Ausgabe 
11.1.1910 Erstes Blatt
 
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Stimmen bei sieben Stimmenthaltungen angenom.nen. Der- Zincrnzminister hatte die Vertrauensfrage gestellt.

Nach einem Berliner Telegramm derKöln. Zfg." ist anzunehmen, daß auch die deutsche Antwort auf die ameri­kanische Anregung wegen Anlauf der mandschuri­sch e n E i s e n b a h n e n z n G u n st c n C h i n a s in gleichem Sinne ausfallen wird, wie die englische, die ihr grund­sätzliches Einverständnis ausspricht, da der amerikanische Vorschlag durchaus den Grundsätzen der offenen Tür und der Gleichberechtigung für alle entspricht, die stets die Grund­lage der deutschen Politik in Ostasien gewesen sei.

Im Repräscntantenhausc zu Washington brachte Tew send einen Gesetzentwurf ein, nach dem die Enrp- fehlungen Tafts, die Machtbefugnisse des zwischenstaat- lichen Handelsausschusses KU vermehren und einen Hairdelsgerichtshof in den Vereinigter! Staaten in Eisen- bahnangelegenheitcn einzusehen, ausgeführt werden sollen.

Aus Helilla wird gemeldet: Der spanische Minister der öffentlichen Arbeiten traf am Sonntag bei Beni Sitar ein; er empfing mehrere Eingeborene, unter anderen den Führer der Rebellen Abdel Kader, und ließ sich von ihnen das Gelöbnis der Unterwerfung erneuern. Der Minister erklärte, es sei der Wunsch Spaniens, Äiun Wohlergehen der Rifleute beizutragen, doch werde Spanien auch jede Feindseligkeit zu strafen wissen.

Deutsche AoLonren.

Berlin, 11. Jan. Die dem Reichstage zugegangene Denkschrift über die Entwickelung der Schutz­gebiete in Afrik a und der Süd fee bringt über die Dramantenfrage in Südwest-Afrika und die B a u m - wollfrage in Ostafrika wesentlich folgendes: Die zunächst aufgefundenen Diamanrenlagerstätten liegen in einem einige Kilometer breiten Streifen, der sich Kilometer, 16 der Süd bahn von Nord nach Süd bis etwa zur Elisabethen- Bucht hinzieht. Später fand man auch, daß der Wüsten­sand an der ganzen Küste bis nach dem Oranje-Fluß an manchen Stellen Diamanten führend war. Die Diamanten sind schön aus kristallisiert und von hervor­ragender Güte. Am Schlüsse des Jahres standen 97 gemeine und 22 Edelmineral-Schürffelder in Gültigkeit (im Vorjahre 39 und 2). Die B aumwo llkultur scheint in den Nordbezirken, in denen sie bereits bor einer Reihe Won Jahren eingeführt worden war, nun besonders in Useguya festen Fuß. gefaßt zu haben. Der Neger hat dort an­scheinend die Vorteile der Hochwertigkeit des Baumwoll- Produktes gegenüber den anderen Produkten erkannt.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 11. Januar 1910.

Lehrerpersonalien. Uebertragen wurde dem ^chulanitsaspicanten Will). Neuß auS Wetterfeld die Lchrer- stelle an der Gemeindeschule zu Sickendorf. Erledigt ist eine mit einem eoang. Lehrer zu besetzende Schulstelle zu Nieder - Hi lberZ he im, mit der Organistendienst ver­bunden ist.

