Zweites Blatt
Nr. S
Eichener Anzeiger
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
General-Anzeiger für Vberhestrn
Dienstag 4. Januar 1910
160. Jahrgang
Rotationsdruck und Verlag der Brühlfch« UnwersitätS - Buch- und StetnbrucfcceL R. Lang«, Dreßen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul» straße 7. Expedition und Verlag: 5L
Redaktionie^A 112. Tel.-AdruAnzeigerGreßen,
Die „Gtctzener Samiltenblätter'* werden dem ,Anzerger^ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Sietzen" zweimal wöchentlich. Dre „Landwirtschaftlichen Seit» fragen" erscheinen monatlich zwermal«
Potttische Tagesschau.
Eisenach.
Die vom Standpunkte. des Gesamtliberalismus ohne Frage höchst bedauerliche Tatsache, daß die Freisinnigen in Eisenach ihre Gefolgschaft dem nationalliberalen Bewerber Krug zu weigern gewillt sind, wird, so schreibt die „Natl. KorresP.", in freisinnigen und demokratischen Blättern zu allerlei Angriffen gegen die Nationalliberalen benutzt. Man wirft ihnen vor, aus den Vorgängen der letzten Monate nichts gelernt zu haben und stellt es so dar, als ob Herr Krug ein enragierter Bündler lväre und seine Kandidatur ein Kotau vor dem Bund der Landwirte. Demgegenüber schreibt das parteiamtliche natl. Organ:
Es wird nützlich sein, statt sich <ut gegenseitigen Pv leim kn zu erhitzen, die Genesis dieser Kandidatur sozusagen aktenmäßig zu schildern. Tas, möchten wir vermuten, wird die beste Apologie der Nationalliberalen sein. Die haben sich, als die Assäre Schack ruchbar w-urde, allsobald mit dem Freisinn in Verbindung gesetzt und sind durch all die Monate mit ihm in Fühlung und Verhand- hmg geblieben. Bis dann im weiteren Verlauf dieser Verhrack» lungen die Freisinnigen plötzlich mit Kvmpensationssvrderungen kamen. Die freilich hielten die Nationalliberalen nicht für berechtigt, zumal ja noch das alte Vertragsverhältnis aus dem Jahre 1907 bestand, das für die Tauer dieser Legislaturperiode den Anspruch auf Weimar den Freisinnigen zubllligte, den aus Eisenach dm Nationalliberalen. Der F-reisinn kann sich auch nicht dahiMer verschanzen, daß chm von nationalliberaler Seite nicht annehmbare Kandidaten angeboten morden warew Tas Gegenteil ist der Fall: zunächst Mars der Professor van Calker aus Straßburg i. E; später der Archivdireklor Winter in Magdeburg — derselbe, nach dem jetzt der Eisenacher Freisinn verlangt. Ehedem aber tönten andere Weisen. Da ward fort und fort nach einem liberalen Landivirt gerufen und als die Nationalliberalen diesem Nus folgten und Herrn Krug für die Kandidatur gewannen, wars kein Ge- rmgerer als Herr Dr. Müller-Meiningen, der erfreut bekannte: ein besserer Bewerber hätte überhaupt nicht gefunden tverben können. Und nun aus einmal soll derselbe Herr Krug ein Bündler strengster Observanz, eine Strohpuppe in den Händen Dr. Diederich Hahn und Jivesicke sein! Ist es den tapfer Schmälenden nicht bekannt, daß Herr Krug bei den Hauptwahlen von 1907 die Reichstags- Kandidatur des Abg. Dr. Müller-Meiningen tatkräftig und mit Erfolg unterstützt hat? Wissen sie auch nicht, daß Herr Krug erft- Lirzlich wieder gegen einen bündlerischen Bewerber in den Meiningischen Landtag gewählt toorben ist?
Tas also ist der jederzeit zu belegende Hergang und aus chm ergibt sich, daß die Nationalliberalen korrekt und sachgemäß verfahren sind vom Anfang bis ans Ende. Daß man ihnen in keinem Belang Verstöße gegen liberale Gemeinsamkeiten jtad> sagen kann.
