Nr. K5
160. Jahrgang
Zweites Blatt
Eichener Ameiger
Erschein! täglich mit Ausnahme deS Ssnntags.
General-Anzeiger sür Gberhrften
Die „Gießener Kamilienblätter" werden dem „Sinniger* viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die „randwirlschaftlichen Seih fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Freitag I^.März lSIO
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: 51.
Redaktion: 112. Tel.-Ad ruAnzeigerGleßen.
Der Aampf nni die Reform des englischen Gberhauses.
London, 17. Mürz. Tas Oberhaus stimmte einmütig dem Vorschläge zu, in die Einzelberatung der Roscbery'schcnVorschläge einzutreten. Gegen Schluß der Erörterungen betonte Lord Lansdowne die Notwendigleit einer starken und aoirksamen zweiten Kammer. Er sprach die Hoffnung aus, daß der Reformplan nicht derart sein werde, daß er eine völlige Umwälzung Hervorrufe. Wenn dem Hause neues Blut zugefuhrt werde, werde man hoffentlich doch das alte Haus, die alten Ueber- lieferunaen unb den alten Namen beibehalten. Ein beträchtlicher Teil des reformierten. Hauses müsse aus von erblichen Peers gewählten Mitgliedern bestehen, denn kein Reformplan würde genügen, in dem nur eine kleine Gruppe erblicher Mitglieder verbliebe. Er gebe zu, daß die Ergänzung des .Hauses aus anderen Meisen notwendig sei, <um bie augenblicklich bestehende schädliche Ungleichheit in der Stärke der beiden Parteien zu beseitigen; aber die »Art dieser Ergänzung sei eine sehr schwierige Frage. Nach seiner Meinung ließe sich das Prinzip der Wahl und der Erblichkeit nicht gut vereinigen und deshalb schlage ec vor, daß die Ergänzung durch Ernennung der Peers auf Lebenszeit durch die Krone erfolge; im übrigen sei er bereit, die Vorschläge Rosebery's zu unterstützen.
Hierauf erklärte Lord Crewe: Tie Regierung gebe einem Zweikammersystem den Vorzug, weil sic überzeugt sei, daß dies den Ansichten der Mehrheit des Volkes entspreche. Tie Regierung erkenne die Notwendigkeit einer eingehenden Beratung "der Resormvorschläge an, aber sic sehe die Beziehungen beider .Häuser zueinander als die wichtigste, Frage, deren Lösung dem Urteil des Landes überlassen bleiben müsse.
Mit der Einzelberatung soll nächsten Montag begonnen werden.
Aus Hessen.
Ter Reichstagsabg. Köhler-Langsdorf richtete, wie uns mitaeteilt wird, zu einem Berichte über eine von Pfarrer Korell zu Offenbach a. M. abgehaltene Versammlung, in der sich Pfarrer Korell für Beibehaltung, landwirtschaftlicher Schutzzölle ausgesprochen haben soll, folgendes Schreiben an diesen:
Berlin, Reichstag, den 17. März 1910.
Wenn Alles so war in Ihrer Offtnbackwr Versammlung, wie es die „Kleine Presse" schildert, dann gratuliere ich Ihnen und unserem deutschen Bolte ton .Herzen dazu.
Ihr freimütiges B e k? nntnis z u d e n l a n d w i r t s cha f d I i dH 1t Schutzzöllen wird Ihnen Feinde erwecken; aber glauben Sie mir, daß d e n jreisinnigen , fortschrittlichen S ch u tz z ö l l n e r n laber immer mit dem Akzent aus „landwirtschastl. Schutzzöllner") sicher die Zukunft gehört.
Ick glaube, -n diesen jetzt schon die Reichstagsaögeardneten Ihrer Partei, Fischbeck, Struve und Wieland, rechnen zu dürfen.
Tie Betriebseinnahmen der Preußisch- Hessischen S t aa t s e is enb ah n en haben im F ebruar 1910 gegenüber dem Februar des Vorjahres ergeben: im Personenverkehr 4 Millionen Mark, gleich 13,02 Proz., im Güterverkehr 6,3 Millionen Mark, gleich 6,63 Proz. mehr, insgesamt nach Abzug der geringen Mindereinnahme dxr sonstigen Quellen 10,2 Millionen Mark, gleich 7,49 Proz. mehr. Die Zahl der Sonn- und Werktage im Februar war in den beiden Jahren gleich.
