Becker nicht abgeneigt. Der in den letzten Tagen bekannt gewordene Tlustritt des Dr. Becker aus dem Zentralvorstand der nationalliberalen Partei im Reich und aus dem Landesausschuß der Partei in Hessen könnte vielleicht bei den jetzigen Befürwortern der Kandidatur Becker abkühlend wirken, wenn nicht einwandfrei nachgewiesen wird, daß der Austritt keineswegs aus partei­politischen Erwägungen heraus erfolgt ist. Die andere Strömung in der nationalliberalen Partei geht dahin, ent­sprechend der Parteientwickelung in der Reichspolitik mit der fortschrittlichen Voltspartei zusammenzugehen, wobei die Auswahl des Kandidaten zunächst offen gelassen wird. Genannt wird für den Fall des Zusammengehens der beiden liberalen Parteien besonders Justizrat Windecker in Friedberg.

Nach der Mitteilung eines Führers der fortschritt­lichen Volkspartei im Wahlkreis erstreben die Frei­sinnigen grundsätzlich ein gemeinsames Vorgehen der beiden liberalen Parteien und haben sich in diesem Sinne bereits schriftlick) an den Wahlkreisvorstand der nationalliberalen Partei gewandt. Jedenfalls würde unter den festgestellten Voraussetzungen der Aufstellung von Justizrat Windecker nichts im Wage stehen. Hauptbedingung der Volkspartei für das Zusammengehen der beiden Parteien ist nach den uns gewordenen Mitteilungen, daß der Bund der Landwirte nicht in diese Abmachung einbezogen wird.

Auch der hessische Landesausschuß und die Berliner Zentralleitung der freisinnigen Partei wünschen ein Zusammengehen der beiden liberalen Parteien, letztere allerdings unter der Voraussetzung, daß bei den Ersatz­wahlen für Dr. Delbrück (im Wahlkreis Usedom-Swine- münde) und Dr. Hermes (im Wahlkreis Landeshut-Jauer- Bolkenbain) die Nationalliberalen zugunsten der fortschritt­lichen Volkspartei auf die Aufstellung von Sonderkandida- turen verzichten. Wenn die liberale Einigung nicht zustande kommt, stellt die fortschrittliche Bolkspartei, die übrigens morgen ebenfalls eine Vertrauensmännerversammlung ab­hält, unter allen Umständen eine eigene Kandidatur auf.

Tas Zentrum, das über 20002500 Stimmen im Wahlkreis verfügt, hat bis jetzt noch keine Stellung zu der Ersatzwahl genommen, doch geht die allgemeine Meinung dahin, daß es wohl die Kandidatur des Bundes der Land­wirte unterstützen wird.

Von der Sozialdemokratie verlautet bis jetzt nur, daß der Wiederaufstellung ihres seitherigen Kandidaten Busold gewisse Schwierigkeiten bereitet würden. Wie aber auch ihr Kandidat heißen wird, es ist sicher, daß er mit etwa 8000 Stimmen in die Stichwahl kommen wird, und es wird aller Anstrengungen bedürfen, wenn der Wahlkreis nicht an die Sozialdemokratie verloren gehen soll.

48. Verbandstag der hessischen Vorschub und- Ureditvereine.

d. Alsfeld, 22. April.

Unter dem Vorsitz des Verbandsdirektors, Justizrat Dr. H a r - nier--Kassel, traten am Donnerstag abend 8 Uhr etwa 70 Vertreter der auswärtigen Vorschuß- und Kreditver­eine zu einer Versammlung zusammen. Die Mittellungen über die Geschäftsergebnisse des Jahres 1909 wurden von dem Alsfelder Verein begonnen. Eine lebhafte Aussprache veranlaßte der Quittungs- und Scheckstempel. Der Verbandsanwalt Dr. Crueger - Charlottenburg besprach das Gesetz über den Quit- tungsstempel und empfahl, von den sogen.Platzanweisungen", die stempelfrei seien, Gebrauch zu machen. Lebhafte Erörterungen knüpften sich auch an die Frage der Diskontierung von Buch­forderungen. An praktischen Erfahrungen innerhalb des Ver­bands fehlt es bis jetzt noch.

