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25.8.1910 Erstes Blatt
 
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GWner Anzeiger

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Kaifcrmanöoer in der Ostmark.

Mt bem heutigen Tage, wo der Kaiser die Parade über das 1. (ostpveußische) Armeekorps auf bem Devauer Exer­zierplatz e bei Königsberg abnimmt, der am 27. die Parade des 17. (westpreußischen- Armeekorps auf dem Höchstrießer F-Llde bei Dan-ig folgt, finb wir in das Zeichen der Kaiser­manöver eingetreten, die diesmal in der Ostmark statv- finben. Das Operationsgelänb-e, bas bei den letzten Kaiser- manövern der oben genannten Armeekorps im Jahre 1901

eigentlichen .Kaisermanöver selbst, die nur bie Tage vom 8. bis 10. September umfassen. Doch bleibt immerhin an- &iiernennen, daß man, wenn man auch die Kaiserparaden, nicht fallen ließ, sie doch so frühzeitig gelegt hat, daß sie auf die Anlage der eigentlichen Manöver nicht ein» wirken können, wenn natürlich auch durch ben Transport der großen Truppenmassen nach Königsberg unb Danzig, sowie durch ihre dortige Einquartierung, wieder große Kosten entstehen, ganz abgesehen von den Unzuträalichkeiten, die bie Einquartierung so vieler Soldaten für die beiden Städte und ihre nächste Umgebung mit sich bringt. Glanz'- ooll genug sind allerdings die Veranstaltungen, die Königs­berg unb Danzig in biefen Tagen zu sehen bekommen. In Königsberg heute die große .Kaiserparade über bas 1. Armeekorps und Appell über die Kriegsveteranen von 1864, 1866 und 1870 im Tiergarten vor bem Kronprinzen, abends großer Zapfenstreich sämtlicher Musikkorps unter Leitung des Armeemusikrnspizienten Grawert. Am 25. Be­such des Rathauses und des Landeshauses durch den Kaiser, Ziviltafel im Königlichen Schloß und Serenade der Männer- gesangvereine der" Provinz. Am 26. August Abreise nach Danzig, Empfang vor bem dortigen Rathause, Ehrentrunk, F-ahnenübergave an die Regimenter 128, 129, 141 und 152. Mends großer Zapfenstreich vor der Technischen Hoch­schule. Am 27. bte große Kaiserparade über das 17. Ar­meekorps, an welcher auch das Landungskorps der Hoch­seeflotte teilnimmt, bie am 29. unter Hinzuziehung von Unterseebooten in der Danziger Bucht vor dem Kaiser manövrieren wird. Dazwischen am 28. Feldgottesdienst sämtlicher Truppenteile und nach ben Flottenübungen Ab­reise des Kaisers, der wahrend der Danziger Tage auf derHohenzollern" Quartier nimmt, nach Marienburg, wo abends int Remter ein Essen für bie Notabeln der Provinz stattfindet. Daun Rückfahrt des Kaisers nach Berlin, um am 1. September die Parade über das Gardekorps ab» zunehmen und den ost- und westpreußischen Truppenteilen Zeit zu lassen, ihre Brigade- und Drdisionsmanöver zu erledigen und ihren Aufmarsch ins Manövergelände zu vollziehen."

Wie stets, so wird der Kaiser auch bei den diesjährigen Kaisermanövern von einer großen Anzahl von Gästen be­gleitet sein. Wir erwähnen von diesen nur den künftigen Präsidenten von Brasilien, Marschall Hermes da Fonseca, der schon 1908 ben deutschen Kaisermanövern beiwohnte, die türkischen Offiziere General Jspet-Pascha, Oberstleut-i traut Djewad-Bei und Major Halil-Bei, den Generalseld- marschall Grafen Häseler und den Generaloberst Dr. Frei­herrn v. d. Goltz, der früher das 1. Armeekorps komman­dierte. General v. Lentze, der für den Osten als Truppen- sührer basselbe bedeutete, wie Graf Häseler für den Westen, unb der noch bei den letzten Kaisermanövern (1901) in der Ostmark das 17. Armeekorps führte, konnte der kaiser­lichen Einladung leider nicht folgen, da der beinahe Acht­zigjährige in Wernigerode krank damiederliegt.

