Ausgabe 
20.10.1910 Zweites Blatt
 
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Nr. 24«

Zweites Blatt

160. Jahrgang

Donnerstag 20. Oktober 1910

Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntag».

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UnwersuätS - Blich- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

DieGießener Kamiliendlätter" werden dem »Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Dietondwirtschaftlichen Seit- fragen erscheinen monatlich zweimal.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- stratze 7. Expedition und Verlag: e^5L Redaktion: e-qK 112. Tel.-AdruAnzergerGießen.

Mark. Nichttätige Gesellschaften mit beschränkter Haftung be­standen am 30. September 1909 2479; von ihnen befanden sich 1970 mit 305,16 Millionen Mark Stammkapital in Liquidation und 509 mit 72,11 Millionen Mark Stammkapital in Konkurs.

Die Geschästsergebniffe der deutschen Attien- gesellschaften im Zähre 1908 09

Das Kaiserliche Statistische Amt veröffentlicht in einem Er- pänzungshest zu denVierteljahrsheften zur Statistik des Deut­schen Reick-s" eine eingehende Arbeit über die finanzielle Gebarung Der deutschen Aktiengesellsä>aften im Jahre 1908/09. Diese Arbeit ist eine Fortsetzung der erftmalig für 1907/08 bearbeiteten Sta­tistik.

Von den am 30. Juni 1909 vorhandenen 5187 Aktiengesell­schaften (mit Ausschluß der in Liquidation oder in Konkurs be­findlichen) tarnen für die Rentabilitätsstatistik 4579 sogenannte reine Erwerbsges-ellschaften in Betracht. Denn auszuscheiden waren alle (Mel Hefa ft en mit nicht-wirtschaftlichen Zwecken, solche, die satzungsgemäß die Gewinnerzielung oder Dividendrmoerteüung aus­schließen oder beschränken, endlich solche, deren Bilanzen nicht oder lückenhaft veröffentlicht wurden, ohne daß durch Rückfragen Aufklärung zu erzielen war.

W Das einge^ahlte Aktienkapital der 4579 Gesellschaften betrug am Tage des Bilanzabschlusses 13 200,57 Millionen Mark. Die echten Reserven beliefen sich auf 2858,64 Millionen Mark = 21,7 vH. des eingezahlten Aktienkapitals. Bon jenen 4579 Gcsell- ^aften waren für 3060,62 Millionen Mark Obligationen im

Die Statistik für 1908/09 verzeichnet: a) 3688 Gesellschaften mit Jahresgewinn, b) 809 mit Jahresverlust und c) 82 ohne Jahresgewinn oder -Verlust. Bei den Gesellsck>aften zu a) be­llet sich der Jahresgewinn aus 1233,05 und bei denen zu b) der Jahresverlust auf 118,53 Millionen Mark, so daß der Jahres­mehrgewinn von sämtlichen 4579 reinen Erwerbsgesellschaften, 1114.52 Millionen Mark betrug. Vergleicht man diesen Betrag mit dem eingezahlten Aktienkapital, so ergibt sich für die Gesell­schaften eine Rentabilitätsziffer von 8,57 vH. und wenn man zweckmäßig erweise das ganze Unternehinungskapital (Aktienkapital + echte Reserven) berücksichtigt, eine Ziffer von 7,03 vH. (gegen- über 10,11 und 8,35 vH. für 1907/08).

Will man die Geschaftsergebnisse der Aktiengesellschaften vom Standpunkte der Aktionäre aus kennen lernen, so bieten die Zahlen für die ausaeschütteten Dividenden einen gewissen An­halt. Von den 4579 reinen Erwerbsgesellschaften verteilten im Jahre 1908/09 3271 Gesellschaften Dividende. Dies taten im Zahre 1907/08 von 4578 Gesellschaften 3425. Die Dividenden­summe betrug im Jahre 1908/09 959,70 Millionen Mark gegen­über 1022,60 Millionen Mark im Vorjahre. Auf das Mvidende- berechtigte Aktienkapital aller reinen Erwerbsgesellschaften machte dies 1908/09 7,38 vH. unh 1907/08 8,07 vH. aus.

