Jturic Mittel und Wege finden werde, die geeignet sind, die aus der Veröffentlichung der Enzyklika sich ergebenden Schäden zu beseitigen. (Lebhaftes Bravo!) Diese Erwartung ist um so berechtigter, als die Kurie nach der gestern im „Osservatore Romano" veröffentlichten Mitteilung nicht im entferntesten die Absicht gehabt hat (Heiterkeit links), die Nichtkatholiken in Deutschland sowie ihre Fürsten zu kränken. Der Gesandte hat seinen Auftrag gestern ausgeführt. Eine abschließende Antwort der Kurie ist noch nicht erfolgt, hat bei der .Kürze der Zeit auch noch nicht erfolgen können. Bei diesem Stande der Angelegenheit muß ich mich heute weiterer Erklärungen enthalten. (Lachen links.) Es schien Mir aber notwNidig, die Interpellationen schon jetzt zu beantworten, weil angesichts der Beunruhigung, die sich im ganzen Lande bemerkbar macht, das Verlangen berechtigt ist, ohne Verzug über die Stellung der königlichen Staatsregierung unterrichtet zu werden. Das hohe Haus wolle aus meiner Erklärung entnehmen, daß die königliche Staatsrcgierung im allgemeinen staatlichen Interesse entschlossen ist, das ihrige zu tun, um den konfessionellen Frieden im Lande zu wahren und zu schützen. (Lebhafter Beifall.)
Abg. v. Pappen heim (Kons.): Ich beantrage die Besprechung der Interpellationen.
Die Besprechung wird gegen die Stimmen des Zentrums und der Polen beschlossen.
Abg. Herold (Ztr.»: Namens meiner politischen Freunde gebe ich die nachfolgende Erklärung ab: Die Zentrumsfraktton lehnt es ab, über eine Kundgebung des Oberhauptes der katholischen Kirche, .welche kirchliche Angelegenheiten behandelt (Ge- lächter links), ein «Urteil abzugebcn, und auf dem politischen Boden des Abgeordnetenhauses in eine Diskussion einzutrcten. Indem wir uns einer Beteiligung an der Besprechung enthalten, sprechen wir zugleich die Hoffnung aus, daß die Beziehungen der Katholiken zu ihren evangelischen Mitbürgern nicht leiden werden. Wir unsererseits werden getreu unserer Tradition und unserer bisherigen Haltung nach besten Kräften stets bemüht sein, den konfessionellen Frieden zu wahren und in jeder Weise zu fördern. Daher werden wir uns auch an der Debatte nicht beteiligen.
Abg. v. Iazdzcwski (Pole): Ich schließe mich dieser Erklärung vollkommen an.
Abg. Gvßling .(Vp.): Wir stimmen mit den übrigen Parteien darin überein, daß die Enzyklika schwere Beschimpfungen der protestantischen Bevölkerung und des preußischen Königs enthält. Wir weisen sie zurück, weil sic den konfessionellen Frieden stören müssen, weil der Streit
auch auf .das politische Gebiet Tftnübersvielt. Darum verstehen wir die Haltung des Zentrums licht. Warum will der Ministerpräsident die Sache so hin- ','tellen, als ob der Papst sich der Wirkung seiner Tat nicht bewußt gewesen ist? Dazu schätze ich die Klugheit des päpstlichen Stuhles zu hoch. Wir mischen uns nicht in kirchliche Angelegenheiten, weil wir der Ansicht sind, daß politische Parteien konfessionslos sein sollen. Darum sind wir um so mehr berechtigt, Protest dagegen einzulegen, daß der Papst cs gewagt hat, in dieser Weise das preußische Volk zu beschimpfen. (Beifall.» Auch das Strafgesetzbuch ahndet ja die Beschimpfung von Religionsgemeinschaften. Der Redner verliest einige Stellen der Enzyklika, in denen 11. a. behauptet wirdx. daß die Reformatoren die eigentlichen Urheber der sozialdemokratischen Bewegung sind. (Heiterkeit.) Ueberall im Lande regt sich die Erbitterung gegen das päpstliche Vorgehen. Sogar streng katholische Kreise mißbilligen ;e5. Eifrige Katholiken haben, nach der „Kölnischen Zeitung", dringend gefordert, daß die deutschen Regierungen sich die Schimpfereien des Papstes energisch verbitten. (Beifall.) Man muß Mich berücksichttgen,
daß der Pap st als unfehlbar gilt, daß seine Worte also wie ein elektrischer Funke in die Reihen •ber Gläubigen cindringen Es ist falsch, zu behaupten, die katholische Kirche wäre gereizt worden. Der Evangelische Bund ckonn doch nicht als gleichwertiger Konkurrent des infalliblen «Pontifex gelten. Hat dieser Anlaß gehabt, sich über den Träger Der Krone zu beschweren? Unser König hat stets eine große Toleranz an den Tag gelegt.
