Ausgabe 
14.3.1910 Zweites Blatt
 
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Aus dem Militär-Wochenblatt. Peters, Intcnd.-Registrator von der Jntend. dcS 18. Armeekorps zum Geh. Registrator im KriegSministcrium ernannt.

* Der Verkehrs verein, der morgen seine dies­jährige Generalversammlung abhält, versendet soeben seinen Jahresbericht für 1909, der ein anschauliches Bild der Be- tlrebungen des Vereins gibt. Ausschuß und Vorstand, die 19 Sitzungen abhielten, beschäftigten sich hauptsächlich mit der Herausgabe eines neuen Führers, der in 5000 Stücken er­schien, wovon 3500 bereits versandt wurden. Zum Verkauf des Führers wurde gegenüber dem Bahnhof ein Automat ausgestellt, nachdem die Eisenbahnverwaltung die Aufstellung im Bahnhof abgelehnt hatte. Der Verkchrsverein beteiligte sich ferner an den Arbeiten für den 1. Gießener VerkehrStag, der einen vollen Erfolg hatte. Der Verkehrsverein hat die "Aufgabe, unsere Stadt und deren herrliche Umgebung bekannt '311 machen und dadurch nicht nur den vorübergehenden Ver­kehr, sondern and) seßhafte und kapitalkräftige Leute nach unserer Heimatstadt zu lenken. Auskünfte, zahllose Anfragen 'über Stadt und Umgebung, Wohnungsverhältnisse, Lebens­weise, Spaziergänge, wissenschaftliche und gesellschaftliche Unterhaltungen hatte die Geschäftsstelle zu erledigen. Das Interesse für Gießen ist unziveifelhaft lebhafter geivorden. DaS beweisen die vielen Anfragen von außen, von Rentnern, Pensionären, Stiidenten und Abitilrieuten von höheren Lehr­anstalten, die, wie wir feststellen konnten, vielfach auf unseren Führer zurüekziiführen waren.

* Der Kaufmännische Verein weiblicher An­ge stell l ter feierte, wie man un§ schreibt, gestern sein 4. Stiftungsfest im Cafö Ebel. Das von Mitgliedern auSgeführte reichhaltige Programm legte Zeugnis davon ab, daß es auch in den Reihen der Frauen viele gibt, welche über eine große Intelligenz verfügen.

** D e r Verein für Sterbeunterstützung, der ,'tior 4 Jahren gegründet wurde, und jetzt in sein 5. Ge­schäftsjahr tritt, besteht zurzeit aus 1487 Mitgliedern. Er hatte im verflossenen Gei^astsjahre einen Zuwachs von 53 und einen Abgang von 37 Mitglieder (26 sind gestorben und 11 freiwillig ausgetreten). Während seines 4jüyrigen Bestehens hatte der Verein 82 Sterbefälle unter seinen Mitgliedern wofür 22140 Mk. ausgi^ahlt wurden. Der Reservefond beträgt 11122 Mk. Tas Sterbegeld wird in der Generalversammlung festgesetzt und beträgt für das Jahr 1910 270 Mark. Das Eintrittsgeld beträgt für eine Person: im Alter von 1625 Jahren 1 Mk., 2530 Jahren 1,50 Mk., 3035 Jahren 2,50 Mk., 3540 Jahren 4 Mk., 4045 Jahren 7 Alk. Leute, die das 45. Lebensjahr zurück- aelegt haben, werden nicht mehr ausgenommen. Bei der Aufnahme ist außerdem noch ein Slerbesallbeitrag von 25 Psg. zu bezahlen. Für jeden Sterbefall eines Mitgliedes ist ein Beitrag von 25 Psg. zu entrichten, der durch den Vereinsdiener gegen Quittung erhoben wird. Ein von Gießen wegzieheirdes Mitglied kann auch ferner bei dem Verein verbleiben, wenn der Wegzug dem Vorstand mit­geteilt wird.

