Ht 285 Setöts Ulcrff Ißg. Jahrgang
(Siebener ilnjci^cr
------------- General-Anzeiger für Dberhesien
Montag, 5. Dezember 1910
JUtefwntbTxit w* Bettet der Brübl'lchen Um»erfu4tl • Bud)- und Stttnbniderei. fL £•*#<» Stehen.
Bfbttftten, Bp>ebttton enb Bruderet: Web
Jtrebe 7. Expedition und Verlag: OL
Stebetttoice^llt. Tet-AdruAnzetgerGieße».
prrffcstlmmev jnr Nrlchrtagxrfatzwahl in tabiau-wrhlau.
Ter SkilfthTL^ £abtau*'IBe^lau ist nicht immer konservativer Besitz gewesen. 1871 mar er im Reichstag national* liberal vertreten, 1878 eroberten ihn die flonservativien, um ihn nach einer freisinnigen Episode (1881—1884) feit lb84 ungestört zu behaupten Auch bei den Blockwahlen gelang ihnen bat mit leichter Mühe Wenn das jetzige Er- gebais auch in der Hauptsache durch die aud) in Labiau- Wehlau fortschreitende Industriali iernng veranlaßt toorbm ist, soviel ist jedenfalls sicher, daß die überraschende Zunahme der fortschrittlichen Stimmen, da von einer Be- vötrerungSsteigecnng im Osten nicht die Rede sein tann daraus zurückzuführen ist, daß einmal 9?a t i o n a ((i b e- rate und Fortschrittler hier im Gegensatz zu den Wahlen von 19 0 7 wieder Hand in Hand gngen, und baß bisher konservative lkreise heute nach der R ich-- sinanzreform nichts mehr von den Konservativen wissen wollen Um die allgemeine Stimmung zu kennzeichnen, geben mir hier einige Pressestimmen wieder:
Vie konservative „flr enzzeitung" schreibt:
Die Liberalen stellen daß ZurÜckdrängm bet Kvaservattven in Labiau-Wehlau mit dem Mondakverlust in Oletzko-Lvck in Parallele. Sie haben damit nicht ganz unrecht. Denn in beiden Wahlkreisen hat eS sich gezeigt, baß auf konservativer Seite die politische Arbeit jahrelang arg vernachlässigt worden ist. Die stete Mahnung, nicht erst kurz vor den allgemeinen Wahlen tätig zu sein, sondern unausgesetzt zu arbeiten und nut den Wählern enge Fühlung zn halten, ist gerade in Ostpreußen leichtherzig in beu Drnd geschlagen morden. Man glaubte dort trotz der aw gestrengten liberalen Propaganda der Wähler sicher zu sein Ja, man scheute anscheinend davor zurück, die konservative Bevölkerung politisch aufzuklären. DaS haben nun Liberale und Sozialdemo. I Traten besorgt, und sie haben infolge brr konservativen Untätig- Tal leichte Arbeit gehabt. Daraus müssen unsere Parteifreunde Iu Ostpreußen endlich eine Lehre ziehen und in eine kräftige Dr- ganisationS- und Agitaturn-arbeit etntreien. Das tut dort bitter m>c. Früher war eS dort auch anders und erheblich besser. Man arbeitete eben und sorgte selbst. Heute scheint man alles von , der Berliner Zentralstelle aus zu verlangen und zu erwarten * Damit fordert man Unmögliches. Selbst ist der Mann! Don - unten herauf, nicht von oben herab muß organisiert toerben.
Geschieht daS, dann hat die Partei nichts zu befürchten.
