Ausgabe 
17.9.1910 Zweites Blatt
 
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Nr. 218

Zweites Blatt

ISO. Jahrgang

Samstag 17. September 1910

Gießener Anzeiger

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

General-Anzeiger für Oberheflen

DieSiebener Kamilienblätter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, da2 Kreisblatt für den Kreis Eietzen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen ZeU- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

Rotationsdruck und Berlag der Brühl'schea UniversitätS - Buch» und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: ea^5L Redaktion:^K112. Tel.-Aüru AnzeigerGießen.

Zur Verhaftung des Leutnants Helm.

£ London, 16. Sept.

Die Angelegenheit des Leutnants Helm hat, vorläufig wenigstens, einen für den Angeklagten bedenklicheren Charakter erhalten, denn der öffentliche Ankläger hat sich entschlossen, die Anklage zu verschärfen, indem er be­hauptet, daß Leutnant Helm die Skizzen gemacht habe m der Absicht, seine auf unerlaubte Weise erlangten In­formationen einer fremden Macht zu übermitteln. Das ist ein Verbrechen, auf welches hohe Strafen stehen. Natürlich ist dem nach wie vor entgegen $u halten, daß die skizzierten Forts, von denen die Anlage ein ganzes Dutzend aufzählt, durchweg veraltet und absolut wertlos sind, so daß sie von den Zeitungen auch heute wieder Postkartenforts ge­nannt toerbens Es wird also abzuwarten sein,' ob die Geschworenen, vor die der Offizier zweifellos kommen wird, sich von dem' Vertreter der Anklage überzeugen lassen werden, daß Leutnant Helm wirklich Staatsgeheimnisse er­kundet hat. Mr. Bodkin, der gestern die Anklage vertrat, betonte mehrmals ausdrücklich, daß man nicht im ge^ ringften glaube, daß der Angeklagte von Deutschland in irgend einer Weise beauftragt oder veranlaßt worden sei, diese Skizzen zu machen, sondern er habe das offenbar ganz aus eigenem Antriebe getan. Die von Mr. Bodkin gestern gegebene Darstellung der Vorgänge deckt sich in der Hauptsache mit der gleich nach der Verhaftung be­kannt gemachten Schilderung. Nur werde jetzt behauptet, daß Leutnant Helm, als er die Offiziere auf sich zukommen sah, versuchte, so schnell wie möglich zu entkommen, aller­dings ohne zu laufen.

Miß Woodhouse, die Person, die die Anzeige er­stattete, wurde als Zeugin vernommen, und man gab sich offenbar alle Mühe, zu verheimlichen, wer sie eigentliche ist. Aus der Darstellung der mysteriösen Person geht aber jedenfalls hervor, daß Leutnant Helm mit einer geradezu unglaublichen Naivität vorgegangen ist, denn er stritt sich mit chr über den Wert britischer und deutscher Kriegs­schiffe herum und ebenso über den Wert der Forts und zeigte ihr dabei alle seine Zeichnungen, bat sie aber oben­drein noch, niemanden etwas davon zu verraten. Ebenso suchte er ihr zu beweisen, daß seine Skizzen sehr geschickt angefertigt seien, was sie bestritt. Ein Hauptmann Twiß von der indischen Armee, der beauftragt worden war, die Notizen Leutnant Helms aus dem ^Deutschen zu über­setzen, konnte nur einige Ueberschriften und Bezeichnungen aus den Skizzen anführen, er bemerkte einige mysteriöse Fs, die er nicht erklären konnte. Sonst fand er noch ein Gedicht und eine poetische Skizze mit der Ueberschrift Eine wahre Geschichte".

Der neue preußische Lotterieplan.