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Zur Beschlagnahme russischer Guthaben.
Der Staatssekretär v. Schoen hat der russischen Botschaft,die Erklärung abgegeben, daß gegen bte Verfügung des Amtsgerichts Berlin-Mitts' hinsichtlich der Beschlagnahme russischer Guthaben bei dem Bankhause Mendelssohn u. Co. der Kompetenz-Konflikt erhoben werden solle. Dieser Ankündigung ist die Tat gefolgt. Die „Voss. Ztg." veröffentlicht das Schreiben des preußischen Ministers der auswärtigen Angelegenheiten an das Amtsgericht. Das Schreiben des Ministers lautet:
Berlin, 29. Tez. 09.
In der Zwangsvoltstreckungssache des Hauptmanns a. T. Alfred von Hellfeld in Berti n-Charlottenburg gegen den Fiskus des Russischen Reichs — 80 M. 9701. 09 — wird der Rechtsweg für unzulässig erachtet und deshalb auf Grutid des § 4 Abs. 1, dejs § 5 Abs. 1 und des § 6 Aos. 1, 2 der Verordnung vom 1. August 1679 (G^etziammlung Seite 573) hiermit der Kompetenzkonflikt erhoben.
Begründung.
Ter Beschluß des Königlichen Amtsgerichts vom 15. d. M., wodurch die angebliche Forderung des ru,fischen Fiskus gegen die hiesige Firma Mendelswhn u. Co. aus einem Guthaben wegen und in Höhe der durch Urteil des kaiserlichen Gerichts in Tsingtau vom 27. September d. I. festgestellten Fordermtg des Hauptmanns a. T. v. HeUfeld gepfändet und dem Gläubiger zur Einziehung überwiesen wird, gibt vom Standpunkt des Völkerrechts in zweifacher Hinsicht zu Einwendungen Anlaß, welche die Erhebung des Kompetenzkonsliktes rechtfertigen.
1. Dem kaiserlichen Gericht in Tsingtau stand eine Gerichtsbarkeit gegenüber dem russischen Fiskus hinsichtlich der durch das Urteil vom 27. September d. I. auf Grund der Widerklage des Hauptmcnins v. Hellseld sestgestellten Ansprüche nur zu, wenn und insoweit sich die russische Regierung dieser Gerichtsbarkeit freiwillig unterworfen hat.
Es ist ein völkerrechtlich anerkannter Rechtssatz, daß gegen einen ausländischen Staat vor den inländischen Gerichten eine Klage nur dann erhoben lverden kann, wenn er sich der inländischen Gerichtsbarkeit freiwillig unterwirft. Ist dies nicht der Fall, io ist der Rechtsweg vor den inländischen Gerichten ausgeschlossen. In diesem Sinne haben sich namentlich der königliche Gerichtshof Mr Entscheidung der Kvmpetenzkonslikte in den Urteilen vom 14. Januar 1882 und vom 14. Juni 1902, der königlich bayerische Gerichtshof für Kompetenzkonflikte in den Gründen des Urteils vom 4. März 1835 sowie das Reichsgericht in dem Urteile vom 12. Dezember 1905 (Entscheidungen in Zivilsachen Bd. 62 S. 165) ausgesprochen. Vergil, fermer die Begründung des Entwurfs eines Gesetzes zur Ergänzung des Gerickstsverfassmigsgesetzes (9h:. 114 der Trucksachen des Reichstags, Session 1884/85), v. Loitzendorfs, Incompbtence des tribunaux nationaux pour ordonner une saisiearret sur les biens appartenant aux Gouvernements ötrangers (Journal du Droit International Priv6 1876 S. 431) sowie Loening, Gerichtsbarkeit über fremde Staaten und Souveräne S. 84 f. f. und die dort S. 56, 57 und S. 70, 71 angeführte Literatur.