** Einkommensteuerpflichtige und Ein­kommensteuer in Hessen. Im Jahre 1909 zahlten 323085 Einkommensteuerpflichtige der 2. Abteilung (Ein­kommen unter 2600 Mk.) 90,4 Proz. der Pflichtigen an Einkommensteuer 4106 475.50 Ml. ~ 36.9 Proz. der Ein­kommensteuer und 34 401 Einwmmensteuerpflichtige der 1. Abteilung (Einkommen über 2600 Mk.) = 9.6 Proz. 7 007 852 sDül = 63.1 Proz. der Einkommensteuer. Zwei Drittel (70 Proz.) aller Einkommensteuer-pflichtigen 247 526 Personen hatte ein Einkommen von unter 1300 Mark; diese Steuerpflichtigen brachten aber nur 17 Proz. der Steuer summe, nämlich 2172 620 Mk., auf. Die höchste '.Steuerkia,se Einkommen über 1010002 954 000 Mk. umfaßt 130 Steuerpflichtige 0,036 Proz., die aber 1511950 Mk. Einkommensteuern = 13.6 Proz. der Steuer- -summe aufbrachten. Diese 130 Personen zahlten also nicht 'viel weniger Steuern als wie die 247 526 Personen der .niedrigsten Steuerklassen. Personen der höchsten Ein ckommensteuerklajse zählten die Finanzämter Darmstadt I 22, Mainz I 26, Mainz III 17, Offenbach I 29 und Worms I 10; auf die Provinz Starkenburg entfielen 70, auf Ober­hessen 14 und auf Rheinhessen 46. Von der gesamten Ein- kommensteüersumme von 11114327.50 Mk. brachten Star­kenburg 4 953 900.50 Ml., Oberhessen 1994091.50 Mk. und Rheinhessen 4166 335.50 Mk. auf. Zieht man die Bevölke- rungszohl der einzelnen Provinzen in Betracht, so erbringt Rheinhessen auf den Kopf der Bevölkerung die höchste Steuerleistung.

Stadttheater. Aus den bereits gestern mitgeteilten Umständen hat sich eine weitere Aenderung des Nepertoirs nötig erwiesen. Es wird deshalb am kommenden Freitag Ludwig Thomas Komödie /DIDual", deren erste Aufführung eine so starke Wirkung erzielte, wiederholt werden. Frl. Koch wird bis dahin in der nicht sehr anstrengenden Nolle der Mme. Hanteville wieder auftreten können. Die Aufführung findet wieder außer Abonnement bei gewöhnlichen Preisen statt, doch zahlen Abonnenten gegen Vorwels des Abschnitts des EcmäßigungSkupons für Gastspiele nur kleine Preise.

** Der Postunterbeamtenverein feierte am Sonntag sein W e ihn a ch t s fe st. Der große Saat des Turn­vereins !var überfüllt, ein Beweis, wie unsere Stephansjünger beliebt sind. DaS Fest wurde eingeleitet durch den MarschIn Treue fest". Der Vorsitzende hieß dann alle Anwesenden will» .kommen und schilderte den Zweck des Festes. Es folgten ab- wechselnd Ansprachen, Vorträge, Verlosung usw. Das Theater­stückHerr Hase und seine Cousine" wurde flott und wirkungs­voll gespielt. Die Abe.rdfeier nalM pünktlich um 8 Uhr ihren Anfang. Rach dem MarschHoch die deutsche Reichspost' folgte ein Prolog, der recht gut vorgetragen wurde. Dann wurde die humoristische SzeneIn der Sommersrische oder Stadt und Land" von gioei jungen Damen gut gespielt. Inzwischen brachte die Kapelle Weller weitere Vorträge und daran anschließend laut das HaupttheaterstückDie Hundcliste" zur Aufführung, das sehr humorvoll und gut gespielt wurde. Ein lebendes Bild, das sehr gefiel, verdient besonderes Lob. Das Fest fand durch einen Ball sein Ende.

** Elektrische B e l e u ch tu ng s v e r s u ch e. In­teressante Versuche werden seit acht Tagen in der allen Schweineschlachthalle unseres Schlachtho>es mii Beleuch­tungskörpern für Elektrizität gemacht. Bisher war utan beim Untersuchen von Fleisch mit Gas-Graetzinlicht recht zufrieden. Bei den Versuchen handelt es sich darum, 'ov für die int Bau begriffene große Schweineschlachthalle nicht das moderne, elektrische Licht auzuormgen und ।ick; diesem zur Beleuchtung oev Fle^cNnnierjuchungsraumes nicht noch besser eigner wie Graetzinlicht. Die Versuche, die nodj nichr ganz abgeschlojsen sind, l) ab eit bisher er­

geben, daß Sparglühlampen die zu untersuchenden Fleisch- tcile besser erhellen als das bisher gebräuchliche Gaslicht, - aber auch die weiße Farbe der Kohlenlichtbeleuchtung ür die Untersuchung sehr vorteilhaft ist.

