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Zweites Blatt
160. Jahrgang
Donnerstag 8. September 1910
Gießener Anzeiger
Erscheint täglich mit Ausnahme beS Sonntags.
General-Anzeiger für Oberhefsen
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expeditton und Druckerei: Schulstraße 7. Expedition und Verlag: 51.
Redaktion: 112. Tel.-Adr.: AnzeigerGießen.
Die „Siebener Familienblätter" werden dem „Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „llreirblatt für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
j)oLitLsche LagesschLM.
„Wichtige Zugeständniffe" der .OLirie.
Durch bic Blätter läuft eine Depesche aus Rom über nne offizielle Stotc des „Ofservatorc 91»mano", wonack) icr Heilige Stuhl zu Unrecht beschuldigt werde, in seinen Verhandlungen mit der spanischen Regierung eine „un- lersöhnliche Festigkeit" bezüglich Behandls ng der religiösen Kongregationen bewiesen zu haben. Im Gegenteil, der -Osftrvatore Romano" sei ermächtigt zu erklären, daß sich >er Heilige Stuhl wie den früheren Kabinetten Spaniens, o auch dem gegenwärtigen gegenübe/: auf das wohl- oollendste zu sehr „gewichtigen Zugeständbtissen" habe bereit urden lassen. Die Depesche schließt die/sen Brief mit den Worten: „Zum Beweise werden einige dieser Zugeständ- ttsse aufgezählt." " Sieht man sich nun im „Osser- ,atore Romano" (Nr. 188) diese angerblichen Zugeständ- lisse etwas näher an, so muß man ftesunen, daß die Er- üllung derartiger, .für ein geordnetes? Staatsleben, wie nau meinen sollte, völlig unerläßlicher Forderungen seitens >er Römischen Kurie als Erweis eines gütigen Wohlwollens gezeichnet werden darf. Man ersieht 'daraus, welche Zu- täude in Spanien bisher geherrscht hab<en, und was sich die Dortigen Regierungen schweigend habe.v von Rom gefallen lassen. Mer solcher Zugeständnisse mtacht die Note im .Osservatore Romano" namhaft, zu her die Kurie sich wbe bereit finden lassen: 1. Die Einschrhinkung der Zahl der religiösen Häuser (Klöster usw.), so dass; alle die aufgelöst veroen, in denen weniger als zwölf O^vensleute residieren, ^vorbehaltlich wünschenswerter Ausnahmen". 2. Die Not- veudigkeit der staatlichen Erlaubnis ,zur Gründung neuer Ordeushäuscr. 3.' Tie Verpflichtung der Ordenskongre- 3ationen zur Zahllrug von Staats st eurer u, wie sie auf an- )eren juristischen Personen oder spa.uischcul Untertanen iegen. 4. Die Pflicht für Fremde, die in Spanien Orden gder Kongregationen gründen wollen, die vom Staate- als puristische Personen anerkannt werden, sich gemäß der bürgerlichen Gesetze zuvor int Reiche naturalisieren zu lassen. Das betrachtet die Römische Kurie als Zugeständnisse gegen Die gegenwärtige Negierung Spaniens und als Beweise iues besonderen Wohlwollens des Papstes in den gepflogenen Verhandlungen! Daraus ^oH man ersehen, wie inkorrekt und ungerecht die spanische Regierung handeln würde, wenn sie in der Frage der Ordcjn und Kongregationen einseitig Maßnahmen treffen wollte, ohne sich vorher der Zustimmung des Vatikans versichert zu haben! O glückliches Spanien! *
Das in England „unbekannte" Borknm,
Bon politisch wohl in formier Lar Seite wird uns geschrieben:
Neuerdings hat der KriegLperLhterstatter der „Daily Mail", Maxwell, in seinem Matt einten Aufsatz veröffentlicht, der neben anheim Unwahrscheinlichkteiten auch die unmittelbare Unwahrheit enthält, daß manJ von einer Befestigung non Borkum bez. von Borkum selbft vor der augenblicklich schwebenden Spionageangelegenheit, überhaupt kaum etwas gewußt habe. Diese Dreistigkeit veranlaßt mich, ein Bruchstück aus einem Gespräch zu veröffentlich,en, das ich dieser Tage während eines kurzen Aufettrthatts in London mit einem der hervorragendsten englischen Pressevertreter hatte. Auch wenn ich es mir nicht notiert hätte, würde ich mich des Inhalts'noch ganz genau entftrmen, und zwar aus dem Grunde, weil diese Unterhaltung für alle Zeiten für die Beurteilung'der Sachlage festgenagelt und festgehalten zu werden verdient. Im Sauf der Unterhaltung meinte ich, daß ich mir im Fall einer Spronage zweierlei denken könne, entweder eine Spionage aus eigene Faust mit der Absicht, später die Ausbeute an Irgend eine fremde Macht
zu verkaufen, die nicht gerade England zu sein brauche, oder aber ein unmittelbares Arbeiten im Dienst einer solchen Macht. Darauf meinte er: ,-Verlassen Sie sich darauf: Wenn es tatsächlich englische Spione sind, dann haben sie nur im Dienste Englands gehandelt. Aber ich kann mir vorläufig nicht gut denken, daß es sich um Spione in diesem Sinne handelt. Demi die englische Admiralität hat einen so vorzüglichen Geheimdienst, daß sie über die Fortifikationen an der Nordsee längst im klaren ist. Wenn es sich allerdings herausstellt, daß es Spionage ist, dann wird es sich wohl nur um englische Spione handeln, wobei die Leute eben so ungeschickt waren, sich ertappen zu lassen."
Diese Ausführungen, die, wie erwähnt, von einem der bedeutendsten und, man darf wohl sagen, bestinformierten Perssevertreter und Politiker Englands stammen, weisen deutlich darauf hin, welche Glaubwürdigkeit den Darlegungen Maxwells beizumessen ist, der entweder vollkommen im Unklaren über die Tatsachen sein oder aber bewußt die Unwahrheit gesagt haben dürfte. In eingeweihten Kreisen ist es ja freilich längst kein Geheimnis mehr, daß die englische Admiralität einen umfassenden Geheimdienst hat. Aber es ist von Interesse, von zuständiger Seite dies nicht nur bestätigt, sondern noch dahin erweitert zu sehen, daß es sich um einen „vorzüglichen Geheimdienst" handelt, der „über die Fortifikationen an der Nordsee längst im klaren ist."
Die Katholikenversammlung und das Deutschtum im Außland.
Vei dem großen Widerhall, den der Augsburger Katholikentag in der deutschen Presse gesunden hat, ist doch nicht genügend beachtet worden, daß auf ihm ein Beschluß gefaßt wurde, der über alle politischen und konfessionellen Gegensätze hinweg die Zustimmung und Anerkennung aller vaterländisch Gesinnten verdiente. Dieser Beschluß befaßt sich mit der Fürsorge für die Auslanddeutschen katholischen Glaubens und lautet:
„Die 57. Generalversammlung ber^ Katholiken Deutschlands macht bid Angehörigen unserer heiligen Kirche im Deutschen Reiche auf die großen Pflichten aufmerksam, welche ihnen gegenüber den katholischen Deutschen im Auslande obliegen. Seit Jahrhunderten sind Tausende von beutschen Katholiken nach verschiedenen Ländern Europas (England, Frankreich, Italien, Rußland), wie auch nach Nord- und Süd-Amerika, Australien usw. ausgewandert und noch immer finden Verschiebungen dieser deutschen Völkermassen im Ausland durch Uebersiedelung nach Argentinien, Brasilien, Kanada einerseits, wie nach Sibirien, Transkaukasien anderseits statt.
