Dienstag 9. August 1910
160. Jahrgang
Zweites Blatt
Nr. 184
Erschein! täglich mit Ausnahme bes Sonntags.
wandt, und mit seinem Präparat 418 konnte N er ß e r bei j Irlich möglich^ ___ rr> > 1Q itüpTi papu ACnPhTITCYt 1X1 DCriTT
Aus Innsbruck wird gemeldet: lieber in der diesigen Klinik erzielte Erfolge mit E h r l i ch s ch e n Einspritzungen teilt mir Professor Merk mit, daß bisher 18 Einspritzungen aucd iridit andeutungsweise ähnliche schädliche Begleüerscheinungcn gehabtt haben, wie die Pragex Berichte meldeten.
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Die „Siebener Zamilienblätter" werden dem .Anzeiger* vermal wöchentlich beigelegt, das „Krtisblßtt für den Kreis Sietzen" zwennal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen 5cib fragen" erscheinen monatlich zwennal.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: e«6L Redaktion:^E112. Tel.-AdruAnzeigerGießen.
Der Welttongretz für freies Christentum.
2 Berlin, 8. Aug. '
Zur Propagierung seiner Ideen in weiteren Kreisen ver- 1 anstaltete der Weltkongreß sür freies Christentum und religiösen Fortschritt gestern drei große Volksversammlungen, die in den Kanrmarsälen des Landwerkerhauses, den Germania-Sälen, sowie im Böhmischen Brauhause stattfanden und alle drei außerordentlich | zahlreich besuckst waren. Die Veriammlung in den Kammersälen leitete Pfarrer A. Fischer (Berlin) mit einer Begrüßung der Erschienenen ein. Danach spracht Frl. Marta Z i e tz (Ham- burg) über die Frage: „Austritt aus der Kirche oder kirchliche Reform?" Die Rednerin ging davon aus, daß viele Leute es heute mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren können, sich zu einer kirchlichen Gemeinschaft zu halten. Tie Kirchen seien eine Unwahrhaftigkeit geworden. Es gebe aber religiöse Bedürfnisse im Volke, und um diese zu befriedigen, scheine es vor allen Dingen notwendig, daß wir loskommen vom Staat. Wohl brauchterr wir eine Gemeinschaft, aber diese müsse auf- gebaut sein auf dem ersten Christentum.
Pastor Francke (Berlin) sprach dann über: „Trennung von Schule und Kirche". Der Redner führte aus: Die Mündigkeit deutschen Schulwesens ist gegenüber bent rückständigen deutsclfen Kirchenwesen durch Jahrzehnte erwiesen. Man kann es dem Lehrer nicht verdenken, daß er, wenn einer Aufsicht überhaupt .bebarf, diese nur von denen ausgeführt wissen will, die aus seiner Arbeit hervorgegangen sind. Es ist ein starkes Stück Ueberhebung, wenn die Theologen sich als die berufenen Wächter der Zweckmäßigkeit des Unterrichts aufspielen. Wir freigerichteten protAanttschen Geistlichen geben den Lehrern Recht, wenn sie sagen.: dieser Zustand der Aufsicht war eine Entrechtung und Vergewaltigung unseres Standes. Wir haben das Vertrauen zu unseren Lehrern, daß sie das Gemüt der Kinder fruchtbar machen zur Aufnahme der Wahrheit. Wir wollen den Lehrern eine Hand entgegenstrecken, nicht mit dem Fingerringe des Petrus geschmückt zum .Küssen, sondern eine Hand, die einen Einschlag erwartet, da wir von den Lehrern hoffen, daß sie die Jugend cinsühren in die ewige Wahrheit.
