Nr. 154
Zweites Blatt 160. Jahrgang
krlch-tnt tüglich mit Ausnahme des Sonntags. , AA
Die „Gtetzener Kamilienblatter" werden dem M DH B |P^ B D l| W D bL< B || ff
.Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das W^jF |!L fi W D U, J|L fi gl W - M MM vL, BL
„Kreisblatt für den Kreis Gießen" zweimal V
wöchentlich. Die „randwirlfchaftlichen Seit- w <
fragen" erscheinen monatlich zweimal. General-Anzeiger für GberhHen
Dienstag 8. IM 1910
Rotationsdruck und Verlag der Brüh kochen Unwersitäts - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition und Druckerei: Schulstraße 7. Expedition und Verlag: e-qK bl. Redaktion: 112. Tel.-AdruAnzeigerGießen.
Offener Brief des Grafen Zeppelin.
An Bord des Lloyddampfers „Mainz", 2. Juli 1910. Offener Brief an d i e Deutsche Luftschiffahrts- Aktie u-Gesellschaft Frankfurt a. M.
Zu dem Verlust, welchen Sie an dem Luftschiff „Deutsch- l a n d", wenige Tage nachdem es als erstes Passagierluftschiff Ihr Eigentum geworden war, erlitten haben, spreche ich Ihnen meine wärmste Teilnahme aus.
Das Scheitern der „Deutschland" hat mich zur ernsten Nachprüfung der Fragen veranlaßt, ob ich berechtigt war, Ihnen das Luftschiff für Passagierfahrfen zu überlassen, und ob ich fernerhin solche für den Verkehr bestimmte Fahrzeuge bauen darf.
Ich glaube beide Fragen mit gutem Gewissen bejahen zu dürfen.
Die „Deutschland" hatte sich bei der letzten Probefahrt in Friedrichshafen und bei dem Fluge von Friedrichshafen nach Düsseldorf als ein durchaus gutes, leicht steuerbares Schiff erwiesen^ die drei Motoren liefen andauernd tadellos und verliehen ihm eine Geschwindigkeit von ungefähr 16 m/sec. Es war kein Grund denkbar, weshalb es bei vorschriftsmäßiger Ausrüstung und normalen Witterungsverhältnissen, solange seine Bettiebs- mittel reichten, zu einer unfreiwilligen Landung zur Erde niedergedrückt werden sollte.
In der Tat sind die Witterungsverhältnisse am 28. Juni gaiu ungewöhnliche gewesen. Nach den mir bis jetzt gewordenen Schilderungen ist die „Deutschland" in einen aufsteigenden Dreh sturm geraten, der sie mit unwiderstehlicher Gewalt m eine Höhe von 1250 Meter hinaufriß. Das Drehen wurde durch wiederholtes vollständiges Sichumwenden der Nordnadel bekundet, während Barometer und Barograph die erreichte Höhe anzeigten. Nach dem in der Höhe erlittenen bedeutenden Gasverlust sank das Luftschiff, schwer mit nassem Schnee belastet, wieder herab. Die Erde war nicht zu sehen, bis man plötzlich in geringer Tiefe unter sich Baumwipfel gewahr wurde. Alsbald wurde wieder nach oben gesteuert. Als aber die Hebung um drei bis vier Meter gelungen war, versagte der vordere Motor, und nun war die Geschwindigkeit nicht mehr genügend, um das Luftschiff noch dynamisch nach oben drücken zu können. Es sank jedoch nur mit einer Geschwindigkeit von 1 bis 1V2 m/sec und bald stieß die zur Aufwärtsfahrt tiefer stehende hintere Gondel mit voller Fahrt an Baumkronen an. Nach kurzer Weile saß das ganze Luftschiff in den Bäumen fest. Erheblichere Beschädigungen erlitt es nur unmittelbar vor der hinteren Gondel, wo mehrere Träger brachen; ein gänzliches Durchbrechen und Abreißen hat nicht stattgefunden. Die weitere Zerstörung wurde nachttäglich erst durch den Sturm verursacht.