* * Besitzwechsel. Tie Burt sche Villa an der Ost- Anlage, die vor einigen Jahren für 126 000 Mk. verkauft und dann von der Witwe Burk für 110 000 Mk. wieder über­nommen wurde, ist von der Burk'schen Konkursmasse für 85 000 Mk. an Professor Dr. Leutert verkauft worden. Tas Anwesen ist mit 80 000 Mk. belastet.

" Sonderbare Schlafstelle. Ein fremder junger Mann hatte gestern hier einen Freund besucht und hatte mit diesem stark gekneipt. Heute früh fand er sich in dec Israeli-- tischen Kapelle am neuen Friedhof vor; wie er da hinein- gekommen ist, weiß er eben nicht. Da der Persönlichkeit nach von der Absicht eines Diebstahls nicht die Rede sein kann, so würde Hausfriedensbruch und eventuell Sach­beschädigung in Frage kommen, wenn Strafantrag gestellt werden sollte.

* Verh astet wurde gestern eine Frauensperson, die sich hier seit einiger Zeit aufhielt und ihren Unterhalt da­durch fristete, daß sie unter falschen Vorspiegelungen von besseren Personen Geldbeträge zu erlangen verstand.

* Frischer Blumenkohl im Januar. Der dies­malige müde Winter hat uns neben den üblichen Redaktions- chmetterlingen, Gänseblümchen usw. heute eine besondere Abnormität gebracht, nämlich vollständig ausgewachsenen Blumenkohl, der auf dem Nahrungsberg im Freien ge­wachsen ist.

x Großen-Lrnden, 10. Jan. Der Geflügel- und Kani ncheen zu chtve re irrVolks wohl" hielt gestern abend im Saale des Gastwirts Fischer sein Winter­est ab. Komische Vorträge und sonstige Darbietungen wechselten mit fLotten Tänzen ab. Die Fe,' rede fyicit der Kaninchenzüchter Pannecke-Klein Linden, er gab interessante Mitteilungen über den heutigen Stand der Kaninchenzucht. Am Schlüsse betonte der Redner, daß bei allen Veraüstal- tungen der Vereine ein Kaninchenessen für die Gäste bereit gehalten werden soll, um damit Freunde für die Kleintier­zucht zu gewinnen. Verschönt wurde die Feier durch die Volkslieder, die der GesangvereinHarmonie" unter Leitung des Dirigenten Schüttler vortrug. Besonders lebhaft applaudiert wurde das LiedDas Wandern ist des Müllers Lust".

-r. Reiskirchen, 10. Jan. Ein hiesiger Stein­bruchsarbeiter verunglückte heute dadurch, daß ihm zwei schwere Steine auf den Fuß sielen. Es war ihm nicht mehr möglich, nach .Hause zu gehen. Etwa Mitte Februar jinbet hier Bürger meist erwähl statt. Zum Forstwarten wurde Wilhelm Damm bestellt und bereits in sein Amt eingeführt.

r. Londorf, 10. Jan. Im Kriegerverein hielt am (Samstag abend Geometer Stephan aus Staufenberg einen Lichtbilder-Vortrag. Er führte den zahlreich Erschienenen in wohlgelungencn Bildern alle Arten unserer Schiffe vor Augen, sowie auch die innere Einrichtung und das Leben und Treiben auf dem Schiffe. Zum Schluß zeigte er noch Aufnahmen aus Afrika, die großes Interesse erregten. In fesselnder Weise gab er zu jedem Bild Erklärungen und Erläuterungen, so daß ihm zum Schluß reicher Beifall zuteil wurde.