Aus religiösen, nationalen, kulturellen und charitativen Gründen ist es wichtig, daß wir mit diesen über die ganze Welt zerstreuten Stammes- und Glaubensbrüdern innige Verbindung unterhalten und, wo dieselbe gelöst ist, wiederherstellen. Wir müssen in ihnen das Andenken an Heimatfamilie und Heimatkirche erhalten, müssen sie mit den geistigen Produkten der heimatlichen katholischen Literatur bekannt machen, sie in religiösen Bedürfnissen unterstützen und in ihnen neben der gewissenhaften Erfüllung aller Pflichten gegenüber dem Lande ihrer Wahl die Siebe zum Ursprungslaiü) und zur Muttersprache pflegen und stärken."
Im Anschluß daran wurde neben anderen besonders auf die Sammelstelle des Cha.ritasverba.nd es für die katholischen Deutschen im Ausland hingewiesen, welche durch Geldgaben und Büchersperrden ihre Pfleglinge in der Ferne materiell und kulturell zu sammeln und zu fördern erfolgreich bemüht ist. Noch letzthin trat der Charitasverband gemeinsam mit dem Verein für das Deutschtum im Ausland für die bedrängten Deutschen in Jamaika ein, deren schreiende Notlage im Hörigen-Dienste von Negern in der deutschen Öffentlichkeit berechtigtes Aussehen erregte.
Englische und deutsche Schiffe im Suezkanal,
Blickt man zurück auf die Verkehrsentwicklung im Suezkanal während der letzten dreißig Jahre, so ergibt sich, daß der Gesamtverkehr des Kanals von Jahr zu Jahr mit un
bedeutenden Rückschlägen beträchtlich ^genommen hat, insbesondere auch der Schiffsverkehr Deutschlands und Englands, daß aber der verhältnismäßige Anteil dieser beiden Mächte an dem Schiffsverkehr sich merklich verschoben hat. Im Jahre 1882 war die englische Schiffahrt mit 81 Proz., die deutsche mit 2'/2 Proz. nach dem Tonnengehalt beteiligt, im Jahre 1909 dagegen die englische Schiffahrt mit 62 und die deutsche mit 15% Proz. Der freilich nur verhältnismäßige Rückgang Englands an dem Gesamtverkehr des Suezkanals bestätigt aufs neue die Abschwächung des englischen Uebergewichts in der Seeschiffahrt durch das Aufkommen anderer konkurrierender Staaten. An der Spitze dieser neuen Staaten von Seegeltung steht Deutschland, das seinen Anteil an dem Verkehr de§ Suezkanals annähernd in ähnlichen Verhältnissen steigerte, wie der englische Anteil zurückging. Indessen haben auch andere Staaten dazu beigetragen, durch Entwicklung ihrer Handelsschiffahrt das englische Uebergewicht zurückzudrängen. Diese Entwicklung kann vom internationalen Standpunkt nicht als ungesund angesehen werden, wenngleich sie in England mißmutig betrachtet werden dürste. Allein die Engländer müssen sich früher oder später mit dem. Gedanken befreunden, daß an dem Fortschritt der Seeschifffahrt auch die anderen Völker teilnehmen wollen, und daß dieses Streben berechtigt ist, wenn es auch den alten Gedanken von der alleinigen Oberseeherrschast Englands beeinträchtigt.
51 Allgemeiner Genosienschaftsiag.
rb. Nauheim, 7. Sept.
Die heutige zweite Hauptversammlung des Verbandes der Deutschen Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschasten beschäftigte sich zuerst mit einem Antrag des Anwalts:
„Der Allgemeine Genossenschaftstag empfiehlt den Genossenschaften für den Geschäftsbericht eine Spezialisierung der Gewinn- und Berlustrechnung, wobei die in den Tabellenformularen des Allgemeinen Verbandes enthaltenen Ausstellungen als Grundlage zu bienen haben."
Dieser Antrag imirbe, nachdem ihn der Berichterstatter, Ber- bandsrevisor Dr. Schneider-Potsdam, näher motiviert, einstimmig angenommen.
