Ausgabe 
19.9.1910 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Rr» 319 Erstes Blatt 160. Jahrgang Montag 19. September 1910

Der Sietzener Anzeiger _ Bezugspreis:

erscheint täglich, außerW monatlich75Pi.,viertel-

ZZ.«8 HlL* AM AM AM j| M AAi At AM MWK

,wennalwöchentl.Ureir- H HW IV UV HW MW W W T M W W M | IV I diePost Dil.Z.-viertel-

biatl für Öen Kreis ©ie&en M W W W W< WM W LZ W< W # W O W LZ M W W jährl. ausschl. Bestellg.

SvivnvHvi 4< i n v iuv i =s=

General-Anzeiger für Oberhessen MZM

m röÄu^" RotetioitsOntd mtö Verlag der vrühl'schen Umo.-Y«ch- «ad Steindruckerei R. Lange. Redaktion, Expedition und Druckerei: Lchulstrahe 7.

Die heutige Nummer umfaßt 10 Seiten.

Der Reichslanzler über die innerpolitische tage.

Der Reichskanzler hat es doch für notwendig gehalten, uif hie von der Presse aufgeworfene Frage, wie es sich mit icr angeblichen Wahlp-arote verhalte, mit einer Erklärung ,u antworten, die am Samstag an leitender Stelle in der Iordd. Illlg. Ztg." veröffentlicht wurde. Die Erklärung )at folgenden Wortlaut:

Angeregt durch einen Artikel derFrankfurter Zeitung" hat ich die Tagespresse vielfach mit einer Wahlparole oder einem »Sahlprogramm her Regierung beschäftigt. Solche Er- irterungen finden einen günstigen Boden in der Besorgnis, von >er die besten Kräfte der Nation im Hinblick auf die Verbitterung mter den bürgerlichen Parteien und auf die sozialdemokratischen Erfolge bei den Nachwahlen zum Reichstage erfüllt sind. Ohne Zweifel hat jene Verbitterung bei diesen Erfolgen mitgewirtt. Aas der Reichskanzler in seiner Reichstagsrede vom 9. Dez. 1909 n bezug auf ausgezeichnete Geschäfte des Radi­kal ismus vorausgesehen hat, tritt leider mehr und mehr in -ste Wirklichkeit. Es ist auch richtig, daß diese Voraussicht nicht um her Pflicht entbindet, nach Möglichkeit Vorsorge dagegen u treffen, daß nicht ein blinder Mißmut, eine ungestüme poli- ische Verhetzung des Volkes eine gefährliche innere Lage schaffe.

Wir können aber versichern, daß an der obersten verantwort- ichen Stelle nicht nach Schlagworten gesucht, noch heute chon entschieden wird, welche einzelne Frage bei den nächsten illgemeinen Wahlen zum Reichstage in den Vordergrund zu ücken wäre. Mit Wahlparolen, die sich nicht aus her Natur >er Dinge ergeben, mit künstlichen Schlagworten läßt sich dem lebel, das wir beklagen, überhaupt nicht beikommen. Leistet das putsche Volk in her praktischen Arbeit fortwährend so Großes, ? o wird es sich auch in seiner politischen Betätigung und Kultur >er Herrschaft der Phrase entwöhnen und seine Geschicke so wenig tad), übler Laune, wie nach einseitigen Klassen- oder Jnteressen- vünschen mitbeftimmen müssen.

Der Reickiskanzler hält cs für seine Hauptaufgabe, die Reichs- pschäfte so zu führen, daß das her Nation zum Gedeihen ihres Erwerbslebens ebenso wie zu ihrem militärischen Schutze Nötige gesichert und ihre stetige kulturelle Entwicklung gewahrt werde. . s ist Idaher ein im einseitigsten radikalen Parteiinteresse ge- 'ährter Aberglaube, daß irgend etwas einer geistigen oder wirt- chaftlichen Reaktion Aehnliches im Werke sei. Eine solche Ab- >cht liegt allen maßgebenden Faktoren des Reiches fern.

