Nr. 220 Zweites Blatt
160* Jahrgang
Dienstag 20. September 1910
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die »Fletzener Kamillenblatter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreistilatt für -en Kreis Giehen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Zeit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberheffen
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: 5L
Redaktion: ^^112. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen.
preußische Offiziere in Rußland verhaftet.
Noch hat sich das Schicksal des Leutnants Helm nicht entschieden, der angeblich die Portsmouther Festungswerke abgezeichnet hat, und schon wieder sind, diesmal in Rußland, preußische Osfiziere unter Spionageverdacht verhaftet worden. Aus Moskau wird gemeldet:
Vor einigen Tagen wurde in der Umgebung von Moskau ein junger Mann, der die Manöver der Truppen aufmerksam verfolgt hatte, unter dem Verdacht der Spionage verhaftet. Er legitimierte sich als der preußische Leutnant Heinze. Weiterhin wurde ein preußischer Oberleutnant Wenzel, der Heinze in dessen Wohnung besuchen wollte, festgenommen. Beide stellten entschieden in Abrede, Spionage getrieben zu haben.
Die preußische Armeerangliste verzeichnet zwei aktive Leutnants Heinze, und zwar beim Niederschlesischen Fußartillerieregiment Nr. 5 in Posen und beim Fußartillerieregiment von Dieskau Nr. 6 in Neisse. Ein Oberleutnant Wenzel steht beim zweiten Magdeburgischen Infanterie- Regiment Nr. 27 und ist gegenwärtig kommandiert zur Kriegsschule in Hannover.
Inzwischen kommt aus Moskau die Meldung, daß die Ofsiziere wieder auf freien Fuß gesetzt worden seien:
Moskau, 19. Sept. Die Freilassung der beiden unter Spionageverdacht verhaileren deutschen Osfiziere ist bereits am 15. September erfolgt.
Sozialdemokratischer Parteitag.
4 Magdeburg, 19. Sept.
Die erste Sitzung des sozialdemokratischen Parteitages wurde heute vormittag kurz nach 9 Uhr durch den Vorsitzenden Verlags- buchhändler Dietz (Stuttgart) eröffnet. Nach Begrüßungen erstattete der Abgeordnete Pfannkuch den bereits bekannten Ge-- schästsoericht. An Stelle des erkrankten Parieikassierers Gerisch erstattete Parteisekretär Ebert den Kassen- und Pressebericht. Der Kasienbericht wird als günstig bezeichnet und Verwahrung gegen die angebliche „Pumpwirtschaft" der Sozialdemokratie eingelegt.^ Der Bericht über die Presse weist aus, daß die Partei jetzt über 76 Tagesblätter verfügt. Hierauf gibt Kaden (Dresden) Txm Bericht der Kontrollkommission, einer Art ,Hänge- kommission", an die sich die ausgeschlossenen Mitglieder der Partei wenden, wenn sie glauben, daß sie zu Unrecht ausgeschlossen worden seien, und die auch über sonstige
Streitigkeiten innerer Natur
t zu Gericht zu sitzen hat. Es werden hierauf von den verschiedenen , Rednern bte zu den bereits besprochenen Punkten vorliegenden Anträge begründet. Nach langer Aussprache wurde die Abstim- mung vorgenommen. Ein Streitfall Geck-Süßkind, der erste aus Offenburg, dieser aus Mannheim, wird dem Beschwerde-- ausschuß überwiesen. Bei der Abstimmung gab das Bureau der Meinung Ausdruck, daß die Mehrheit der Versammlung diese 8 Entscheidung wünsche. Eine Gruppe um Rosa Luxemburg hatte L Zweifel, auf welcher Seite die Mehrheit sei. In die Stille . hinein fiel plötzlich mit tiefer Stimme der Ausruf eines württem- bergischen .Delegierten in unverfälschtem Dialekt: „Die Rosa muß da wieder neistänkere." (Gr. Heiterkeit.)
Die Anträge auf Schaffung einer Montagsausgabe des „Vorwärts" und einer sozialistischen Modenzeitung werden dem Vorstand überwiesen, ferner ein Eintrag Essen auf Herausgabe einer Broschüre über die sozialpolitischen Gesetze und eines politischen Handbuchs.