R. Odenhansen i. d. Rabenau, 13. März. Heute tagte der Luind a ta l n ger b un d hier in dem Saale des Gast- wirts Belling. Die Vereine waren alle, zum Teil sehr stark, ver­treten. Ter Bunüesvorsitzende Lehrer Zügler begrüßte die Erschienenen und nachdem der Gesangverein Eintracht von hier ein Lied gesungen hatte, wurde mit dem geschäftlichen Teil be­gonnen. Ter alte Vorstand wurde einstimmig wiedergewähU. Als Ausflugsort wurde Höingen bestimmt; der Ausflug findet am 29. Mai statt. An den scheidenden Geheimerat Dr. Breidert wurde ein Begriisungstelegramm abgesandt. Nach dem geschäft­lichen Teil wechselten schöne Ehöre, vor getragen vom Männer- gesangverein Allendors a. d. Lda., mit einigen Liedern des Ge­sangvereins Eintracht Ovenhausen. Der Schriftführer des Bundes, Bahnhofs-Aufseher Weber, ergriff sodann das Wort, um den Sängern wegen der großen Beteiligung Tank ausznsprechcn. Er sprach weiter über den Wert des deutschen Liedes und den Zu­sammenschluß der Vereine und bat, der Bund möge stets bestrebt sein, das Vo'lislied immer mehr in den Vordergrund zu stellen. Auch gedachte er des scheidenden ersten Vorsitzenden des mitteldeutschen Säuger verband es, Provinz laldireltors Geheimerat Tr. Breidert, dessen Abschied gerade in Gießen gefeiert wurde. Er bedauert den Weggang des allseits beliebten und stets fürsorgeirden Beamten, der auch dem Gesang die größte Sympathie entgegenbrachte, und wünschte ihm.im goldenen Mainz ebenfalls reiche Betätigung auch; aus dem Gebiet des Männergesangcs. Er schloß, mit einem Hoch aus den Scheidenden, in das die Versammlung begeistert einstimmte.

l. Friedberg, 13. März. Tie heutige Aufführung der Jahreszeiten von Haydn durch den M u s i k v e r e i n bot miiii l uri nwni

Gießener Sta-ttheater.

Gastspiel uoit Irene Triesch.

Frau Irene Triesch ist hier ein lieber und bewun­derter Gast, der jebcSmal mit aller Herzlichkeit und freudiger Spannung empfangen wird. Die einfache Schönheit in der Stnnft der gefeierten Darstellerin, die alle Aeußerlichkeiten vermeidet, und aus derRolle" ein leibhaftiges, blutvolles Wesen bildet, verleiht ihrem Spiel jene große Wucht, die den Zuschauer vom ersten bis zum letzten Wugenbhcf gefangen nimmt und ihn zum innigsten Miterleben zwingt. So sahen wir die Künstlerin auch am Samstag als Janetta in dem ZwecksluckDie rote Robe", das vor em paar Jahren die deutschen Bühnen nur allzulang beherrschte. Frau Triesch gab das unglückliche, gefolterte Weib mit der reifen Kunst ihrer starken Persönlichkeit, und gerade das einfache, uugesuchte Spiel, das wie etivas ganz Selbstverständliches aus der- Handlung IjwuiS wuchs, machte die Darstellung - einem tiefgdhendbn Erlebnis. Die Art der Künstlerin, der vornehme Gebraiich der Geste, die Sprache ihrer Hände und ihrer Mienen ist hier in langjähriger Gastfreundschaft wiederholt beiviindernd anerkannt morden und kann daher der eingehenden Besprechung leicht entraten. Reben ihrer hoch­ragenden Darstellung hatten unsere einheimischen Künstler einen schiveren Stand, aber mit Freude kann man feststellen, daß sie in jeder Beziehung auf dem Posten waren. Vor allem Hermann Ba ko f als Vagret, Rudolf Goll als Mouzon und Ferru Daiibal als Pierre. Von der großen Zahl der übrigen Mitwirkenden, die sich unter Bakoftz sorgfältiger Leitung zu einer prächtigen Einheit zusainrnenfanden, sind dann noch Hermann 9torden (Blondoubleau), Kurt Gühne IBlanc), Karl Volck (Tupotzl), Elly Gühne (Rosa) und Half Gunolt (Bunerat) zu nennen.