Dieselbe Quelle enthält eine Uebersicht über die Aktiengesell­schaften, Gesellsck^aften mit beschränkter Haftung und sonstigen in deutschen Handelsregistern eingetragenen juristischen Personen am 30. September 1909. An diesem Tage waren im Deutschen Reiche 5222 tätige, d. h. nicht in Liquidation oder Konkurs be­findliche Aktiengesellschaften mit einem nominellen Aktienkapital vön 14 737,33 Millionen Mark vorhanden; hierunter befanden sich 98 Kommanditgesellschaften auf Aktien mit 600,94 Millionen Mark Kapital. Die 5222 tätigen Gesellschaften hatten im Deut­schen Reiche 1943 eingetragene Zweigniederlassungen, die sich auf 679 Gesellschaften verteilten. Bis 1 Million Mark Aktienkapital wiesen 2820, darüber hinaus 2402 tätige Aktiengesellschaften aus. Am 30. September 1909 waren 368 nichttätige Aktiengesellschaften einschließlich Kommanditgesellschaften auf Aktien vorhanden, näm­lich 288 in Liquidation und 80 in Konkurs mit 356,43 und 47,23 Millionen Mark Aktienkapital.

Von den erstmalig von der Reichssbatistik behandelten Ge­sellschaften mit beschränkter Haftung gab es an jenem Tage 16 508 mit einem Stammkapital von zusammen 3538,52 Millionen Mark, von diesem Betrag entfielen 1500,29 Millionen Mark 42,40 vH. auf Sacheinlagen. Jene 16 508 Gesellschaften hatten im Deutschen Reiche 982 eingetragene Zweigniederlassungen, die sich auf 587 Gesellschaften verteilten. Von den 16 508 tätigen Gesellschaften mit beschränkter Haftung hatten 3479, also etwa ein Fünftel, ihr Stammkapital nur aus den gesetzlichen Mindestbetrag von 20 000 Mark festgesetzt. 15 334 Gesellschaften hatten ein Stamm­kapital unter und 1174 Gesellschaften ein solches über 1 Million

Aus Stadt und Land.

Gießen, 20. Oktober 1910.

** Ruhestandsversetzung. Der Großherzog hack den evangelischen Pfarrer und Dekan, Kirchenrctt sWentin Schrimpf zu Butzbach auf sein Rachsuchen unter An­erkennung seiner langjährigen treu geleisteten Dienste und unter Verlerhung der Krone Kum Ritterkreuz 1. Klasse des

Ikirche und Schule.

Gießen, 19. Okt. Der Vortrag des Herrn Erzberger- Basel nn Gasthaus &um Löwen überKommt Christus nxh einmal oderWann kommt die Vergeltung" erfreute sich eines ziemlich guten Zuspruck)s. Es erscheine heutzutage fast als Ironie, so führte der Vortragende aus, wenn man von einer Wiederkunft Christi spreck>e, in einer Zeit, wo die Tatsache bezweifelt werde, ob denn Christus überhaupt gelebt habe. Das erste Kommen. Clxristi könne keinem Zweifel unterliegen. Wie aber steht es mit dem zweiten Kommen unseres Heilandes? Wer die Bibel genauen auf diese Frage, prüfe, dem werde die klare, unzweideutige Ant­wort zuteil, die and) Christus selbst seinen Jüngern als letztes Trostwort gegeben hat:Ich will wiederkommen!" Die Propheten des alten Testaments und die Apostel bezeugen es. Die Wieder­kunft Christi sei wörtlich aufzufassen. Das zweite Kommen Christi sei sür den Gläubigen die Zeit seiner Belohnung. Wann Christus wiederkomme, das wisse niemand. Doch werde an gewissen Zeichen, die Christus selbst anaibt, die Zeit seines 2. Kommens erkennbar sein. Trum müsse allen Christen zugerufen werden:Wachet!"