Mit dem Beginn der 224. Lotterie, also mit Anfang De­zember 1910, wird die Verwaltung der Königlich Preußrschen Klassenlotterie in dem Reichsland Elsaß-Lothringen ihre Tätigkeit eröffnen. Um die im Reichsland zu errichtenden Lotterieeinnahmen mit Losen zu versorgen, sowie um die in der letzten Zeit im bisherigen Lotteriegebiet in ver­stärktem Maße hervorgetretene Nachfrage zu befriedigen, ist eine Vermehrung der Lose der .Massenlotterie um 76 000 Stück, also auf 380000 Stück (348 000 Stammlose und 32 000 Freilose), in Aussicht genommen. Die Lose sollen ^gleich, abweichend von dem bisherigen Brauch, in zwei Wteilungen (I und II) eingeteilt werden. Jede Abteilung erhält daher die Nummern 1 bis 190 000. Das Nummerrad braucht somit bei der Ziehung nur mit 190 000 Nummerröllchen ausgerüstet zu werden, weil jedes gezogene Nummerröllchen für beide Abteilungen gleichzeitig wirken und für beide Abteilungen je einen gleich hohen Gewinn herbeiführen soll,

der durch die Entnahme des zugehörigen Gewinnröllchens aus dem Gewinnrade bestimmt wird. Auch in das Gewinn- rad ist nur die Hälfte der sonst erforderlichen Gewinn­röllchen einMfüllen, weil auch jedes gezogene Gewinnröll­chen doppelt, nämlich für 2Lose (je eines in den Abteilungen l und II) seine Wirkung äußert. Die Maßnahme dient mit­hin zu einer erheblichen Entlastung der Ziehungsräder und befördert dadurch eine durchgreifende Mischung der Los­nummer- und Gewinnröllchen, hinsichtlich deren in letzter Zeit mehrfach Wünsche laut geworden sind; sie verkürzt ferner die schon bei der jetzigen Losezahl sehr ausgedehnte Ziehungs­zeit, beschleunigt die Herstellung der Gewinnlisten, die ja nur die Hälfte der Gewinnummern zu enthalten brauchen, weil jede Nummer eben für beide Wteilungen gilt; sie er­leichtert aber auch aus demselben Grunde wesentlich die Veröffentlichung der Listen in den Zeitungen und ver­längert endlich die Zeit zum Verkauf der Lose für die fol­gende Lotterie. .

Da auf jede gezogene Nummer zwei gleich hohe Ge- tvinne (je einer in beiden Wteilungen) entfallen, so werden auch das sogenannte große Los und die Prämie zweimal gezahlt und in dem Lotterieplan vorgesehen sein. Auch sind alle Hauptgewinne nunmehr ebenfalls der Zahl nach durch 2 teilbar, wie überhaupt alle Gewinne bei* Lotterie. Die burch bie Vermehrung ber Lose gewon­nenen Mittel sollen zu diesem Zweck nach Abzug ber Reichs- stempelabgabe unb ber Einnehmergebühr voll verwendet werden. Namentlich die mittleren Gelvinne sollen dabei gleichfalls eine erhebliche Mehrung erfahren.

Im übrigen bleiben die bewährten Einrichtungen ber Preußischen Klassenlotterie bestehen. Die Lose werben nach wie vor in ganzen, halben, Viertel- und Achtel-Losen aus- gegeben. Nur bie Zehntellose finb zur Vereinfachung bes Losevertriebs in Ueb er einstimmun g mit beit Wünschen ber weit überwiegenben Mehrheit ber Lotterieeinnehmer aus ge­geben worben. Der geringste Wschnitt eines Preußischen Loses (ein Achtel) kostet mithin künftig 5 Mk. statt bisher 1 Mk. (ein Zehntel) für jebe Klasse.

Magdeburg.

X Magdeburg, 16. Sept.

Die altehrwürdige frühere Erzbischofstadt Magdeburg bildet vom Sonntag ab den Schauplatz des diesjährigen Sozial­demokratischen Parteitages. Er übertrifft alle seine Vorgänger an Teilnehmerzahl. Mit 451 Delegierten und 71 Pressevertretern hat er selbst den großen Demonstrations-Parteitag in Halle 1890 überschritten, der 420 Teilnehmer aufwies. Am letzten Parteitage in Leipzig waren nur 339 Teilnehmer ein­schließlich der ausländischen Gäste erschienen. In der ersten Reihe der Teilnehmer des Parteitages stehen naturgemäß die- glieder des sozialdemokratischen Parteivorstandes, dem u. a. Bebel, Singer, Pfannkuch, Gerisch, Molkenbuhr angehüren. Paul Sin­ger, der mit wenigen Ausnahmen allen bisherigen Parteitagen präsidierte, wird diesmal den Verhandlungen fernbleiben müssen, Sa sein schweres Augenleiden noch immer nicht behoben ist. Da­gegen rechnet man bestimmt mit dem Erscheinen August Bebels, obwohl auch dieser der Kopenhagener Tagung infolge KranÄ^it fernblieb und sich mit schwerer Krankheit entschuldigte. Auf­fallend groß ist diesmal die Zahl der weiblichen Parteitags-Dele­gierten, von denen besonders Klara Zetkin, Frau Zietz aus Ham­burg und Ottilie Baader, dieVertrauensperson" der rund 82000 Genossinnen Deutschlands, zu nennen sind.