In der Anstellung der Klage vor den inländischen Gerichten durch einen ausländischen Staat liegt nicht zugleich auch seine Unterwerfung unter jefe Widerklage, die nach den inländischen Gesetzen bei dem Gerichte der Klage erhoben werden kann. Eine solche Unterwerfung mag in Frage kommen, wenn und soweit die Widerklage lediglich eine Verteidigung gegen die Klage enthält. Sanbelt es sich aber darum, Gegenansprüche des Beklagten selbständig zu versolgen, so ist die Zulässigkeit des Rechtswegs für die Widerklage nicht anders zu beurteilen, als wenn der Gegenanspruch in einer besonderen Klage geltend gemacht wird. Vergl. Begründung des oben bezeichneten Entwurfs eines Gesetzes zur Ergänzung des Gerichtsveriassungsacsetzes (Schlußsätze), Gaupp- Stein, Zivilpiozeßordnuug 1906, Band 1, Seite 100, Scufs-ert, Zivilprozeßordnung 1907, Band 1, eeite 47, 48, Struumami- Kvch, Zivilprozeßordnung 1901, Band 2, Seite 50-1 zu § 20 des Genchtsvermssungsgesetzes, Lveuing, Gerichtsbarkeit über fremde Staaten und Souveräne, Seite 128, 129, Urteil des Zivilgerichis in Brest vom 3. Juni 1908 in Sachen der russischen Regierung gegen Simonnet, tzeslonin et Co., veröffentlicht in der „Gazette des Tribunaux" vom 29./30. Juni 1908.
Nach einer amtlichen Erklärung der russischen Regierung hat sich diese der für das Schutzgebiet Krauts chou Lusgeübten Gerichtsbarkeit in Ansehung der hier in Frage stehenden Widerklage, bei
der es sich unzweifelhaft um die selbständige Verfolgung von Gegenansprüchen des Beklagten handelt, nicht nur nicht mitemrorjen, sondern umgekehrt ausdrückliche Verwahrung dagegen eingelegt. Soweit dies zutrifft, widerspricht das gegen Den russischen Fiskus ergangene Urteil vvm 27. September d. I. den völkerrechtlichen Grundsätzen. Es ist nichtig und wirkungslos (vergl. Gaupp-Stein, Zivilprozeßordnung» 1908 Band 2, Seite 151, Stölzel, Rechtsweg und KomprtenzLonilikt in Preußen 1901, Seite 8); auch ist der Umstand ohne Bedeutung, daß es anscheinend formell die Rechtskraft erlangt hat. Ein solches Urteil Eann daher als ein zur Zwangsvollstreckung geeigneter Titel nicht angesehen werden. Nachdem das hiesige Amtsgericht gleichwohl Die Zwangsvol 1 streckung verfügt hat, erübrigt für das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten nur die Erhebung des KvmpentenzLonslikts.
2. Wollte man aber auch annehmen, daß sich das um die Vollstreckung angegangene preußische Gericht an das Urteil vom 27. September d. I. zu halten hatte, so hat doch der PfandungÄ- feschlutz Vvm 15. d. M. nicht nur den Anhangsparagraphen 202 M 8 tp 1 29 der Allgemeinen Gerichtsordnung, wonach selbst bei einer völkerreckstlich zulässigen Vollstreckung vor deren Verjügung an den Justizminister zu berichten gewesen wäre, sondern auch noch ein weiteres völkerrechtliches Bedenken außer Acht gelassen. Tiefes besteht darin, daß eine gerichtliche Zwangsvollstreckung in das im Jnlande befindliche Vermögen eines irtmDen Staates abgesehen von besonderen, hier nicht zutreffenden Ausnahmen unzulässig ist. weil dieses Vermögen der inländischen Staatsgewalt grunDsatzlich nicht untersteht. Vergl. Urteil des königlichen Gerichtshofs zur Entscheidung Der Kvmpetenzkonflikte vom 14. Juni 1902, Urteil des Kassationshofs in Paris Vvm 5. Mai 1885 in Sachen der Witwe Carretier gegen die Reichseise nbahium, veröffentlicht bei Tolloz, Jurisprudence gdndrale 1885, Seite 341 ff., Boufils, Lehrbuch des Völkerrechts, 3. Auflage, Seite 142, Pradier-Fvdere, Traite de droit international public europden et americain, Band 3, 9lo. 1591, Gruchot, Betträge, Band 26, Seite 289 t, Laurent, Le droit civil international,BanD 3, No 51.