Präsident v. Kröchcr bittet, die Person des Königs nicht ■in die Debatte zu ziehen.
Abg. Gvßling: Der König als summus cpiscopus spielt doch zweifellos eine große Rolle in dieser Debatte. (Sehr wahr! links.) Natürlich wird der Papst alles tun, um seine Autorität dei den Katholiken nicht zu schädigen. Wir verlangen aber Zurücknahme der Beschimpfungen. Von dem Vorgehen unseres Gesandten beim Vatikan hoffen wir nicht viel. Wir erwarten, daß die Regierung die nötige Kraft zeigt, um eine Sühne für diese Schmähungen zu erlangen. Wird aber die Regierung diese Energie gegenüber einer so großen Macht wie Rom haben? Dieselbe Regierung, die eben auf politischem Gebiete versagt hat? Und meinen auch alle Parteien es aufrichtig? Die Konservativen haben sicherlich nur scharfe Töne gefunden, weil ihre bisherigen' protestantischen Anhänger von ihnen abrücken wegen des Bundes mit dem Zentrum. (Großes ..Gelächter rechts.) Sic haben
Angst vor den Wahlen.
Es wird Ihnen schwül zu Mute. (Gelächter rechts, große «Unruhe, Hoffmann .(Soz.i ruft: Der Leutnant kommt! Heiterkeit.) Die Freundschaft des Zentrums mit den Konservativen M auch bei dieser Frage wieder zutage getreten. (Widerspruch rechts, Beifall links.)
Präsident v. K r ö ch e r teilt mit, daß Schluß der Besprechung beantragt wird von den Abgg. v. Arnim-Züse- fcbom (Kons.) und Dr. Jdcrhoff (Freikons.). (Stürmischer Wider- Spruch links.)
Als nächster Redner ist zum Wort gemeldet der Abg. Hoff- pn ann (Soz.).
Für den Schlußantrag stimmen die beiden Parteien der Rechten. Das Zentrum hat den Saal verlassen: der Schlußantrag hat daher die große Mehrheit. Auch Ministerpräsident v. Bcthmann Hollweg verläßt den Saal.
Abg. Hoffmann (3oj.) zur Geschäftsordnung: Ich kon- .statterc vor dem Lande (Gelächter rechts), daß es mir durch diesen Schlußantrag unmöglich gemacht worden ist, die Ansichten meiner Partei hier zu vertreten. Ich nehme an, daß das nur aus Furcht geschehen ist, weil man Angst davor hatte, daß von unserer Seite über die Beziehung des Zentrums zu deii Klonservativen. gesprochen wird. «(Gelächter rechts.« Ich wollte .den Standpunkt meiner Freunde hier vertreten, der in der Sach-' .ein ganz entschieden anderer ist als der der anderen Redner Sie ließen mich nicht zu Worte kommen, ich verspreche Ihnen dafür 1 00 Anstrittsversammlungen aus der Kirche zu halten. (Heiterkeit, Unruhe.)
Abg. Winkler (Kons.): Wir woUen, daß, wenn in diesem .Hause über religiöse Dinge gesprock>ett wird, es in einer Weise geschieht, die der Würde des Gegenstandes entspricht. «Lebh. Beifall rechts, Lachen der Soz.) Von demjenigen Abgeordneten, welcher jetzt zum Worte gemeldet war, mußten wir nach unseren Erfahrungen gewärtig sein, daß feine Ausführungen — (Zurufe links: Persönlich!«
Präsident v. Kröchcr: Erstens hat er nicht das Wort zu , einer persönlichen Bemerkung und zweitens halte ich das, was er ■ sagt, noch zur Geschäftsordnung für zulässig, unb damit ist die Sache erledigt.