Lieber die Laisermanöver selbst läßt sich heute noch nicht viel sagen. Wie üblich, wirb die allgemeine und be­sondere Kriegslage erst am Vorabend der Operationen, also am 7. September, im Hauptquartier der Manöver­leitung, in Pr. Holland, bekannt gegeben werden. Doch ist schon jo viel durchgesickert, daß im Gegensatz zu den großen strategischen Grundlagen, aus denen sich bie beiden letzten Kaisermanöver aufbauten, das diesjährige ein mehr tak­tisches Gepräge erhallen und in einem Kaps um eine vom 17. Armeekorps ausgebaute unb verteidigte befestigte Stel­lung an der unteren Passarge, in der Gegend von Brauns- berg, seinen Abschluß finden soll.

An kriegstechnischen Neuerscheinungen wird bas dies­jährige Kaisermanöver so manches bieten, das hier nur turz angebeutet werden kann. So wird die Hälfte der Truppen auf jeder Seite bereits die neue graue Felduniform tragen; beim Trainbataillon Nr. 17 lDanzig) tritt zum erstenmal eine automobile Verkehrs­kompagnie auf, wie denn auch sonst das Automobil zur Nachrichtenübermittelung und zu Lasttransporten (bes. Feld­küche) eine ganz hervorragende Verwendung finden dürfte. Von Luftschiffen, die im vorjährigen Kaisermanöver nur durchM 2" vertreten waren, nimmt diesmal auchP 2" am Manöver teil, vielleicht auch die erste deutsche, von Regierungsbaumeister Hoffmann-Stuttgart erbaute Militär- Flugmaschine.

Königsberg, 24 Aug. Zur großen Parade des ersten Armeekorps auf dem Devauer Exerzierplatz bei Königsberg begab sich'der Kaiser im Automobil um 9,40 Uhr bis an die Nord- loeftede des Exerzierplatzes, wo zu Pferde gestiegen wurde. Die Kaiserin mit Der Prinzessin Viktoria Luise hgtte sich schon um

Uhr Wagen hinausbegeben. Auf dem Wege bildeten die

tlich der Weichsel lag, ist diesmal nach Osten verschoben und wird begrenzt im Norden von der Danziger Bucht und dem Südende des Kurischen Haffs, im Osten von der Linie Jnsterburg-Angerburg-Lötzen, im Süden von der Linie Lötzen-Allenstein-Deutsch-Eylau und im Westen von der Linie Deutsch-Eylau-Neuenburg-Danzig.

Das Vorspiel zu den Kaisermanövern, das in einer ganzen Reihe militärischer unb festlicher Veranstaltungen gipfelt, nimmt diesmal die Tage vom 24. bis 29. Au­gust in Anspruch unb ist somit zeitlich ausgedehnter, als die

Schulen der Stadt und des Landkreises Königsberg, ferner Ge­werbe, Innungen, Sportvereine, Sanitätskolonnen und Krieger­vereine Spalier. Auf dem Paradefetde nahmen die Truppen ixs ersten Armeekorps unter dem Befehl des kommandierenden Gene­rals v. Klnck in zwei Treffen Aufstellung. Der Kaiser nahm auch 'den Rapport der Kriegervereine und des Provinzial-Krieger- verbandes der Provinz Ostpreußen aus den Händen des Vor­sitzenden, Generalmajors z. D. Brausewetter, entgegen und ritt die Front dör Vereine, die mit ihren Fahnen vor den Zuschauer­tribünen standen, ab. Es folgten zwei Vorbeimärsche; beim ersten kam die Infanterie in Kompagniesronten vorbei, die Kavallerie int Schirtt und die Artillerie im Trabe; beim zweiten die Infanterie in Regimentskolonne, die Kavallerie im Trabe und die Artillerie ebenso und in Abteilungsftonten. Beide Male führte der Kaiser sein Grenadier-Regiment der Kaiserin vor. Die Vorbeimärsche waren gegen 1 Uhr beendet. Die Kaiserin kehrte im Wagen, geleitet von einer Eskadron, zur Stadt zurück. Der Kaiser ritt an der Spitze der inzwischen bis zum Königstor vor­gerückten Fahnen-Kompagnie vom Grenadier-Regiment Kronprinz und der Standarten-Esradron vom Ulanen-Regiment Graf zu Dohne (ostpreußisches) Nr. 9 zurück nach dem Schloß, mit ihm die Prinzen-Söhne. Nachmittags verblieb der Kaiser im könig­lichen Schlosse. Die Kaiserin besuchte mehrere Anstalten. Abends fand im Moskowitersaale des königlichen Schlosses bei den Maje­stäten Paradetafel für das 1. Armeekorps statt.