Aus Bad-Nauheim wind uns berichtet: Im n a tionalliberalen Verein sprach am Donnerstag abend Tr. L c ck e r- Sprendlingen über Schutzzollpolitik. Schon vor 14 Tagen sollte dieser Vortrag stattfinden, und es hatten sich zu dem Zweck schon eine Menge Hörer, besonders auch Mitglieder des Freisinnigen Vereins, zrt- sammengefunden. Ta sagte der Redner in letzter Minute noch ab. Darauf sprach in einem benachbarten Lokal Dr. Strecker über dasselbe Thema. Für Donnerstag abend hatte nun der Freisinnige Verein seine Mitglieder auf- gefordert, von der Versammlung fern zu bleiben. Da zumeist nur Mitglieder des nationalliberalen Vereins anwesend waren, die sich in der Hauptsache mit den Ansichten des gewandten Redners einverstanden erklärten, kam cs zu einer bemerkenswerten Aussprache nicht.
Deutle IColonicit.
— Eine deutsche Schule für Warmbad-Süd- west. Ter diesjährige Reichshaushalt fordert für das Schulwesen in Südwest 2 Oberlehrer, 16 Lehrer und 5 Lehrerinnen. Diese Lehrkräfte werden nötig für die schon bestehenden Schulen in Windhuk, Lüderitzbncht und Swäkopmund und für die neu zu begründenden in Kuis, Gobabis und Klipdamm. Auch im Distrikt Warmbad macht sich eine sehr starke Strömung für eine deutsche Schule geltend: ein „Schulvercin in Warmbad" ist in der Bildung begriffen, dessen vorläufiger Vorstand, bestehend aus den Herren Beyer, Hyhof und Rathgeber, die Borarbeiten in die Hand genommen hat. Der Warmbader Distrikt hatte unter den Folgen des Krieges wähl am meisten zu leiden: zu den reichsdeutschen. Farmern, die dort wohnen, kommen als ireiste Bewohner meist arme Buren aus der Kavkolonie und anderen britischen Kolonien hinzu. Doll aber im Distrikt deutsche Sprache und deutsches Wesen vorherrschen, dann ist es höchste Zeit, dast eine deutsche Schute errichtet wird. Zwar hat die Regierung bereits im worigcn Sommer eine Lehrerin angestellt, die Schule hält, aber weil noch kein eigenes -Schulgebäude mit Pensionat vorhanden ist, können nickt alle Kinder unterrichtet werden. Tie meisten Buren senden daher ihre Kinder nach der Kapkolonie zur Erziehung, was natürlich vielfach als ein liebelst and empfunden werden muß. Zu dem neuen Schulgebäude mit Pensionat, das der Schulverein von Warmbad bauen will, gibt die Negierung eine Beihilfe von 10 000 Marl, der Voranschlag der Gesamtlosten beträgt 25 000 Mark. Tie fehlende Summe ist von den Mitgliedern des Schul- vereins, etwa 40, aufzubringen oder als Hypothek auf das Schul- arundstück zu nehmen, wofern nicht anderweitig Hilfe kommt. Jedenfalls ist die Schulgründung in Warmbad eine sehr wichtige Angelegenheit für die kulturelle Fortentwicklung von Teutscl)- Südwestaftika.
Aus Sfaöt rrssd Conö.
Gießen, 18. März 1910.
** Vom Großherzoglichen Hofe. Staatsinmister Dr. Ewald und Gemahlin, sowie Frau Geh. Kommerzienrat Gail aus Gießen nahmen am Dienstag an der Frübstücks- tafel im Neuen Palais zu Darmstadt teil. — Der Groß-
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Herzog empfing am Mittwoch oornuttnq un Neuen Palais den Direktor Dreger von den Krupp-Werken in Essen.
** Ordensverleihung. Der Großherzog hat dem Obmann-Stellvertreter des Hilfsvereins Deutscher Neichs- angehöriger zu Prag, GroßinduUriellen Phil. 9! e brich, das Ritterkreuz 1. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen.
