Ausgabe 
22.6.1910 Erstes Blatt
 
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jbÄ Kroscherzogl. DbcrTefircr T*r. Streifer zu Bad-Nrürherm toegen eines in einer hessischen politischen Zeitung ver­öffentlichten Artikels gemaßregelt worden ist? Welche ISrimbe haben die Großherzogl. Regierung zu dieser Maß- regelnnig veranlaßt?

Die Handelskammer Mainz richtete in ihrer ^Eigenschaft als Dorort des hessischen Handelskammertages eine Eingabe an das Ministerium der Z-inanzen, von dem beabsichtigten direkten Mhlenbezug für die staatlichen An­stalten absehen zu wollen, da die durch den direkten Bezug zu erwartenden Vorteile nicht so groß seien, um die für den Kohlenhandel damit eintretenden Nachteile aufzuwiegen.

Deutsches Reich.

Der Kaiser nahm am Dienstag im Neuen Palais die Vorträge des Chefs des Militär'kabinetts und des Chefs des Marinekabinetts entgegen. Nachmittags 5 Uhr stattete der Kaiser dem Reichskanzler einen Besuch ab. Der Kaiser ist heute früh 8 Uhr nach Altona-Hamburg abgereist.

Der Reichskanzler begibt sich heute nach Schloß Bebenhausen, um dem Königvon Württemberg seine Aufwartung zu machen.

< Tie schwedischen Tarifverhandlungen, die sowohl in Stockholm wie in Berlin geführt werden sollen, dürften kaum vor dem 1. Oktober beginnen. Bom 1. Sevt. ün sollen wiederum vertrauliche Berhandlunaen zwischen der deutschen Regierung und den deutschen Interessenten stattfinden.

In dem durch die Mandatsniederlegung des Abgeordneten Mueller-Sagan freigewordenen 4. Berliner Landtagswahlkreis will die Fortschr. Volkspartei den Hirsch-Dunkerschen Verbandsanwalt Stadtverordneten Goldschmidt als Kandidaten aufstellen, der schon früher dem Abgeordnetenhause augehört hat.

Ausland.

Der vierte internationale Kongreß^r Handels­kammern und sonstigen Handels- und Industrievereinigungen wurde in London mit einer Ansprache des Handelsministers Buxton eröffnet. Die Zahl der Teilnehmer beträgt 450; unter ihnen befinden sich vierzehn Vertreter aus Deutschland. .

Der englische P r em i e r m in i st er A s g ui t h empfing zwei D b o r d n u n g c n v o n I r a u e n , die eine gehörte dem Verbände des Vereins für Frauenstimmrecht an, während die andere aus Vertreterinnen brr Frauenliga gegen das Frauenstimmrecht be­stand. Bekamitlich hat die bisherige Weigerung Asquiths, die Anhängerinnen des Frauenstimmrechts zu empfangen, im ver­gangenen Jahre Anlaß zu Unruhen in der Nachbarschaft des Parlaments gegeben. Asquith hob beim Empfang der An- höttgertnnen des Frauenstimmrechts hervor, da bei den maßgeben­den Persönlichkeiten beider Parteien die Meinungen über das Frauenstimmrecht weit auseinander gingen, erscheine cs ihm nicht als wahrscheinlich, daß irgend eine Regierung dem Parlament einen Gesetzentwurf über das Frauenstimmrecht vorlegen könnte. Die Aussichten für die Annahme eines solchen Gesetzentwurfes würden außerordentlich schwach sein. Er sei indessen der An­sicht, daß dem Unterhaus Gelegenheit geboten' werden müßte, feine Meinung darüber zu äußern. Er werde dem Kabinett die Wünsche der- Deputation unterbreiten und im Unterhause eine Erklärung darüber abgeben.