Abg. Winkler (Kons.): Wir mußten nach unseren Erfah- .rungen gewärttg sein, daß die Ausführungen des Abg. Hoff- : irtarni der Würde des Gegenstcurdcs nicht entsprechen ivürdcn
und nicht dem Ernste, von dem unsere Verhandlungen bisher getragen waren. Wir wünschen, daß sie so, wie sie bisher verlaufen sind, ins Land gehen und
nicht mit einem Mißklang enden.
Dadurch rechtfertigt sich unser Schlußantrag. > Unruhe links.)
Abg. .Hoffmann (Soz.): Der Abg. Winkler bat durch die Worte „wir wollen" am besten gekennzeichnet, wie zutreffend meine vorhergehende Bemerkung war. Daß er nebenbei auch noch Spiritist ist und es im voraus wußte, was ich für Ausführungen machen würde, ist mir allerdings neu. Ich wollte öen Standpunkt meiner Partei darlegen, daß wir uns nicht auf das Gebiet des Kulturkampfes locken lassen sollten. ?lngesichts dieser Tatsache ist das, roas Sie ausführen, nichts weiter als eine faule Ausrede, weil Sic fürchten, Ihr Techtelmechtel mit dem Zentrum könnte hier im richtigen Lichte dargestellt werden.
Präsident v. Kröchcr: Der Ausdruck „faule .Ausrede" gegenüber einem Abgeordneten ist doch wohl etwas unfreundlich. (Heiterkeit.)
Abg. Fischbeck (Vp.): Durch den Schluß der Debatte ist es mir unmöglich geworden, im Anschluß an die Ausführungen des Abg. Gvßling über gewisse Beziehungen von Konservativen und Zentrum die Unterstützung, welche die Konservativen gerade in solchen Dingen wie den jetzigen dem Zentrum gewähren, etwas näher zu beleuchten. Es war aber auch gar nicht nötig, weiter darüber zu sprechen, denn die Tatsache, daß nach getroffener Abmachung das Zentrum bei ber Abstimmung über den Schlußantrag den Saal verlassen hat, redet Bände. (Lebh. Zustimmung links.)
Dr. Friedberg (Natt.): ED ist ja eine Sache für sich, ob Herr Winkler aus der angeführten Absicht heraus sich für berechtigt hält, einen Redner mundtot zu machen. Aber wir müssen doch die Rücksicht verlangen, daß unter dieser seiner Absicht nicht die anderen Parteien mit leiden. (Lebh. Zustimmung links.) Wir sind durch den Schluß verhindert worden, durch unseren Vertreter zu der Erklärung des Reichskanzlers Stellung zu nehmen.
Abg. v. Pappcnheim (Kons.) verzichtet aufs Wort. (Aha- Rufe links.)
Graf Praschma (Zentr.) (erneute AHa-Ruse links): Gegcn- über den Ausführungen des Abg. Fischbeck stelle ich lediglich fest, daß wir ausdrücklich erklärt haben, daß wir uns nicht an der Debatte beteiligen wollten. Wir haben daher auch vorher nicht für die Besprechung der Interpellationen gestimmt. Da wir die Kompetenz des Landtages für diesen Gegenstand nicht anerkennen, ist es somit auch ganz natürlich, daß wir bei dem Schlußantrage einfach nicht mitgeftimmt haben. «Lachen links.)
Abg. 'Dr. Lohmann (Natl.): Ich bedauere, durch den Schluß der Debatte verhindert zu sein, Stellung zu «nehmen zu der Erttärung des Ministerpräsidenten, besonders zu ihrem zweiten Teil, ebenso auf die Erklärung des Zentrums ausführlicher einzugehen, daß es verhindert sei, sich an der Debatte zu beteiligen. Das Zentrum ist bekanntlich nicht eine konfessionelle Partei; wie kommt cs also zu solch einet Erklärung? (Sehr gut! links.)
Damit sind die Interpellationen erledigt.
Die Erhöhung der Zivilliste.
Es folgt die zweiso Lesung der Vorlage über die Erhöhung der Zivilliste von 3V? Millionen Mark.
Äbg. Dr. v. Jazdzewski (Pole) erklärt namens seiner politischen Freunde: Es ist uns infolge der Polcnpolitik außerordentlich schwer, der Vorlage zuzusttmmen. Aber aus rein sachlichen Erwägungen sind wir zustimmenden Stellungnahme gelangt.