** Sladttheater. Wir machen auf das am Montag, 21. März, (außer Abonnement) statlftndende Benefiz für den beliebten Bonvivant unserer Bühne, Rudolf Goll, aufmerksam. Dec Künstler hat zu feinem Ehrenabend das stets gerne gesehene und hier seit Jahren nicht gegebene Lustspiel „Der Veilchens resse r" erwählt, in dem er die Rolle deS Victor Berndt geben ivird, und es ist zu erwarten, das; so- ivohl die Beliebtheit des Benefizianten, dem unser Publikum so manchen frohen 9lbenb verdankt, sowie auch die Wahl des Stückes ihm ein volles Haus sichert.
u. Reiskirchen, 17. März. Bei der heute hier vorgenommenen Bürgcrmei st erwähl machten von 198 Wahlberechtigten 176 von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Unser seitheriger Bürgernteister erhielt 116 und Landwirt Phil-pp Stumpf VII. 60 Stimmen. Ersterer ist somit gewählt. Er hat das Bürgermeisteramt schon 18 Jahre zum Segen der Gemeinde verwaltet. Nach Belannlwerden des W hlergcb- niftes setzte man dem Gewählten einen mächtigen Fichten- baum, sowie zwei Bäumchen an den Toreingang. Daran anschließend wurden aus der versammelten Menge eirrge Ansprachen gehalten. Bürgermeister Wagner dankte für die Ehrungen. Sein Bestreben sei es, wie bisher für das Wohl der Gemeinde zu wirken. Unter Sang und K.ang zog man nach den einzelnen Wirtschaften, wo bei Freibier die Stunden bald dahin schwanden.
-t- Alsfeld, 17. März. Auf Einladung der Großh. Bürgermeisterei Alsfeld hatten sich zu Ehren des von hier scheidenden ehemaligen Kreisrates, Ministerialrat Höl- zinger, am Mittwoch abend etwa 70 Teilnehmer zu einem Abschiedsessen im „Deutschen Hause" cingesunden. Bürgermeister Dr. V ö l s i n g schilderte die Verdienste des von hier Scheidenden und gedachte seiner dreijährigen ersprießlichen Wirksamkeit. Er betonte das gute Einvernehmen, das allezeit zwischen Ministerialrat Hölzinger und der städtischen Verwaltung geherrscht habe. Er habe stets in allen Fragen des Gemerndewohls gerne und freudig Hilfe geleistet und durch seine Unterstützung bei allen Gelegenheiten sich Freunde gemacht. Als im vorigen Jahre schwere Krankheit in der Familie herrschte, habe sich die Anhäitglie.-i.eit und dankbare Gesinnung der Alsfelder Bürgerschaft aufs schönste gezeigt. Die Stadt Alsfeld werde Ministerialrat Hölzinger stets in bestem Andenken behalten. Die Festteilnchmer stimmten freudig in das auf den Scheidenden aus gebrachte Hoch ein. Ministerialrat Hölzinger dankte in einer längeren Rede für die herzlichen Worte seines Vorredners und gedachte seiner Beziehungen zur Bürgerschaft und der Stadtverwaltung. Es sei ihm ein Vergnügen und eine Freude gewesen, mit der Bürgerschaft und ihrer Vertretung zusammen zu arbeiten. Große und wichtige Aufgaben seien während seiner Amtstätigkeit von der Stadt Alsfeld ihrer Lösung und Ausführung entgegengeführt worden. Manches sei wohl anders gemacht, als er es beabsichtigt habe, aber er habe stets ein offenes Ohr und willige Hände gefunden. Allen denen, die ihm während seiner kurzen Tätigkeit mit treuer Arbeit zur Seite gestanden haben, besonders den Beamten des Kreisamts, dem Kreistag und den Gemeindeverwaltungen, dankte er. Während seiner Tätigkeit, so bemerkte er, habe er Land und Leute schätzen und lieben gelernt. Tie große Teilnahme im vergangenen Jahre, als schwere Krankheit seine Familie in Angst und Sorge brachte, habe auf ihn einen erhebenden, unauslöschlichen Eindruck gemacht. Mit sichtlicher Rührung dankte Ministerialrat .Hölzinger für diese erhebende Liebe und gute Gesinnung. 