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Samstag 11. Juni 1910
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Nr. 134 Erstes Blatt 160. Jahrgang
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Fernsprech-Anschlüfie: M ■ WM Verantwortlich für den
für die Redaklwn 112, Iv^ _ __ _ - M politifchen Teil: August
Sä General-Anzeiger für Gberhe en MM Annahme von Anzeige« v Ä » x im e» t saal"- E Heß- für den
für die Taaesnnmmer flofofioitsörud mtö Dtrlafl der vrübl'schen Univ.-Vuch: und Steinöniderei R. Lange. Redaktion, Expedition und vruderei: Zchulstratze r. An„jqenteil: H. Beck, brs vormttlagS 9 Uhr.
Die heutige Nummer umfaßt 14 Seiten.
politische Wochenschau.
Gießen, 11. Juni.
Wir haben in diesen Tagen ungewöhnliche Dinge erlebt. „Ein unsanfter Bries von Rom her" hat die deutschen Geister aufgerüttelt, hat sie zur Abwehr geeint Aber die Katholiken selbst sind durch diesen päpstlichen Hirtenbrief vor dunkle Rätsel gestellt. Welchen Zweck verfolgte der Papst mit dem Vorstoß gegen die Reformatoren? Daß dadurch die Kluft zwischen den beiden großen Konfessionen erweitert würde, lag so klar auf der Hand, daß man nur schwer die Besorgnis unterdrücken kann, es sei dem Papste an neuem Kampf und Zwiespalt gelegen. So düster die heutige politische Zeit ift: ein Lichtblick war der 9. Juni, der im preußischen Abgeordnetenl>aus die einmütige Zurückweisung aller Verhetzungen gezeigt hat. In Deutschland will niemand den von Rom anscheinend gewünschten Kul- turkampf. Der Vatikan hat vor allen Gläubigen eine böse Niederlage erlitten; er, der die christliche Liebe, Friede und Duldung in sich schließen sollte, hat seine Macht über die Gemüter dazu benutzt, Zwietracht zu säen. Das erforderte von allen Friedliebenden die ernsteste und entschiedenste Stellungnahme. Wenn aber irgend etwas bei dieser traurigen Sache wahrhaft erfreulich ist, so ist es der würdige Ernst, die vornehme Mäßigung, die ruhige, leidenschaftslose Form, mit denen die Anfragen über diese religiöse Krisis in preußischen Abgeordnetenhaus begründet worden sind. Tas Unrecht ist klar abgesondert auf der einen Seite geblieben. Wir begrüßen dies nicht in erster Linie um des Eindruckes beim Vatikan willen, sondern im Hinblick auf die Einsicht und die Empfindungen bei den katholischen Glaubensgenossen. In Rom wird man wohl kalt und starr bleiben, aber in vielen katholischen Herzen wird die Erkenntnis ausleuchten, daß das heutige Papsttum unseren nationalen Zuständen, dem deutschen Empfinden und der deutschen Bildung völlig fremd gegenübersteht. Die vereinzelten Versuche in der ;^entrumspresse, mit Hilfe von Wortklaubereien und unehrlicher Logik das Unrecht der römischen Schmähschrift abzuschwächen, hat das ultramontane System nur noch offener bloßgestellt. Das Verhalten der preußischen Zentrumsfraktion aber hat einer Festunaskapitu- latton geglichen. Ihr fehlten in diesem Falle Waffen und Mumtton, um den Papst zu rechtsertigeic. In der Er- ilärung des Abgeordneten Herold, der eine Teilnahme an der Besprechung ablehnte und doch in zager Weise eine Lanze für die Erhaltung des konsessionellen Friedens brach, war beinahe eine stillschweigende, gelinde Stellungnahme gegen den Papst zu erblicken. Sonst hätte das Zentrum doch ruhig auch aus diesem politischen Baden in gewohnter Weise das Tun und Lassen des Vandans schirmen v.nb etwa mit den Worten des „Osservatore Romano" rechtfertigen müssen. Das hätte allerdings keine glänzenden Reden abgegeben. .
