Ausgabe 
17.9.1910 Erstes Blatt
 
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trachtet, als der Verein seine Aufgabe in der prinzipiellen Bekämpfung der Sozialdemokratie erblickt. Das wurde dem genannten Verein auch aus seine Anfrage rnitgeteilt.

I Mainz, 16. Sept. Der Streik im Dachdecker­gewerbe ist nach längeren Verhandlungen bei gelegt ] worden. Die von den Arbeitern geforderte Zulage von 10 Pfg. für die Stunde wurde auf 3 Pfg. herabgesetzt und vom April k. IS. ab um 2 und 1 Pfg. erhöht. Der Ver­trag, der bis L April 1913 gültig ist, erklärt Akkordarbeit | als zulässig.

d. Mainz, ,16. Sept. Der 29jährige verheiratete ; Magazinier Jakob Daub aus der Mittleren Bleiche wurde an Alkoholvergiftung in bewußtlosem Zustande von der Feuerwehr ins Rochusspital gebracht. Dem D. wurde so­fort der Magen ausgepumpt, der Mann ist nicht unbedenklich erkrankt. Die 41jährige Haushälterin Elise Diehl, die sich erst seit 14 Tagen hier befindet, wurde wegen allzu vielen Alkoholgenusses geistesgestört und mußte von der Polizei ins Rochusspital gebracht werden.

[1 Marburg, 16. Sept. Wie schon kurz mitgeteilt, haben die Stadtverordneten das Projekt des Magistrats, am Ortenberg unterhalb des Hauptbahnhofs 257 373 Quadratmeter Bau- und 17 500 Quadratmeter Platz- und Wegegelände für 294114 Mark zu erwerben, abgelehnt, nachdem eine überfüllte Bürger­versammlung sich dagegen ausgesprochen. Man befürchtete all­gemein das Risiko, das die Swdt durch die mit großen Kosten verbundene Erschließung des Geländes übernehme und empfahl, zunächst erst die neuen Straßen und die sonstigen Berglagen zu bebauen. Ein Antrag, fertiges Baugelände hinter Weidenhausen durch einen Fluchtlinienplan zu erschließen, fand Annahme.

2Cird?e rind Schule.

Das Lehrerinnen - Zölibat. Der Landesverein preußischer Volksschullehrerinnen beschäftigte sich auf seiner in diesem Sommer in Berlin abgehaltenen Tagung eingehend mit dec Frage der Verehelichung der Lehrerinnen. Dec Landesverein erkürte in einer Entschließung, daß er sich außerstande sehe, für eine Beseitigung der Verheiratungsklausel in den Anstellungsurkunden der Lehrerinnen einzutreten, ob­gleich er in dieser Klausel eine Beschränkung der persönlichen Freiheit erblicke. Demgegenüber haben sich die Kämpferinnen für die Eheberechtigung zu einer ^Freien Vereinigung deutscher Volksschullehrerinnen" zusammengeschlossen, die jetzt mit einer Erklärung in die Oeffentlichkeit tritt, in der es heißt:

Die Resolution bleibt hinter dem .Erlaß des preußischen Kultusministers vom 8. November 1907 zurück, der tatsächlich an der Zölibatsklausel rüttelt, indem er die Fortsetzung des Volksschuldienstes auch als Gattin und Mutter vorsieht. Wir verstehen es durchaus, daß die alleren Kolleginnen, die die Majo­rität hatten, so und nicht anders beschließen mußten. Sie sind im Zwangszölibat grau geworden. Auf der anderen Seite aber steht das lunge .Geschlecht, das, unter der Sonne der deutschen Frauenbewegung herangewachsen, sein einfachstes Menschenrecht und zugleich das Recht der Selbstbestimmung fordert. Unter diesen Frauen sind viele, die dem Staate gesunde, hochbegabte Kckrder schenken könnten. Sie wollen aus der Berufsarbeit die Arbeit ihres Lebens machen unb dem Werke der Volkserziehung treu bleiben durch alle Wechselfälle des Lebens. Sie sehen in der Ehe die große Erziehungsschule für den Volkserzieher und zugleich eine Kraftquelle für Mann und Weib. Sie haben ein­gesehen, daß der Zwang zu einem ehelosen Leben die normale .Entwicklung der Persönlichkeit behindert, und sie halten es für ihre Pflicht, dieser Beschränkung der Entwicklung zur Persön­lichkeit entgegenzutreten."

Eine Anzahl von Frauen mit bekannten Namen aus anderen Berufsständen hat diese Erklärung mit NamenS- unterschrift unterstützt. So Gabriele Reuter, Marie Stritt, Minna Cauer, Anita Augspurg, Ricarda Huch, Maria Lisch- newska, Teresina Sommerstorff-Geßner, Irene Triesch.

Die Cholera.

Berlin, 17. Sept. Unter Choleraverdacht wurde gestern nachmittag ein 20 jähriger Arbeiter Henkel in das

Rudolf-Virchow-Krankenhaus gebracht Er war mit polnischen Arbeitern aus dem Lehrter Bahnhofe angelo.mmen und alsbald so schwer erkrankt, daß ein Schutzmann-nach der Charck6 schaffen mußte. Dort erachteten die Ac .e Eholcra- verdacht für vorliegend und ordneten seine Ueberführung nach dem Rudolf-Virchow-Krankenhause an.