Aus den Vorträgen der einzelnen Vereinsvertreter ist zu entnehmen, daß die Vereine in einer langsamen Vorwärtsentwick­lung begriffen sind. Der Verband zählt 23 Vereine mit etwa 20 000 Mitgliedern. Der Gesamtumsatz beläuft sich auf un­gefähr 550 Millionen. Der Kasseler Kreditverein mit 3064 Mit­gliedern und über 170 Millionen Jahresumsatz ist der größte; Schlitz mit 125 Mitgliedern und l1 /2 Millionen Umsatz ist der kleinste Verein. Mehr als 50 Millionen setzen um: Marburg (139 Mill.) und Gießen (60 Mill.); es folgen Friedberg (39 Mill.), Bad-Nauheim (31 Mill.), Fulda (26 Mill.), Butz­bach (14 Mill.) und Alsfeld (11 Mill.).

Am Freitag, vormittags um 9 Uhr, nahmen die Ver­handlungen, besonders die Mitteilungen über die Geschäftsergeb­nisse, ihren Fortgang. Wichtige Berichte und Besprechungen lösten einander ab, so der Bericht über Hilfs-, Ruhegehalts-, Witwen- und Waisenpensions-Kassc, das Gesetz betr. Sicherung der Bauforderungen, Bedingungen für Heimsparkassen u. a. Nach Erledigung geschäftlicher Angelegenheiten, wie Rechnungsrevision, Neuwahlen und Festsetzung des Voranschlags usw. schloß die zweite Versammlung um 2 Uhr. Ein gemeinsames Mahl vereinigte die Teilnehmer in den Räumen des Alsfelder Kasinos. Abends um 8 Uhr sand im großen Saale desDeutschen Kaisers" ein Kommers statt.

Aus Stabt umS Land.

Gießen, 23. April 1910.

** Tageskalender. Kolosseum: Täglich Vorstellung. Kinematograph: Täglich Vorstellung.

Biograph: Täglich Vorstellung. *

** Eine hessische Prinzessin im Kloster. Die verwitwete Großfürstin Sergius, eine geborene Prinzessin Elisabeth von Hessen und bei Rhein, legte nach einer Meldung aus Moskau gestern dort das Gelübde ab, sich dem Dienste der Nächstenliebe zu widmen.

** Aus dem Militärwochenblatt. Befördert: Frhr. Schenck zu Schweinsberg (II Berlin), Oberlt. der Res. des Leib-Garde-Jnf.-Rgts. (1. Hess.) Nr. 115, zum Hauptm.; die Lts. der Reserve Meinberg (II Berlin) des Jnf.-Regts. Kaiser Wilhelm (2. Hess.) Nr. 116, Fredersdorf (I Berlin) des Jnf.-Rgts. Prinz Carl (4. Hess.) Nr. 118, Jacobi (I Ber­lin) des 5. Hess. Jnf.-Regts. Nr. 168, v. Lorentz (Rawitsch), Wagner (Posen) des Leibgarde-Jns.-Regts. (1. Hess.) Nr. 115, zu Oberleutnants d. Res. befördert. Vizefeldwebel F l o r e t (I Essen) des Leibgarde-Jnf.-Regts. (1. Hess.) Nr. 115, zum Leutnant der Res. befördert. Die Leutnants d. Res. L i tz i n g e r (Ludwig) (I Darmstadt) des 6. Rhein. Jnf.-Regts. Nr. 68, Hoff­mann (Worms) des Jnf.-Leib-Regts. Großherzogin (3. Hess.) Nr. 117, Schnitzel-Groß (Mainz) des Jnf.-Regts. Prinz Carl (4. Hess.) Nr. 118, Trümpert (Gießen) des 2. Hess. Feldart.-Regts. Nr. 61, zu Oberleutnants d. Res., Mayer (Worms) der Landw.-Jnf. 1. Aufgebots, Kuhl (I Darmstadt) der Landw.-Jns. 2. Aufgebots zu Oberleutnants d. Landw. be­fördert. Die Bizefeldwebel Geßler (Hanau), des Leib-Garde- Jns.-Regts. (1. Hess.) Nr. 115, Kay ser (Worms), des Jnf.- Regts. Prinz Carl (4. Hess.) Nr. 118, zu Leutnants d. Res. befördert. Vizewachtmeister Bültemann (Frankfurt g. M.), des Hess. Train-Bats. Nr. 18, Zulauf Morms^, Oberlt. der Res. des Jnf.-Leib-Regts- Großherzogin (3. Hess.) Nr. 117, Bickelhaupt (Erbach), Oberlt. der Landw.-Jnf. 1. Aufgebots, Scheibe! (Gießen), Lt. der Landw.-Fußart. 2. Aufgebots, der Abschied bewilligt. Die Oberärzte d. Res. Dr. B r ün i n g (Gießen), Dr. G ernsheim (Worms) und der Oberarzt der Landw. Dr. W e h m e r (Darmstadt) zu Stabsärzten befördert.