Die „Deutsche lag e 5 &eitnng" läßt sich also Der- nefjmen:
So bedauerlich dies Ergebnis auch ist, so kommt ihm doch eine besondere Bedeutung kaum zu; man hatte einen ähnlichen AuSgang vielmehr auf der Reckten wohl nicht nur befürchtet, sondern als ziemlich wahrscheinlich erwartet. Und wenn man »erurutlich von ber anderen Seite die Wendung von einem .Jtoeilen Oletzto-Lyck" hören wird, so schießt eine solche Bezeich- ■ nung erheblich daneben. 3*n lOletzko hatte sich mehr als die t)ilfte der gesamten bürgerlichen Wählerschaft mit einemmal auf die linke Seite geworfen; in Labiau-Wehlau dagegen hat die ' Linke mir die Stimmen erobert, die der Konservative 1907 gegenüber dem Status fast aller früheren Wahlen hinzugewonnen 1 batte: Denn tatsächlich schneidet der konservative Bewerber nicht ictlechter, ja noch crwas besser ab als 1903 ober gar 1898. Diese Behauptung des früheren WählerstandeS ist aber um so höher aruufdjlagen, als diesmal nicht nur die von Natur mehr dem - Liberalismus zu neig enden mittelparteilichen Elemente zum Freisinn abgeschwenkt sind, Haubern auch der liberale Bauernbund zugunsten des (Gegners des Schutzes der nationalen Arbeit tätig gewesen ist. Man wird die Einzelheiten des Wahlergebnisses abroarten müssen, um über die Verschiebuna der Parteiverhält- msse Klarheit zu gewinnen. Mit einiger Sicherheit wird man aber schdn jetzt sagen können, daß unter besonders schwierigen Umständen der Grundstock der konservativen Wählerschaft der alten Fahne treu geblieben ist, und daß insbesondere aus dem flachen Lande die Bauernbunds-Agitation ein deutliches Ziasko erlitten bat; und bat wäre immer noch eM nicht unerfreuliches Ergebnis!
Die „Freisinnige Ztg." friert den fortschrittlichen Seeg wie folgt:
Die Fortschrittliche BolkSpartti darf sich dieses AuSganges mit vollem Rechte rühmen, und sie darf die empfindliche Niederlage, die sie den Konservativen beigebracht hat, um so lauter feiern, alS die Bedeutung des Ereignisses weit hinauSreicht über die Grenzen des Wahlkreises Labiau-Wehlau und über die Provinz Ostpreußen. Der Ausfall der Wahl ist vielmehr bedeutungsvoll für ganz Deutschland und beleuchtet ebenso grell die innere Gesamtsituation, wie es seinerzeit die Wahl in Oletzko-Lyck getan hat. Noch ist die Entscheidungsschlacht nicht geschlagen, noch steht die Stichwahl bevor, von der es abhängt, ob der Fort- fchritllicheu Volkspattei auch daS Mandat jenes Wahlkreises zu- fällt. Aber der Eindruck der Hauptwahl, das gewaltige Vordringen des entschiedenen Liberalismus und der außerordent- 114e Rückgang des AgrariertumS, bleibt unter allen Umständen bestehen.
Die „Natl. Korresp." schreibt:
Nach Oletzko-Lyck — Labiau-Wehlau! Die Konservativen haben die zweite schwere Niederlage im Osten erlitten. Sie sind seit 1884 im ununterbrochenen Besitz des Wahlkreise- Labiau- Wehlau (Königsberg 2) und hegten 1907 im ersten Wahlyange mit einer Mehrheit von weit über 6000 Stimmen. Bei der gestrigen Ersatzwahl haben sie einen Rückgang von etwa 4500 Stimmen zu verzeichnen, die bi- auf einen kleinen Teil in- Lager deS Freisinns adgeschwentt sind. Dessen Stimmenzuwachs ist auf etwa 3700 zu beziffern DaS Ergebnis ist Stichwahl -wischen Konservativen und Freisinn, dereri Aussichtslosigkeit für die ersteren die „Deutsche TageSzta." selbst zugibt. Bei den letzten drei ReichstagSwahlen hat sich daS Stimmenverhältnis so gestattet:
Kons. Frey. Soz.
1903: 7 127 2 021 5 066
1907: 11 675 1 760 3 179
1910: 7 064 5 441 3 594
(Tie Zahlen für 1910 sind nach den neuesten Meldungen richtig zu stellen. D. Red. d. ö. A.)