Und die Regierung? Genügen die Schritte, dw Herr von Bethmann-Hollweg durch den Gesandten in Rom hat einschlagen lassen? Man kann auf diese Frage so lange nicht mit Bestimmtheit antworten, als der Wortlaut der dem Vatikan überreichten 9*ote nicht bekannt ist. Wrr hoffen, dre „Norddeutsche Allg. Ztg." wird dieses Versäumnis bald nachholen. Der Kanzler und Ministerpräsident hatte im letzten Teil seiner kurzen Rede seine hoffnungsvolle Erwartung nicht mit der dürftigen und geradezu herausfordernden journalistischen Veröffentlichung des väpstl'.chen Stuhles rechtfertigen sollen. Dieses Verlegenheitsprodukt durfte garnicht zur Kenntnis genommen werden, noch weniger durfte mit ihm dem Papst eine Brücke zu bauen versucht werden. Die logischen Pfeiler waren sträflich morsch.
Im „Rausch", d. h. in einem Gefühl der Kcaftsteigerung und -fülle, sieht Nietzsche die Voraussetzung jedes künstlerischen Schaffens. Im Rauschzustände findet eine Heraustreibung aller wesentlichen Züge an einer Erscheinung statt, also jene künstlerische Umformung der Wirklichkeit, die wir als Stilisieren zu benennen genröhnt sind. Aus einem Rausch des geschwellten Willens sind auch Noldes Ar- beiten geboren; die heilige Lust am Sehen spricht aus ihnen. Ter Künstler malt in einem Zustand sozusagen; ruhiger Ekstase, und dieses Urerlebnis erklärt die Eigen- tümttchkeiten seines Stils. Ein herrisches Wollen vergewaltigt die Sichtbarkeit der Welt, dieHauptzügewer- den mächtig heraus getrieben und verdrängen damit alles unwesentliche Detail. Das Kennzeichen aller großen Naturen: das Gepalttäterische, fehlt auch Emtl Nolde nicht. Er zwingt das anfangs widerstrebende Publikum durch die Ehrlichkeit seines Sehens und die Energie seiner
Tas Kernproblem seines malerischen Schaffens ist, den ungeheuren Reichtum an Farben zur bildmäßigen Harmonie zu zwingen. Tie Aufgabe wrrd gelöst dadurch, daß nicht aus der Abstimmung oer Farben, nicht aus-ihrer Unterordnung unter einen Hauptton, sondern in der Stärke der koloristischen Gesamtanschauung eine Bildharmonie gewonnen wird So entsteht der freudige, lachende, festliche und doch ruhige Eindruck dieser Kvlortstik.
Auch die Graphik Noldes zeigt jenes Heraustreiben des Wesentlichen. „Je sparsamer eine .Handzeichnung oder Radierung ihre Linien anfs Papier setzt, in dem gleichen Maße wachst die Krast chrer Liuiensprache" sagt Broder Christiansen. Bei Nolde ist jede Linie das Resultat an- gesammelter Beobachtungen, das sich in ihrem Schwünge entladet. So gibt der Künstler in seinen Zeichnungen und Radierungen konzentrierte Augenerlebnisse, alte zeigen die verkürzende, andeutende Art, die eine Sache des künstlerischen Temperamentes ist. Nolde erklettert seine Wir- fungen nicht, er erfpringt sie. Beispiele dieser Eigenart sind unter den hier ansgMellten BMtern besonders dis
Gegen den päpstlichen Hirtenbrief.
Zahlreich besuchte Volksversammlungen protestierten in Dresden und Augsburg gegen den Borromäus-Hirten>4 brief. In Tetschen an 'der Elbe beschloß die evangelische und altkatholische Gemeinde gegen den Hirtenbrief eine Massenprotestversammlung, die erste in Oesterreich, zu veraüstalten. Der Magistrat von "Trebnitz in Schlesien sagte infolge der allgemeinen Entrüstung seine Beteiligung an dem am nächsten Sonn- beiben „Tanz"bilder, „Dorfstraße", „Segeibäotc auf der Alster", „Dampfer in weiß". Ganz besonderen Reiz bieten seine Darstellungen des Hamburger Hafens, die zum Allerbesten gehören, was er geschaffen. Keiner wie er hat so das Getön, die Arbeit, den Schmutz, das Treiben des Hafens wiedergegeben und dabei die atmosphärischen Stimmungen so herausgebracht — selbst Liebermann und Kalkreuth nicht. Auch von diesen Hafenbildern sind einige hier zu sehen.