Aus Ob er Hess en, 19. Okt. Gestern tagte im Hotel Drapp zu Friedberg die Evangelische Konferenz für das Großherzogtum Hessen (die sog. Friedberger Kon­ferenz). Der angekündigte Vortrag des Professors Wurster zu Tübingen, früher am evangelischen Predigerseminar zu Friedberg, über das Thema: LebenoigeGemeinden, eineLebens- frage b e r evangelischen Kirche, hatte eine große An­zahl Geistlicher und Laien angelegen. Der Vortragende führte aus: Lebendige Gemeinden sind nicht bloß kirchlich, sondern vor allem seelsorgerlich und karitativ tätige. Sie zu bekommen, ist eine Lebensfrage der deutschen evangelischen Volkskirche; denn nur dann bekommen wir in unseren Gemeinden soziale Gebilde mit anziehender und zusammenhaltender Kraft; nur dann kann die erforderliche ganze Arbeit auch wirklich geleistet werden; nur dann wird die Gemeinde bewahrt vor innerlicher Lähmung und äußerlicher Zerreißung durch Richtungsunterschiede; nur dann kann das allmählich zunehmende Zurücktreten der ftaatlid^i Rechtshilfe statt zu schaden, Vorteile bringen. Das Prinzipale Mittel hierzu bleibt die lebendige, überzeugte Wortverkündigung, wobei der Pfarrer Hilfsarbeit aus der Gemeinde sich verschaffen muß. Besonders ist mannigfaltige Mitwirkung der Gemeinde­mitglieder nötig zur Liebes- und Zuchtübung (nicht im Sinne von Kirchenzucht), zu einer alle Klassen und Stände verbindenden Geselligkeit. Die Hilfe muß auf dem Wege der Freiwilligkeit gefunden werden. Die freien Vereine sind als Hilfsmittel und Uebungsfeld der Gemeindepflege wichtig. Umfang und Art der Arbeit, ebenso das Maß direkter tätiger Beteiligung des Pfarrers richtet sich nach den Gemeindeverhältnissen. Drei Stücke rät der Vortragende anzustreben: 1. Seelsorgerhilfe (Jugendfürsorge), 2. Gemeindediakonie in weitestem Sinne, 3. Abhilfsmittel, Be­schaffung eines Gemeindehauses und Anlage und Führung eines genauen Seelenregisters. Aus der ©rftarfung des Gemeindelebens erhofft der Vortragende heilsame Folgen für Gottesdienst und Wirksamkeit von Predigt und Religionsunterricht. Reicher Bei­fall lohnte die einfachen und klaren Ausführungen. Direktor Dr. Eger sprach den Dank der Versammlung aus und leitete eine Generaldiskussion ein, welche jedoch keine besonderen Momente zutage förderte, da der Vortragende sein Thema gründlich bv, handelt hatte.

Bisher ist in Hoclwerrats- und Landesverratssachen für daZ Hauptverfahren der vereinigte zweite und dritte Strafsenat des Reichsgerichts zuständig. Dazu lag der Antrag vor, das Haupt- verfahren in erster Instanz vor dem zweiten Strafsenat, in zweiter Instanz vor dem vereinigten dritten und vierten ©traf* |enat statt finden zu lassen. Der Antrag fand nicht die Mehrheit^

Ter Ausschuß vertagte sich hierauf auf Donnerstag.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhefsen

Die Reichsversicherungrordnung.

:: Berlin, 19. Oktober.