Danach sind die Konservativen noch hinter den Stand van 1903 zurückaeworfen worden, obwohl eS sich um einen rein ländlichen Wahlkreis handelt: von etwa 20 000 Wahlberechtigten gehören nur etwa 2800 den kleinen Städten Labia», Wehlau, Tatnan usw an! Dabei fällt eS noch besonders ins (Gewicht, daß eS der Freisinn ist, dem hier trotz seiner unrtschcistspolitllchen Qhunbanfdxiiiungen fast 4000 ehedem konfervativ-aararische Stim- men zugefallen sind; e« kann nicht zweifelhaft sein, daß diese Niederlage von Labiau-Wehlau den katastrophalen Charakter von Oletzko-Lyck angenommen Haban würde, wenn den Konservattven auch hier ein Nation al liberal er Oegenfanbibnt gegen übergestellt tabtu wäre.
SXe fidtonfervatLnc „P o st"' meint:
So betrüblich der Uebergang des konservativen Sitzes an die Fottschritller ist and so verfehlt eS wäre, sich über den Ernst der jetzigen politischenz Entwicklung, der auch in diesem Falle zum Ausdruck kommt, zu täuschen, so ist das Bild doch ein wesentlich anderes, als bei der Nachwahl Oletzko-Lyck, bei der eine urkonservative Lvählerschaft zum Liberalismus, wenn auch zunächst rum Rechtsliberalismus, übergegangen ist. Die Parteizahlen schivanken, wie aus obigen Ausführungen hervorgeht, gerade in diesem Wahlkreise sehr stark, und die Verhältnisse scheinen uns richtiger so charakterisiert zu sein, daß einem geschloffenen ftem von etwa 7000 konservativen Stimmen ein geschlossener tferu von etwa 3500 sozialdemokratischen Stimmen gegenüber» steht, während in der Mitte »wischen beitxn bald mehr nach rechts, bald mehr nach links sich netgenb, aber immerhin in der Dauptfache antisozialdemokratisch, eine Gruppe von ca. 5000 Wählern stehl.
Die „flöht VokkSztg.", daS Hauptzentrurnsblatt, stellt fest:
Es ist doch twfsallend, daß gerade die Wahleschichte bei preußischen NordostenS so manche plötzliche politische Wandlung zeigt. Wie überraschend wirkte seinerzeit die sozialdemokratiscl>e Flutwelle, die plötzlich über weite ländliche Gebiete jenes Landesteües hinging! Diese Welle ist vielfach wieder jurüdgcflutet, und jetzt macht man ähnliche Erfahrungen mit einer liberalen Strömung, die noch dazu in Gegenwv steht zu dem starken Rückgang des Liberalismus, der sich im übrigen Deutschland bei den Ersatzwahlen gezeigt hat Es gibt zu denken, daß gerade eine politisch sonst weniger regsame oder aufgeklärte Bevölkerung solchen plötzlichen Gegenströmungen so leicht erliegt. Das sollte überall beachtet werden.
Der „$an Streder"
Da diesen Dienstag in der hessischen Zweiten flammet die schon kurz mitgetellte Antwort des Ministers v. H o m b e r a k aus die Anfrage über die Maßregelung des Oberlehrers Dr. Sttecker zur Besprechung kommt, wollen ivir die Erklärung des Ministers im Wortlaut geben:
In Nr. 93 der „Oberhessischen BolkSblätter, Bad Nauheimer ?lnzeiger" vom 23. April d. I. hat der Oberlehrer an der Ernst-Ludwig-Schule zu Bad-Nauheim, Dr. Sttecker, unter der Ueberschrist „Sonnta^Sgedanken" mit seiner NamenSunter- schrift einen Aussatz veröffentlicht, der eine Stelle des an der genannten Schule amtlich eingeführten katholischen SchullatechiS- muS kritisch behandelt und mit Bezug auf diese Stelle u. a. den Satz enthält: „Darum meine lieben jungen Freunde halte ich es für richtig, wenn Ihr hingeht und tut das Gegenteil won dem, was Euch der katholische Schulkatechismus lehrt." Wenn ein Oberlehrer in einem Lokalblatt seines Amtssitzes seinen „lieben| Hungen Freunden" mit seiner Namensunterschrift eine auf ein Schulbuch bezügliche Mahnung erteilt, so wird der unbefangene Leser unter den angeredeten jungen Freunden