DieFranks. Ztg." mag sich in noch so langen Ar-i ileln .drehen und wenden wie sie will, die amtliche Er- lärung, daß die oberste Stelle nicht nach Schlagworten uche, ist die denkbar deutlichste Zurückweisung des Geredes wn der angeblichenSchutzzollwahlparole". Weil nun der : Kanzler nicht gleichzeitig einen Berg von liberalen Zu­geständnissen aufgetürmt hat, glauben einige Blätter wie­der Zum Sturm gegen ihn blasen zu müssen. DieVoss. Zeitung" Z. B. spricht vost einem Armutszeugnis, einem OchnmachtsbekenntniL", .indem sie hinzufugt, wie fur^ sichtig müßten die Machthaber sein, die in der tiefen Er­bitterung nichts als üble Laune und b'lindeu Mißmut sähen. Offenbar hat das Blatt die amtliche Erklärung nur halb gelesen, denn da steht doch deutlich drin, daßdie besten .Kräfte der Nation" besorgt seien, und die letzten amtlichen ^Sätze können gar beinahe wie ein Versprechen ausgelegb werden. DieDeutsche Tageszeitung" scheint zu fürchten, daß nicht alles wieder nach ihrem Sinne gehen soll, und

sie meint etwas verschnupft,Schlagworte, wieReaktion" undeinseitige Jnteressenwünsche" hätte dieNordd. Allg. Ztg." .besser vermieden, ha sie mißverstänhlich sind". Auch in derKreuzzeitung" kam am Samstag das Bedauern zum Ausdruck, haß Herr v. Bethmann-Hollweg mit der Politik der Rechten nicht durch dick und dünn gegangen sei:Die Erregung im Volke würde wohl kaum so umfangreich und so tiefgreifend geworden sein, wenn nicht die leiten--? den Regierungskreise zu den gegen die neuen Steuern gerichteten Treibereien beharrlich geschwiegen hätten. Begreiflich mochte unmittefbar nach dem Abschlüsse der Reichsfinanzreform ein solches Schweigen sein, heute ist es aus keinen Fall gerechtfertigt." Es ist doch wahr­haftig ein starkes Verlangen, daß der Kanzler den offen­baren Fehler bei der Verweigerung der Erbschaftssteuer durch die Konservativen nun auch noch verherrlichen soll. Wir erblicken die Bedeutung her neuesten Veröffentlichung des Reichskanzlers gerade darin, daß in ihr eine nicht zu verkennende Mahnung auch gegen die Konservativen liegt, den Parteibogen fürder nicht zu straff zu spannen. Offen­bare Fehler müssen wieder autgemacht werden, und bei der schon sichtbar werdenden Morgenröte einer Ergänzung der Reichsfinanzreform sollten gerade die Parteien der Rech­ten im Interesse des Landes ihre Beschlüsse.nicht in schnellem Kampfeseiser fassen.

französisches MWrauen gegen die Türkei.

Die wiederholt aufgetauchten Gerüchte von einer poli­tischen Annäherung zwischen der Türkei und Rumänien wer­den jetzt in sehr bestimmter Form von der französischen Hauptstadt her von neuem ausgenommen. Der Matin mel­det nach Berichten aus angeblich absolut sicherer Quelle, daß die Türkei mit Rumänien eine Militärkon­vention abgeschlossen, habe.

DieseEntente" sichere den Türken den Beistand der rumä­nischer Armee für den Fall, daß Bulgarien die Türkei angreifen sollte. Das Blatt behauptet weiter, daß diese Konvention.auf Berliner und Wiener Inspirationen hin abgeschlossen worden und daß Freiherr Marschall von Bieberstein, der deutsche Bot­schafter in Konstantinopel, einer ihrer vornehmlichsten Urheber- gewesen sei. Man werde diese Nachricht wahrscheinlich demen­tieren, .sie sei aber trotzdem richtig. Die Konvention dürfte ver­schiedene .Mächte mehr oder weniger stören. Zunächst werde sie das .ewig unruhige Bulgarien nötigen, Frieden zu halten. Dann aber' werde sie auch Italien beeinflussen, dessen Balkaninteressen denen seiner Dreibundsverbündtten mehr oder weniger zuwider­laufen. Und bie£ bezeichnet das Pariser Blatt als einen Verlust vom französischen Standpunkte aus. Italien, Frankreich und namentlich Rußland seien auf etwa zehn Jahre hinaus auf hem Balkan lahmgelegt, und der germanische Einfluß habe dort wieder die Oberhand erlangt. In Italien werde man der türkisch-rumä­nischen .Militärentente daher keinen sonderlich guten Empfang bereiten.