Äbg. Dr. Friedberg (Natl.): Durch die Kommissions- beratung wollten wir fest stellen, ob nicht Abstriche an der Forderung möglich sind. Wir haben deshalb in der Kommission, eine ganze Reihe von Fragen gestellt, die uns vom« Finanzminister und von den Regicmngs^>mmisfaren in ausführlichster Weise bcant- wlortet worden sind. Wir stimmen der Vorlage zu. (Beifall.)
Abg. Hoffmann (Soz. i: Die Polen haben um gut Wetter gebeten. Na, für Millionen können sie auch schon etwas verlangen. Der Redner geht in aller Breite auf die Sozialpolitik ein.
Finanzministcr Frhr. v. Rheinbaben: Von einer Mißwirtschaft ist keine Rede. Nun sollen wir die Schlösser verkaufen. Vielleicht sind Sie so freundlich, uns ein paar Dutzend abzunehmen. Die Schlösser sind eine schwere Last für die Krone. Sie bemüht sich auch, sie abzustoßen. Aber wer kauft solche Schlösser' wie in Celle und Osnabrück? Und wer übernimmt die Kosten für die Theater wie in Hannover und Kassel. Kommen Sic nicht mit solchen utopistisck>en Anschauungen. Der Finanzminister gibt eine Reihe von statistischen Zahlen, wonach die Durchschirittslöhne der Arbeiter von 620 Mark im Jahre 1889 auf 949 Mark im Jähre 1909 gestiegen sind, sich also um 52 Prozent gehoben haben, und fährt fort: Wenn die Löhne wirklich so unerhört schlecht sind, bann märe, .es ja unerhört, daß Sie f;o hohe Abgaben für die Gewerkschaften erheben! (Zustimmung rechts. Lärm b. d. Soz.) Von 1881 bis 1907 sind die Gewcrkfchaftsbeiträgc von 6,68 Mark auf 27 Mark gestiegen. «Hört, hört! rechts. Lärm b. d. Soz. Abg. Dr. Liebknecht ruft: Was geschieht mit dem Geld?' Damit wird sozialdemokratische Agitation getrieben. (Zuruf b. 'd. Soz.: Unverschämte Behauptung!» Es ist unbestreitbar unb höchst erfreulich, in welchen Maße sich bie (Lage ber arbeitenden Klaffe verbessert hat. Ich möchte nur noch der Behauptung des Vorredners entgegentreten, als ob er hier als Vertreter der preußischen Arbeiterschaft stehe. Nach der Reichsstatistik sind nur 1800 000 Mitglieder in den sozialdemokratischen Gewerkschaften konzentriert, während 19 000 000 in Betracht kommen. Die Sozialdemokraten hatten bei den letzten Wahlen 538 000 Urwählersttmmen zu verzeichnen, während 2 507 000 Urwähler gewählt haben. Sie hatten also nur 23,87 Prozent auf sich vereinigt, während 76,13 Prozent reichstreue Wähler gewesen sind. Tie Gesamtzahl der Urwahlberechtigten stellt sich auf 7 628 000, von denen haben tatsächlich nur 7,29 Prozent für die sozialdemokratischen Kandidaten gestimmt. (Hört, hört! — Zuruf b. b. Soz.: Bei diesem Wahlrecht!) Einstweilen wählen wir doch nach dem Wahlrecht, und vorläufig hat die Sozialdemokratie fein Recht, namens der preußischen Arbeiter zu sprechen (Beifall.)
Abg. Frhr. v. Zedlitz (Freikons.) erklärt die Zustimmung seiner Freunde zu beiden Vorlagen.
Abg. Fischbeck (Vp): Meine Freunde haben sich in ber Kommission von der diotwendigkeit ber Forderung ber Regierung überzeugt und werden für bie Vorlage stimmen.
Abg. Herolb (Zentr.): Wir werden einmütig für die Vorlage stimmen.
Tie Vorlagen werden darauf in zweiter Lesung gegen die Sozialdemokraten angenommen.
Die Vorlagen werden endgültig auch in dritter Lesung angenommen.
*
Wien, 9. Juni. Der Abgeordnete Stransky Edler von Geifenfels (Deutschradikal) brachte gestern eine Anfrage über die Borromäus-Enzyklika ein, in welcher angefragt wird, welche Maßnahmen der Ministerpräsident zu treffen gedenke, um den österreichischen Protestanten gegenüber den Angriffen durch den Papst Genugtuung zu berfdjaffen unb um neue Beleidigungen zu verhüten.