Dr. v. Hippel.
— Hamburg gegen Baron Berger. Augenblicklich schweben nicht nur Zwistigkeiten zwischen dem Wiener Hofoperndirektor Weingartner und dem Berliner GeneralintendaMen Grafen; Hülsen, auch gegen den Direktor des Wiener Hofburgtheaters Baron Berger ist von der Leitung des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg eine Klage auf Rückzahlung einer größeren Summe angestrengt worden, die Baron Berger noch der Leitung des Deutschen Schauspielhauses schulden soll. Diese Summe rührt aus dem Verhältnis Bergers mit seinem Mitbirektvr Köhne her. Da eine gütliche Einigung bisher nicht erzielt ist, wurde die Klage gegen Baron Berger angestrengt.
— Eine Staatsrente für Frau Björnson. Der Präsidialausschuß des norwegischen Storthings hat dieser Tage den Vorschlag gemacht, daß Frau K. Björnson eine lebenslängliche Staatsrente von 1600 Kronen jährlich erhalten soll. Die Verhältnisse der Gattin Björnsons sind nicht sehr günstig. Zwar hatte Björnson in seinen späteren Lebensjahren viel Geld eingenommen, auch hatte er vor wenigen Jahren den Nobelpreis erhalten; er verausgabte aber außerordentlich große Summen für wohltätige Zwecke, und seine letzte Krankheit mit dem langen Hotelausenthalt in Paris ift sehr teuer gewesen. Hierzu kommt noch, daß der Betrieb des Gutes Au l estad nach Biörnsons Tod mit großen Schwierigkeiten verbunden ist, zumal nachdem oor einigen Wochen eine Ueberschwemmung dort großen Schaden angerichtet hat.
— Kurze Nachrichten aus Kunst u. Wissenschaft. Das Neue Residenztheater in Wiesbaden wird Anfang September eröffnet. Die ersten Vorstellungen sollen emen Zyklus Shakejpearischer Lustspiele bringen.
(Emil Nolde.
Es wird uns geschrieben:
Ein Name, hier in Gießen den meisten wohl noch unbekannt, und doch der Name eines Künstlers, der bei einer erstaunlichen Produktivität sich in der Kunstwelt eine von Jahr zu Jahr wachsende Beachtung und Schätzung erworben hat. Geht er auch durchaus eigene Wege, dre vielfach zum W°ck)erspruch herausgesordert haben und das Ver.standnts seiner Werke dem mit seiner Kunst nicht Vertrauten nrcht leicht machen, das Eine wird ihm doch allseitig zugestanden: daß er über ein seltenes Maß an Kraft, Ernst und Acut verfügt. — Auf meine Mtte hat Herr E. Legler es freundlich übernommen, eine Anzahl mir von befreundeter Sette für kurze Zeit zur Verfügung gestellter Lriginalradterungen Noldes — größtenteils Erstdrucke — in seiner Buchhandlung auszulegen, um so einem größeren Kreise Gelegenheit zu geben, diesen interessauten Künstler kennen zu lernem — Bei Gelegenheit einer kürzlich stattgefundenen Kvllektw- ausstellung die Werke Noldes bei Commeter in Hamburg hielt Prof. Gräf-Jena einen einleitenden Vortrag über das Schaffen des Künstlers; Besprechungen von Dr. Wilhelm Waetzoldt il a. schlossen sich in den Lagesblättern am Wrr entnehmen diesen folgendes: Der heute 42 Jahre alte Drnst- ler ist der Sproß eines alten Schleswiger Bauerngeichlecy- tes. Als Schüler der Holzschnitzschule in Flensburg, fpater als Lehrer an der Industrieschule in St. Gallen, hat stch Nolde die Grundlage einer handwerklichen Solidität erworben, die fern von Routine, seinen Werken die Festigkeit des technischen Gefüges verleiht. Mit 30 Jahren macht der bis dahin fast schwerfällig fchaffcnde Künstler sich sret und lernt in Paris, München, Berlin, Kopenhagen seine rürv|t» lerische Eigenart Trnöe.n. Fremde Anregungen, besonders dte des französischen Impressionismus, verarbeitet er zu einem organischen Besitz der eigenen Natur, und — fett 5 Jahren etvza — entfaltet Nolde eine erstaunliche Produktion, die sich gleichmäßig auf die Malerei, wie auf die graphischen Künste erstreckt.
