Ausgabe 
10.12.1910 Sechstes Blatt
 
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Gietzener Anzeiger

Seneral-Anzeiger ffir Gberhessen

Samstag. 10. vqrmd« W

Äotettm^bcnet imb Berieg der Brühk^ch«

Unu>crfuät? - Buch» und Steindruckerei.

3t Lange. Gießen.

MtixcttUn, Expeditts« vmö Druckerei: Stfn* ftrntze 7. Expedition und Verlag: dl.

ÄebaZMorce^ll2. Tel.-AdruAnzelgerGrehen.

Der Biervndrauch im Deutsch« Reich.

Die Bierbrauer klagen über die anhaltende Ab­nahme des Bierverbrauchs in Deutschland, und mit Nechtt demr, toiebte StatisU? lehrt, ist seit dem Jahre 1891 nie ss memg Drer bet uns getrunken toorben tote heute. Seit Degnm des laufenden SÄuLmns geht der Bierverbrauch zurück, nicht etwa bloß im Norden unseres deutschen Baler- lcardes, smrdern selbst im klassischen Lande des Biergenuffes, in Bayern. Die Brauer wollen sich zusammentun und diese gefährliche Abssinenzbewegung bekämpfen. Sie be­rufen sich auf Bismarck, der gesagt haben soll, ohne den Alkohol hätten Mir den Krieg im Jahre 1870 nicht gewinnen könne« Ste reden dem Deutschen ins Gewissen, indem sie ihn an ferne patriotische Pflicht erinnern, Bier zu trinken intb damit die Reichseinnahmen vermehren zu Helsen. Denn be Getränke der Guttempler und Wasserapostel zahlen ja keine Reichssteuer. Aber es ist leider Tatsache, der Mer- verbrauch geht rapide zurück. Im Jahre 1900 kamen im Deutschen Reich durchschnittlich 118 Liter auf den Kopf; vis dahin hatte sich der Konsum fast von Jahr zu Jahr gehoben. An der Spitze stand Bayern mit 247 Liter im Durchschnitt, dann folgte Württemberg mit 180, Baden mit 161, das norddeutsche Brausteuergebiet mit 97, Maß-Loth­ringen mit 83 Liter.

Im Jahre 1909 dagegen stellte sich der Kopfver­brauch im ganzen Reich nur noch auf 100 Liter, und zwar in Bayern auf 230, in Württemberg auf 146, in Baden auf 146, im Brausteuergebiet auf 79 und in Maß-Lothringen aus 88 Liter. Seit 1900 ist demnach der Verbrauch pro Kopf zurückgegangen in ganz Deutsch­land um durchschnittlich 18 Liter, in Bayern um 7, in Württembera um 34, in Baden um 15 und im Brau­steuergebiet um 18 Liter.

Nur Elsaß-Lothringen weist eine kleine Zunahme auf. Am geringsten ist also heute der Verbrauch im Brau- steuergebiet, das sich inzwischen von Elsaß-Lothringen hat überholen lassen. Dabei ist heute das Bier viel leichter als früher, es toitb nämlich von Jahr zu Jahr dünnes eingebraut.

