Ausgabe 
11.7.1910 Zweites Blatt
 
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160. Jahrgang

Nr. 159 Zweites Matt

Erscheint täglich mit Ausnahme deL Sonntags.

DieHfehener Famllienblätter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das Lreirdlatt für -en Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit­fragen" erscheinen monatlich zweimal.

retzever Alyeigeß

General-Anzeiger für Gberhesfen

Montag i r.Juli 1910

Rotationsdruck und Verlag der BruhLfchen Universitäts - Buch- und Stemdruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- ftraße 7. Expedition und Verlag: e=s*fr5L Redaktion: ^^112. Tel.-Adru AnzeigerGießen.

Die neugeschaffene Lage in Gftasren.

Rußland und Japan haben eine Freundschaft geschlossen, bie lediglich der Einigung über daseinem Dritten gehörige Fell" entspringt. Aus der Haut Chinas sollen die Riemen geschnitten werden, die das Bündnis zwischen den beiden Staaten befestigen müssen. Der neue Vertrag, der schon lange angelündigt wird, soll also einmal Klarheit über die .Machtfphären Rußlands und Japans bringen. Richt minder wichtig dürfte dann für Japan die Einverleibung Koreas mit russischer Zustimmung sein, und für die ge­samte diplomatische Welt liegt die Bedeutung klar auf der Hand, die eine engere Verständigung zwischen den beiden Staaten über ostasiatische Fragen verursachen muß. Zwei derartige Machtfaktoren sind nicht zu übersehen, und man muß gegebenenfalls mit ihnen rechnen. Unbedingt zielt ein Einvernehmen Rußlands und Japans vor allem darauf hin, den Gnfluß der Union in China mit allen Mitteln zurückzudrängen. Im Jahre 1905 hatten die Chi­nesen wegen der schlechten Behandlung ihrer Volksgenossen in der Union einen Boykott gegen nordamerikanifche Waren und Kaufleute erlassen, der mit auffallender Strenge aufrecht erhalten wurde. Dabei waren die Chinesen so klug gewesen, zu erklären, daß der Boykott sich nicht gegen die amerika­nische Negierung, sondern nur gegen die nordamerikanischen Arbeiten)erbände richte, da diese wiederholt für das Verbot der Zuwanderung chinesischer Kulis eingetreten wären. Als die Unionsregierung in Peking ein Einschreiten gegen die Anstifter des Boykotts verlangte, erließ man wohl einige Verordnungen, die nicht viel halfen, und verwies im übrigen auf die Absicht der Boykotterklärer, die gegen die nord­amerikanische Regierung nichts unternehmen wollten. Die Union lenkte dann auf Betreiben Roosevelts ein, worauf der Boykott aufhörte. Es fiel damals auf, daß die Union schärfere Gegenmaßregeln nicht ergriff, aber man sah bald, daß hierfür besondere politische Gründe maßgebend waren. Den Amerikanern war die Wichtigkeit des chinesischen Absatz­gebietes nicht entgangen, und schon lange ist die Union leb­haft und nicht ohne Glück bemüht, in China, und nicht zuletzt in der Mandschurei, festen Fuß zu fassen und als scharfe Konkurrentin Japans und auch Rußlands, sowie namentlich Englands, aufzutreten. Rian kann daher wohl mit Sicherheit annehmen, daß das bevorstehende Abkommen zwischen Japan und Rußland seine Spitze gegen die handelspolitische Ausbreitung der Union in Ostafien richtet. Da China bei einer Verständigung über die Mandschurei unbedingt der leidende Teil sein würde, so liegt es nahe, daß das Reich der himmlischen Mitte zu Amerika mehr als bisher hinneigen wird, während gleich­zeitig der Gegensatz zwischen Japan und Amerika, der nie recht beseitigt worden ist, größere Dimensionen annehmen kann. China selbst ist am meisten zu bedauern. Im Süden des Reiches, am Iangtsekiang, droht eine gefährliche Re­volution, die, wenn sie ausbrechen sollte, ganz- erhebliche Machtaufwendungen der Regierung notwendig machen würde. Die Reorganisation der Verwaltung und der Wehr­macht ist erst int Werden begriffen, die Schulden wachsen bedenklich und Japan, Rußland^und England wachen mit Argusauaen über alles, was im Riesenreiche voraeht, wobei sie alle Schwächen ausspähen, und die politische Lage sich zu ihren Gunsten nutzbar zu machen suchen. Bisher hat China fast immer das Gluck gehabt, daß sich die ernsthaften Rivalen in Ostafien in den Haaren liegen. So konnte es sich bei seiner geringen positiven Kraftentfaltung noch am besten wehren, wenngleich es natürlich Gebietsverluste nicht ver­hindern und unbefugte Eindringlinge, wie besonders die Japaner, nicht mit Erfolg abwehren konnte. Mit einer wirklichen Einigung der beiden Hauptrivalen, die sicher über den Kopf Chinas hinweg sich über die Mandschurei und andere chinesische Interessen berührende Fragen verstän­digen werden, ist China gegenwärtig am schlechtesten ge­dient, und wenn die chinesische Diplomatie einmal zeigen will, was sie durch Intrigen und Geschicklichkeit vermag, so kann sie jetzt ein Meisterstück liefern. Sie muß und wird versuchen, die ehemaligen Rivalen wieder auf­einander zu hetzen, vielleicht mit Hilfe Englands und Amerikas. Im übrigen ist es ja überhaupt die Frage, ob das zwischen Rußland und Japan geplante Abkommen wirk­lich von langer Dauer sein wird. Der bedeutendste Staats­mann,^ den Japan hatte, Marquis Ito, hatte lange vor dem osta iatischen Kriege eine formelle Verständigung mit der russischen Regierung geplant. Die damals kurzsichtige russische Diplomatie (unter dem Grasen Lamsdorf) hatte alles abgelehnt, und bald darauf brach das Unglück für das Zarenreich herein. Man hat wenig Grund zur An­nahme, daß Rußland sich in Wirtlichkeit mit den japanischen Erfolgen, die eine Demütigung sondergleichen bedeuteten, gusgesöhnt hat. Im Innern besteht der alte Gegensatz fort und wird sich vermutlich stärker erweisen als Bündnisse, die der jeweiligen politischen Lage entsprechen und sicherlich auch gegenwärtig nach dem Herzen Englands sind, dem damit gleichfalls gedient ist, da sie zunächst Ruhe in Ostafien schaffen und den Tätigkeitsdrang Japans ein- jchränken. Schließlich brauchen auch die beiden alten Gegner Ruhe, teils um ihre Rüstungen weniger energisch zu be­treiben und die Finanzen gesunden zu lassen, teils um die Wehrkraft wieder auf die alle Höhe (und darüber hinaus) zu bringen und innerlich sich zu festigen.