Die französische D e pu t i e r t c n ka m m e r setzte heute die Beratung der Interpellationen über die allge­mein e P o l i t i k fort. Turmal (Svz.-Rad.l sprach den Wunsch aus, daß die Arbeiterfürsorgegesctze auf die ländlichen Arbeiter aus­gedehnt würden. Augagneur lunabh. Svz.) crLärte, er stelle fest, daß trotz des wirtschaftlichen Gedeihens des Landes die sFinanzlage Fraickreicl)s nicht befriedigend sei. Deschanel lLinks- rcpublikaner) trat für das Proportionalwahlsystem ein, bekämpfte aber die Erneuerung eines Teiles der Mandate und die Verlänge­rung der Legislaturperiode. Der Redner forderte die Regierung auf, Reformen im Verwaltungs- und Gerichtswesen einzuführen Und Achtung vor der persönlichen Freiheit, für die Freiheit bei) Arbeiter und für Gleichheit vor dem Gesetze zu sorgen. (Leb­hafter Beifall.)

Nach derVossischen Zeitung" haben die diplomatischen Vertreter Chinas im Auslande den Auftrag erhalten, den in Europa imb in Amerika studierenden chinesischen Studenten mitzuteilen, daß das Ministerium für Erziehungswesen ein Verbot erließ, das den Studenten untersagt, eine Ehe mit einer Ausländerin einzugehen.

Ein Telegramm aus Cananea tMexiko' meldet eine revo­lutionäre Bewegung und die Verkündigung des Kriegs- gesehcs in Cananea und in anderen Grenzstädten. Die Bewegung ist im nördlichen Teile von Mexiko unter iuugen Leuten entstanden, die politische Freiheiten verlangten. Der Ausbruch war für den Wahltag am 26. Juni beabsichtigt. In der Provinz Snora wurden Hunderte von Verhaftungen vorgenommen. Die Anführer sind deportiert worden.

. Der Friede im Saugewerbe.

Dresden, 21. Juni. Die Maurer nahmen heute die Arbeit wieder auf.

Stuttgart, 21. Juni. Tie Maurer und die Bau­hilfsarbeiter haben beschlossen, die Arbeit noch nicht wieder aufzunehmen. Eine heute im Gewerkschafts­haus stattgehabte Versammlung beschäftigte sich mit dem Dresdener Schiedsspruch. Die Aufnahme der Arbeit in Gr.-Stuttgarl hänge von dem Beschluß des gegenwärtig in Charlottenburg tagenden Verbandstages der "Maurer ab.

Kaiserslautern, 21. Juni. Die hiesigen Bau­handwerker haben in einer gestern abgehaltenen Versamm­lung beschlossen, den Spruch des Dresdener Schiedsgerichtes anzunehmen und die Arbeit wieder a u s z u n e h nt c n.

Straßburg i. E., 21. Juni. Eine heute nachmittag stattgehabte Versammlung der an der Tarifbewegung im Baugewerbe beteiligten Arbeiter beschloß, die Arbeit morgen noch nicht wieder aufzunehmen, sondern morgen abend in einer neuen Versammlung endgültig darüber Beschluß zu fassen. Der Vorsitzende der Ver­sammlung erklärte, daß er die Verantwortung eines be­stimmten Beschlusses heute nicht übernehmen könne, weil die Vertreter des Lokalverbandes in Berlin abwesend seien.

Hauptversammlung der Ernst-Ludwig- vereint

R.B. Darmstadt, 21. Juni.

. Der Ernst-Ludwiq-Verein, Hessischer Zentral-Verein für Er­richtung billiger Wohnungen, hielt heute seine Hauptver-, sammlung ab, die sehr zahlreich aus allen Lanbesteilen be­sucht war. An Stelle der verhinderten beiden Vorsitzenden leitete Oberbürgermeister Köhler- Worms die Versammlung. Er be­grüßt dann die Ehrengäste, darunter den Fürst zu Solms-Brann- fels und den Vertreter der Regierung Oberregiernngsrat Dr. Hölzinger, sowie eine Anzahl Kreisräte und Bürgermeister.