jedenfalls zunächst die Schüler jenes Oberlehrers verstehen und ganz besonders werden diese Schüler selbst, denen das Blatt in der Familie in die 5>and kommt, jene Mahnung als an sich oder doch mit an sich gerichtet, aufsassen. Dessen hätte sich Dr. Strecker bei seiner Beröisentttchung bewußt fein müssen, und wenn er nachträglich erklärt hat, daß er nicht an Schulkinder gedacht habe, sondern an junge Leute, die Vaterhaus und Schule verlassen, so ändert biefl an der Sachlage nichts: denn es handelt sich ja nicht etwa um eine Frage der äußeren Ordnung, hinsichtlich deren der Austritt aus der Schule den Uebergang in andere Verhältnisse bildet, fonbem um eine religiöse Frage. An religiöser Hinsicht aber kann für die Schuljugend nicht richtig lein, was für die auS der Schule entlaffene Jugend falsch ist hiermit stellt sich die Mahnung des Dr. Strecker als ein B e r s u ch dar, sich zwischen die katholische Jugend und die mit amtlicher Genehmigung dieser voraetrage- n e n Lehren in der Kirche z u drängen. Ein solcher Versuch ist aber geeignet, die Seele der unreifen Jugend p verwirren und zu oorzettigem und darum aesährlichem KrittziSmuS zu verführen. Die kirchlich-gläubigen katholischen Eltern muß eS mit Mißtrauen gegen die Schule erfüllen, an der ein Lehrer wirkt, der als Andersgläubiger ihre Kinder religiös zu beein- iluffen sucht. Der katholisch-religiöse Lehrer endltch hat Grund, sich über mangelnde Kollegialität zu beklagen, denn ihm wird die Ausübung seiner pflichtgemäßen Lehrtätigkeit durch das unberufene Dazwischenreden eines Amts- genossen durchkreuzt und , schwer t.
Unsere öffentlichen Lehranstalten sind paritätisch. Sie werden von evangelischen, katholischen und jüdischen Schülern besucht und e4 wirken an ihnen evangelische, katholische und, wenn auch in geringerer Zahl, jüdische Lehrer. Jeder Lehrer von religiöser Ueberzeugung hält naturgemäß manche Lehre der anderen Bekenntnisse für unrichtig und nun versuche man sich ein Bild von den Zuständen ju machen, die ein reißen möchten, wenn es Brauch würde, daß in ein und demselben Lehrerkollegium der Christ dem Juden, der Katholik dem Evangelischen und der Evangelische vielleicht den beiden andern in der Weise des Dr. Strecker die Tätigkeit erschwette, inbem er in voller Deffent- lichkeit die Jugend gegen das zu Widerspruch aufriese, was von den anderen in Erfüllung der ihnen auf erlegten Pflicht gelehrt wird.
ES liegt auf her Hand, daß sich die Aufsichtsbehörde einer ernsten PslichtversäumniS schuldig gemacht hatte, wenn sie nicht dem ersten Versuch in dieser Richtung, der zu ihrer Kenntnis kam, fatort entgegengetretrn wäre und zwar mit besonderem Nackidruck, da es sich um einen Mann von mehr als gewöhnlichem Drang zur Oefsentlichkheit bandelte
Von diesen Erwägungen war die Aufsichtsbehörde geleitet, als sie im Mai d. I. erst mündlich und dann schriftlich dem Dr. Strecker ihre ernste Mißbilligufta auödrückte und ihn daraus aufmerksam machte, daß er an Falle weiterer derartiger Verfehlungen fehr strenge Maßregeln zu gewärtigen hätte.
E» handelt sich hieriiach keineswegs um ein politisches Vorgehen, wie man in befremdender Fehlsicht in einigen öffentlichen Blättern glauben zu machen versucht hat, sondern um die Zurückweisung eine« Verstoßes gegen den pädagoaischen Takt, die amtliche Disziplin und die Pslicht der Kollegialität. Ich unterlasse Übrigens nicht hinzuzufügen, daß Dr. Sttecker einaeräuml hat, einen Angriff begangen zu Haven, der nicht wieder Vorkommen solle.
Vie Moabiier Straheiilrawalle vor Gericht.
Ihne Erklärung deS Ersten StaatSenwallS
> Berlin, 3. Dez.
