Mittwoch ik. März 1910
160. Jahrgang
Zweites Blatt
Nr. 57
Gießener Anzeiger
Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntags.
General-Anzeiger für Sberhejsen
Rotationsdruck und Verlag der Drühl'schen Unwersiräts - Buch- und StembrudeteL R. Lange. Gießen.
Die „Gießener Zamiliendlätter" werden dem „Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, daS „Lreirblatt fir den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen 3etb fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schulstraße 7. Expedrtron und Verlag: 5L
Redaktion: ^^112. Tel.-AdruAnzeigerGießen.
hessische Zweite Kammer.
(Fortsetzung aus dem 3. Statt)
Darmstadt, 8. März.
Nachmittags-Sitzung.
Vizepräsident Korell eröffnet die Sitzung um 3* */4 Uhr.
Es wird in der Beratung des Etats des Ministeriums des Innern fortgefahren. Die persönlichen Ausgaben von 274 020 und die sachlichen Ausgaben von 24 000 Mk. werden genehmigt.
Der Allgemeine Fonds für Vertretungs- und Aushilfekosten verzeichnet in Einnahme 1000 Mk., tn Ausgabe 75 000 Mk. hierzu hat Abg. Lutz einen. Antrag eingebracht, die Ausgaben, soweit jie Tagegelder betreffen, dahin zu ändern, daß eine Dienstaus- wandsentschädigung gewährt wird und die Aushilfekosten möglichst beschrankt ivcrben. Er zieht jedoch den Antrag nach kurzer Aussprache zurück, nachdem auch Abg. Dr. Schmitt und die Minister Dr. Ewald und Dr. Braun sich dagegen ausgesprochen haben.
DaS Kapitel Regierungs- und Reichsgesetzblatt, Deutsches Fahndungsblatt, erfordert in Ausgabe 9650 Mk.; die Porto-, Telegraphen- und Fernsprechgebühren betragen 142 400 Mk. und die Forderungen für Hausverwaltung 12 470 Mk. für das südliche Kanzleigebäude und 4'>00 Mk. für das Hessische Hans. Die Summen werden den Ansschußanträgen gemäß genehmigt.
3um .stapitel Porto usw. erwähnte die Regierung, daß sie auf möglichste Sparsamkeit bedacht sei.
Beim Z e n t c a l b a u w e s e n erfordern die laufenden Unter- staltiingen 203 000 Mk., die allgemeinen Verwaltungskosten 4600 Mark; beiden Beträgen stimmt das Haus zu, ebenso den Forderungen für Neubauten und größere Herstellungen. Im Anschluß an den Antrag Best, die Reparaturkosten für das Lehrerseminar zu Friedberg aus dem allgemeinen Fonds für Verwaltungszwecke zu entnehmen, entspinnt sich eine kleine Aussprache, die mit der Annahme des Ausschußantrages endigt. Der Antrag Best ist damit erledigt.
Für nichtstaatliche Bausachen werden 4000 Mk. gutgeheißen.
Bei Kapitel 30,
Prov nstaldirektionen und Kreisämter beantragt der Ausschuß Bewilligung der Einnahme mit 315 640 Mark und der Ausgabe mit 950 465 Mk., statt der angeforderten Summe von 962 340 Mk.; ferner Bewilligung von vier Stellen der Kreisamtmänner auf beit Inhaber.
Abg. Dr. Osann Mail.) führt zur Position Polizei aus, die Polizei habe die Verpflichtung, für Unglücksfälle vorbeugend zu wirken. Ties sei nicht der Fall gewesen, z. B. bei dem Unglücksfall an bei Schleuse in Dffenbach, und auch nicht an der Kreuzung der Griesheimer Chaussee mit der Straßenbahn, wo trotz des schrecklichen Automobilunglücks keine Warnungstafel angebracht worden sei.
Finanzminister Dr. Braun führt aus, daß diese beiden Fälle von dem Finanzministerium zu behandeln seien. Er bittet, falls noch weitere derartige Vorkommnisse zur Sprache kommen sollten, ihm dies vorher mitzuteilen.
Ministerialrat Süsse r t schildert das Unglück an der Griesheimer Chaussee und die Begleitumstände beim Unglück. Die Schuld freffe allein den Chauffeur, der mit mehr als Schnell- zuasgeschwindigkeit gefahren fei. Wie ein Sachverständiger ge- äußerl habe, seien die örtlichen Verhältnisse nicht derart, daß unbedingt eine Warnungstafel angebracht werden müsse. Wir haben trotzdem angeregt, eine Tafel anzubringen; Polizeigewolt haben wir hier nicht.
