Ausgabe 
11.8.1910 Erstes Blatt
 
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zum Freunde erkor. Er sprclte sich al- reicher Mann aut, der in Nizza ein bedeutendes Blumenversan d g e s ch ä f t betrieben und zurzeit nod> 80 000 Mark im Geschäft stehen habe. Nach seinen weiteren Angaben lebte er in den letzten Jahren als R e n t 5 net in Wiesbaden, da es ihm dort nicht mehr gefiel, habe er vorgezogeu, seinen Wohnsitz im goldenen Mainz aufzuschlagen. 'Die Gesellschaft samt dem Hotelbesitzer war von 'ihrem neuen Duzfreund äusserst entzückt und konnten ihn gar nicht genug loben.

Anfangs zahlte der reiche Blumenhändler aus Nizza auch pünktlich und als einmal die Begleichung der Rechnungen aus­blieb, wußte er den Hotelbesitzer sehr geschickt zu vertrösten, und der Gastgeber lies; sich von seinem vornehmen Freunde sehr gerne tröftcu.

Eines Tages, es soll sogar, wie behauptet wurde, ein sehr schöner Tag gewesen sein, äußerte sich derreiche Blumen­händler aus Niz z a", er habe die Absicht, die Petersa u e anzukaufen und sie in einen blühenden Garten, ein förmliches Paradies nmzuwandeln, damit sich das Volk dort lust­wandelnd ergehen könne. Die Stammtischgesellschaft war be­geistert von der idealen Absicht des vornehmen Freundes und be­stärkte ihn in seinem angeblichen Vorhaben. Ein bedeutender Im­mobilienagent knüpfte zwischen den Eigentümern der Petersaue und dem Fremden Verhandlungen an, die bis auf den Abschluß gediehen.

Inzwischen stellte sich Köhler seinen Stammtischfreunden auch als Erfinder vor, indem er seinen Freunden eine Schrot- ftcuerung vorführte, womit die Wirkung erzielt wird, daß bei Abgabe eines Schusses das Schrot nicht mehr in der Höhe, son­dern in der Breite auseinander geht. Tie Schrotsteuerung, die er selbst erfunden haben wollte, wurde auch praktisch erprobt, und fand allseitige Anerkennung. Ter Sektsabrikant war sofort bereit, sich mit Köhler zu vereinigen, um die Erfindung nutz­bringend zu verwerten.

Terreiche" Freund aus Nizza benützte nun die große Freundschaft mit dem Sektfabrikanten, um ihm gegen einen Wechsel 350 Mark abzuknöpfen. Tas Geld gab er einer Frau aus Wörrstadt, deren Mann eine längere Freiheitsstrafe verbüßt und mit der er in einer Bierhalle zarte Bande angeknüpft hatte. Tie junge Frau benützte das Geld, um ihr Haus vor einer Zwangs­versteigerung zu retten. Ter Fabrikant sollte dieKleinigkeit" in einigen Tagen zurückerhalten.

Als ihm das Leben in Mainz einmal langweilig wurde, machte der reiche Blumenhändler eine Fahrt nach Wiesbaden und ward nicht mehr gesehen. Er hatte dort ebenfalls größere Schwindeleien verübt und wurde von der Polizei. verhaftet. Als die Kunde hierher kam, machten der Hotelier und der Sektsabrikant erst lange Gesichter und dann ebenfalls Anzeige. Tem Wirt schuldete der Schwindler noch 225 Mark. Tie anderen Gerupften von der vergnügten Stammtischrunde zogen es vor, ihren Verlust nach wie vor in aller Stille zu tragen und dem Gericht fern! zu bleiben. Sie sahen sich heute ihren Tuzfreund aus NizzaGreiz Zwickau von der Ferne an.

Ter Schwindler, der sich äußerst gewandt verteidigte, wurde zu 10 Monaten Gefängnis verurteilt. Er wird nun eine Rundreise an die Gerichtshöfe in Wiesbaden, Frankfurt, Köln und andere Städte antreten, wo man sehnsüchtig seiner harrt.

Universitäts-Nachrichten.

Privatdozenl Dr. Brie in M a r b n r g hat einen Ruf an die Universität Freiburg angenommen.

Gerichtssnat.

Königsberg i. P., io. 2hig. Tie verantwortlichen Re­dakteure der sozialdemokratischenKönigsberger Volks­zeitung" uubLandbote n", Marckwald und Lind-, ivurden ivegeu Beleidigung der Prinzen des Fönt ge lieben Hanfes, begangen durch einen Leitartikel über die Er­höhung der Zivilliste, 311 vier Monaten bezw. sechs Wochen Ge­fängnis oerurteilt.

Kleine Tageschronik.

Aus Krefeld meldet man: Ein von Homberg kommendes Automobil fuhr in scharfer Fahrt gegen einen Steinhaufen und zertrümmerte. Zwei Insassen wurden tödlich, zwei andere leichter verletzt.