Herr v. Bethmann-Hollweg scheint nach dem Wortlaut seiner : Rede anzunehmen, der Papst werde seinen Mißgriff durch eine Toleranzvutle wieder gut machen, werde seinen Gläubigen gute und herzliche Beziehungen zu ihren evangelischen Brüdern ausdrücklich ans Herz legen. Wenn ein solcher Schritt von Rom her Wahrscheinlichkeit für sich hätte, so wäre an dem Vorgehen der preußischen Regierung nichts auszusetzen. Aber der Kanzler hätte sich getrost sagen können: ,,Zu jenen Sphären wag' ich nicht zu streben, woher die holde Nachricht tönt." Und hätte in gutem Rechtsbewußtsein die einstweile Abberufung des Gesandten aü- ordnen können, bis eine befriedigende Erklärung der päpstlichen Regierung eingetroffen wäre. Wie die Sache jetzt liegt, fürchten wir, daß in den vatikanischen Gärten eine Botschaft ausgeklügelt wird, die dem strengen Philosophen in Berlin nicht ins System passen kann. Wählend er dann vielleicht mit stummem Kopfschütteln den Notenwechsel in die Akten legt, drücken sich die römischen Kardinäle mit lustigem Augenzwinkern die Hände.
Als nach den andern Rednern im Mgeordnetenhaus zum Schluß auch der Zehngebotc-Hoffmann die Bühne betrat und die Hemdärmel aujkrempelte, da ließen die Regisseure kurzerhand den Vorhang herunter. Man wollte, so sagte man zur Begründung des Schlußantrages, auf das ernste Drama kein Possenspiel folgen lassen. Wir sind auch der Ansicht, daß der Genosse Hofsmann sich von seinen Vorrednern ungemein unterschieden haben würde, so daß der einheitliche Stil einen mörderischen Riß bekommen hätte, aber wir meinen, ein Parlament dürfe nicht den Grundsatz obwalten lassen, unliebsame Redner ganz und gar mundtot zu machen. Man sollte auch den Schein meiden, als wolle man berechtigte Meinungen unterdrücken. Im vorliegenden Falle haben wegen des unvermittelten Schlusses der Ver- l.andlung einzelne Parteien nicht mehr Stellung zu dem Vorgehen der Regierung nehmen können. Hatte >dres gleichfalls im Wunsche der Konservativen gelegen? In jedem Falle würde es einen vorteilhafteren Eindruck machen, wenn die Mehrheit nicht so unnachsichtlich und willkürlich in Geschäftsordnungssachen ihr Machtwort geltend machen würde. Hoffmann wird nun in „1OO Austrittsckersammlungen" sein Glück versuchen. Diesmal aber wird es der Sozialdemokratie schwerlich gelingen, dem Segelschiffchen des Zukunstsstaates mit dem antichristlichen Winde einen Vorsprung zu verschaffen. Die allgemeine Widerspruchsbewegung gegen den Hirtenbrief ist mit der preußischen parlamentarischen Auseinandersetzung noch nicht zu Ende. Sie wird noch anschwellen, bis die päpstliche Antwort eine klare Sage und Notwendigkeit schafft. .
Dernburgs Rücktritt von seinem Amt als Staatssekretär des Kolonialamts ist, wie amtlich sehr nachdrücklich festgestellt wurde, der Reichsregierung nicht willkommen gewesen. Aber es war fdion seit Jahresfrist Dernburgs Absicht, zu gehen. Seine Gründe hat er selbst der Welt bisher noch nicht anvertraut; da es in Berlin an journalistischen Aus frag er n nicht fehlt, scheint er sich absichtlich in undurchdringliches Schweigen zu hüllen. Herr Dernburg hat sich um die Hebung unserer Kolonien in den vier Jahren seiner Amtstätigkeit reiche Verdienste erworben; unter ihm war es möglich, daß die Visenbahnbauten endlich vorankamen, und er hat den Glücksfund der Diamanten zu einer guten Einnahmequelle für das Reich gemacht. Das Interesse für unsere kolonialen Unternehmungen ist durch seinen regen kaufmännischen Eifer, durch seine unermüdliche, fleißige Arbeit in allen Kreisen geweckt und belebt worden. Selten aber ist ein Mann seiner Art auch so rasch gestiegen und für seine Verdienste so reich gelohnt worden. Die Exzellenz ist in den vier Jahren bis dicht an den Schwarzen Adlerorden herangekommen. Wir hoffen, daß Dernburg sein bedeutendes Können dem
Reiche in der Zukunft noch dienstbar machen wird. Mer- dings sind der Staffeln, die er noch erklimmen töttniie, nicht mehr viele, denn Reichskanzler wird er wohl selbst nicht werden wollen. Sein Nachfolger im Kolonialamt, Herr v. Lindcquist, ist ein bewährter Kenner der Kolonien, auf den man wohl die Hoffnung setzen darf, daß er das Erbe Dernburgs bewahren und einer guten Zukunft entgegen führenwerde.__
Die wiener Politik und die Kretafragc.