Ursprünglich hatten die Damen die Wsicht, auch diesem Parteitage wieder eine sozialdemokratische Frauen-Konferenz voraus gehen zu lassen, weil ber Parteitag allzuoft die Frauenfrage lau behandelt hat. Allein da dem Kopenhagener Internationalen Kongreß bereits eine Internationale Frauen-Konferenz vorauf­gegangen war, so fürchtete man wohl eine zu geringe Teilnahme und verschob die nationale Frauen-Konferenr daher auf das nächste Jahr. Auch Rosa Luxemburg soll mit einem Mandat versehen sein, obwohl ihr die Mitteilungen derFränkischen Tagespost" über ihre angebliche Tätigkeit als frühere russische Potizeispionin in ihrem Ansehen ziemlich geschadet haben.

Der Kampf um Rom.

(September 1870.)

Ferdinand Gregorovius, der große Geschichtsschreiber, der den letzten Akt der italienischen Einheitsbestrebungen, den Kampf um Rom, als Augenzeuge miterlebt hat, schildert die politische Situation Europas, wie sie voü den großen Ereignissen des schicksal- schweren Herbstes 1870 bestand, mit diesen Worten:Im Pro­gramm der Seltener Jesuiten stand schon längst der Krieg gegen das protestantische Preußen, gegen dieses durch Denken und' Wissen­schaft verderbte Deutschland überhaupt. Phantastische Weltpläne wurden in den Köpfen mancher Dunkelmänner ausgesonnen. Sie träumten von einer neuen Weltepoche allgemeiner kreuzritterlicher Reaktion und der Katholisierung der Völker, und einer päpstlichen Weltherrschaft nach den Grundsätzen des Syllabus und den Dekreten des kommenden Konzils, und ibr konnte, so meinte man, ein Krieg Frankreichs gegen Deutschland wohl die Wege bahnen.. Dieser Krieg, von den nie besiegten Legionen Napoleons geführt, mit den gegen Deutschland erfundenen und bei Mentana er­probten Chassepots und den Mitrailleusen, mußte unzweifelhaft die protestantische Macht Europas zertrümmern und die Einigung Deutschlands unter der Dynastie Hohenzollern unmöglich machen. Aus dem unbezweifelbaren Siege Frankreichs folgte selbstver- stönblich der Zerfall Italiens in seine Atome und die Wieder­herstellung des Kirchenstaates, wie zu Consalvis Zeit. Dann würde Napoleon, der Retter und Wvokat der Kirche, die Stellung Karls des Großen einnehmcn; dann die beruhigte Menschheit um die beiden großen Metropolen der Welt wie um ihre Achsen sich zu drehen haben: um Paris, den Sitz der in der Cäsardespotie zentralisierten menschlichen Kultur, um Rom, die infallible Quelle der im Jesuitismus göttlich geoffenbarten Wahrheit." Diese un­geheuren Pläne, die das tausendjährige Reich Roms herbeiführen sollten, schienen sich zu verwirklichen. Am 18. Juli 1870 wurde das Dogma der Unfehlbarkeit verkündet, einen Tag darauf brach der Krieg aus, durch den die katholische Vormacht Frankreich den Protestantismus zerschmettern sollte. Man schien nahe dem Ziel zu sein. Doch schon sechs Wochen darauf existierte weder ein französisches Kaiserreich mehr, noch das uralte weltliche Reich des Papstes.