DerMatiw' hat recht, die Meldung wird berichtigt werden, und mehrere deutsche Blätter haben bereits auf den Unsinn desMatin" hingewiesen. In der franzö­sischen Presse hat die Nachricht einen gelinden Sturm erweckt. DerTemps" fragt:

Wird die öffentliche Meinung Bulgariens diese offenkundige Drohung nicht beinahe für eine Herausforderung halten? Wird man in Sofia nicht mit einem gewissen Recht von Einkreisung sprechen? Wird man nicht, um ein Gegengewicht herzu stellen, der griechisch-bulgarischen Annäherung festere Gestalt verleihen? Wir

können deshalb in dem türkisch-rumänischen Abkommen keines­wegs eine Friedensbürgschaft erblicken.

DasJournal des Debats" meint:

Die türkisch-rumänische Verständigung hänge mit dem Dr e i bnnde zusammen, zum mindesten zwei demselben angehörige Mächte hatten ehrgeizige Absichten in der Richtung von Saloniki. Die Türkei müßte geradezu Selbstmordgedanken haben, um sich ihren Erbschaftsanwärtern anzuschließen.

Zu her teilweise scharfen Sprache gegenüber her Türkei hat natürlich auch her letzte Zwischenfall in Smyrna das ©einige beigetragen. Die neueste Beschwerde, die in sehr erregtem Tone vorgebracht wird, besteht darin, daß die Pforte systematisch die Auswanderung cuis Algerien nach Syrien durch Agenten in den französischen Besitzungen Nordafrikas nicht nur fördere, sondern Hervorrufe.

O Paris, 17. Sept. Das PariserJournal" gibt aus Conftantine folgende Darstellungen:

Die Auswanderung unserer algerischen Untertanen nach Syrien wird methodisch fortgesetzt. Die arabische Bevölkerung ist infolge der Dürre uni) -der Heuschrecken in den letzten beiden Jahren sehr mitgenommen toorden. Sie hat zu kabylischen Wucherern ihre Zuflucht nehmen müssen, die ihnen das Fell über die Ohren, zogen. Sobald nun die Unglücklichen völlig rui­niert sind, kommen die türkischen Auswanderer- Agenten an sie heran. Sie haben dann eine leichte Aul­gabe: sie versuchen nur den armen Kerlen glänzende Stellungen in Syrien unter der Standarte des Herrschers der Gläubigen vor­zuspiegeln. Diese Werber werden übrigens durch die Darstellungen derer unterstützt, die schon in Syrien ansässig sind: denn die türkische Regierung versäumt nichts, um die anzuziehen und zurückzuhalten, an die sie sich wendet. Sie sichert ihnen die Äahrung, sie beherbergt sie und ihre Familien während der ganzen Zeit ihres Aufenthalts in den Häsen bis zu dem Augen­blicke, da sie sich an dem von ihnen gewählten Orte niederlcysen. Dort gibt man ihnen noch Länder und )elbft Geld, um sich an- zusiedeln. Kurz, die Türkei treibt offizielle Kolonisierung in Syrien. Nach den hier verbreiteten Gerüchten wäre das ganze Gebiet für die algerischeii Mohamedaner Vorbehalten. Ilm dieses liebel gutzumachen, studiert der Generalgouverneur Jonnart augenblicklich die Frage und er soll entschlossen sein, der Regierung eine Aenderung in unserer Gesetzgebung und in unserem Gerichtsverfahren vorzuschlagen, da diese mit dem Cha­rakter und den Gepflogenheiten der Eingeborenen nicht in Ein­klang zu bringen sind. Es hat übrigens den Anschein, daß dieses liebel, das zum großen Teil auf das von heil Auswanderungs­agenten ausgebeutete Elend zurückzufuhren ist, gleichfalls der Schlaffheit gewisser Gemeindeverwaltungen zugeschrieben werden muß, die nichts tun, um die Eingeborenen aufzuklären und zu ermutigen. So haben hie Stadtgewaltigen von Ain-Tagrout, wo die Auswanderungsbewegung ihren Anfang genommen hat, nicht einmal den Versuch gemacht, sich dieser zu widersetzen. Der Maire trieb die Nachlässigkeit so weit, nicht einmal die Unterpräfektur davon in Kenntnis zu setzen. Noch mehr, er fertigte Reifes­erlaubnisscheine, freilich nicht für. Syrien, sondern, für Tunesien aus, ohne die obligatorische Unterschrift J>e§ Unter- präfekten zu verlangen. Solche Nachlässigkeiten müssen streng bestraft werden. Unsere Regierung hätte die Pflicht, energisch bei der Pforte vorstellig zu werden, deren Agenten unsere alge­rischen Untertanen mit Versprechen berauschen, und wenn diese Vorstellungen nicht angehört werden, müssen die Sendlinge aus Konstantinopel sämtlich herausgeworfen werden.________________