Ter Gläubiger kanu hiernach selbst in Fällen, wo seine Ansprüche gegen einen fremden Staat durch ein völkerrechtlich zulässiges Urteil iestgestellt sind, nicht das preußische Geriast um Vollstreckung angeben, sondern nur die diplomatische Vermittelung des Ministers Der auswärtigen Angelegenheiten anrufen, zu dessen Geschästs- oereiche die Geltendmachung derartiger Ansprüche gegen sremde Regierungen gehört.
Ter Munster der auswärtigen AngelegenHerten.
In Vertretung gez. Freiherr v. Schoen.
Au das Königliche Amtsgericht Berlin-Mitte, ,
Abteilung 80.
Sozialdemstraüscher Parteitag für Preußen.
■4 Berlin, 3. Jan.
Unter Beteiligung von über 200 Vertretern und Vertreterinnen der sozialdemokratischen Organisationen aus allen Teilen der Monarchie, begannen heute vormittag 9 Uhr im Gewerkschafts- Hause am Engel-Ufer die Verhandlungen des sozialdemokratischen Parteitages für Preußen, des sogenannten „Preußentages", der von der Parteileitung 1904 eingerichtet wurde, um die Wahlrechtsfrage für Preußen in Fluß zu bringen. Ter zweite Preußuttag fand 1907 statt. An ihn schlossen sich unmittelbar die großen Wahlrechtsdemonstrationen der preußischen Sozialdemokratie an. Auch der heutige dritte preußische Landesparteüag hat in erster Linie
die Wahlrechtsfrage
zum Gegenstände und ist deshalb nicht nur von Delegierten, sondern auch von Zuhörern stark besucht! Vom Parteivorstände sind erschienen u. a. Singer, Ebert, Müller, Geris'ch, Adolf Hoffmann usw. Singer und Parteisekretär Rudolph (Frankfurt a. M.) wurden zu Vorsitzenden mit gleichen Rechten gewählt. Singer, der einen sehr leidenden Eindruck macht, übernimmt die Leitung mit begrüßenden Worten. Er führt aus: Das Ziel der Svzialdemokratie wird nicht erreicht werden, wenn nicht die ganze Kraft der Partei sich darauf richtet. Nicht nur die Sozialdemokratie Preußens und Deutschlands, sondern die der ganzen Welt hak» ihre Augen auf unsere Verhandlungen gerichtet. Wir treten in die Beratungen ein mit dem Schwur, nicht zu ruhen unb nicht zu rasten, bis das Ziel erreicht ist, von dem aus die Befreiung des preußischen Proletariats vor sich gehen kann. Nieder mit der Reaktion, das soll das Losungswort sein, das unsere Verhandlungen leitet. Öer Beifall.) Es werden hierauf sechs Schriftführer und der «atsprüfungsausschuß gewählt und hierauf der Geschäftsbericht entgegengenommen. Ter von Eugen Ernst erstattete Geschäftsbericht geht ausführlich auf die Wahlrechtsagitation ein und konstatiert, daß zum erstenmal feit 1848 am 12. Januar 1908 in Preußen für eine politische Forderung Burgerblut geflossen sei. Zur Ehre der sozialdemokratischen Frauen svird hervorgehoben, daß sie sich an all den Wahlrechtskämpfen zahlreich und mutvoll beteiligten. Ter Bericht erwähnt weiter, daß Ansang Mai 1909 in einer Sitzung des Parteivorstandes und des geschäftsführenden Ausschusses Preußens die Frage beraten wurde, ob es angebracht sei, an das 60 jährige Bestehen des Drei kl assenwa hl- rechts durch irgend
„eine Aktion größeren Stils"
zu erinnern. Es wurde beschlossen, hiervon Abstand zu nehmen und zwar waren folgende Grunde maßgebend: Abgesehen von den allgemeinen wirtschafttichen Verhältnissen, die sicher nicht zu einem Kampfe ermunterten, hätten die Versammlungen usw. am 29. Mai, also in den Pfingsttagen, stattfüide-n müssen, eine Zeit, die wirklich nicht dazu geeignet ist. Ihrer Zusammensetzung nach gliedert sich die Parteiorganisation in Preußen zurzeit in 22 Bezirksverbände. Die Zahl der Ortsvereine beträgt 1454. Die gesamte Mitgliederzahl in der Parteiorganisation betrug Ende yuni 1908 293 464, Ende Juni 1909 322 397, davon sind 285 755 männliche und 36 617 weibliche Mitglieder. Das Ausbleiben eines Schnapsboykotts für Preußen wird damit erklärt, daß diese Frage vor das Forum des deutschen Parteitages gehöre.
