Ausgabe 
6.10.1910 Zweites Blatt
 
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Donnerstag R. Oktober 1910

ergibt sich ein mertivürbiger Widerspruch Mischen Zeitungs­nachrichten und amtlicher Statistik.

Redaktion. Expedition und Druckerei: Schul- straße 7. Expedition und Verlag: Redaktion:«« 112. Tel.-2ldruAn-eigerGieben.

DieKMeer §a«1ttenblStter- werden dem .Anzeiger^ viermal roöchentlick beigelegt, dal NKr<tsblati für den Kreis Stehen" zweimal M-chentlich. Dierandwirtschaftliche« Seit- fragen" erscheinen monatlich jroetmaL

Rotationsdruck und Verlag der vrühl'schen UnwersitätS - Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Aus Stadt und Lund.

Gießen, 6. Oktober 1910.

* In Audienz empfangen wurden vom Groß* Herzog am Mittwoch u. a. Hauptmann Buh tz, Kompagnie* chef im Jnf.-Regt. Kaiser Wilhelm (2. Hess.) Nr. 116, der Rektor der Landesuniversität Prof. Dr. Biermann, der Stiftspfarrer Frey tag von Lich und Pfarrer Weck von Steinfurth.

Erl edigte Lehrer st eilen. Acht Schulstellen an der Volksschule zu Offenbach, drei für evang. Lehrer, zwei für kath. Lehrer, eine für einen israel. Lehrer, eine für eine kath. Lehrerin und eine für eine iSrael. Lehrerin. Eine mit einem kath. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle in Zell Hausen. Die mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle zu Schöllenbach. Das Präsentationsrecht steht dem Grafen zu Erbach-Fürstenau zu. Mit der Stelle ist Organistendienst verbunden.

Wahlen zur Handelskammer finden in diesem Jahre statt. Es scheiden aus Kommerzienrat Schirmer, Fabrikant Zurbuch und Kaufmann Röhr, die wieder wähl­bar find.

Neue VogelSberg-Bahn. Auf eine Anfrage der Handelskammer Hanau wegen der wirtschaftlichen Förderung deS VogelSbergeS durch eine geeignete Eisenbahnverbindung hat der Vorsitzende deS Kreisausschufses zu Schlüchtern mitgeteilt, daß ein Projekt zum Bau einer Kleinbahn von Freiensteinau über Ulmbach nach Sals- münster auSqearbeitet worden.

angenommen. Im übrigen wurde das Gerichtsverfassungsgesetz nicht weiter geändert. Die Beratung des Gerichtsverfassungsge­setzes wurde zu Ende geführt, so daß mit der Erledigung des Einführungsgesetzes, die in der morgigen Sitzung erfolgen wird, die erste Lesung des Justizausschusses beendet sein wird. Auf Wunsch der Regierung wird sich der Ausschuß dann morgen auf drei Wochen vertagen, damit die Justtzverwall tung vor Beginn der zwetten Lesung zu denjenigen Beschlüsten der ersten Lesung, die gegen den entschiedenen Widerspruch der Regierung erfolgt sind, Stellung nehmen kann.

politische Cagc.fcbau.

5 Prozent Bankdiskont.

DieDeutsche Volksw. Korr." schreibt:

Die Erhöhung des Diskontsatzes um ein volles Prozent nt 26. September war als eine vorbeugende Maßregel ezeichnet worden gegen eine außergewöhnliche Jnanspruch- ahme der Reichsbank durch Wechselkredite. Schon in den atzten Monaten war bemerkt worden, daß die Berliner Bank­ett recht ausgiebig die Reichsbank mit Einreichungen von wechseln, und Kwar recht vielen mit langer Frist, in Anspruch ahm. Eine Diskonterhöhung war nach oem Stande der lauf vom 23 September vorausziufehen. Der Bestand n Wechseln wies eine Zunahme von fast 33 Millionen aus. täglich konnte dabei nur noch sein, ob eine Erhöhung um nr ein volles jßco^nt gerechtfertigt erschien. Der Aus­weis der Reichsbank, der an diesem Montag ausgegeben wrden ist, weift aber eine Erhöhung des Wechselbestandes m rund 422 Millionen Mark aus, eine ganz außerordent- lche und fast beängstigende Zunahme. Auch der Gold- cftanb der Reichsbank weist wiederum wie in der vergan- enen Woche eine erhebliche Verminderung auf, diesmal on rund 756 Mill, aus 645 Mill., also um 111 Mill. Mark. )ie Rüstung, die sich die Reichsbank mit ihrer Diskont-- rhöhung anlegen wollte, war also vollständig gerecht- trtißt, vorausgesetzt, daß nickt gerade die diesmal etwas cühere Verlautbarung von der bevorstehenden Diskont- rhöhung an vielen Stellen das Krcditbedürfnis gesteigert der gar hervorgerufen hat. Die Reichsbank ist nunmehr iit ihrem Notenbestand wieder in ganz beträchtlichem Maße it die Noten st euer hineingeraten. Trotz der sehr dankens- irrten Bemühungen der gegenwärtigen Reicksbankleitung, em Bedürfnis an Urnlaussmitteln durch erhebliche Gold- nkäufe gerecht zu werden, muß der gegenwärtige Zustand ls unzulänglich betrachtet werden. Dre Bank von Eng- aitb hat gerade in diesen Tagen wieder für 10 Millionen Jtart Goldbarren an gekauft. Obgleich unsere Handelsbilanz ugenblicklich vortrefflich steht, wollen uns ähnliche An- äuse Kur Deckung unseres Umlaufbedarfs nicht recht ge- ingen. Die Frage bleibt bestehen, ob es unter diesen Um- tänben nicht ratsam ist, von der geforderten Bardeckung er Noten im Betrage von einem vollen Drittel zurückzu- ommen. Jedenfalls zeigt sich hier wieder einmal die Un- ulanglichkeit des Notenrechts der Reichsbank.

Biehelnfvhr anB Dänemark.

Im Laufe des Jahres ist bekanntlich in einem Tell mserer Presse lebhaft über plötzliche und angeblich völlig inbegründete Erschwerungen der dänischen Vieheinfuhr ge­tagt worden. Wenn die Meldungen, die über das Vorgehen )er deutschen Sanitätspolizei und über die Folgen dieses Sorgeyens verbreitet wurden, alle auf Wahrheit beruhten, >ann müßte unsere Vieheinfuhr aus Dänemark monatelang «öllig «gestockt haben und demnach im laufenden Jahre nsher nur gantz gering gewesen sein.

Die amtlichen Nachweise über unsere Vieh- und Fleisch- infuhr ergeben nun aber, daß wir in den ersten acht Mo- taten dieses Jahres aus Dänemark erhalten haben: 2963 Achsen gegen 2474 im gleichen Abschnitt des Vorjahres, >477 Bullen gegen 6460, und 44 017 Kühe gegen 41315. Jhit bei Jungvieh ist ein Rückgang Mi verzeichnen, und jtoar von 38271 Stück auf 34 534 Stuck. Im ganzen ist siernach unsere diesjährige Einfuhr von lebendem üindvieh aus Dänemark dervorjährrgenmindestens ileich; sie kann also unmöglich längere Zeit gestockt haben, lind unsere Einfuhr von geschlachtetem Vieh und von Fleisch rus Dänemark ist sogar in diesem Fahre ganz erheblich größer als un porigen Jahre; sie hat bis Ende August d. I. 75171 dz (darunter 54 368 dz frisches Rindfleisch) betragen gegen 68850 dz gleichzeitig 1909. Also auch hier

Aus dem Strafprozestausschuh.

