Ausgabe 
13.5.1910 Erstes Blatt
 
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Schumann (1. komische Alte) vom Stadttheater in Bern, Here Karl Melzer (1. Tenorpartien) vom Stadttheater in Lübeck, Herr I. Fcry von Wien und Herr Erich Schönfelder (drastischer Komiker) vom Stadttheater in Mülhausen. Herr K. Traloiv und Frl. Schroth vom Hoftheater in Oldenburg werden mög­licherweise auch in ersten Partien auftrcten. Das Arrange­ment der Tänze und Balletteinlagen liegt in Händen der graziösen holländischen Ballettmeisterin Anny van der Veer.

** 2 a m m l u n g d e r F l u r n a m c n. An der auf An regen derHessischen Vereinigung für Volkskunde" unter­nommenen Sammlung der Flurnamen im Großherzog tum Hessen arbeiten allein in Obcrhc s s e n zurzeit über SO Herren, die aus den öerfd)4cöenftcn Kreisen kommen Forstleute, Geometer, Lehrer, Oberlehrer, Pfarrer, Land wirte, Gerichtsbeamte, Aerzte und Referendare. Die Kreise Lauterbach, Büdingen und Gießen sind schon zum größten Teile vergeben. Zn den Kreisen -schotten, Alsfeld und Friedberg dagegen haben sich in manchen Dörfern und Heinen Städten noch keine Bearbeiter gefunden. Und doch ist die Arbeit nicht« schwer und für die Geschichte der Heimat überaus fruchtbar. Für manche Dörfer und Orte fehlt cs ja an schriftlichen Ueberlieferungen ans der Vorzeit fast ganz: da reden eben die Fluren, die Gelnannamen. Wer einen Ueberblick über das Gebiet bekommen will, lape sich von Pfarrer Schulte-Großen-Linden das Werbehest schicken, das über Zweck, Wert und Art der Arbeit genaue Aus­kunft gibt. Es wird umsonst an alle Interessenten ab­gegeben.

'* Sie S0an( für Handel und Industrie, Nieder­lassung (Siegen, schließt am Pfingstsamslag ihre Kaffen bereits um 2 Uhr. (S. Anzeigenteil).

Urlaub. Gestern wurden unsere 116er in den Psingsturlaub geschickt, von wo sie am 18. d§. Mt§. abends zurück sein müssen.

"Der als vermißt Gemeldete heißt nicht Ball- mann, wie es in der gestrigen Nummer hieß, sondern B o l l in a n n.

Bad-Nauheim, 12. Mai. In der heutigen Sitzung der Stadtverordneten wurde beschlossen, die hier noch bestehende G em e i n d e - S ch äse re i auch ferner beizubehalten, wohl bis zur Durchführung der Feldbereinigung. Für die durch Neueinrichtung von Klassen bedingte An­schaffung von Mobiliargegenständen für die Volksschule wurde ein größerer Betrag bewilligt, ebenso für die Ein­friedigung des großen Platzes vor der Stadtschule. Für den im September hier stattfindenden Allgemeinen Deutschen Genossenschaftstag wurde von der Versammlung eine Doputation gewählt, die sich aus drei Stadtverordneten zusammensetzt.

L. Friedberg, 12. Mai. Der Detaillisten - Verein hielt gestern abend eine sehr gut besuchte Versamm­lung ab, zu der sämtliche Friedberger Geschäftsinhaber geladen und auch größtenteils erschienen waren. In ruhiger sachlicher Weise besprach die Versammlung den neu gegründeten Kon­sum v e r e i nBeam tenvere inigung" und beschloß, in allen Fragen dem Konsumverein wohlwollend, aber geschlossen gegenüberzutreten. Der Vorstand der E v. Vereinigung hat zum Bau eines Vereinshauses als erste Spende 100 Mk. gegeben.

