Nr. 110
Drittes Blatt
160. Jahrgang
Erscheint tt-lich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Gietzrner Za»tliendlätter" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, da? „Kreisblatt fir ben Kreis Stehen" zweimal wöchentlich. Die „randwittfchaftltchen Leit' fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhejjen
Freitag 13. Mai 1910
RotanonSdruck und Verlag der Brühl'schea UntücrfuätS - Buch- und Stemdruckerei.
St. Lange. Gießen.
Redaktion. Exveditton und Druckerei: Schul- strage 7. Expedition und Vertag: 51.
Redaklwn:e^I12. Tel.-AdruAnzeigerGieben.
vezirlzlpariaffe Sieben.
•* Hieben, 13. Mai.
Am 7. l. Mts. fand in dem Saale der Mädchenschule (Schiller- ftrafce) hier die ordentliche Mitgliederversammlung der Bezirkssparkasse Gießen unter dem Vorsitze des Direktors Doering unb in Anwesenheit des Großh. RegierungSrals Tr. Merck statt. Vertreten waren die Stadt Gießen mit 10 Stimmen und die L'anboemeinben mit 41 Stimmen. Ter Vorsitzende qab einen Ucbeil l d über daS Geschäfisergebnis deS Iahre-Z 1909. Darnach sind cic Einlagen um 1 287 279,12 Mt. auf 16 729 461,41 Mark flefiieflen und der Betrag der auSqelieheneu Kavita - lien von 15 764 183,85 Alk. auf 17 070221,99 Mk., also um 1 30->038,14 'if. Ter Reingewinn betrug 70838.47 Mk. Es ist dies der höchste Betrag, der bis jetzt erreicht wurde. - Tie Pfennigs parkas je bat gegen das Vorjahr etwas ab- genommen. Ren eingelegt mürben 38 108,10 Alk. An H e : m - s p a r b ü ch s e n sind auegegeben 359 Sluck. Es mußten wieder 100 neue Buchsen angeschafit werden. Gesperrte Bucher sind vorhanden 771 Stück mit einer Gesamteinlage von ^10 236,01 Alk. Ties sind zunächst Mündelgelder, doch befinden sich darunter auch Kautionen :c. — Voll dem Scheckverkehr wird wenig Ge- brauch gemacht. Es sind zurzeit nur 23 Einleger, die auf dies em Wege über ihre Guthaben verfügen.
An E i n l a g e b n ch e r n sind Ende 1909 auSgegeben 18 774 Stuck, 1909 neu 2479 Stück.
Die bereits oorgeprfiste Rechnung für 1909 wurde vorgelegt und auf Prüfung durch die Mitgliederversammlung ver- zichtet. — Ten Milgliedeni waren mit der Einladung der R e ch- nnngSabs ch lnß, die Bilanz, die Gewinn- undVerlnst- b e r e ch n n » g, sowie der R e ch e n s ch a f t s b c r i ch t zugegangen. Ter Vorsitzende beschränkte sich daher auf die Krage, ob von den Mitgliedern noch eine Auskunft gewimscht werde: es meldete sich niemand. — Ten m 1909 emgetretenen Kredit Überschreitungen, die hauptsächlich durch die Jubiläumsfeier im vorigen Jahre entstanden waren, wurde zngestimmt und sodann dem Rechner und V o r st a n d Entlastung erteilt. — Eine Reichsstempelabgabe bei barer Abholung von Sparkasse- qnthaben findet seit 16. März L I. nicht mehr statt, nachdem das Reichöfckatzamt eine solche Abgabe als nicht im Sinne des Gesetzes liegend bezeichnet hatte. .