Der Reichsversicherungsausschuß begann heute nach Erledigung des Buches über die Beziehungen der Versicherungsträaer zu­einander und zu den Gemeinden und Armenverbänden Die Be­ratung des letzten Buches, das Dom Verfahren handelt. In einer allgemeinen Besprechung trug ein Mitglied der natio­nalliberalen Partei noch einmal die bekannten Bedenken vor, die gegen die Mitwirkung der Versicherungsämter als untere Instanz in strittigen Fällen bei der Unfallversicherung erhoben werden. Staatssekretär Delbrück bezeichnete das als Etikettenfrage. Das Reichsversicherungsamt müsse entlastet, dem Versicherten aber doch die Möglichkeit geboten werden, zweimal vor einer paritätisch besetzten Instanz seine Interessen zu ver­treten. Ein anderes nationalliberales Ausschußmitglted erwiderte hierauf, man möge den ehrenamtlich tätigen Herren der Berufs­genossenschaften nicht durch Einschränkung der Selbstverwaltung die Ärbeitssreudigkeit nehmen. Das Reick)sversichernngsamt müsse Rekursinstanz sein. Ministerialdirektor Caspar legt dar, daß der Umfang des Apparats des Reichsversicherunasamts keine weitere Belastung dulde. 165 Personen seien dort schon an der Rechtsprechung beteiligt, trotzdem seien kolossale Reste zu er­ledigen. Die Einheitlichkeit der Rechtsprechung sei bei solchem Umfang nicht gewährleistet. Es sei vielleicht zu empfehlen, Nicht­beachtung von Erkenntnissen des Reichsversicherungsamtes als Revisionsgrund anzusehen. Ein Zentrumsredner hält eine Entlastung des Neichsversicherungsamles für untunlich, solange nicht das Versicherungsamt die von der Regierung vorgeschlagene Form erhalte. Der Staatssekretär gibt sich der Hoff­nung hin, daß ein Ausgleich der konkurrierenden Interessen bei der Ausgestaltung der Versicherungsämter sich erzielen lassen werde. Es werde sich darum handeln, in welcher Form derständige Stellvertreter" beschlossen wird. Ein Vertreter der Konser­vativen begründet nochmals die ablehnende Haltung feiner Fraktion gegenüber den Versicherungsämtern.

Weiterberatung: Donnerstag vormittag.

Die Meile Lesung der Zuftizgcsetze im Ausschuh.

:: Berlin, 19. Okt.

Der Strafprozeß ausschuß änderte in feiner heutigen Sitzung in Konsequenz feines gestrigen Beschlusses über die Berufungs­senate in Strafkammern den § 99 des Gerichtsverfassungsgesetzes, ging aber weiter und nahm einen Antrag an, daß die Berufungs­senate außerhalb der Haupt Verhandlung in der Besetzung von 3 Mitgliedern einschließlich des Vorsitzenden entscheiden, in der! Hauptverhandlung mit 5 Mitgliedern besetzt sein müssen. Im § 99 war weiter bestimmt, daß die Bestimmung über die Zu­sammensetzung der Berufungssenate, namentlich darüber, welcher Oberlandesgerichtsrat Mitglied fein soll und wie der Vorsitz zu regeln ist, durch den Präsidenten des Oberlandesgerichts er­folgen soll.

Zu § 118 lag der Antrag vor, auch FrauenzuSchöffen zuz ul assen, fanb aber nicht die Mehrheit. Ferner wurdä beantragt, die Mitglieder des Ausschusses, dem die Auswahl der Schössen übertragen ist, auf Grund allgemeiner, gleicher, ge­heimer und direkter Wahl durch die volljährigen Einwohner des Amtsbezirks nach den Grundsätzen der Verhältniswahl wählen zu lassen. Auch dieser Antrag wurde abgelehnt.