-r. Burkhardsfelden, 10. Jan. Der 19 Jahre alte Theodor Häuser von hier, der in Gelsenkirchen ar­beitete, scheint" dort einem Verbrechen zum Opfer gefallen zu sein. An Pfingsten v. I. wollte der sparsame junge Mann seinen Eltern mit etwa 400 Mk. Ersparnissen unangemeldet eine angenehme Ueberraschung bereiten; er ist bisher weder rn seiner Heimat npch an jciiter Arbeits­stelle eingetroffen. Auch harte man teiuerler "Nachricht von ihm erhalten. Durch einen am selben Platze arbeitenden Bekannten seines Heimatsdorses, der unlängst zu Hause weilte, tarn erst Licht in die Angelegenheit. Nun kam dieser Tage ein Schreiben an die Bürgermeisterei, wonach unweit eines Teiches eine Leiche aufgefunden wurde, die nach der Kleidung und dem Alter zu schließen, mit der Person des Vermißten identisch ist. Ter Kopf der Leiche fehlt. Häuser soll mit einem Italiener gut befreunder gewesen sein.

-k. Deckenbach, 10. Jan. Die dem Verkehr ent­legenen Orte Deckenbach und Schadenbach bekommen jetzt auch 'Telephonanschluß mit Nieder-Gemünden, was schon jahrelang als ein Bedürfnis empfunden wurde.

* Laubach, 10. Jan. Ter Konzert- und Vor­tragsverein hat durch die Veranstaltung des gestrigen Kirchenkonzerts sich ein nennenswertes Verdienst er­worben, das beweist der äußerst zahlreiche Besuch, der die Stadtkirche bis auf den letzten Platz füllte. Reallehrer Keil, Organist der Paulus gemeinde aus Darmstadt, er­öffnete das Konzert durch ein Präludium, das die Klang­fülle unserer schönen Orgel in ihrer ganzen Schönheit zeigte. Ter Hauptteil des Programms stand unter Leitung des Kirchenmusilmeisters Mendelssohn aus Darmstadt, der die Liedervorträge der Frau Dora Praetorius-Nod- n ag el, in den letzten Jahren in Friedberg wohnend, sowie die Violinvorträge des jugendlichen Fräulein Fuchs aus Darmstadt in vollendeter Weise begleitete. Frau Praetorius- 9tobnagel sang mit ihrem ergiebigen, sehr weichen Mezzo- jügran die Mendelssohn'schen Lieder: Weihnachtslied, In memoriam, sowie das wundervolleSchlummert ein" non I. S. Bach; auch das Beckerffche Adagio, von Frl. Fuchs meisterhaft gespielt, muß Anerkennung fmben. Sehr schön war das Handel'sche Trio ausgeführt. Ein Orgelvortrag des Herrn Keil beendete den hier seltenen Kunstgenuß.

w. Assenheim, 10. Jan. Heute üorinitiag wurde die 13jährige Tochter eines hiesigen Landwirtes plötzlich ohnmächtig. Der heröeigerufene Arzt stellte ,est, das; das Kind sittlich mißbraucht worden ist. Auf Zu­reden der Eltern und des Arztes gestand das Mädchen, daß es mit einem 46 jährigen Eisenbahnbeamten, der in dein Hause wohnt, seit einigen Monaten sträflichen Umgang gehabt hat. Als man den Unmenschen später suchte, um ihn festzunehmen, harte er Selbstmord in der Ridder begangen.

Schönberg, 10. Jan. Am 19. Januar findet in der Marienkirche die Trauung der Prinzessin Edda von Erbach-Schönberg mit dem Prinzen Wilhelm von Stolberg-Wernigerode statt, nachdem vorher am gleichen Tage die standesamtliche Eheschließung beurkundet sein wird. Bereit» am Tage zuvor, am 18. Januar, werden die Trauuugsseierlici!teilen dura; ein gropes Fest einge­leitet, wozu zahlreiche Gäsle auf Schloß Schönberg erwartet werden.

Wetzlar, 10. Jan. Im Walde an der Straße nach Dutenhofen (beim sogen.Spitzenberg") sand am gestrigen Sonntag ein einsamer Spaziergänger die Leiche

einer anscheinend in betender Stellung zus cunm en gekauerten Frau. Bei näherem Zusehen ergab es sich, daß die Person, deren Körper bereits von dem Waldgetier benagt war, sich mittels eines Halstuchs aufgehängt hatte. Ihre Leiche wurde auf erfolgte Benachrichtigung hin alsbald durch die Polizei abgeholt und nach der Friedhofshalle verbracht. Die Unglücklich^ wurde als die seit einigen Tagen vermißte Marie Schneider ermittelt. Wie bereits berichtet, war die Schneioer seit einiger Zeit nicht mehr bei vollem Ver­lande gewesen.

* Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbar st aalen. Nach einer Mitteilung des Hessischen Landes­verbands des Deutschen Vereins gegen den Mißbrauch geistiger Getränke ist die von ihm und dem Bezirksverein Frankfurt a. M. gegründete HeilstättcfürAlkoholkrankein Haus Burg­wald bei Nieder-Ramstadt am 2. Januar eröffnet worden. Im Mainzer Krematorium fanden im letzten Quartal 1909 78 Einäscherungen statt. Von diesen waren 30 aus Wies­baden, 11 aus Mainz und eine aus Gießen. Ter 11 jährige Schüler Schneider fuhr aus einem mit einem Pferde bespannten Wagen, den er selbst lenkte, auf der Sttaße von Dillenburg nach Sechshelden. Mit einem Mal scheute das Pferd, Schneider fiel herab, kam unter die Räder, erlitt erhebliche Verletzungen, an denen er kurz darnach starb.______________________________

Geriehtssaal.

** Standgericht. Gestern verhandelte das ^Landgericht gegen den int zweiten Jahr dienendenMusketter Dahlhaus von der 8. Komp, des 116. Jnf.-Reg. wegen unerl aubter Ent­fernung und Beharrens im Ungehorsam. Der Ge­richtshof bestand aus Major Hoos als Vorsitzenden, Hauptmann Poly und Oberleutnant Wolf als Beisitzern, Leutnant Atöller vertrat die Anklage. Dahlhaus war geständig, in der Nacht des dritten Weihnachtsfeiertages, nack-dem in der Kaserne alles zur Ruhe lag, sich von seinem Lager erhoben mtd wieder angekleidet zu haben. Er hat dann die Kaserne verlassen, indem er über einen Zaun stieg. In diesem Moment wurde er des Postens ansichtig. Er glaubte, dieser sei mit einem ihm bekannten Kameraden seiner Kompagnie besetzt, irrte sich aber darin. Der Posten ließ, wie er als Zeuge bekundete, laut dreimal seinen Hattruf erschallen, auf den Dahlhaus aber nicht achtete, angeblich, weil er die Rufe nicht gehört haben will. Der Angeklagte will in der Nacht in der Stadt gewesen sein, er ist am iDlorgen zurückgelehrt und hat sich ins Bett gelegt, wo er jedoch bald von denc Wache babenben Unter­offizier geweckt und zur Rede gestellt wurde. Ter Posten hatte nämlich den Vorfall gemeldet und eS war leicht, sestzustellen, wer von den Mannschaften in der Kaserne fehlte. Die Kameraden des Tahlhaus erklärten, soweit sie als Zeugen vernommen wurden, sie hätten in jener Nacht nicht gehört, daß Tahlhaus sich angezogen und entfernt hat. Der Anklagevertreter war der Ansicht, daß die vorliegenden Vergehen mit vier Wochen sttengem Arrest zu be- strafen seien, da Dahlhaus bereits früher nach Zapfenstreich in Zivilkleidern in einer Wirtschaft betroffen worden war und die damals erkannte Strafe ihn nicht davon zurückgehalren hat, eilt noch schwereres Vergehen gleicher Art zu begehen. Ter Gerichtshof erkannte auf drei Wochen strengen Arrest. Dahlhaus erkannte das Urteil sofort an.

R. B. Darmstadt, 11. Jan. (Telegr.) Der frühere Kassierer der LoLalvcrwaltung des Zimmerverbandes Jere­mias Wolf wurde von der Strafkammer wegen Untreue zu einemJahrGefängnis und 3 Jahren Ehrverlust ver­urteilt. Tie unterschlagene Summe beläuft sich auf 1600 Mark. Die Tat wurde durch die mangelnde Kontrolle sehr erleichtert, denn es hatte sich 3/i Jahre lang niemand sonst um die Kasse bekümmert. Der Verurteilte wurde wegen der Höhe der Strafe sofort verhaftet.

