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5.11.1910 Fünftes Blatt
 
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Mstes Blatt

Nr. 260

160. Zahrgang

Giehener Anzeiger

Lrschektt KgN- mit Ausnahme deS Sonntags»

General-Anzeiger für Gberheffen

DieSietzeuer ZamNlettdlStter" werden dem »Anzeiger^ viermal wöchenllicb beigelegt, das Kreisblatt für de» Kreis Lietzen" zweimal wöchentlich. Die ^andwittschastltche» Leit- tragev" «scheinen monatlich zweunal.

Samstag, 5. November 1910

Rotationsdruck und Verlag der Brühlfchen Universitäts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul-

straße 7. Expedition und Verlag:

Redaktion:^OI12.Tel.-AüruAn-eigerGießen.

Die amerikanischen Longrehwahlen.

Arn Dienstag nächster Woche finden in den Vereinigten Staaten von Nordamerika die Wahlen zum Repräsentanten­haus, zum Kongreß, statt, mit denen gleichzeitig auch die Wahl der höchsten Beamten der einzelnen Staaten, der Gouverneure, verbunden ist. Diese Wahlen bedeuten dies­mal einen Schicksalstag für das amerikanische Volk, weil es nach den ihnen vorangegangenen Ereignissen äußerst zweifelhaft ist, ob die Republikaner noch die Mehrheit des amerikanischen Volkes hinter sich haben, und nicht die Demokraten, und weil hiervon nicht nur die Besetzung der Gouverneursposten und indirekt die Zusammensetzung des Senats, sondern auch die Frage abhangt, wer im Jahre 1912 zum Präsidenten der Union gewählt werden wird, ganz abgesehen natürlich von den Wirkungen, die eine solche Umwälzung für die innere und äußere Politik der Union mit sich bringen muß.

Daß die Aussichten der Republikaner, ihn Repräsen­tantenhaus auch diesmal wieder eine Mehrheit zu er­langen, seit dem Amtsantritt des Präsidenten Tast be­deutend gesunken sind, wird wohl ganz allgemein an­erkannt. Das liegt weniger an der Persönlichkeit Big Bills, als vielmehr daran, daß das amerikanische Volk zu der Ueberzeugung gelangt ist, daß das unausyör- liche Steigen der Preise aller Lebensmittel und Bedarfs­artikel aus den unter Taft eingeführten Payne-Aldrich-- tarif zurückzuführen ist, von dem allein die Trusts, denen Taft seine Wahl zum Präsidenten verdankte, einen sehr großen Vorteil Haden. Diese Trustpolitil Tafts muß aber Die Wählermassen den Republikanern umsomehr entfrem­den, als sie vor zwei Jahren eine Ermäßrgung der Hoch­schutzzölle zu Gunsten der Konsumenten in Aussicht ge­stellt hatten, dieses Versprechen aber nicht nur nicht ein- lösten, sondern die Zölle im Payne-Aldrichtarif noch weiter erhöhten. Daneven aber beherrscht das amerikanische Volk noch eine steigende Erbitterung gegen die großen Elsenbahngesellschaften und die Trufls überhaupt, weil diese nicht einsehen wollen, daß sie bei ihrer Taris- und Preispolitik aus das Gemeinwohl und die kleineren Unter» nehmer Rücksicht zu nehmen haben. Diese Strömung ist aber sür die republikanische Partei deshalb sehr fatal, weil sie gerade in den großen Erwerbsgesellfchasten ihre Haupt­stütze findet, und chre Führer, die Bosses, ja, sogar ein großer Teil ihrer Mitglieder, int Repräsentantenhaus mit den Trusts mehr oder weniger eng liiert, wo nicht ge­radezu von ihnen abhängig sind.