Ter Kassenbericht der Preußischen Organisation schließt in Einnahme und Ausgabe mit 26 233 Mark ab. Die Hauptausgabe, 14 200 Mark, bezog sich aus Wahlzuschüsse an die einzelnen Kreise.
In der Aussprache über den
Bericht der Landtagsfraktivn
ist zu erwähnen: Quark (Frankfurt a. M.) dankt der Landtags- frattion für ihre Haltung. Die Neichstagsftaktion könnte fich in manchen Beziehtuigeu an der Lcmdtagsfraktion ein Beispiel nehmen. Rother (Breslau) lenkt die Aufmerksamkeit des Parteitages aus die Verhältnisse der Eisenbahnarfeller in Breslau. Breslau sei eine Art russischer Vorort und wenn es in Rußland nicht vorwärts geht, so liegt das vielleicht daran, daß es zu nahe an Breslau liegt. Linde (Königsberg) lenkt die Auimerksamkeil Des Parteitages auf die scUechte Lage Der Waldarbeiter in Ostpreußen. Abgeordneter Borgmann erklärt, daß die Fraktion in Zukunft die hier vorgetragenen Wünsche berücksichtigen werde.
Zum nächsten Punkt der Tagesordnung behandelt der Abgeordnete Hirsch den
C ntw u v f e i nes Ko m unalpr o g ram m s
für die Sozialdemokratie Preußens, der von einem besonderen Ausschuß vorgelegt wird
In dem Entwürfe wird gefordert':
a) von Der Gesetzgebung: Blldutra der Genreinde-
tiertretung durch allgemeine gleiche, direkte und geheime Wahlen nach dem System der Verhältniswahl; Gewährung des aktiven und passiven Wahlrechts an alle Personen über 20 Jahre ohne Unterschied des Geschlechts; Aufhebung aller Vorrechte des Besitzes: Einkammersystem; Gewährung von Diäten an die Gemeindevertreter, zweijährige Vkandatsdauer, konfessionelle Einheitsschule, Uebernahme fäuttlicher Schullasten auf den Staat, Einführung des obligatorisa-en Fortbildungsschulunterrichts.
