Mittwoch 2«. Juli 1910
Die heutige Nummer umfotzt 10 Seiten.
Agent für manche weltliche Geschäfte ist. In hat der Staat alle sozialen Pflichten der Ki:
die
Die wirkliche Veranlassimg der Borromäus-Enzyklikä.
der
fährt. ausschl. Bestellg. Zeilenpreis: lokal I5Pf* auswärts 20 Pfennig. Chefredakteur: A. Goetz. Verantwortlich sür den politischen Teil: August Goetz; sür ^Feuilleton" und.Vermischtes"
K. Neurath; sür„Stadt u.Land" und „Gerichts-
dort der Vermittler mit der übrigen Welt, zugleich ber Agent für manche weltliche Geschäfte ist. In den Städten
Lan vergegenwärtige sich, daß das italie- feiner Leichtlebigkeit und seiner Starr- ls skeptisch ist. Wirkliche Macht übt der : nur noch auf dem Lande aus, weil er
Ueberflüssige Ordensverleihungen.
Ein paar treffende Bemerkungen, die in der „Rheln.-t Weftf. Ztg." ein „hoher Diplomat" macht, gegen überflüssige Ordensverleihungen verdienen weiterverbreitet zu werden, wenn es sich auch zunächst um preußische Verhältnisse handelt:
Es muß überraschen, daß in einer Zeit, wo höchst dringende sachliche Ausgaben vertagt werden müssen, um die Steuern nicht weiter zu erhöhen, als es ,im Reiche und Preußen ohnehin geschehen, Ministerium und Landtag unbekümmert Ausgaben votieren oder passieren lassen, die, wenn nicht ganz überflüssig, so doch jedenfalls zu den Luxusausgaben gehören. Früher, zur Zeit Fürst Bismarcks, wurden kostspielige Brillantorden an I n l ä n de r nur höchst selten verteilt. Ausländern gegenüber mußte die Reziprozität festgehalteu werden, und ganz besonders an russische Hof- und Staatsbeamte war diese Verleihung bei den zahlreichen Besuchen der Souveräne unter sich eine regelniäßige Erscheinung. An Inländer aber erfolgte eine solche Verleihung nur, wenn besonders lange Dienstjahre und eine gewisse Bedürftigkeit betagter Beamten Vorlagen, denen man auf diesem Wege bei ihrem Ausscheiden eine letzte, Freude bereiten wollte. Jetzt werden Brillanten nicht selten an die wohlhabendsten Persönlichkeiten verliehen, oder an Leute, die vermöge ihrer hohen Pension einer Unterstützung gewiß nicht bedürfen. In Berliner Gesellschaften kann man nicht selten den größeren Teil der Herren mit Brillaut- orden geschmückt sehen, während früher dieser Schmuck nur
zuführen, btt die vatikanische Kamarilla sich der Aufhebung einiger Sinekuren widersetzte.
Dieser materielle Niedergang verursacht dem Papste ernste Sorgen. Man vergegenwärtige sich, daß das italienische Volk trotz s> gläubigkeit durchau italienische Priester
Nach Italien kam nun Frankreich, das die Trennung ebenfalls durchsetzte. Nach Frankreich Spanien, nach Spanien Portugal, wo ebenfalls auf eine Trennung der Kirche vom Staat mit mehr oder weniger Recht als Grundbedingung wirtschaftlichen Fortschrittes hingearbeitet wird.
Dieser wirtschaftliche Fortschritt kann aber bei südlichen Völkern nur unter Anführung der nordischen, meist protestantischen Völker möglich sein. Bei dem jetzigen klerikalen Unterrichtssystem in Spanien ist zum Beispielen eine Heranbildung intelligenter Arbeiter als Vorarbeiter in industriellen Betrieben gar nic^t zu denken. Diese müssen aus dem Auslande, meist aus Deutschland, bezogen werden. Damit zieht jene geistige Disziplin, die einzig dem Effekt materieller Kräfte sich unbedingt unterordnet, em, und gegen sie ist die Lebensanschauung der katholischen Kirche ohnmächtig. Das Kapital, das die Bodenschätze ausbeutet, Hütten, chemische Fabriken, Handelsmagazine und Werften baut, entstammt dem Auslande, das in den Händen der einheimischen Aristokratie befindliche tote Kapital aber sängt an, gleichfalls dem moderneren Geldumsatz zuzufließen. An Italien hat sich dieser Prozeß zum Teil" schon vollzogen, zum Teil zersetzt er noch die weniger zugängliche sogenannte „schwarze Aristokratie" in Rom. Im Beginn, und deshalb noch heftig gärend, ist er in Spanien, dem Heimatlande des höchsten päpstlichen Ratgebers und der Heimat des angeblichen Verfassers der Borromäus-Enzyklikä.