:: Berlin, 6. Ott

Der Strafprozeßausschuß verhandelte heute zunächst über einen sozialdemokratisä^en Antrag, nach welchem das Gericht nicht nur gegen den Verteidiger, der sich in der Sitzung einer Unge­bühr schuldig macht, sondern im gegebenen Falle auch gegen den Staatsanwalt eine Ordnungsstrafe festsetzcn können soll. Der Antrag wurde abgelehnt. Desgleichen ein Antrag, der Beschwerde gegen eine Ordnungsstrafe aufschiebende Wirkung beizulegen. Bei § 187 des Gerichtsoerfassungsgesetzes führte ein Antrag des polnischen Vertreters zu einer lebhaften Polen­aussprache. Der Antrag, wonach die Erklärung einer beteiligten Person, der deutschen Sprache nicht mächtig zu sein, zur Zu­ziehung eines Dolmetschers verpflichten soll, wurde abge­lehnt. Im § 195 der Vorlage ist bestimmt, daß außer den zur Entscheidung berufenen Mitgliedern nur die dem Gerichte uir juristischenAusbildung oder Beschäftigung" überwiesenen Personen an der Beratung und Entscheidung teilnchmen sollen. Die Worteober Beschäftigung" wurden durch den Ausschuß ge­strichen.

Nach § 200 des geltenden Gerichtsverfassungsgesetzes sind Schöffen und Geschworene verpflichtet, über den Hergang bei der Beratung und Abstimmung Stillschweigen zu beobachten. Die Vorlage ändert daran nichts. Es wurde aus dem Ausschuß heraus beantragt, das Schweigegebot auch auf die Richter und die bei der Beratung und Abstimmung zugelassenen Personen zu erstrecken. Dagegen wurde geltend gemadtf, daß damit Be­sprechungen der Richter über die einzelnen Rechtsfälle ausgeschlossen würden. Der Mehrheit des Ausschusses schien aber die Einbe­ziehung der Richter doch notwendig. Der Antrag wurde daher

Uebersetzung eines vorgelegten lateinischen Textes vorge­schrieben.

Die reichsländische Schulverwaltung ist nun durch ihre neueste Prüfungsordnung der preußischen zuvorgekommen. Sie hat für alle humanistischen Gymnasien das lateinische Extemporale als Prüfungsarbeit bei der Reifeprüfung endgültig gestrichen. Damir wird gleickHeitig auch die Stundenzahl des Lateinischen im humanistischen Gymnasium vermindert. Die Abiturienten ber reichsländischen humanistischen Gymnasien bearbeiten also vom nächsten Jahre an bt beiden Altsprachen nur je eine beut fidjc Uebertragung eines lateinischen und eines griechischen Textes. Das bedeutet eine weitere Annäherung des humanisttschen an das Realgymnasium. Und es dürfte die Zeit nicht mehr.alUufem liegen, in der auch die letzte Unterscheidung dieser beiden Schul­arten beseitigt sein wird, die heute im wesentlichen mir noch darin besteht, daß das humanistische Gymnasium das Griechische, das Realaymnasium das Englische als pflichtmäßigen Unterrichts­gegenstand im Lehrplane hat. Die Forderung der Zeit geht dahin, daß Griechisch wahlweise unterrichtet wird und Englisch auch am humanistischen Gymnasium an seine Stelle tritt Wenn das einmal durchgeführt ist, bann wich es Feinen Unterschied mehr zwischen den beiden Schularten geben. Man hat nur noch Gymnasien und Realschulen, die einen gemeinsamen latein- losen Unterbau von Sexta bis Quarta haben werden. Man wird auch bann noch die Altsprachen als Fachstudien betreiben. Ihre Kenntnis verliert aber den Wert eines notwendigen Be­standteiles der sogenannten Allgemeinbildung. Und das ist gut.