Die türkisch-griechische Spannung.

£ London, 17. Sept.

Ein Telegramm herDaily Mail" aus Saloniki'besagt, daß man hort die türkisch-griechischen Beziehungen Wieden als bedenklicher ansehe, und daß die Sorge, daß es doch

Berlin, die Biumensiadt.

Eine Epopöe auf das neue Berlin möchte Amedeo Morandotti anstimmen in einem Aufsatz über die Reichshauptstadt, ben er int Corriere della Sera veröfsewlicht, ein Loblied auf die! Blumen­freudigkeit, auf den Schmuck der Straßen. Er verfolgt die ge> ipaltige Entwicklung, die Berlin in den letzten Jahren genommen hat und die hi ihrem Tempo in Europa ohne Beispiel hasteht., Er schildert, wie hie Fluten des Häusermeeres ruckweise Vor­dringen. Wo vor einem Jahr noch kahles Land sich dehnte, ist einige Monate später wie durch Zauberhanb eine neue, lichte Stadt entstanden; es ist.' fast, als wäre dem noch unbebauten ; Lande um Berlin ein Stempel her Erwartung ausgeprägt, man bat das Gefühl, daß her Boden nur noch 'auf die Häuser harre. Und er braucht nicht lange zu harren.

Draußen, an her Peripherie her Häusermassen, schreitet man auf neugebauten, noch kahlen Straßen dahim Der Fahrweg ist von Materialien versperrt, aber schon ist die Straße asphaltiert, und in ihrer Mitte tzieht sich qin grüner Rasenteppich hin, mit bunten, farbigen Blumenmustern geschmückt: an den Straßen­rändern grünen hie jungen Bäume, heute noch klein und dürftig, in wenigen Jahren schattige Alleen. Diese Rasenläufer sind langst über die Häusergrenzen hinausgeglitten, sie verraten, in welcher Richtung sich um ein kurzes die Bauten aufstellen werden. Es ist ein seltsames Schauspiel, diese Art, wie Berlin sich aus- dehnt: auf den Pfaden seiner künftigen Entwicklung ftreut es vorher Blumen aus, wie die Italiener, wenn eine Prozessionf heranzieht. Unh die Prozession der Häuser kommt schnell. Dann antworten den Farbenakkorden des Straßenschmuckes die Blumen der Balkons. Das erste Zeichen, daß ein neues Haus bewohnt wird, ist das Auftaucheu der Blumen, einer üppigen Fülle leuch­tender Blumen, die über den Balkonrand rieseln.