Wenn also das herkömmliche Formular katholischer Gesinnung den Abfall der Reformatoren von Rom als den Beginn der Auflehnung gegen die Kirche beklagt, so ist doch die Ursache des hohenpriesterlichen Zornes nicht fünfhundert
nommen, zunächst braucht er Muße, um sich über alle wichtigeren Fragen seines Ressorts zu unterrichten, erst später kann er sich auf Einzelheiten einlassen. Soweit wir unterrichtet sind, besteht vorläufig nicht die Absicht, dem Landtage bereits in der nächsten Session eine neue Wahlvorlage zu unterbreiten, die Parteiverhältnisse haben sich nicht geändert, die Ehaneen für die Wahlreform sind also die gleichen wie bisher, wahrscheinlich dürfte die Frage erst nach den Landtagsneuwahlen gelöst werden. Betreffs des Feuerbestattungsgesetzes liegt Sache etwas anders.
politische Tagesschau.
Vom neuen preußischen Minister des Innern.
lieber das Ministerium Dallwitz wird uns von besonderer politischer Seite geschrieben:
Die Frage der Wahlreform hat in letzter Zeit wiederholt in der Presse erneut die Gemüter erregt, als der. neue Minister v. Dallwitz die Geschäfte übernahm. Man sprach davon, daß nunmehr, nachdem der Zauderer Moltke erledigt sei, der neue Mann eine neue Wahlvorlage ausarbeiten werde. Zunächst entscheidet über wichtige Fragen das Staatsministerium und der einzelne Ressortminister ist nur ausführendes Organ. Bis jetzt hat das Staatsministerium über die Wahlvorlage nach der Sitzung, in der die Zurückziehung der Vorlage beschlossen wurde, erneut keine Beschlüsse gefaßt. An der Auffassung des Staats- ministeriums, daß das gegebene Königswort in der Wahlfrage noch nicht eingelöst sei, hat sich nichts geändert und es rst deshalb als feststehend zu betrachten, daß die Wahlfrage später erneut den Landtag beschäftigen wird, lieber den Zeitpunkt der Einbringung ist bisher nichts beschlossen, auch über die Ausarbeitung eines neuen Gesetzes verlautet nichts. Herr v. Dallwitz hat sein Amt erst kaum über*
monatlich 75Ps^ vierteljährlich Mk. 2.20; durch Abhole- il Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch die Post M. 2.—viertel-
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abgenommen: die Taufe ist durch die Anmeldung auf dem Standesamt ersetzt, die kirchliche Ehe hat keine Gültigkeit, in den Hospitälern regieren die Aerzte, die Armenfürsorge liegt in den Händen von Privatbrüderfchaften, die auch die Bestattung übernehmen. Das Studium der sozialen Frage auf den Staat skat Hedem hat aber in den italienischen Industriezentren eine Reihe von privaten Stiftungen ins Leben gerufen, die der Belehrung und leiblichen Fürsorge dienen. Wo früher nur durch Unterwürfigkeit unter die Kirche ein sozialer Vorteil erreicht werden konnte, wo das öffentliche Bekenntnis zur katholischen Gesinnung im geschäftlichen und Familieninteresse vonnöten war, sind die alten Zusammenhänge mit dem Kirchenwesen sehr lose geworden. Es ist begreiflich, daß all die vielen Scherflein, die einst aus sozialen Gründen der Kirche zuflossen, heute an der Zentralstelle empfindlich vermißt werden. Die wenigen Schulen, die die Priester noch unterhielten, sind seitdem zum Teil geschlossen worden; selbst die Priesterseminare, über die der italienische Staat sich die Aufsicht Vorbehalten hat, können aus Mangel an Lehrmitteln und Lehrpersonal nicht ganz den geforderten Ansprüchen genügen, so daß der Papst erlauben mußte, daß die angehenden Priester ihre Studien auf den Staatsschulen vollenden dürfen, was für die Kirche stets einen Abgang an Kräften bedeutet.