An U n t e r stfitzungen wurden sodann aus dem Remgewlnn
a. für Krankenanstalten, Krankenpflege usw. (dar- Mk.
unter neu 2100 Mk. für die Milchküche und
das Säuglingsheim dahier)....... 9 420.—
b. für Kleinkmderfchnlen.......... 4 600.—
c. „ Retlungshäufer und ähnliche Anstalten. . 1550.—
d. , Volks- u. Jugendbibliotheken, Lefevereine re. 4105.—
e. ", sonstige Vereine (darunter 300 Mk für
warmes Frühstück an arme echulünber) . . . 1220.—
f. an drei Gemeinden für gemeinnützige Zwecke . 45.—
g. zur Unterbringung armer skrofulöser Kinder de-
hu's Gebrauchs einer Badekur in Bad-Rauheim 1000.— h. zur Prämiierung von Dienstboten..... 790.—
j. desgleichen von Sparern......... do0- ~
zusammen 23 080.—
und zu A.schreibnngen an den Äiobilien und Im- mobilten verwendet............ 3 300.— ,
Ter den Thtflltebern tm Entwurf zugegangene V o r a n f ch l a g über die Verwalt ungSto st en \ 1911 fand einstimmige
Annahme.
Nach Ablauf der Wahlzeit hatten auszui beiden a. aus dein Vorstande: Stadtverordneter Habenichl damcr unb Bürgermeister Schaum in Klein-Linden; b. ans dem 91 u f f i th 15 r n t e: Um- versikätSvrofessor Tr. Biermer, Kommerzienrat Emmelins, Kom- nierzienrat Heichelheim, Kommerzienrat venligenstaedt, C bei bürget- meister 'Mecum in Gießen und Bürgermeister Walter in Daitbringen. Sämtliche Öerren wurden durch Zuruf wiebergewählt.
Öcndfisiü.4
fc. Wiesbaden, 11. Mai. Bor der Strafkammer stand heute Termin an gegen den ehemaligen Vorsitzenden der am 29. Mat 1909 verkrachten Hauptbezugs- und Adsatzgenosscnschaft des Nassauischen Bauernvereins, Hauptmann n. T. Baron Bernhardt von Graber g in Niederlahnstein, wegen Betrugs und schwerer Urkundenfälschung. Tie Anklage legt ihm zur Last.Mdurch Vorspiegelung falscher Tatsachen das Vermögen einer Dungerfirma in Bingen dadurch um 33 000 Mark geschädigt zu haben, daß er sie veranlaßte, der Genossenschaft im Februar und März 1909 Waren zu liefern, zu einer Zeit, als die Genossenschaft bereits mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Zur Lieferung der Waren war für die Firma bestimmend, daß v. Graberg, der seit 1900 Vorsitzender des Nassauischen Bauernvereins und seit 1. Februar 1906 ehrenamtlicher Vorsitzender der Hauptbezugs- und Absatzgenossenschast war, die Versicherung abgab, daß zur Sicherheit des Eingangs der Forderungen der Firma an die Genossenschaft 47 000 Mark in Wertpapieren bei der Kreuznacher Volksbank deponiert werden sollten, welche Summe zu Gunsten seines Bruders, des in Berlin lebenden, aus dem berühmten Friedberg-Bankprozeß bekannten Generalleutnants z. T. von Graberg bei der Reichsbank in Berlin aus kürzere Zeit lombardiert fein sollten. Die Düngerfirma lieferte in dem Glauben, daß der Vertrag der Genossenschaft in Niederlahnstein mit der Kreuznacher Volksbank zustande käme, der inbeffen, nachdem ein ähnlicher Vertrag behufs einer Krediteinräumung sich mit der Genossenschaftsbank für Hessen-Nassau in Wiesbaden verschlagen hatte, gekündigt wurde, da von Graberg die Wertpapiere, die er an der Frankfurter Börse erstanden haben will, nicht beizubringen ivermochte. Der Vertreter der Anklage ließ heute die Beschuldigung auf versuchten Betrug und schwerer Urkundenfälschung fallen, hielt aber den vollendeten Betrug in Höhe von 4100 Mk. zum Nachteil der Binger Firma für erwiesen und beantragte eine Geldstrafe von 50 Mk. Das Gericht war der Ansicht, daß die Merkmale des vollendeten Betrugs wohl objektiv vorliegen, daß aber in subjektiver Beziehung dem Angeklagten nicht nachgewiesen (werden konnte, daß bei der voraussichtlichen Verteilung der 80, im günstigsten Falle 90 Prozent aus der Konkursmasse der Genossenschaft eine Vermögensscha- bigung der Firma eintreten werde. Auch hatte das Gericht feinen Zweifel daran, daß die angeblichen Wertpapiere von 43 000 Mark überhaupt nicht existierten. Es nahm jedoch an, daß dem Angeklagten mit Rücksicht auf die seinerzeit hinlänglich bekannten Zeitungspolemiken, die auch auf das politische Gebiet schweiften, das Bewußtsein einer rechtswidrigen rndlung fehlte. Es erkannte deshalb auf Fr eisprechun unter Belastung der Staatskasse mit sämtlichen Kosten.