Im Interesse der Biertrinker und auch im Interesse der Reichsfinanzen sollte die Steuer nicht nach der Menge des verbrauchten Malzes erhoben werden, sondern nach der Menge des gewonnenen Bieres. Dann beftänbe wenigstens keine Gefahr, daß, um Steuer zu sparen, weniger Malz verwendet wird. Oder sollten die Brauer vielleicht bloß deshalb das Bier bürmer brauen, weil die Konsu­menten schwereres Mer nicht mehr vertragen und das dünne Gebräu vorziehen oder sonst gar zu den alkoholfreien Ge­tränken übergehen? Im Brausteuergebiet wurden im Jahre 1K0 noch durchschnittlich 21,6 kg Malz zu 1 hl Bier ver­wendet, 1900 nur noch 19,9 kg, 1908 nur 18,6 kg und im Jahre 1909 gar nur 17,6 kg. Der gesamte Malzverb rauch zur Bierbrauerei hat int Brausteuevgebiet im letzten Jahr nur 673 375 Tonnen betragen gegen 812 811 Tonnen im 3re 1905; so gering ist der Verbrauch seit dem Jahre 1894 t gewesen. Daraus wurden 38363000 W Bier gewonnen (gegen 42183000 hl im Jahre 1907). Die Zufuhr von auKnchalb (hauptsächlich aus Bayern und Böhmen) betrug 2337 000 hl, während nur 319 000 hl ausgeführt wurden, so daß sich der Verbrauch im Brausteuergebiet auf 10381 000 hl berechnet (gegen 44 296 000 hl im Jahre 1907) ^ür Bayern stellt sich der Verbrauch während des letzten Jahres auf 15 673 000 hl, für Württemberg auf 3514 000 hl, für Baden auf 3102 000 hl, 'für Elsaß-Lothringen aus I 648030 hl und somit für ganz Deutschland auf 64 487 000 hl 'gegen 69 289 000 hl im Jahr 1907). Die Steuer einschließ­lich Zoll und Uebergangsabgabe hat im letzten Jahre im Brausteuergebiet 98,4 Mill. Mk., in Bayern 32,6, inWürttem- berg 9,9, in Baden 7,1, in Elsaß-Lothringen 6,3 Mill. Mk., nn ganzen Reich also 154,3 Mill. Mk. ergeben, das sind auf den Kopf der Bevölkerung im Brausteuergebiet 1,93 Mk., in Bayern 4,78 Mk., in Württemberg 4,12 Mk., in Baden 3,34 Mk., in Elsaß-Lothringen 3,33 Mk. und im ganzen Reich 2,40 Mk. Mit Wirkung vom 1. August 1909 ab ist bekannt­lich die norddeutsche Brausteuer wesentlich erhöht worden. Von dem gleicl>en Zeitpunkt ab wurde der Zoll für aus­ländisches Bwr von 7,20 Mk. auf 9,65 Mk. für 1 Dz. und die üebergangsabgabe für süddeutsches Gier, das in das Brausteuergebiet eingeführt wird, von 2,50 Mk. aus 5 Mk für 1 hl erhöht. Auch Württemberg und Elsaß-Lothringen haben im vergangenen Jahr die Biersteuer erhöht, und zwar Württemberg vom 1. «Oktober 1909 ab, Elsaß-Loth­ringen seit 1. August 1909. Bayern ist mit der Erhöhung seiner Biersteuer erst im laufenden Jahr gefolgt, freilich nicht ohne dem größten Widerspruch unter den einheimischen Biertrinkern zu begegnen.

Ans Stadt und Land.

Gießen, 10. Dezember 1910.

Eisenbahnprojekte im Kreise Wetzlar.

Man schreibt uns: Die Bewohner des südlichen Teiles des Kreises Wetzlar harren schon lange Jahre auf bessere

BerkehrsverhaUnisse, tnSLesimüere axf die Ausführung einer Bahnlinie ButzbachWetzlar, allein bis jetzt warten sie dort vergeblich Ache lange nodx, das wrnß man auch nicht. Ern Teil der Linie, nämlich ButzbachOberkleen, ist ja gebaut, aber ob Und wo hrnaus die Linie weiter geh^n soll, das ist noch nicht bestimmt. Wie es scheint, hcurdelk es sich hjxr nm eine schwierige Frage, die sobald noch nicht gelöst sein wird.

Es waren Vorschläge gemacht worden, die Linie von Wetzlar aus nach Hochelheim §u führen, dort mit einer Linie Gießen AllendorfHochelheim zu vereinigen und so gemeinsam weiterzusiihren nach Ober­kleen. Das wären jedenfalls die rentabelsten und beit Verkehr am besten anschließenden Linien gewesen. Eine Verständigung zwischen Wetzlar und Gießen märe bei dieser Sache sehr erwünscht, zumal schwerwiegende Interessen bei­der Städte hier im Mittelpunkt .stehen.

Im südücheu Teile des Kreises Metzlar liegen große wohlhabende Gemeinden, nach denen hin sich eure Bahn­verbindung sicher rentieren wird.