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Jahre alt, sondern viel jünger. Die materiellen Schatten, welche über dem Vatikan lagern, haben jenen feindseligen Vorstoß gegen die Urheber der geistigen Bewegung, welche an den Unterlagen des Papsttums nagt, ausgelöstz
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Ein Zentrums'ärgernis.
Daß eS zwischen den Konservativen und dem Zentrum hin und wieder doch bemerkenswerte „Unstimmigkeiten" gibt, zeigt dec folgende Fall. Die „Krcuzztg." hatte sich gegen die Bemerkung eines Korrespondenzartikels gewendet, in der angedeutet wurde, die preußische Negierung sei bereit, durch innerpolitische Konzessionen (neue Wahlrechtsvorlage) sich die Bewilligung notwendiger Ausgaben sür die Landesverteidigung im Reiche zu erkaufen. Das Blatt sagte dazu: „Die Zumutung an den Reichstag ist unerhört, daß er dem Reiche die notwendigsten Mittel verweigern solle, um den größten und führenden Bundesstaat zu zwingen, eine Wahlrechts- Vorlage nach liberalen Wünschen einzubringen und durchzusetzen. Ein schlimmerer Schacher wäre in der Reichspolltik nie getrieben worden." Dann folgt der Satz: „Wenn das Zentrum die dem Reiche zu seiner Existenz nötigen Mittel nur gegen ' parteipolitische Zugeständnisse bewilligte, so war das schon schlimm genug."
Dazu lesen wir in der „Köln. Volksztg." folgende Sätze:
Der in diesen Worten enthaltene Vorwurf ist sehr alt. Wir haben ihn schon öfter hören müssen. Aber niemals ist er bis jetzt von denen, die ihn erhoben, bewiesen worden. Man will doch wohl nicht annehmen, daß die stete Wiederholung, mag sogar ein Fürst Bülow sich daran beteiligt haben, bereits einen Beweis dar stelle. Da die Kreuzzeitung, wie anerkannt 'werden muß, sich einer löblichen Loyalität auch gegenüber Andersdenkenden befleißigt, so möchten wir sie dringend bitten, ihre Behauptung mit Tatsachen zu belegen, damit wir endlich einmal wissen, was das Zentrum Böses getan hat, und damit es dann, wenn notwendig, auch sich bessern kann. Sollle die Kreuzzeitung den geforderten Beweis nicht erbringen können, dann müssen wir allerdings an sie die befremdende Frage richten: Welchen Zweier sie mit der Kolportierung liberaler Agitationsphrasen zu bienen gedenkt.
Von einem deutschen Gelehrten in Rom wird „Deutschen voltsw. Kvrresp." geschrieben:
Bei der Beurteilung der Borromäus-Enzyklikä: hat man sich bisher nur an die tatsächliche Beschimpfung der Protestanten gehalten und verabsäumt, die Enzyklika als Frucht weltpolitischer und weltwirtschaftlicher Vorgänge zu deuten. Obgleich den Deutschen die verlangte Genugtuung geworden -'st, scheint es doch angebracht, den Blick weiter hinaus *Z.u lenken.
p Daß der Papst so schnell sein Bedauern über die Wirkung feiner Worte auf Deutschland ausgesprochen hat, ist begreiflich, wenn man erwägt, daß sein Mahnruf eigentlich gar nicht den Deutschen galt. Denn mft diesen ist verhältnis- ' mäßig leicht auszukommen, hingegen bereitet die lateinische Bevölkerung dem Papst Unruhe; auf sie waren die Enzykliken gegen den Modernismus in erster Linie gemünzt, gegen sie hauptsächlich war es auch mit der Borromäus-Enzyklikä abgesehen. Schon Ende vorigen Jahres machte die römische Zeitung „La Vita" darauf aufmerksam, daß die teure Hofhaltung des päpstlichen Stuhles die Millionen aufgezehrt habe, die der Vatikan vom italienischen Staat für den aufgehobenen Kirchenstaat und die Klöster erhalten hatte, daß ferner der Peters Pfennig n o ch nicht ausreiche, um die ihn einiaffierenben Nuntien zu besolden. Pius X. ist es aber nicht möglich gewesen, Reformen, die auf eine Vereinfachung des päpstlichen Hofhaltes abzielen, durch-
Nr. 187 Erstes Blatt 160. Jahrgang
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Vie Königin Luise im Urteile einer Zeitgenossin.