Pfarrer Lie. Traub (Dortmund) behandelte das Thema: Das Christentum in der Großstadt. Er führte aus: Bei einem Gange durch die Großstadt kommt man zu ketzerischen Gedanken. Ich fragte mich, ob der Oberkirchenrat nicht einen Erlaß herausgeben könnte, die Sonntags-Gottesdienste sollten eingestellt werden, damit die Leute sich im Freien ergehen können. Dafür könnten sie in der Woche von den Stammtischen her herangeholt werden. Ich glaube, es wird noch viel zu viel gepredigt. Man hat die Religion wertvoll zu machen versucht, indem man alle anderen Werte des Lebens erniedrigte. Dabei erzählt aber die Großstadt von einer Unsumme von Leben und Energie. Ter Malisch ist nirgends einsamer als in der Großstadt. Aber das ist gut, denn die Einsamkeit bringt die Pflege des religiösen! Lebens. Ter Einsame ist selbständiger in seinem Urteil. Eine Gefahr der Großstadt ist die Oberflächlichkeit. Auf der anderen Seite wieder wuchs hier der Gedanke der Toleranz. Allerdings gibt es keine Toleranz gegenüber der Faulheit des Denkens und gegenüber dem Eigensinn im Festhalten, auch keine Toleranz gegen Gefühlsroheiten in sozialen Tingen. Gewiß muß man in der Großstadt einen Panzer haben, wenn man mit seinen Empfindungen nicht zu Grunde gehen will, aber unter dem Panzer muß ein warmes Herz sitzen. Tas Christentum kam aus den Großstädten, wo der Pulsschlag des Lebens geht, es soll auch nicht ausziehen aus ihnen. Unsere Enkel sollen sagen, daß die Städte sich wieder besonnen haben auf ihren Beruf, daß sie uns wiederaebracht haben die neue frohe Botschaft. . .
Professor Dr. Geffcken (Köln) sprach über: „Religion als öffentliche Angelegenheit und als Privat- sache" Ter Redner gab die Forderung: Religion muffe eine Privatsache sein, als richtig zu. Daß diese Forderung bereits heute allgemein anerkannt wird, ist zu befreiten Tabei wird niemand leugnen rönnen, daß Religion etwas höchst persönliches sei Aber die offiziellen Hüter haben ein ausgeprägtes Mißtrauen gegenüber aller subjektiven Religiosität, sie haben sogar zu befehlen gesucht, welche Religion die Untertanen haben sollten Schon die Forderung, daß ein Volk Religion haben muhe, ist mit Religion nicht zu vereinbaren, -labet soll dahingestellt bleiben, ob die Religion eine öffentliche Angelegenheit sein ffoll. Keine Macht der Erde kann aber ihren Untertanen befehlen, religiös zu sein. Alle diese Versuche sind gescheitert, denn die Religion als Privatsache läßt sich überhaupt nicht organisieren.
Affen Heilungen erzielen. Dem Präparat 418 aber weit überlegen ist das Präparat 606, des Chlorhydrat des Ttoxydiamidoarfenoben- zols. Ehrlichs Assistent Hata hat mit diesem Präparat die g r o ß e Reihe der Tierversuche angeftellt und feine Wirksamkeit gegenüber durch Spirillen bewirkten Krankheiten erwiesen. Zu diesen ist aber nach der Entdeckung von Schaudinn auch die Syphilis zu rechnen. Bis jetzt sind mit dem Mittel gegen 2 50 0 Kranke behandelt worden, die persönlichen Erfahrungen Neißers erstrecken sich auf 126. Wie nun schon genügend bekannt sein dürfte, besteht eine Besoiiderhett dieses Mittels darin, daß die einmalige Anwendung von durchschlagender Wirkung ist. Gerade dieses aber ist kein Zufall, sondern der Wille Ehrlichs, dessen Ziel dahin geht, Präparate zu finden, die ohne schädliche Nebenwirkungen mit einem Schlage die Krankheitserreger abtöten. Ehrlich hält sein Ziel noch n i ch t für erreicht. Auf Grund der bisherigen Erfahrungen arbeitet er weiter und hofft, wie Neißer mitteilt, zu einem noch viel ungiftigeren Präparat zu gelangen, von dem also zur erhöhten Wirksamkeit noch viel größere Mengen mit einem Male in den Körper gebracht werden können.