b) von den Gemeinden: Vornahme der Wahlen art einem gesetzlichen Ruhetage, Herabsetzung des Bürgerrechtsgeldes auf das Mindestmaß. Deckung der Ausgaben durch Zuschläge S Einkommensteuer, durch Einführung einer Wertzuwachs- ier, Modifikation der Gewerbesteuer. Aus dem Gebiete des! Bildungsiveseus wird eine umfangreick-e Erleichterung für dert Besuch der höheren Scl-ulen verlangt. Aus dem Gebiete der Wohnungsftage: Erwerbung von Grimdbesitz durch Gemeiirden, Fördermig des 5l'leinhausbaues, Errichtung von kommunalen WvlMungsämtern und Ledigenheirnen. Aus dem Gebiete der Gesundheüspilege: Schäftung von Gesrntdheitsämtem, einwandfreie Trinkwafserverforgung, ösfeittliche Bäder, unentgelttich zü benutzende Krankenhäuser und Trinker Heilstätten usw., uneitt- geltliche Geburtshilfe, Heimstätten für Schwangere, Errichtung von Säuglingsasylen und Säüglingsfürsvrgestellen. Auf dem Gebiete der Wirtschaftspslege toitb verlangt, daß alle gewerblichen Betriebe der Gememde der Privatausbeutung entzogen werden. Gegen mäßige Ueberschüsse der Betriebe ist nichts ein- Ziuomben. Die Vergebung der Gemeindearbeiten soll nur an solclie Unternehmer erfolgen, die sich verpflickstcn, die,e in eigenen Betrieben unter Ausschluß jeglicher Heimarbeit anfertigen zu lassen. Auf dem Gebiett der Sozialpolitik wird verlangt: Errickstung von Arbeitsämtern, Bereitstellung von Notstands- arfeiten, 8 stündige Arbeitszeit, eine wöchentliche Ruhepause von 36 Stunden, Geioähruiig eines Ruhegeldes bei Invalidität und einer Wivveit- imd Waiserversorgung ohne Abzug der Ver- 'licherungsrenten. Schließlich auf dem Gebiete der Armen- und Waifenpllege die Wettlickftett dieser Pflege, iveitgehende Heranziehung ehrenamttick)er (Siemente, besonders der Frauen,Schaffung von AsAnr, Wärmeballen ohne polizeiliche Kontrolle, Ernährung der freien Arztwahl und der General-Vormnndschaft. Schließlich verlangt der Entwurf noch die Schaffung von Zweckverbänden zur Durchführung gemeinnütziger Untemehmungen.
Zu dem Enttvurfe liegen eine Reihe von Abänderungsanträge vor. So verlangen die felkmnten Antialkoholiker August Neumann und Simon Katzen stein in einer Reihe von Anträgen, daß der Entwurf in feinen einzelnen Tellen mehr der Antialkoholbewegung Rechnung trage.
In der Aussprache wendet sich Eberle (Baruum) gegen die int Entwurf vorgesehene Aufhebung bezuv. Modifikation der Gewerbesteuer, wodurch die llcnnen Gemeinden geschädigt werden rvürden und gegen eine programmatische Festlegung des Klein- wvbmulgsbaues. Ter Redner ist der Meinung, daß der Entwurf auf die Verhältnisse von Groß-Berlin zugeschnitten
sei uiid wünscht nochmalig.'. 9lus,chußferatungc Schütz (Breslau) bekämpft eine Reichswertzuwachssteuer. Damit bezwecke man nur, den großen Staaten eine (Einnahme zu entziehen. Heiden (Frankfurt) verteidigt den (Entwurf gegen Den Vor Wurf, daß er M umfangreich sei. Wenn man einmal spezialisiere, müsse man auch alle einzelnen Fragen aufnehmen. Im Gogentell lasse der Entwurf noch manche berechtigte Forderung vermissen
Nach 7 Uhr wurden die Verhandlungen auf morgen vertagt.
Vermischtes.