Der Generalsekretär, Landeswohnuugsinspektor G r e tz s ch e l erstattete daraus den Geschäftsbericht, dem folgendes entnommen sei

Das W o hnungsan gebot hat sich im Berichtsjahre nicht günstig entwickelt, nachdem schon im Jahre vorher das gleich^ festgestellt werden mußte. Es ist dies in erster Linie die Folge der geringeren Bautätigkeit. In einer nicht geringen Zahl von Gemeinden hat die Wohirungsproduktion noch nicht die Hälfte des Umfanges normaler Zeiten erreicht. Der Wvhnungsm'aiigel bezieht sich in manchen Gemeinden hauptsächlich ans eigentliche Kleinwohnungen, in manch anderen wiederum auf größere Woh­nungen. Nicht feiten fommt es vor, daß nicht eine einzige Woh- nung Icc< steht.

Auch die gemeinnützige Bautätigkeit war geringer als in nor­malen Zeiten. Es wurden von Bauvereincu im Jahre 1909 erstellt 62 Häuser für 78 Familien im HerftelkungSwerte von rund 12 Million Mark. Das sind an sich ganz ansehnliche Zahlen. Auch die Bauvereine, die auf durchaus wirtschaftlicher Grundlage arbeiten, müssen in ihren Maßnahmen vorsichtig sein. Die bei ihnen angelegten Kapitalien sind immerhin erheblich. Haben sie doch bisher schon Werte von mehr als 7 Millionen Mark geschaffen, wie sie verfügen über ein Geschäftskapital von rund b/i Millionen Mark. Ihre Reserven betragen nahezu <300 000 Mark, 27 Proz. des eingezahlten Geschäftskapitals. Ihre praktische Tätigkeit gewinnt übrigens erheblich an Bedeutung. Ganz zweifel­los zeigt sich ihr günstiger Einfluß auf das Wohnungswesen und die von einer Anzahl Bauvereine errichteten Wohnviertel haben sich als eine Wohltat für die minderbemittelten Familien erwiesen. Bautätigkeit in größerem Umfange haben im Berichtsjahre aus- geübt: der BauvereinDaheim" in Darmstadt, BauvereinEigen­heim" in Offenbach und die gemeinnützige Baugenossenschaft in Vilbel. Bei den Bauten sind nicht nur Gesichtspunkte der praktischen Einteilung, sondern auch ästhetische Rücksichten zur Geltung gekommen, lieber die Baukosten der neuen Häuser des Darmstädter Vereins liegen nähere Angaben vor. Es handelt sich um Zwillingshäuser. Jede Hälfte hat einschl. Wohnküche 6 sehr schöne Räume. Es ist bestes Material verwendet worden. Die Baukosten betragen rund je 6500 Mark, gewiß ein Beweis dafür, daß mit größter Sparsamkeit gebaut worden ist und trotz­dem wurde etwas Mustergültiges geschaffen. Neu entstanden sind tm Berichtsjahre drei Bauvereine, in Neckar-Steinach, Grün­der g und Roßdorf.