6. Mainz, 12. Mai. Ter Fabrikant Hch. Swinget aus Nauheim, auf den am 8. April in seinem Bureau von außen ein Schuß abgegeben wurde und dec schwer tm Rücken verletzt worden war, ist heute als vollständig geheilt aus dem Rochushospital entlassen worden.

kraft hinzukvmmen, jene Fähigkeit, gemeinsam zu einem gemein­samen Ziele hinzuarbciten, welche das deutsche Volk im letzten halben Zahrhuiidertinsohervorragender Weise gezeigt hat. Außerdem aber, die Nahrung des Geistes ist noch wichtiger als die des Leibes. Wir können wobt ohne die schroffe Intoleranz und fruchtlose intellektuelle Verflachung aus- kommen, die die theologisch 'n Systeme der Vergangenheit aus- füllten, aber nie ist ein größeres Verlangen nach höbe nt und feinem religiösen Gefühl notwendig ge­wesen, als zur heutigen Zeit. So, währeird wir gutlannig über einige Prätentionen der modernen Philosophie in ihren verschie­denen Zweigen lachen können, würde cs mehr als töricht sein, unsererseits unser Bedürfnis nach geistiger Führerschaft zu igno rieren. Ihr eigener großer Friedrich sagte einst, wenn er eine Provinz bestrafen wollte, so würde er sic von Philosophen regieren lassen: der Spott halte ein Element der Gerechtigkeit in sich: und dock tonnte keiner besser als der große Friedrich den Wert der Philosophen, den Wert der Männer der Wissenschaft, der Schriftsteller, der Künstler. Es würde in der Tat wenig einpfehlensweir sein, Tolstoi als Führer in sozialen Fragen und in solchen der Moral anzunehmen; aber es wäre in der Tat schlimm, keinen Tolstoi zu besitzen oder nicht von der er­habenen Seite seiner Lehren zu profitieren. Es gibt genug Männer der Wissenschaft, deren schroffe Arroganz, deren zynischer Materialismus, dcreii dogmatisch- Intoleranz sic auf dieselbe Stufe mit den bigotten Kirch entehren des Mittelalters stellen, die sie verurteilen. Und doch ist unsere Tankesschuld an die Männer der Wissenschaft unberechenbar, und unsere heutige Kultur wäre all dessen beraubt, was sie am höchsten auszeichnet, wenn die Arbeit der großen Meister der Wissenschaft der letzten vier Jahrhunderte ungeschehen oder vergessen wäre. Nie haben Phi­lanthropie und Humanität eine folic Entwicklung wie heute gesehen und nur auf den Linien, die von PhilaMhcopcn, von Menschenfreunden nicdergelcgt worden sind, können wir sicher fein, unsere Kultur aui eine höhere und dauernde Grundlage des Gedeihens zu bringen. Ein ungerechter Krieg ist zu verabscheuen: aber wehe der Nation, die sich nicht bereit hält, sich in Zeiten der Not gegen alle zu behaupten, die ihr schaden: wollen, und dreimal wehe der Nation, in der der Durchschnitts­mann den Kainpfesmut verliert, die Kraft, als Soldat zu dienen, wenn der Tag der Not Ijerantommen sollte.

Schließlich sollte diese Shilturbcroegung der Well, diese Be­wegung, deren Pulsschlag jetzt in jedem Winkel der Erde gefühlt wird, die Völker zufammen bringen, während sie doch im Einzel- hürger jene Vaterlandsliebe unberührt läßt, die im gegenwärtigen Stadium des Weltfortschritts wesentlich für das Gedeihen der Welt ist. Sic, meine Hörer, und ich gehören verschiedenen Nalioneii an. Unter modernen Verhältnissen dienen die Bücher, die wir lesen, die Nachrichten, die wir unfern Zeitungen tele­graphieren, die Fremden, die wir treffen, die Halste der Dinge, die wir jeden Tag sehen und tun alles das dient dazu, uns mit andern Völkern tn Berührung zu bringen. Jedes Volk kann sich selbst nur dann Gerechtigkeit widerfahren lassen, wenn es gegen andre gerecht ist: aber jedes Volk kann nur dann sein Teil an der Kulturbewegung der Welt beitragen, wenn es zu­nächst seine Pflicht in seinem eigenen Haushalt erfüllt. Der gute Bürger muß zuerst ein guter Bürger seines eigenen Landes sein, ehe er mit Vorteil ein Bürger der ganzen Welt 'werden kann. Ich wünsche Ihnen Gutes. Ich glaube an Sie und Ihre Zukunft. Ich bewundere und staune an die außerordentliche Größe und Mannigfaltigkeit Ihrer Er­rungenschaften auf so weiten und so vielen Gebieten: und meine Bewunderung und meine Anteilnahme sind um so größer, weil ick so fest an die Einrichtungen und an das Volk meines eigenen Vaterlandes glaube.