9hiT ungern scheide er aus dem ihm lieb gewordenen Kreisratsberufe und von einer Bevölkerung, mit der er es gerne zu tun gehabt hätte. Seine Tätigkeit sei leider zu lurz gewesen. Der Stadt und dem Kreise Alsfeld galt sein Hoch. Im Namen der Beamten des Kreises sprach Schulrat Eck dem Scheidenden Tank und Anerkennung aus; auch die Beamten sehen Ministerialrat Hölzinger ungern scheiden. Ebenso sehr sei der Weggang des Kreis- amtmanns Emmerling zu bedauern: er habe sich durch sein leutseliges, liebevolles Wesen die Herzen aller erobert. Kceisamtmann Emmerling dankte für das an ihn ausgebrachte .Hoch und sprach sein Bedauern darüber ans, daß ihn leider private Angelegenheiten zwingen, den Staatsdienst aufzugeben; er werde das ihm lieb gewordene Alsfeld nicht vergessen. Kommerzienrat Grünewald dankte Ministeralrat Hölzinger im Namen des Eisenbahntomitees für die eifrige Forderung der Eisenbahnprojekte des Kreises. Für die Geistlichen des Kreises sprach Pfarrer Möbus aus Udenhausen. Justizrat Reh gedachte in warmen Worten der Frau Ministerialrat Hölzinger, die sich in Alsfeld durch ihr.freundliches, liebevolles Wesen großer Beliebtheit erfreute. Beigeordneter Kurz begrüßte Kreisamtmann Seyffert in Alsfeld und bat ihn, in der seitherigen Weise zum Wohle der Stadt fortfahren zu wollen. Tie Bürgermeister des Kreises und die Vertreter der landwirtschaftlichen Vereine beabsichtigen, eine besondere Abschiedsfeier für Ministerialrat Hölzinger abzuhalten.
)( M ar b ur g, 17. März. In der heutigen Stadtverordnetensitzung wurde dem wiederholt gestellten Antrag, das Schulgeld der Oberrealschule und d er Töchterschule zu erhöhen, zugestimmt. — Für 5 ausscheidende Magistratsmitglieder wurden Rentner Döring, und Kaufmann Hecker wieder- sowie Kaufmann Spörhase, Färbermeister Estor und Geh. Rat Prof. Dr. Reissert neugewählt.
vrictzencr Strafkammer.
)( Gießen, 17. März.
Ein Muhlenkanf.
Irr der Weiterverhandlung wegen Betrugs beim! Kauf der Tvocftnmühle bei Willofs, wurde zur Charakterifierung des An- (trpinr-ten I. ein Zeuge gehört, der bekundete, daß ihm I. feine Topfftickerei in Frankfurt a. M. als altrenommiertes Jnstallations-
geictäjt mit Spenglerci verlaust I;abc. Schon nach einigen -ragen merkte er seinen Reinfall und er hatte gern die bar ungezähltem 400 Mark eingebüßt, wenn ihm I. die in Zahlung gegebenen. Wechsel zurückgegeben hätte. Aber auch diese waren fort, W daß der Käufer um sein Geld gekommen ist und fein Geschäft hat. Es wurden dann noch einige Zeugen vernommen, die beim Kauf der Müll'!", bezw bei der Heroeischaffung der Kuxen und der Ausstellung der Wechsel niitgewirft haben. Einige wurden wegen Verdachts der Mittäterschaft bezW. Beihilfe zum Betrug nicht beeidigt. Gegen einige davon bedielt sich die Staatsanwaltschaft die Einleitung des Strafverfahrens vor. Der Antrag der Staa^ anwaltschaft gegen I. lautete auf 3 Jahre 6 Mo na st gegen W. auf 8 luud gegen Frau W. auf 3 «Monate Gefängnis. Dem ersteren sollen auch die bürgerlichen Ehrenrechte .auf 5 Jahre aberkannt werden. Wegen der vorgerückten Stunde wurde die Urteils- Beratung ausgesetzt und der Termin zur Verkündung aus nächsten Mittwoch vormittag 11 Uhr festgesetzt.