" Marteisekretär Müller berichtet sodann üben
* die Maifeier,
indem er eine Geschichte der Feier gibt. Eine Aussprache fand i nicht statt, da sich niemand zu Wort gemeldet hatte.
t Reichstagsabgeordneter Fischer berichtete über den Internationalen Kongreß in Kopenhagen.
Er rühmte dabei die Erfolge der dänischen Genossen; zwei Bürgermeister von Kopenhagen und die Hälfte der Stadtverordneten seien Sozialdemokr^en (Abg. Müller-München ruft: Das sind i Revisionisten! Gr. Heiterkeit). Der Redner macht den Fran
zosen und Engländern den Vorwurf, daß sie wohl für weittragende Beschlüsse zu haben seien, aber bet der Durchführung total versagten, z. B. bei dem großen Ausstande in Schweden. Ter Abgeordnete Pens (Dessau) empfiehlt, um den Jnternatio n al en Kongreß verhandlungsfähiger zu machen, sein altes Steckenpferd, die „Weltsprache" Ido.
Fischer erstattete mich noch den Bericht des Mandatsprüfungsausschusses. Es sind insgesamt 380 Delegierte anwesend, darunter 18 Frauen.
Das Mandat von Rosa Luxemburg beantragt der Ausschuß für ungültig zu erklären, da es nicht auf rechte Weise erworben sei., Abg. Stadthagen warnt vor der Formalitätsklauberei des Ausschusses. Das Mandat wird auch wirklich für gültig erklärt.
Darauf wurden die Verhandlungen auf morgen vertagt. Großes Interesse erregte unter den Delegierten die Entschließung des Vorstandes, die dieser zur Frage der badischen Budgetbewüligung gefaßt hat und die bereits heute bekannt wurde. Die Entschließung bedeutet eine scharfe Absage an die Budgetbewilliger und nennt das Verhalten der Badenier'eine schwere Verfehlung gegen die Einheit der Partei. Weiter wird in der Entschließung den badisc^n Gepossen die allerschärfste Mißbilligung für ihr Verhalten ausgesprochen. — Morgen wird Bebel an erster Stelle über die badische Budgetbewüligung sprechen. Wenn der Vorstand seine Entschließung aufrecht erhält, dürfte es zu schweren Auseinandersetzung err kommen.
c-llc Entschließung des Parieivorstandes zum badischen Budgetstreit lautet:
„Der Parteüag bestätigt die Beschlüsse der Parteitage zu Rostock, Dresden und Nürnberg, die von den sozialdemokratischen Vertretern eine grundsätzliche Ablehnung des Gesamtbudgets sowohl im Reiche wie in den Einzelstaaten fordern, weil diese Staaten Klassenstaaten sind, die auf der Klassenherrschaft beruhen und die Aufgabe haben, die bestehende Eigentumsordnung an den Produktionsmitteln und die Ausbeutung des Arbeiters durch den Kapitalisten mit allen Mitteln aufrecht zu erhalten. Der Staat kann daher den ausgebeuteten Klassen wohl notgedrungen mit kleinen Konzessionen, aber nie mü grundlegenden sozialen Umgestaltungen in der Richtung der Sozialisierung der Gesellschaft entgegenkommen."
„Der Parteitag erblickt deshalb in der Bewllligung des Budgets durch die Mehrheit der sozialdemokratischen Abgeordneten des badischen Landtags eine bewußt herbeigeführte grobe Mißachtung der wiederholt als Richtschnur für ihre parlamentarische Tätigkeit gefaßten Parteitagsbeschlüsse und eine schwere Verfehlung gegen die Einheü der Partei, die nur aufrecht erhalten werden kann, wenn alle Mitglieder der Partei sich den Beschlüssen der Parteüagc unterordnen. Die Mißachtung von Parteitagsbeschlüssen ist eines der schlimmsten Vergehen, deren sich ein Parteigenosse gegen die Partei schuldig machen kann. Der Parteüag spricht infolgedessen den sozialdemokratischen Abgeordneten, die im badischen Landtage das Budget bewilligten, die allerschärf st e Mißbilligung aus. Der Parteüag erklärt weüer die Teilnahme an höfischen Zeremonien und monarchischen Loyalüats- kundgebungen für unvereinbar mit unseren sozialistischen Grundsätzen und macht es den Parteigenossen zur Pflicht, solchen Kundgebungen fern zu bleiben."