Abg. Ulrich Soz.): Die Gefahr droht bei dem Rasen der AuwS der Allgemeinheit. Hier habe die Polizei einzugreifen Tas Offenbacher Unglück wäre bei einiger Sorgfalt seitens des dazu berufenen Schleusenpersonals nicht passiert. Der Redner begreift nicht, daß derartig gefährliche Stellen so leicht zugänglich sind. Tie Regierung soll auf der ganzen Strecke die Zugänglichkeit erschweren.
Abg. Dr. £ sann Mall.) schließt sich den Ausführungen des Vorredners an. Warum kann man nicht in einer Entfernung von etwa 100 Meter eine Warnungstafel anbringen? An der Kreuzung ber Bahn mit der Griesheimer Chaussee seien schon manche Automobile in Gefahr gewesen.
Abg. B üch n i. r Matl.) beschwert sich darüber, baß bei An bringen solcher Schilder ein w langer Instanzenweg nötig ist. Er tritt für Anbringung eines! Schildes ein.
Abg. Lutz Bb. ersucht die Regierung, die Kreisämter anzuweisen, daß die Beamten mehr darauf achten sollten, daß die Autos nicht mit außergewöhnlicher Geschwindigkeit fahren. Das wäre besser, als wenn die Polizei auf Bauern gehetzt werde, die einmal eine Hecke abbrennen.
Ministerialrat Süffert: Die Behörden sind an die Bestimmungen gebunden, nach denen die Warnungen 4—5 Meter
Zönanzminister Dr. Braun möchte die Meinung deS Hauses hören zu seinen Vorschlägen, zu sparen. So soll bei der Heizung furch andere Regelung d s Bezugs der Materialien geipatt iu-erben, besonders bei den Instituten, die eine mehr zentrale Bedeutung haben. Diese erfordern ca. 500 000 Mk., die lokalen Institute 25U 000 Mk. M a n konnte durch Bezug der Kohlen d j n einer Zeche 50 — 70000 Mk. ibarem .(Hört! hort!) Allerdings würde man hierdurch den stürmischen Widerspruch der Kohlenhändler heraus ordern, was nicht zu ticr.ennen märe, axt ter Redner die Verantwortung gemeinsam getragen lochen möchte, fragt er, wie das Haus dazu denkt. .
Abg. Reinhart (natl.i meint, man könne in einer,io wichtigen 3rage jetzt noch nicht entscheiden. Tas kausmonnoche Verfahren sei, rücksichtslos bei ber billigsten Omi le zu laufen., xxr Staat konnte seinen Be ug in den einzelnen Städten zentral gieren. Eine des. n st rc. Entscheidung solle man sich noch Vorbehalten.
Finan -.Minister Dr. Braun stimmt dem Vorschläge des Abg. Reinhart zu, die Sache zum Gegenstand einer besonderen V er Hand» lung 511 machen. . .
Abg. Uebel (Zentr.) fragt, wie sich bie Regierimg zu öentf Gedanken stellt. „
Zinam Minister Tr. Braun entgegnet, bar das ein toebtntte' sei, der. lediglich ihn bewogen habe. Ein Benehmen zwischen bau einzelnen Ressorts habe nvch nicht stattgefunden. __
Abg. Bähr (w ld beantragt, die derzeit.ge von Pros. Brenner in Gießen besetzte Professur nur auf den Inhaber zu bewilligen.,
Ter Ausschußantrag wird genehmigt, ber Antrag Bähr wird mit Mehrheit abgelehnt.
Zu Kap. Technische Hochschule wird der AuS.chutzantrag, die Einnahme mit 317 423 Mk. und die Ausgabe mll 752 843 Mk. zu betoiUigen, angenommen.
Bei Kapitel 38,
Gymuasiea, Realgymnasien, Ober-Real- und Realschulen sowie pädagogische Seminarien
beantragt der Ausschuß,: a) die Einnahmen mit 1966 713 Mk., b) die Ausgaben mit 2 975 585 Mk. zu bewilligen, c) die R^ gierung zu ersuchm, demnächst dem Landtag einen Gesetzentwurf rorzulegen, ber die Beitragspflicht ber Gemeinden zu den Kosten der höheren Schulen einheitlich auf gleicher Grundlage regelt.