Stürmischer Beifall, Trampeln und Händeklatschen be­lohnten Roosevelt. Dann hielt der Dekan der philo­sophischen Fakultät eine Ansprache an Roosevelt, von Humor getragen. Die Fakultät ehre in Roose­velt den geschichtlichen und naturlvissenschaftlichen Sinn. Er sei Demolrat vom reinsten Wasser und doch habe sein leuchtendes Auge gezeigt, daß er unseren Kai er liebe und verehre. Vor allem ehre die Fakultät in Roosevelt den Willen zur Wahrheit, den der Doktoreid betone.

In lateinischer Sprache folgte durch den Dekan dann die Promotion Roosevelts zum Doktor honoris causa. Der Rektor brachte ein dreifaches Hoch auf die Majestäten aus.

Die Ehrungen für die Majestäten unb Roosevelt setzten sich draußen fort.

B e r l i i,i, 12. Mai. Staatssekretär Frhr. v. Schoen gibt heute ein Frühstück in kleinem Kreise, zu welchem Roosevelt und der amerikanische Botschafter mit ihren Familien geladen sind.

Zu dem Diner, das der Reichskanzler zu Ehren Roosevelts gibt, sind außer diesem und seinem Sohne folgende Herren geladen: Botschafter Dr. Hill; die Staatsminister Dr. Delbrück, v. Tirpitz und Freiherr von Rheinbaben; die Staatssekretäre Dernburg und Freiherr v. Schoen: ferner Graf Henckel, Fürst von Donnersmart, Gras Zeppelin, Großadmiral v. Köster, Generaldirektor Dr. Ballin, Legationsrat Krupp v. Bohlen und Halbach, General­direktor Dr. Emil RathenaU, Baukdirektor v. Gwinner, die Präsidenten der Parlamente, Graf von Schwerin-Löwitz, von Kröcher und Freiherr v. Manteuffel, Universitätsdirektor Geh. Rat Dr. Erich Schmidt, Staatsminister Graf v. Zcd- litz-Trützschler, königlich bayerischer Gesandter Graf von Lerchenfeld, Oberbürgermeister Kirschner, Direktor Heineken, Geh. Rat Professor Dr. Robert Koch, Chef des Generat- stabs v. Moltke und Gesandter Bünz.

Berlin, 12. Mai. Bei beni Diner, das der Reichskanzler heute abend zu Ehren Roosevelts gab, kam eine sehr lebhafte Unterhaltung in Gang. Roosevelt führte nicht nur mit dem Reichskanzler ein angeregtes Ge­spräch, sondern auch mit seinem Nachbarn zur Rechten, Staatssekretär von Tirpitz. Kurz nach 1410 Uhr begab sich die Gesellschaft nach den oberen Räumen, wohin der Reichs­kanzler zu Ehren des Gastes ungefähr 80 Einladungen hatte ergehen lassen. Roosevelt verweilte bis 10V4 Uhr unter den Gästen des Kanzlers, v.on denen er sich dann herz­lich verabschiedete. Die übrigen Gäste weilten noch lange in anregender Unterhaltung zusammen. Die letzten Gäste verließen erst gegen Mitternacht das Reichskanzlerpalais.

Die Unruhen in China.

Die Nachrichten über schwere Unruhen in China werden von der Liebenzeller Mission bestätigt. Es geht aus den Meldungen, drc dorthin gelangt sind, hervor, daß cs sich um sehr ernste Vor­gänge^ handelt, die von weiteren Folgen begleitet sein können

Stuttgart, 12. Mai. Zu der Meldung des Reuterschen Bureaus über den Ausbruch von Unruhen in Pucnchau erfahren wir daß auch bei der L i c b c n z c l l c r Mission in Liebenzell ein Telegramm cingetrossen ist, daß in Puenchau Unruhen ausgebrochen sind, doch sehlcn auch hier Einzelheiten. Die Missionsstation Pucnchau steht unter der Leitung der Missionare Witte und Witt: außerdem befinden sich noch zwei Miffionarinucn dort. Weiter ging der Liebenzellcr Mission in Liebenzell ein Telegramm zu, wonach in Changsha fast alle Mifsions- st a t i 0 n e n zerstört und verbrannt wurden; auch i>ic englische wurde von diesem Schicksal betroffen. Die Lieben- zcller Missionsstation jedoch, die sich außerhalb Changsha befindet, wurde nur a u s g e p l ü n d c r t und zerstört, doch wurde sie nach den bis jetzt vorliegenden Nachrichten nicht niedcrgebrannt. Die drei in Changsha bcsiudlichen Missionsschulen blieben eigentüniüdierrocüi? stehen. Von den drei Schulen gehört eine der englischen .China-Inlandmission, die beiden anderen gehören

loHfiigen Missionen. Alle Missionare mußten flüchtci und gingen zum Teil nach Hankou. Missionar Hollenweg von der Liebenzeller China-Inlandmission und Dr. Keller voi der cnglifchen Mission blieben zurück und übermittelten die vor liegenden Nachrichten: sie verweilen etwa 15 Kilometer unterbot! Choiibsha aus einem Schisse, um dort abzuwarten, was evenlucl für die Christen getan werden könnte.