Von Gemeinden haben nur Worms und König Häuser mit kleinen Wohnungen in eigner Regie gebaut. Ferner ist von mehreren Arbeitgebern wieder Wohnungsfürsorge im Interesse ihrer Arbeiter betrieben worden. Was die Unterstützung der Bauvereine durch die Gemeinden anbelangt, so ist hier noch nicht alles so, wie es sein müßte und wie es vom Wohnungsfürs'vrge- gesetz beabsichtigt ist. Es herrschen noch mancherlei Vorurteile und unrichtige Anschauungen, auch wird das Risiko der Gemeinden bei der Bürgschaftsübernahme für Darlehen der Bauvereine oft weit überschätzt. Die Geldmittel für die gemeinnützige Bau­tätigkeit sind im Berichtsjahre fast allein von der Landesver­sicherungsanstalt bereitgestellt worden. Die Bauvereine wären ohne die Anstalt manchmal in Verlegenheit geraten, nachdem eine neuerliche Auslegung des Wohnungsfürsorgegesetzes durch das Justizministerium dahin geht, daß Darlehen für Wohnungszwecke ans der Landeskreditkasse nur so weit gegeben werden können, als die Bauvereine Mietshäuser bauen. Solche werden aber von diesen nur in geringer Zahl errichtet, das Streben geht auf Her­stellung Don kleinen Häusern zum Verkauf an Minder ­bemittelte. Die normale Wohnform ist daö eigene Haus und es hieße die Volksseele schlecht verstehen, wenn man den in jedem Menschen schlummernden Wunsch nach Erwerb eines eigenen Heims nicht nach Möglichkeit gerecht werden wollte. Darüber kann kein Zweifel herrschen, daß einem großen Teil der Bevölkerung dieses Ideal verschlossen bleibt. In unserem Lande ist die Mög­lichkeit, kleine Eigenhäuser zu errichten, noch in großem Umfange vorhanden, man bedenke, daß im Berichtsjahre selbst in Darmstadt und Offenbach kleine Häuser zum Verkauf gebaut wurden. Ich halte das aller Theorie zum Trotz für eine sehr erfreuliche Tat­sache. Man hält dem das Gespenst der Spekulation entgegen. Gewiß, die Gefahr besteht. Aber durch den Normal-Kaufvertrag wird der Spekulation für lange Zeit tiorgebeugt.

Die Wohnungsreform umschließt auch ein Stück Erziehungs­arbeit. Als ein schweres Hindernis hängt an allen ihren Be­strebungen die Verständnislosigkeit für die Bedeutung einer guten luib gesunden Wohnung oder der Mangel an gutem Willen, eine olche zu bezahlen. In ben Fallen letzterer Art wird freilich m der Regel auch ein Aufklären oder Belehren wenig nützen, während da, wo nur Mängel in der ordnungsgemäßen Benutzung der Wohnung herrschen, iwch eher auf Besserung gerechnet werden kann. Das von dem Verein für diese Fälle ausgearbeitete Merk­blattRegeln für gutes und gesundes Wohnen^ hat große Ver­breitung gefunden.

In der letzten Borstandssitzung ist u. a. beschlossen worden, an die Sparkassen, Berufsgenossenschaften und Krankenkassen heran­zutreten, damit diese für den Kleinwohnmigsbau Mittel zu gün- Itigcn Bedingungen bereitstellen. Namentlich von den Sparkassen wird erhofft, daß sie dem Nachkommen. Sckwn bisher haben sich mehrere Sparkassen in dieser Richtung betätigt. Weiter wurde beschlossen, an die Regierung eine Eingabe zu richten, irm eine andere Aus l e gung des Wohnungsfürsorge- ge setz es hinsichtlich der von mir schon vorhin erwähnten Dar­lehenshergabe aus der Landeskreditkasse zu erreichen. Endlich beschäftigte sich der Vorstand mit der in der vorjährigen Haupt­versammlung angeschnittenen Frage der staatlick>eu Bodenpreis- polittk. Auch in dieser Richtung soll mit der Regierung Fühlung genommen werden. Uebrigens sei hervorgehoben, daß vor kurzem die Forstverwaltung einer Baugenossenschaft bei Erwerb siskali- chen Geländes sehr entgegengekommen ist.

Der im vorigen Jahre von Professor Dr. Bier wer ge­haltene Vortrag über die Geldbeschaffung hat in Fachkreisen große Beachtung gefunden. Die Vorschläge des Herrn Dr. Biermer ind soweit ich übersehen kann als durchaus brauchbar bezeichnet worden. Ich bin überzeugt, daß sie noch weitere Kreise ziehen und auch noch praktische Folgen haben werden.