Die Relchsverstcherungsordnung.

Berlin, 9. Juli.

Der Ausschuß für die Reichsversichcrungsordnung verhandelte heute zuerst über den § 407, wonach die Landes­regierung beftinunt, inwieweit die §§ 337 bis 406 für Betriebs- krantenkassen des Reichs und der Bundesstaaten gelten.

Ein. fortschrittlicher Redner erllärte, daß mit diesem Paragraphen gewohnheitsmäßig Mißbrauch getrieben werden würde.

Die Negierung legte großes Gewicht auf die Erhaltung des Paragraphen. Er wurde trotzdem mit 19 Stimmen a b g e - lehn t. Dafür stimmten die Konservativen, die Reichspartei, die Nationallrberalen und ein Zenrrumsmitglied. Die folgenden §§ 408443 von der Aufsicht und der Aufbringung der Mittel und den Kassenverbändeir sind bereits früher erledigt worden..

Der nächste Abschnitt behandelt besondere Berufs­zweige. !Äie §§ 444 und 445 erfahren nur geringfügige Ver­

änderungen. § 446, wona chdie oberste Verwaltungsbehörde für rhr Gebiet oder Teile davon Bersicherungspflichtige, btc in länd­lichen Handwerksbetrieben beschäftigt sind, den in der Landwirt­schaft Beschäftigten gleichstellen kann, wurde abgelehnt.

§ 447 besagt, daß das Recht, die Befreiung von der Ver- sicherungspslicht nach § 186 Rr. 2 (Anspruch an den Arbeitgeber, der die volle Unterstützung decken muß) zu beantragen, anstelle des Versicherten dem Arbeitg-eber zusteht.