Der Kampf um Rom, dessen allerletzte Phase in die Sep- tembertage des Jahres 1870 fiel, war so alt wie Sie italienischen Einheitsbestrebungen. Am dramatischsten gestaltetei ei sich seit 1866. Langst hätte er sich zu Gunsten des unter der Dynastie Savoyen geeinigten Italiens entschieden, wäre nicht Napoleon als defensov ecclesiae aufgetreten. Er war der einzige Schutz, seitdem Oester­reich, das Rom durch das mächtige Festnngsviereck am Po gedeckt hatte, gezwungen worden war, seine italienische Politik aufzugeben. Doch auch dieser Schutz drohte zu versagen. Gemäß der Konvention vom 15.^ September 1864 mußte die französische Okkupationsarmee,

die Napoleon in Rom unterhielt, zu Ende des Jahres 1866 die ewige Stadt räumen. Mit Schrecken erwartete Pius IX. diesen Augenblick, voll der höchsten Hoffnungen ersehnten ihn die An­hänger Mazzinis und die Scharen GaribalSis, während das florentinische Kabinett zweideutig blieb. Am 14. Dezember schifften sich die letzten französischen Truppen in Civita Vecchia ein, am selben Tage forderte das geheime römische National- K'omitee zur Befreiung Roms auf und am 17. Februar des neuen Jahres gab die mazzinistische Partei Roms durch geschleuderte Petarden ihr erstes Lebenszeichen. Die Aufregung wuchs in ganz Italien. Insgeheim bildeten sich Banden zur Befreiung Roms, Garibaldi wurde, als er zu ihrer Führung eben aufgebrochen war, unter dem Drucke Napoleons von der italienischen Regierung ver­haftet, wußte aber zu entweichen und stieß trotzdem zu ihnen. Unter seiner heldenhaften Führung begann dann jener wilde Freischärlerkrieg um Rom, der erst durch eine erneute französische Truppensendung niedergeworsen werden konnte. Die Schlacht bei Mentana machte dem Bandenkrieg ein Ende.

Dies war das Vorspiel zum letzten Entscheidungskampf ge­wesen. Es war für Rom scheinbar so glücklich verlaufen, daß die mächtige Partei des Kardinalstaatssekretärs Antonelli, die den Papst beherrschte, ihre großen Pläne wieder aufnehmen konnte. Am 8. Dezember 1869 trat jenes Kirchenkonzil zusammen, das dann ein halbes Jahr später die Unfehlbarkeit des Papstes der Welt verkündete und damit das tausendjährige System ber römischen Ideen krönen wollte. Wer ein beinahe widerstands­loser Kampf genügte, die irdische Herrlichkeit dieses gewaltigen Systems in Trümmer zu legen. Mit dem Ausbruch des deutsch- ftanzösischen Krieges war Napoleons Macht in Italien matt- gesetzt, die Okkupationsarmee verließ zum zweiten Male Rom, die italienische Regierung erklärte den Vertrag, der die Inte­grität des Kirchenstaates bezweckte, mit Napoleons Fall für null und nichtig. Am selben Tage, da die deutsche Armee Paris mit eisernen Klammern umschloß, rückten 30 000 Italiener vor Rom an und am 20. September um 5 Uhr morgens fiel bei der Porta Pia der erste Schuß. Der Widerstand der päpstlichen Truppen war sogleich gebrochen. Schon unt 11 Uhr zog das einige Italien durch die Bresche der Porta Pia, umjubelt von ganz Rom, in dem sich sofort Tausende von Trikoloren erhoben. So erlosch die tausendjährige weltliche Gewalt des Papstes fast unbemerkt.

Roma caput mundi

Regit frena orbis rotundi.

