Ausgabe 
8.8.1910 Zweites Blatt
 
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160. Jahrgang

Zweites Blatt

Nr. 183

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

als

feine neue £5tüfe der Religion.

Ausführungen.

Am Samstag unternahmen die Teilnehmer des Kongresses einen Ausflug nach Potsdam und besichtigten die dortigen histo­rischen und kirchlichen Gebäude. Nachmittags wurde am ^uther-1 Denkmal auf dem Neuen Markt ein Kranz niedergelegt, woran sich ein Kirchenkonzert in der Marienkirche schloß. .

Ter zweite Tag des Weltkongresses brachte vier gleich­zeitige Sonder Versammlungen. Die wichtigste dieser, wie schon aus der Zahl der Besucher zu erkennen war, tagte im Kaisersaal unter dem Vorsitze des Pastor Lic. Schneemelcher (Berlin) und beschäftigte sich mit dem Thema:

Ten Weltkongreß für freies Christentum und religiösen <s0rt- < schritt eröffnete aM Samstag vormittag Professor D. Dr. Adol, harnack mit einem hochinteressanten Vortrag über

das dopveltc Evangelium im Neuen Testament . < " Schon lange vor der festgesetzten Stunde, 81/2 Uhr, war das , Auditorium maximum der. Berliner Universität, das zum Vor- I tragsort bestimmt war, trotz der frühen Zeit bis auf den letzten ( Platz gefüllt. Aus aller Herren Ländern waren sie gekommen, , Gelehrte und Laien, Professoren und Studenten, Frauen und Männer, um den Worten des berühmten Theologen eine Stunoe lang zu lauschen. Mehr als tausend Menschen füllten den Saal

Ter Redner begann mit folgenden Worten: ^Brüter und! Schwestern aus dem Hause Gottes! Erwarten Sie nicht von! mir, daß ich Ihnen einen programmatischen Vortrag leiten werde. Das Thema ist unverändert dasselbe geblieben, wie es in der Reihe der andern Themata schon seit einem ^ahre stand. Es dürfte sich wohl niemaird unterfangen, diesem Kongreß ein theologisches Programm vorzeichnen zu wollen. Allerdings hat es sich so gefügt, daß das Thema ganz besonders geeignet ist, so recht die Notwendigkeit und wohl auch die Aufgabe emes «reien Christentums und einer freien Theologie vor die Augen zu stellen."! Von der mannigfachen Verwendung des Wortesevangelisch"! ausgehend, stellt Harnack zunächst einen Widerspruch im Gebrauch des WortesEvangelium" seit mehr als 1800 Jahren fest. I Es bedeutet bald die Verkündung von Jesus Christus, dem Gottes­sohn, und bald die Verkündung Jesu Christi selbst, tiefes doppelte" Evangelium findet sich schon im Neuen Testament. frier I bedeutet es einmalDas Reich Gottes ist nahe", dann zweitens Nur durch den Glauben an den Gekreuzigten und Auferstandencn sind die Reichsgütcr zu gewinnen". Tas zweite Evangelium stammt nicht erst von Paulus. Er nennt es selbst über­liefertes Gut. Tie ersten Kapitel der Apostelgeschichte be­stätigen das. Schon die ersten Jünger haben den Sühnetod I Jesu vcrlündet. Aber Paulus hat auch daserste" Evangelium, er hat als höchste Idee die des Reiches Gottes. Der Tod, und die Auferstehung Jesu ist bei ihm nur ein, freilich das abschließende Glied in der Verwirklichung des Heilsrates GotteS. So tonuncn | sich erstes und zweites Evangelium sehr nahe.

Harnack fragt nun weiter:Wo sind die Wurzeln des zweiten'^" Aus vier Voraussetzungen leitet der Redner sie her. Jesus selbst hat zunächst seine Person und sein Wirken nut der Sündenvergebung in Verbindung gesetzt, zum mindesten den Anschluß an seine Person, die Jüngerschaft, gefordert^ ferner war die Frage nach dem leidenden Messias damals im Judentum vorhanden, und die Vorstellung eines leidenden Messias wurde! nicht negiert. Paulus mußte aber bei seiner Art, alles aus große Gegensätze zu bringen, Nachweisen, daß Jesus durch seinen Tod nicht nur die Forderungen des Gesetzes erfüllt, sondern gerade durch den Tod das Sündenfleisch überwunden und abgetan und als Auferstandener die Neuschöpfung der Menschheit im Geist bewirkt habe. Der Predigt des Paulus hatte schließlich der wert- verbreitete Mythus vom sterbenden und auferstehenden Gott den günstigsten Boden geschaffen. So konnte das zweite Evangelium zur Verkündung der Kirche werden und scheinbar oft das erste fast verdrängen. Immer aber fließen beideStromeneben- einander.