M ü n cl) c n, 13. März. Z u r F eierde § 80. © c b u 11 § - q ei3 von Paul Heyie iaud eine Morgenfeier im Residenz- tv pter statt. Ein von Wilhelm I e n s s e n verfaßtes Festgedicht

eine großartige Leistung. Reallehrer Fritz U sing er leitete schwungvoll, zugleich sicher und ruhig, die Chöre, die an Sänger und Dirigent hohe Anforderungen stellen. Hervorzuheben sind derChor der Landleute und Jäger" und dasWeinlied", beide aus dem Herbst. Weim T-irigent und Chor große, mühevolle Arbeit bis zur Aufführung halten, so leistete bei der Aufführung die größte Arbeit Tr. Karl Schmidt, der das ganze Oratorium auf bent Klavier begleitete. Schon äußerlich betrachtet, stellte die Begleitung hohe Anforderungen, dauerte doch die Aufführung beinahe drei Stunden. Sämtliche Gesänge wurden mit Genauig­keit und Feinheit begleitet. Herr Richard Schmid-Hannover (Baß) fang den Pachter Simon, Fräülein Anna Hesse- Berlin (Sopran' die Hanne und .Herr K. Sattler-Stuttgart (Tenor) den Lukas. Leider war der letztere nicht gut disponiert. Aber nur selten war davon etwas zu merken. Wundervoll gelang das 2nett der Liebe imHerbst", von ihm und Fräulein Hesse ge­sungen. In der Sopranistin lernten wir eine Sängerin mit klarer, fester Stimme kennen. Gleich schön klangen auch die Lieder des Bassisten, Herrn R. Schmid. Die Aufführung fand reichliche Beifallskundgebungen. Ter Besuch des Konzerts war gut.

X. Hanau, 13. März. Bei den bis jetzt tm Land­kreise Hanau vorgenommenen Ersatzwahlen zu den Gemeinde­vertretungen ist es der Sozialdemokratie in den meisten Orten gelungen, ihre Kandidaten in der dritten Klasse durchzubringen. Rur in wenigen Orten, wie z. B. in Groß-Anheim, Ostheim, Hüttengesäß, siegten die bürger­lichen über die sozialdemokratischen Kandidaten.

Die Wormser Mordafiäre vor Gericht.

(Fortsetzung.)

d. Mainz, 11. März.

Ter Zeuge Landgerichtsrat Dr. Jungk erklärte, daß die Scheid sich dahin geäußert habe, sic werde einmal etwas tun, wovon die Zeitungen schreiben würden. Im Nachlaß der Scheid seien die abgestempelten Briese gefunden worden, die an die Rechtsanwälte wegen Zurücknahme des Prozesses gegen Kruger gerichtet gewesen waren. Die Scheide habe die Briefe nach ihrer Aufgabe auf der Post wieder zurückgeholt, ein Beweis dafür, daß sie die Absicht hatte, den Kruger umzubringen.

Gutachten der Sachverständigen.

Geh. Medizincckrat Tr. Fertig-Worms berichtete über den Befund der Leiche des Sttugcr. Ter Schnitt in den Hals sei mit furchtbarer Gewalt imb zwar aller Wahrscheinlichkeit itad) von vorn nach hinten ausgeführt worden. Nack) feiner Ansicht konnte der Sckstlitt in den Hals nur von einem sehr kräftigen Menschen: geführt worden sein. Zwischen beut Schuß und dem Schnitt müsse eine gewisse Zeit vergangen fein.