Die Regierungsvorlage bestimmt, daß Volksschullehrer zu dem Amte eines Schöffen nur bei den Jugend­gerichten berufen werden können. Der Ausschuß hatte in der ersten Lesung diese Bestimmung gestrichen und damit den Lehrern ganz allgemein die Berechtigung gegeben, Schöffe zu werden. Nack) heftiger, zmn Teil persönlich zugespitzter Aus­sprache wurde die Regierungsvorlage mit 15 gegen 13 Stimmen wiederhergestellt, da ein Zentrumsmit- 9 lieb, das in der ersten Lesung für das Schöffenrecht der Lehrer gestimmt hatte, durch ein anderes ersetzt worden war und auch die Polen gegen den Beschluß erster Lesung eintrateik

Heiligendamms Geschichte.

In aller Munde ist neuerdings Heiligendamm, und es könnte sich als Badeort wohl kaum etwas Besseres wünschen, wenn nicht ein Häkchen dabei wäre. Es wird sich dieses Häkchen aber sicherlich bald beseitigen lassen.

Eine alte Sage meldet, wovon Heiligendamm fernen Namen bekommen hat. In einer Nacht wütete! ein furchtbarer Sturm wohl von Nordwesten oder Nordosten her. Da überkam die Mönche des Zisterzienserklosters Doberan die Angst, es könne die Ostsee über ihr Kloster herfallen und es mit allem, Ivas darin, zerstören. In ihrer Not fdyitften sie heiße Gebete zum Himmel empor: der erhörte sie auch und warf am Seestrande aus -Steinen einen Wall auf, der seitdem das Land dort vor der See schützt. Das ist der heilige Damm. In der Tat zieht sich, wie jedem, der Heiligen­damm besucht hat, bekannt ist, ein aus Gerölle bestehender Damm, derStrandwall", daselbst am Meeresufer hin.

Heiligendamm ist das älteste aller deutschen Seebäder, ge­gründet 1793. Davon zeugt ein zur Feier des,50jährigen Bestehens des Bades auf dem Ktrrplatz ausgerichteter Findlingsblock mit der Inschrift:Friedrich Franz I. gründete hier Deutschlands erstes Seebad 1793/1843." Dazu muß vemerkt werden, daß HeUigendamm noch viele Jahre nach seiner Gründung nur .eine Badeanstalt für Doberan war. Von Doberan begab man .sich im Wagen oder zu Pferde oder zu Fuß nach Heiligendamm, um dort M baden, undSeebad Doberan" hieß der Ort, wo die Badegäste wohnten. Mit der Zeit ttnirbe das anders. Zuerst wurde ein Badehaus errichtet, bann ein Restaurationshaus, endlich ein Kur- gedäude, dem eine Reihe von Villen sich anschloß. Lange war ADtiligenbamm grobherzogliches Eigentum, 1873 kam es in den Besitz einer Aktiengesellschaft, wurde 1885 Eigentum eines Barons von Kahlden und ging von diesem auf seine Erben über. Zuletzt ist es, wie bekannt, in Hände geraten, die besser weit davon ge­blieben wären.

Heiligendanrm galt früher für ein Seebad, in dem ein sehr exquisites ^Publikum verkehrte.Großherzogs" pflegten im Sommer bart au fein, und der mecklenburgische Landadel suchte jnit Vorliebe diesen Badeort auf. Es wurde erzählt doch was wird nicht alles erzählt!, daß dort die Glücksgöttin Fortuna gern ihr Rädchen rollen ließ. Seit Jahren schon hat sich aber Heiligendamm dem großen Sommerfrischlerpublikum erschlossen, von dem es fleißig be­sucht toirb, und gewiß mit Reckst, denn es Ilieat in entzückender Land­schaft. Zu den Reizen bieser Strandlandschaft gehört besonders hoher Erchen- und Buchenwald. Als zwei Sehenswürdigkeiten ngentümlidyer Art gelten der Spiegelsee unb der Gespensterwald. Letzterer hat seinen Namen davon, daß an seinem Rande infolge der Einwirkung deS Seewindes bas Stamm- und Astwerk der Bäume skelettartig hervortritt. Solchen Gespensterwalb bekommt man übrigens auch sonst noch an ber Ostseeküste sehen.