Hierzu sagt der Ausschußbericht„Wiederum we in früheren? Jahren wurde auch diesmal die Frage der Gleichstellung der tzöheren Lehranstalten in Bezug auf die Leistungen der Städte er- örtert. Allgemein war im Ausschüsse die lieber Beugung, daß an» gesichts der verändertet Verhältnisse und namentlich im 5Iinblrck auf die in letzterer Zeit erfolgte Gleichberechtigmm der höheren^ Schulen eine grundsätzliche Aendernng in Bezug auf die Beitvags- r.licht ber Städte bei den Gstmnw en nicht mehr hinausnisch.eben sei. Eine dicsbezüglcho EntschließMtg wird vom Ausschüsse dem Plenum zur Annahme empfohlen."
Abg. Best (natl. > spricht für die Streichung der Obersekund<r> bei den Realgymnasien. Viele Stellen fönnten in ben höheren Schulen' von Richtakademikem versehen werben. Durch Vermeh-- rung ber Pflicht stunden der Oberlehrer um nur eine würden 100 000 Mk. gespart.
Abg. Pennrich (Zentr.. verbreitet sich über die Beitrags^ pflicht der Gemeinden zu ben höheren Schulen. Eine schablonisie- tung dürfe hier nicht vorgenomanen werden, man müsse die örtlichen Verhältnisse berücksichtiget:. Für viele kleine Gemeinden bebaute ber Beitrag einen finanziellen Ruin. Bei Einführung einer Gleichstellung aller höheren Schulen würde sich b c Regierung vor Desiderien nach Errichtung solcher Anstalten nicht erwehren können. _ .
Abg. Lang (natl.. führt aus, baß die Erhöhung des Zuschusses Michelstadts zu ber Realschule zu hoch sei.
Abg. Molt Han (Zentr.. spricht gegen Aufhebung des Ghm- nasiums in Laubach und überhaupt ber ländlichen Schulen. Man solle die Frequenz mehr auf bas Land uberzusühren suchen. Der Redner verbreitet sich bann noch in längeren Ausführungen scher: die Gleichstellung der höheren Schulen.
Abg. Hebel (Zentr.s: Wenn auch die Arbeitskraft aus voll» bezahlten Staatsbeamten voll in Anspruch genommen werden soll, könne man hier doch nicht nach Schema F verfahren Ein Lehrer, ber erfolgreich Unterricht führen wolle, müsse sich, auch nach jahrelanger Praxis, vorbereiten. Tiefe Zeit werbe nie berücksichtigt. Von allen Staatsbeamten seien es die Lehrer, eie in ver- bültn smäßig frühen Jahren um Pensionierung ein kommen müßten. Bei Klassen mit wenigen Schülern gehe das Charakteristische des Klassenunterrichts verloren.
Abg. Dr. Weber .Bb.) tritt u. a. dafür ein, daß man diö Pensionäre in ben Städten veranlaßt, auf bas Land zu ziehen; hierdurch könne die'Errichtung von Parallelklassen in ben Slädtenj
von der gefährlichen Stelle anzubringen sind. Jedoch steht nichts im Wege, baß von privater Seite ein Schild angebracht wird, vielleicht vom Automobilklub.
Abg. Tr. Osann fnatL) widerspricht dem.
Ministerialrat Süss er t erklärt. Die Regierung sei wegen Anbringung einer Warnungstafel mit ber Süddeutschen Eisenbahn in Verhanblung getreten.
Minister des Innern v. Hombergk wendet sich gegen den Antrag ber Bewilligung non vier Stellen der Kreisamtmänner auf den Inhaber, wodurch der Regierung die Hände gebunden würden. Die Regierung habe sich schwer dazu entjchle .n, die Amtmänner in der jetzigen Zahl anzuitelien. Die Aufhebung ber Stellen wäre mit solchen Schwierigkeiten Derbunben, daß Jahre barüber hingehen.
Abg. Molthan «Zentr.'i Ter Antrag bezweckt eine Markierung ber Sparsamkeit. Die Regierung sollte sich mit dem Vorschläge des Ausschusses zufrieden geben.
Die Ausschußanträge werden angenommen.
Es folgt May. 31, Gendarmerie. Ter Ausschuß beantragt Bewilligung der Einnahme mit 1770 Mk., Bewilligung der Ausgabe mit 603 680 Mk.