Die anschernend bestehende Furcht, die eine Stadt könnte durch eine Bahn der anderen Verkehr entziehen, ist doch gar nicht mehr zeitgemäß und ganz bedeutungslos. Wer eben Geschäfte inWetzlar besorgen will, der reift nach Wetz­lar, mit oder ohne Bahn, und ebenso ist es mit dem Verkehr nach Gießen.

All diese nichtssagenden Fragen und Verhandlungen wollen aber tricht recht zum Ziele führen und so bleiben die interessierten Gemeinden eben ohne Verkehrsverbesse­rung, insbesondere müssen die vielen Arbeiter täglich nach Wetzlar und Gießen weite Wege Aurücklegen.

Hier könnte aber dock) wohl etwas Abhilfe geschaffen werden, wenn ein guter Au tomo bilver ke h r zwischen Gießen und Wetzlar über die entlegenen Gemein­den hergestellt tvürde, wie ein solcher in der Rheingegend mit Autos, die über 20 Personen fassen, mit bestem Erfolg eingerichtet ist. ($£' wäre sicher ein rentables Unternehmen, wenn große Autos täglich mehrmals hin- und hergingen und schließlich auch den Poftdienst mitbesorgten. Der Post- verkehr würde dadurch auch eine notwendige Verbesserung erfahren, denn gerade in den in Betracht kommenden Gemein­den besteht noch mitunter eigenartige Postverbindung. Z. B. liegt Hochelheim 1/2 Stündchen von Klein-Nechtenbach ent­fernt. Will man nun einen Brief von Hochelheim nach Klein-Rechtenbach schicken und vertraut diese Sendung mor­gens in Hochelheim dem Briefkasten an, so kommt einige stunden später der Postillion, nimmt den Brief an und fahrt damit nach Großen-Linden (V2 Stunde Weg). Von Großen-Lrnden geht der Brief mit der Bahn noch Gießen und von Gießen nach Wetzlar.

Am nächsten Tag kommt eine Fahrpost vvu Groß- Rechtenbach nacb Wetzlar, nimmt die Sachen in Empfang und bringt sie der Postagentur Rechtenbach (IV2 Stirnben Landweg). Dort erhält der Briefbote den Brief nach Klein-Rechtenbach, er geht damit los und schließlich am nächsten Tag, gegen mittag, Kommt auch der Brief ntnh Klein-Rechtenbach. Um also Sachen von Hochelheim nach Rechtenbach, 3 Kilometer weit, mit der Post zu schicken, müssen sie einen Weg (mit Aufenthalt) von etwa 28 Kilo­meter gehen. Ebenso rasch sind wohl auch die Sendungen von Hochelheim nach Berlin uni) wohl noch weiter am Bestimmungsort. Sehr erwünscht wäre es, tnenn den be­treffenden Gerneirrden bald eine Verkehrsverbesserung zu­teil tvürde; sie haben wirklich lange gerrug darauf gewartet.

** Gießener Konzertverein. Neben Gustav Havemann, dem ausgezeichneten Geiger aus Hamburg, dessen Auftreten in Berlin von beu Signalen für die musv- kalische Welt als ein Ereignis und eine Entdeckung bezeichnet worden ist, wird Herr Prof. WillyRehbera, Kgl. sächs. Hofpianist aus Frankfurt a. M, hervorragende Werke der Klavierliteratur zu Gehör bringen. lieber sein erstes Auftreten in Frankfurt, nach ferner Niederlassung daselbst als Lehrer am Dr. Hochschen Konservatorium Rehberg war vordem zusammen mit Marte au in Genf, wird berichtet: Willy Rehberg führte sich in imposanter Weise in das Frankfurter Musikleben ein. Die charak­teristische Seite seiner überragenden KünstlerpersönlichLeit zeigte sich in der gedrungenen, männlichen und gesunden Kraft seiner monumentalen Auffassung und seines schlechthin vollendeten Spiels. Zwischen Brahms' Konzert in D-moll und Liszt's Es-dur-Konzert in gläirzender Interpretation erklang hold und lieblich Mozarts zweites Krönungskon- zert in einer Akkuratesse und einem Feingefühl, denr man deutlich die Liebe und das enge persönliche Verhältnis zur Klassik anmerken mußte. So erfocht Nehberg einen Äeg auf der ganzen Linie. So verspricht das bevorstehende Konzert in allen Teilen einen seltenen und auserlesenen Genuß.