Heiligendamm ist leicht zu erreichen, seit bte RostockWis­marer Bahn über Doberan geht, unb im Sommer eine Straßen- dampfbahn den Verkehr zwischen Doberan unb Heiligerldanun

vermittelt. Auch gibt es in der Saison einen starken DampfSr- verkehr zwischen Heiligendamm und den anderen mecklenburgischen Seebädern.

Ich bin oft in Heiligendamm gewesen, einmal Um 1891 mitten im Winter. Die Chaussee verschmähend, wühlte ich als Fußwanderer von Warnemünde aus den Landweg über Elmenhorst unb Rethwisch nach Doberan. Es war um bie Jahreszeit ein böser Weg, besten letzten Teil ich im Finstern, ohne baß mir auch nur ein Stern leuchtete, surücklegte. Ich übernachtete in Doberan unb wanderte anderen Tages nach Heiligendamm, wo eine wunder­bare Winterlandschaft sich meinen Augen erschloß. Im November vorher aber hatte ein Orkan getost, wie er selten vorgekommen ist. Ter Steg und die Badehütten in Heiligendamm wurden zerstört, ia, über den Strandwall war die empörte See aesprungen und hatte viele Waldbäume erttwurzelt. Nun ja, das Kloster Doberan existierte ja nickst mehr, und keine Mönche gab es dort, um bie See durch Gebet zur Ruhe zu bringen. Trotzdem war zuM Glück, wenn Heiligendamm auch schwer zu leiden gehabt hatte, Doberan selbst verschont geblieben.

Warnemünde. Johannes Trojan,

Eine mysteriöse Krankheit. Im Jahre 1445 brach während der Kämvie zwischen Richard III. unb Heinrich VIL von England eine mörderlsche Seuche aus, bie bis dahin völlig unbekannt geblieben war und bie nach kaum 100 Jahren wieder so spurlos verschwand, daß man sie heute kaum noch dem Namen nach kennt. Es ist dies, wie Prosessor v. Linstow in der Zeit schritt Hannoverland- mitteilt, der sogenannte.Englische Schweißt eine Krankheit, deren Namen man nur in den wenigsten medi­zinischen Lehrbüchern findet. Der Englische Schweiß befiel bie Menschen ohne alle Vorboten; er begann mit einem kurzen Schüttel- tröst und Zittern, in Händen und Jüßen wurde Kribbeln oder Amelsenkriechen empfimben, bann traten Kovstchmerz und Schlas- sucht am, eine tödliche Angst befiel die Kranken, es zeigten sich Atemnot unb Herzklopfen, und nun brach ein heftiger, übelriechender schweiß aus, ber der Krankheit den Namen gegeben hat. Tie Rranfeiijpnrben von Erbrechen befallen, Schmerzen im Nacken, in den Schultern, in den Beinen traten auf, und unter Jrrereden und großer Schwäche trat der Tod ein; in 24 St linden war meistens alles entschieden. Die wenigen, die am Leben blieben, waren mindestens 8 Tage lang noch hinfällig imb kraftlos und das einmalige Ueberflehen der Krankheit schützte in ferner Weise vor Rückfällen. Ergriffen wurden besonders kräftige Alenschen des mittleren Alters, Kinder und Greife blieben säst ganz verschont, fünfmal nacheinander zliletzt 1551 trat in England diese Krankheit in Form einer mörderischen Seuche auf, bie viele Tausende in kurzer Zeit hinraffte. Im Jahre 1529 griff derEnglische schweiß" auch auf dem Festland über; er erfchien zuerst in Ham- bürg, wo er m 14 Tagen 2000 Menschen hinraffte, unb durchzog dann ganz Deiitschland; in Preußen allein sollen der Krankheit 80000 zum Opfer gefallen fein. In Göttingen wütete sie besonder» furchtbar; ein Manuskript der bortiaen Universitätsbibliothek be­