lieb erhebt man nun die Fragen, die für die Verwendung des Mittels noch zu lösen sind, so erkennt man, daß noch für vielerlei Forscherarbeit Gelegenheit gegeben ist. So tritt ui dem einen Falle die Wirkung schneller ein als in dem anderen. Woran liegt das? Vielleicht an der Art der Anwendung. Das cinemal war das Mittel direkt in die Blutbahn eingespritzt worden und konnte sich also sehr schnell im Körper verteilen. Das anderemal spritzte man es unter die Haut, das drittemal in die Muskulatur. Hier blieb es am längsten liegen, kam also am langsamsten zur Verteilung. Verzögerte sich hierdurch vielleicht die Wirkung, so bestand dafür aber auch der Vorteil der länger dauernden Wirkung. Man beobachtete bei der Anwendung allerlei Nebenwirkungen, erhebliche Schmerzen, Fieber. Entsteht das Fieber als Reaktion des Organismus gegen das Mittel selbst, oder weil das Mittel im Körper die Spirochaeten abgetötet hat und deren Zerfallsprodukte zur Temperatursteigerung führen? Man hat es schon verstanden, die Schnierzen nach der Einspritzung erheblich herabzusetzen Das Mittel muß nämlich für jede Einspritzung in recht umständlicher Weise gelöst werden. Leonor Michaelis fand em Verfahren, bei dem die Schmerzen verringert werden, und Weästel- mann, der vor einigen Wochen in der Berliner Medizinischen Gesellschaft über die erste große Reihe von glücklich behandelten Fällen berichtete, hat dies Verfahren noch mehr vereinfacht und ko'rnmt mit einer geringeren Flüssigkcitsmenge aus. Indessen, wird nicht vielleicht durch die feinere Lösung ine Wirksamkeit beeinträchtigt, und in welcher Weise?
Frage häuft sich auf Frage. Tie wichtigste ist begreiflicher- Iweife die nach der Dau.er Heilung.. Theoretisch ist solche
dem! religiösen Leben und der theologischen Wissenschaft Deutsch» lands?" Es sprachen für Großbritannien Prof. Carpen ter (Oxford), für Frankreich Pros. Bonct-Manry, für Austra- iien Reverend Thudor Jones, für Holland Pros, ö r o c n e<* wegen (Leiden), für Armenien Lie. Ter - Mi n a | h a n z Für die Vereinigten Staaten war der Austauschprofessor Peadbody in Aussicht genommen, doch war dieser verhindert, so daß in letzter Stunde ein anderer amerikanischer Professor als Redner berufen werden mußte. Die Reden boten überwiegend fachwissenschaftliches Interesse.
In der Nachmittagssitzung begann die Erörterung des zweiten
Nach Neißers Erfahrungen bei feinen ausgedehnten Experimenten am Menschenaffen in Java kann man von wirklicher Heilung sprechen, wenn ein infiziertes und behandeltes Individuum nach einer neuen Infektion mit neuen Anfangserscheinungen erkrankt. Neißer wandte mm das neue Mittel bet 12 Affen an. Bei drei von ihnen konnte später durch neue? Infektion eine Neuerkrankung hervorgerufen werden, diese waren also liach seiner Ansicht als sicher geheilt gewesen zu betrachten. Zwei andere sieht er als wahrscheinlich geheilt an. Warum aber ist die Wirkung nicht bei allen Tieren gleich? Lag es an der ungenügenden Dosis, an der verschieden hohen Giftigkeit der Krankheitsstoffe, in den verschiedenen Tieren oder an dem Mittel selbst'? Fragen, die zu beantworten sind. Man untersucht weiter, ob und wie lange nach der Anwendung die Spirochaeten verschwui- ben und in