Dieser alte Wahlspruch der ewigen Stadt, der sie als Haupt der Welt feierte, war wesenlos geworden, aber ein neuerstanden.es fügendftisches Reich erhielt zur Hauptstadt dieMutter Jta Uens", um die es so lange und tapfer gerungen hatte,

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Pfannkuch hat im Verein mit dem Parteikassierer Gerisch an erster Stelle dem Parteitag den Geschäftsbericht des Vor­standes zu erstatten. Dann soll August Bebel die badische Budgetbewilligung -besprechen. Es liegt jedoch ein Chem­nitzer Antrag vor, die Sache erst als vorletzten Punkt der Tages­ordnung zu behandeln, was natürlich einem Begräbnis erster Klasse gleichkommen würde, da ber Parteitag Not und Mühe haben wird, seine sonstige reichhaltige Tagesordnung im Laufe der dafür vorgesehenen sechs Tage zu erledigen. Neben der badischen Frage hat sich der Parteitag dann mit der Wahlrechts­frage, der Reichsversicherungsordnung, der Genossenschaftsftago und der Maifeier zu beschäftigen. Hierzu tritt noch die Bericht­erstattung über den Internationalen Kongreß in Kopenhagen, der Bericht der Kontrolleure und ber parlamentarische Bericht, ganz abgesehen von den einigen hundert Anträgen, die aus den ein­zelnen Parteiorganisationen zum Parteitage eingegangen sind, und in denen alles Mögliche und Unmögliche zur Besprechung angeregt wird.

Die Zrage der Jugendfürsorge auf dem Kongreß für Armenpflege und Wohltätigkeit.

4 Königsberg i. Pr., 16. Sept.

Bürgermeister Dr. .Schmidt (Mainz) hielt den einleitenden! Vortrag über die Organisation der Jugendfürsorge. Die Mainzer Stadtverwaltung sei bereits im Vorjahre mit einer Zen­trale für Jugendfürsorge vorgegangen. Es handele sich 'um die Frage, ob für eine solche Organisation allgemeine Grundsätze ausgestellt werden sollen, und diese Frage fei zu bejahen. Es sei eine Abgrenzung der öffentlichen von der privaten Jugend­fürsorge zu schaffen. Für den Staat bestehe im allgemeinen keine gesetzliche Verpflichtung zur Jugendfürsorge. Nur in einigen Reichsgesetzen werde die Materie behandelt, so in der Reichs­gewerbeordnung, im Bürgerlichen Gesetzbuch beim ThemaFa- rnilienrecht" und im Kinderschutzgesetz. Auf bie Gesetzgebung dürfen wir nicht warten, die private Organisation muß vorangehen. Die Bestrebungen der städtischen Verwaltungen, welche Zentralen für Jugendfürsorge schaffen, seien umsomehr zu begrüßen, als eine gesetzliche Regelung ber ganzen Sache noch fehle.

Fräulein Dr. D u e n s i n g führte aus: Neben der staatlichen und kommunalen Jugendfürsorge steht als unentbehrlicher gleich­wertiger Faktor der allgemeinen Jugendwohlfahrtspflege die frei­willige Jugendfürsorge der Gesellschaft. Sie darf sich nicht be=» schränken entf bie fürsorgerische Liebestätigkeit der Kirche unb der Fürsorgevereine, sondern sie ist eine soziale Bewegung. Die mannigfachsten gesellschaftlichen Organisationen beteiligen sich da­ran: Lehrervereine, Arbeiterorganisationen, Aerztevereinigungen- kaufmännische Verbände, Handels- und Handwerkskammern, land­wirtschaftliche Gesellschaften, industrielle Unternehmerverbände, ferner die Frauenbewegung, die Antialkoholbewegung, die Sitt- lichkefts- und Volksbildungsbewegung mit ihren verschiedenen Or­ganen, politische Parteiorganisationen usw., alle ringen und kämpfen um günstigere Bedingungen für die Entwicklung der gesamten Jugend, um eine entschiedenere Berücksichtigung ihrer berechtigten Interessen. Hebung der Volksgesundung, ber Volks­kraft und des Volkswohlstandes, das ist der überwiegende Teil unserer Arbeit. Die fteiwillige Jugendfürsorge ist zur Ergänzung und Unterstützung der amtlichen Fürsorge und zur gegenseitigen Ergänzung und Unterstützung in ihren eigenen Bestrebungen zu organisieren. Es soll das nach drei Richtungen geschehen: in Vereinigungen zur Fürsorge für die hilfsbedürftige, gefährdete unbT verwahrloste Jugend, dann in Verenigungen zur Fördnung der Jugend unter 14 Jahren. Ihre Tätigkeit bildet bie wichtig^ Vorbeugungsarbeit gegen den Verfall der Jugend in hygienischer und sittlicher Beziehung. Eine dritte Gruppe von Vereinigungen, soll sich mit ber Frage der Förderung der schulentlassenen Jugend beschäftigen. Sie unterstützen und ergänzen die Tätigtet der Fortbildungsschulen. Es sind besondere Gruppen für die männ­liche und für die weibliche Jugend zu bilden. Wo die bereite vorhandenen Jugendvereinigungen nicht ausreichen, sind im An­schluß an die Fortbildungsschulen Vereinigungen für Fortbildungs­schüler zu bilden. Die staatlichen und Fomnumaten Behörden haben im eigenen Interesse die Organisation ber ft eiwilligen Jugend­fürsorge ber Gesellschaften auf alle Fälle zu fördern.