Das Versagen des vorderen Motors in dem gefährlichsten Augenblick war anscheinend die Folge von Benzinmangel, da der Motor ganz in Ordnung war. In dem Tank waren zwar noch ein paar Ltter Benzin vorhanden, es ist aber möglich, daß dief er bei der starken Schräglage des Schiffes nicht mehr an die Ausflußmündung zum Motor heranreichte. Ein allgemeiner Mangel an Benzin^bestand nicht; im Gegenteil war davon noch ein Vorrat für Speisen aller drei Motoren für mehrere Stunden vorhanden. Vielleickst war auch in der schwierigen Lage, worin sich das Luftschiff seit langem befand, mit dem Nachfüllen des Tanks des vorderen Motors etwas zu lange gezögert worden.
Es unterliegt nun keinem Zweifel, daß das statische Schwebe- Vermögen dem Luftschiff nur durch das Hineingeraten in den aufsteigenden, von starkem Schneefall begleiteten Drehsturm benommen worden ist. Der Auftriebsoerlust durch die erreichte Höhe, durch die Abkühlung um etwa 15 Grad und durch die Belastung mit nassem Schnee berechnet sich auf rund 2000 Kilogramm.
Solche Stürme sind zum Glück nur mit bestimmten Wetterlagen verknüpfte ährtliche Erscheinungen wie di?: von der Seeschiffahrt noch immer wieder Opfer fordernden Taifune. Wenn die Seeschiffahrt aber bereits gelernt hat, diesen auszulveichen oder sie durch geeignetes Vorbeifahren unschädlich zu machen, wofern das bedrohte Schiff nur über das nötige Tiefwasser zu völliger Bewegungsfreiheit verfügt, so wird die Luftschiffahrt auch sehr bald jene Drehstürme nicht mehr zu fürchten brauchen.
Die Passagierluftschiffe können und sollen sie daher ganz vermeiden. Die Katastrophe im Teutoburger Wald muß in ihrer Art eine einzige bleiben. Daß die Erinnerung an sie nicht eine viel traurigere ist, verdankt man der Bauweise meiner starren Luftschiffe, welche die Gefahr für das Leben der Reisenden durch das Vorlagern großer, die Stöße bei dem Anfahren an feste Gegenstände bis zur völligen Unschädlichkeit abschwächender Bauteile sowie durch die wegen der ausgedehnten Uitterflächen bestehende Unmöglichkeit allzuraschen Fallens vermeidet. Auch der wackere Monteur, welcher, um die Hintere Gondel zu entlasten, auf einen Baum abspringen wollte, diesen aber verfehlte und sich nun bei dem Absturz schwere Beschädigungen zuzog, wäre unverletzt geblieben, wenn er die Gondel nicht verlassen hatte.
Doch die Hauptsache ist, daß der Vorgang vom 28. Juni das Vertrauen zur Sicherheit meiner starren Luftschiffe in keiner Weise zu erschüttern angetan ist. Man wird aus demselben nur die Lehre ziehen, daß man sich in Zukunft, namentlich für Passagierfahrten, mehr als bisher an die Befolgung folgender Grundsätze hatten muß:
In erster Linie sogfältige Beachtung der allgemeinen Wetterlage, aus welcher stets das wahrscheinliche Auftreten von Drehstürmen zu erkennen ist. Will man von einem Bergungsorte ausgehend, zu welchem man unbedingt zurückkehren muß, Passagierfahrten unternehmen, so darf man bei irgend unsicherer Wetterlage sich immer nur in einer dem herrschenden oder dem sicher vorauszusehenden Winde entgegengesetzten Richtung entfernen, um die Gewißheit zu haben, an den Ausgangspunkt zurück- gelangen zu können. Es genügt nicht, nur erst eine kurze Fahrt gegen den Wind zu machen, um sich von der Ueberlegenheit der Schiffsgeschwindigkeit über diejenige des herrschenden Windes zu überzeugen. Die Windstärke kann zulegen oder die Eigengeschwindigkeit durch das Versagen von Motoren abnehmen, wodurch die Rückkehr unmöglich wird. War man in dem Winde entgegengesetzter Richtung gefahren, so genügt die geringste Eigengeschwindigkeit, um vor dem Winde treibenb zum Ausgangspunkt zurückkehren zu können.