welchem Umfange, weiter, ob und ioann die Wasser - mannsche Reaktion verschwiiidet. Tie Ergebnisse smd nicht gleichmäßig Woran liegt das? Wie groß aber auch die Menge der noch zu lösenden Fragen sei, Neißer ist der Ansicht, daß man jedem Syphilitiker, wenn nicht besoiidere Gründe dagegen sprechen, den Rat geben müsse, das Mittel zu verwenden. Lei ft et es schon fast immer dasselbe, was die bisherige umständlichere Behandlung leistete, so nützt es weiter in vielen Fällen, in denen andere Mittel verfugten, oder mcht vertragen wurden. Gründlich zu erforschen ist aber noch ferne Wirksamkeit bei Folgerrankheiten, besonders denen des Gehirns und der Nerven. Kranke, wie Prostituierte, konnten nach Neißers Meinung vielleicht regelmäßig von Zett zu Zeit eine Einspritzung erhalten, um so mit annähender Sicherheit dauernd ihrer A n st e ck un g s f ä hi g k e i t beraubt zu werden, schneller nach der Infektion die Anwendung erfolgt, um fo großer scheint die Wirkimg zu sein, aber in zahlreichen Fallen hatte es! den Anschein, als ob eine Verbindung mit der bisher üblichen Quecksilber - und Jodbehandlung angezeigt sei. Wann, in welcher ftornt v Alles das ist noch auszuprobieren. Was um fo langer bauern wird, als das Mittel vorläufig noch Nicht fabrikmäßiF' hergestellt wird. Aber trotz aller noch zu lösenden Unklarheiten glaubt Neißer nicht anstehen zu sollen, auf Grund der schon jetzt feststehenden Tatsachen der Ucberjcugung Ausdruck zu geben, daß Ehrlich sich die ganze Menschheit zu allergrößtem Dank verpflichtet habe. Werde auch die SyphiliS wohl nie und nimmer ausgetilgt werden können, so werde sie doch bei richtiger Ausnutzung der neuen Waffe ihre allergrößten, lucnn auch nicht alle Schrecken, die heute noch mit ihr verknüpft sind, verlieren.
Generalsekretär Reverend W e it b t c erstattet sodann den Bericht des Kongresses. Er gedenkt in dankbarer Erinnerung der Empfänge in Köln und 'Potsdam und der erhebenden Kirchenfeier, die davon Zeugnis ablegten, daß der Kongreß bei den deutschen Freunden noch begeisternde Tage erleben werde. Aus Amerika seien mehr als 200 Abgesandte erschienen, über 100 aus England. Die 1500 Mitglieder des Kongresses gehören 18 Nationen und 30 Kirchengemeinschaften an. Besonders willkommen heißen wir die hochwürdigen Priester und Laien, welche bei uns die Sache eines erleuchteten und fortschrittlichen Katholizismus vertreten Der Redner gedenkt dann der im letzten Jahr verftor- beneit Mitarbeiter unb nähmet besondere Worte an erster Stelle dem Professor Pfleiderer. Psleiberer war der erste deutsche Professor, der sich uns anschloß. Er glaubte an den Kongreß unb ist noch immer unser aller Lehrer und Meister.
Hierauf übernahm Prof. Freiherr v. Soden den Vorsitz unb es begannen die Vorträge der Ausländer über das Schema. „Was verdanken die Religiös-Liberalen der anderen Nationen
Und wenn man es versucht hat, bann hat man Kultus- unb ! Kirchengemeiiischaften, aber nicht Religionsgemeinschaften ge- : schaffen. Es ist geradezu eine Tragik, daß Religion und Kirche । immer wieder miteinander verwechselt werden.
Nach weiteren Ansprachen schloß der Vorsitzende Pfarrer Fischer die Versammlung, die den Gesang anstimmte: „Wir treten zum Beten!" .