Eine längere Debatte rief alsdann ein Antrag des Anwalts gegen die Scheck- und Ouittungssteuer hervor. Der Vorsitzende des Aufsichtsrats des Vorschußvereins zu Filehne, Justizrat Schultz, erörterte zur Begründung dieses Antrags eingehend die schädigende Wirkung dieser Steuer. Es befänden sich in Deutschland ca. 9V2 Millionen selbständige Erwerbstätige; wenn jeder derselben nur 100 Mark Barvorrat halte, so könne man ermessen, wie viele Millionen baren Geldes festgelegt seien. Der Scheckverkehr sei ein vorzügliches Mittel zur Erleichterung des Geldverkehrs. Wenn nun aber trotz der Steuer der Scheckverkehr bedeutend größer geworden sei, so liege das daran, daß nnrx in einer Periode des wirtschaftlichen Aufschwungs leben. Bei einer größeren Anzahl von Genossenschaften sei übrigens der Scheckverkehr erheblich zurückgegangen, eine Anzahl anderer Genossenschaften habe infolge der neuen Steuer den Scheckverkehr ganz eingestellt.
In der Debatte sprach sich Direktor Neugebauer -Breslau sehr zu Gunsten des Antrags des Verbandsanwalts aus.
Direktor Malz- Dresden betont, daß die Wirkung des Scheckstempels eine geradezu verheerende sei und namentlich in volkswirtschaftlicher Hinsicht zu beklagen bleibe. Wenn die Regierung und der Reichstag den Mut hatten, eine solche Steuer einzuführen, so müßten sie, nachdem die schädigende Wirkung offenbar sei, auch den Mut haben, sie wieder aufzuheben.
Direktor Kurt wies darauf hin, daß die erhebliche Steigung des Scheckverkehrs in erster Linie dem Umstand zuzuschreiben sei, daß bei der Statistik die Platzanweisungen mit hinzugerechnet würden. Direktor Ullrich meinte, es gebe noch unangenehmere Steuern als die Schecksteuer, z. B. die Biersteuer (große Heiterkeit). Man solle doch nicht so sehr über die neue Steuer klagen, sonst werde sie am Ende noch verschärft. Nachdem auch der Anwalt, Pros. Crüger, zu dem Antrag noch verschiedene schwer-
Ktinfi, WWenschaßt uttö Leben.
— Das Städtische A rchfiv zu Frie db era i. d. W. 1273—1910. Ein Umriß feiner Geschichte und Bestände. Von Ferdinand Dreher, Friedberg 1910. Verlag des Geschichts- und Mertumsvereir^s Friedberg. Zu beziehen durch die Dpksche Buchl>andlung in £cip$ig. 8° 32 Seiten. In regem Wetteifer arbeitet seit einigen Jahren die Stadtverwaltung mit dem Geschichts«- und Altertumsverein zu Friedberg daran, die Denkmäler der ehenraligen Reichsstadt zu erhalten und nutzbar M machen. Das 1902 gegründete, von Professor Helmke verwaltete Wetterauer Museum enthält in 5 Räumen eine recht stattliche Reihe wertvoller und kostbarer Stücke aus den verschiedensten Zeiten, dtiln sind nach dreijähriger opferreicher und freudiger Tätigkeit des Oberlehrers F. Dreher auch die Archivbestände der Stadt geordnet u^rd der Forschertätigkeit zugänglich gemacht. Sie enthalte« in 4427 Bänden und Heften (1448 ff.) Ratsprotokolle, Gerichts-, Hypotheken- und Lagerbücher, Aufzeichnungen über sj.ente, Kämmerei, Schatzung, Kontribution, Kirchen, Altäre, Brüderschaften, Schulen, Hospitäler, Zünfte u. a. Außerdem lassen zählreiche Desta^ mente, Hausinventare und Verschreibungen für die Fami- lienforschung große Ausbeute, erhoffen. Die Pergamenturkunden (1318 ff.) sind in 7 'großen Kästen untergebracht. Mein noch rund 20000 lose Äkten (15.—18. Jahrhundert) harren der Sichtung und Eiireeihuna. Die von M Foltz im „Urkundenbuch der Stadet Friedberg I. (1273—1410)" verarbeiteten Stücke des GroM. .Haus- und Staatsarchivs in Darmstadt hofft man demnächst, so weit sie Eigentum der Stadt Friedberg sind, dadurch wieder ihrer alten Heimat zuzussthren, daß geeignetere .Miäumtid)feiten geschaffen werden. Das jetzige stimmungsvolle Archivgemach im Liebfrauenkirchturm genügt nicht mehr den erforderlichen Ansprüchen. Der verdienstvolle. Neubegründer deö Friedberger Archivs gibt in seiner Broschüre über all dies genaue Einzelangaben, die für jedermann lesenswert, dem For^- scher ein willlommenes Hilfsmittel find. Nur der Eingeweihte weiß die Fülle der Arbeit zu werten, die hier bereits geleistet ist und noch bevorsheht.