Die ganze Stadt, buchstäblich die ganze Stadt, Haus um Haus ist so von einer Blumenpracht überzogen, in den vornehmen Merteln wie in den Stadtteilen der Aermeren leuchtet Grün, Rot, Rosa und Weiß, und das Geranium blüht ebenso auf dem schlichten Eisenbalkon von Rirdors wie auf der eleganten Loggia des reichen Charlottenburgers. Ach, diese Balkons! Man kann fast sagen, daß die Häuser nur gebaut werden, um Balkons zu haben. Tie Fassade des deutschen Hauses begnügt sich fast nie mit einer einfachen, geraden Linie, mit einer symmetrischen, ruhigen Fläche. Vor und zurück springen hie Wände, Nischen und.Ausbauten werden geschaffen, Uebcrbautcn getürmt. In un­zähligen Variationen wird in den neuen Stadtvierteln das Thema : Balkon abgewandelt! Alle Formen, alle Farben, alle Mate­rialien müssen helfen. Da sind flache Ballons ober steile, schmale, breite, viereckige, mehreckige, ovale, Balkons aus Stein, aus Eisen, aus Holz, aus Glas, freundliche Balkons, ernste, heitere, leichtsinnige und stille, ruhige .... Der Leser dieser Zeilen wird vielleicht eine groteske Vorstellung bekommen und an etwas .Abenteuerliches denken, hi,e Wirklichkeit aber gibt

nur einen freudigen, harmonischen, schönen Eindruck. Man famt hie neuen Häuser erst beurteilen, wenn sie ihre Toilette vollendet haben: wenn der Balkon seinen Blumenschmuck hat. In allen neuen Straßen, gibt die Freude am Lickt und an der Farbe den Grundton, die Häuser hüllen sich in lichte Gewänder, überall 'ist der Frühling. Man tut vielleicht darin zu viel, man wählt Farben, die, wie die Damen zu sagen pflegen,leiden", empfindliche Farben, die der Macht her Zeit nicht trotzen und schnell altern. Doch die fteundliche Frische des neuen Berlins beschränkt sich nicht auf die Außenseite; auch im Innern der Häuser ist alles heiter und hell, und wenn vielleicht die Jahre draußen die Farben bleichen und trüber stimmen, drinnen bleibt das Licht, die Helle unh intimes Behagen. Und dazu treten die neuzeitlichen Bequemlichkeiten, die von Jahr zu Jahr zunehmen. Vor kurzem noch war ein Bah in jeder Wohnung eine Vergünstigung, die den Mieter anlockte, heute ist das eine Selbstverständlichkeit. Zu dem kalten Wasser ist die Warmwasser- leitung getreten. Man kommt um Mitternacht heim, dreht mit einer flüchtigen Bewegung einen kleinen Hahn zur Seite und hat heißes, dampfendes Wasser. Jatoohl, ihr Frauen Italiens, lest dies, staunt unh beneidet: nur einen Hahn braucht man aufzudrehen. Was vor kurzem noch ein Lupus war, ist heute Regel, es ist die Demokratisierung des Luxus. Kaltes Wasser, heißes Wasser, oben und unten und überall, die Badewanne wird täglicher Gebrauchsgegenstand. Und hann das Grün, diese wunder­volle Ausstteuung des Grüns, dieser Ueberfluß an Bäumen und Blumen, wo die Baulust nur einen Flecken frei gelassen hat. Die Straße, der Platz, alles wird zum Garten, zum Park, her Boden hat den Zweck, den Bäumen Plötz :u gctoäfyren, von Baum zu Baum ziehen sich reizende Girlanden von Schlingpflanzen, üppige Gewinde, wie man sie in Italien nur in Emilia und in der toskanischen Campagna sieht."

*

Im Darmstädter Hostheater wurde her Ge­burtstag der Großherzogin am Somttag abend durck) eine Festvorftellung vor voll besetztem Hause begangen. Die zur Erstaufführung gelangte komische Oper in zwei AktenR o - b i n s Ende" von Ed. K ü n n a ck e ist ein anspruchsloses Werk, das mehrere dankbare Spielrollen enthält, aber ziemlich viel musikalisch-technische Schwierigkeiten bietet. Die geschickt gezeich­nete Handlung und die drolligen Szenen, wie has gehalwollo Liebesspiel zwischen dem König und her jungen Pächtersfrau ver­halfen der Novität zu einem schönen Erfolg. Noch wirksamer war das Alt-Wienerische SingspielB r ü d e r l e i n fein" von Julius Wilhelm mit der Musik von Leo Fall, das am 40. Hoch­zeitstag des Domkapellmeister Drechslerschen Ehepaars spielt und dem zufriedenen alten Paar durch den Zauber her Jugenb noch einmal hie erste Stunde nach her Hochzeitsfeier vor Augen führt. Die letzte Szene wurde von Frl. Z e i l l e r und Herrn Speiser mit so köstlichem Humor dargestellt, daß sie auf stürmiiches Ver­langen da capo gespielt werden mußte^