Die Konservotiven beantragten folgende Fassung: Au- Antrag des Arbeitgebers wird von der Versicherungspflicht be­freit, wer bei Erkrankung an diesen einen Anspruch aus eine den Leistungen der zuständigen Krankenkasse gleichwertige Unterstützung hat, wenn der Arbeitgeber die volle Unterstützung aus eigenen Mitteln deckt und seine Leistungsfähigkeit sicher ist.

Damit nahmen die Konservativen den seinerzeit abge­lehnten § 186 Rr. 2 wieder auf.

Der Antrag wurde aber abgelehnt. Damit fiel auch § 447 gegen die Rechte und die Rationalliberalenl

Bei § 448 wurde hinzugefügt: Dauert die mit Erwerbs­unfähigkeit verbundene Krankheit über die Geltungsdauer pes Arbeitsvertrages hinaus, so tritt für den Versicherten der An­spruch auf Krankengeld wieder ein.

Die §§ 449 und 450 wurden unter Ablehnung sozialdemo­kratischer Anträge angenommen. Rach § 451 kann die Satzung einer Landkrankenkasse bestimmen, daß Versicherte kein Kranken­geld erhalten, denen aus Grund der Reichsversicherung eine dauernde jährliche Rente mindestens im 150 fachen Be­trage des satzungsmäßigen täglichen Krankengeldes gewährt ist. Der Mindestsatz wurde auf Antrag der Sozialdemokraten auf den 300 fachen Betrag erhöht. Die §§ 452 und 453, wonach unter Umständen das Krankengeld der ländlichen Arbeiter gekürzt werden kann, wurden gegen die Stimmen der Konservativen g e st r i ch e n. Die §§ 454 bis 458 blieben unverändert.

Darauf beschloß der Ausschuß, am 15. Juli in die Ferien zu gehen und seine Arbeit am 20. September wieder aufzunehmLN.

Nächste Sitzung: Montag nachmittag.

Aus dem Ltrafprozetzausschch.

:: Berlin, 9. Juli.

Ter Ausschuß für die Strasprozeßordnung setzte heute die Beratung über die Wiederauinahme des Ver­fahrens fort. § 354 will die Wiederaufnahme auch baut zu­lassen, wenn neue Tatsachen beigebracht werden, die die Unschuld des Verurteilken ergeben oder doch dartun, daß kein be­gründeter Verdacht gegen ihn weiter vorliegt. Der Paragraph wurde unter Ablehnung fast aller Abänderungsanträge nur un­wesentlich abgeändert. § 355 blieb unverändert. Auch die weiteren Paragraphen des Kapitels werden nach der Vorlage an­genommen. Damit ist das dritte Buch erledigt.

Der Wortführer der fortschrittlichen Volkspartei legte Verwahrung ein gegen einen Artikel derBerliner Volks­zeitung" vom 8. Juli, der ebenio unwahre wie tendenziöse Mit­teilungen über Abstimmungen der fortschrittlichen Bolkspartei in der Strafprozeßkonunlssion enthalte. Der Vorsitzende des Aus- chuffes erklärte, daß er wohl im Sinne des ganzen Ausschusses spreche, wenn er das Bedauern über derartige Zeitungsartikel zum Ausdruck bringe.

Nächste Sitzung Dienstag.

Generalversammlung der Gbechess. Gbstbanvereinz.

