Nr. 154
Drittes Blatt
Gießener Anzeiger
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
General-Anzeiger für Gberhesjen
160. Jahrgang
Die ..Gießener Zamilienblätter" werden dem „Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „Krctsblatt ffir den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Zett- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Dienstag 5. Juli 1910
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Buch- und Steinüruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: es^.5L Redaktion: ^^^112. Tel.»Adr«AnzeigerGießen.
Die Reichsverficherungsordnung.
Berlin, .4. Juli.
"Der Ausschuß für dic Reichsversicheruugsordnung nahm am Montag die Verhandlungen bei dem wichtigen V- schnttt.' „Verhältnis zu Aerzten Zahnärzten, Krankenhäusern und Apotheken" wieder auf. § 377 bestimmt, daß diese rechtlichen- Beziehungen durch Vertrag geregelt werden, und trifft besondere Bestimmungen für diesen Vertrag.
Nachdem ein polnischer Redner sich für die freie Arztwahl ausgesprochen hatte, bemängelte ein Vertreter 5er fort- scdrrttlichen Volks Part ei, daß das preußische M i- ii t ftetium für Medizinalangelegenheiten in dem Ausschuß nicht vertreten sei. Der Redner betonte dann die Notwendigkeit der freien Arztwahl, die schon aus sozialpolitischen Gründen gefordert werden müsse. Sie sei notwendig im Interesse der Entwickelung der Therapie und der Chirurgie Dieser letzte Punkt ist besonders wichtig für den Kriegsfall. Es fehlt an Militärärzten. Die kleinkalibrigen Geschisse verursachen aus weite Entfernung glatte, leicht heilbare Wunden, so daß von sachverständiger Seite behauptet worden sei, daß diejenige kriegsführende Macht Sieger bleiben würde, die das beste Aerztematerial habe. Von der allergrößten Wichtigkeit für die Heilung des Kranken sei das Vertrauen. Vertrauen aber habe der Patient in erster Linie zu dem Arzte seiner Wahl. Werden die Bestimmungen der Vorlage Gesetz, so wird der ärzlliche Stand aufs schwerste geschädigt. Sympathiebezeugungen können dem ärztlichen Stande nicht helfen. Darauf verzichtet er. Er hat sich unter dem Drucke der Notwendigkeit organisiert und ist zur Selbsthilfe geschritten, deren nächstes Ziel die Erreichung der freien Arztwahl ist.
Staatssekretär Dr. Delbrück wies darauf hin, daß der wirtschaftliche Kampf, der von den Aerzten eingeleitet worden sei, einigermaßen überspannt worden ist. Es solle kein Vorwurf sein, wenn er hervorhebe, daß die Aerzte sich gewerk- schaftltch organisiert haben. Wir haben ein Gesetz schaffen wolley, das die bisherige Entwicklung, die auf die freie Arztwahl hindrängt, völlig frei läßt. Es müsse aber den besonderen Verhältnissen Rechnung getragen werden. Es muß den Beteiligten überlassen werden, welchen Weg sie einschlagen wollen.
Der polnische Vertreter erllärte, daß unter den bisherigen Umstanden von einer ordnungsmäßigen Krankenbehandlung keine Rede fein könne. Der Redner beantragt, den § 377 dahin abzuandern, daß jeder Arzt nur auf ein Jahr ausgeschlossen werden darf, wenn ein wichttger Grund vorliegt, der jedoch weder religiöser noch politischer Natur sein darf. Auch tollen die Kassenmckglieder berechtigt sein, unter den zur Kasse gehörenden Aerzten zu wählen.
Der Staatssekretär erllärte, daß die Kassen in jedem Augenblick ikk der Lage seien, Mißstände abzustellen. Auch bei der freien Arztwahl kommen Unzuträglichkeiten vor.
Ein nationalliberaler Redner betonte, daß auch seine Partei die freie Arztwahl als Ideal anfefc. Indessen haben sich die Verhältnisse noch Nicht so entwickelt. Daß man der freien Arztwahl zuttimmen könne. Der Leipziger Verband wolle alle Aerzte unter seine Knute bringen. Die Aerzte sind aber letzten Endes abhängig von der Gunst des Publikums. Da wo Mißstände entstanden sind, müssen die Kassen das Recht haben, mrt einzelnen Aerzten abzuschließen. 'Ster Redner beantragte, dem _§ 377 noch hinzuzufügen: „Hat eine Kasse mehr als sausend Mitglieder, so ist ihnen für redes angefangene weitere halbe Tausend ein fernerer Arzt zur freien Wahl zur Verfügung zu, stellen, soweit die örtlichen VerMtMe es ge- jtatten."