Wertvolle Beiträge zur Kenntnis von Preußens schönster und berühmtester Königin enthalten die Erinnerungen der Gräfin Sophie Schwerin, geb. Gräfin Dönhoff, die, obwohl schon früher einem engeren Kreise bekannt, doch erst tn den letzten zwei Jahren durch zwei sorgfältige Neudrucke dem größeren Publikum zugänglich gemacht worden sind. Was die Gräfin, namentlich zur Charakteristik der Königin, ihrer geistigen Individualität, wie ihrer äußeren Erscheinung beibringt, gehört wohl zu dem Interessantesten, was je über die wunderbare Frau gesagt worden ist. Mit ungewöhnlicher Schärfe wendet srch die Gräfin dabei gegen die Übertriebenen und verhimmelnden Lobpreisungen solcher, die an Stelle des „ganz weiblichen Weibes" einen Phönix ideeller Vollkomme nhei t en aus der Königin machen wollten oder gar, wie ihre erste Biographin Frau v. Berg, geb. Gräfin Haeseler, oie liebreizende Frau zu einem starkgeistigen Blaustrumpf, zu einer Denkerin und Gekehrten zu stempeln suchten. Wir zitieren nach der „Boss. Ztg." einige interessante Stellen:
„Zu der Zahl berühmter Frauen", sagt die Verfasserin der Erinnerungen, konnte die Königin nur durch den ein- ziaen Ruhm gerechnet werden, der echter Weiblichkeit keinen Abbruch tut, durch den ihrer Schönheit. Wie die Alten für jeden Zustand und jede (sigenheit eine Normalform hatten, sich auszudrücken, so stehr ihre Gestalt als ewiges Musterbild der königlichen Frau unübertroffen da. Was uns die Geschichte von den Kleopatren, Marien, Ekisabetheu, Margarethen und Sophie Charlotten aufgestellt, immer wird der Begriff „Königin" für jeden, der sie sah, nur ihr Bild annehmen. Für. diese Gestalt war nur der Thron ein würdiger Sockel, sowie nur diese Gestalt einen Thron würdig gieren .konnte. Zu soviel Huld gehörte soviel Majestät, zu soviel Liebreiz soviel Würde. „Die Kunst", fährt sie fort, „hat uns wenig von dieser Gestalt aufbewahrt. Rauchs schlafendes Marmorbild auf ihrem Grabe in Charlotten- burg ist das einzige, wodurch man gern an sie erinnert wird. Es ist auch nicht minder schön als sie, aber, in einem strengeren Stile gehalten, läßt es für die Ähnlichkeit noch zu wünschen übrig. Alle übrigen zahllosen Porträts, gemodelt, gemalt, gezeichnet, gestochen, sind beinahe durchgängig gleich verfehlt und können nur die falscheste
Idee von ihr geben. Der sehr verschiedene Charakter ihrer Schönheit in der ersten Jugend und in reiferen Jahren mag die Schwierigkeiten vermehrt haben, die der Kunst in Auffassung ihrer Ähnlichkeit im Wege standen. Warum kann ich nicht einige Züge des holden Bildes festhalten, wie es noch so frisch vor meinem Sinne schwebt. Die namenlose Anmut ihres Grußes, die unnachahmliche Bewegung des Ganges und der Verbeugung, oder die kindliche Ruhe ihres so sanften und doch so ernsten Blickes ober ihr stilles Umschauen oder das Hineinschweben der königlichen Gestalt in eine glänzende Versammlung, in der sie, wie zahlreich sie auch sein mochte, immer die schönste, die erste, die einzige Frau blieb. Von ihr galt im vollen Sinne Ossians Lob: „Schön unter Tausenden." Und wie oft man andere Frauen mit ihr verglichen, manche andere Gestalt für einzelne Züge schöner halten wollte, keine bestand in ihrer Nähe den Vergleich.