Tie Versammlung für den Berliner Norden fand in den Gerniamafälen statt. Reichstagsabgeordneter Schrader eröffnete die Versammlung mit Worten der Begrüßung. Tann hielt er den ersten Vortrag über „Austritt aus der Kirche oder kirchliche Reform". Lehrer Pautsch (Berlin) sprach sodann über „Trennung von Schule und Kirche". Er forderte eine organische Grenzregulierung dieser beiden Kulturinstitutionen und betont, daß kein Beschluß des Deutschen Lehrerbundes vorhanden sei, der die Religion aus her Schule entfernen wolle. Im übrigen bewegen sich seine Ausführungen in einem ähnlichen Gedanken gonge wie der des Pastor Francke. Prof. Rauschen- busch (Rochester) hatte zum Thema den Bibelspruch: „Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen." Er verlangte die Erweckung des religiöseii Geistes in der Familie. Gerade im Familienleben finde man die religiösen Triebe am stärksten. Ter folgende Redner, M. Paul Hyacinthe L o y s o n, Redakteur des Siecle" '(Paris), sprach hierauf über „Toleranz und Aufklärung". An Stelle des verhinderten Abgeordneten Naumann behandelte Tr. Maurenbrecher (Erlangen) ebenfalls das Thema „Christentum in der Großstadt".
*
Die heutige Sitzung des Weltkongresses für freies Christentum und religiösen Fortschritt wurde mit einer Andacht eingeleitet, die Prof. D. Martin Rade (Marburg) abhielt. Ter Präsident Reichstagsabgeordneter Schrader eröffnete sodann die Verhandlungen mit einer programmatischen Ansprache, in ber er sagte: Ich möchte einen kurzen Ueberblick auf die Geschichte bes Kongresses geben. Entstanden ift er in Bosto n. Wenn es einen Ort gab, wo er entstehen tonnte und sollte, so war es Boston in dem freien Amerika, eine Stadt, die sich auszeichnet durch alte Bildung, eine Stätte der ersten Freiheitsbestrebungen des Landes. Ter Kongreß hat in der Folge über die Welt sich ausbreiten können, weil, obwohl auf dem Boden der modernen Wissenschaft stehend, er doch getragen wird von tiefem religiösem Gefühl. Ter Gedanke wurde weiter durchgeführt auf den anderen Kongressen. Uns liegt nun die Pflicht ob, das, was die anderen Songreffe geschaffen haben, zu erhalten und zu bewahren. Ich habe dann denen zu danken, die auf den früheren Kongressen gearbeitet haben, besonders dem Generalsekretär Wendte, ber die tragenbe Kraft bes Kongresses war. Wir haben gestern brei große Volksversammlungen gehabt. Tiefe sind eine Spezialität Berlins. Wir legen Wert barauf, zu zeigen, daß die religiöse Bewegung in Berlin groß genug ist, um Volksversammlungen einzuberufen, in denen über religiöse Fragen ohne Kontrolle gesprochen werden kann. Tie Idee, den Kongreß in Berlin abzuhalten, entsprang dem Wunsche, nähere Beziehungen zu der deutschen wissenschaftlichen Theologie zu erhalten. Die Folge davon ist, baß ber zweite Teil ber Tagesorbnung allerlei religiöse Probleme umfaßt. Das war auf früheren Kongrehen nicht der Fall. Deutschland aber ist das Land der religiösen Probleme. Der Kongreß ist allmählich ein Religionsgespräch geworden, der nicht die Absicht hat, Fragen zu losen, sondern sie zu erörtern. Diesen Charatter wollen wir auch wahren, darum werden wir auch keine Beschlüsse fassen.
von Ehrlichs Syphilismitte!.