* König Albert als Sportsmann Weirn auch der neue König der Belgier gewissen Arten des Sportes, die an körperliche Ueferanfttengung streifen und mit Gewaltsamkellen verknüpft sind, wenig Zuneigung entgegenbringt, so ist er dock ein leidenschaftlicher Sportsmann. Wie sein Onkel hat er eine besondere Vorliebe für das Automobil und freut sich, wenn er Gelegenheit hat, mit seinem Wagen große Schnelligkeit zu eiitwickeln. König Albert ist dabei ein erfahrener und leiden-- ichastlicher Mechaniker, er kennt feinen Motor, wie nur ein Fachmann ihn kennen kann, und ein besonderes Vergnügen macht es ihm, auf seinen Fahrten auf ber Landstraße arideren Automobllistsn beizustehen, toemi iie sich ratlos einem Maschmendefert gegenüber» sehen. Ter liebste Sport des Königs aber ist das Mars chiercn, er ist em leidenschattiicher Fnßrvanderer und während seiner großeri. Reise im Kongo hatte er auch genug Gelegenheit gehabt, sich darin auszuzeichnen Trotzdem er ein guter Reiter ist, interessiert er sich verhältnismäßig wenig für Plerde. In Tervueren iuti> in Rethy besitzt er prachtvolle Jag den, aber er rmtzt sie nie aus, denn er ist fein hervorragender Schütze und hat überdies^ rvenig Verständnis für die großen Hofjagden, wo die Tiere zu Hunderten und Tausenden getutet werden. Dagegen pflegt er bisweilen einsam, nur in Begleitung seines Hundes, in den Forst zu ziehen, um hier dem freien Weibwerk obzuliegeri. Er ist auch ein geschickter Angler unb war feit jeher ein begeisterter Anhänger der L u f t s ch i f s a h r t; mit dem Grafen Habelin d'Oul- tremont ist er wohl schon ein Dutzend Mal aufgestiegen und erst im letzten November unteniafen er mit dem Grasen de La Vauhx von Antwerpen aus eine Ballonfahrt.
* Ein Vorschlag zur Güte. Eine vergnügte Geschichte aus der Zell, da er noch ein junger Arzt war, erzählt der berühmte französische Mediziner Dr. Chapellier, der vor kurzem mit dem Kreuz der Ehrenlegion ausgezeichnet worden ist. Dr. Chapellier war befangen, wie jeder junge unerfahrene Arzt; in der großen Klinik, in der er arbeitete, hatte er eines Tages einen Kranken zu operieren, der offenbar ein Mann von seltenem Humor war und zudem gegen Schmerzen eine außerordentliche Abhärtung an den Tag legte. Tent ItranEen wurde an der Seite ein langen Schnitt beigebracht, den der junge Tr. Chapellier noch vollzogener Operation vernähen sollte. Ter Professor, der die Operation übertoadjte, war mit der Arbeit Chapelliers iticht einverstanden imd der junge Arzt mußte Die Arbeit wiederholen. Tie itritit des Professors steigerte die Befailgenheit des jungen Mediziners mrd als er nun die Wunde ordnungsgemäß vernäht hatte, fiel ihm zu seinem Entsetzen ein, daß er eine kleine Schere im Körper des Kranken berge (feit hatte. Dieses Mißgeschick einzugesteheic, wagte er nicht, aber sobald der Professor das Zimmer verlassrn Ij^tc,. öffnete er zum drittenmal die Wunde, hatte in einer SeKinde Die Schere entfernt und begann nun zum b ritteranal die Ver- üähuiig. Ter Kranke mar währetid all dieser Vorgänge fei vollem Bewuvtsein gewesen, toanbte fich zu dem Arzte und meinte mit nieder sch m etterlider Freutidlichkeit: „Sagen Sie doch, Herr Doktor, warum nähen Sie mir Denn nun die Wunde wieder zusammen? Glauben Sie nicht, daß es sowohl für Sie wie für mich besser wäre, wenn Sie gleich Knöpfe anndfen würden?"
Getreide-Wochenbericht
der Preisberichiuelte Dcu nniuu»,- ^aiiblvirtschaftsrats vom 21. Dezember 1909 b»s 3. Januar 1910.
WährenD Der letzten betDen Wochen stand der Weltmarkt völlig unter dein Einfluß Argenliniens, ivo kühles und regnerisches Wetter neue Beiürchtlmgen ivegen Der im Ztige befindlichen Ernte hervor- rief. Eine vor wenigen Tagen veröffentlichte Schätzung, wonach mit einer Weizenernte von 4 279 OOu gegenüber 4 460 000 Tonnen im Vorjahre gerechnet wird beweist, daß die ungm-t tigere Auffassung hinsichtlich der Euntesitusrion auch an amtlicher Stelle gc-