Die preußische Unterrichtsverwaltung wird voraussichtlich nicht sofort den Spuren ber reichsländischen folgen. Am weitesten hinter den Anforderungen der Gegenwart sind ja auch die baye­rische und die württemberaische Schulverwaltung zurück, die sich noch nicht einmal zu Reformschulen entschließen tonnten. Die preußische Schulverwaltung befolgt nur den Grundsatz der Vor­sicht in allen Schulreformen: berat, wie ein Regierungsvertretmr im letzten Landtage aussprach, man will keinen Schritt zurücktun. Auf die Dauer aber wird sie sich dem doch 'nicht entziehen können, baß sie für die lmmanistischen Knabengynrnasien anerkennt, was sie für die Mädchengymnasien seit Jahresftist zugesdanden hat. Dem Zug ber Zeit wird eben feine deutsche Schulverwaltung widerstehen Eömten, jenem Bestreben, auf die Einschränkung ber Alt sprachen zugunsten anberer UnterricküSsächer hinzuarbeiten. Es mufi Raum und Zeit geschaffen werden für staatsbürgerliche Er­ziehung an allen höheren Schulen Deutschlands. Das kann aber ohne Schülerüberbürdung nur durch Beseitigung aller entbehr-« lichen Unterrichtsgegeustände geschehen.

Di e Entdeckung Berlins. Seitdem Jules Huret den Parisern sein Loblied aus Berlin gesungen hat,

rückt auch in den Augen des nicht immer neidlosen Aus­lands das einstige Aschenbrödel unter den europäischen Me­tropolen z-ur kosmopolitischen Musterstadt empor. Immer größer wird die Zahl der Ausländer, die Berlinent­decken" und ihren Mitbürgern die Reichshauptstadt als Vor­bild empfehlen. Erst vor kurzem hat ein italienischer Schrift­steller eine Lobeshymne auf Berlin angestimmt (vergl. G. A. Nr. 219), nun folgt ein britischer Beobachter, der seine Eindrücke imDaily Expreß" niederlegt.Als Eng­länder", so beginnt er,wußte ich natürlich alles über Deutschland, ehe ich es kennen lernte. Berühmte Lehrer hatten mich unterwiesen. Ich wußte $. B., als ich die Fahrt über den Kanal antrat, daß alle deutschen Frauen wie Fässer aussehen. Nun, da ich hier gewesen brn, und die Hauptstadt wie die Provin^städte kennen gelernt habe, nun denke ich anders und habe die Lehren, die ich däheirw empfing, als grobe und kindliche Verleumdun­gen erkannt. Vor Jahren sank ich nieder und betete Paris an und schwor, daß es keine zweite so schöne Stadt geben könne. Heute gilt mir Berlin als schöner. Gewiße Berlin hat keine Champs Clysöes und die .Linden" können sich nickt mit der prächtigen Avenue, die zum Pariser Triumpybogen führt, messen. Doch nimmt man Berlin im Querschnitt, dann entthront es in meinem Geiste Paris. Kraft, Sarlberkeit, Ordnung und Pracht sind überall. Berlin ist ein Ausdruck von Macht, Gesundheit Und Schönheit, Und über all dem thront das eine Wort: Fortschritt! Ich habe auch die Arbeiterviertel in Berlin besucht, war in den öffentlichen Speiseanstalten, in den Tanzsälen, in den Gärten, wo der Arbeiter mit seiner Familie sein Bier trinkt. Wenn ich in den Arbeitervierteln die Kinder sah, dann fühlte ich Mitleid mit dem bleichen, dünnarmigen, müden Kindern Londons! Auf allen meinen Wande­rungen durch die deutsche Hauptstadt sah ich nicht einen einzigen zerlumpten Mann, keine ungekämmte, gebeugte Frau, kein blasses, schwächliches Kind. Die Ktaft, das ist der Schlüssel Berlins; das lehrt die Geschäftigkeit, lehren die mächtigen Gebiete, wo die großen Fabriken rauchen. Der Handel füllt die Adern dieses Organismus. Ueberall starke, pulsierende Gesundheit. Deutsckstand schreitet vorau mit mächtigem, sicheren Schritten. .

Eine Rosonkur gegen Erkältungen. Dolle rote Rosen, besonders die herrliche dunkle Art, die als »Duke o\ Edin-

Die Reichsverfichenmgrordming.