In der „Berl. Klin. Wochenschrift" veröffentlichen Geheimrat Neißer-Breslau unb Kuznitzky einen Vortrag, aus dem in anschaulicher Weise die großen Schwierigkeiten hervvrgehen, btc zu bewältigen sinb, bis man über das neue Mittel Ehrlichs auch nur zu einem einigermaßen abschließenden Urteil gelangen kann. Zunächst ist es von Interesse, wenigstens kurz den Weg zu verfolgen, aus dem Ehrlich zu dem Präparat gelangt ist. Es reicht fünfundzwanzig Jahre zurück und beginnt mit einer Arbeit Über das SauerstoN- bedürfnis des Organismus. Als ausgezeichneter Chemiker verfolgte Ehrlich die chemischen Vorgänge im Körper, allmählich kam er auf die chemischen Prozesse, die sich bei ber Einwirkung ber Arznei- stoffe abspielen. Als später Behring mit seinem Diphtherie Serum hervortrat, waren Ehrlichs Forschungen schon l? wett gediehen, daß er einen Teil ihrer Ergebnisse ^nmitkelbar auf das Diphtherieserum übertragen konnte. Dadurcy wurde es möglich, die Lvirt- samkeit jeder neugewonnenen Serummenge genau zu Prüfen uno zu kontrollieren und bei ber Darstellung des Serums auf einen gewollt hohen Wirkungsgrad willkürlich hinzuaroetten. öo erst gab er dem Tiphtherieserum die Möglichkeit der allgemeinery Verwendung. In der Folge experimentierte ElTrüch weiter, und schon seit einer Reihe von Jahren war er bemüht, für bestimmte Krankheitserreger gerade die ihnen feindlichen Arzneimittel zu finden Auf diesem Wege entstanden.in seinem ^nfhtut m Zranl- furt Hunderte von chemischen Präparaten, btc jcbesmal an zahlreichen künstlich infizierten Tieren ausprobiert wurden. Cme ve- sondere Aufmerksamkeit widmete er den durch Drypanosomen hervvr- gerufenen Krankheiten, zu denen u. a. die Schlafkrankheit gehört, besonders war er bemüht, das Wesen der Wirkung des Atoxyls zu erforschen, mit dem Robert Koch in Afrika so große Erfolge erzielt bat Es gelang ihm, den genauen chemischen Aufbau des Atoxyls uachzuweisen und in dessen einzelnen Teilen die Ursachen für die üblen Nebenwirkungen zu erkennen. Sem Bemühen ging bann dahin, neue Arsenverbindungen zu finden, bei denen unter Erhaltung der Heilwirkung die Nebenwirkungen tottlkurlich ausgeschaltet wurden. So gelangte er u. a. zu feinem Präparat 418, dem Arsenophenylglycin, mit dem besonders bei einer Trypanosomenkrankheit der Pferde, der Dourine, vor-zügliche Erfolge erzielt wurden. Inzwischen hatte bte Wirkung des Atoxyls auf die Schlaftrankheit die Anregung gegeben, dieses Mittel auch bei anderen Krankheiten auszuprobieren. So wies sehr frühzeitig Iwan Bloch daraus hin, daß die Syphilis ursprünglich eine T r o p e n k r a u k h e i t gewesen und daß auch bei ihr wohl das Arsen wirksam fein würde. Besonders aber Uhlenhut, ber Direktor im Reichsges'undheitsamt, stellte zahlreiche vielversprechende Versuche mit Atoxyl bei künstlich syphilitisch infizierten Tieren an.
AüÄ Ehrlich hatte leine. Aufmerksamkeit der Syphilis, zuge-
großen Hauptthemas:
Deutsche Theologie und deutsche Kirche.
Den Vorsitz führte Geh. Kirchenrat Professor v. Wendk (Jena). An erster Stelle sprach Prof. Frhr. v. S o d e n lBerlin) über die Frage: „Steigert ober schwächt bie histonsch-iinttSche Behanblung bes Neuen Testaments bessen Bedeutung für das religiöse Leben?" Sowohl bie historisch-kritische Methobe tote deren Ergebnisse entsprechen ber geistigen Eigenart unserer Zett und sind darum imstande, ihr bie im Neuen Testament beurkundeten religiöseii Kräfte und Güter näher zu bringen. Auch die Abwehr von Angriffen auf bie geschichtlichen Grunblagen des Christentums wird nur der erfolgreich ausüben können, der Nicht von einem Dogma ausgeht, das der Gegner mcht anertenntj bnbent ber im Prinzip bas Recht der Kritik gegenüber den Ueberiieferung anerkennt unb nur bie jeher Kritik standhattenben Tatsachen wirken läßt. Die hiftorisch-krittsche Methobe verhilft uns erst bazu, daß wir bie Verfasser ber Evangelien richtig verleben und bie Ereignisse richtig sehen. Sie gefährdet auch nicht den Glauben, ist vielmehr geeignet, ihn davor zu bewahren, daß er in ein Fürwahrhalten von überlieferten Wahrheiten oder Ereignissen auf Grund einer äußeren Autorität sich veräußerliche.