Kreisassistenzarzt Tr. Fresenius- Worms sagte aus, der Schuß sei in nächster 9lä()e von oben nach unten abgefeuert worden. Ter Schuß fei nicht tödlich gewesen, wohl aber der bald darauf erfolgte Halsschnitt. Tie Person, die den Schnitt ausgesührt, müsse auf her linken Seite des Bettes deS Kruger gestanden haben.

Ter Sachverständige äußert über den Geisteszustand Sclzcrs, jedenfalls müsse er ihn als erblich belastet bezeichnen. Tie Witwe Scheid habe auf den Angeklagten einen großen Einfluß ausgeübt, dazu sei noch der genossene Alkohol hinzugekoinTnen. Selzer sei ein willensschwachcr und energieloser Mensch.

Ter Sachverständige Gerichtschemiler Dr. Popp-Frankfurt schilderte die einzelneu Vdomente, die gegen einen Selbstmord sprechen. Besonders das Hemd deS Selzer, das an der rechten Aermelseite Blutspritzer aufwies, während der linke Aerntel stark mit Blut durchdrängt war. Als er dies damals dem Selzer int Untersuchungsgefängnis mitteilte, sei Selzer erschrocken gewesen und habe gesagt,dann hat die Scheid es vergessen, einzupacken!" Außer einer weiteren kleinen Blutschmierung unter der Achselhöhle sei an dem Hemd nichts gewiesen. Unter den Mgeln der rechten Hand des ermordeten Kr. seien rote und blaue Fasern vorhanden gewesen tinb diese Fasern hätten sich an der Kleidung des Selzer bcfmtbcu. Ter Befund spreche dafür, daß der Selzer die Tat ausgeführt habe. Der Sachverständige hält es auf Be- frageit des Verteidigers für ^ausgeschlossen, daß die Person, die Die Schnittwunde aus führte, nicht mit Blut, besonders an den Händen, besudelt worden wäre. Dr. Popp äußerte sich noch über das Testament, das nicht ani Tage der Ausstellung, sondern wahrscheinlick) am Abend vor dem Vdord niedergesdirieben worden sei.

Medizinalrat Tr. Balser führte aus, ganz ausgeschlossen sei, baß bie Scheib bei ber Tat in einem Dämmerzustände gehandelt habe. Ten Selzer habe er in der Untersuchungshaft kennen gelernt und sei er von ihm beobachtet iwlorben. Gr habe bei bent Angeklagten weder in feinem Vorleben, noch in seinem Benehmen vor und nach der Tat, sowie im Untersuchungsgefängnis die geringste Andeutungen gesunden, daß er geisteskrank sei.

Akedtzinalrat Dr. Balser führte weiter ans, daß, erbliche Belastung etwas ganz anderes sei, als geistiger Defekt. Er, bcv Angeklagte, habe sich bezüglich seines Auffassungsvermögens mit seinem Bildungsgrad im Einklang befunden.

wurde von der HosscyaMpielevin Berndl gesprochen. Daran schlossen sich GesangSoortrage Heysescher Lieder und Tonslücke von Brahms, die der Lehrergesangverein auSsührle und VorträgeHeysescher Gedichte durch den Generalrnteiidanlen von P o ss a r l. Den Schluß bildete die Darstellung einer Feflspieldichmng von Ostini ,.Jm Hein der Egcria", in der die hervorragendsten Gestalten der Heyseschen Dichtungen auftraten. Am Nachmittage sand zu Ehren des Dichters em Festmahl stall, bei dem Ludwig Fulda m begeisterten Worten Paul Heyse feierte.