Man begreift, daß die Aussichten der Demokraten sür die bevorstehenden Wahlen ganz bedeutend gestiegen sind, weil diese sür eine Ermäßigung der Schutzzölle eintreten und auch den energischen Kampf gegen die Trusts auf ihre Fahnen geschrieben haben. Dazu kommt aber noch, daß Die Demokratische Partei, bezw. ihr Führer William Jen- nings Bryan, heute zum ersten Mal einen Punkt des demokratischen Programms, den der Einführung der Silber- prägung, der die Demokraten bis an den Rand des Ab­grunds brachte, hat fallen lassen. So schiene ein Sieg Der Demokraten bei den Wahlen nahezu super, wenn nicht durch das Auftreten des Expräsidenten Roosevelt in den letzten Wochen die Wahtsitualion einigermaßen un­deutlich geworden wäre. Er hat unter dem MottoSo tann's mit dem Schutzzoll, den Trusts und den Bosses nicht weiter gelten" ein funkelnagelneues, radikal an­mutendes Programm entworfen und sich damit an die Spitze der Insurgenten", des linken Flügels der repu- blilanischen Partei, gestellt, der mit der Tastschen Poli­tik unzufrieden ist und gegen die Parteireaktionäre rebel­liert. Seine Lehre von demneuen Rationalismus" gipfelt im wesentlichen in einer bisher unerhörten Mächtstarkung des Präsidenten, sowie der Zentralregierung, unter gleich­zeitiger Verminderung der Selbstverwaltungsrechte der Einzelstaaten, in einer rücksichtslosen Tarifreform, in einer energischen Bekämpfung der wirtschaftlichen Kartelle und in einer Erklärung des Kampfes gegen die durch die Bosses in die Partei getragene Korruption.

Im Westen Der Vereinigten Staaten hat man Roosevelt und seinem Programm zugejubelt, im Osten dagegen ist man von chm abgerückt, und wenn er auch auf dem Staats­konvent in Saratoga einen persönlichen Steg über Sher­mann und die Rechtsrepubli.aner erfochten, so i|t es doch Ungemein fraglich, ob die Spaltung in Der republikanischen Partei ihre Wahlaussichten nicht weiter vermindern wird. Auf der anderen Seite allerdings nähert sich Roosevelts Programm so sehr dem demoircttischen, daß man vielleicht nur an eine geringe Verschiebung des republUanischen Be­sitzstandes zu gunsten der Demoiraten bemen tonnte, wenn nicht Roosevelt mit seiner geforderten Machterhöhung des Präsidenten das SchlagwortDiktator" in den Wahltampf geworfen hätte, das amerikanischen Ohren viel zu m'ißtomg und gefahrdrohend klingt, um, von den Demokraten gehörig ausgeveutet, nicht viele Wähler zu veranlassen, ins demo­kratische Lager überzugehen.

Denn daß Roosevelt sür das Jahr 1912, obwohl ein ungeschriebenes Gesetz" die dritte Amtsdauer verbietet und er selbst vor seiner letzten Wahl das Versprechen gegeben hat, unter keinen Umstanden meyr zu kandidieren, wieder nach der Präjidentenwürde trachtet, und somit sich selbst die Erweiterung seiner Machtbefugnisse sichern will, kann wohl keinem Zweifel unterliegen. Ob er aber wirklich Präsident wird und nicht die Demokraten Bryan ober Gay- nor, wird neben dem allgemeinen Ausfall der Kongreß- Wahlen im wesentlichen von der Gouverneurswahl im Staate Rewyork abhängen. Die Persönlichkeiten der beiden Gou- verneurslandiDaten, des Repnolitaners Stimpson und des Demokraten Dix, sind hierbei von sehr untergeordneter Bedeutung. Der Ausfall der Newyorker Gouoerneurs- wahlen Pflegt aber symptomatisch zu sein für den Ausfall der amerüa.iischen Präsidentenwahl, wie die Staatswahlen in den Reu-Englandstaaten, wo diesmal die Demokraten siegten, das Ergebnis der ihnen folgenden Kongreßwahlen anzuzeigen Pflegen. Und wenn trotz DerStumptour" des Exprufioenlen Roosevelt, tote wir gezeigt haben, die Chancen der Republikaner bei der Diesmaligen Wahl schlecht stehen, so ist das für die Wahl Roosevelts zum Prüf identen vielleicht noch mehr der Fall. Die Newyorker Geschäitswelt istz der

ewigen Störungen, die Herr Roosevelt in das wirtschaft­liche Leben der Union trägt, müde, und die Wetten, die man jetzt in Newyork auf Stimpson und Dix abschließt, stehen eins zu drei.

DieWahrheit" voc Sericht.

X 4 9 er Litt, 4. Nov.