K. Alsfeld, 10. Juli.

.Heute waren die Obstzüchter aus allen Teilen Oberhessens hier zusammen, um eine inhaltsreiche Tagesordnung zu erledigen. Da der erste Vorsitzende Graf Oriola gestorben ist und der 2. Vor- itzende Oekonomierat Spieß durch Krankheit verhindert war, er­öffnete Dr. Hoffmann-Friedberg die Versammlung, und au' einen Vorschlag wurde Kreisrat Dr. Heinrichs mit der Leitung der Verhandlungen betraut. Anwesend waren die Vertreter der Regierung und Kreisämter, der Bürgermeister Dr. Völsing-Als- eld, der Vertreter der Landwirtschaftskammer Abg. Bähr, die Vertreter des Kammerausschusses für Oberhessen Korell und Sekre­tär Schwarz, der Vorsitzende der Frankfurter Obstzentrale Sauer- roetn, der Vorsitzende des Nassauischen Obstbauvereins, Regierungs­rat Dr. Langermann-Gießen u. a. Kreisrat Dr. H einrichs erwähnte die Verdienste des Grafen Oriola um den Verein und um die Herstellung guter Beziehungen zur Landwirtschaftskammer. Die Versammlung erhob sich zur Ehrung des Verstorbenen von den Sitzen. Bei der Vorstandswahl wurden als Präsident Kreis­rat Schliephake-Friedberg und als Vizepräsident Landtagsabg. Breidenbach-Dorheim gewählt. In den Ausschuß wurden eben» alls durch Zuruf gewählt Bürgermeister Nispel-Gedern, Bürger­meister Repp-Homberg a. d. Ohm und Landwirt Grünewald- Bad-Nauheim.

Den Jahresbericht 1909/10 erstattete Dr. Hoffmann. Er bedauerte besonders den Austritt des Kreises Büdingen, durch den der Weiterbestand des Hauptvereins nicht gefährdet sei, die Mitgliederzahl in den Kreisen außer Büdingen habe um 56 zu- genommen. Die Orte um Berstadt seien dem Verein treu ge­blieben. Zum Vertrauensmann wurde Herr Reitz-Echzell gewählt. Die Mitgliederzahl ist jetzt 3609, davon befinden sich 149 außer­halb Oberhessens, auf den Kreis Friedberg entfallen 1551 (4- 45), Gießen 927 (+ 27), Alsfeld 381 ( 55), Lauterbach 323 ich- 42 , Schotten 278, Büdingen noch 79 ( 721). (Im Schlitz erlaub und in Bad-Nauheim wurden besonders zahlreiche Mitglieder gewonnen.) Bei den letzten Gratisverlosungen gelegentlich von Versammlungen kämen am Mitglieder int Kreise Gießen 115 Bäume. Die Verlosungen werden weiter beibehalten. Das Vereinsorgan ist besser ausgestattet worden. Die Tech­niker John und Wenk-Friedberg und Koch-Alsfeld entfalteten in Vorträgen usw. eine rege Tätigkeit. Der Edelreiserversand betrug 20 000 Stück. Mit der Landwirtschaftskammer wurde zusammeit- gearbeitet in Obstverwertungskursen und ht den Ausstellungen zu Gießen, Friedberg, Nidda und Homberg a. d. Ohm. In Als­feld ist ein Versuchsgarten angelegt worden. Mit dem Bienen­züchterverein wird Hand in Hand gearbeitet. 'Der Obstbauverein Pflegt auch den Blumenschmuck, Vogelschutz, Gartenbau und Obst­baumschutz. Die Einnahme betrug 9935,60 Mk., darunter Mit­gliederbeiträge 4372 Mk., Zuschuß der Kreise 1450 Mk., die Ausgaben 9880 Mk. (für Vorträge usw. 2494 Mk., Zeitschriften 2935 Mk., Techniker 2020 Mk.). Das Vermögen beträgt 1000 Mk. Der Voranschlag für 1910/11 wird mit Einnahme und Ausgabe in Höhe von 7840 Mk. genehmigt. Er ist über 2000 Mk. niedriger als 1909/10, da Kreis Büdingen fehlt. Eine lange Besprechung erfolgt über den Antrag von Bad-Nauheim, den § 8 der Satzung dahin zu ändern, daß die Ortsgruppen ntit über 100 Mitgliedern ein Drittel ihres Beitrags für eigene Zwecke behalten können. Die kleinen Ortsgruppen sprechen gegen den Antrag, Schildwächtei- Bad-Nauheim kündigte für den Fall der Ablehnung den Austritt Nauheims an. Gegen den Antrag sprechen auch die Abgg. Bähr und Körell, die Annahme könnte als eine Bevorzugung der großen Ortsgruppen der Austritt kleiner Ortsgruppen im Gefolge haben und somit den Fortbestand des Vereins gefährden. Schließlich wurde der Antrag von der Tagesordnung abgefetzt und der Ausr schuß erhielt den Auftrag, die Angelegenheit weiter zu prüfen und mit Bad-Nauheim zu verhandeln.