Die Passagierfahrten werden umso sicherer und regelmäßiger ausführbar, von je mehr Landungsorten die Ausgangsstation in einer kleinen Tagesfahrts-Entfernung umgeben ist. Es läßt sich dann bei jedem Winde auch in der Windrichtung und auch dann obliegen, wenn eine Drehung des Windes vorauszusehen wäre, weil man die Sicherheit hat, einen jener Landungsorte erreichen oder im Notfälle an seinen Ausgangspunkt zurückkehren zu können. Ein lehr einfacher Melde- und Alarmdienst an den in Frage kommenden Landungsorten während der Flüge bei zweifelhafter .Wetterlage wird die Sicherheit noch in beruhigender Weise erhöhen.
Mit hochachtungsvoller Ergebenheit
Graf Zeppelin.
Bergen, 4. Juli. Der Dampfer „Mainz" mit den Teilnehmern der Zeppelinschen arktischen Vorexpedition ist hier ein- getroffen. Für abends ist Prinz Heinrich von Preußen und Graf Zeppelin zur Tafel bei dem früheren Ministerpräsidenten Michelsen geladen, an der Tafel nimmt auch der König Haakon teil.
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Das hoherodskopssest des Vogelsberger höhen-AIubs. r. Schotten, 4. Juli.
Unter den Begriffen Sonne, Regen, Sonntag, Hoherodskopssest hatten die Wanderinnen und Wanderer zu wählen, und wenn auch die ersten beiden Begriffe unbestimmter waren, so hatten doch die letzteren Tatsachen viele Besucher auf den Hoherodskops gebracht. Schon der Vormittag vereinigte ein munteres Völkchen im Klub- Hause nnd mit den Mittagsstunden füllten sich die Hallen. Neben der bekannten Vorhalle war diesmal noch ein großes Brauereizelt vor dem Klubhause aufgeschlagen, aber alle die Raume reichten nicht aus zur Aufnahme der Festgäste, da im Walde ein Verweilen nicht angenehm erschien und man sich vor den ab und zu ein- tretenden Regenschauern einen Platz unter Dach sicherte. Bei richtigem Somnierwetter würde das diesjährige Fest eines der stärksten gewesen sein, immerhin waren etwa 12u0 Personen auf dem Hohe- rodskopf. Eine besondere Anziehungskraft war dem Tag verliehen durch die Aufführung des von Herrn (L Steiniger in Frankfurt verfaßten Vogelsberger Volksstücks .Am Wil d e s r a u b 0 r n", das, nachdem Prof. Bender am Klubhause eine Festansprache gehalten hatte, um 3 Uhr auf einer Naturbühne im Walde in Szeiie ging. Vor Beginn des Spieles trug Frl. Auguste Alu sch-Frankfurt einen Prolog, „Heimatliebe", vor. Die Hauptdarsteller des Stückes sind Mitglieder des Zweigvereins Fraiiksurt, aber das echte und ungekünstelte Mitwirken von Mädchen und Burschen aus Rudingshain, die unter Leitung des Herrn Lehrers Linck ihre Ausgaben in Volksgesang und natürlicher Wiedergabe vollständig erfaßt halten, brachte das Stück zu einer großartigen Gesamtleistung.