n. DasK ü n st l er th e a t e r" i n d er M a i n ze r Stadt­halle wird heute zum ersten Male beweisen müssen, inwieweit es den Ansprüchen der Akkuftik usw. genügt. Man bat 'hie Stadt- Halle in zwei ungleich große, getrennte Telle geschieden, wovon der eine ungefähr 2/3 des Raumes umfassende für die Bühne ver­wendet und der andere in den Zuschauerraum verwandelt wurde. Die Bühne lehnt sich mit faltenreichen, braunen Vorhängen an die Seiten und Decke der Halle, wodurch ein vornehmer, feiner Rahmen gebildet wird. Seitenkulissen werden nicht in Ver­wendung kommen. Für klassische Stücke schließt ein glatter dumpf- farbener Vorhang den Hintergrund ab. Die Garderoberäume find' natürlich nicht allzu großartig, da die Stadthalle gar nicht für Zwecke wie der jetzige gebaut ist. Im Zuschauerraum bat man durch Aufhängen von Teppichen auch den nüchternen Eindruck her Stadthalle mit gutem Geschmack zu bannen gesucht und man hat es auch stilvoll erreicht, lieber etwaige Mängel, die sich bei her Benutzung her Halle ergeben werden, hilft hie Neuheit hinaus, zumal man in nicht allzu ferner Zeit in ben neu hergerichteten Musentempel überfiebeln wird.

Im Neuen Theater in Mainz brachte Kadelburg, der großeLustspiel"- unb Schwankfabrikant, am 16. September mit seinem humorspeienden SchwankDer Weg zur Hölle" eine ungeheure Wirkung auf die Lachmuskeln der Zuschauer hervor. Auch die Ausführung war im ganzen gut.

Das französische Musikfeft begann in Ni ünche n am Samstag mit hem Empfang her Feftgäfte im alten Rathaus- saale, wo nach einem Musikvortrage Bürgermeister v. Brunner die Festansprache hielt. Gras Gaston C h a n d 0 n de B r i a i l l e s erwiderte mit längeren Dankesworten. An den Festakt schloß sich ein von her Stadt veranstaltetes Frühstück an. Abends gab Graf Briailles eine große Feier. Für Dienstag nachmittag hat der Verleger derMünchner Neuesten Nachrichten", Thomas Knorr, die Feftgäfte zum Tee in feine Villa geladen.

Kurze Nachrichte n aus Kunst u. W i s s e n s ch a f t Frankreich eröffnete auf der Weltausstellung mT ruf 1 e 1 einen neuen Ehrensal 0 n , da die Äbtcilnng für ^eben^- mittel bei dem Brande zerstört wurde, der in per Hal le sur Automobile unh Aeroplane untergebracht ist ^ie ftaiizolyche Abteilung ist wieder vollständig. Der Maler unb Lehrer an her Akademischen Hochschule, Prof. Wolbemar £ rt c b r 1 eh, ist tut Alter von 64 Jahren in Berlin gestorben. In der Verl cnep Kunstakademie sind die Modelle zu dem G 0 e t h c 0 c n k m a l aufgestellt, das die Deutsck>en Chikagos dort int -meolnpark errichten wollen. Am Samstag sprach die ^zury den Preis dem Entwürfe des Professors Hahn (München) zu. Der Gnhüiirr stellt eine ideale stehende Jünglingsftgur mtt den Zugen Goethes bar. Der rechte Fuß ruht auf einem Felsftück, und auf hem, Knie sitzt als Symbol ein Wer.