Zu Beginn der heutigen Sitzung liegt ein ärztliches Attest des Angeklagten Weber aus Lankwitz vor, wonach sein Er­scheinen unmöglich ist, da er einen Nervenchok erlitten habe. Der Vorsitzende bemerkt hierzu, daß nunmehr die Abtrennung der Anklage gegen Weber notwendig geworden sei, wenn man nicht vertagen wolle. Ware der Angellagte Weber un­entschuldigt fottgeblieben, dann könnte man weiter verhandeln. Der Staatsanwatt fragt, ob das Attest über den Gesundhctts- zustond des Angeklagten Weber vielleicht zurückgezogen werde. Der Vorsitzende hält das für prozessual unmöglich und der Ge­richtshof beschließt, die Sache Weber abzutrennen.

Auf eine Frage des Vorsitzenden, ob Kriminalkommissar Dr. Kopp kommen werde, erklärte der Staatsanwalt, daß er noch keine Nachricht habe, eventuell aber auf diesen Zeugen verzichten werde. Als die Verlesung der Artikel über den Spieltlub Berolina" beginnen soll, stellt R.-A. Dr. Schwindt den An­trag, Redakteur Dr. Liman als Sachverständigen darüber zu hören, daß es sich um seriöse Artikel handele, sonst rnüife man alle Artikel verlesen. ; Der Staatsanwalt bittet, die Artikel zu verlesen, einige könne man ja auslassen. Ter Sachverständige Dr. Liman erklärt, er könnte sowieso nur ein allgemeines UrteÜ abgeben. Der Gerichtshof beschließt darauf, sämtliche Artikel zu verlesen.

Es handelt sich bei dem KlubBerolina" um jenen exklusiven Spieltlub in der Bellevuesttaße, in dem nächtlicherweile die Grotz- konsektionäre Berlins und andere durch leichten Gewinn reich­gewordene Größen des Berliner Handels und der Berliner Iw- Duftrie ihr Geld wieder an den Mann zu bringen pflegten. Der Klub kam schließlich in Differenzen mit der Polizei und in der Folge beschäftigte sich auch die Presse mit ihm, als betannt wurde, daß in ihm jede Rächt ungeheure Summen gewonnen und ver­loren wurden. Vor allem war es auch hier DieWahrheit", die den Kampf aufnahm und gegen die Spielhölle wetterte. Den MttglieDern des Klubs war es natürlich unangenehm, in die öffentliche Beleuchtung gerückt zu werden, und sie beauftragten den Klubvorstand, aus irgend eine Weise den Angriffen ein Ende zu machen. Der Vorsitzende begab sich daher mit einem Ritt- giiebe des Klubs zum Eafstier Drei wurst, den Besitzer des Eafs Keck in der Passage, und fragte diesen, ob er etwas dazu tun könne, daß die Angriffe untmneben. Dreiwurst sagte seine Vermittelung zu und riet dem Klub, eine Annonce für die Wahrheit" auszugeben. Der Klub war damtt cinoer[tauben, und durch Vermittlung von Dreiwurst wurde ein Inserat in der Wahrheit" be ft eilt und zwar für die Kaffee-Großhandlung Keck, das jährlich 1000 Rtark kostete und auf Rechnung des Klubs ging. Der Angeklagte Paul Bruhn soll bei der Vermittlung des Jnseratengeschästs Dreiwurst aber ausdrücklich darauf auf­merksam gemacht haben, daß Damit nicht etwa das Schweigen derWahrheit" erkauft werden könne. Es sind in der Folge denn auch noch weitere Artikel gegen den Klub in der Wahrheit" erschienen, und infolgedessen bildeten sich Differenzen zwischen Dreiwurst und Bruhn auf der einen, und Dreiwurst und dem Klub auf der anderen Sette heraus. Die Angeklagten Paul und Wilhelm Bruhn wollen auch in diesem Falle durchaus korrett vorgegangen sein.

Inzwischen ist der Angeklagte Weber an Gerichtsstelle er­schienen. Er macht jedoch einen leidenden Eindruck und man ist im Zweifel, ob er der weiteren Verhandlung folgen kann. Er erllärt jeDoch, daß ihm dies wahrscheinlich möglich fein werde.

Das Gericht beschließt, den seinerzeitigen Beschluß, die Sache gegen ihn abzutrennen, wieder auszuheben, zumal seine Anwesen- hett nur im Falle Hintze notwendig war und der Hauptzeuge hierbei, der Klavierhändler Hintze, noch in seiner Anwesenheit vernommen worden ist. Es würde sich nur darum handeln, die Vernehmung des Journalisten Kleebmder zu wiederholen.

Die Verteidigung verzichtet jedoch darauf und ebenso auf die Stellung weiterer .Beweisanträge, soweit sie diesen Fall betreffen.