Der weltkongretz für freies Christentum.

4 Berlin, 7. Ang.

nennen würde. Warum das Leid? Das Christentum kennt immer nur dieselbe Antwort: zur Prüfung und Bewahrung und Be­lohnung im Jenseits. Erst der Sozialismus hat auf diese Frage die Antwort gefunden: Tas Leid hat gar feinen Sinn und ist an sich brutal und sinnlos, wenn du nicht einen Sinn hinern- aießen willst. Was du daraus machst, was du durch Kraft und Willen umdiegst für dein Schicksal, was du tust, um das -eid zu bekämpfen, das hat für dein persönliches Schicksal einen <>weck. Tamit hat der Sozialismus erreicht, was alle Religionen vorher versucht haben: den Anschluß des kleinen Ernzelrchs an den acwaltiaen RIuü des Geschehens, der durch dl- Welt geht und der die Weltgeschichte ist. Hier haben wir den Punkt, wo wir sagM können: Wir sind verbuiiden nut der Gesamtheit des Geschehens. Jeder, der in diesem Sinne sein Leben lebt, der darf 1 ich ruhig ! schlafen legen mit dem Gefühl: Ob groß oder klein, ha» können I wir nicht entscheiden, aber es kann von edeni eine Wetle ai^ge^n, die eine Teilkraft ist in der Gesamtwelle de^> Des

Zweck der Not ist, was wir durch Willen und Tatkraft aus ihm machen. Hier taucht eine neue Stufe der Religion auf

Pastor Dr. P f a n n k u ch e (Osnabrück) behandelte die tfrage Ist christlicher Sozialismus möglich?" und kam edenfaUs in seinen Ausführungen zu der Forderung, daß die Kirche «ich mit dem Sozialismus beschäftigen müsse, daß es aber einen beson­deren christlichen Sozialismus mickst gebe.

Tas Schlußwort hieltHsarrer Lrc. Traub (^orttnunte,

Proscssor R a u s ch c ub u s ch (Rochesters sprach über ,,^-as soziale Erwachen der amerikanischen Kirchen . Er ^zahlte, daß die Zentralstellen der Innungen und die Predigerkonfcrinzew nt Amerika gegenseitig Abgeordnete zu ihren Vercitungen ent­senden Tie Sozialisten können bei uns nichts schlechteres tun, als wenn sie unreligiös sind. Vor der Demokratie haben wir keine Angst, denn bei uns ist die Demokratie ein Teil unserer, Religion geworden, das sprechen wir in unseren Gebeten offen aus und niemand denkt sich etwas dabei. Wir haben auch nicht die Idee, daß feste Stände existieren müssen. Tie Kirche m Amerika steht so stark auf feiten des Volkes daß Hoffnung vor­handen ist, sie werde die Fehler der alten Kirchen vermeiden Nur die römisch-katholische Kirche hat sich in Amerika gegen den Sozia- 1 lismuS erklärt. Alle anderen gehen nut ihm. XaS bedeutet eine neue Epoche für die Religion. Wir beten mit Kraft: Tein Wille geschehe auf Erden, wie im Himmel, das ist unsere foziale

Der sozialdemokratische Schriftsteller Dr. Max Mauren- b reche r (Erlangen) behandelte das Thema: Ber Sozialismus

sondern auch das soziale Wohl. Tie Personlichkeitsidee^ von Jesus muß in uns wachsen. Unsere ganze Kultur, die durch die moderne Theologie eine anthropozentrische geworden ist, muß wieder christo- zentrisch werden. Wir müssen Christus als den Menschen be­greifen und lieben lernen, der keine Gesetze geben, sondern nur Befreiung bringen wollte. (Lebhafter Beifall.) .