Der Trinkspruch des Kaisers.

Der Kaiser hielt bei dem Paradediner folgenden Trink-, s p r u ch:

Es sind nunmehr 31 Jahre verflossen, seit ich als junger Leutnant im Jahre 1879 meinen Vater begleitend, mein erstes Käisermanöver unter Kaiser Wilhelm dem Großen gemacht und das war hier. Die ehrfurchtsgebietende Gestalt des Großen Kaisers, umkleidet vom Nimbus seiner Siege, das Reich noch jung und eben in der Entwickelung begriffen. Die eingehend« und hohe Kenntnis meines Vaters von den Traditionen der Regimenter dieses Korps, von denen ihm zumal das Regiment Kronprinz so außerordentlich nahe stand, führte mich in die Geschichte dieser Truppenteile ein. Bei der Parade war die heroische Gestalt des Herrn die Erste, die vor seinen Grena­dieren an seinem Kaiserlichen Vater vorüberzog, und der General­feldmarschall von Moltke leitete die späteren Hebungen. Seitdem sind die hohen Herren dahingegangen und sind für uns histo­rische, heroische und von der Sage umwobene Gestalten ge­worden. Aber nicht dahingegangen ist der Geist, den diese Männer in die preußische Armee und in das hiesige Korps eingepflanzt haben. Hoch gehalten und gepflegt werden nach wie vor die alten Traditionen von den Regimentern, die mit ihren Wurzeln teilweise bis in die kurbrandenburgische Geschichte bmaufreicben. Das Armeekorps, welches ich nochmals zu seiner vorzüglich gelungenen und schönen Parade be­glückwünsche, hat mir am heutigen Tage gezeigt, daß es seiner Tradition und seiner Geschichte voll be­wußt sei. Und bei dem Anblick seiner Reserven und der Kriegsveteranen, von denen an 14000 Mann hiev erschienen waren, wird uns die Geschichte der Leistungen des Korps in den letzten Kriegen wieder deutlich vor Augen geführt. Wenn ich im Frühjahr von meinem Besitz bei Metz die Felder durchstreife, so komme ich an den Gedenksteinen der Regimenter vorüber, die sich dort unter ben Augen des Prinzen Friedrich Karl geschlagen haben, und die Hammerschläge taten für die Basis, auf der das Jeutsche Reich auf gebaut werden sollte. So verbindet sich die Vergangenheit und die Gegenwart. Beide gewährleisten uns den Ausblick für die Zukunft. Das Armee­korps, das ich heute in so tadelloser Disziplin und vorzüglicher Paradahalttmg gesehen habe, gibt mir die Gewähr, daß, wenn es notwendig ist und ich den Appell an seine Waffen stelle, es seine Pflicht tun wird wie zuvor unter meinem Großvater und seinen großen Fhrüern. Das erste Armeekorps Hurra! Hurra! Hurra!

Im Tiergarten wurde nachmittags um 5 Uhr in Anwesenheit des Kronprinzen und in Gegenwart zahlreicher Ehrengäste ein großer Veteranen-Appell abgehalten, lieber 7000 alte Krieger aus der ganzen Provinz hatten, geschmückt mit Ehren­zeichen und der Kriegsdenkrnünze, auf dem Sportplätze Auf­stellung genommen. Der Kronprinz richtete folgende Worte an die Veteranen:

Der Kaiser sendet Ihnen allen seine besten Grüße. Ich freue mich sehn, daß Sie in so zahlreicher Anzahl hier erschienen sind und damit Ihre Anhänglichkeit an Ihre alten Regimenter und unseren obersten Kriegsherrn dokumentiert haben. Ich fordere Sie auf, in den Stuf einzustimmen: Seine Majestät, Unser allergnädigster Kaiser, König und oberster Kriegsherr hurra!

Alle Anwesenden stimmten begeistert in das firnrra1 du. Mlitar- oberpfarrer Konsistorialrat Bock und der katholische Divisions- Pfarrer v. Krzesinski hielten Festreden. Besonders fteundlich unter­hielt sich der Kronprinz mit einigen Veteranen von 1848 und zwei Damen, die als Krankenpflegerinnen 1870/71 tätig gewesen

Der Kaiser hat dem Pionierbataillon Fürst Radziwill eine Bronzebüste seines ehemaligen Chefs geschenkt.