Die Reid)soerfid)erungsorönung.
: : Berlin, 9. Juni.
Der Reichsversicherungsäusschuß setzte die Beratung heute bei § 183 fort. Nach § 186 wird auf seinen Antrag von der Versicherungspflicht befreit, wer erstens auf die Dauer nur zu einem geringen Teile arbeitsfähig ist, solange der vorläufig unterstützungspflichtige Armenverband einverstanden ist, zweitens bet Erkrankung an seinen Arbeitgeber einen Anspruch auf eine den Lerstungen der zuständigen Krankenkasse gleichwertige Unterstützung hat, ioenn der Arbeitgeber die volle Unterstützung aus eigenen Mitteln deckt und seine Leistungsfähigkeit sicher ist. Die Sozialdemokraten bekämpfen diesen Paragraphen.
Der bayerische Bunbesbevollmächtigte bestätigt, daß in Bayern von den Ausnahmebestimmungen selten Gebrauch) gemacht werde, vielleicht aus dem Grunde, weil Bayern einen eigentlichen Großgrundbesitz nicht kenne. Dem schließt sich der würltembergische Regierungsvertreter im allgemeinen an. Beide Herren wollen damit aber die Zweckmäßigkeit der Bestimmung für Preußen nicht in Frage ziehen. Ein freikonservatives Mitglied hält die Zwangsversicherung für Dienstboten nicht für zweckmäßig. Ein konservatives Mitglied erklärt, daß die Ziffer 2 dieses Paragrapl-en für die Stellung seiner Parteifreunde zum ganzen Gesetz von entscheidender Bedeutung sei. Ein nationalliberales Mit-- glied stimmt für die Landwirtschaft der Ausnahmebestimmung zu, wogeaen ein Zentrumsmitglied einer Differenzierung zwischen Landwirtschaft und Gewerbe entschieden ent» gegentritt.
In ber Abstimmung wird zunächst ber Antrag auf Sicherheitsstellung durch den Arbeitgeber gegen die Stimmen der Konservativen, der Neichspartei und der National- liberalen angenommen. Infolgedessen haben diese Parteien an der Ziffer 2 kein Jitterefse mehr und sie wird einstimmig abgelehnt. Infolge dieser Streichung muß and) § 186 gestrichen werden.
§ 189 will Lehrlinge auf Antrag des Arbeitgebers von der Versicherungspflicht befreien. Ein Zentrumsmitglied möchte das auf solche Lehrlinge beschränken, die bei den Eltern Kost und Wohnung haben; dann treffe die Last die Eltern der Kinder. Der Paragraph wird dahin geändert, daß Lehrlinge, die bei ihren Eltern in der Lehre sind, auf Antrag von ber Versicherungspflicht befreit sind.
Weiterberatung Freitag.
Aus Stadt ititö Land.
Gießen, 10. Juni 1910.
** AuS dem Militär-Wochenblatt. Kattrein, Hauptm. a. D., zuletzt im jetzigen Jnfant.-Negt. Prinz Karl (4. Hess.) Nr. 118, die Erlaubnis zum Tragen dec Armee- Uniform erteilt.
""Bei ber LandeSversichernngSanstaltGroßh. Hessen sind im Mai 293 Rentengcsuche (280 Invaliden- und Krankenrentcnanträge, sowie 13 Altersrentenanträge) eingegangen. Unerledigt wurden in den Monat übernommen 344 Rentengesuchc, so daß 637 Gesuche in Bearbeitung standen. Es fanden Erledigung: 195 durch RentenbewiUigung (174 Invaliden-, 12 Kranken- und 9 Alteisrentengesuche); 48 durch Ablehnung, weil unbegründet (45 Invalidenrenten- und 3 Altersrentengesuche), 11 durch andere Weise — Zurücknahme nsw. — (10 Invaliden- und 1 Altersrentengesuch), zusammen 254, so daß 388 Gesuche als unerledigt übernommen werden mußten. Ferner wurden im Mai 321 Anträge auf Beitragserstattung gestellt, und zwar 266 infolge Heirat weiblicher Versicherter (H.), 51 infolge Todes versicherter Personen (T.). und 4 wegen Bezugs von Unfallrente (Ü.). Unerledigt wurden in den genannten Monat übernommen 106 Erstattungsanträge, so baß zu bearbeiten waren 427 Gesuche. Bewilligt wurden 295 Anträge (247 H., 46 T. und 2 U.), abgelehnt wurden 21 Anträge (13 H., 7 T. und 1 U.), Auf andere Art erledigt wurde 1 H.-Erstattungsanspruch. Unerledigt blieben 110 Erstattungsanträge (83 H., 23 T. und 4 II.), die auf den Monat Juni übernommen wurden. — In welchem Umfange die Landes- Versicherungsansialt Großh. Hessen Heilverfahrenskosten für ihre Versicherten übernimmt, ergibt sich aus nachstehenden Erläuterungen: Ende Mai waren in Anstalten 365 versicherte Personen untergebracht.