Ein sozialdemokratischer Redner führte aus, daß die freie Arztwahl sich als undurchführbar erwiesen habe. Den Kassen werden dadurch die Hände völlig gebunden. Wenn die freie Arztwahl das beste System ist, dann wird sie sich auch selbst durchsetzen.
Ein fortschrittlicher Abgeordneter betonte, daß das Uebergewicht der Aerzte hinlänglich ausgeglichen werde durch die gesetzliche Organisation der Krankenkassen. Die Vorlage führt zur Verstaatlichung des ärztlichen Standes. Alle hygienischen Bestrebungen werden nur getragen von Vertretern der freien Arztwahl. Das sind dieselben Persönlichkeiten, die angeblich alle Aerzte unter ihre Knute bringen wollen. Mit dem vorliegenden Gesetz würde ein größerer Prozentsatz der Aerzte zur Untätigkeit verdammt werden. Sie werden nicht bloß brollos, sondern kommen aus der Praxis völlig heraus und verlernen das Gelernte Darunter muß die Qualität des Standes leiden. Der Redner beantragte eine Abänderung des § 377 im Sinne der freien Arztwahl.
Der Staatssekretär hob hervor, daß er die freie Arztwahl gar nicht inhibieren wolle. Nur da, wo sie undurchführbar sei oder wo sie Mißstände gezeitigt habe, soll das Kassenarztsystem emtreten können. Wie das zu einer Verstaatlichung des ärztlichen Standes führen könne, sei nicht ersichtlich. Die freie Arztwahl wird sich selbst durchsetzen. Wird sie jetzt gesetzlich festgesetzt, so muß auch fürdieAerzteeinKurierzwang eingeführt werden.
Ein Zentrumsmitglied machte den Aerzten zum Vorwurf, datz sie emsettig vorgegangen seien. Den Berufsgenossenschaften gegenüber seien sie nicht so energisch gewesen. Allerdings hätten sw alle Ursache gehabt, sich wirtschaftlich zu organisieren. Beim fetzigen System spielen politische Verhältnisse und Vetternwirtschaft eine Rolle. Ungehörig ist es, staatlich eingerichtete Ehrengerichte zu Organisationszwecken zu verwenden, wie es geschehen ist. Die freie Arztwahl ist eine ideale Forderung. Vorläufig werde aber die Einführung viele Schäden bringen.
Ein württemb er gi scher Bevollmächtigter erklärte, d atz m Württemberg Vs aller Krankenkassenmitglieder nach dem SystMi der freien Arztwahl zu allseitiger Zufriedenheit behandelt werden. Es handelt sich dabei um besondere Arztverträge, die mit ärztlichen Organisationen abgeschlossen werden.
Ein sozialdemokratischer Redner stellte sich im allgemeinen auf den Boden der Regierungsvorlage.
Nächste Sitzung: Dienstag.
Getreide-Wochenbericht
ber Preisberichinelle des Deuiju) : . : wwirtschastsrats vom 27. Juni bis 4. Juli 1910.