Auch die Zeugen zur Affäre des SpielllubsBerolina" find inzwischen samt und sonders zur Stelle, darunter der Safetier Dreiwurst, em Gerichtsafsessor, mehrere Börsenleute, Konfektionäre und auch der Redatteur eines Berliner Witzblattes.

Zunächst wird oer Eafvner Dreiwurfr ^eriin) über die Gründung, Ausgestaltung und Die Vorgänge in betreff des Spiel­klubs Berolina eingehend vernommen. Der Zeuge Dreiwurst erzählt dann weiter, wie eines Tages der Klubleiter Baron F h- l ich an ihn berangetreten sei und zu ihm gesagt habe, daß er ja wohl durch sein Geschäft Beziehungen zurWahrheit" habe; ob er nicht veranlassen könne, datz die Angriffe derWahrheit" gegen den Klub unterblieben. Er habe dann den Vorschlag gemacht, der Klub möge den Betrag von 1000 Mark bewilligen, dafür würde er. Dreiwurst, in derWahrheit" ein Inserat feines Cafös in Jahresauftrag geben, und es werde sich dann schon machen, dap Bruhn daraufhin die Angriffe einstellt. Bors.: Wem haben Sie das Jnferat übergeben? Zeuge: Dem An­geklagten Paul Bruhn. Vor s.: vuben Sie ihn nun darauf aufmerkfam gemacht, daß das Geld für das Inserat vom Spiel-' klub Berolina herrühre? Zeuge: Rein. Später habe ich ihm allerdings einmal gesagt, er mochte mir doch Den persönlichen Gefallen tun und daiauf hinwirten, daß in derWahrhell" nicht immer Angriffe gegen den Spiellluo Berolina erschienen. Vors.: Und was hat der Angeilagte Darauf erwidert? Zeuge: Das sind Redaktionsangelegenheiten. Sie bür* fenabernichtglauben.datzSiedurcheineAnnonce irgend etwas bei uns erreichen können. Vors.: Er soll Sie sogar ausdrualich gefragt haben: Sagen Sie mal, die Annonce hängt doch niujt etwa mit dem Besuch zusammen, den letzihin einer der Herren vom Spielklub Bero­lina auf unserer Redattion gemacht hat? Und Sie sollen diese Frage verneint haben. Zeuge: Da» ist richtig. Vors.: Nach Ablauf eines halben Jahres solleii Sie nun den Angeklagten Wilhelm Bruhn in Ihr Total be|tel!t und ihn gebeten haben, ihn von dem Jahiesauftrage zu entbinden. Zeuge: Ja. Vors.: Wie kamen Sie dazu? Zeuge: Es waren inzwischen in der Wahrheit" doch wieder mehrere Angriffsartikel erschienen, und da sagten mir die Vorstandsmitglieder: Sie haben ja Ihr Ver­sprechen nicht gehalten. Vors.: Was erwwerten Sie den Herren darauf? Zeuge: Gut, bann werde ich Herrn Bruhn eben sagen, daß bai Geld für mein Jnferat von Ihnen herstammt, und dann wird er jedenfalls in seiner Zeitung darüber schreiben. Vors.: Nun, da haben Sie docheine etwas zweideutige Rolle in der ganzen Sack>e gespielt. Sie haben dem Klub gegenüber so getan, als wenn Sie auf dieWahrheit" irgend einen Einfluß hätten, und nt Wirklichkeit haben Sie doch an die Aufnahme des Inserats kemerlei Bedingungen geknüpft. Zeuge: Das ist richtig. Ich habe erft bei jener Unterredung mit Herrn Wilhelm Bruhn davon gesprochen, daß das Inserat nicht von mir, sondern von dem Klub Berolina bezahlt werde und daraufhin hat er mich aus dem Vertrage entlasfen. Vors.: Wenn^