Ein Ehepaar ist 8 Jahre verheiratet und bis jetzt ohne Kinder geblieben. _ Die Wääß (Tante) möchte aber gern noch erleben, daß der ersehnte Familienzuwachs sich einstellt, denn ihr Vermögen geht ja an das Ehepaar, den Philipp und die Lisbeth über, die es mit dem ihrigen Vermögen wieder an den Nachkommen (ein Bube soll es sein) vererben. Die Wääß lveiß von ihrer seligen Großmutter, daß der Wildeftauborn in diesem Fall gute Dienste leistet, dreimal muß die junge Frau unter völligem Still- schweigen^aus dem Brunnen trinken und der im Brunnen hausenden „wilden Frau" müssen Speise- und Trankopfer gebracht werden. So führen denn die Wääß und die Lisbeth den nichtsahnenden Philipp zum Brunnen im Walde, wo die Wääß das Geheimnis eröffnet. Die Lisbeth muß jetzt stillschtpeigen und diese Gelegenheit benutzt der Philipp, seinem Herzen einmal Luft zu machen; wenn er wüßte, daß die Lisbeth immer so brav fein würde, täte er sich cur dieser Stelle ein Hans bauen. Die Wallfahrer breiten auf Sinnen ihre Gaben aus. Da naht singend der Förster, vor dem sie sich verstecken, die Opfer aber mttnehmen, nur EimvickÄ- papier bleibt liegen. Darüber schimpft der Förster, über die Touristen, die auf diese Weise den Wald verunzieren; ein Gendarm kommt und hört des Försters Schimpfen, zeigt ihm, wie durch Auflesen des Papiers der Schaden zu beheben ist. Danach, als beide fort sind, treten die Wallfahrer wieder aus dem Versteck und breiten aufs neu die Gaben aus, Lisbeth trinkt am Brunnejn. Indessen tönt, von fern Gesang der Bauernmädchen, die den heimkehrenden Reservisten bis 5um Wildfrauborn entgegengehen, das Singen wird von den Reservisten und Bauernburschen fern erwidert. Die Wallfahrer müfsen sich wieder verstecken und bald daraus treffen sich die Burschen und Mädchen unter Hurra am Brunnen. Jauchzen und Tanzen ob der Rückkehr der Soldaten beim Brunnen. Es gibt Durst und einer will aus dem Brunnen trinken. Die Mädchen halten ihn zurück, der Brunnen sei verhext,, aber der Bursch spottet darüber und läßt sich nicht halten. Da finbct^cr vor dem Jörumieii einen Krug — mit ZWetschen-? schnaps. Staunen, aber getrunken wird der Schnaps — es ist echter, dem Philipp Seibert fein Name steht drauf. Das ärgert den Philipp im Verstechder den Krug vergessen hatte, er wirft das große Sinnen unter die Mädchen, die mit den Burschen fortstöbern, da man glaubt, die wilde^ Frau habe sich gezeigt. Wieder wird ausgepackt, da nahen drei Handwerksburschen singend, und weit keine Zeit mehr zum Einpacken ist, bleibt das schöne Essern auf dem weißen Sinnen liegen — eine willkommene Beute für die hungrigen Seelen, die nicht lange nach dem Woher fragen, vielleicht hats ein guter Geist getan, sie machen sich fest dahiitter. Da fahrt Philipp aus dem Hinterhalt dazwischen, die Lisbeth jammert, sie habe 14 Gläser Wasser getrunken, nun sei das Opfer ür die wilde Frau fort, da werde es doch nichts helfen. Ein des Weges kommender Gendarm wird gerufen und damit der die Sache begreift, wird ihm das Vorhaben der Wääß erklärt. Der Gendarm lacht die Leute aus, es. gäbe keine wilde Frau; die Bauernmädchen kommen wieder vorbei und rufen dem Geirdarm zu, es, gäbe doch eine wilde Frau, sie hätten sie vorhin gesehem Inzwischen sind auch Touristen.hiuzugetömmen, die den Vorgang bemerkt und beobachtet haben,, und nachdem die Handwerksburschen zur Belohnung noch ein Freiquartier zugesichert erhalten und sich entfernt haben, hält einer der Touristen eine Ansprache an diese Landbewohner. Zwar sei an derlei Spuk nicht zu glauben, aber an den Ueberliefernngen festhalten und die alten Sitten und Gebräuche ehren, das fei ernste Pflicht.