Tie Marktlage ist im großen und ganzen unverändert. Den günstigen Berichten aus Rußland und den Tonauflaaten standen wieder Klagen über Dürre in Kanada und im Sommerweizen- Gebiet der Bereinigten Staaten, besonders in Nord-Dakota, gegenüber. Da die vorliegenden Berichte sich zum Teil widersprechen, bleiben die Ernteaussichten für Sommerweizen m Nordamerika "och ungeklärt. Immerhin, ist beachtenswert, daß der Lokopreis für Weizen m Newyork in den beiden letzten Wochen um zirka 7rr unl> öcc unb September-Weizen in Chicago m derselben Zeit um ca. Mk. 10.- geilen sind, und daß Rußland und Argentlmen diese Gelegenheit ergriffen haben, um auch ihrerseits höhere Forderungen zu stellen. Auch der deutsche Markt hatte, wenn auch nicht in diesem Grade, eine kleine Besestigung, sowohl für Weizen wie für Roggen, auszuweisen. Einer weiiergehenderi Prelsbeßerung wirkten die günstigen Ernteaussichlen des Inlandes entgegen. Auch nach den soeben erschienenen Saatenstandsberichten der Prersberichtstelle des D. L.-R. vom 1. Juli ist trotz mancherlei
Roggen
(-
(+
(+
(-
195 (—
4)
:. 1951/, (_6V1)
)
170 (—
)
156 (—
1)
2)
1)
1571/, (-21/,) 157V, (- )
)
)
203
208
198
198
196
5)
5)
(+ (+
4)
)
1)
1)
2)
202V, (-
205 (+
210 (+
2) )
1511/,(+ 157j/2(— 160 (—
2)
)
2)
- (— 200 (+ 202 (— 201 (— 203 (- 201 (— 200 (4- 200 (—
2)
2)
2)
1)
139 145
139 135
136
145 143
148
151
151 141
145
144
150
167 (—
163 (-
159 (—
173 (—
16 J (—
Königsberg Danzig Stettin Posen Breslau Berlin Magdeburg Halle Leipzig Dresden Braunschweig Hamburg Haimo v er Düsseldorf
Frankfurt a.M. Mannheim Straßburg Stuttgart München
der Vorwoche in
Hafer
147 (+ 1)
154 (+ 1)
147 (- )
152 (4- 6)
148 (— )
166 (- 1) 160 (- ) 161 (— 2)
150 (- )
156 (- )
K^gen über Lagergelreide und andauernde Nasse eine gute Roggen- und Weizenernte zu erwarten. Doch sind die Aussichten für Sommergetreide, besonders für Hafer, noch weiter ungünstig.
Es stellten sich die Preise stir inländisches Getreide am letzten Markttage in Mark pro 1000 kg je nach Qualität, wobei das Mehr (+) bezw. Weniger (—) gegenüber ' ~
Klammern () beigefügt ist, rote folgt: Weizen
Weltmarktpreise: Weizen: Berlin Juli 201.50 (— 0.50) Sept. 188.50 (— 2.25). Budapest Oft. 154.60 (— 7.15). Parst Juni 200.05 (— 4.35). Liverpool Juli 148.75 (— 0.00), Chicago, Juli 150.70 (— 1.40). Roggen: Berlin Juli 144.75 (— 4.25), ^ept. 148.75 (— 2.75). Haier: Berlin Juli 145.75 (— 0.75), September 149.25 (— 1.25) Mk.
Märkte.
Gieße«, 5. Juli. Marktbericht. Aus heutigem Wocben- markte kostete: Butter pr. Pfd. 1.05—1.15 Alk., Hühnereier 1 St. 7—8 Pfg., Enteneier 1 Stück 8 Pfg., Käse pr. St. 6—8 Pf.^ Käsematte pr. St. 5—6 Pfg., Tauben pr. Pr. 0,80—1,00 Mk.' Hühner pr. St. 1,00—1,60 Alk., Hahnen pr. Sttick 0,80—1,80 Alk' Enten pr. Stück 1,80 bis 2,20 Alt., Ochsenfleisch pr. Pfd. 80 bst 88 Pfg., Kuhfleisch und Rindfleisch pr. Pfund 70—74 Pfg., Schweinefleisch pr. Pfund 80—96 Pfg., Kalbfleisch pr. Pfd. 80—84 Pfg. Hammelfleisch pr. Pfd. 60—84 Pfg. Kartoffeln pr. 100 Kg. 7.00 bis 0.00 Alk., Zwiebeln per Ztr. 9,00—10,00 Alk., Milch per Lite». 20 Pfg., Kirschen per Pfund 40—00 Pfg., Nüsse 100 Stück 50 bst 00 Pfg., per Ztr. 0—00 Alk. Marktzeil von 7—1 Uhr.
Die Marktpreise für Vieh und Frucht und die Gießener Fleisch- und Broipreise ______________am 4 Jult 1910.
Höchste Schlachtviehpreise tn Frankfurt a. M.
Fleischpreise in Gießen
Ochsen
Kälber Schweine
50 Kg. Schlachtgewicht 81—85 Alk.
' ,Kg. Schlachlgero. 93—100Pf.
Vr , 67-70 ,
V. Kg. 80-88 Pfg.
V, , 80-84 _
V, , 80-96 „
Getreidepreise in Mannheim
Brotpreise in G ie ß e'n
Wetzen 100 Kg. 20.00—20.2a Ack.
Roggen 100 Kg. 15.75-00.00 Dck.
Weißbrot 2 Kg. 62 M.
Schwarzbrot 2 Kg. 54 Pfg.