Rom, 16. Sept. Während der letzten 24 Stunden sind in Apulien neun Erkrankungen an Cholera und fünf Todesfälle vorgekommen.

O f e n p e st 16. Sept. Die bakteriologische Untersuchung ergab heute sechs Fälle von Cholera afiatica, nämlich in Eresi zwei und je einen in Szegszard, Gran, Mohacs und Szoenh. Bei insgesamt 38 Fällen i)t die bakteriologische Untersuchung beendet, die in 21 Fällen Cholera asiatica ergab.

Lustschiffahtt.

Eine gelungene Fernfahrt des P. 6.

München, 16. Sept. Das LuftschiffP. 6" Uitternahm heute nachmittag unter der Führung des Oberleutnants Stel­ling eine Fernfahrt nach Chiemsee. Nach einer Schlei­fenfahrt über Prien und nach einem Besuch von Herren­chiemsee nebst Fraueninsel überquerte das Luftschiff die ganze Breite des Sees, fuhr bis Trauenftein und kehrte dann über Wasserburg nach München zurück. Die ganze 200 Kilometer lange Fahrt dauerte 4y2 Stunden und ist durchaus glatt verlaufen, obwohl streckenweise eine starke vertikale Lustbewegung, N e b e l b ö e n und Wirbelwinde herrschten

Zur Verbrennung des L. Z. 6.

Bad'en-Oos, 16. Sept. Die behördliche Untersuchung der Katastrophe desL. Z. 6" konnte auch heute nicht zu Ende geführt werden, da die Staatsanwaltschaft in Karlsruhe, die ihrerseits gleichfalls Erhebungen macht, noch nicht in Oos ein­getroffen ist.

Baden-Oos, 16. Sept. Ende Oktober wird das Lust­schiffErsatz Deutschland" auf der Fahrt von Friedrickis- hafen nach Düsseldorf hier Eintreffen und einige Tage in der hiesigen Lustschiffhalle stationiert werden. Vom Mai. nächsten Jahres an soll dann das Luftschiff längere Zeit in Oos verbleiben.

Ein schöner Flug.

Berlin, 17. Sept. Auf dem Flugfelde M a r s bei Branden­burg flog gestern der deutsche Flieger Grade mit seinem neuer­dings verbesserten Zweitaxmotor 64 Minuten 30 Sekunden. Nur die eintretende Dunkelheit zwang ihn zur Landung.

verrutschtes.

* Eine riesige Feuersbrunst wird aus Peters­burg gemeldet: In Zarizin in Südrußland brach 'ein ge- waltigesFeuer .aus, durch das in vier Tagen 2600Häuser vernichtet und 15 000 Menschen obdachlos wurden. Zwei Knaben sollen den Versuch gemacht haben, Watte zu per- brennen, dadurch fielen Funken in eine Niederlage von Watte. Im Laufe weniger Minuten bildete sich ein Flammenmeer. Bevor die Feuerwehr eingreifen konnte, wurden die benachbarten Hauser ergriffen. Beim Zusammensturz eines Hauses sollen 30 Men­schen unter den Trümmern begraben worden fein. Viele Kinder werden vermißt. In manchen Holzhäusern sind die Be­wohner beim Retten ihres Eigentums verbrannt.

* Eine heroische Errettung vom Tode des Er­trinkens einer Lebensmüden hat kürzlich nachts mitten in der Themse statt gesund en. Die Lebensmüde, eine Frau von 32 Jahren, batte famüiären Streck gehabt und war in ihrer Aufgeregtheit sofort zur Themse geeilt, um sich von der Chelsea-Brücke in der Strom zu stürzen. Ihre Verzweiflungstat hatte ein Mädchen, das glücklicherweise eine geübte Schwimmerin ist, mit angesehen und war der Lebensmüden sofort ckr den Strom nachgesprungen.. Ms sich das beherzte Mädchen in der Nähe der Lebensmüden be­fand, wehrte sich diese mit allen ihr zu Gebot stehenden Mitteln der Rettung und beide wären fast ein Opfer der Wellen geworden, wenn nicht des heroische Mädchen die Geistesgegenwart gehabt hätte, der lebensmüden Frau einen heftigen Schlag auf die 9iase zu versetzen, so daß sie außer stände war, sich fernerhin ihren Rettung zu widersetzen.