Die Ersatzwahl in Zschopau-Marienberg.

Marienberg (Sachsen), 24. August. Nach der eud-- gülttgeu Feststellung erhielten bei der heutigen Reichstags- ersatzivahl im 20. sächsischen Wahlkreise Fritzsche (Refornt- partei) 4630, B-rodauf (Freis.) 4717 und Gocchre (Svz.) 14 831 Stimmen. Goehre ist somit gewählt.

Bekanntlich handelt es sich um die Ersatzwahl für den verstorbenen Abg. Zimmermann. Dieser war im Jahre 1907 mit 14 732 gegen 11231 sozialdemokratische Stimmen, die dem Genossen Goel-re zufielen, gewählt worden. Der Wahl­kreis war früher bereits zeitweise in sozialdemokratischen Händen. ___________________________________________

Die Stier in Leiinje.

(Set in je, 24. Aug. Bei dem Galadiner zu Ehren de§ italienischen Königspaares brachte Fürst Nikolaus einen Trink sprach aus, indem er seine lebhafte Freude und seinen tiefen Dank dafür aussprach, daß das Königspaar nach Montenegro gekommen sei. Alle Montenegriner verfolgten die Königin mit Stolz auf dem Wege christlicher Frömmigkeit und Nächstenliebe, wie sie das weise Wirken des Königs ver­

folgten, daS beständig auf die Wohlfahrt beS großen Volkes gerichtet sei, und dessen wahre Interessen mit denen Monte­negros, sowie überhaupt mit denen der zivilisierten Welt ver­bunden sei. Die großherzige Fürsorge des Königs zum Vor­teil deS Gemeinwohles sei nicht der letzte unter den Rechtstiteln, auf Grund deren er Anspruch erheben könne auf die An­erkennung der ganzen Welt.

König Viktor Emanuel sprach in der Erwiderung seinen Dank aus für den herzlichen Empfang und die wärmsten Glückwünsche für das ungetrübte Glück der Fürstenfamilie. Dem tapferen montenegischen Volke wünsche er eine stets ruhmvolle Zukunft unter der Führung seines weisen Sou- verains, die ihm noch lange erhalten bleiben möge.

Vie Enthüllung eines Standbildes des Kaijets Sranj Jofef.

Ischl, 24. Aug. Heute fand in Anwesenheit t*r Erz>- Herzöge unb der Erzherzoginnen, sowie zahlreicher Mb- glieder der Hochschulen, Tausenden von Weidmännern auS allen Teilen des Reiches die feierliche Enthüllung bes von den Weidmännern der Monarchie zum 80. Geburtstage des Kaisers errichteten Standbild es des Kaisers statt. Erzherzog Franz Salvator vollzog die Enthüllung, woraus er das Denkmal dem Bürgermeister von Fsch^ in Obhut gab.

Mittags fuhr der Kaiser in Weibmannstracht, auf bent ganzen Wege stürmisch begrüßt, zum Festplatz im berufener §3alb, um das Standbild in Augenschein zu nehmen. Auf die mit stürmischer Begeisterung auf genommene Ansprache des Präsidenten Graf Wurmbrand erwiderte der Kaiser:

Freudig bewegt bin ich hierher gekommen, um das Stand­bild in Augenschein zu nehmen, das die Weidmänner Oester­reichs als Zeichen der Treue, Anhänglichkeit und Liebe mir zum 80. Geburtstagsfest dargebracht haben. Das edle Weidwerk war immer eine er glückende Erholung für mich, der ich mich oft gern hingab nach beit Anstrengungen der Arbeit, dem ich auch immer meine Sympathie und Unterstützung bewahren werde. Ich banfe! Ihnen für die Huldigung und bin auf das Tiefste ergriffen. Herzlichen, herzlichften Dank!"

Die Worte des Kaisers waren der Anlaß zu neuen; jubelnden Kundgebungen der Weidmänner. Mit einem Vor­beimarsch der Weidmänner, der Schützen- und anderer Ver-^ eine vor bem Kaiser und dem Gesang der für diese G«r- legenheit gedichteten Festhymne durch den Schubertbund schloß die Feier, worauf der Kaiser in bte kaiserliche Villa zurückkehrte.

Die hessischen Handelskammern und die Lieischteuernug.