Die Anschuldtgungen gegen den Sohn des Rektors Bock, daß er ebenfalls an den Verfehlungen des Vaters beteiligt sei, erweisen sich nunmehr als grundlos.

Aus Guben wird gemeldet: Der wegen Raubmord zum Tode verurteilte Maler Ä. Wenger aus Forst wurde Mittwoch früh hingerichtet. S. hatte am 27. August 1908 im Walde bei Pförten den früheren Versicherungsagenleir Franke aus Ber­lin erschossen und ilM seiner Barschaft beraubt. Ein Geständnis legte er nicht ab.

Aus Bordeaux wird demTernps" gemeldet: Ter aus Westafrika angekommene PostdampfcrAfrique" bringt die Nach­richt, daß in Aequatorialafrika die Schlafkrank­heit trotz energischer Bekämpfung immer größere Verheerungen anrichtet und in Gebiete eindringt, wo sie bisher unbekannt war.

Wie derKölnischen Zeitung" aus Boston vom 9. ds. Mts. gemeldet wird, brachen dort am Dienstag abend gegen 7 Uhr zwei große Feuersbrünste aus, die eine im Hafen­bezirk von Süd-Boston, die andere im Zentrum der Stadt. Die erste vernichtete die Hobslager und richtete einen Schaden von einer Million Dollars an: auch an 50, meist von Juden und Syriern bewohnte Mietskasernen wurden eingeäschert. Der Feuerherd, der ein Gebiet von einer englischen Quadratmeile umfaßt, wurde durch Dynamitsprengungen eingeschränkt. Aus Städten, die 80 Kilometer weit entfernt liegen, ist Hilfe zur Löschung des Feuers entsandt worden.

QattfccL

Dortmund, 10. Aug. In der heutigen ersten Gläu- bigerversammlungderNiederdeutschenBank konnte der Verwalter des Konkurses überhaupt noch keine Zahlen be­züglich der Höhe der Aktiva und Passiva geben. Tie Lage ist wenig tröstlich. In der Hauptsache erlitt die Bank große Ver­luste bei Spekulationen, so bei G e t r c i d e f p e ku l a t i 0 n c ch über eine Million Mark. Tie Uebernahme alter Bankgeschäfte geschah meistens-nur in der Absicht, die Aktien der Niederdeutschen Bank 'loszuwerden. Tie Einzahlung auf die Aktien ist nie in vollem Umfange erfolgt. Tie Bank hat seit langem die Verluste verheimlicht. Tic Versammlung wählte die bisherigen Konkurs­verwalter Haack- Tortinund und Möller- Hamburg wieder. Sie wählte nach stundenlanger Auseinandersetzung einen Gläu­bigerausschuß, in dem auch der Reichsbank ein Sitz ein- geräumt ist. Von der Reichsbank, gezeichnet Glasenapp, ging folgendes Telegramm ein:Großbanken nach wie vor bereit, kleinen Gläubigern der Niederdeutschen Bank einen Teil ihrer Forderungen möglichst bald auszuzahlen."

London, 10. Aug. WieTally Chronicle" meldet, geht in Newporter Borfenkreisen das Gerücht, daß eilte Gruppe bedeutender Newyorker Kapitalisten einen Plan ausgearbeüct hat zllm Allsbellteu von Erzen unt) Petroleum in K urdi ft a n. Tem Plan stehe Die t ü rkifche Negierung günstig gegenüber. Vertreter der Gruvve werden in nächster Zeit von Newyork nbreden, um Die formelle Konzession zu erlangen. Diese soll über ein Gebiet von 12 009 Meilen zwischen dem Euphrat und Tigris erstreckender B a ll einer Eisenbahn sei geplant, welche mit anderen Mitteln, zur Erschließung 20 Millionen Pfund kosten würde. Tiefe große Stimme sei bereits garantiert.

Littgekairdt.

T j e Haltestellen der Elektrischen.

Gießen, 11. August.

Am Montag den 8. b. Mts., nachmittags, wurden an der Zozelsgasse und der B r a u g a s s e die Haltestellen^ gemäß dem letzten Stadtverordnetenbeschluß errichtet. Nach ca. 24 Stunden aber wurden die betreffenden Schilber zur allgemeinen Ver­blüffung wieder entfernt und es wurde an diesen Punkten auch nicht mehr gehalten, sondern es galten jetzt wieder die früheren Haltestellen Lindenplatz und Asterweg. Seit Mittwoch morgen 10 Uhr aber halten die Wagen der Elektrischen wieder an der Zozelsgasse und B r a u g a s s e, ohne daß ein Schild dem Publikum bedeutet, daß hier die richtigen Haltestellen sind. Ein jeder fragt sich ob dieser fortwährendenAenderungen": woran ist man denn eigentlich ? Es geht doch nicht an, daß ein einmal seitens der Stadtverordneten gefaßter Beschluß ausgeführt und nach 24 Stunden wieder abgeänbert wirb, ohne daß hierüber ein neuer Beschluß des Stadtrats erfolgt ist. .