Der Verein hat jetzt eine beinahe achtjährige Tätigkeit hinter si.ch. Fragt man, wie letztere auf das Wohnungswesen ein­gewirkt hat,, so darf inan von guten Erfolgen sprechen. Es steht außer Zweifel, daß sich in den letzten Jahren die Wohirungs- verhältnisse erheblich gebessert haben. Mißstände sind beseitigt worden, von Gemeinden und Bauvereinen wurde eine ansehnliche Zahl guter Kleinwohnungen erstellt, die Privatbautätigkeit ist häufig mit Erfolg zur Errichtung von kleinen Häusern angeregt worden. Die kommunale Bodenpolitik hat erheblich an Aus­dehnung gewonnen. Eine solche wird nicht nur von den fünf großen Städten in wesentlichem Umfange betrieben, sondern auch mehrere kleinere Städte und Gemeinden sind hier sehr erfolgreich tätig. Wohl in keinem anderen deutschen Bundesstaate ist die Organisation der Wohnungsreform so umfassend und bis in die kleinsten Gemeinden dringend, wie in Hessen. Recht wünschens­wert wäre es, wenn man in anderen deutschen Staaten baldigst mit ähnlichen Maßnahmen nachfolgen nröchte. Es könnte sonst der Eindruck entstehen, als ob bei uns wohl die Wohnungs­verhältnisse besonders schlecht seien, was keinesfalls zutrifft. Man kann behaupten, daß es viele deutsche Landesteile gibt, die einer Reform des Wohnungswesens viel mehr bedürfen als wir.

Nach dem Tank des Vorsitzenden an den Generalsekretär er­stattete Direktor Doering- Gießen den K a s s e n b e r i ch t Der Vermögensstand belief sich Ende 1908 auf 3251 Mk Tie Ein­nahmen 1909 betrugen für Mitgliederbeiträge 4571 Mark, für verkaufte Drucksachen 6119 Mark, in Summa 10 691 Mark Die Ausgaben stellten sich auf 10 479 Mark. Zu dein Mehr von 211 Mark kommen norfr die kapitalisierten Zinsen für 1908/09 mit 253 9^01-?, so daß sich für Ende 1909 ein Vermögensstand von 3716 Mark ergibt.

Bei der darauf vorgenommenen Neuwahl von Vorstandsmit­gliedern wurden die drei Ausscheidenden Geh. Rat Dr. Dietz, Darmstadt, Oberbürgermeister Dr. G ö 11 e l m a n n , Mainz und Pfarrer Loos, Butzbach wiedergewählt.

Dann begannen die V o r t r ä g c. Zuerst sprach Professor Dr. Rudolf Eberstadt - Berlin überDie Ausgestalliing der Bebauungspläne in großen und Heinen (Vernein' d e n", wobei er eine Reihe interessanter Streiflichter auf das Woh­nungswesen in Hessen warf. In Hessen verlangt die Hauptmasse der Bevölkerung (92%) die kleinen und die kleinen Mittetwoh- nungen. Unser Wohnungsbau müsse daher im Wesentlichen Klein-Wohnungsbau sein. Ter Kleinbau müsse dein Städtebau das Efepräge geben. Die Vermehrmig der Bevölkerung in Hessen sei stark und stetig, und von den verschiedenen Crimrbs- sormen hätte die Landwirtsck>aft in Starkenburg und Rheinhessen einen starken Mckgang erfahren, auch Oberhessen habe einen Rück­gang um 7I/2% zu verzeichnen, während Industrie und Handel eine starke Zunahme aufweist, bis zu 30%.