Zu dem Thema liegen eine Reihe Leitsätze vor, die Bürger­meister Schmidt (Mainz) schon früher über die Jugendfürsorge der Kommunen veröffeittlicht hat. Er verlangt darin, daß eine

Hammer st eins Große Oper in London, lieber ben Plan Oscar Hammersteins, in London ein großes Opern­haus zu errichten, werben jetzt nähere Mitteilungen bekannte Ter unternehmende Direktor des Manhattan Opera House in Newyork, der freilich vor einigen Monaten seinen Frieden mit der von ihm befehdeten Metropolitan-Opera machen und sich aus Newyork zurückziehen mußte, hat bereits Grund und Boden am Kingsway in London erworben und wird in nächster Zeit mit der Ausführung des Baues beginnen. Es soll ein Opern­haus modernster Konstruktion mit Sitzplätzen für über 3000 Personen werden. Er hofft, den Bau so beschleunigen zu können, daß er bereits im Herbst nächsten Jahres vollendet sein wird^ Tas Repertoire der neuen Londoner Oper wird französische^ italienische und deutsche Werke umfassen, barunter auch eine An­zahl Opern, für die er sich die ausschließlichen Rechte erworben! hat. Viele Künstler, die früher zur Manhattan-Oper gehörten, sind für ba§ neue Unternehmen gleichfalls bereits verpflichtet^ DasLondon Opera House", wie der Titel des neuen Unternehmens lauten wird, soll das ganze Jahr hindurch große Opern geben. Hammerstein, der in nächster Zeit von Newyork nach London kommt, hat sich durch die Warnungen von befteun- beten Kennern der englischen Hauptstadt von seinem Plan nicht abbringen lassen. Er glaubt, daß London ent ergiebigeres musi­kalisches Feld darstellt als irgend eine andere Weltstadt, da esl das Zentrum eines Weltreichs ist, zu dem das ganze Jahr über aus allen Ländern die Fremden kommen. Newyork hat dagegen' gerade die Schwierigkeit geboten, daß es nur eine kurze Saison haben kann, da wegen der unerträglichen Hitze im Sommer alle Leute, die als Publikum in Betracht kommen, die Stadt verlassen. Die neue Oper soll auch zwei große Logen enthalten^ die ausschließlich dem König und dem Lord-Mayor zur Verfügung stehen,

Der Rückgang ber Gletscher ist imtrfer noch eine allgemeine Erscheinung auf ber ganzen Erde; dasl geht ans dem im Globus wiedergegebenen Bericht übev bie periodischen Schwankungen der Gletscher, der von Brückner und Muret verfaßt wird, auch für das Jahr 1908 hervor. Dabei sind immer einzelne Ausnahmen zu ver-, zeichnen, indem einzelne Gletscher unter dem Einfluß bar} Witterung einmal in einem Jahre einen Stillstanb erfahren^ ober auch ein geringes Vorschreiten aufweisen können. Fn-^ bessen schließen biese sich jedesmal im folgenben Jahrs dem allgemein herrschenden Rückgang an. So hat sich auch bas Vorrücken der norwegischen Gletscher, das int Jahre 1907 beobadjict wurde, unb bas sich bei den schwer bischen Gletschern fühlbar machte, jetzt bereits wieder et­was vermindert.