fieber die Unternehmungen des Landwirtschastskaulmer-Aus- schufies für Oberhessen und des oberhessischen Obstbauvereins be­richtete Dr. Hoffmann-Friedberg. Beide planen in diesem Jahr die Bezirks-Ausstellung in Grünberg 15. und 16. Oktober, Groß-Karben 1. und 2. Oktober und Echzell und die Kreis- ausstettung zu Lauterbach 24.26. Oktober. Auf den Kteis- schauen wird von jetzt ab nach Zonen prämiiert, d. h. die Orte werden nach Art und Güte des Obstes eingeteilt. Obstverwertungs- kurse finden statt in Rockenberg, Rendel, Hungen, Großen- Buseck, Arnshain, Crainfeld und Ruppertsburg. Eine neue Arbeit ist die Prämiierung von Obstpflanzungen, sie ist var- gesehen in Schlitz und Ortenberg.

In Gießen findet ivieder im Herbst ein Obstmarkt statt. Obstverwertungskurse werden in Echzell und Grünberg ad-' gehalten. In 1911 ist eine Bezirksschau im Kreis FrietLerg geplant, Bad-Nauheim soll berücksichtigt werden. Die Versamm­lung beschließt sodann, einen Ausflug des Vereins nach Frank­furt zu unternehmen, die Jubiläums-Ausstellung (617 Ott.) SU besuchen und zugleich die Versuchsgarten bei Sachfenhauseu zu besichtigen. Nach 'ben Ausführungen des Vertreters von Nassau, Junge-Geißenheim, werden auf der Ausstellung in der Festhalle zu Frankfurt alle Gebiete des Obstbaues, (öart^nbaueS Gemüsebaues, der Blumenzucht, des Vogelschutzes usw vertreten sein. Dre Gemüsegärtner von Nieder- und Ober-Rad, Vog^- schutzverein u. a. haben ihre Beteiligung zugesagt. Der Vor-- fitzende Sauerwein von der O b st v e r w e r tu n g s ze n tra.Le) Frankfurt berichtete über die Frankftrrter Obswermittluüg. Sie wurde 1893 auf Anregung Leopold Sonnemanus eingerichtet und bewährte sich gut, der Umsatz stieg bis 1905 auf etwa 33 Millionen Mark. Nach Eingreifen beS deutsck-en Pomvlogen-, Vereins ging der Absatz sehr zurück. Die Stadt und ein Komitee treffen jetzt Vorbereitungen für eine neue Obstzentrale. Es ist ein dauerndes Geschäftszimmer eingerichtet worden, die Märtte finden in der städtischen Halle wöchentlich einmal statt. Ein Antrag vom Bezirksverein Gießen, daß die Tättgkeit der Baum­wärter vom Obstbauverein überwacht werden soll, findet An- rmhme. Ebenso ein Eintrag der Baumwärtervereinigung, die Kreisämter möchten _ die Gemeinden ersuchen, daß die Baum- wärter zu Ehrenfeldschützen angenommen würden. Im Interesse btt? Obstschutzes wird dies besonders <ernpsohlen. Der letzte Vereinsbaurnwart des Obstbauvereins wurde bann in der Person be§ Karl Schmitt-Schellnhausen ernannt. In Zukmrft prüft und ernennt die Landwirtschaftskammer die Baumwärter.

Lin Zest des Sundes der Landwirte.

fc. Wilhelmsbad b. Hanau a. M., 10. Juli.