Es fei vor allem mit dem Gedankenkreis zu brechen, ans dem das Baufluchtliniengesetz herv'orging. Wan verlange Ord­

nung im Straßenbau, aber keine Schablone. Die drei Zicke, die man dafür aufstellte: Verkehr, Feuersicherheit und öffentliche Gesundheitspflege, seien gänzlich ungeeignet, um eine richtige Grundlage für das Wohnungswesen zu schaffen. Die Kun'st der Geländeaufteilung sei der vornehmste Zweck des Be­bauungsplanes, und diese Kunst sei leider fast ganz abhanden ge- ?ommen. Das neuzeitliche Bauwesen müsse auf dem bewußten Zweck der Straße beruhen, die .sich scheide in Verkehrs unb Wohnstraße. Die letzten solle lediglich Wohngelände ausschließen, es für die Bebauung bereitstellen guf die billigste und vorteil- Hasteste Weise unter Berücksichtigung des Wohnbedürfnisses und der Häuslichkeit der Anwohner. Tie Wohnsttaße brauche kein schnurgerades Pflaster, die Sackgasse, diese heimlich traute An­lage, müsse im modernsten Städtebau nrieber ausleben. Der Redner wies in seinen l1 ^stündigen Ausführungen besonders auf die viel­fach günstigeren Verhältnisse in England hin und erläuterte dann an der Hand von Illustrationen die prattische Art des Klein- wohnungsbaus.

Den zweiten Vortrag hielt Regierungsrat P i ft o r - Darm­stadt über das Thema:W ohnungsfrage und Säug­ling s s ü r s o r g c". Er wurde ebenfalls sehr beifällig aus­genommen.

Ans Stadt uttfc Lasrd.

Gießen, 22. Juni 1910.

* Lande? Universität. Der ordentliche Profeffor der Forstwissenschaft, Geheimerat Dr. Richard Heß, der zum 1. Oktober in den wohlverdienten Ruhestand tritt, begeht morgen in vollständiger körperlicher und geistiger Frische seinen 7 5. Geburtstag.

OrdenSauSzeichnung. Der König von Preußen hat den nachbenannten Offizieren ?c. die Erlaubnis zur An­legung der ihnen verliehenen nichtpreußischen Orden erteilt, und zwar: des GroßkreuzeS des Hessischen LudewigsordenS: dem Generaladjutanten General der Kavallerie v. Scholl, Generalkapitän der Schloß- und Leibgarde und Kommandeur der Leibgendarmerie; des Komturkreuzes zweiter Klasse des Hessischen Verdienstordens Philipps des Großmütigen: dem Generalmajor v. Hutier, Kommandeur dec 74. Infanterie- Brigade; des Russischen St. AnnenordenS dritter Klaffe: dem Hauptmann Schwierz im Leibgarde-Jnfanterie-Regiment (1. Hess.) Rc. 115.

* * Erledigte Lehrerstellen. Eine mit einem kath. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Eberstadt (Kr. Darmstadt); die mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Betzen­rod. Mit der Stelle ist Organisten- und Vorleferdienst verbunden.

* * Land Mirts ch afts ka. m m e r. Die auf gestern anberaumt gcmcsene Vorstandssitzung mußte wegen dringender landwirtschaftlicher Arbeiten a u s f a l l en. Ein neuer Termin für die Sitzung ist noch nicht bestimmt.

""Obsternte-Aussichten. Johanni ist vor der Tür und damit die Zeit, in der der Obst- und Gartenfreund die ersten Früchte seiner Mühe erntet. Die Gartenerdbeere lohnt reichlich mit herrlichen vollkommenen Früchten und ent­schädigt im voraus sür den in Aussicht stehenden geringen Ertrag der Stachel- und Johannisbeeren. Diese sind in der Blütezeit den kalten Nächten zum Opfer gefallen. Auch Kirschen und Zwetschen sind aus demselben Grunde nur dürftig behangen. Zwetschenkuchen wird ivohl im Herbst nur als Delikatesse austreten. Birnen gibt cS mäßig viele. Die frühblühenden Sorten haben unter kalten Regengüssen gelitten. Wer denkt nicht noch mit Entzücken an den herrlichen An­blick, den die diesjährige Apfelblüte bot?! Wenn auch der Blütenstecher manchen Keim vernichtet hat, so verspricht doch der Apfelbaum im allgemeinen den reichsten Erntefegen.