*Ueber einen augenscheinlich von Gewissens­bissen geplagten Dieb berichten Londoner Zeitungen. Eine Tirellorin einer Mädchenschule hatte nämlich ihren Urlaub in Southsea zugebpacht, wo rhr auf tollkühne Art eine Handtasche gestohlen wurde. Die Dame hatte nämlich auf einer Bank in einer öffentlichen Anlage Platz genommen und ihre Handtasche neben sich auf die Bank gelegt. Mit blitzartiger Geschwindigkeit hatte ein vorübergehender Mann die Handtasche an sich gerissen

und konnte auf seiner Flucht nicht ergriffen werden, da eine entt Strand angesammelte Menschenmenge, unter welche sich der Räuber mischte, eine Verfolgung unmöglich machte. In der Hand- ialchc befand sich ein ansehnlicher Geldbetrag, eine Eisenbalm« fahrtarte, eine goldene Uhr und noch weitere Wertgegenstände.^ Nicht unerwähnt darf bleiben, daß sich in der Handlasche eine v rx ?^c -er $amc mit genauer Adresse befand. Die Daurc, dre srch seit längerer Zeit wieder in ihrer Berufstätigkeit in einem Heinen Ort in Wales befindet, erhielt nun dieser Tage mittels emgelchrtebener Post ihre Handtasche mit dem vollständigen In» halt zurück. Gleichzeitig traf ein Schreiben ein, in welchem der niwefannte Dieb um Entschuldigung sür seine ruchlose Tat bat. Ms Beweis dieser Reue schicke er die gestohlenen Gegenstände an ihre rechtmäßige Eigentümerin wieder zurück.

* Beschei d. Fremder:Kann man hier in diesem Teiche angeln?" Einheimischer:Nu allemal. Es is Se aber so kreenes Zeug, drinne, daß de Würmchen meerschtenteels de Fische itefjeiL"

Kleine Tageschronik.

Sn Hageni. W. fuhr ein Automobil gegen einen elektrischen Leitungsmast. Dre fünf Insassen wurden herausgeschleudert und nrehr oder weniger schwer verletzt. Der Kraftwagen wurde zertrümmert.

In Berlin sand heute früh an der Kreuzung der Müller­und Sellersttaße ein Zusammenstoß zwischen einem Kraft­omnibus und einem Wagen der elektrischen Straßenbahn statt. Zehn im Straßenbahnwagen befindliche Personen wurden leicht verletzt.

Beim Bau der Edertalsperre stürzten drei Mon­teure von einem Gerüst ab. Zwei von ihnen wurden aus der Stelle getötet, der dritte aber dadurch gerettet, daß er aus die in der Tiefe liegenden Kameraden fiel.

In Roda vernichtete ein Sch adenseuer 16 mit Ernte- Vorräten, Holz und Kohlen gefüllte Scheunen. Um 2 Uhr nachts traf der Herzog auf der Brandstätte ein.

Bewaffnete Banditen überfielen das Gemeiiideaiut zu Ha­li ne an der russische^ Grenze; sie erstachen einen Wärter nnb erschossen die Frau des Gemeindevorstehers. Es gelang ihnen aber nicht, sich der Gemeindekasse zu bemächtigen, da durch den Schuß alarmierte Bauern ihnen entgegentraten.

Im .Mittelpnnll von Ofenpest stürzte am Freitag beim Abbruch eines alten Hauses die Giebelwand ein und be­grub mehrere Arbeiter und Passanten unter sich. Bis zum späten Abend wurden 8. Tote unb zwei Schwer­verletzte geborgen.

Vücherüjch.

Dis Standorte des deutschen Reichsheeres mit Armee-Einteilung und Verzeichnis der Oiegimenter nach dem Stande vom 1. Okt. 1910. Leipzig, F. A. Berger. Der Tckel gibt den Inhalt des kleinen Heftchens wieder, das allq am 1. Oll. 1910 eintretenden Veränderungen enthält und als Hckfsmckttk zum Nachschlagen besonders geeignet, bequem und durchaus zn> verlässig ist. Für Besitzer von Ranglisten eine willkommene Er­gänzung.

Amtlicher Wetterbericht.

Oessentliche Wetterdienststelle Gießen.

Verlauf der Witterung seit gestern früh: Im hohen Nord­osten ist eine kräftige Zyklone erschienen, die in südöstlicher Richtung vorüberzieht. Das russische Hochdruckgebiet ist hierdurch verdrängt worden, so daß jetzt nur das englische Hoch auf unsere Witterung einwirkt. Nach emem warmen und wolkenlosen Tage ist daher wolkiges, kühles Wetter und Nordwind eingetreten. Im Nord­westen und Nordosten Deutschlands fallt geringer Regen. Dre Nordostzyklone bringt auch morgen zeitweise Bewölkung.

Wetteraussichten in Hessen am Sonntag dem 18. Septbr. 1910: Vielfach wollig, doch nur strichweise etwas Regen, kühl, windig aus Nord.

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Wegen dringender Vereinsan­gelegenheiten bitten wir um voll­zähligen Besuch.

v17/») Der Vorstand.

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HuuchcrsuMlung am 1. Okt., abends 8»/2 Uür, im Cafe Ebel. Anträge s. 8 10 der Satzungen. [v17/e

Der Vorstand.

Sonntag den 18. September, nachm 2Vs Uhr, ffndet die diesjährige

Schlussübung statt. Die Mannschaften haben vollzählig und pünktlich um VI* Ubr anzutrctcu.

Rach der Hebung ffndet eine kleine Feier im Gießener Festsaal, Cafö Leib, statt.

vIfl/a) Das Kommando.

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