— Der Verein für l^rz iehung, Unterricht und Pflege G.erstesjchwach'kr hält vom 13.—16. September
in Wiesbaden seine 13. Konferenz ab, die wie ihre Vorgängerinnen einer vielseitigen Durcharbeitung der Fragen eines wichtigeir humanen Fürsorgegebietes gewidmet ist. Von den verschiedensten Seiten her ist die menschlick-e Gesellschaft in wachsendem Maße dazu gedrängt worden, den „Stiefkindern der Natur" nicht nur aus Mitleid, sondern auch im eigenen wohlverstandenen Interesse eine nachhaltige Aufmerssarnkeil zu scheirken: man braucht z. B. nur an die im Gange befindliche Neugestaltung der Strafiechts- pflege zu denken, in der die angegebene geistige Minderwertigkeit eine bedeutende Rolle spielt. Die hier einfchlagenden Fragen behandelt der im Jdivtenanstalts- wie im Gefangnismesen erfahrene Oberarzt Dr. Meltzer-Waldheim. Daneben richtet sich die wissenschaftliche Forschung immer energischer auf die noch vielfach im Dunkel liegenden pathologischen Gncndursachen pnd körperlichen Begleiterscheinungen der geistigen Defektzustände. Rtit diesem schwierigen Gebiet beschäftigt sich ein Vortrag des Oberarztes Dr. Kellner von der Hamburgischen Jdiotenanstalt in Alsterdorf, der durch Vorführung charakteristischer Typeir der Schwachsinnigen in Lichtbildern illustriert wird. Ein Hauptstück förderlicher Behaicdlung der Geistesschlvachen ist von jeher der Unterricht gewesen, der von dem Unterricht normaler Kinder in mancher Hinsicht abweichend gestaltet werden muß.' Dem entspricht es, da-ß aus der Praxis der Anstaltsarbeit heraus drei pädagogische Redner (Direktor Pastor Broistedt- Neuerkerode, Lehrer Gürtler- Ehemnitz-Altendorf, Lehrer Schlegel- Dalldorf) verschiedene Themata aus diesem Gebiete erörtern werden. Die Notwendigkeit und die heilsamen Erfolge der Vereinigunig ärztlicher und pädagogischer Maßnahmen veranschaulicht in besonderer Weise das Referat des Dr. phil. Cron, Direktor des „Jugendheims" in Heidelberg: „Zur Technik heilpädagogischer Spezialübungen". Zum Vergleich der deutschen Schul- u:cd An- staltseinrichtungeu für Geistesschwache mit dem Auslande wird der Vortrag des Hilfsschuldirektors E l t e s - E l l e u b a ch aus Budapest über die Verhältnisse in Ungarn Gelegenheit geben. Durch Veranstaltungen zur Erholung und Erftischung wird die ernste Arbeit der Verhandlungen angenehm unterbrochen werden. Für den letzten Konferenztag ist außer den: Besuch der sechsklassigen Hilfsschule in Wiesbaden eine Fahrt nach Id st e in geplant.