""Die Vergebung von Weißbinderarbeiten an den Marktlauben zeitigte folgende Angebote: Weißbinder- meister Eduard Kohlermann 201,77 Mk.; Rau 209,40; Eise 212,20; Weller 214,80; Pfaff 229,95 ; Herzberger 231,55; Schwall 241,25; Neuling 241,90; Wagner III. 252,85 und Wagner II. 269,45 Mk.

* * Die gestrige O p c r e t t e u v o r st e l l u ug, die uns den alten, lieben Vogelhändler brachte, der ein mal die l)albe Welt begeistert hat, war etwas besser be­sucht, als die vorhergehenden Borstellungeli, aber doch nicht so, wie man cs eigentlich erwarten sollte. Tic Tarstetlung, die sich unter Herm. Nordens Leitung inanchmal gar zu sehr ins Possenhafte verlor und durch ein paar recht ftnattc Improvisationen gewürzt" war, gelang im all« gemeinen recht gut. Fritz Sehb old sang den Vooelhändler mit frischem Temperament und anmutendem Geschick, unb wenn auch die Stimme nicht besonders groß ist, so erfreut sie doch durch eine sorgfältige, klare Behandlung. s3c- sonders gut gelangen ihm: Schenkt man sich :Ho)cit, unb- Wie mein Aehndl. Grete Brill erntete mit ihrer kecken, lustigen Briefchristei wieder ungewöhnlichen Beifall und mußte sich mit Hans Wernert als Gras Stanislaus zu einer Wiederholung dcS herzigen: Mir scheint, ich kenn dich spröde Fee! entschließen. Viel Beisall sand auch Else Ro- sarita, namentlich mit: Fröhlich Psalz und: Schenkt man sich Rosen. Große Heiterkeit riefen die beiden Professoren (Kürt Gühne und Friedr. Tim i an) in ihren burlesken Rollen hervor. Lore Scholz fand sich mit Humor in ihre Altjung fernrolle. Von den übrigen sind noch Otto Con r a d i als Schulze, Hilda T h c d e als Wirtin zu erwähnen. Der Chor und das Orchester unter Alfons Mourots Leitung unterzogen sich mit Geschick ihrer Aufgabe. Be­dauerlich waren die starken Kürzungen im 3. Aufzug. -I.

** Stadttheater. Am Dienstag, 28. Juni, findet als 6. Operettenabonncmcntsvorstellung eine Aufiülirung von StraußZ i g e u n c r b a r o n" statt. Es sei darauf hingewiesen, daß für die zweite Hälfte der Opercttengast- spiele noch T ei lab o n n e m e n t s ausgegeben werden, die eine wesentliche Ernräßigung gegen die' Einzclvreisc be­deuten. Bestellungen wolle man im Brieftasteu des Sta^l- iheatcrs niederlegen; Ausgabe der Karten ersotgt von Sonntag ab.

** Neue Fernsprechanschlüsse. Im Interesse möglichst ftühzeitiger Inangriffnahme der Arbeiteit zum weiteren Ausbau der Fernsprechanlagen ist cs erforder­lich, daß die Anmclbungen neuer Fernsprechanschlüsfc spä­testens bis znm 25. Juli den Kais. Telegrirpheiianstalten vorliegen. Verspätet an gemeldete Anschlüsse, die infolgedessen außerhalb des Bauplans nur mit Mehrauf­wendungen (z. B. durch besondere Entsendung einer Bau- lo tonne nfiu.i herzu stellen sind, werden in dem laufenden Bauabschnitt nur dann ausgefiihrt, wenn die Antragsteller zu den entstehenden Mehrkosten einen Zuschuß von 15 Mk. leisten oder, wenn diese Mehrkosten den Betrag von 50 Mk. übersteigen, den wirklich ausgcwcndctcn Kostenbetrag er­statten.

""Die Stenographen-GesellschastGabels» berg er" feierte am Samstag ihr 13. Stiftungsfest im