Gerrchtssaal.
** Nochmals die Ober-Mockstädter Kassen- an gelegen heil. Von Sbcrrn Klarenaar wird uns geschrieben: Unter Bezugnahme auf die in Nr. 63 Ihres geschätzten Blattes enthaltene Zuschrift des Konkursverwalters über das Vermögen des Vorsckmst- und Kreditvereins Ober-Mockstadt bemerke ich folgendes: In dem Prozeß der Konkursmasse deS Vorschüße und Kreditvereins Ober-Mockstadt gegen die Konkursmasse Burk auf Anerkennung einer Wechselschuld in Höhe von 10 000 Mark bestritt Rechtsanwalt Römheld als Vertreter der Burk sch?n Masse die Forderung, indem er erklärte, die Konkursmasse Burk habe aus jenem Wechsel keinerlei Verbindlichkeit, Weil die von feinem Gerichtsschreiber-Aspiranten ausgenommene Protesturkunde aus dem in der fliotiz „Eine Schadens- evsatzklage gegen die Ober-Mockstädter Kasse" des dritten Blattes der Nr. 61 des Gieß. Anzeigers' angegebenen Grunde ungültig' fei. Der Vertreter der Konkursmasse der Ober-Mockstadter Kasse entgegnete in erster Linie, daß, die fragliche Protesturkunde gültig |ei, in zweiter Linie, daß, falls die Protesturkunde ungültig fein sollte, die Burk'sche Masse gleichwohl hafte, weil die Domizilierung nach Begebung des Wechsels an Rothschild von diesem eigenmächtig verantaßt, der Domizilvermerk selbst daher unbeachtlich sei. Tas Landgericht Gießen erhob Beweis über letztere Behauptung des klägerischen Vertreters. Tiese Beweiserhebung! hätte gor nicht erfolgen können, wenn das Gericht bie. fragliche Protesturkunde für gültig geholten hätte, cs hätte vielmehr alsdann ohne irgendwelche Beweiserhebung die Konkursmasse Burk fiofiort dem Antrag gemäß verurteilt. Jin Urteil des Landgerichts Gießen ist gesagt, daß die Protesturkunde zwar ungültig, daß aber die Konkursmasse Burk gleichwohl <au3 dem fraglichen Wechsel haste, weil nachgewiesenermaßen die Domizilierung des Wechsels erst nach dessen Begebung an Rothschild von diesem veranlaßt unb daher unbeachtlich sei. Mithin handelte es sich in Wirklich»- !eit um einen nicht domizilierten Wechsel, welcher zur Erhaltung der wechselrechtlichen Verpflichtung des Akzeptanten gemäß Art. 23 der Wechselordnung der Protestierung gar nicht bedarf. Das Oberlandesgericht Darnrstadt hat sich der Entscheidung des hiesigen Landgerichts in allen Punkten angeschlossen. Während aber die rechtlich unbeachtliche Domizilierung des Wechsels aus Veranlassung ^thschilds die rechtliche Grundlage für die Haftung des Akzep- tanteir Burk aus dem Wechsel bildet, schasst sie für mich als den Aussteller des Wechsels eine zweite Grundlage für die Nichts Haftbarkeit aus demselben, denn selbst roienn die Protesturkunde^ an sich gültig wäre, würde ich doch nicht hasten, weil wegen der Unbeachtlichkeit des Tomizilvermerks der Wechsel nicht in Obcr- Mockstadt gegen die Kasse als Domiziliatin, sondern in Gießen gegen Burk als den Bezogenen hätte protestierr werben müssen, um meine Haftbarkeit aus dem Wechsel zu erhalten. Ta die beiden anderen Protesturtunden an dem gleichen Mangel leiden wie der eingeklagte, so kann es keinem Zweifel unterliegen, daß sie vom hiesigen Landgericht sowie vom Oberlandesgericht Darmstadt ebenfalls als ungültig angesehen werden. Weshalb übrigens der hessische Fiskus in letzter Linie haftbar und schadensersatz- pflichtig sein soll, ist absolut unverständlich. Zwar hastet der hessische