Abg. Ulrich beantragt Streichung ber Summe von 24 270 Mk. für die Gendarmerie-Offiziere Mw. resp. Bewilligung auf Inhaber. _ . „
Abg. Ulrich ^Soz.) bittet, die Streichung vorzunehmen, durch die sich die Funktivn der Gendarmerie lediglich auf den ihr zu- kommenden Sicherheitsdienst beschränken werde. Bon dem militärischen Charakter könne man sie entkleiden.
Abg. Bähr (luilb) stimmt dem zu.
Abg. Tr. Osann (natl.) beantragt, daß eine Kommandeurstelle nur auf ben Inhaber bewilligt werde.
Minister des Innern v. Hombergk betont, daß die Regierung an der militärischen Organisation der Gendarmen festhalten werde, die auch durch die Militärkonvention mit Preußen feftgelegt fei
Abg Senßfelder (Bb.) spricht für Abschaffung aller Kommandeurstellen, bezw. den Antrag Osann und Abschaffung der Pferde, die durch Fahrräder zu ersetzen seien.
Geheimerat Best: Nur in der militärischen Organisation sehe er die Gewähr für eine fortdauernde Tüchtigkeit des Korps) und Ersatz durch gediente Unteroffiziere. Die Kommandeure seien unentbehrlich, besonders für die Verwaltung der ihnen übertragenen Kassen. Auch die Pferde seien unentbehrlich. Fahrräder könnten nicht immer im Dienst benutzt werden, besonders bei schwierigen Verfolgungen. Ferner sei im Mobilmochungsfalle die Gendarmerie durch die Militärkonvention gezwungen, 13 berittene Gendarmen zu stellen.
Abg. Ulrich (Soz.): Alle Ausführungen ändern nichts an ber Tatsache, daß der „militärische Klimbim" unnötig*ist. ^Die er sei ein Hemmschuh' ber Organisation, soweit es sich um den Sicherheitsdienst handele. Dem Antrag Osann stimmt er zu.
Abg. Korell Bb.) tritt Dafür ein, den Gendarmen einen Hund beizugeben; hierdurch könne die Zahl ber Gendarmen eine beschränkte bleiben.
Abg. Bähr iroilb; schließt sich ben Ausführungen des Abg. Ulrich an. Entgegen dem Abg. Osann will er zwei Gendarmerie kommanbeure nur auf den Inhaber bewilligen.
Abg. Tr. Osann (natl.i zieht seinen Antrag zurück, ben Abg. Ulrich von neuem embringl, um etwas Greifbares in Händen -zu haben.
Abg. Se n ßfal'de r (Bb.i spricht für Abschaffung aller Pferde, nur der Oberwach llneister solle daS feine behalten.
Geheimrat Be st ist int Interesse der einheitlichen Leitung der Gendarmerie für die Beibehaltung der Kommandeure. Ohne Schädigung des Dienstes' fei eine Beseitigung ber Stellen nicht möglich.
Abg. Bähr mud- ist der Ansicht, daß die Stellen nur Sinekuren für verabschiedete Offiziere sind.
In der folgenden Abstimmung werden die Einnahmen und Ausgaben bewilligt. Ter erste Antrag Ulrich wird abgelehnt, dagegen sein Antrag, beide Tistriklskommandeurstellen auf die Inhaber zu bewilligen, angenommen. Der Antrag Senßfelder wird abgelehnt.
Zum Kapitel Pol izei werden in Ausgabe 128 692 Mk., Po- lizeikassen 173 610 Mk., Arbeitshaus Dieburg 69 471 Mk., in Einnahme 28 940 Mk., nach den Ausschußanträgen bewilligt.
Zum Kapitel Kirchen beantragt ber Ausschuß gegen eine Stimme Bewilligung der 9lu5gabe mit 483 221 Mk. Auch hier stimmt das Haus zu.
Bei Kap. 36,
Landesuniversital,
beantragt der Ausschuß: Bewilligung der Einnahme mit 557150 Mark, Bewilligung der Augsabo mit 1599 482 Mk.
Au§ der Geschichte des Vasserzollr.