Die Frankfurter Oberhessen, denen das Theaterspielen geläufiger ist, haben wiederum der V.-H.-C.-Sache einen wesentlichen Dienst geleistet, die Vogelsberger in Rudingshain haben gezeigt, daß das bestehende Urwüchsige unserer Gebirgsbewohner nur in geeignet verbundener Weise wiedergegeben zu werden braucht, um auf eine große Umgebung, fei es als Theaterstück oder im wirklichen Leben, Eindruck zu machen, sofern sich der Beschauer in dieser Volksart überhaupt zurechtfindet. Herr Steiniger hat ohne lange Umschweife einen Griff ins Leben getan und mit seinem „Wildeftauborn" ein Stückchen geschaffen, das wiederholt aufgeführt zu werden verdient. Die Aufführung auf der Naturbühne im Walde beim Klubhaus erfordert keine besonderen dekorativen Vorbereitungen, das Plätzchen ist wie dazu geschaffen, nur der Zuschauerraum muß bei der etwas abfallenden Säge entweder mehr ausgedehnt oder erhöht werden. Professor Bender spendete dem Verfasser sowie Sehrer Linck-Rudingshain und allen Mitwirkenden das verdiente Lob. — Die Geselligkeit der Festteilnehmer ließ die wiederholten Regengüsse vergessen, auf dein Heimweg indessen mußte manch schützendes Dach ausgesucht werden.
Die Trachten.
Es wird uns geschrieben:
Aus meiner „Praxis" als Photograph weiß ich zur Genüge, in welch hervorragender Weise die hessischen Trachten bei auswärtigen Besuchern unserer Provinz beliebt sind. Soweit von „Provinz" geredet werden kann, denn die echten Hessenttachten sind ja nur noch in einigen wenigen Orten zu Hause. 'Die letzten Reste der eigenttichen Vogelsberger Trachten liegen wohl verstaubt und verachtet auf den Dachböden, oder sind unsinnigerweise schon längst vernichtet worden. Geradeso, wie uns ein mit Geschmack und Verstand gebautes Holzfachwerkhaus zur Bewunderung anregt und befriedigt, so sind die schönen Hessentrachten geeignet, den Heimatstolz zu heben; man freut sich, wenn man eine Gruppe Trachtenmädchen sieht. Aber leider sind in unserer eigentlichen Vogelsberger Gegend feine lebenden Tracht eit mehr vorhanden, die jetzige Generation bewundert nur ein Mädchen, wenn es in Tracht in unsere Gegend kommt und die Ansichtskarten, auf denen Trachten abgeb übet sind. Wie es gekommen ist, daß die alten Trachten verschwanden, ist uns allen bekannt, es ist die törichte Modenachäfferei. In den achtziger Jahren sind die letzten Reste be$ Hausfleißes, soweit er sich auf Selbstgeweb, Selbstgespinn
bezieht, zu Grabe getragen worden, mit ihm ein großes Stück Heimatstolzes. Die Mannfakturwaren-Reisenden geben sich die Türen in die Hand, es wird Fabrikware gekauft. Ich wette, daß unter 100 Mädchen im Vogelsberg heute keine zwei mehr spinnen können. Auf den Acker wollen auch die wenigsten gehen, dafür sitzen sie daheim und studieren das Modeblatt, lesen Romane, oder „lernen irgendwo Hauswirtschaft". Kochen, wie für eine Bauernfamilie gekocht werden muß, können aber nachher leider wenige. Der Putz und das Vergnügen nehmen viel Zeit unserer Sanömäbrta in Anspruch; ich meine hier der pekuniär besser gestellten. Zu jedem Fest und zur Kirmes kostet es ein neues Kleid und sonstigen Flirt. Was aber die Bessergestellten vormachen, das machen die Wenigerbemittelten nach und so kommt es, daß ein Dienstmädchen auf dem Lande sowohl wie in der Stadt vielfach von seinem Lohne nicht