Namens der Hess. Handelskammern richtet die Handelskammer Mainz an das Großh. Staars- minifterium in Sachen der Fleischteuerung ehre Eingabe folgenden Inhalts:

In Bezug auf die Versorgung der Bevölkerung unseres und anderer Handelskammerbe-irke mit Fleisch und Fleischwaren sind Verhältnisse eingetreten, welche unseres Erachtens eine ernste Beachtung durch die Gr^ßh. Hessische Staatsregierung beanspruchen müssen. Wir wollen daher nicht verfehlen, Großherzoglichrin« Staatsministerium das Nachfolgende ergebenft vorzuttagm. In­folge der anbanemben hohen Viehpreise hat sich beispielsweiss der Vorstand der Mainzer Metzgerinnung veranlaßt gesehen, neuerdings den Preis für Ochsen-, Rind- unb Kuhfleisch vo-M 20. d. Mts. ab um 10 Pfennige pro Pfund zu erhöhen. Den Preis für Schweinefleisch ist vor rroch nicht allzulanger Zeit eben­falls in ähnlicher, bedeutender Weise erhöht worden. Dabei seien weitere Erhöhungen nicht ausgeschlossen, da zu befürchten stehen soll, daß die Zufuhr von schlachtteifem Rindvieh aus der Oester- reick)-Ungarischen Monarchie durch ein Ausfuhrverbot der dor­tigen Regierung ganz oder wenigstens zum Teil unterbundeut wird. Lluch der hiesige Dtarkt hat seither erhebliche Zufuhren au^ Oesterreich-Ungarn erfahren, so daß bei deren Ausbleiben und mit Rücksicht auf die gegenwärtige Gestaltung der Verhältnisse in Deutschland eine wirklicheFleischnot befürchtet wird.

Die Viehhaltung in Deutschland ist, wie aus den Ergebnissen der deutschen Viehzählungen hervorgeht, bzl. des Rindvi^es noch nicht der Bevölkerungsvermehrung entsprechend gesttegen, u. es ist daher nicht zu erwarten, baß ein voller Ersatz für die seither aus bem Aus lande bezogenen Schlacht tiere ans bem einheimischen Vieh­bestände ohne große Preiserhöhungen stattfinden wird.

Was den Ersatz etwa eintretender Fehlmengen an auslän­dischem Rindfleisch durch andere Fleischsotten, insbesondere durch Schweinefleisch, betrifft, so ergibt die Statistik bis ziun Jahre 190? zwar eine Vermehrung der Schweinehaltung, indessen zeigt bte Schlachtstatiftik hinsichtlich der sogenannten gewerblick)en Schlach­tungen bereits im Jahre 1909 wieder einen Rückgang auf 15 530 005 Stück gegenüber 16 508 483 Stück in 1908 und 16 397 934 Stück in 1907, also von rund 1 Million 6 Prvz,

Auch in der ersten Hälfte des laufenden Jahres sind die gewerblichen Schlachtungen noch so zurückgegangen, daß bei Be- rücksichtimrng des Bevölkerungszuwachses bei den Hauptsleischsotten (Rind-, Kalb» und Schweinefleisch) weniger auf den Kopf entfällt, als in der gleichen Zeit des Vorjahres.

Großherzogliches Staatsministerium bitten wir daher im Hin­blick auf die eingetretene und die wohl rwch zu erwartende weitere Verteuerung der Fleischpreise, bei der Regierung geneigtes! Schritte zu unternehmen, durch welche eine billige Versorgung, besonders der arbeitenden Bevölkerung, mit Fleisch sicher gestellt wird.

Wir begrüben es hier auf das lebhafteste, daß bereits der Landeseisenbahnrat in seiner am 30. Juni abgehobenen Sitzung trotz des Widerspruches aus großagrarischen Kreisen eine Verlängerung der Geltungsdauer des bei der letzten Teuerung (1906) eingefübrten Ausnahmetarifs für Fleisch von frisch geschlack)itttem Vieh auf weitere zwei Jahre beschlossen hat, durch welche Maßregel, wie sich bei der seitherigen Geltung des Tarifs gezeigt hat, ein vorteilhafter Einfluß auf die Fleischvetterlung ausgeübt wird.

Indessen erschrim die ebengenannte Taris Maßnahme zur Be- fertigung der bestehenden Mißstände nicht hinreichend, unb es ist deshalb unseres Erachtens weiter zu prüfen, ob nickst ein Aus' fuhrverbot Oesterreich-Ungarns für Rindvieh gegen den bestehenden H andels v ert rag verstößt unb feine Unterlassung zu fordern