:: Berlin, 5. Okt..

Der Reichsversicherungsausschuß erledigte beute zunächst dick Bestimmungen über die landwirtschaftliche Unfallver­sicherung. Zu 8 1012 wurde folgende von konservativer Seite beantragte Bestimmung ein gefügt: Bestimmt die Satzung, daß die freiwillige Versicherung außer Kraft tritt, wenn der Beitrag nicht rechtzeitig bezahll worden ist, und daß eine Neuanmeldungr so lange unwftksam bleibt, bis ber rückständige Beitrag entrichtet worden ist, so ist in dem Auszug oder der Zustellung darauf bin* zuweisen.

Auf konservativen Antrag wurde weiter bei § 102t bestimmt, daß für die landwirtschaftliche Unfallverhütung und» Ueberwachung die Verpflichtung zur Anstellung technischer Mf- sichtsbeamten nicht besteht. Mit der Volkspartei und den Sozial-- bemofraten stimmten auch zwei Zentrumsvertreter gegen den Antrag. 1

Mit § 1036 beginnt der dritte Teil des Buches über hier Unfallversicherung, der die See-Unfallversicherung be* handelt. Auf Antrag der Sozialdemokraten wird der Kreis der Versicherten dahin erweitert, daß neben den auf deutschen Seefahrzeugen in inländischen Häfen beschäftigten Per­sonell auch diejenigen der Seeunsallversicherung unterliegen, die auf den Seefahrzeugen auf Kanälen und Flüssen beschäftigt sind.

Auf Antrag der N a t i o n a 11 i b e r a 1 e n werden die Be­stimmungen über die Ausländer in der SeeunfallversicherunH denen bei der Gewerbeunfallversicherung angepaßt.

Es ist nunmehr wohl mit Sicherheit anzunehmen, daß es gelingen wird, die erste Lesung der gesamten Reichsoersichemng bis zum Zusammentritt des Reichstages am 22. November und die zweite Lesung bis Weihnachten zu beenden.

vom Kampf um das Laltin im Gymnasium.

Die reichsländische Schulverwaltung hat vor wenigen Tagen änc für das höhere Schulwesen auch des übrigen Deutschland wichtige Verfügung erlassen, die sofort in Kraft fielen wird. Das Schuljahr beginnt ftn Reichs lande wie in ganz Süddeutschiland mit bem 1. Oktober. Die Seftimmung gilt also von jetzt ab.

Nach der Prüfungsordnung für die humanistischen Gymnasien wurde von den Abiturienten die Uebersetzung eines oorgetegteu deutschen Textes in die l at ein i s che Sprache verlangt. Man nennt diese Übersetzung das lateinische Extemporale. Dieses Schriftstück bildet den letzten Rest jener Forderungen, die brs zum Jahre 1892 für die Prüfung in der lateinischen Sprache im Unfertigen eines freien lateinischen Aussatzes aipfelte In lenem Jahre wurde der lateinische Aussatz gänzlich abgeschafft, und man behielt nur noch das lateinische Extemporale bei, während man im Griechischen auch das feitberige Extemporale durch tne Üebersetzung eines vorgelegten griechischen Textes in die deutsche Sprache ersetzte. In den 18 Jahren hat sich nun herausgestellt, daß der heutige lateinische Unterricht auch an den humanisttschen Gymnasien nicht mehr ausreicht, die Sprache so in den Gedanken­kreis der Schüler zu bringen, wie es nötig wäre, wenn diese Latein schreiben sollen. Das Extemporale ist weiter nicküs, als eine mühsame Zusammenstellung von lateinischen Vokabeln nach gram- mattschen RegÄn, die gelernt worden sind. Cs fehlt diesem Hebungen das, was sie erft zu lateinischen Arbeiten machen würde, der color lattnus, die lateinische Klangfarbe, für die der Drach- schnitt auch der Schüler unserer humanisttschen Gymnasien infolge der fehlenden Hebungen im Sprechen nicht mehr die Empfindung haben. Die Arbeiten sind also als Beurteilungsunterlage wertlos geworden, und die Prüfungsergebnisse stehen in gar keinem Ver­hältnisse mehr zu der ausgewandten Zeit und Mühe. Das ist das feststehende Urteil einsichtsvoller Altphilologen. Ihnen steht ein Teil der Altphilologen gegenüber^ die mit Recht befürchten, daß mit dem Fallen des lateinischen Extemporales als Prüftmgs- gegenstand der eigentliche Charakter des humanisttschen Gymna­siums ganz verloren gehe. Deren Einfluß auf die preußische Unterrichtsverwaltung war aber bislang noch so groß, daß diese noch an dem lateinischen Extemporale festhielt.