so viel übrig behält, um sich zur Verheiratung eine Ausstaffierung anzuschaffen. Die immerwährende Anschaffung von Kleidern und Putz verschlingt den Lohn. Das ist aber nur, weil die gering bemittelten den reichen Mädchen es nachtun. Wenn die Trachten wieder in Mode kamen (würde es wahr!), bann trügen die Mädchen bald alle diese Kleider, aber das ist so unwahrscheinlich, wie etwa das Zurückgreifen zum Spinnrad. Möglich, daß das, was früher dem Bedürfnis entsproß oder von Natur aus gegeben war, hier und da als Aufmachung benutzt wird; ein einheitlich Ganzes aber wird man nicht mehr erzeugen wollen. Und doch wird vielem Originellen, das von früher sich erhalten hat, heute eine Ehre angetan, es wird in alter Form nachgemacht. Es wirkt geradezu lachhaft, wenn man ein gediegenes Bauernmädchen in hochmodernem großstädtischen Aufputz sieht; wieviel schöner würde ihm eine schöne einfache Kleidung, noch wieviel schöner würde ihm eine Hessenttacht stehen. Daß sich die Trachtenmädchen e i n e n S 10 l z auf ihre Kleider einbilden können, braucht man nicht zu erörtern; denn billig sind schöne Trachten auch nicht. Aber dafür brauchen sie auch nicht jedes Jahr geivechselt zu werden, sie sind immer modern. Wemr es Trachten von der Großstadt aus nachzuäffen gäbe, dann hätten wir sie auch bald auf dem Lande. Man sähe aber darin sicher ein Zeichen des Bestandes und der Selbständigkeit unseres oberhessischAl Volkes, wenn es von selbst zurückgreifen wollte zur alten und bewährten Hessenttacht. Wie ein Mädchen sich nicht zu schämen braucht, wenn es hemdärmelig seine Arbeit auf dem Felde tut, so braucht es sich nicht zu schämen, nein, es kann sich viel darauf einbilden, wenn es Hessentracht trägt. In Nord- und Süddeutschland haben sich die Trachten noch erhalten, nur wir Mitteleuropäer kranken an der Großstadtsucht. Zu unserem eigenen Schaden: Denn Vorteil ist es nicht. A. K. aus dem Vogelsbepg.
Sport.
•• 23 e i den „Olympischen Spielen in H a n a u*, die am vergangenen Sonntag stattfanden, erzielte H. Noll vom Gießener Fußballklub von 1900 trotz starker Konkurrenz gute Ergebnisse. gm Schteuderballwerfen gelang es ihm, den langjährigen Meister tto aus Darmstadt um etwa 1 m zu schlagen. Nur im 50 m-Laufen konnte er sich infolge schlechten Starts nicht plckzieren. Die von Noll erzielten Ergebnisse sind: 1. Schleuderballwerfen 46,70 m 1. und Ehrenpreis. 2. Treikampf (höchst erreichbare Punktzahl lö) a) 100 m-Laufen, b) Stabhochsprung (3,10 m) c) Kugelstoßen (10,19 m) — 13 Punkte den 1. und Ehrenpreis. 3. Kugelstoßen mit 10,45 m den 2. Preis. 4. 100 m-Laufen nach 2 Vorläufen, die von Noll sicher gewonnen wurden, den 2. Preis. 5. Skabhoch- springen mit 3 m den 4. Preis.
— Fußball. Die erste Mannschaft des Gießener Fußballklubs von 1900 spielte in Hanau gegen Fußballklub 1893 1. Mannschaft und verlor mit 4:0 Toren, em Ergebnis, das gut genannt werden muß. Der langjährige Nordkreismeister Hanau 1893 zeigte ein vorzügllches Zusammenspiel und ausgeprägte Technik. Gießens Deckung und vor allem der Torwächter spielten jedoch vorzüglich und erst kurz vor der Pause konnte Hanau durch 3inen 11 m und durch ein Eigentor ihre ersten Erfolge erzielen. Der Sturm Gießens spielte ebenfalls sehr gut, doch wäre etwas mehr Entschlossenheit vor dem Tore angebracht.