— Ein modernes Forum. Aus Rom wird uns gc^ schrieben: Seit Rom sich so außerordentlich bevölkert und erweitert hat und besonders seit die elektrischen Trams eine Neugestaltung der Verkehrsadern erzwangen, hat das ehemalige Herz von Rom, die von Goethe ihres Lebens und Treibens wegen bestaunte Piazza Colonna, ihr vibrierendes Leben an die Piazza Venezia abgeben müssen. Jahrzehnte hindurch dauert bereits die Neugestaltuns
dieses weiten Platzes, schon schien sie endgültig erledigt, da erhoben sich, gerade in diesen Tagen, neue Fragen. Bekanntlich sollte der reizvolle, an den mächtigen Palazzo Venezia angebaute Palazzetto abgetragen und an anderer Stelle neu aufgebaut werden und schon war die Demolierung weit vorgeschritten, als Corrado Ricci, der unermüdliche Kämpfer für die Schätze der alten Zeiten, ein Veto einlegte und einen letzten Vorschlag machte, um wenigstens cinert Teil des bezaubernden Baues zu retten. Es handelt sich um die vierte auf die Piazza S. Marco hinausgehende Seite des Palastes — die anderen drei sind bereits zerstört —; sie besteht aus einer doppelten Ordnung offener Loggien und soll nach Riccis Vorschlag erhalten bleiben. Sie könnte das um so eher, als sie ja, da sie nicht auf der Piazza Venezia gelegen ist, den Durchblick vom Korso zum Monument nicht ftört. Sie würde dann eine Art von Aula! an dem mächtigen Block des großen Palastes bilden. Statt ihrer müßte dem auf der Piazza S. Marco wiedererrichteten Palazzetto eine vierte Seite, die im Stil der drei anderen zu halten wäre, an- gebaut werden. Auf diese Weise bliebe der zierlichste Teil des kleinen Palastes erhalten, ohne die Systematisierung der Piazza Venezia zu stören. Eine anscheinend glückliche Lösung, mit der sich zurzeit das ganze künstlerisch interessierte Rom und speziell eine zu diesem Anlaß zusammengetretene Kommission beschäftigt und die auch die Billigung jener Leute findet, die behaupten, der Heine Palazzetto fei mehr wert als das Riesendenkmal, dessen Ausführung bereits 10 Jahre, etliche zwanzig Mlllionen und die Harmonie eines der großartigsten und erinnerungsreichsten Plätzei RomS und Italiens gekostet hat.
— Eine Papier-Kolonie. Das größte Zeitungs- Unternehmen Europas, die „Amalgamated Preß", die etwa 40 Zeitungen und Magazine in England herausgibt, darunter „Dally Mail" und „Daily Mirror", hat vor nicht langer Zeit mit einem Stammkapital von 24 Millionen Mark eine riesenhafte Papierfabrikanlage auf der waldreichen Insel Terranova im Diorben Amerikas begründet, um ihr eigener Papierlieferant zu sein. Sie hat 800 000 Hektar Wald erworben unb hydraulische Papiermühlen mit 30 000 Pferdekräften aufgestellt, die demnächst auf 80 000 erhöht werden sollen. 2000 Tonnen Papier, genügend, um 40 Millionen Exemplare einer zwölfseitigen Zeitung darauf zu drucken, sind jüngst als erste Ladung nach London ab- gegangen. Amerikanischem Brauch gemäß i|t bei der gewaltigen Fabrikanlage im Nu eine kleine Stadt entstanden, die bereits 3000 Kolonisten zählt. Das "Fällen her Bäume besorgen die auf der Insel ansässigen Kabeljaufischer den Winter über, während die Fischerei pes Eises wegen ruht,