2lus Statt und Land.
Gießen, 20. Sept. 1910.
* * Vout Elektrizitätswerk. Die im Verwaltungsgebäude eingerichteten Dienstwohnungen für Direktor Stolte und Maschinenmeister Lang sind bereits bezogen worden. Die Verwaltungsräume des Elektrizitätswerkes und der Straßenbahn werden Ende der Woche aus dem Gailfußschen Hause an der West-Anlage nach dem neuen Gebäude verlegt.
* * Das städtische Museum für Volkskunde (Wilh. Gail-Stiftung), das in dem Bankettsaal des neuen Schlosses untergebracht wird, ist in den letzten Monaten durch mehrere Gegenstände vermehrt worden. Besonn ders hat man die Sammlungen aus den ostafrükanischen Kolonien bereichert und auch recht Sehenswertes auf dem Gebiete her japanischen Kunstindustrie hinzu erworben. Die Schätze des Museums sind geschmackvoll und übersichtlich in Glasschränken untergebracht. Die Eröffnung der
neuen Gießener Sehenswürdigkeit wird vor geladenen Gästen Ende Oktober erfolgen.
* * Eine Molkerei nach dem System de§ Professor Dr. Hartmann-Berlin will der neue Besitzer des von Rittgen- schen Anwesens, H. Glatthaar von Appenrod, in dem Garten des Hauses hinter der katholischen Kirche anlegen. Die Einrichtung ist dem Architekten Nikolaus übertragen worden. Es handelt sich bei dem Unternehmen hauptsächlich um die Gewinnung von einwandfreier Kindermilch.
** R e s erpe hat Ru h. Verwichene Nacht kamen die ersten Reservisten auf unserem Bahnhof an. Es waren Mannschaften vom 16. Armeekorps. Die Leute, die teilweise hier übernachteten, stammten meistens aus Oöer^ Hessen und hatten ihre Dienstzeit in den Reichslanden zugebracht. Sie fuhren mit den Frühzügen in chre Heimat weiter.
** Verband derDetaillisten-Vereine in Hessen. In der am 16. b. M. abgehaltenen A n s s chußsitzu n g wurde an Stelle des ausgeschiedenen Herrn Karp Kaufmann Friedr. Klockow- Darmstadt als Schriftführer gewählt. Der Vorsitzende, Wilh. Kalbfuß, erstattete den Bericht über die seitherige Tätigkeit und erwähnte, daß der diesjährige Verbandstag auch nach außen hin seine Wirkung nicht verfehlt habe. Im weüeren Verlauf der Ausschußsitzung kamen noch zur Beratung: Verstöße gegen das Gesetz, betr. den unlauteren Wettbewerb; Verbands- äeituii-, — Agitation und Llusbreüung des Verbandes; Stellung- nahmc gegen die Beamlen-Konsumveveine; Stellung aller Konsumvereine unter das Handelsgesetz; Konkurrenzklaufel: hier tritt der Verband den Beschlüssen des hessischen Handelskammertages bei mit der Erweiterung, daß die Konkurrenzklausel auch auf die Lehrlinge ausgedehnt wird. — Der Verband nimmt mit großem Bedauern von dem Vorgehen der Großh. Regierung, beim Bezug der Kohlen den Zwischenhandel auszuschalten, Kenntnis. Er wird die Frage im Auge behalten und zu gegebener Zeü Stellung hierzu noch nehmen. Den nachstehenden, in Berlin stattfindenden Verhandlungen wird ein Vertreter des Verbandes beiwohnen: Versammlung der Interessengemeinschaft großer Verbände selbständiger Kaufleute am 22. d. M.; der vom Verband deutscher Detailgeschäfte der Textilbranche angeregten Kundgebung in Sachen der Pensionsversicherung der Privatangestellten am 23. d. M. und ber Versammlung bes Hansabuirdes am 24. d. M. Weüer ist noch bie Entsenbnng eines Vertreters zu der am 25. Oktober in Berlin stattfindenden Versammlung der Zentralvereinigung deutscher Vereine für Handel und Gewerbe mit der Tagesordnung: „Ausschaltung des Kleinhandels und des Kleingewerbes", in Aussicht genommen.