Bahker (Zwoll in Holland), vom Verein der sozial­demokratischen Geistlichen Hollands, legt zunächst dar, wie er vor 15 Jahren dazu gekommen ist, sich nut Gleichgesinnten in Leyden über die soziale Frage zu informieren. Sie seien zu dem Ergebnis gekommen, daß der Kapitalismus es sei, der dem Pro­letariat das Leben brach und ihm alles Glück und alle Wonne raubte Als wir das eingesehen hatten, da bekannten wir uns selbstverständlich zur Sozialdemokratie. Wir sagten nicht, Mer muß ein Sozialdemokrat werden, aber wir lagt en. das Christen- tum schickt uns in die Welt, um die frohe Polschaft den Menschen zu verkündigen, aber Brüderlichkeit und Glück und Wonne bleiben für Tausende aus. Ter Sozialismus will nicht das Reich Gottes bringen, aber er wild den Weg dazu bereiten. Er wird Nicht die Menschen selig machen, aber er wird ihnen Raum geben, sich nach allen Richtungen zu entfalten. Bei unseren Arbeiten sanden | nur, daß Christentum und Sozialismus^ öwu^feindllche pachte

Ans Stavt unb Land.

Gießen, 8. August 1910.

* Abgabe der Steuererklärungen für 1911. Als Termin zur Abgabe der Steuererklärungen für 1911 ist- für die Stadt Gießen der 1. Oktober, für die übrigen Ge­meinden des Kreises Gießen der 15. September l. Js. be­stimmt. Verpflichtet zur Abgabe der Steuererklärungen sind: Die Einkommensteuerpflichtigen 1. Abteilung (Einkommen von 2600 Mk. an) bei ihrer erstmaligen Veranlagung, sowie dann, wenn sich ihr Einkommen derart erhöht hat, daß dadurch eine höhere Klasse bedingt ist, die Vermögenssteuerpflichtigen 1. Abteilung bei ihrer erstmaligen Veranlagung mit landwirt­schaftlichem und gewerblichem Anlage- und Betriebskapital, ferner sämtliche Vermögenssteuerpflichtigen dann, wenn ihr sonstiges Vermögen (Kapitalvermögen usw.) erstmalig einen Wert von 3000 Mk. erreicht hat, die Kapitalrentensteuerpflich-- Ligen, sobald die Kapitalrente erstmalig mindestens 100 Mk.

ü Christentum uno ^roziaii»mu»

waren Wir hatten aber beide lieb und haben daher unsere stimme erhoben und gesagt: wahre Christen und wahre Sozialisten müssen zusammengehen. Wir haben weiter gefunden, daß nur der Kapitalismus die M e n s ch e n t r e n n t. Ten Sozialisten iaaten wir, sie werden nie die Seligkeit empfinden, wenn )ie sich nicht zur Religion bekennen. Man hat uns deswegen manchmal böse angesehen, aber niemand hat uns deswegen ein Haar ge­krümmt. Es gibt unter uns Revisionisten und Revolu.ioniften, aber alle wollen wir die Verbindung von Chnstenttim und So­zialismus. Wir wissen, daß das Proletariat, welche» fern von aller Religion steht, sich nie zu ihr bekennen wird, wenn sie ihm entgegengebracht wird in der Form de» Dogmatismus. Wir verlangen Freiheit zur Pflege des persönlichen Lebens. (Led­

der das Thema behandelte:

linse re heutige! soziale Pflicht.

Ter Redner führte aus: Die wir,hier zusammen gekommen sind, sind verschieden in unserer Auffassung und in unserem ^einpera- ment Eines aber bindet uns: die Religion. Die schwere Frage heißt nun: führt von der Religion eur Weg hinein m die Beschäftigung mit sozialen Fragen? Wir müssen uns hüten, in der Beschäftigung mit der sozialen Frage einen Ersatz für untere religiöse Arbeit zu erblicken, denn dann sind beide Seile verloren. Wir müssen uns weiter hüten, uns mit der religiösen Frage zu beschäftigen um einer Nebenan sicht willen und zu glauben, weil man ein guter Christ sei, sei man bereits fähig, m l sozialen Angelegenheiten zu raten. Rein g e s uhlsma tz i g e Stimmungen können eher schaden wie nutzen. Be­sonders die Theologen müssen die ^dee auf­geben, -daß die wirtschaftliche Betätigung als Unternehmer au sich s i 11 l i ch g e f a h r v 0 l l e r s e 1 ro 1 c andere Berufsarten. Es ist ein Irrtum, zu meinen, daß das Leben eines Kaufmanns für ein empfindliches Gewißen größere sittliche Konflikte in sieh schließe als das Leben des Bauern oder Pfarrers oder Richters. Die Heuchelei die ter theologische Beruf als eine Gefahr stetig mit sich schleppt die Ungerechtigkeit, die her Richter um des Gesetzes, willen auf sich nehmen muß, sind um kein Haar leichter zu rechtfertigen, als ein ungerechtfertigter Preisaufschlag auf eine Ware.