Sie das von allem Anfang an gesagt hätten, so hätte die ®e* schichte doch ein anderes Gesicht bekommen. Staatsanwalts Was hatte es denn überhaupt für einen Sinn, daß Sie deut Paul ^Bruhn nichts davon sagten, daß der Klub das Inserat bezahle? In diesem Falle konnte^ Sie doch niemals' einen Einfluß auf die Redaktion aus üben? Zeuge; Ich mußte mir doch sagen, daß Bruhn als Bekämpser der Spielhöllen dann das Inserat nicht aufgenommen hätte. Vors.: Also war dieWahrheit" durch Sie nicht ge­bunden? Zeuge: Nein. Vors.: Sie haben nun noch Wetter- hin eine zweideutige Rolle gespielt. Es liegen uns hier zwei eidesstattliche Versicherungen vor. In der einen bestätigen Sie Herrn Bruhn, daß er ft am Tage der Annullierung Jhreg Jnferataustrags davon ü^nntnis erhalten haben, daß das Gell» dafür vom Klub Berolina herftammte. 24 Stunden fpäter abro versichern Sie ebenfalls in einer eidesstattlichen Versicherung dem Vorstände des Klub Berolina das Gegerttett. Zeuge: Es war nicht 24 Stunden später, sondern erst 3 Tage später. (Heiterkeit.) Tie Klubmitglieder stellten mich damals iuü> verlangten von mir Aufklärung barübet, weshalb dieWahrheit" doch Angriffe bringe. Sie sagten. Sie hätten niemals die 1000 Mark bewilligt, wenn sie gewußt hätten, daß ich keinen Einfluß auf dieWahrheit" habe. Ich müßte ihnen unbedingt eine eidesstattliche Versicherung geben, Daß Bruhn bereits bei der Aufgabe des Inserats gewußt hätte, um was es sich handle, denn sonst würden sie alle meine! Briefe, in denen ich von Beziehungen zu Bruhn gesprochen hatte, in derB. Z. am Mittag" veröffentlichen. (Bewegung.) Das Inserat war beretts an dieB. Z." abgegeben und wurde nach, Ausstellung der Erklärung noch Nachts um W12 Uhr zurück­gezogen. Am nädjften Tage aber stand die ganze Sache doch in derVossischeu Zeitung". (Hetterkeit.) Angekl. Bruhn: Also sindSie vom K lub Berolina er preßtworhen. (Heiterkeit.)

Der folgende Zeuge Kaufmann Herrmann, ein Vorstands­mitglied des Klubs Berol^ia, behauptet entgegen dem Eafstier Dreiwurst, daß die Angriffsartikel derWahrhett" erst wieder begonnen hätten, nachdem der Klub die weitere Zahlung des Inserats verweigert habe. Der Kafsenbote Trautmann derWahr­hett" erklärt, daß der Angeklagte Paul Bruhn ihn zu der Unter­redung mit Dreiwurst mitgenommen habe, bei der Dreiwurst den Klub Berolina als seinen Hintermann zum erstenmal angab. Bruhn habe eine bestimmte Erklärung von Dreiwurst verlangt und dieser habe sie «hm auch ohne weiteres gegeben. Bruhn habe sofort auf das große Inserat verzichtet, von Drei- wurst aber gewissermaßen als Entschädigung ein kleines Inserat erhalten. Auf die Frage Paul Bruhns, ob der Klub Berolina auch hinter diesem Jnferat stecke, habe Dreiwurst ausdrücklich erklärt: Rein, das zahle ich selber.

Durch die bann folgende Vernehmung des Kaufmanns Oppenheim, ebenfalls eines Vorstandsmitgliedes des Klubs Berolina, wird dann noch festgestellt, daß der Klub die Aufnahme des Angriffs gegen Dreiwurst in derB. Z." und im ,Lokal- Anzeiger" nicht erzielen konnte. Nur dieVossische Zeitung" habe den Artikel angenommen. Die eidesstattliche Versicherung habe man von Dreiwurst deshalb gefordert, wett dieser den Klub Doch getäuscht hatte und man vorbeugen wollte, daß er etwa wegen der restierenden 500 Mk. Klage erhebe. R.-A. Brederek kon­statiert, daß dann aber der Klub eine Klage gegen Dreiwurst ein­brachte mit dem Antrag auf Rückzahlung der für das Inserat ver­ausgabten 500 Mark, weil Der Damit beabsichtigte Zweck nicht erreicht worden sei. (Hetterkeit^) Vertreter Des Klubs war, wie unter allgemeiner Hetterkeit festgestellt wird. Der jetzt als Ver­teidiger des Angeklagten Weber tätige Rechtsanwalt Meyer L? der dazu die Erllärung abgibt, daß Der Klub durch Versäumnis­urteil abgewiesen worden sei, wett er infolge seiner inzwischen erfolgten Auflösung fein Interesse mehr an der Sache hatte.