Erzlager in der Mongolei. Nach Berichten russi­scher Reisenden sind im November vor. Js. int äußersten Norden der Mongolei, nicht ivcil von der russischen Grenze bei Aschenginsk, große Lager von Silbererz, Kupier und Steinkohle entdeckt ivorden. Wenn man den Berichten Glauben schenken darf, sind die Lager geradezu unerschöpflich. In St. Petersburg unterhandelt eine russische Geselljchail mit englischen Kapitalisten wegen Gründung eines großen Unternehmens, um diese Lager ausznbeulen. Bisher >var aiißer den Kohlenlagern am Südrande von Mineralschätzen der Mongolei noch jo gut wie gar nichts bekannt.

Martin Tupper. In biefeit Tagen begeht man in England den Säkular tag von Martin Farguhar Tuppers Ge­burtstag, eines SOianneS, von bent bei uns heute die Wenigsten aud) nur ben Namen kennen, obwohl icr vor zwei iVdenschenaltern! ber populärste Schriftsteller des englisdien Weltreid)es war, bessert Spruchweisheit unter bem TitelProverbial Philosophy" in weit mehr als einer Million Exemplare verlaust würbe. Ms Sohn Arztes im März 1810 zu London geboren, studierte er erst in Oxford, wo er ein Studien genösse Gladstones war, Theologie, bann Jurisprudenz und wandte fid). früh ganz der Schriftstellerci zu. Von feilten etwa 40 Werken hat ihn das oben genannte zu einer beispiellosen Volkstümlichkeit verholsen, die ihn bei mehrfachen, Reisen nach Amerika aud> dort große Triumphe feiern ließ. Seine Sprüche sind in einer an (Jesus Ci rach erinnernden frei rhythmisierten Langzeile abgefaßt und fttdipi zumeist an Banalität ihresgleichen, was nicht hinderte, daß sie ein Lieblingsbuch ber Königin Victoria waren und blieben. Dazu mag einiges auch Tuppers rühreube Schwärmerei für bie Königin beigetragen haben, die er bei jedem freudigen ober ernsten Mrlaß als unfreiwilliger Tcnnyson-Parobist bedichtete. Er eneidjte ein Alter von über 80 Jal-rcu und irar Mitglceb der Royal Society, sowie Ehrendoktor ber Universität Oxford.

Die Zeugin Frau Mink war nach ber Morbtat mit ber Scheid im Wormser Haftlokal. Die Scheib hat der Zeugin erklärt, sie habe die Sache nicht allein gemacht, fonbern mit einem an bereit ben sie aber xiickst verrate.

Rechtsanwalt Tr. Krämer-Worms hatte in der Tarte l>ens- geschichte mR Kluger und der Scheib zu tun. Er gewarnt den Ein druck, baß bie Scheid bent Kr. nur deshalb die Unannehmlichkeiten gemacht habe, damit er sie heirate. Kruger sei ein gutmütiger, aber etwas beschränkter Mensch gewesen. Er habe den Eindruck von ihm gewonnen, daß er noch mehr zarte Bande mit Niädchen hatte.

Rechtsanwalt Dr. Mattes-Mainz hat Kruger ebenfalls gegen die Scheid int Zivilprozeß vertreten. Er habe immer er­klärt, die Scheid nickst zu heiraten und habe das Verhältnis gelöst. Kr. sei ein lebenslustiger Mensch gewesen. Zwei Tage vor seiner Ermordung sei er wieder auf feinem Bureau erschienen. Er lmbe damals erllärt, bie Scheid verfolge ihn wieder auf allen Wegen. Er habe das Verspreckieii gegeben, sich- von der Scheid fernzuhalten, doch- habe er den Eindruck gehalst, baß Kruger sein Versprechen doch nicht halten wcrbe.

Amtsrickstcr Tr. M i nn i ch-Psebbersheim berichtete von ben Strasen des Selzer. Er fei ein etwas willenloser Meitsck) ge­wesen, boch habe er ihn für intelligent gehalten. Der Zeuge hatte einmal am Bahnhof in Worms beobachtet, daß sich Kruger und bie Scheib zankten.