Man wird allmählich schon daran gewöhnt, daß man in Wien auch für das Deutsche Reich das Wort ergreift. So liegt heute in Wien wieder eine offenbar amtlickie Zeitungsnotiz vor, die zur Kretaftage auch die deutschen dLsichten barlegt. £b diese sämtlich formelle Erklärung im Einver- ftäi ins mit dem Berliner auswärtigen Amt erfolgt ist? Die Meldung lautet:
Wien, 10. Juni. Tic „Neue Freie Presse" schreibt: In den letzten Tagen ist wiederholt das Gerücht aufgetaucht, txift Oesterreich-Ungarn und Deutschland sich an den Be - sprechungen der Schutzmachte über die dcchnitive Lösung der Kreta frage beteiligen werden und bereits Vorschläge wuenä der Schutzmächte an die beiden Kabinette ergangen seren. Die Meldungen entsprechen nicht den Tatsachen. — Weder in Wien noch in Berlin besteht die Absicht, von der fett der Zurückziehung der österreichisch-ungarischen und deutschen Truppenkontingente beobachteten reservierten Haltung abmgehen. Oesterreich-Ungarn rote Deutschland werden nach rote vor unbeteiligte Zuseher bleiben und die Ordnung der Kreta-Angelegenheit den vier Sckstrtzmächten überlassen.
Im übrigen werden von den Schutzmüchten die Verhandlungen wiederum hinausgeschleppt. Wie das Reutersche Bureau erfährt, „haben die Konsuln der Schutzmächte der lretischen Regierung die letztegemeinsame Note über- reicht, welche besagt, daß, wenn die kretische Rcgrerung den muselmanischen Deputierten nicht gestattet, an der, Arbeiten der Nationalversammlung teilzunehmen, wenn diese zusammentritt, die Mächte biejentacit aktiven Maßnahmen ergreifen würden, die die Lage erfordert."
Die „letzte gemeinsame Note^'? Wir glauben nicht daran. Ter Boykott griechischer Waren in der Türkei kann schon bald wieder ein polittsches Eingreifen zur Folge haben. Wir erhielten noch folgende Meldungen:
Konstantinopel, 10. Juni Blätermeldungen zufolge nahm der Boykott in Smyrna sehr heftige For- m e n an. Mohammedanische Kreter durchzogen die Straßen unc> erzwangen die Sperrung der griechischen Läden. Ter Dolmetscher des griechtjchen Kovsulots fonnte nur durch das Einschreiten ber Behörden oor Mißhandlungen geschützt werden. Sie Leichterschifser, Lastträger und Karenenführer in Konstantinopel schlossen sich dem Boykott an. Die jungtürkische Partei beschloß, in den Provinzen eine Kundmachung zu veröfsend- lichen, daß Kreta Griechenland nicht annektieren und die Re^ gierung ihre Pflicht erfüllen werde.
Wie verlautet, wird infolge der Wendung der kretischen Frage in der Partei der Jungtürken bic gemäßigte Haltung de s Gro ßwesiers abiällig beurteilt und sogar von einigen Ministern entschiedeneres Auftreten verlangt. Tos Gerücht jedoch, daß der Großwesir demissioniert habe, und btc Bildung des Kabinetts Hilmi Pascha angeboten worden sei, wird von beiden Staatsmännern für unbegründet erklärt.