wüßte nicht, waS schwerer wiegt, ein abenteuerliches ^isferenz- acschäft' an der Börse oder das inhaltlose Pathos einer Grab­rede Tie Gewissenskonflikte hängen nicht ab von dem Stoff, an dem man arbeitet, sondern von her Empfindlichkeit des Ge­wissens. C» darf nicht verschwiegen werden, daß jeder von uns schon in dem Kreise seines Hauses und seiner Arbeit eine Menge Anreize zu sozialer Betätigung findet. Diese werden dadurch nicht geringer, daß sie scheinbar so klein ist. Führt mm ein Weg von der Religion zur sozialen Frage? Nach den geschichtlichen Naa)- weisen trug das Reich Gottes im wesentlichen die Zuge einer Gemeinschaft sozialer Gerechtigkeit und sozialen Frieden», aber nicht in der Form einer erarbeiteten Kulturgemeinschaft, son- I hern als eines Gottesgeschenkes. Und gerade darum verliert es

Die Religion und der Sozialismus.

Den einleitenden Vortrag hielt Paftor Elie Geunelle,I her Herausgeber derRevue du Chrifttanisme Sozial (Paris). Der Redner begann mit dem Ausdruck der Dmikbarkeit, welche das Ausland für die Arbeit hege, welche von Deutfchen auf dem Gebiete des christlichen Sozialismus geleistet worden fti. Er nannte dabei die Namen Naumanns, Schneemelchers und Stockers und bedauerte, daß die christlich-soziale Bewegung heute noch nicht jenen internationalen Zusammenhang gefunden habe, der ihr nach ihrem Wesen gebühre. Der ^genannte internationale Kongreß zu Besaneon sei nur eine Art Vorbereitung gewesen, es sei aber zu hoffen, daß der nächste christlich-soziale Kongreß m Paris wirklich ein internationaler sein werde, auf dem auch der deutfche christliche Sozialismus würdig vertreten fern werde Das Pro­gramm des Sozialismus sei ein internationales, und gerade die Kulturstaaten hätten die Pflicht, sich hier die Hand zu reichen. Der Kongreß müsse eine Kundgebung schaffen gegen jeöen na- nivnalen Haß. Um das Problem genau zu bezeichnen, muffe ge­sagt werden, daß wir schon vom praktischen Utilitarismus aus praktische soziale Arbeit leisten müssen. Wir dürfen nicht das Proletariat einfach als eine Gefahr für die Zukunft anfehen, wir müssen uns bemühen, das Volk in seinem Beftreben,, nach oben zu kommen, zu verstehen. Tas Volk muß merken, daß ihm von selten der Bessergestellten Liebe entgegengebracht wird. Dazu kommen noch andere Beweggründe für uns Christen. Wir muffen nach dem Vorbilde der Lehre Jesu neu geboren werden, es muß eine Wandlung unseres inneren Lebens vor sich gehen, wenn wir praktisch sozial tätig fein wollen. Früher suchte der Einzelne, nur sein Seelenheil, Rauschenbusch (feilte zum erstenmal cm neues Ideal des Christen auf, da» dahin geht, daß die heilige Gefell- jchaft der Zukunft nicht nur das persönliche Wohl erstreben soll.