Annähernd 5000 Landwirte, Mitglieder des Burrdes bet Landwirte und der Vereinigten Landwiitte von Frankfurt a. M. und Umgegend, waren aus den Kreisen Hanau, Geln­hausen, Schlüchtern, Frankfurt a. M, Höchst, dem Ober­taunus, Usingen, Wiesbaden Stadt und Land, sowie Starken­burg und Oberhefsen heute hier zum Bundes fest versam­melt. Unter den Gästen bemerkte man auch Fürst zu Jsen- burg-Büdingen-Wächtersbach. Der Wahlkreisvorsitzende, Bürgermeister Clauß- Ravolshausen. begrüßte ine Bundes­genossen mit herzlichen Worten. Er betonte, daß die acker­baupflegende Bevölkerung dazu berufen sei, den Zwiespalt der bürgerlichen Parteien zu überbrücken und den Damm gegen die Sozialdemokratie zu befestigen. Der stellv. Vor- itzende, Oekonomierat Lucke-Frankfurt a. M., ermahnte zum festen Zusammenschluß. Leider habe man an hohen Stellen die Absichten der treuesten dNvnarchisten, des Bundes der Landwirte, noch nicht erßcmnt. Der Bund mit seinen 315 000 Mitgliedern sei dazu berufen, den Kampf zu kämpfen mit dem Großkapital und dem Judentum, die rücksichtslos die Konstitution und Kirche mit Füßen zu treten beabsich­tigten. Freiherr v. Wang enh eim-Klein-Sviegel, der Vorsitzende des Bundes, ergriff alsdann das Wort zur Fest­rede. Er führte aus: Das geschlossene' Band des vor 17 Jahren aus der Not der Zeit hervorgegangenen Bundes der Landwirte muß fester werden, um den Ansturm von außen, das rigorose Verhalten des Auslandes und die Kämpfe im Innern aushalten zu^nnen und dem Landwirt den Lohn zu verschaffen, auf den er als Arbeiter des preußi- chen Staates Anspruch habe. Die Hauptaufgabe des Bauerm- tandes wird es sein, mitzuarbeiten an der Entwicklung der deutschen Industrie zum Segen des deutschen Vaterlandes. Der Mittelstand^ in Stadt und Land soll gesondert und die wirtschaftlichen Verhältnisse der schollenliebenden Bevölke­rung nach jeder Seite hin gehoben werden. Ebenso aber müsse es Pflicht des Junkertums fein, den Standesgenossen des Mittelstandes zur Seite zu stehen und mitzuhelfen, die Standesinteressen nach außen hin zu vertreten. Anderseits ei es unumgänglich notwendig, daß an maßgebender Stelle ein anderes Tempo wie bisher eingeschlagen werde in der technischen Förderung der Landwirtschaft. Der Redner be- 'prach hierauf das Verhältnis des Bundes der Landwirte zur; Staatsregierung und den politischen Parteien. Volles Ver­trauen könne der Bund haben zu dem neuen Landwirtschafts- rninister Freiherr v. Schorlemer. Das Verhältnis zu den politischen Parteien sei weniger erquicklich, da die Ver­bindung des Liberalismus mit dem Hansabund der Ruin des Mittelstandes sei und Landes- und Volksverrat bedeute. Auch die Weiterentwicklung der nationattiberalen Partei, die einst in gesunden Kinderschuhen steckte, lasse sehr viel zu wünschen übrig. Das Resultat ihres Treibens war ein Wachsen der Sozialdemokratie. Die einst so sichere Partei müsse wieder in gute Bahnen geleitet werden, sie müsse darauf aufmerffam gemacht werden, daß chr Feind nicht rechts, sondern links zu suchen ist. Redner schloß mit der Aufforderung an die deutschen Frauen, mitzuarbeiten an dem Kulturkampf durch ideale Erziehung des Heranwachsenden Geschlechts. Weitere Ansprachen hielten der stellv. Bor- itzende der Wteilung Nassau des Bundes der Landwirte, Landwirt Georg C h r i st i a n - Unterliederbach, sowie der Vorsitzeride der Vereinigten Landwirte von Frankfurt a. M. und Umgegend, Gutspachter Vieh mann-Rumpenheinr Der frühere hessische Landtagsabg. Direktor Hirschei- Friedberg beleuchtete den Friedberger Wahlkampf, wobei er scharfes Geschütz auffuhr gegen den Liberalismus, der noch eine zuverlässige Stütze an den masurischen Bauern habe, und gegen die Sozialdemokratie. Beamtenaufkläruna und Frau end ersammlungen seien die .Hauptfaktoren um siegreich aus den neu bevorstehenden Wahlkämpfen hervor- zugehen. Konzert- und Gesangsvorträge sowie Tanz hielten die Mitglieder noch bis in den späten Abend Msammen