Lustschiffahrt.
Funkspruchübungen.
Berlin, 4. Juli. Das Militär luftschiff „M III" ist heute abend 112/4 Uhr zu einer Fahrt nach Gotha aufgestiegen. Es sollen bei der Fahrt funken^ telegraphische Verbindungen mit sämtlichen Stationen des Deutschen Reiches hergestellt und erprobt werden, wieweit der Funkenapparüt des Luftschiffes reicht. Tas Luftschiff * ist kriegsmäßig ausgerüstet und wird bei Gotha Uebungs- sahrten ausführen und dann nach Berlin zurückkehren. Es handelt sich nicht darum, möglichst schnell nach Gotha zu kommen, der Grund der Fahrt ist lediglich, funkentelegraphische Versuche anzustellen. An Bord des Luftschiffes befinden sich als Führer Major Groß und Major Sperling, Oberingenieur B 0 s e n a ch , Oberleutnant Schmid als, Funkenoffizier und außerdem ein Steuermann und zwei Maschinisten. Die Fahrt wird längs der Bahnlinie ausgeführt werden. Das Luftschiff wird von dem Kraftwagen des Lustschiffer-Bataillons begleitet werden. Auf der Fahrt sollen möglichst Scheinwerfersignale ausgewechselt und Telegramme herabgeworfen werden.
Vermischtes.
* Heb er 1800 Stellen für drahtlose Telegraphie sind bis jetzt vorhanden. Nach der .Umschau" entfallen hiervon 800 auf das deutsche System Telefunken. Die internationale Verbreitung ist folgende: England hat 311 Warten, Deutschland 279, Frankreich 167, Italien 38, Holland 36, Schweden 27, Oesterreich 23, Brasilien 23, Dänemark 21, Japan 17, üllorroegen 17, Rußland 13, Belgien 11, Chile 10, Spanien 7, Rumänien 6, Portugal 5. Dazu kommen noch 3 in Westindien, 4 in Mexiko, 2 in Uruguay und je 1 in Gibraltar und SJlalta. Außer dem deutschen Teleiunkensystem gibt es das italienische System Atarcom, das amerikanische. System de Forest, das englische System von Lodge, das französische von Rochefort, das japanische System Teischin scho und verschiedelie andere Systeme.
* Was „intelligente S'c u t e“ tun . . . Davon weiß eine englische Wochenschrift ein Beispiel zu erzählen. Einige Pariser Boulevardiers plauderten von der Leichtgläubigkett des Publikums, einer der Herren widersprach, und schließlich kam es zu einer Wette! Zwei Herren wetteten darauf, daß sie durch drei kleine Anzeigen von nur drei Zeilen im Laufe einer Woche 500 Frs. cinnebmeit würden, ohne dem Publikum dabei irgend welche Versprechungen oder Erklärungen zu geben. Am Samstag erschien dann in einem Pariser Blatte eine ganz kleine Anzeige, die lakonisch lautete: Intelligente Leute senden sofort fünf Francs an die und die 9lbreffe." Am Mittwoch darauf erschien die zweite Anzeige: -Sonntag ist der letzte Tag, senden Sie Ihre fünf Francs, sonst Ablehnung " Endlich am Samstag erschien die letzte: „Alle Fünf-FranoS- Sendnngen, die übermorgen aufgegeben sind, werden umveigerlich zurückgewiesen.- Bis zuln Sonntag morgen waren nicht weniger als 77 Postanweisungen emgelaufeit und am Montag morgen trafen wertere 42 em. Dre .intelligenten Leute" hatten nicht 500, son-