Deutsches Aeich.

Der Bundesrat erteilte den Gesetzentwürfen betr die Zuständigkeit des Reichsgerichts, der Aenderung bei Rechtsanwälte«.dm na, dem Gesetzentwurf zur Aus.ührunc der revidierten Berner Uevereinkunft zum Schutze der Werk, der Literatur usw. seine Zustimmung. Angenommen wur den ferner die Vorlagen betr. Ausführungsbeitimmungce zum Wechselstempelgefetz und betr. Erstattung zu viel er­hobener Reichsstempelbeträge.

Wir lesen in derPoft" folgende Notiz:

(Gegenüber einer Zeitungsnotiz wiedcrholcit mir, daß die bis herige Betriebsmittelgemermchaft dcrPost" mit derNational Zeitung" auf Grund freundschaftlicher Ucbcreinfunrt am 1. Iut gelöst wird und daß unser Blatt von einem zahlreichen K 0 n - s 0 rtium von Freunden aus verschiedenen Teilen des Reichc- felb ständig weitergeführt wird. Das Konfortium, den übrigens zufällig Industrielle nickt angeboren, wird diePost' genau auf dem bisherigen nationalen Boden und ir verstärkter umfangreicherer Form roeiterfübren.

Ausland.

Aus London wird gemeldet: Etwa 120 Mitglieder de- britischen Parlamentes, ein großer Teil der Liberaler und 15 irische Nationalisten, richteten an die Duma zwe Schreiben, in denen sie die gcvlante Beschränkung bei alten Freiheiten Finnlands scharf.verurteilen. Di« Absender betonen ausdrücklich, sie wünschten nicht, sich in dic inneren Angelegenbeiten Rußlands einzumischen; ' sie seien einzic von dem Wunsche beseelt, die günstigsten Bedingungen der eng^ lisch-rusfischen Freundschaft aufrecht zu erhalten. Jede Beein­trächtigung dcr konstitMionellen Regierung in Finnland müfft einen schmerzlichen Eindruck in «Großbritannien Hervorrufen.

Auf der Regierungswerft in Brooklyn erfolgte in Gegen wart des Präsidenten Taft und einer glänzenden Festversamm lung der Stapellauf des größten amerikanischer Dreadnoughts, des 21000 Tonnen haltenden Schlacht schiffesFlorida". Brooklyn prangte im Flaggenschmuck. Di« Taufe wurde von Fräulein Elizabeth Fleming aus Jaksonvillc (Florida vollzogen.

Eine Depesche aus Peking an denNewyork Herald" be­sagt, daß alle russischen Konsuln in Korea sich nach S o e u l be­geben, um eine Besprechung betreffend der bevorstehender D11 ne ftierung durch Japan abzuhalten. Dem Vemehmer nach ist die Konferenz durch die Forderung aus Petersburg ver­anlaßt worden, einen eingehenden Bericht einzusenden über bit im ganzen Lande herrschenden Verhältnisse, die dortige allge­meine Lage und insbesondere die Möglichkeit eines erneuten Aufstandes infolge der Annektierung.

Zur hessischen Bauordnung.

Wie uns-, mitgeteilt wird, sind sämtliche vor Herrn K ö h l e r-La n g s b o r s in Nummer 107 uut 109 bes Gießener Anzeigers mitgeteilten Situation^ vläne nicht allein den M a fe e 11 und der L a g e n a ch c n t st e l l t, sondern geben auch insofern ein vollständig falschesBild, als in ihnen ganze Gebäude und Gebäudeteile weg - gelassen sind, die in den cingc reichten Plänen einge­zeichnet waren und gerade für die Frage der Notwendigkeit bet Brandmauern von entscheidender Bedeutung sind. Ern ft e Be­urteiler werden sich daher vorsehen müssen, ob sie auf gründ eines derartig oberflächlich zusammengestelltcn Materials zu der Frage der Reforrnbedürstigkcit der Bauordnung Stellung nehmen wollen.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 13. Mai 1910.