---- Beuern, 19. Sept. Am Freitag fand hier Gemeinderatswahl stall. Da die Wahlzeit diesmal von 4—8 Uhr nachm. gelegt war, war auch die Beteiligung an der Wahl gegen früher sehr lebhaft, machten doch 7 3 Proz. der Wahlberechtigten von ihrem Recht Gebrauch. Gewählt wurden Steinbruchbesitzer Philipp Damm II. mit 145 Stimmen, Schreinermeister Philipp Arnold mit 115 Stimmen, Landwirt Wilhelm Krämer I. mit 89 Stimmen und Lagerhalter Philipp Lindenstruth V. mit 85 Stimmen.
§ Ruppertenrod, 19. Sept. Bei der hier stattgefundenen Gemeinderatswahl wurden die seitherigen Gemeinderatsmitglieder A. Schlößer mit 68, K. Finkernagel mit 66 Stimmen wiedergewählt. Für ein verstorbenes Gemeinderatsmüglied und ein wegen Altersschwäche zurückgetretenes wurden neu gewählt H. Otterbein mit 65 und O. Horst mit 39 Stimmen.
X Aus dem Kreise Alsfeld, 19. Sept. Für den 21. d. Mts. sind in allen Orten unseres Kreises Notquarttere angesagt worden. Die Korpsmanöver werden wahrscheinlich im südlichen Teil des Kreises um die Hohen des Geise- und HainebergS bei Ruppertenrod ihren Ausgang nehmen.
X Nidda, 19. Sept. Gestern und heute herrschte hier reges militärisches Treiben. Gestern nachmittag kam zahlreiche Einauartierung in unsere Stadt und' die Umgegend. Es hing das mit dem hier eingerichteten Proviantamt zusammen. Ganze Berge von Heu und
Joses Kains t-
Wie«, 20. Sept. Ter tzofschaufpieler Kaiuz ist heute früh 5 Nhr 35 Mm. gestorben.
Es ist eine grausige Vernttschmrg bet sonst so streng ge- Wedenen Sphären von Kunst und Wirklichkeit, wenn die furchtbar tragische Gewalt des Schicksals, die wir den großen Tragöden zu unserer genußreichen Erschütterung so oft im schönen Schein der Bühne meistern sahen, mit zerstörender Hand in sein reales Sein hineingreift und das grimmige Gespenst des Todes, so I schönhecksvoll umhüllt und verklart durch sein Genie, in der scheußlichen Gestalt auftritt und den stolzen Geistes Herrscher erbarmungslos in seiner körperlichen Bedingtheit vernichtet. Dies wehe Schauspiel des Lebens, das uns in Matkowskys Untergang so schmerzlich traf, erfüllt uns mit noch größerem Entsetzen bei Kackrz' jammervollem Hinsiechen und elendem Sterben. Die Wurzeln seiner .Existenz, die ein giftiger Wurm zerfraß und tückisch zerstörte, waren so tief eingegraben in dem Mutterboden k einer unerschöpflichen Gestaltungskraft, daß wir uns von dieser
t edlen Menschenblüte noch reife Früchte der besten Mannesjahre,
der geläuterten Reise, der harmonischen Vollendung erhoffen durften. Wie jäh ist nun die Fülle dichterischer Schönhecks- to eiten, schauspielerischer Visionen vernichtet; in fröstelnde Nacht versinken als blullose Schatten die in Glut und Leidenschaft I prangenden Gestalten, die wir als unsere Zeügenossen, als Ge- i führten unseres Fleisches und Blutes empfanden, so lange ihr Schöpfer sie noch dem verzückten Auge entstehen lassen konnte! Zerstört der unendlich geschmeidige, nimmermüde Mund, dem die Wunder der Rede im verführerischsten Wohllaut entströmten; zerborsten der weiche, aus Tiefen der Seele herauftönende Glocken- - ton dieses einzigen Organs, dessen Schmeichelgesang zu lauschen wir nie müde wurden; gebrochen dies Auge, dessen bohrendes - Suchen, magisches Leuchten, wildes Zucken die Sinne in Fesseln . schlug! Dahin! Dahin! Ein Häufchen Staub ist alles, was übrig bleibt von diesem heißen Gewimmel lebenssprühender Gestalten, von diesem dämonischen Verkünder der stärksten Leidenschaften, der wildesten Verzweiflung, der jubelnden Seligkeck.