Ter 9NÄler Abam K r n g e r aus Kriegsfeld ist ber Onkel bes Ermorbcten. Sein Neffe sei eines Tages zu ihm gekommen und habe von ihm 2000 Mark verlangt. Ter Zeuge,wollte in einigen Tagen ihm bas Gelb beschaffeiq, da sei die Schesid bei ihm er­schienen unb habe ihn ersucht, seinem Neffen das /Gelb nicht zu! geben, sonst sei es verloren. In kurzer Zeit sei Kr. boch kein Lehrer mehr. Wenn er bas Gelb erhalte, dann bekäme sie es unb er werde sie nicht heiraten. Ter Ermorbete fei bann hinzu- gekommen unb habe die Scheid Mis der Mühle heransgeworftn. Er habe seinem Neffen das Geld doch gegeben, damit er von der Scheid loskomme.

Tie Tochter des Zettgen bekundet noch, daß die Sckstib nack) bent Streit in der Mühle gesagt hätte, jetzt werde sie lscchl an bent Kruger rächen, in zehn Tagen fei er kein Lehrer mehr.

Ter Schwiegervater bcs Ermordeten, ber Zeuge Gg. Nickel, deponierte, baß die Scheib and) bei ihm gewesen und erklär! hätte, ber Kruger habe sie ruiniert und strn 3000 Mk. gebrackst. Heiraten wolle er sie nicht und sie gehe in beit Tob.

Kreisschulinspettor Tr. F r e nzel - Worms behmbete über Tienstwidrigreiten des Kruger. Die Scheib habe ihn einmal bes Morbversudis angezeigt unb ihm alles mögliche vorgeworfen. Tie Folge fei gewesen, baß er vorn Dienst suspendiert wurde. Auch die Geinciube Wack/enheint habe schon vorher um bie Entfernung des Lehrers gebeten. K. habe getrunken und man sei mit seinem außerdienstlichen Berhaltcn nicht einverstanden gewesen. K. sei ein Mensch ohne Ehre imb Charakter, sowie der jdstechteste Lehrer im Kreise gewesen.

Ter Vorsitzende wies darauf hin, baß offenbar dieser Niedergang bei dem K. erst auf ben Verkehr mit her Scheid zurückzuführen sei. Früher habe er einen sehr guten Ruf gehabt.

Tie Mutter des Ernrorbetcu, die 59 jährige Witive Katharina Kruger, sdstlderte ein Zusammentreffen mit ber Scheib. Diese habe auf sie einzuwirken gesucht, baß ihr Sohn sie heirate. Wenn er sie nicht heirate, habe die Scheid erklärt, dann ruiniere sie ihn und gehe dann mit ihren Kindern ins Wasser.

Die Beweisaufnahme war nach 8 Uhr beendigt. Vor Samstag abend dürste das Urteil nicht zu erwarten sein.

d. Mainz, 12. März.

Heute nachmittag wurdct bas Urteil gefüllt, nadjbem bie Plad boyerS den ganzen Tag gebauert hatten. Selzer wurde durch ben Spruch der Geschworenen bes Myorbes für schuldig erkannt. Tas Gericht verurteilte dann gemäß dem Spruche i-cr Geschworenen bett Angeklagten zum Tode und zu dauerndem Ehrverlust. Ter Llngellagte nahm bas Urteil zieinlich gefaßt auf, er würbe gefesselt unb unter Bedeckung durch das spalierbilbende Publikmn nad) bent Untersuchungsgefängnis gebracht. Es war 2y2 Uhr, als ber fast drei Tage währenbe Prozeß zu Ende mar. Das Publikum hatte sich so zahlreich cingefunben, daß bas Justizgebäube gesperrt werden müßte und viele Hunderte stunden­lang auf ber Straße ftanben, um dort das Ende der Verhandlung abzuwartett. Ter Verteidiger will beim Gwßherzog ein Gesuch um Begnadigung zu lebeiislänglick)em Zucksthaus cinreidjcit.

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