* * Vom Gr0ßh. Hofe. Graf und Gräfin zu Dohna-Schlobitten sind am Mittwoch nachmittag in Darmstadt eingetroffen und haben im Neuen Palais Wohnung genommen.

* * Trauerfeier für Staatsmini st er von Hofmann. Aus Berlin wird uns berichtet: Der gestern für den Staatsminister v. Hofmann abgehaltenen Trauer feier wohnten seitens des Staatsministeriums Geheimer Regierungsrat v. Eichmann und im Namen der hessischen Regierung der Gesandte von Gag er n bei.

* * Ernannt wurde der Schreibgehilfe Ioh. Ernst Gebauer in Alsfeld zum Registrator bei dem Amtsgericht Alsfeld.

" Aus dem Militär-Wochenblatt. Mueller, RechnunqSrat. Garn.-Vecivalt.-Direktor in Darmstadt, auf feinen Antrag mit Pension in den Ruhestand versetzt.

* Der KreiSrechnerverband hält am nächsten Mittwoch nachmittag seine Jahresversammlung im Cafe Ebel.

** Zigaretten st euer. Im Interesse der Leser, die mit Waren, die,der Zigarettensteuer unter.iegen, Handel treiben, machen wir auf die Bestimmung in § 15 des Ziga rettensteuergesetzes besonders aufmerksam, wonach der, der sicb gewerbsmäßig mit dem Berkaus von Zigaretten, Ziga­rettentabak, Zigarettenhülsen unb -Blättchen befaßen null, dies vorher der Steuerbehörde anzuzeigen hat. Die Anmeldung hat im Bezirk eines Steuerairttes bei diesem, im übrigen aber unmittelbar bei dem zuständigen Haupt­steueramt zu erfolgen. Die Beachtung dürfte umso' mehr erforberlid) sein, als Zuwiderhanblungen gegen bie be­treffenden gesetzlichen Vorschriften mit Strafen bis zu 300 Mark geahnbet werben.

** Musterschutz. Der Hofmöbelsabrik Th. Brück, Gießen, würbe vom Kaisers. Patentamt unter Nr. 420 681 unb Nr. 420 685 D. R. G. M. erteilt für Matratzen mit boppelter Hülle unb mit Polsterung versehener Sprung­sebermatratze.

** Unter bent Zeichen «des K0meten. Welche Sorgen bas Kommen bes Kometen in manchen Köpfen hervorrust, geht aus nachstehender Briefkastenanfrage hervor, dic uns aus dem Leserkreis heute zuging:

Möchte bei Ihnen hierdurch Anfragen, was mit dem Geld, geschieht was auf Banken und Kassen ist, wemi am 18. ds. Mts. die Welt untergeht."

Wir können dem besorgten Frager nur raten, daß er sich genau 11 Minuten vor dem Weltuntergang seine Guthaben non Banken iind Sparkassen zurückgebcu läßt, sich ein Luftschiff mietet und versucht, damit der Katastrophe zu entgehen. Heiterer fassen die Marburger Studenten den nahcndcn Kometen auf. Sic veranstalteten gestern einen nllhaften Umzug,die Flucht vor dem Kometen" barstellend. Ein mit fröhlichen Zechbrüdern be­setzter mit Pferden und Kühen befpannter Wagen, ein Efels- gcspann unb allerhand seltsame «Gestalten belebten den Zug, dessen Schluß zwei Teufel, dic den Kometen trugen, bildeten.

©ta btt l)ea ter. Außer Herrn Richard Heksing vom Oldenburger Hoftheater, der bei den Operetten-Gaslspiclen als Oberregiffcur und Charakterkomiker fungiert, wirten folgende erste Kräfte mit: Frl. Alma Walle (erste Soubrette) vom Stadttheatcr in Basel, Frl. Martha Werten (erste Gesangs- Partien), früher am Metropoltheatcr m Köln, Frl. Elly

Der Sturm am Mittwoch abend.