Starkenburg und Nheinhessen.

R. B. Darmstadt, 8. Dez. In der heute nachmittag abgehaltenen Stadtverordnete nsitzung widmete zn- crft Beigeordneter Müller dem verstorbenen Sanitätsrat

Dr. Jäger, der 25 Jahre als Arzt am städtischen Kranken­haus fungierte und auch nach seinem Rücktritt in den Ruhe­stand das Gemeinwohl der Stadt fördern hals, einen warm­herzigen Nachruf. Später bewilligte die Versammlimg die Summe von 292500 Mark für Herstellung und Anlegung: der Zugangs st raßen nach dem neuen Haupt- bahnhof und des vor dem Bahnhof geplanten freien Platzes. DaS erforderliche Kapital soll Anleihemitteln ent­nommen werden. Um neue Kosten und Arbeiten zu er­sparen, wurde beschlossen, gleichzeitig mit der Straßen­regulierung auch die Kanäle usw. anzulegen, wofiir weitere 40000 Mark bewilligt wurden.

Hessen-Nassau.

w. F r a n k f u r t a. M., 8. Dez. Baronin v R e i n a ch hat zur Erinnerung an ihren verstorbenen Gemahl den Baron Albert von Reinach, dem physikalischen Verein hier eine Erdbebenwarte gestiftet, die auf dem Feld­berg errichtet werden soll. Zunächst sind vier Seismo­graphen verschiedener Konstruktion vorgesehen Die Leitung übernimmt Dr. Linke, Dozent des Physikalischen Vereins. Der Arbeiter Wilh. Bien ert, der heute morgen auf dem Griesheimer Exerzierplatz mit drei Stichwunden im Kopfe bewußtlos aufgefunden worden war, ist im Elisabethen-Krankenhaus gestorben, ohne das 3-ewußt- sein wieder erlangt zu haben.

vüchertisch.

Wolkenschartcn und Höhenglanz. Soeben er­schienen im Verlag Lamport n. Co., AugÄurg, Gottfried Schwabs DichtungenWvllenschatten mrd Höhenglanz" in dritter oer- nrehrter Auflage und zwar als Voll'sausgabe. Ein wrrlliche^ Verdienst der bekannten Vcrlagsfirma, daß sie die NeiEusgabe trotz ihrer vornehmen Ausstattung (Buchschmuck von Hans Schroedter) zu einem Preise ansetztc, der es in weitesten Kreisen! ermöglicht, das geholwolle Buch zu erwerben (bergt. Inserat). Volkstümliche Kraft Eigenart vereint, durchströmcn die Dich­tungen Gottfried Schwabs, den wir mit Stolz unserer engeren Heimat zuzählen dürfen. Immer mehr müssen diese Lieder ein­dringen in die breiten Schichten unseres Volkes, in die Herzen unserer Jugend, die aus ihnen einen Born edelster Vaterlands­liebe schöpft. Liebte dach Gottfried Schwab sein deutsches Vatei> land über alles. So schreibt dieDeutsche Rundschau"' Solche Gedichte wieDas Lied vom alten Kaiser",Das Lied tnurt treuen Kanzler" undDes Königs Feldherr^^ (Moltke) suchen, aber finken nicht ihres gleichen. Und Has Seelied'.Michel horch, der Seewind pfeift", ist das Mutigste, Fr-ischeste und Schönste, wasunserer Zukunft auf dem Wasser" und mveret jungen Flotte dargebracht worden ist. Es ist daher auch bereits, zum Gemeingut des deutschen Volkes qewrben Möchten sich Gottfried Schwabs von so edlem echt deutschem Geist beseelte Drch- tungen in der neuen Volksausgabe neue Freunde erwerben unh als sinnige schone Gabe zunr Weihnachtsfest nirgends fefjiati

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