Buchhändler Freund bekundet, daß auch er eines TageS auf Veranlassung des Spielklubs Berolina auf die Redaktion Der Wahrheit" gegangen sei und Dort erllärt habe: Herr Bruhn wird mich zwar für irrifinnig halten, ich bin aber Doch gekommen, um Sie zu bitten, die Angriffe gegen den Klub doch zu unterlassen., Vors.: Wem trafen Sie in der Redaktion? Zeuge: .Den Redakteur Weber. Vors.: Und was sagte er Ihnen? Zeuge; Gehn Sie gar nicht erst hinein, es kann Ihnen passieren, daß Sie' die Treppe herunterfliegen. (Heiterkett.). .

Es wird dann aus alle wetteren Zeugen zum Fall des! Spielllubs Berolina allseitig verzichtet und nunmehr der Fall/ Koller erörtert Wie noch erinnerlich sein dürfte, ist Der Restaurateur Koller der Inhaber einer großen Reihe von Ber­liner Nachtlokalen, so der Bar riebe Unter den Linden, des Metro­pol-Theater-Restaurants, der Arkadia-Ballsäle, der Moulin rouge und des Weinlokals Wien in Berlin. Er ist feinet freit aus Ruß­land herübergekommen und hat ein Vermögen daran gesetzt, die Berliner Lebeweltlvkale nach und nach zu monopolisieren. Ter Angeklagte Bruhn gibt zu der .Anklage, von Koller Inserate erpreßt zu haben, folgendes an: Koller habe beretts in Der Staatsbürger-Zeitung" inseriert, und als er, Bruhn, dann die Wahrheit" gegründet habe, sei sein Jnseratenakquisiteur Leupold auch zu Koller gegangen. Dieser habe zunächst abgelehnt, da er erst einige Nummern des neuen Blattes sehen wollte. Inzwischen habe sich dann ein Vorfall ereignet, der ihn, Bruhn, gegen Koller eingenommen habe. Es sei ihm nämlich von dem Wirt des Linden­kasinos, der bereits bei ihm inserierte, erzähtt worDen, daß Kollers Acvnopolbestrebungen sich neuerdings auch darauf erstreckten, die im Metropol-Theater und in feinen Ballsälen verkehrenden ^,Damen" auch gewissermaßen zu monopolisieren, indem sie nur noch nach Schluß dieser Lokale in feine, Kollers, Barbetriebe usw. hineingehen sollten. Dadurch wurde das Lindenkasino und jeder andere Kleinbetrieb auf diesem Gebiete geschädigt, und Da er ein Vorkämpfer des Mittelstandes sei, so wollte er von Koller feine Inserate mehr nehmen. Etwa 14 Tage später sei nun aber doch der Hotelier Kuttner aus Franffurt a. M. bei ihm erschienen und habe im Auftrage Kollers einen Jahresauftrag geben wollen. Den habe er zunächst zurückgewiesen, wett er zu­nächst Den ReDafteur Dietrich fragen wollte, ob dieser etwa bei Koller gewesen war und Davon gesprochen hatte, daß ihm, Bruhn, von Kollers Vorgehen etwas mitgeteilt worden war. Naw Rücksprache mit Dietrich habe er das Kollersche Inserat dann auch ausgenommen. Im Anschluß an diese Bekundungen bemerkt der Angeklagte Bruhn bann noch: ich habe bei ber Unter­redung Herrn Dietrich ausdrücklich erklärt: Daß mir das etwa nur nicht mit dem Artikel in Verbindung gebracht wird, der gegen Koller erscheinen sollte. Dietrich hat mich aber beruhigt, und ich meine, zum Tatbestand der Erpressung gehört doch, daß ich oder Dietrich vorher bei Koller war. Ich kann noch weiter ansühren, daß Dietrich zu damaliger Zeit gerade einen Jahres^ austrag vom Lindenkasino brachte und daß ich diesen Auf­trag zerrissen habe, als der Wirt PeterS die Andeutung machte, daß er nun aber auch einen Artikel gegen Köllen er­warte.

Der Angellagte betont daun noch wiederholt in erregter Weise, daß auch in diesem Falle jede Erpressungsabsicht fehle und die Staatsanwaltschaft bisher in allen Fällen diesen Beweis schuldig geblieben sei. Vors.: Ich muß Ihnen aber doch die Anklage vorhalten. Angekl.: Gewiß, aber es ist doch alles unwahr. (Der Angellagte schlägt wieder erregt mit der Faust auf die Barriere.) Ao r ft: Seien Sie doch nur nicht so er-