richtet darüber näheres. Nach Profeffor v. Linstow ist es nicht zweifelhaft, daß die Krankheit durch einen sich im menschlichen Körper außerordentlich rasch vermehrenden Bazillus verursacht wurde. Seit 359 Jahren ist die Seuche völlig verschwunden; ihr Neuauttreten aber ist keineswegs eine Unmöglichkeit, denn auch von anderen Bolkskrankhelten ist es bekannt, daß sie nach langer Suibe plötzlich wieder erscheinen unb ihr furchtbares Zerstörungs­werk von neuem beginnen können.

Rußland als Pionier der Luftschiff ahrt. Ein nicht mmber neues als zweifelhaftes Faktum verkündet die ,No» 'vose Wremja" der staunenden Welt: die Vorherrschaft Rußlands m ber Geschichte der Lu'tschiffahrt. Die russische Zeitung stützt sich dabel auf eme im Münchner deutschen Museum befindliche alte russische Handschritt, in der es heißt, daß im Jahre 1731 der Be- amte Rrjafutfin in Njasan eine .Kugel" mit ,übd riechendem tauche gefüllt und dadurch den leibhaftigen Bösen angelockt hätte, mit dessen Hilfe er hoch in die Luft geflogen wäre. Tiefe Tatsache wurde bedeuten, daß in Rußland schon fünszig Jahre vor Mont- golfier em Luftballon aufgeftiegen sei. Ebenso seien auch die ersten Monoplane russische Erfindung gewesen. Sie wurden in Rußland von den Marineoffizieren A. M. Moshaiski und P. D. Kusminski angefertigt, der erstgenannte demonstrierte seinen Flugapparat be­reits im Jahre 1878. General Skobelew bat damals Moshaiski, feine Erfindung streng geheim zu halten. Bald darauf starb jedoch Mofbaiski und seine Erfindung geriet in Vergessenheit; das gleiche Schicksal traf auch den Apparat Kusminskis.

T" Gesichtszüge unb Umgebung. Es ist eine all* gemente er^xmung, baß sich bie Gesichtszüge imb wohl auch ber ubnge Ausbruck mit ber Zeit verändern, wenn er dauernd und aitsschlteßlich mit Leuten anbercr Rasse oder auch nur anderer Watwitalitdi verkehrt. Leute, bie sehr lange fern von ihrer Heimat gelebt haben, glerck-en auch in ihrem ganzen Aeußem mehr den Bewohnern tbrer zweiten als denen ihrer eigentlichen Heimat. ?lm allersonberbarften unb auffälligsten zeigt sich diese Erscheinung

Es, ist oft bekundet worben, daß Missionare, die Jahrzehnte lang m China gelebt unb gewirkt hatten unb habet vEicht weit tm Innern in fast ausschließlicher Berührung) mit Dem Voll unb m nur sehr seltener mit Europäern standen, in ihrer Körperhaltung und in iljren Gesichtszügen einen voll­kommen ckgneslschen Habitus angenommen hatten, so baß sie über- haupt rncm mehr als Europäer zu erfcmien waren. Noch stärker zeigt sich dieser Vorgang der Anähiilichung an eine fremde Rasse r er tnbern von Europäern, die sich bauernb in China nieber» gelaßen haben, auch wenn beide Eltern aus Europa flammen Er- klaren laßt sich diese Erscheinung wohl überhaupt nicht, unb man konnte zum Veraleich nur an bie Behauptung erinnern, daß Ebe- lange, unb innige Ehe miteinanber geführt

haben, schließlich auch äußerlich einander ähnlich zu werden be- gmnen. Äußerem könnte man daran glauben, daß die Gesicht^ bdbung eines Kindes angeblich durch die Eindrücke beeinflusst wrrd, unter baten bie Mutter während ber Schwangerschaft Mt,