Vor einigen Jahren wurden denn auch diese Arbeiten aus ganz Dreisen einem Rat von UniversitötHProfessoren vorgelegt, btren Urteil über sic mcrtoürbi^ermdfc, bau ber meisten SchulPhilologen entgegen, dahin ging, daß die Arbeiten im ganzen befriedigende, Ergebnisse gehabt hätten. Trotzdem hat aber die preußische Schul­verwaltung bei den Abiturientinnen derMLdchenqymnasien von vornherein auf die Anfertigung eines lateinischen Extem- tzmales verzichtet und dafür, wie im Griechischen, die deutsche

Der Kampf in der Metallindustrie.

Hamburg, 6. Okt. Heute abend 8 Uhr wurden die Verbandlttngen zur Beilegung der Streitigkeiten in der Metall­industrie fortgesetzt. Die hierbei zustande gekommenen Be­schlüsse haben die Aussicht aus eine friedliche Bei­legung näher gerückt. Morgen vormittag um 9 Uhr werden die Werften in einer Versammlung zu den neuen Vorschlägen der Ausschüsse deß Gesamtverdandes deutscher Metall-Industrieller Stelluffg nehmen. In der sodann eiligst für den Nachmittag einzuberufenden Arbeiterversammlung werden die Arbeitervertreter über die Beschlüsse der Wersten berichten, worauf die Versammlung endglltig zu den Be­schlüssen der Werften Stellung nehmen wird.

Deutsch-englischer Gebietsaustausch in Asrita?

Unter dieser Ueberschrift bringt eine Berliner Korre­spondenz eine sehr phantastische Meldung,die auf dem Um­wege über Dresden aus englischer Quelle stammen soll^. Die Korrespondenz schreibt:

England soll im Begriffe sein, Sansibar, wahrscheinlich auch die Insel Pemba, an Deutschland abxutreten Als Gegen­leistung solle England von Detirschland gemifie Gebiete am Kiwu­see erhalten. Ferner fei England bereit, die Walfisch Bai an Deutschland abzulreten; hierfür werde eine bare Entschädigung inan spricht von 2 Millionen Mark gefordert. Schließlich soll England bereit sein, Deutschland in der Frage der Bagdad- Bahn freie Hand zu lassen, als Gegenleistung werde Deutschlaiid in die Aufhebung des Asyliechts in Egyvtcn einwilligen und werbe dann demnächst einen deutschen Konsul für den Sudan in Khartum ernennen. Italien sei bereits mit der Ernennung eines vor­läufig allerdings noch nicht als Konsul bezeichneten Beamten vorausgegangen. Tie Alitteilimgen über die Abtretung Sansibars gegen Gebielsaustausch am Kiwusee werden uns als durchaus sicher bezeichnet. Dagegen gibt der Gewährsmann die Meldung über die Bagdad-Bahn unter Vorbehalt.

DiePost* schreibt, daß sie in der Lage fei, nach einer Mitteilung von amtlicher Stelle die ganze Nachricht als er­funden zu bezeichnen.

>rr. 234 Zweites Blatt 160. Jahrgang

©tefjener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhesien