Samstag 21. Mai 181V
Viertes Blatt
160. Jahrgang
Nr. 116
Gießener Anzeiger
Erscheint tLgllch mit Ausnahme des Sonntags.
General-Anzeiger für Cberhegen
Notationsdruck und Verlag der BrühPsch« UniversitätS - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Die ^Gießener ZamlUenblStter" werden dem „Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „Krebblutt für deo Kreis Eietzen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Zeit- fragen" erfchemen monatlich zweimal.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: ey$^51. Redaktion: 112. Tel.-ALruAnzeigerDießen.
Hrbeüsmartt inhessen u. Hessen-Nassau im April 1910.
Im Vordergrund des Interesses steht die Frage, in welcher Weise die jup 15. April erfolgte Ba uarbeiterauSsverrung die Lage des Arbeitsmarkles beeinslußt hat. Es ist zimäch/s- festzustellen, das: die in anderen Städten außerhalb des Berbands- gelnetes beobachtete erhebliche Steigerung des Andranges von Bauarbeitern zu den Arbeitsnachweisen nicht in Erscheinung getreten ist. Besonders ist eine Meldung zu anderen Bernsen nickt beobachtet worden. Das hat sür Frankfurt a. M. seinen Grund darin, daß die Bauarbeiter «Maurer, Zimmerer, Bauhilfsarbeiter) zunl größten Teil aus hessischen Gebietsteilen, besonders aus der Vilbeler Gegend und aus der Wetterau, kommen und diese gleichzeitig in ihrem Wohnorte über ein kleines land- nnttschaftliches Besitztum verfügen. Die Aussperrung kann deshalb nur in geringerem Umfange von nachteiligem Einfluß auf die Betroffenen sein. Mit dieser Tatsache stimmt die Beobachtung des ländlichen Arbeitsnachweises in Friedberg überein, der gegenüber dem Vorjahre eine geringere Nachfrage nach landw. Arbeitskräften aufzuwersen hatte. Diese Erscheinung dürfte darin ihre Erklärung finden, daß die ausgesperrten Bauarbeiter, die ein kleines Besitztum haben, als Taglöhner bei größeren Gütern b^chästigt werden, und sich gegenseitig aushelsen. Nur Kassel berichtet über einen stärkeren Andrang Arbeitsuchender zu dem Städtischen Arbeitsnachrocis. Im allgemeinen darf sestgestellt werden, daß die Bauarbeiteraussperrung, soweit dos Berbands- gcbiet in Frage kommt, den allgemeinen Aufschwung nicht zu hemmen vermocht hat. Sv ist eine Einwirkung der Bauarbeiter- aussperrung auf die günstige Entwickelung der Metallindustrie in keiner Weise festzustellen. Eine Störung brachte die Niederlegung der Arbeit von etwa 2800 Arbeitern der Lah- meyerwerke in Frankfurt a. M. Die Ursache der Bewegung lag hauptsäckstich in den Akkordverhältnissen, dann aber auch auf dem Gebiete der Arbeitzeit und der Löhne. Der Ausstand konnte bereis nach achttägiger Dauer beendet werden. Eine Reduktion der Arbeiterzahl um etwa 25 Mann in einer elektrotechnischen Anstalt in Frankfurt a. M. war lediglich in der Aenderung der Produktion begründet. Im Buchbindergewerbe war der Geschäftsgang gegenüber dem Vorjahre günstiger. Bereits im Vormonat konnte über die günstige Entwicklung der Leder-, industric berichtet werden: diese Entwickelung hat weiter an- gehalten. Aus Wiesbaden wird berichtet, daß starke Nachfrage nach Sattlern uird Polsterern herrschte: das gleiche wird aus Mainz gemeldet. In der Holzindustrie war der Beschäftigungsgrad als sehr günstig zu bezeichnen. Besonders die Fabrikation besserer Möbtt versprach ständig Arbeit. Der günstige Entwicklungsgrad erhellt daraus, daß zwar viele Arbeitsangebote von kurzer Dauer waren, daß die Leute es aber trotzdem vorzogen, nicht onzunehmen, in der Erwartung, bald dauernde Arbeit zu finden. Auch bei dieser Industrie ist eine Einwirkung der Bauarbeiteraussperrung bis jetzt nicht in die Erscheinung getreten. Die einzige Branche, die von einer ungünstigen Einwirkung dieser Aussperrung berichtet, ist die Nahrungs- und Genußmittelindustrie, und besonders die Metzgereien. Der Bäckerstteik wurde durch Wickerauf nähme der Arbeit beendet. Der Streik im Schuhmachergewerbe ist ebenfalls nach Bewilligung der Hauptforderungen beigelegt worden. Nach Schneidern war wie im Vormonat eine rege Nachfrage. Die günstige Entwicklung, die das Baugewerbe zu nehmen schien, wurde durch die Aussperrung unterbrochen. Im Gebiete des Mitteldeutschen Arbeitgeberverbandes, das denselben Umfang hat wie das des Mitteldeutschen Arbeitsnachweisverbandes, sind bis jetzt ausgesperrt ivorden 5600 Maurer, 785 Zimmerer und 1110 Bauhilfsarbeiter, das sind etwa zwei Drittel der in diesen Berufen beschäftigten Personen. In Hanau beträgt die Zahl der ausgesperrten Bauhandwerker 928; ausgesperrt haben hier alle Betriebe, bis auf einen, der nur die organisierten Arbeiter entlassen hat. In Marburg dürsten etwa 200 Bauhandwerker au gesperrt sein. In Kassel sind nur etwa ein Drittel der Bauhandwerker ausgesperrt und zwar 410 Maurer, 71 Zimmerer und 216 Bauhilfsarbeiter, int ganzen 697. Im Buchdrucke r- geroerbe war der Beschäftigungsgrad günstig. Die Setzer konnten nahezu bis zum Schlüsse des Monats untergebracht werden. Freilich handelt es sich zum großen Teil nur um Aushilfsstellen, da die Herstellung des Satzes der Kursbücher eine größere Arbeiter,zahl bedingte. Die günstige Lage des Gewerbes ist besonders deutlich auch aus ban vom Verband der Deutschen Buchdrucker, Bezirk Frankfurt a. M., gemaltsten Ausgaben für Unter
stützungen ersichtlich. Es wurden im Berichtsmonat 477,75 Mk. an 29 Mitglieder für 227 Tage Arbeitslosenunterstützung bezahlt, während im Vorjahre an 36 Mitglieder für 340 Tage 722,75 Mk. Unterstützungen gezahlt wurden. Beim Vergleich dieser Zahlen fällt dabei noch ins Gewicht, daß im Vorjahre der Monat April nur mit 4 Wochen, in diesem Jahre jedoch mit 5 Wochen gerechnet ist. Dieses günstige Ergebnis ist freilich zum Teil darauf zurückzusührcn, daß Feiertage immer aus den Arbeitsmarkt belebend einwrrken. Eine geringe Steigerung der Arbeitslosen machte sich am Ende des Monats nach Fettigstellung der Kursbücher bemerkbar. Auf das Gast- und Schankwirtschaftsgewerbe übte dos kalte Wetter einen ungünstigen Einfluß. Aushilfspcrsonen wurden von den Gartengcschäften, wie aus Wiesbaden berichtet wird, nur sehr wenig verlangt; ebenso waren die Unternehmer in den umliegenden Kurotten mit der Anstellung von Personal sehr zurückhaltend. Nur an jungen Hotelkellnern unter 20 Jahren herrschte in Wiesbaden Mangel. In der landwirtschaftlichen Vermittlung ist gegenüber dem Vormonat, der Jahreszeit entsprechend, ein größeren Rückgang zu verzeichnen, da die Landwittschaft im Vormanat ihren Haupte bedarf an Arbeitskräften gedeckt hat.
Von den Organen des Mitteldeutschen Arbeitsnachweisver- bandes wurden, soweit Meldungen von den kommunalen, bezw. Kreisarbeitsnack)l>veisen und Herbergen zur Heimat Vorlagen, 10 409 Stellen vermittelt (gegen 9931 im Vormonat), darunter: Rüdeshttm a. Rh. 1, Eltville 2, Rieder-Jngelheim 2, Hofgeismar 2, Eschwege 3, Eorbach 4, Wildungen 4, Fulda 7, Marburg 10, Darmstadt (Herberge zur Heimat) 11, Oberlahnstein 14, Seligenstadt 14, Wildungen (H. z. H.) 16, Fechenheim a. M. 18, Kreuznach (H. z. H.) 18, Westerburg 21, Kreuznach 22, Wetzlar 30, Herborn 33, Weilburg a. L. 36, Frankfutt a. M. (H. z. H.) 42, Bingen 54, Diez (Unterlahnkreis) 59, Hanau a. M. 67, Biebrich 82, Gießen (H. %. H.) 84, Limburg a. L. 103, Gießen 105, Mainz (H. z. H.) 126, Mattenberg (Oberwesterwaldkreis) 151, Friedberg 205, Offenbach a. M. 299, Darmstadt 314, Worms a Rh. 331, Mainz 674, Kassel 978, Wiesbaden 1595 und Frankfurt a. M. 4872.
Mit Ausnahme von Frankfutt a. M., Mainz, Wiesbaden, Darmstadt und Worms ist die Zahl der versicherungspflichtigen männlichen Mitglieder der Ortskrankenkassen trotz der Baw- arbeiteraussperrung überall gestiegen; die Zahl der freiwilligen männlichen Mitglieder zeigt, mit Ausnahme von Offenbach a. M. und Gießen, überall eine kleine Steigerung. .Die versicherungs- pflichttgen weiblichen Mitglieder haben nur bei Mainz und Gießen eine Abnahme aufzuweisen und die freiwilligen wttblichen Mitglieder bei Mainz und Kreuznach.
Dcrisiifdites.
* Schwur fitten. Die Eidesleistung vor Gericht war ursprünglich eine religiöse Gepflogenheit und hat diesen Eharakler auch bis in unsere Zeit bewahrt. Ter Domenica del Corriere, der die verschiedenen Formen des Eides in verschiedenen Ländern zu- sammenstellt, bemerkt, daß die Herkunft aus dem Religiösen sich am wenigsten in Italien noch erkennen lasse; hier besteht die Eidesformel nur aus wenigen Worten, ohne daß besondere Zeremonien nötig wären. Ganz besonders feierliche bestehen in England. Hier wird der Schwur vor den mit Perücken bekleideten Richtern abgelegt ; der Schwörende muß sich dabei die Bibel aus den Kopf legen. Noch vor einigen Jahren war es vorgeschrieben, die Bibel zu küssen. Aus energische Vorstellungen hin wurde indes dieser Brauch abgeschafst. In Spanien ist das Schwören eine etioas verwickelte Angelegenheit: der Schwörende muß kniend, die Rechte auf das Alte und Neue Testament gestützt, eine lange Reihe von Formeln aichören und sie durch ebenso lange Antwortsormeln erwidern. Ziemlich einiach ist es in Frankreich und Belgien; es genügt dort, beim Schwlir die Hand gegen das Kruzifix auszustrecken. In Oesterreich werden zur Eidesleistung zwei brennende Kerzen links und rechts von. Schwörenden ausgestellt. In Rußland muß der Zeuge feierlich die Hand über die heilige Schrift hallen. Die außeuropälschen Gebräuche sind von all diesen gänzlich verschieden. Tie Juden des Orients behalten beim Schwur das Haupt bedeckt, die Perser stehen über einem frummeit Schwert und bringen sich eine kleine Wunde an der Hand bei, um beim eigenen Blute schwören zu können. Blutvergießen während des Schwörens ist auch bei vielen anderen orientalischen Völkern gebräuchlich, so bei den indischen Parias und bei den Malayen. Diese vermischen das eigene Blut
»ul Asche — cm Sinnbild, das anbeuten soll, welchem Schicksal ialsche Zeugen entgegengehen. In Australien rufen die Eingeborenen bei geschlossenen Augen die Geister an, in Korea muß der Zeuge hundert Bücklinge machen. Der einfachste und darum vielleicht auch wirksamste Eid ist aber der in Ehma gebräuchliche, der ein reiner GewissenSeid ist. Der Zeuge hat weiter nichts zu tun, als mit gekreuzten Armen, dem Richter fest ins Gesicht schauend, die Worte zu sprechen: „Ich übernehme die Verantwottung für die Aussage, die ich machen will; sage ich nicht die ganze Wahrheit, so erkläre ich mich für schuldig.'
• Total. „Wo liegt denn das Total?" fragte mich kürzlich einer. „Total? Sie meinen wohl Pokal?' „Nein, Total.' Und er zeigte mir verschiedene Ansichtspostkarten von ganz unbekannten Nestern, hinter deren Namen überall in gleicher Schrift das Wött- chen Total prangte. Nun merkte ich den Scher». Aber im Ernst, wie viele, die solche Unterschrift nicht hören, sonoern lesen, betonen nicht zunächst die erste Silbe, sintemalen sie andere Karten nut Elbtal, Rheintal, Wesertal, Potal usw. kennen; und warum sollte es nicht m einem weniger bekannten Eckchen unserer Erde auch ein Total geben? — Und bittet man nun, statt „Total' „Gesamt' zu sagen, dann heißt e5: »Nein, das geht mcht; das kann man nicht sagen, bann müßte man „Gesamtansicht" sagen, unb bas — ist viel zu lang." Ader mit Verlaub: müßte es bann nicht eigentlich auch Totalansicht heißen? Vergißt man benn „total', daß „Total' nicht bie Bebentung „Totalansicht' hat ? — Man gehe uns boch mit solchen nichtigen Einwänden l Oder man schreibe nun auch an die Labenfenster eimach „Total' statt „Totalausoerkauf!" — Besser und deutscher aber ist es wirklich, das Fremdwort „total' — total totzumachen und stets „gänzlich, gesamt, völlig, durchaus' usw. dasür zu sagen.
Der Kinder bester Schutz gegen Krankheit ist außer Sauberkeit und Abhättung eine einfache, regelmäßige Ernährung. Zu letzterer wählt eine kluge Mutter das Nestle'sche Kindermehl, eine naturgemäße, leicht verdauliche und gern genommene Nahrung, welche die Kleinen vor Darm- und Magenkatarrhen schützt und das Entwöhnen bedeutend erleichtert. ss®/»
| Gegen das Altern I)'/‘
Dr. HommePs Haematogen
WARNUNG! Man verlange ausdrücklich den
Namen Dr. Hommel.
Siehe das hochbedeutsame Werk: „Das Altern von Dr. Lorand Cap. X, 3.
Im Zeitalter der Erfindungen.
Die letzten Jahrzehnte haben der Kulturmenschheit eine solch ungeahnte Fülle von neuen Erfindungen gebracht, daß man eigentlich nur noch in Erregung gerät, wenn es sich um eine Neuerung für das lenkbare Luftschiff oder die drahtlose Telegraphie handelt. Ueber andere Erfindungen liest man wohl gern in der Zeitung und quittiert mit einem selbstzufriedenen und geschmeichelten Lächeln darüber, daß es einmal' wieder menschlichem Geiste gelungen ist, einen Fortschritt zü erringen. Der größten Zahl von Erfindungen steht man aber gleichgültig gegenüber, beachtet sie, als Kleinigkeiten, meist überhaupt nicht, und erfährt von ihnen erst dann, wenn sich ihr wohltätiger Einfluß überall bemerkbar macht. Zu solchen Ersindungen zählt das neue Metallputzmittel „Gaga', das von der Firma Gebr. Avenarius in Gau-Algesheim auf den Markt gebracht wird. Dieses Metallputzmittel „Gaga' vereinigt eine solche Menge vortrefflicher Eigenschaften in sich, daß eS nicht Wunder nimmt, wenn es den Hausfrauen, die es kennen, unentbehrlich ist. Neben einem billigen Preis und einem sparsamen Verbrauch lobt man an Gaga vor allem, daß es ganz wesentlich Zeit und Arbeit spott, daß es feine weißen Spuren hinterläßt, und daß es alle Metalle gleich vorzüglich reinigt. Wir dürfen jeder HauSftau nur raten, sich die Vorteile dieser bemettenswetten Ersindung recht bald zu eigen zu machen. M»/g
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