Gestern und heute wurde hier im Hotel Degenhardt! der 3. Delegierten tag des Re i ch s verba n hev deutscher Fleisch - und Trichine tibeschauer ad- gehalten. Der Vorsitzende W. Schmidt-Düsseldorf erstattete zunächst den Geschäftsbericht. Von den 657 Fleisch- und Trichinenschauer-Organisationen im Deutschen Reich sind jetzt 275 dem Reichsverband angeschlossen. 382 noch außerhalb des Verbandes; doch steht der Anschluß weiterer Organisationen bevor. Der Verband hat int abgelaufenen Geschäftsjahr eine Eingabe an den Reichsiag gerichtet w^en Einführung der Privatangestellten-Versicherung^ Diese Ein­gabe soll erneuert werden, ^erbandskassterer Val. Herr mann-Offenbach erstattete darauf den Kafsenbericht. Mit Rücksicht auf die nächstes Jahr in Dresden ftattfindende Internationale Hygiene-Ausstellung foll die nächste Tagung in Verbindung mit einem allgemeinen Verbandstag 1911 in Dresden abgehalten werden, ^ver von dem Vertreter des sächsischen Landesverbände!», Albin Lorenz-Tannenberg i. Sa. gestellte Antrag, die Tagung jedes Jahr abzuhalten und die Statuten dementfptechend abzuändern, wurde abgelehnt. Unter den zur Beratung gekommenen Anträgen verdient ein An t r a g d e s H e s f r ich en Landesverbandes Erwähnung, bet den matz gebenden Stellen dahin zu wirken, daß der sI des^leifch- beschaugesetzes dahin abgeändert Wirch daß auch bw Hau^- s ch l a ch t u n g e n der F l e i s cy b e s ch a u u n t e r 1t e H t werden Zur Begründung des Antrags wurde auf ver­schiedene krasse Fälle Bezug genommen. Kreisve ennmrrat Dr Schneider machte Bedenken gegen die Anführung einzelner Fälle geltend, verspricht sich auch wenig Erfo^ von einer Eingabe, iveil die Einbeziehung der Hausschluch tungcn in das Fleischbeschaugesetz große Kosten würde. Die anderen Anträge betrafen vorwiegend Standes- angeleqenheiten. freute früh von 8 Uhr ab fand untett der Führung von Schlachthausdirektor Zeeb eine Besick)- tigung des städtischen Schlachthauses statt.

J Um 11 Uhr vormittags wurden die Verhandlungen fortgesetzt. Eine längere Aussprache entstand über die Frage der Umwandlung der Sterbekasse des preutzischen Landesverbandes in eine Reichs-Sterbekasse. Es wurde «m Ausschuß von fünf Mitgliedern gewählt, die. unter dem. Vorsitz des Verbandsvorsitzenden S ch m i d t - Dufseldorf die Frage prüfen und dem nächsten Mgeordnetentag Vorschläge machen soll. Bei der Neuwahl des Vorftandes wurde der bisherige Vorstand durch Zuruf einstimmig Wiedergewahlt: Will) Schmidt, Düsseldorf, Bors., Albin Lorenz-Bannen^ berg i. Sa., Stellvertreter, Ferd. Kämmerer-Greutzen i. Th., Schristf., Val. Herrmann-Offenbach a. M., Kassierer, lAug. Germer, Kissenbrück, Beisitzer.

wohl für unser sittliches Empfinden an Wert, (rnimehcr bat das Christentum nur den Kreisen etwas wirttiche» äu sagen, die sich etwa jetzt als fünfter Stand hinter dem vierten erheben, o^.r die in Jahrzehnten als sechster Stand fich erheben iv^d^ Es wird stets nur zu denen gehen, die unter iw ä gekommen sind. Und obgleich hier eine stete christlicher Liebe für absehbare B^t notig

ha» Christentum will doch für unabsehbare Z^t gelten, X auch sür di- Seiten, wo es sich der Verlorenen mcht me^ aimmebmen nötig hat. Eben darum muß \id)

SilftäLrn können Das Christentum mutz st-h d« »Mend«< Selbsthilfe freuen. Tie Welt sozialen Handelns ist aber un denkbar ohne wirtschaftliche Kraft. Ter Sozial-Ethiker muß batet für den leistungsfähigsten Betrieb volle Sympathie haben. E» gibt eine quietistische Religiosität, welche der ^ten Ausnnander- setzung von Kapital und Arbeit fernestehen will.. Das Erbe de» Protestantismus verlangt aber von uns, daß wir es verwalten^ In unserem Protestantismus ist von vornherein eine andere Fröm­migkeit in die Welt getreten als die kirchliche früherer Zeitem Tie Religion muß ihr Sonntagskleid ausziehen und muß grund­sätzlich untertauchen in die sozial-ethischen Gedankengange m welchen sich ein Stück von Gottes Wesen offenbart, ^enn sicher ist er da, wo die Menschheit eine Stufe höhersteigt. Die Aufgocke unserer Zeit heißt: soziale Wiedergeburt unb Umgeftalhing ter Völker. Vor dieser Frage darf sich die ^^^ion nicht scheu zurückziehen. Wenn die Religion neue Arbeit vorfindet, wird fle leben. Darum dürfen wir gerate den stärksten Kampfern nn ozialen Kampfe die religiöse Sehnsucht 1111b den Kampf um den religiösen Frieden nicht rauben. Tie besten Güter ter Uiewch^ lieben Seele liegen doch in diesen letzten Fragen, .^on ihnQ^ zehren wir. Die Seele des Menscheii wartet allezeit, tefc ite einer* antworte auf ihr fragendesIch" mit entern erlofenten