Die bereits angedeutete Möglick/kkit, daß die Staatsanwaltschaft noch auf die neuen Zeugen ^unlngreifni werde, die sich infolge des Aufrufs des Poli-crprasidenten Jagow gemeldet haben, hat sich bewahrheitet. Zu Beginn der heutigen Sitzung erklärte der Erste Staatsanwalt: Es sind im Laufe der Verhandlung viele Zeugen aufgetreten, die über das Verhalten der Polizei während der Unruhen ausführliche uud zum lei! ungünstige Anaaben gemacht haben Nachträglich find bei mir aber zahlreiche HRnbunatn von Personen dnaegangen, die bereit sind, aU Zeugen auuuirMn. Es haben sich bei nur 70 Leute ge»
meldet, die ausführliche Beobachtungen über da- Verhalte» ber Polizei gegenüber den Demonstranten gemacht haben und vor Gericht aussagen wollen. Ich überreiche dem Gerichtshöfe die Liste der 42 Personen, deren Ladung ich vor^ läuftp beantrage. Außerdem beantrage ich noch, den Geschäftsführer Burchard zu laben, der eigene Bekundungen machen soll darüber, wie sich die Streikenden und die Arbeitswilligen bei Streiks im Stadtteile Moabit zu verhalten pflegen.
Der Gerichtshof gibt dem Anträge des Staatsanwalles auf Ladung der von ihm benannten Zeugen statt.
Darauf wird in der Erörterung ber einzelnen Anklagepunkte fortgefahren. IDer Angeklagte Kliche soll, während er auf einem Leiterwagen saß, mit Steinen geworfen und dabei einen flnaben verletzt haben. Der Angeklagte behauptet, daß er bei seiner Sistierung geschlagen und auch in der Zelle mißhandelt worden sei.
Ein Drogist Weißmüller hat von den Mißhandlungen nichts gesehen. Er meint, der Angeklagte sei von den Schutzleuten eher zu anständig behandelt worden, lieber diesen Ausdruck kommt eS zu einer längeren Auseinandersetzung zwischen der Verteidigung und dem Zeugen.
Der iroeüe Staatsanwalt Stenzel bringt hierauf znr Sprache, daß im Falle des Angeklagten Weidemann Anttäge gestellt worden seien, die darauf schließen lassen könnten, als ob das Verfahren gegen Weidemann niedergeschlagen werden sollte/ wenn er einen bestimmten Betrag an die Schutzmannskasse zahle. Der Angellagte Weidemann sucht diese Sache auf>uHären,. Er habe aus dem Polizeipräsidium gefragt, wessen er beschuldigt werde und sich wegen seiner Handlungsweise entschuldigt, ba er in einer Lage gewesen sei, von der er gar nichts iwehr wisse.
Angekl.: Das Verfahren gegen mich ist nicht eingestellt worden, well ich die 25 Mark, wie mir vorgeschlagen wurde, an die Schutzmannskasse zweimal nicht bezahlt habe.
R.-A Heine: Für das Sttafmaß wird e4 jedenfalls bezeichnend sein, daß die Sache hier mit 25 Mari aus der Welk gesch: t werden sollte. S t a a t s a n w a l t: Es ist dem 2ln- geflü'n lediglich nahe gelegt worden, sich zu entschuldigen, well er .'luen eigenen Vater beleidigt habe.
Nach einigen weiteren Vernehmungen wird die Verhandlung üertagt
Aus StaOr und Land.
Dießen, 5. Dezember 1910.
Die Studierenden und die Jugend des Volke».