Professor Hermann Gunkel-Gießen sprach über „Die Reli- gionsgefchichte und bie alttestamentliche Wissenschaft". >zn der Forschung bes Alten Testaments stehen sich bie kritische und bie religionsgeschichtliche Richtung gegenüber. Von ber bisher vor- herrschenben Kritik hat man sich nut aller EittichiebenlM bev Religion selbst zugewaiibt. Ferner ber Erforschung bes geistigen Lebens Israels überhaupt unb ber Ergründung ber literarischen Formen, in denen es sich barstellt. Zugleich aber geht man von ber Ueberzeugung aus, baß bie Religion nur erkannt werden kann, wenn man sie in einer Geschichte werdend auffaßt, ^aher das Schlagwort Religionsgeschichte, deren Grundsorberungen Sinb: Vertiefung unb Verbreiterung unserer Erkenntnis.
Hierauf behandelte Professor Tr. August Dor n er (Königsberg) bie „Philosophie unb Theologie im 19 Jahrhunberi . ,^m 19. Jahrhunberi stand bie spekulative und auch die historische Betrachtung des Christentums völlig unter dem Einflüste ber philosophischen Spekulation unb ihrer Entwicklungsidee, ber letzten Hälfte bes Jahrhunberts tritt aber baf theoretische Moment gegen das praktische zurück, unb ber philosophische Einfluß am die Theorie wird geringer, besonders weil bie Philosophie skeptisch wird und bie empirischen Wissenschaften in den Vordergrund treten. Ter Rebner behaiidelt bann, ausgehend von Kant bie deutsche Philosophie des letzten Jahrhiinderts.
An letzter Stelle sprach Professor Artur T 111 u s (Gotttngen) über „Recht unb Schranken bes Evolutionismus in ber Ethik? Ethischer Evolutionismus ift nur burchführbar, wenn er Sich mit ber idealistischen Weltansicht verbindet. Eine solche Verbindung ist ohne Halbheiten nur auf dem Boden des Kritizismus möglich Freilich darf der ethische Evolutionismus die Wirilich- keit widersittlicher Zustände und ihrer Konsolü»ierung zu festen und stabilen Gebilden nicht in Abrede stellen. Er muß die Wirklichkeit der Persönlichkeit unb ihrer Freiheit statuieren. Unter den genannten Voraussetzungen steht ber ethische Evolutionismus auch zur christlichen Ethik mit ihrer Entfaltung des Sunben-, unb Gnabenbewußtseiiis nicht in Widerspruch. Er eignet sich sogar besser als bie überlieferte Sündenlehre zum Ausdruck des christlichen Gedankens, weil er den Optimismus des Gnabenbewußtseins besser begrünbet, ben Pessimismus bes SündenbewutztSeins leichter verstänblich macht unb llebertreibungen abwehrt, ben ethischen Dualismus zwischen Geist unb Fleisch, zwischen Egoismus und Gesamtiuteresse feststellt, ohne ihn in bloßen Schein auflo,en zu müssen Somit macht er eine dem Monotheismus entsprechende und den realen Widersprüchen des Lebens Rechnung tragende ein- beitliche Gesamtanschauung der Wirklichkeit notwendig.
Abends wird die Besprechung des zweiten Hauptthemas, fortgesetzt werden.
Eichener Anzeiger
General-Anzeiger für Gderhefien