' Es ist jetzt noch nicht die Stunde, abzuwägen, was Josef Kainz der Bühne seinerzeit war, was er für bie Geschichte des deutschen Theaters bedeutet. Er tauchte am Bühnenhimmel auf als eine alles überstrahlende Sonne und sein Glanz hat unvermindert geleuchtet bis zum plötzlichen traurigen Untergang. Gleich faszinierend wirkte seine Erscheinung auf Schauspieler wie Publikum. Es gab eine Zeit — und sie ist noch nicht vorbei — da konnte man die tlcincn Kainze wie Irrlichter über bj& Bretter hrnzuckLn Lehen uiü} ein Überstürztes unverständliches..
Hervorsprudeln der Sätze als seinen „Sprachstil" vorgesetzt erhalten. Aber selbst noch in diesen verzerrten Karrikaturen ahnte man das Große, das Ewige, das der Meister der Bühnenkunst seinerzeit gegeben: das statte Tempo modernen Lebens, die nervöse Intensität einer neuen seelischen Entwicklung, die vibrierende Spannung der Leidenschaft. Die Meininger, von denen auch sein Ruhm ausging, hatten bereits Bewegung, Erregung in die Massen gebracht; die Hauptdarsteller bewahtten eine statuarische Würde und pflegten die schöne Pose. Die Harmonie und das rhythmische Gleichmaß der Rede galten allein für würdig, um von der Menschheit großen Gegenständen zu künden. Da brachte plötzlich Kainz einen völligen Tempowechsel in seinem Spiel, eine Revolution der Schauspielkunst, ganz ohne gleichem Dian könnte fast sagen, daß es ihm das neue Zeitalter der Schnellzüge, der Telegraphie, der raschen Entwicklung und des hastigen Genießens Gestalt gewann. Er führte die bereits von Richard Wagner geforderte Beschleunigung des Sprechtons und Darstellungstalles in genialer Weise durch. Es ist nun freilich etwas Aeuß erlich es, daß der Revoluttonär des Vortrags zu einer Rede 35 Sekunden brauchte, an der seine Vorgänger zwei Minuten uifo mehr gesprochen hatten. Aber diese Vittuosität der Zunge und der Atemtechnik war von den schwerwiegendsten Neuerungen des innerlichen Kunstsllls begleitet. Eine gleiche Steigerung und nervöse Beseelung der geistigen Rhythmik wurde in Wagners Aiusikdrama und in den Werken des malettschen Jmpresiionismus burchgefühtt. Jmpressionisllsch war auch bas Spiel Kainzens: bas Herausheben und die jähe Beleuchtung einer Situation, die Schaffung einer als Leitmotiv milllmgenben Stimmungssphäre, aus der bie Blitze bes momentanen Eindrucks aufzuckten, bas Zusammenbränaen der stärksten Wirkung in eine Szene. Kainz tarn es wie Rodin ober Whistler gar nicht darauf an, sein Thema völlig auszuschöpfen; er vernachlässigte einzelne Seiten seines Stoffes gäirzlich, um bafür einen einzigen Wesenszug! zu einem unvergeßlichen Höhepunkt zu steigern. Auch er ließ Teile bes Blocks uirbehauen, um bie Ewigkeit einer Geste rein hervortreten zu lassen, legte weite Partien und Schatten, um bie rechte Begleitung zu einem zauberhaft ausleuchtenden Farbenspiel zu schassen. Wie bie Großen ber bildenden Kunst kam er jo folgerichtig zur Vereinfachmrg und Stllisierung der W.irllich- keit, zur grandiosen Monumezttalität.