** Stadttheater. Auch in diesem Sommer wer­den eine Reihe von Operettengasifpielen stattftnden und zwar vom 16.30. Mai solche mit dem Personal des Emser Kurtheaters und vom 14. Juni bis 2. August regelmäßig jeden Dienstag solche mit dem Personal des Großh. Kur­theaters Bad-Nauheim. Im Abonnement werden im Ganzen zehn Vorstellungen gegeben werden, davon drei mit dem Emser und sieben mit dem Nauheimer Ensemble. .Auf­gelegt wird ein Abonnement auf alle zehn Vorstellungen und Teilabonnements für die erste oder zweite Hälfte der Vorstellungen und außerdem werden Gutscheine eingeführt. Die Vorstellung im Vollabonnement stellt sich billiger als im Teilabonnement. Wiederholungen im Abonnement fin­den nicht statt, auch soll keines der im letzten Sommer gegebenen Stücke wiederholt werden. Zur Aufführung sind unter Vorbehalt von Aenderungen vorgesehen: Geschiedene Frau, Graf von Luxemburg, Madame Sherry, Mikado, Frühlingsluft, Opernball, Schöne Helena, Zigeunerbaron, der arme Jonathan, Wiener Blut. Näheres wird noch bekannt gegeben.

' JugendgerichtsbarkeitundFürsorgeerzie- h u n g. Im Anschluß an den von der Zentrale für private Für­sorge zu Frankfurt a. M. veranstalteten Kursus in der Kinderfür­sorge findet am 12. Mai eine Beratung über das Thema:Die interlokalen und interstaatlichen Beziehungen in der Jugendge­richtsbarkeit und der Fürsorgeerziehung" statt, an der die Jugend­richter, die Jugendgerichtshilse, die Vormundsck-aftsbehörden, wie die Organe Der Fürsorgeerziehung gleichmäßig interessiert sind. Bei der lebhaften Binnenwanderung von jugendlichen Personen, besonders in den süddeutschen Lärchen, erscheint eine Erörterung dieser Fragen um fo wichtiger, als sich in der Praxis. Unstimmig­

keiten und Lücken heransgestellt haben, die eine Verständigung über organisatorische Verbesserungen durch Zusammenschluß der einzelnen Instanzen ebenso nötig erscheinen lassen, wie die Vor­bereitung gesetzlicher Reformen. Anmeldungen sind zu richten an die Zentrale für private Fürsorge, Frankfurt a. M., Stift­straße 30.

"Eine originelle Art, einen scheidenden Kommilitonen zur Eisenbahn zu bringen, betätigte gestern spät abends eine hiesige Korporation. Die Mitglieder hatten ihren Kouleur- bcuder in einen Kinderwagen gesteckt und so zum Berliner Schnellzug 12.31 Uhr bis auf den Bahnsteig gedrückt und in zahlreicher Anzahl den sonderbaren Transport in Kneip­jacken begleitet. Bis der Zug den Bahnsteig verlassen hatte, sangen die Burschen und Fuchse mit Harmonikabegleitung dem Scheidenden ein Abschiedslied. Die zahlreichen Reisenden im Zuge schienen offenbar Gefallen an dieser Art studentischen Abschieds zu finden. Als das Lied verklungen war, verließen die jungen Herren lautlos und still den Bahnhof. Scheiden tut weh!

** Die Durchführung der großen Mühl- gaffe ist, wie uns im Gegensatz zu unsrer gestrigen Notiz mi gelt eilt wird, für die nächste Zeit nicht zu erwarten, da die Verhandlungen zwischen der Stadt und Gerbermeister Plank seit etwa drei Monaten ruhen.

> Lich, 22. April. Ein ungemein hoher Preis, wie er hier noch nie erreicht worden ist, mußte bei einem Geländ everkauf kürzlich bezahlt werden. Es handelt sich um ein etwa ach t Klafter großes Hausgärtchen an der Grenze der Stadt, das sich obendrein noch nicht einmal als Bauplatz besonders verwerten läßt, das mit 500 Mark verkauft wurde. Die Klafter kommt also rund 60 Mark zu stehen. Von der außerordentlichen Höhe dieses Betrages kann man sich erst recht einen Begriff machen, wenn man bedenkt, daß hier für gutes Land die normalen^ Höchstpreise nur 3 bis 4 Mark die Klafter betragen. Unser! Turnverein ist jetzt dem Beispiele der größeren Vereine! des Gaues Hessen gefolgt und hat das Keulenturnen eingeführt. Bei seinem 50jährigen Jublläum im Sommer gedenkt der Verein schon eine Musterriege im Keulen­schwingen zu stellen.

»r. Aus dem Kreise Lauterbach, 22. April. In der heutigen öffentlichen Sitzung des Kreisausschusses wurde das neu gewählte Kreisausschußmitglied Rittmeister Freiherr Hans Riedesel zu Eisenbach durch den Vorsitzenden, Kreisrat v. Bechtold, verpstichtet. lieber einen Antrag des Konrad Lachmann III. von Frischborn auf Erteilung eines Wandergewerbescheines wurde der Beschluß auf einen später anzuberaumenden Termin vertagt. Sodann kam der Ein­spruch deS evangelischen Kirchenvorstandes von Herbstein gegen den Voranschlag der dortigen Ge­meinde vom Jahre 1908 zur Verhandlung. Dieser Fall, der allgemeines Interesse beansprucht, beschäftigte den Kreis- ausschuß wiederholt und hat schon zu einem vorläufigen Vergleich geführt (Januar 1909). Während die Gemeinde­vertretung der überwiegend katholischen Stadt Herbstein auch heute zu einem Vergleich geneigt ist, will der evang. Kirchen--! Vorstand den Rechtsweg weiter verfolgen. Der Sachverhalt ist: Die evang. Kirchenvertretung von Herbstein beanstandet einige Punkte im Gemeindevoranschlag, welche Ausgaben füraus-! schließlich katholische Kultzweckc betreffen(Reparieren undStimmen der Orgel, Dienstleistungen bei Prozessionen und Festläuten, Besol­dung deS Organisten und Balgtreters, bauliche Unterhaltung kirch. sicher Gebäude (einschl. Pfarrhaus), Ausgaben für Dienst-- leistungen zugunsten des Pfarrers, Besoldung de§ Kirchen­dieners) als nicht zu Recht bestehend. Sic stutzt sich dabei