Fiskus der .Konkursmasse der Ober-Mockstädter Kasse für allen Schaden, welcher der Kasse durch die nichtgültige Proteste erhebung verursacht ist, den Schaden aber, der ihr dadurch entsteht, baß die Konkursverwaltung auf Grund von Wechseln, aus denen ich nicht mehr hastete, mich in den Konkurs trieb, kann sie selbstverständlich nicht auf den Fiskus abwälzen, denn nicht die ungültige Protestierung der Wechsel ist mein Klagfundament auf Schadensersatz, sondern das' Betreiben meines Konkurses seitens des Konkursverwalters der Ober-Mockstädter Kasse auf Grund von nicht vorhandenen Wechsel'sord-erungen. Viag auch das Urteil des Oberlandesgerichts Darmstadt auf Veranlassung des Konkursverwalters der Burkschen Masse mit der Revision angefochten fein, so ist doch wähl so viel sicher, daß der Prozeßbevollmächtigte der Burlschen Masse nicht deshalb die Revision verfolgt, weil das Oberlandesgericht seine Behauptung, bie Protesturkunde sei ungültig, als richtig anerkannt hat. So der wirkliche Sachverhalt. Ich erlaube mir übrigens noch ganz ergeb eint auf den Artikel „Gerichts!cräl" in Nr. 26 erstes Blatt des Gieß. Anz. vom 1. Febr. I. Js. zu verweisen, welcher bie gleiche Angelegenheit behandelt.
[] Marburg, 17. März. Das Schöffengericht verurteilte heute einen Arbeiter, der seine Frau in unmenschlicher Weise mißhandelt hatte, zu 8 Mona t e n Gefängnis.
Zl Dresden, 17. März. Tie Tragödie einer unglücklichen Ehe entrollte eine Verhandlung vor dem Schwurgericht, vor dem sich die polnische Arbeiterin Anna Martinka und deren Geliebter, der Arbeiter Zebicki, wegen versuchten Gattenmordes bezw. Beihilfe dazu zu verantworten hatten. Tie Martinka hatte feit mehreren Jahren ein Verhältnis mit Z., das sie auch nach ihrer Verheiratung mit Mart in ka fortsetzte. Dieser hatte Kenntnis von dem Verhältnis, duldete es aber aus Angst, daß ihm das^Liebespaar etwas antun könne. Dem Zebicki War der Ehemann schon lange unbequem1, er brachte daher feine Geliebte soweit, daß sie ihren Mann aus der Welt schaffen wollte. Z. kaufte int November v. I. einem Revolver unb zeigte Ihr, wie man damit umgehen müsse. Am 28. November wurde der Plan zwischen den beiden Angeklagten besprochen und am folgenden Abend von der Martinka ausgeführt. Sobald ihr Mann eingeschlafen war, schlich sie sich an sein Bett unb jagte ihm eine Kugel in die linke Schläft, die den Schädelknochen durchbohrte. 9)Zerhnürbigerweife konnte Martinka geheilt Werben. Nach der Tat stüchtete bie Täterin und versteckte sich in einer Obstbude, wo sie mit Zebicki zusammen traf. Schon nach einigen Tagen wurden beide verhaftet. In der Verhandlüng waren sie geständig. Der Gerichtshof verurteilte die Mariinla zu 8wölf Jahren, Zebicki zu acht Jahren Zuchthaus unb beide zu je acht Iahten Ehrverliist.
Z. Str aß bürg, 17. März. Der Raubmord an dem Lehrer Feller aus Hafelburg, wobei der Uebersallene so schwere Verletzungen erlitt, daß, er am Tage darauf ,starb, beschäftigte bas Schwurgericht. Unter Anklage standen die Arbeiter Jos. Erb und dessen Sohn Karl. Der Lehre Ieller, der bereits 20 Jähre fein Amt versah, hatte aM 23. Dezember einen erkrankten Kollegen in einem benachbarten Dorfe vertreten unb bann eine Wirtschaft besucht, Wto er sich mit dem Holzhändler Feyennut unterhielt und Pikett spielte. Am j'bäten Abend langte er blutüberströmt iit