Da- war daS Thema eines am 2. Dezember in Stein- Garten verarrstalteten Vortragsabends der .hessischen Jugendhelfer-Verrinigun^. Der Vorsitz lag in Händen des Rektors, Geh. Rot Professor Dr. Biermann, deo die Anwesenden, besonders die geschlossen vertretenen Korporationen begrüßt: die Zusammensetzung der Versammlung mit ihrem Uebertmegen der Korporationen beweise, wieviel geistiges Leben und Vorwärts streb en noch in diesen herrsche. — Redner des Abends war Professor Dr. Stein von der Frankfurter Akademie. Er begann mit einem Vergleich» zwischen dem Nein staatlichen und Neinstädtischen Deutschland von vor 100 Jahren mit dem 65 Millvonenvvlk unserer Tage mit seiner überwiegenden Großindustrie und Großstadtbevölkerung. Die AufwürtSbewegung unseres Volkes', die vor 100 Jahren rinsetzte, zog ihre Kraft aus den Universitäten, Professoren wie Studenten. Man braucht nur an das blühende Leben der damals neuaegrünbetat Berliner Universität und an die alle Burschenichoft zu: denken. ES ist ja doch auch nicht die Wissenschaft der letzte und höchste Zweck des Studierens, sondern das Leben. Heute, im 3ritalter einer sozialen Umbildung und — infolge ber Komplikation der Verhältnisse —,-auch Urtbinnmg/ tritt aufs neue an den Studierenden die Ausgabe, sein Studium letzlich als Studium der ihn umgebenden Lebens-' Verhältnisse aufzufafserr. Das gehört ganz einfach zur not* wendigen Vorbereitung für jeden fhibiertrn Beruf. Daher die ernste Mahnung: Treibt soziale Studien? Teilnahme an sozialer Arbeit! Solche Arbeit fort nicht nur direkt anderen nützen, sie soll den Arbeitenden selbst bilden. Und zwar ist das die besondere Shifgabe: die Strebsames aus ber Masse der Arbeiter und kleinen Leute herauszufteberr, damit sie ihrerseits zurückwirken auf ihre Schichten. Das gilt vor allem für die Jugend utnseres Volkes. Welcku- Notstände steckep ba allein hinter den beiden Zahlen ber 40 000 Znrangszöglinge und der jährlich 50 000 straffälligen: Jugendlichen, deren Gesamtzahl allein an männlichen sich auf rund 3 Millionen beläuft Ein überwiegend großer Teil von ihnen ist vom 14. Jahr an dem Elternhaus entweder entnommen oder doch in so gelockertem Verhältnis' zu ihm, daß von einer geregelten Erziehung nicht mehr: die Rede sein kann. Das muß ja $u Entartungen führen! Ta hilft kein Klagen und Anllagen. Da Hilst nur Hand- anlegen. Studierende und Studierte voran! Schon smd» npanche Kreise, kirchlrche, kommunale, humanitäre, jetzt auch volittschc in ber Arbeit voran gegangen. Ja man tarnt förmlich von einem „Kamps um bie Jugend" reden, sofern manche Kreise die Jugend eben mehr nur bearbeiten, um sie in bestimmte Parteien irgendwelcher Art zu bringen. Recht Jugendarbeit aber soll die Jugend nid^t nur Objekt fein, sondern zieht sie mit heran zu eigener Tätig kett. ES sind in dieser Richtung gerade einzelne konfessionelle Jugendvereine, z. B. der große Frankfurter Wartburg- Verein, mit gutem Beispiel borangeganaen. Es fehlt aber die Mitarbeit ber gebildeten Jugend. Bildung verpflichtet' Nicht als ob das Vorrecht der akademischen^ Jugend aut Freude und Frohsinn verkürtt werben und die Jugend einseitig in soziale Arbett gestoßen werben sollte. Aber von ber üblichen Freude des Studertten ist doch manches schaal und kann wohl durch besseres ersetzt werben. Vorbilder haben wir darin an beit englischen Studenten, die vielfach ihre Ferien, manchmal ganze Jahre in den Armenvierteln der großen Städte zudringeii, dort Freunde be-5 Volks zu sein. Solche Arbeit bringt Freude und immer wieder neue lleberrajdangen. Denn in den Tiefen des Volkes lebt ein Bildungshunger, der manchen sog De oilbeten beschämen könnte. Und wenn der groß.n Masse das fehlt, loas wir Bildung nennen, ja woher soll es komnten! Da, wo der Hunger erwacht, beim 14., 15. Jahr. hört \a die Schule auf und das rauhe, rohe Leben der Straße, der Fabrik herrscht unnmschlränkt Ddan kann e* nur mit größter -lchtung sehen, wenn ba dennoch bet aar nicht wenigen, eine volle, teidK Bildung erwächst, bi. eit anders ist, als die akademische, aber eben doch vollwertig. Bildung. Wollcm mir toeiterhelstn machen wir den ,'ir* beiter-, den SöauemEtnbem du- Vaterland lieb mit seiner