** Gießen, 13. Mai

Der Gewittersturm, der am Mittwoch abend in unserer Ge­gend hauste, hat, wie gestern sckwn mitgetcilt wurde, überall großen Schaden angerichtet. Namentlich dcr S t a b t iv a l d wurde arg mitgenommen, und wer auf dem alten Schifftnbcrgcr Weg nach dem Schiffenbcrg zu wandert, dem bietet sich ein trauriges Bild der Verwüstung. Schon gleich der S ch u tz st r c i s c n an ber Irrenanstalt ist übel zugcrichtet. Dutzende von Bäumen sind glatt umgeworsen worden und ein sehr großer Teil ist in ein paar Meter Höhe abgebrochen, so daß nut noch die Stümpfe Heben. Vor dem noch im Ban begriffenen Teil, desfcn stark vergitterten Fenster den Eindruck eines Gefängnisses machen, ist saft kein Baum verschont geblieben. Die Warnungen, dic der (4eh. Fvrstrat W i m m c n a u c r s. Z. erhob, haben sich nun als vollständig berechtigt crwftsen, unb cs wird wohl iwckmals auf die Streitfrage um den Schutzstreifen zurückzukomnren sein.

Der Sturm hat natürlich da am fchlimmstim gehäuft, wo er die besten Angriffsflächen fand, und so find cs denn meistens die schönsten und stärksten Bäume, die ihm zum Opfer gefallen sind. Zwischen der zweiten und dritten Schneise liegen auf Ser linken ^>citc des Weges, etwa 50 Däeter im Walde, an zwanzig prächtige Bäume wirr burcheinander, ein anderer Teil wurde tm <oturs aufgehalten und hängt nun schwer auf anderen Bäumen, die dem starken Druck wohl kaum lange widerstehen können. Und so geht cs^den ganzen Weg entlang. Tic prächtige Kiefer, die cinfam in der Schonung stand, ist glatt umgeknickt und nicht roeit da von ist der ganze Waldrand umgeschlagen worden. Ter schmale Fuß' Pfad, der von der Straße zum Schiffenbcrg führt, war gestern vollständig unpassierbar, unb während Arbeiter mit der' Frei rnachung des Weges beschäftigt waren, stürzten noch Bäume um. Auf dem Schifsenberg selbst sind eine große Anzahl von Obft- bäumen, meist Kirfchbäumen, umgeworfen worben, und ein paar herrliche Buchen sind in das Tal hinuntergeschleudert worden. Tie Dächer der^Wirtschaftsgebände sind arg beschädigt, z. T. sogar abgedeckt, die Fernsprechleitung ist zerstört worden.

Die Lage der entwurzelten Stämme beweist, daß es meistens Wirbel' waren, die so arg gehäuft haben. Der Schaden ist sehr bedeutend, und wird noch dadurch vergrößert, daß das Holz letzt tm Saft steht und dadurch für den Gebrauch weniger wert ist. Im Gießener Stadtwald sollen verläßlichen Auskünften zusolgc 0 viel Feftmeter Holz umgeworsen worden sein, wie das ganze Jabr^nicht ausgefchlagen wird. Der Schaden, bet dem Pächter des Schiffenberges durch die Vcrntchtu.ng dcr Ernte erwächst, beziffert sich für dieses Jahr allein auf etwa 1000 Mk., den Kapitalwert gar nicht gerechnet.

Gin ähnlicher, in seinen Folgen aber noch empfindlicherer eturm, herrschte an einem eountag des Jahres 1876, am 12. März, in der hiesigen Gegend. Er hat damals den ganzen! Wald, dcr an bcr Stelle des heutigen Exerzierplatzes stand, um- gcworsen. Auch das alte Schützenbaus wurde vollständig zer- tört unb u. a. wurde das Dach desAugustiner" in die Wieseck geschleudert.

- Auch aus der ,S t a b t selbst werden nachträglich noch manchcrlK (höben gemeldet. Fast als ein Wunder ist es aitzuscben, daß dem Unwetter wenigstens keine Menschenleben zum Opfer fielen. Doch ein Postbote in der Nähe des Bahnhofs von einem berabfatlendcii Firmenschild am Kopf verlciu worden, so daß er in die Klinik gebracht werden mußte. Ebenfalls infolge des Un Wetters fiel ein Dienstmädchen in dcr Marburger Straße in so heftige Krämvfc, daß cs ai»b in dic Kliiiit kam.

Von L i ch wird uns gcmcldet, daß viclc Dächer beschädigt wurden. Der schöne Schloßgartcn wurde besonders stark mit genommen. Einer der großen Kastaniendäumc wurde entwurzelt und viele abgerissene Aeste ftelen aus bie Wege. An den Straßen