Auf alle Fälle sind aber doch in er ft er Linie die Halte­stellen der Straßenbahn durch Schilder zu kennzeichnen.

wie es bas Publikum bei einem Verkehrsmittel verlangen kann, damit es weiß, woran es ist. Aber dadurch, daß die Schilden abgenommen und nicht wieder angebracht sind, ist ein Zustaiid geschaffen, der unhaltbar ist und dringend der Abhilfe be­darf. ___________________ -r.

Amtlicher Wetterbericht.

D c f f e n 11 i d) e Wetterdienststelle Gießen.

Verlauf der Witterung feit gestern früh: Ter hohe Truck hat sich über ganz Westeuropa ausgebreitet, während eine Zyklone über Rußland lagert. Bei leichtem nördlichen Winde bauert daher das heitere und trockene Wetter an. Die Temperaturen fliegen gestern bis 23 Grad am Nachmittag an. Es ist keine Aeuderimg zu erwarten.

Wetteraiissichten in Hessen am Freitag dem 12. August 1910: Heiter, trocken, bei Nordwind etwas kühler.

S. Offenbach, 11. August. lPrivattetegramm.) Bei einer nächtlichen Streife fiel der Polizei eine Diebs - und Einbrechcrbande von acht Leuten in die Hände, die hier und in Fechenheim in Bauhütten eingebrochen waren und namentlich auch in Schulstäben Diebstähle aus- geführt hatten. Sie hatten sich gewöhnlich unter der Vor­gabe des Kaufes Eingang verschafft.

Berlin, 11. August. Graf Zeppelin wirb an­fangs Oktober zum deutschen Luftschiffertag in Dresden ein­treffen. Die Meldung, er komme Ende dieses Monats im Luftschiff dorthin, ist falsch. Der König, der den Grafen in Dresden zu begrüßen wünscht, wird bis zum 1. September in Tarvis bleiben.

Hatzenweier, 11. August. Heute früh fuhr ein Personcnzug in eine Rotte Streckenarbeiter und tötete sechs Männer, die alle verheiratet sind. Die Schuld soll an dem Vorarbeiter liegen, der die Leute nicht auf den herannahenden Zug aufmerksam machte.

Bukarest, 10. Aug. Großwesir Hakki Bai ist hier cingetroffen. Er begab sich nach einem kurzen Aufent­halt nach Sinaja, wo er morgen vom König in Audienz, empfangen wird.

Petersburg, 10. Aug. Der finnische Land­tag wird zum 14. September für zwei Monate einberufen zur Ausarbeitung der Grundlagen für die Wahl finnischer Mitglieder zur Reichsduma und des Reichsrats sowie für die Vollziehung dieser Wahlen, ferner zur Ausarbeitung eines Gutachtens über die rechtliche Gleichstellung der in Finnland lebenden russischen Untertanen mit den finnischen Bürgern sowie über die Zahlung von Entschädigungen an Stelle der persönlichen Wehrpflicht.

Bilbao, 10. Aug. Der Minister des Innern hat den ausständigenArbeitern und den Arbeitgebern einen Vergleichsvorschlag gemacht, nach dem die Arbeits­zeit täglich um ei-ne halbe Stunde verkürzt werden soll, bis durch die Cortes eine endgültige Regelung der Arbeits­zeit erfolgt sei. Die Arbeitgeber hüben den Vorschlag an­genommen, die Arbeitnehmer haben ihn abgelehnt.

N e u y 0 r k, 11. August. Zum persönlichen S ch u tz d e r Staatsverwaltungsbeamten sollen besondere Vorkehrungen getroffen werden, durch die Uebersälle unmöglich fein sotten.

Neuyork, 11. August. B ü r g e r m e i st e r G a y n 0 r hat, neuesten Nachrichten zufolge, feine Familie gesprochen und fitzt zeitweise aufrecht im Bett. Es ist unwahrscheinlich, daß die Aerzte die Kugelsplitter entfernen werden, voraus­gesetzt, daß keine Infektion eintritt. Um die Kugel zu eut- fernen, würde nötig fein, Blutgefäße zu zerschneiden, eine Operation, per sich die Aerzte auss heftigste widersetzen. Der gesamte Verkehr in der Nähe des Hospitals, in dem Gaynor liegt, hat infolge polizeilichen Befehls aufgehört, um dem Verwundeten Rühe zu schaffen.

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In dem Gehöft des Heinrich Kolb zu Wieseck ist Die Schweinepest (Schweineseuche) ausgebrochen. Gehöftsperre ist verhängt.

Gießen, den 9. Aug. 1910.

Großherzogliches KreiSamt Gießen.

I. V.: L a n g c r m a lt n.

Bekanntmachung.

In das Handelsregister Abt. A wurde eingetragen bezüglich der Firmen: a) Karl Dorfeld in Wieseck, b) Anna Margarethe Lamberth in Gießen: Die Firmen sind erloschen.

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