Dcrmih'bh*».
♦ Fliegende Katzen. Auf den Gedanken, „eine lebendige Katze fliegend zu machen", ist man zwar im Zeitalter brr Flugmaschine nicht gekommen, wohl aber in einem iruhercn. Anleitung zu diesem Kunststück ist in einem 1 <68 su tun gart
erfdienenen Zaud.rbud enthalten, das den -titel rührt: „Zauberkünste ober aufrichtige Entdeckung verschiedener bewahrter. Inniger und nützlicher Geheimmittel." Tort heißt es: „Binde einer lebendigen Katze unter ihre vier Bug? vier aufgebtaiene und wohl ' zugebundene Schweinsblafen mit Bindfaden tunte an, und stoße sw dann, bet) starkem Windsturm, von einem hohen turnte herab, so wird sic, unter Anstiinmung einer abenteuerlichen Munauo, dahinsliegen." Die abenteuerlich? Katzenmusik dürfte bei diesem Beginnen wahrscheinlich das einzig Gelungene gemeßen fein.
* Unbedacht. Frau: „Es regnet in Strömen, und da willst du ins Wirtshaus?" — Mann: „Nur ein einziges Glas Bier trinken!" — Frau: „Tas kennt man; nachher trust du gute Freunde ..." — Mann: „Unmöglich, lver wird denn lo verrückt sein und bei diesem Wetter ausgehen!'f
vüchertisch.
— Wielands Werke. Auswahl in zehn Teilen. Ans Grund der Hempelscheii Ausgabe neu hei ausgegeben, mit Einleitungen und Anmerkungen versehen von Bernhard von ^acodi. «Goldene Klassiker-Bibliothek, Deutsches Verlagshaus Bong u. Eo„ Berlin W. 57.) 6 Mk. Die Goldene Klassiker-Bibliothek legt jetzt eine Wielandausgabe vor. Sie bringt von Prosaromanen zunächst, wie selbstverständlich, die „Geschichte des Agathon", die den ersten psychologischen Röman Deutschlands und den unnuttel baren Vorgänger von Goethes „Wilhelm Meister" darstellt unb bereu Lektüre noch heute vollen Genuß gewährt: ferner die unsterbliche „Geschichte der Abderiten" und den bisher in fi einet en Ausgaben noch nie abaedruckten, aber sehr frischen und für Wieland bezeichnenden „Nachlaß des Diogenes von Sinope". Der „Oberon", das populärste von Wielands Werken, fehlt natürlich gleichfalls nicht und wird ergänzt durch eine große Zahl jener kurzen, graziösen und oft pikanten Verserzählungen. Auch der Journalist Wieland gelangt mit einigen wichtigen literarischen und politischen Aussätzen zu Worte. Ein ausführliches LebensbUd, sowie Einleitungen und Anmerkungen vervollständigen das Werk. Druck, Papier und Ausstattung sind von der belannten Gute.
Meteorologische Beobachtungen der Station iSieften.
Höchste Temperatur am 11. bis 12. Mai — •+• 19,2’0.
yliebvigiie „ , 11. , 12. „ = ~r 4,9 ’C,
' Niederschlag: — 0,0 mm.
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