Der Einsturz des Arantenhauses in Haiti.

DerNeuen Freien Presse" werocn zu dem Einsturz des Krankenhauses in Rai bl (Kärnten) folgende Einzel­heiten gemeldet: Der Platz, auf dem das Krankenhaus gestanden hat, bildet einen Trichter mit einer Weite von 50 Metern. Der Trichter ist falt bis zum Rande mit Wasser gefüllt Das zur Hilfe gerufene Militär sucht Wasser in den nächsten Schacht zu leiten. Man vermutet, daß das Haus 40 bis 60 Meter gesunken ist und fast ebenso hoch mit Wasser bedeckt ist Rach dem Ausspruch der bergpolizei- lichen Kommission scheint weitere Gefahr ausgeschlossen. Unterhalb des Bergspitals befand sich seit Jahrzehnten ein toter" Bleistollen. Durch Sprengarbeiten ist wahrschein­lich das Erdreich derart erschüttert worden, daß der Ein­sturz erfolgte. Die sieben Opfer sind jedenfalls sofort erstickt.

Kleine Tageschronik.

Bei Saaz stürzte in einer tiefliegenden Sandgrube infolge von Untergrabung die ganze obere Erdschicht ab, wo­durch mehrere Arbeiter verschüttet mürben. Bis zum Abend gelang es, einen 70 jährigen Arbeiter als Leiche auszugraben.

In Wilhelmshaven erlitt der Torpedoheizer W e g e - Witz beim Ringen mit einem Oberheizer einen Rückgrat- brnch und starb nach 24 Stunden.____________________________

Die preußische Thronrede.

Berlin, 11. Jan. Ter preußisck^e Landtag wurde heute vom König mit einer Thronrede eröffnet In der Thronrede wird zu­nächst ausgeführt, daß auch in diesem Jahre die Staatsfinan­zen durch die Ungunst der wirtschaftlichen Verhältnisse in Mit­leidenschaft gezogen siltd. Durch die allmähliche Wiederbelebung von Handel und Verkehr sei aber eine Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse zu erwarten, so daß sich die vcranschlagtett Fehlbeträge voraussichtlich nicht unerheblich ermäßigen werden. Immerhin werden die staatlichen Betriebsverwaltungen, besonders die Staats­bahn, keine so hohen Zuschüsse zur Staatskasse liefern wie in den früheren Jahren. Dazu kommt, daß die 200 Mil­lionen, mit denen die Besoldungsaufbesferungen die Staatskasse dauernd belasten, nur zu einem kleinen Teil durch die Staatssteuern gedeckt werden formen. Bei dieser Sach­lage ist möglich st o Zurückhaltung auf allen Ge­bieten der Staatsverwaltung geboten. Zur Erweite­rung und besseren Ausrüstung des Staatsbahnnetzes, sowie zur Unterstützung von Kleinbahnen werden erhebliche Mittel an- gefvrdert. Tie Fürsorge für die schulentlassene Jugend bedingt die weitere Ausbreitung und Entwickelung des Fortbildungs­schulwesens auf dem platten Lande. Ein Gesetzentwurf wird an den Landtag gelangen, in dein für mehrere Provinzen, darunter auch Hessen-Nassau, der Besuch der Fortbildungsschulen zur Pflicht gemacht wird. Der inneren Kolonisation wird die größte Aufmerksamkeit geschenkt werden. Durch einen Gesetzentwurf werden die Mittel zur Gewährung von Zwischenkrediten bei ! Rentengutsbilduugen erhöht werden. Ein weiterer Gesetzentwurf sieht die Beseitigung der kommunalen Doppel- 1 bcftcuerung in den einzelnen Bundesstaaten auf dein Ver­waltungswege vor. Zur Wahl re form wird am Schluß der Thronrede ausgeführt: Endlich harrt des Landtages noch eine ernste Llufgabe: Tie Vorarbeiten zur Reform des Wahlrechts sind dem Abschluß nahe uud eine entsprechende Vorlage wird bem Landtag zur verfassungsmäßigen Beratung und Beschluß­fassung in einigen Wochen zugehen. (Telegr. Bericht.)