Die jetzt so lebhaft umstrittene Einführung von Schiffahicks- abgaben auf deutschen Strömen ruft die Erinnerung an wirkliche Zollplackereien wach, denen unsere biederen Vorfahren nicht nur beim Reifen zu Lande, sondern auch zu Wasser ausgesetzt waren. Fürsten, Grafen, Freiherren, Aebte, Städte und Städtchen hatten die Wasserwege mit Zoll stak im en geradezu verbarrikadiert und durch Verpachtung der Zölle die Reisenden unb Handelsleute ber Ausbeutung seitens der Pächter überliefert. Jitnnbc von folchen Plackereien gibt Albrecht Dürer in seinem Tagebuche von der Reise nach ben Nieder landen. Er war am 12. Juli 1520 mit seinem Weibe von Nürnberg auf geb rochen und wandte sich zunächst nach Bamlwrg, wo er das Glück hatte, von' dessen Bischof, dem fein finnigen Georg III., Schenk von Limburg, einen Zollbrief, der von den Z eHabgaben befreite, zu erhalten. „Also 'für ich von Bamberg gen Eltman unb zeiget," schreibt Dürer mit einem gewissen Wohlbehagen ins Tagebuch, „mein zollbriesf, do ließ man mich zollfre» nrhren." Auf bei Fahrt von Bamberg zu Schiss den Ni a in hinab bis Frankfurt, weiter bis Köln mußte er den Zollbrief an nickt weniger als 39 Zollstationen vorweisen. Ueberdies wollten am Rhein einige Zöllner den '-Bamberger Zollbrief urückweiseu unb nur einen „Lebigbrief" ihres eigenen Landesherrn respektieren. Der Zöllner in Ehrenfels war besonders scharf' er nahm Dürer zwei Florin in Gold ab, all'«- dings unter Zusage der Rückgabe, falls der Ledigbries innerhalb zweier Monate beigebracht würde. Denen in Bacharach und Kaub wußte Dürer fiel1 ichristlich verpflichten, den Zoll, wenn sie den Ledigbrief nach zw'i Monaten nicht erhalten hätten, nachträglich iu entlief.ten. In Boppard „an der Kricrischen zoll" ging es etwos glinwjlicL.r ab; „allin," heißt cs im Tagebuch, „ich must an* zeugen mit ein schrifftte. unter meinem signet, das ich nit_g pteine kauffmannswahr führet." Auch die Zöllner in Lahnsteil und Engers machten anfangs Schwierigkeiten, wurden aber gc> Tägiger, als Dürer wer sprach, sie seinem gnädigsten Herrn von Main- und dem von Bamberg „rühmen" zu wollen. Genug, der Meister mag froh gewesen fein, als er ben Zollplackereien entronnen und am 2. August glücklich in Antwerpen angefommen war.
. In der Folgezeit erhöhten sich noch die Zollplackereien. Die vielen unb 'hohen Zolle auf den Strömen wurden wesentlich Damit «gründet, daß die Unterhaltung der Fahrrinne und der Ufer- schutz große Summen verschlinge. Ter Haurtg-rnnd lag aber an per Geldsucht ter großen unb kleinen Land.sirren, bereit Luxus ms Maßlose gestiegen war. Am tollsten waren ine Zollplackereien
auf der Elbe. Von dem böhmischen Rongstock, wo damals die Elb schiff ah rt begann, bis Glückstadt hatten Die Schiffe 43 Zollstellen zu passieren. Au manchen Stellen, wie in Außig und Lenzen, waren zwei Zölle und in Magdeburgs sogar vier, hier au kaS Fährenamt, den Rat, die Mühlenvogtei und die Lizenzbehörde, 'n entrichten. Fast an allen Zollstellen mußte man trotz der Schwierigkeit des Landens anlegen unb längere Zeit^still liegen, nicht allein um den Zollzettel der vorhergehenden .Station vor- iilegen, ben Zoll zu zahlen und ünen neuen Zollzetiel in Empfang 'n nehmen, sondern auch, um sich einer gründlichen Visitation, oft mittels eiserner Stangen, untergeben zu lassen. Zu alledem tarn die Belästigung mit der Stapelgerech-tigkeit. PGna in Chur- iachfen konnte kraft eines ihm 1222, verliehenen Stapelzwanges jedes mit Waren bdladene Schiff „drei Sonnenschein", d. h. drei Tage, zurückhallen, iv-obei den Bürgern d-rs Recht zustand, von Den Waren des Schiffes „zu ihrer Nothdurfft" zu kaufen, i Dresden und Magdeburg besaßen dasselbe stapelrecht. Vorzugsweise würden die Getreideschiffe „Drei Sonnenschein" zurückgehalten, um so ben Bürgern den Vortaui recht bequem zu ermöglichen. „Am wenigsten engherzig war Hamburg, wie denn auch," schreibt Mar- verger im Jahre 1710, „die an sich selbst gelinden Hamburger Zölle schon eine Mara ne find, daß diese kluge Revublie ihren Commcrciis mehr zuträglich halte, die Wasserfahrt nach ihrer Stabt durch mehrere Auflagen nicht noch diffiziler zu machen, als solche sich dn-mahlen leider schon befindet. Wobei zu merken. Daß, wann das befchweNich^ Anlegen an das Land ben ben Zoll- Städten und bei manchen Die langsame Expedition nicht juäre, ■ manches Schiff von Dresden aus bis Hamburg wohl in acht Tagen seine Reife würde vollführen können, wozu es jetzt vier Wochen gebraucht. Daß. eben diese Ursachen, der hohen Zölle wegen, schon manche Waare wohlfeiler zu Land als zu Wasser von Hamburg nach Dresden kann geschafft werben." O. K.