^^u"

" In bet zweiten S onde t v er s ammlun g beschäftigte man sich unter dem Vorsitze des Freiherrn v, Soden mit der

Die(Siebener ZamilitnblätLer" werden dem ^Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Gietzen" zmecmal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit» fragen" erscheinen monatlich zweimal.

In der Gegenwart steht das erste Evangelium in heitzem Kampf, weil seine Voraussetzungen vielfach geleugnet werden: der ewige Wert ter Menschenseele, der lebendige Gott und das

Er führte aus: Es mag auffällig erscheinen, wenn man den Sozialismus auch als Religion bezeichnet. Aber teeiemgeit Kreise zu denen der sozialisttsche Gedanken als eine Bereicherung und Vertiefung ihres armseligen Lebens gekommen ist,,die erleben an diesem Gedanken dasselbe, was das älteste Christentum erlebt Oer ewige xtserr oer Luccnicqenieeie, ucl icuriuuiyc. . hat. Der Sozialismus ift nicht als N^^ion entsta en

Sittliche als Lebensprinzip. Tas zweite dagegen hat günstigere ^cht zurück auf einen Propheten -Marx wurde ich un ^rabe Zeit: Nicht nur diemodern vositiven" Theologen verteidigen nmdrehen, wenn man ihn emen Religionssttsttr und ^opyerm es, auch Philosophen aus der Schule Hegels und, frartrnanns - - - * f.nnf-

diese freilich unter Eliminierung der Person Jesu.

Ihre Unterstützung muß nach Ansicht Harnacks abgelehnt werden, ebenso die Zwei-Naturenlehre. Wenn aber auch unbedingt daran festgehalten werden muß, daß Jesus ein Mensch war, so steht dock) fest, daß Gott eben diesen Jesus zum Herrn und Christ für die Menschheit gemacht hat, und daß der Glaube an ihn von jeher Gotteskinder geschaffen hat und noch schafft." Harnack kommt zu folgendem Schluß:Tas doppelte Evangelium ist heute noch so nötig, wie es früher war. Tas erste enthalt die W a h r - beit, das zweite den Weg beide zusammen bringen MS1 Leben. Tabei ist es nicht nötig, daß jeder einzelne Christ sich seiner Abhängigkeit von Christus bewußt zu sein braucht. Un Christ soll ein Christus werden, und derjenige, ter von dey Person Christi direkt selbst nichts zu schöpfen weiß, tem soll fein christlicher Bruder ein Christus werden. Das ist der Ge­danke, den wir angesichts dieses neuen Evangeliums fassen und festhalten sollen. Auch fürderhin wird die Kirchengeschichte beide Evangelien festhalten, wird die Christenheit sie festhalten, ^aber immer wieder aufs neue wird ter Inhalt geprüft werden müssen.

Lang anhaltender Beifall nach akademischer Sitte lohnte die

Montag 8. August 1910

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen > Universitats - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange. Gießen.

Redaktion, Expeditton und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition unb Verlag: e®51. Redaktton:^E112.Tel.-Adr^AnLeigerGießen.

$ra9C*Religion und Enthaltsamkeit".

In ter dritten Sonderversammlung, die Fräulein Dr ®crtnri> Bäumer leitete, kamen nur Frauen über das ^tema.^Die Religion und die Frau" zu Worte^. Die vierte Sonder- Versammlung endlich mit dem Thema:Die ütelrgion und der Friede" stand unter ter Leitung von Ermessor Aade (Marburg) Es sprachen Vertreter von Deutschland, !^roß- Britannien, Frankreich und Nordamerika. Sämtliche Vers En- Innen waren außerordgentlich stark besucht freute (Sonntag) abend :inten drei große Volksversammlungen statt.

5. Abgeordnetentag des Reichsverbandes deutscher Fleisch- und Trichinenbeschaner.

8. Offenbach, 7. Ang.