Der schöpfettsche Sprachslll von Kainz, der so enge Verwandtschaft mit der seelischen Rhythmik ber Schwesterkünste aufweist, hat wieder, durch Nietzsche schon vorbereüet, auf bie dichterische Form eingewirkt. Der vorwärts brüngenbe, hinreißende Elan seiner Rede mit ihrer wechselvollen Phrasierung tont nicht nur in Sudermanns „Johannes" und „Drei Reiherfedem", sondern auch in Hauptmanns „Armen Heinrich" und Hosmannsthals Dramen, Der völlig verändette, unregelmäßig an* und ab-
schwellende Verstall dieser Dichtungen ist das fotttönende Echo jener uneirdlich ausdrucksvollen, die feinsten Settenregrvrgan malenden Tallsolgen, an bie des Schauspielers Kunst ba5 Ohr des Publikums gewöhnt hatte. Dieser Romeo-, Eattos- unb, Hamlet-Spieler hat als erster das wundervolle Mitttt gefunden, alle Skalen des modernen Empfindens zu schildern, die turzeu Diomente der begeifterten Ekstase im jauchzenden Emporschwürgen des Wotts, die langen Pausen her müden Resignation in deut melancholischen Herabsinkenlasseu des Tons, die scynttlen Schwankungen des Zweifels und der Halbheit in dem jagenden Auf und Nieder des Talles, in dem flackernden Wetterleuchten ber Stimmen, in den flatternden Halbtönen, die wie das rasch zitternde Flügelschlagen eines wunden Vogels Hangen. Kainz schuf so einen Re ick) tum an Nüancen, die Möglichkeit für den Ausdruck difserenziettester Stimmungen, bie ihn zum modernen Schauspieler par excellence machten. Statt der vielen, verwirrend gewählten Wottakzente betonte er so wenig Worte als möglich, ließ aber diese mit leuchtender Wucht hervortreten; wie Bergq ragten sie aus den Wellentälern seiner Deklamation hervor. Die Eintönigkeü, bet seine Nachahmer bei solchem Vortrag erlagen, vermied er durch den wundervollen Wohllaut seines Organs, dessen „Singen" sich zur süßesten Melodie, zur berauschenden Eanttlene entfaUete und heiße Liebesglnt glct& berückend er- klingen lassen konnte wie rasenden Schmerz,
Dem Tempo seiner Rede eittsprechend war sein ganzes Spiel, das vor allem in den beredten Händen das anschaulichste Mittel fand, auf plötzliche Steigerungen, Ueberraschungeir, aut die jähe Ueberrumpelung des Zuschauers angelegt, auf eine .Entwicklung nt schroffen Gegensätzen und leidenschaftlichen Ausbrüchen. .Er liebte ein langes Präludieren, ein vorder eckendes Hinecken im Prestissirno, bis er bann in einem Fortissimo Halt machte, bie Peripetie wie ein Flammzeichen auflobcrn ließ und mit einem Schlage den Charakter enthüllte, so als Carlos, wo fein Pathos erst in ber Mitte bes Stücks, in ber Szene mit Lerma, losbrach, so als König in der ,^Jüdin von Toledo", wo er die drei ersten Alle hinburd) wie ein abwesender Träumer dahinlebt; noch stätter zeigte sich bie momentane Entwickluirg in seinem Romeo, ber zuerst wie ein blasierter, liebeskranker Phantast bahertaumelt und bind) Julias Anblick plötzlich zum glühendsten Freier und Helden erwacht. Sein Oswald war ein tief verstimmter, aber fein und vornehm empfindender Mensch, bis plötzlich die Katastrophe über ihn hereinbrach; ifein Franz Moor, ein öliger, geschniegelter, demütiger, ganz verächtlicher Bursche, bis dae Gewissen in ihm erwacht und einen dämonischen Verbrecher voll Größe erstehen läßt. In solchen Steigerungen und Kon- traftierungen kam bie Monumentalität seines Schaffens so recht zur Geltung, bie Einzelheiten sorglos vernachlässigte, um die entscheidenden Momente einer Handlung,, den WesQiszug .ein^