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-h. Die Unnatur des Theaters. Vor einigen Tagen sah ich im „Salonblatt" das Lichtbild eines zeitge- nösfischen Bühnenbildes unb es fiel mir dabei unangenehm auf, daß das ganze Bild, die .Haltung der Darsteller, ihr Gejichtsausdruck, ihre Maske, so schreiend unecht arssahen — als ob sie alles Lebens entkleidet wären. Ueber dieselbe Beobachtung finde ich folgende Zeilen in dem von Peter Rosegger herausAegebenen Heimgarten unter der l obenstehenden Ueberschrift: Die Unnatur des Sweaters ist I am besten zu ersehen, wenn mau eine theatralische Szene
photographiert. Solche Bilder hat man in unseren ifliu strierten Blättern oft genug Gelegenheit zu sehen, iülait erkennt auf den ersten Blick, daß das Bild weder aus den Natur schöpfte, noch etwa ein Kunstgemälde roiebergibt Es ist nicht Natur unb nicht Bilbkunst — es ist Theaterr-» szene, deren Gruppierung, Kostümierung, Schminke und Schauspielergesichter trotz aller Regisseurkünste nicht zu verwischen sind. Unb merkwürbigl Unmittelbar, wenn man hn Theater sitzt, kann bie Bühne täuschen, so baß gute theatralische Leistungen uns wie Natur anmuten; sobald jedoch das starre Bild (das Bild des Bildes) dazwischen tritt, ist die Theater kn nist entlarvt, man merkt ben absichtlichen Stil, man merkt bie bühnenmäßige Gruppierung, man merkt bie Maske unb bie Schminke. Eine Szene aus bem Leben, ein czutes Gemälbe reprobnZiert, taiui wie Natur unb naive Schönheit anmuten, bas Theaterbilb kann bas nimmer. Je vollenbeter ein Theater an sich fein n>11 i,
es sich von ber Natur entfernen, unb tziegrößten Wi^ langen von Natürlichkeit kann es nur burch bie höchste, Unnatur erreichen — burch bie raffinierte Verstellung, burch die feinste Kunst, durch bie höchste Mnftur. Doch als Bild scheint bie Bühne auch mit ihrer abgefeimtesten Kunst nicht auslommen zu können. Die Photographie ist ein enfant terrible.
~ ie s-prachenverhö 11iiifse auf dem Eisen'-» hol', nkongrcß in Bern. Für den internationalen Eisenbahn- ÜmgreE, der im Juli in Bern tagt, sind 600 Teilnehmer eng» lucher, oOO französischer iiiiö 200 deutscher Zunge angemeldek. Tie Ueberlcgenbeit der englisch Smechenden ist in der Bedeutung
des amerikanischen Eisenbahnnetzes begründet, aber auch in Der •Xatiadjc, daß zahlreiche außereuropäische Bahnverwaltungen ihrem Sitz in London haben, weil Die betreffenden Bahnen mit englischem Gelle erbaut sind. Ti große Zahl französisch Sprew.'nder erklärt sich daraus, daß in dieser Zahl nicht nur alle rvmaniicken Völker eingerecknet sind, sondern überhaupt alle Verwägungen. D-erau 2mache nicht englisch oder deutsch ist, also der Orient, Rußland^ usw Hiernach ist die Bedeutung der deutschen unb öfter«» re ichis chen Bahnen eine weit größere, als es dem ersten Aw- ichein nach der Fall ist.