** 25. Stiftungsfest ber Burschenschaft im A. D. B. Arminia. Man schreibt uns: Die Teilnehmer mit ihren zahlreichen Gästen — bie meisten ber 25 Bundeskorporationen haben Vertreter entsandt — bewegen sich morgen, Samstag, um 6 Uhr in festlichem Zu g vom „Großherzog von Hessen" durch die Stabt zur Liebigshöhe, wo abends der Festkommers ftattfinbet. — Es sei noch einmal darauf aufmerksam gemacht, baß beim heutigen Diskus s i o n s a b e n d auch solche Gäste aus akademischen Kreisen willkommen sind, benen aus irgend einem Grund besondere Einladung nicht hat zugehen können.
* * Exkursion. Unter Führung von Prwatbozenten Dr. Feist sand am Samstag, 4. Juni, eine Exkursion Gießener Studenten zur Besichtigung der Molkerei in Ostheim, der Zuckerfabrik in Friedberg unb der Badeanlagen und ber Wäscherei in Bab-Nau Henn statt. Dank der fachkundigen Führung unb den: Entgegenkommen der Direktionen gestaltete sich die Exkursion außerordentlich interessant und lehrreich und befriedigte alle Teilnehmer aufs höchste.
* • Elektrische und Turnfest. An den drei Tagen des Turnfestes wird die Straßenbahn bis 12 Uhr nachts bis zum SchützenhauS verkehren, unb zwar wiro bis 9x/4 Uhr abenbs 7^2-Minutenverkchr, von 9*/4 bis 12 Uhr */4-stündiger Verkehr vom Bahnhof bis zum SchützenhauS eingerichtet. Die Wagen fahren von O1/^ Uhr ab alle volle Viertelstunden vom Marktplatz zum Schützenhaus, also 930, 945, IO00, 10lf usw. Der letzte Wagen fähtt 1215 nachts vom Schützenhaus ab.
• • In Amerika verstorbene Hessen. Karl Schnarr, 82 Jahre alt, in Newyork; Adam Ehrenfels, 65 Jahre alt, in Jersey City; Dr. Michael Brinkmann, 83 Jahre alt, in Philadelphia; Heinrich Friedrich Tettenborn, 62 Jahre alt, in Cincinnati; Pastor C.A. Thomas, 70 Jahre alt, in Cleveland; Frau Nanni Mahlinger, 83 Jahre alt, in Denver; Peter Bre iden ste i n, 64 Jahre alt, in Grand RapidS; Frau Marie Rau, 62 Jahre alt, in Golden.
--Utphe, 9. Juni. Bei der am 8. Juni hier abge- hältenen Bürgermeisterwuhl wurde ber seitherige Bürgermeister Schn eiber einstimmig wiedergewählt.
R,. Bob en Hausen II, 8. Juni. Zu dem hier und Umgegend viel besprochenen Todesfall des früheren Rechners Rudolf Weitzel sei noch zu benierken, daß sich bei einer gerichtlichen Untersuchung seiner Schriftlichkeiten ein Schriftstück vorfand mit der Aufschrift: „Mein letzter Wille, gerichtlich zu öffnen”. In dem von ihm selbst geschriebenen Testament wurden mit einer nennenswerten Summe seine hiesigen Verwandten, sowie einige ihm sehr nahestehenden Freunde bedacht. Ferner der hiesige Kriegerverein mit 1000 Mk., unsere Gemeinde mit 8000 Mk.; auch verschiedenen Stiftungen hatte der Verstorbene einen größeren Betrag vermacht. — Vom 1. Juli ab wird unsere neu errichtete Prioatpost verkehren.