auf Bestimmungen eines Gesetzes von 1872, das nach Ansicht des evangelischen Kirchenvorstandes die Bestreitung kirchlicher Bedürfnisse ausschließlich den Kirchengemeinden, bezw. Parochianen auferlegt. Von dem Vertreter der evangelischen Kirchengemeinde Herbstein wurde an Hand von Urkunden, die bis 1581 zurückreichen, nachzuweisen versucht, daß bie Ge­meinde Herbstein niemals Verpflichtungen für dauernde Leist­ungen an die Kirche übernommen habe, die entsprechenden Ausgaben der alten Belege seien als freiwillige und von Fall zu Fall bewilligte anzusehen. Die strittigen regemäßigen Aus­gaben der Gemeinde Herbstein für kirchliche Zwecke seien erst seit 1852 nachweisbar und deshalb könne selbst ein Ver­jährungsrecht nicht vorhanden fein. Der Rechtsbeistand dev katholischen Kirchenbehörde wies dagegen darauf hin, daß hiev wohlerworbene Rechte der Kirche und privatrechtliche Ver­pflichtungen der Gemeinde Herbstein vorliegen müßten, worüber die urkundlichen Belege höchstwahrscheinlich bei einem früheren Brande verloren gingen. DaS Gesetz von 1872 und ein ent­sprechender Reichsgerichtsentscheid machen Ausnahmen, d. h. ließen alte Kirchenrecht« bestehen. Es läge hier eine Ersitzung des RechtSzustandes durch die katholische Kirchengemeinde Herbstein vor. Außerdem habe die Aufsichtsbehörde die strittigen Ausgabepositionen im Voranschläge der Gemeinde Herbstein niemals beanstandet. Ein Beschluß des Kreis-! ausschusseS über die Angelegenheit soll in der nächsten Sitzung» harbeigefuhrt werden.

? Vom Vogelsberg, 21. April. Günstige Aus sichten eröffnen sich in diesem Jahre für den Jäger, indem Hasen und Rebhühner gut überwintert und die Witterung für den ersten Nachwuchs äußerst günstig ist. Vor einigen Jahren fetzte ein Jagdpächter am Hof Zwiefallen Fasanen ein. Sie haben sich jetzt schon bis in das Jagdgebiet per .Gemeinden Burk­hards und Kaulstvs verbreitet.

x Bad-Nauheim, 22. April. Unter dem Vorsitz, von Bürgermeister Dr. Kayser fand gestern eine Sitzung' der Stadtverordneten statt, der auch Kurdirektor! Freiherr v. Starck als Vertreter des Staates teilweise bei< wohnte. Der Vorsitzende machte die Versammlung zunächst: mit zwei Gesuchen bekannt, die die Bürgermeisterei an die Eisenbahndirektion Frankfurt a. M. um möglichste Berück­sichtigung der einheimischen Bauhandwerker bei den neuen Bahnhofsbauten und an die Verwaltung der Butzbach-Licher Eisenbahn zwecks Verlegung des Frühzugs, an den die Züge der Main-Weser-Bahn keinen Anschluß haben, gerichtet Hai. Für das mitteldeutsche Verbands schießen, das int Sommer in unserer Stadt abgehalten wird, bewilligten die Stadtverordneten der Schützengilde einen Ehrenpreis von 60 Mark. Ende September kommt das Tuber ku l o s e m u s e u m der hessischen Landesversicherungsanstalt hier zur Ausstellung und zwar in der Turnhalle. Ein Gesuch der Sanitätskolonnc an die Stadtverwaltung, wo­nach sie bei einigen Mitgliedern der Kolonne Alarmeiu- richtungen anbringen soll, wurde der hohen Kosten wegen vorerst ab gelehnt. Im Interesse unseres Bades, das in Bezug auf die Einrichtung von Sanitätskolonnen an sich schon anderen Städten gegenüber noch weit zurück ist, läge; esi wenn in hex Hinsicht Haid. eine. beftiehtgenhe LÄMS