Den Vorwurf politischer Einmischung und diplomatischer Intrigen, den man, feit Napoleons bekannten Aeußerungen zu feinen Getreuen auf St. Helena, unzählige Male gegen sie erhoben hat, führt die Gräfin Schwerin auf Grund eines umfangreichen historischen Materials auf ein sehr bescheidenes Maß zurück. Speziell üb erbte Umstünde, bie zu ber berühmten Zusammenkunft von Tilsit führten, und bie überraschenben politischen und administrativen Kenntnisse, die die Königin dabei zum Erstaunen Napoleons entwickelte und die ihm Anlaß zu jener üblen Nachrede boten, erfährt man durch die Gräfin mancherlei bisher wenig Bekanntes:
Die Königin war in einem frohen Kreise in Memel, als ihr ein Schreiben des Königs überbracht ward. Durch bie Nachrichten der Affäre von Heilsberg zu den schönsten Hoffnungen angeregt, erbrach sie es vor aller Augen und wollte den Inhalt eben dev Gesellschaft mitteilen, als ein ahnungsvoller Wink beit Fürstin Luise Radziwill und ein Blick in das verhängnisvolle Papier sie plötzlich wer stumm en machte. Es lvar bie Nachricht der Friedländer und Königsberger Schlachten, unb des abgeschlossenen Waffenstillstandes, wie der in Tilsit bevorstehenden Unterhandlungen, die der König ihr mitteilte. Er eröffnete ihr zugleich, wie man in {einer Umgebung überzeugt sei, daß ihre 'Gegenwart von bedeutendem Einfluß auf bie Unterhandlungen sein könne. Er selbst enthalte fick) jeden Urteils und Wunsches über biefem Punkt. Er wolle die Freiheit ihrer Wahl, für einen Schritt, dessen ganze ^Schwere auf sie falle, durch nichts beschränken Mü ver
weinten Augen sahen ihre Damen sie nach einer Stunde aus ihrem Zimmer treten. Ihr Entschluß war gefaßt. „Wenn irgend jemand glauben kann, daß ich durch diesen Schritt dem Vaterlande auch nur ein Dorf mehr erhalten könnte, so bin ich sckwn allein durch diese Meinung unwiderruflich verpflichtet. Muß ich aber diesen schweren schritt tun, setzte sie hinzu, so will ich ihn auch oorberehetl tun. Ich will wissen, was ich tun, was ich fordern soll." Diesem Vorsatz treu, schloß sie sich mit dem Minister Hardenberg ein, ließ sich wie ein folgsames^Kind von ihm erklären, vorsagen- was sie fordern, weshcüb sie es fordern, worin sie Ttachgebest könne, worauf sie bestehen müsse. Sie lernte Napoleons mutmaßliche Einwendungen und die Art, ihnen zu begegnen, auswendig. Und so gelungen muß ihr Studium gewesen sein, daß es Napoleon zu dem merkwürdigen Urteil verleitete, daß sie seit 15 Jahren die Zügel der Regierung in Händen halte.
Heber die Vorgänge bei der denkwürdigen Unter* Hebung mit Napoleon teilt Gräfin Schwerin eine Fülle interessanter und meist unbekannter Einzelheiten mit, für die sie sich auf das Zeugnis der Gräfin Lysinka Tauen- zien, die damals als Hofd-ame in der unmittelbaren Nähe der Königin war, berufen konnte. Die Königin trug ein tveißes Eeppkleid mit Silber gestickt, ihren Perlenschmuck und ein Diadem von Perlen im Haar. Sie war in ängstlicher, durch die Gchnütserschütterungen allzu erklärlicher Spannung, sah aber schöner aus als je. Der König mit allen seinen Adjutanten und der Gräfin Tauenzien empfing den Kaiser an der Treppe des Hauses, in dem die Unterredung stattfand. „La reine est lä-haut ?“ fragte Napoleon, nach oben zeigend, um anzudeuten, daß er nur um ihretwillen gekommen. Der König führte den Kaiser zu seiner Gemahlin und ließ beide allein. Hefter die einleitenden Worte der-Unterhaltung weiß die Gräfin Taucn- zien nichts zu berichten, wohl aber, baß Napoleon bald darauf nach dem Stoffe ihres Kleides fragte. „Est-ce du Crepe, de la gaze d’Italie?“ — „Parlerons-nous de chiffons dans un moment aussi solennel ? war ihre Antwort, mit ber sie zu dem eigentlichen Gegenstand der Unterredung überging. Ueber deren wichtigsten Inhalt sind wir wie bekannt durch bie Aufzeichnungen des schwedischen Gesandten von Brinkmann mit wünschenswerter Zuverlässigkeit unterrichtet. Die Königin, die Napoleons wahren Charakter noch nicht genügend kannte, war von dem Verlaufe des Gesprächs sehr tiefriebigt und wahrhaft beglückt burch bie Hoffnungen, die rhr der unheimliche Mann eröffnet hartem


